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»Mythen des Alltags« – Wiener Festwochen im Volkstheater

Schauspielerin: Ich erinnere mich an eine Vorstellung, die mir unglaublich gut gefallen hat: »Tanz der Vampire«. Und ich hab die so vor ungefähr fünfzehn oder zwanzig Jahren gesehen. Aber das war jetzt wohl eher so ein Musical als eine Theatervorstellung.
Frage: Was hat dir denn so gut daran gefallen?
Schauspielerin: Na, dass es da um das Dunkle ging. Also das, weiß nicht, das Dunkle im Menschen, aber weißt du, auf so ’ne schöne und coole Art, und auch so mit ’ner großartigen Musik, und das war irgendwie wirklich aufregend. Und sexy. Also über den Vampir, den wir ja alle in uns haben. Und über all diese dunklen, verbotenen Wünsche und Triebe, die man im Alltag nicht ausleben kann in der modernen Zivilisation. Aber da auf der Bühne, da inmitten dieser blutrünstigen Vampire, da konnte ich plötzlich diese Gefühle in meinem Inneren spüren, und da dachte ich einfach, wie schön das doch einfach mal wäre, einfach mal loszulassen und eine von ihnen zu sein und all die schmutzigen und gewaltsamen Triebe, die man da in seinem wohlerzogenen und korrekt erzogenen Alltagsleben ständig unterdrückt, die einfach mal so auszuleben.
Frage: Basiert das nicht auf einem Film von Roman Polanski?
Schauspielerin: Das weiß ich nicht, hab ich keine Ahnung. Aber das war einfach, das war wirklich eine Theatervorstellung, die hat mir so richtig gut gefallen.
— »Gott ist tot« im Loop —

»Gibt es einen besonderen Moment deines Lebens, den du einmal aufgeführt sehen willst?« Diese Frage stellte der schwedische Regisseur und Dramatiker Mattias Andersson den Bewohner:innen Wiens. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziologie der Universität Wien wurden beinahe hundert Interviews mit Menschen geführt, die nach sozioökonomischen Aspekten einen Querschnitt der Stadtbevölkerung abbilden. Aus den Antworten entstand das Stück »Mythen des Alltags«, das von banalen wie existenziellen, von humorvollen wie dramatischen Momenten erzählt und ein pluralistisches, vielstimmiges Panorama der Stadt zeichnet. Gestern war Premiere.

Dem Team rund um Regisseur Mattias Andersson ist es gelungen, das Poetische der Statements, das Lakonische, den Witz, aber auch Verzweiflung, Gewalterfahrungen, Angst, Hoffnung und Ratlosigkeit in Spielszenen auf die Bühne zu bringen. Das ist oft berührend, ohne schmalzig zu sein. Und hat viel Witz.

Anhand der Miniszene zu »Tanz der Vampire« lässt sich gut nachvollziehen, wie das dokumentarische Ausgangsmaterial auf der Textebene in einen mehrdeutigen Bedeutungsraum verschoben worden sein könnte.

In einer Spielszene wird behauptet, die Statements der Interviewten seien mithilfe von KI transkribiert worden, dabei sei es zu KI-bedingten Änderungen gekommen. Dann wird auf witzige Weise erklärt, welche weiteren Filter die Ursprungsäußerungen durchlaufen hätten, durchlaufen haben könnten. Was ist echt? Es bleibt alles schwebend. Ein faszinierendes Spiel auch rein auf der sprachlichen Ebene.

Im Rahmen der Festwochen ist das Stück im Volkstheater noch fünfmal bis 21. Juni zu sehen.
https://www.festwochen.at/mythen-des-alltags

Regie : Mattias Andersson
Mit Bernardo Arias Porras, Aleksandra Corovic, Nancy Mensah-Offei, Paula Nocker, Vinzenz Sommer, Karoline Marie Reinke, Günther Wiederschwinger, Johanna Wokalek
Bühne, Kostüm : Ulla Kassius
Musikalische Leitung : Anna Sóley Tryggvádottir
Licht : Charlie Åström
Dramaturgie : Tobias Schuster
Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg

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