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Broadway Death Watch: “Sister Act” in Schwierigkeiten?

Der Januar war schon immer ein schwieriger Monat für Broadway-Shows. Die Touristen müssen zuerst mal wieder Geld verdienen, um sich den Luxus leisten zu können, Entertainment wie jenes, das Hugh Jackman bietet, um 400 Dollar und mehr zu shoppen. 400 Dollar für Jackmans Solo-Show auszugeben, daran ist ja an sich nichts Verwerfliches, aber es mag dann bei dem einen oder anderen auch die Entscheidung gefallen sein, das vorhandene Budget in diese eine Produktion zu investieren und sich nicht andere Produktionen anzusehen – wie zum Beispiel „Sister Act“.

Und dabei könnte es diese Show brauchen. „Sister Act“ spielte in der Vorwoche vor mehr als halbleerem Haus. Die Einnahmen? 36 Prozent dessen, was möglich gewesen wäre. Vielleicht wird es Zeit, den Platz zu räumen – es warten 2012 mehr als ein Dutzend neue Produktionen auf frei werdende Theater. Beispielsweise „Yank!“, ein Revival von „Funny Girl“ (geplant, verschoben, abgesagt?), „Jesus Christ Superstar“, „Evita“, „Sleepless in Seattle“, „Once“, „Newsies“, „Ghost“, „Rebecca“, „Nice Work If You Can Get It“, um nur im Musicalsektor zu bleiben.

Links
- The New York Times: You Read It Here First: Plays’ Plans Still in Flux
- PopWatch: Broadway Death Watch: Can Harry Connick Jr.’s musical survive?

Broadway/Hugh Jackman: Macht das noch Sinn?

Premium, noch mehr Premium, und noch eins drauf. Scheinbar jeder, der in den letzten Wochen Besuche von Broadway-Shows plante, hatte einen Fixpunkt: die Soloshow des australischen Entertainers Hugh Jackman: „Back on Broadway“. Und man zahlte, was verlangt wurde, denn fixe Ticketpreise gab es längst keine mehr. Verlangt wurden pro Karte bis zu 400 Dollar und mehr.

Zehn Wochen zeigte Jackman sein Programm am Broadhurst Theater, und schon bald wurde die Ticketpreisgestaltung völlig flexibel. Preise, wie sie normalerweise höchstens sittenwidrig am Schwarzmarkt verlangt werden, waren nun ganz normal.

Über 1176 Sitze verfügt das Theater, 14,6 Millionen Dollar konnte Jackman in diesen zehn Wochen einspielen, allein 2,1 Millionen Dollar in der letzten Woche. Natürlich schrieb er damit einen Rekord. Niemals hat eine Show in einem Theater der Shubert Organization (Inhaber von 17 Broadway-Theatern) mehr einspielen können. Im vergangenen Jahr war Al Pacino als “Merchant of Venice” Spitzenreiter mit 1,18 Millionen Dollar.

Bald wird es kein „Ausverkauft“-Schild mehr geben, denn man wird die Ticketpreise so gestalten, dass man bis zuletzt noch buchen kann, und dann vielleicht um 1000 Dollar und mehr. Und warum auch nicht, solange man ein paar Dumme findet …

Link
The Hollywood Reporter: Hugh Jackman Shatters Broadway Box-Office Records

Andrew Lloyd Webbers düstere Prognose für die Londoner Theater 2012: “A bloodbath”

Die Olympischen Sommerspiele 2012, die vom 27. Juli bis 12. August in London stattfinden, werden, so Andrew Lloyd Webber, “a bloodbath of a summer” für die Londoner Theater bedeuten.

Lloyd Webbers Prognose:

Nobody’s going to go to the theatre at all, most of the theatres in London will shut. It’s going to be very tough.

Der Ticketvorverkauf ist auf 10 Prozent dessen gesunken, was normalerweise erzielt wird, drei große Musicalproduktionen werden während der Olympischen Spiele den Spielbetrieb ganz einstellen. Publikumsrenner wie Webbers „Phantom“ spielen auch während des Sportevents, andere müssen einfach den Laden dichtmachen, weil das typische West-End-Publikum ausbleiben wird.

Nach den Spielen gehts wieder bergauf, die weiteren Prophezeiungen und Trendanalysen von Lloyd Webber gibt es –> hier.

Michael Heltau: Vor und nach dem Auftritt

Salzburger Nachrichten: Wie lang vor der Aufführung sind Sie in Ihrer Garderobe?
Michael Heltau: Ich bin schon drei Stunden vorher da. Das ist ganz, ganz wichtig.

Salzburger Nachrichten: Warum so bald, wenn Sie kein Kostüm, keine Maske brauchen?
Michael Heltau: Ich warte da wie ein Zirkusartist, der aufs Seil geht. Ich muss bei mir sein, parat sein, alles noch einmal überlegen. Die Konzentration, die ich anstrebe, hat etwas mit Einsamkeit zu tun. Und es macht mir eine elementare Freude, so gut wie möglich vorbereitet zu sein.

Salzburger Nachrichten: Ist dieses Warten unangenehm?
Michael Heltau: Je nachdem. Wenn der Hals in Ordnung ist, die Stimme auch, dann freu ich mich auf den Auftritt. Aber wenn ich das Gefühl hab, ich bin nicht so gut beinand’, dann geht das zwischen zwei Extremen hin und her. Einerseits die Vorfreude, andrerseits die Frage: Warum tu ich mir das an? Ich hatte so großes Glück, war immer an großen Häusern engagiert, ich hab nur schöne Rollen gespielt, besser kann’s nicht gehen, niemand verlangt von mir einen Soloabend. Warum tu ich mir das an!

Salzburger Nachrichten: Haben Sie Lampenfieber?
Michael Heltau: Nein. Früher hab ich mich in Lampenfieber hineinreden lassen. In meiner Josefstadtzeit hab ich oft gedacht: Jetzt bin ich nervös. Dabei hab ich mir nur eingeredet, auch nervös zu sein! Das hat mir viel kaputt gemacht. Ich hab sehr dagegen gearbeitet, losgebracht hab ich’s erst, als ich erkannt hab, was das Lampenfieber eigentlich ist. Es ist Eitelkeit! Es kommt, wenn ich nicht ans Spielen denke, sondern wenn ich nur bange, wie die anderen – die Kritiker, das Publikum – mich finden. Als ich das kapiert hab, war’s Lampenfieber weg.

Salzburger Nachrichten: Wie ist das, wenn Sie abtreten? Ist es schwierig, eine Rolle wieder abzulegen?
Michael Heltau: Bei den Soloabenden ist das Abtreten leicht. Niemand braucht sich danach zu unterhalten, wie gut ich mich verwandelt habe, ob ich zu Recht der russische Professor oder der Mozart oder der Anatol war, sondern ich biete etwas an diesen Solo abenden, was mit mir zu tun hat. Daher gehe ich weg, wie ich gekommen bin.

Salzburger Nachrichten: Sind Sie nach der Vorstellung erschöpft?
Michael Heltau: Ich bin überhaupt nicht müde, weil mich die Unterhaltung mit dem Publikum lebendig, hellwach gemacht hat. Für mich gibt es auf der Bühne keine vierte Wand, ich red’ mit meinem Publikum. Eine Antwort kommt nicht nur durchs Lachen. Aber das Verstehen! Wenn man nach zwei Stunden einander verstanden hat, ist das beglückend. Es ist etwas Ungeheures, wenn ein ganzer Zuschauerraum einen Atemzug macht. Dann ist das der schönste Beruf auf der ganzen Welt!

Link
Salzburger Nachrichten: „Der schönste Beruf der Welt!“

Kathrin Zechners letzte Großtat: Warum “The Producers” gefloppt ist

Eine letzte Großtat kann die Ära Zechner nun noch verbuchen. In sicher jahrelangen Analysen konnte man den Grund isolieren, warum die österreichische Version von „The Producers“ im Wiener Ronacher gefloppt ist. In einem Interview mit dem österreichischen Werbemagazin „Bühne“ führt die Intendantin aus:

Eine Rolle spielte aber auch der amerikanische Titel, den wir als Lizenznehmer leider nicht ändern durften. Vor allem die Menschen in den Bundesländern, die wir brauchen, um ein ausgelastetes Jahr zustande zu bringen, konnten mit dem Titel nichts anfangen Die Skepsis einem amerikanischen Titel gegenüber war einfach zu groß. [Bühne, 1/2012, Seite 25]

Danke, Kathrin Zechner, you officially MADE MY YEAR!

Zooey Deschanel & Joseph Gordon-Levitt: “What Are You Doing New Years Eve?”

Sabine Kock (IG Freie Theaterarbeit): “Ich würde die öffentliche Förderung des Ronacher sofort abschaffen”

Sabine Kock ist seit 2003 Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit. In einem Interview mit den Salzburger Nachrichten spricht sie unter anderem über die Kluft zwischen Hochkultur und Freier Szene und über die aus ihrer Sicht zu streichenden Förderungen für bestimmte Theater.

SN: Zur Kluft zwischen Institutionen und Freier Szene: Wie ist die spürbar?
Kock: In Landes- und Bundestheatern gelten Kollektivverträge.
Überall sonst haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert, hin zu miserabler Bezahlung und mangelnder sozialer Absicherung. Im freien Bereich arbeiten 80 bis 90 Prozent der Künstler als Selbstständige, also ohne Anstellung.
Die Durchlässigkeit zwischen beiden Bereichen ist gering, beinahe eine Einbahnstraße. Einige wechseln aus der Hochkultur in die Freie Szene. Der umgekehrte Weg bleibt eine Ausnahme.
Ein Grund dafür ist, dass Österreichs Kulturinstitutionen konservative, hierarchische Managementbetriebe sind. Welche junge Schauspielerin möchte über einen Aushang erfahren, welche Rolle sie zu spielen hat? Das läuft in der Freien Szene viel kommunikativer und partizipativer ab, auch ist der eigenkreative Anteil größer.
Am größten bleibt aber die Kluft der Bezahlung.

SN: Was verdient ein Schauspieler im Freien Theater?
Kock: Es gibt einige kleine Theater, auch in Wien, wo die Leute 20 Euro am Abend verdienen, brutto und unversichert. Das ist zwar das untere Ende, aber es gibt erschreckend viele, die so arbeiten.
Die Zunahme der prekären Arbeitsverhältnisse ist eine Tendenz in allen Kunstbereichen und zieht sich durch ganz Österreich.

SN: Was wäre zu tun?
Kock: Das belgische Projekt „SMartBe“ ist beachtenswert. Das ist ein Servicebüro, das spartenübergreifend Verträge von Künstlern und Künstlerinnen abwickelt, auch für ganze Projekte.
Da wird alles erledigt, von Vertragsabschluss über Anmeldung zur Sozialversicherung und Auszahlung von Gagen. „SMart“ treibt auch ausstehendes Förder- oder Sponsorgeld ein, notfalls übernimmt es eine Ausfallshaftung. Es gibt auch ein Leasing system und Mikrokredite.
Die haben vor dreizehn Jahren klein angefangen, 2011 überschreiten sie die Umsatzgrenze von 100 Millionen Euro. Wir möchten „SMart“ auch in Österreich aufstellen, beginnend im Theaterbereich als Initiative für mehr Anstellungen. Auch im Musikbereich gäbe es großen Bedarf.

SN: Angenommen, Sie wären Wiener Kulturstadträtin. Was würden Sie anpacken?
Kock: Ich würde die öffentliche Förderung des Ronacher sofort abschaffen. Das sind 18 Millionen Euro, also beinahe so viel, wie der gesamte freie Bereich erhält – etwa zwanzig Häuser und viele freie Gruppen. Die hohe Subvention einer derartigen Musicalbühne ist in Europa singulär. Die Sparte gehört zum Tourismussektor und muss sich marktwirtschaftlich rentieren. Dass in Wien Musicals so hoch mit Steuergeld gefördert werden, versteht außer der Wiener SPÖ niemand.

Zum Interview geht’s –> hier.

Link
- IG Freie Theaterarbeit

The Conversation: Stephen Sondheim

Ein spannendes, hervorragend aufbereitetes und unterhaltsames Interview mit Stephen Sondheim bietet die Radioshow „Smiley & West“.

Smiley & West from Public Radio International (PRI) is an energetic radio program that is a fusion of thought provoking, intelligent and stimulating dialogue on every subject from news and politics to entertainment and culture. The one-hour weekly show attracts a broad spectrum of compelling guests and asks questions that solicits newsworthy discussions.

Zum Interview geht’s –> hier.

“Elisabeth”- die Tour: Ein Grund zum Jubeln, aber welcher?

In einer Rezension der aktuellen Tourfassung von Levays & Kunzes Musical “Elisabeth” lesen wir:

Was diese Inszenierung auf Basis der Originalproduktion der Vereinigten Bühnen Wien so erfrischend macht: Endlich besteht ein Ensemble nicht mehr nur aus jungen Darstellern. In ”Elisabeth” ist jede Altersklasse in den entsprechenden Rollen vertreten. Das sorgt für noch größere Glaubwürdig- und Vielfältigkeit. [Link zum Artikel]

Wenn mir das jemand erklären könnte, am besten wie einem Fünfjährigen, wäre ich glücklich.

Marcel Prawy & das Musical an der Volksoper Wien

Marcel Prawy:

Der Gedanke der Musicals an der Volksoper, die ich durchgeführt habe, immer unter dem Schutz von Marboe, war kurz gesagt der folgende:

1) Nur musikalische Meisterwerke haben Existenzberechtigung an der Volksoper, an einem Theater, das auch Verdi und Johann Strauss spielt. Die Partitur ist das wichtigste.
2) Es muss von richtigen Stimmen richtig gesungen werden.

Höhepunkt als Werk war Bernstein. Wir haben zum ersten Mal auf dem europäischen Kontinent Leonard Bernstein produziert. Es gab keine Theatervorstellung eines Werkes von Leonard Bernstein vor unserer Tätigkeit an der Volksoper, die wir zum interessantesten, modernsten und schönst singenden Theater in Europa in dieser Sparte machen wollten.

Die ORF-Doku „100 Jahre Marcel Prawy”, gestaltet von Heidelinde Rudy und Christoph Wagner-Trenkwitz, ist derzeit online verfügbar –> hier.

„The 12 Days of Christ-MIZ“: „Les Miserables“ (LONDON!)

Volksoper Wien: „Die spinnen, die Römer!“ (2011)


Das Jahr 1962 war für Stephen Sondheim ein sehr wichtiges. Mit „A Funny Thing happened on the Way to the Forum“ feierte sein erstes Musical, für das er Text und Musik geschrieben hatte, seine Broadwaypremiere. Diese Show war jedoch nicht nur für Sondheim von Bedeutung, sie revolutionierte letztendlich auch die Art und Weise, wie Musicals auf den Weg gebracht werden. Erstmals probierte der Komponist beim „Forum“ sein Material in später so bezeichneten „Workshops“. Bis dahin war der Produktionsprozess ein klar geregelter: Der Autor/Komponist schrieb die Show, der Produzent entschied sich, sie zu machen, die Cast wurde fixiert, es wurde geprobt und die ganze Show in Form von Tryouts präsentiert. Bis zum ersten Tag der Probe wurde das vorhandene Material nicht getestet, wenn eine Show bei den Tryouts nicht klappte, musste man sie in einem relativ engen Zeitrahmen optimieren, und so ist es eine bekannte Tatsache, dass in der Goldenen Ära des Musicals (1925 bis 1960) der erste Akt vieler Musicals weit besser war als der zweite. Einfach weil man für den zweiten zu wenig Zeit hatte.
Bei Sondheims „Forum“ fand der erste Test der Show im Rahmen eines „Readings“ statt. In einem großen Raum mit einem Klavier spielte Sondheim die Songs, als Interpreten wurden Darsteller engagiert, die auch für die tatsächliche Produktion in Frage kamen. „Workshops” gab es danach viele Jahre später auch für Sondheims „Company“, „Follies“ und „A Little Night Music“ – und mit der Zeit erkannte die ganze Branche die Vorteile dieser Arbeitsweise. Begonnen aber hat alles mit dem „Forum“.

Sondheims „Forum“ hat in vieler Hinsicht Theatergeschichte geschrieben und für Diskussionen gesorgt. Es gilt unter anderem als ein prominentes Beispiel dafür, wie eine geniale Eröffnungsnummer zum Erfolg führen kann, denn erst als Jerome Robbins mitten in den Arbeiten an der Broadwayproduktion als Showdoktor hinzugezogen wurde und die usprüngliche Eröffnung „Love is in the air“ durch „Comedy Tonight“ ersetzte, war dem Publikum von der ersten Sekunde an klar, womit man es bei dieser Show zu tun hat – mit grenzenlosem Spaß.
„Forum“ war auch das erste Musical, das der legendäre Hal Prince alleine produzierte, sein Partner Bobby Griffith starb am 7. Juni 1961, mitten in den Arbeiten an der Broadwaypremiere des „Forums“. Und das „Forum“ war George Abbotts letzter Musical-Erfolg, den er mit der Hilfe von Jerome Robbins erzielte.

Das Buch zur Show stammt von Burt Shevelove, einem langjährigen Freund Sondheims, und Larry Gelbert. Seine Wurzeln hat Sondheims „Forum“ in dem Musical „When in Rome“ (stammend aus dem Jahre 1942), zu dem Shevelove Buch und Texte beigesteuert hat und Albert Selden die Musik. „When in Rome“ hat „das Beste von Plautus“ zum Inhalt und wurde an der Yale Dramat uraufgeführt, in der Regie Sheveloves. „Forum“, so Steven Suskin in seinem Buch „Showtunes“, ist:

„suitable witty but somewhat brittle, restrained by the needs of the piece. ‚Everybody ought to have a maid‘, ‚Comedy Tonight‘, ‚Impossible‘, and ‚Free‘ all display verbal dexterity, but the only truly melodic song in the score is the puposely vapid „Lovely‘ – which was written as a farce duet for two middle-aged men, and only given to the young lovers in tryout desperation when a more authentically tender duet was cut. It wasn’t until „Company‘ [Uraufführung am 26. April 1970] – a depressingly eight years later – that Sondheim’s music began to receive true recognition.”

Tatsächlich wurde Sondheims „Forum“ bei den Tony Awards reichlich mit Nominierungen bedacht. Acht davon waren für Sondheim reserviert, sechs davon gewann die Show. In einer Kategorie, und der für den Komponisten natürlich wichtigsten, dem „Best Score“, war für Sondheim aber nicht mal eine Nominierung drinnen. Finanziell jedoch war die Broadwayshow ein Erfolg, und es ist nach wie vor der größte Hit, den Sondheim jemals am Brodway hatte, mit 964 Aufführungen.

Das Motto der großen Musicalproduzenten im deutschsprachigen Raum lautet derzeit „Fun“. Lustig muss es sein, „Drama“ ist immer weniger gefragt, zunehmend ein Risikofaktor, wenn doch Drama programmiert wird, dann handelt es sich oft um Gegengeschäfte und Revivals aus schierer Verzweiflung, die dann als „Geschenke an das Publikum“ verkauft werden. „Lustig“ bedeutet hierzulande meist unglaublich primitiv platter Humor, aufbauend auf den gesammelten Werken eines Schlager- oder Popinterpreten beziehungsweise wird eine nett angerichtete Pastiche-Platte mit Werken, komponiert im Stile von … serviert. Das Fatale daran: Dieser Trend hält nun schon so lange an, dass viele den Eindruck gewinnen könnten, das sei tatsächlich „Musical“, was man ihnen da vorsetzt. Man spricht dann von der ungeheuer großen Bandbreite des Genres und der enormen Vielfalt des Musiktheaters, man solle doch nicht so kleinkariert sein. Ganze Generationen von Musicalstudenten werden mit Disney-Plastik unterrichtet und in die Leyay/Kunze-Familie hineinmodelliert. Nun, auch Bratwürstel sind essbar. Das ist richtig. Musical aber war ursprünglich doch auf einer etwas feineren Schiene angesiedelt. Man hat tänzerische Elemente nicht in der Show gehabt, weil es ein Punkt war, den man abhaken musste, die Musik bestand nicht nur aus einem Primitivrefrain, der sich ad infinitum wiederholt, oder aus purem Rhythmus, und die Texte wurden nicht unter dem Motto geschrieben: „Ich muss als Autor nicht klüger sein als das Publikum“, also quasi mit dem Subtext: Alles, was ich mache, auch der größte Topfen, ist so unendlich genial, weil ich es ja bewusst und absichtlich schlecht mache.

An der Wiener Volksoper hat man eine eigene Zeitrechnung, was Musicals betrifft. Die zeitliche Trennlinie zwischen dem, was man für produzierbar hält am Haus und allem anderen ist mit einem Namen verbunden: Andrew Lloyd Webber, sozusagen der Antichrist jedes traditionellen Broadwayfanatikers. Auf der einen Seite ist diese Programmpolitik nachvollziehbar, auf der anderen Seite macht man sichs damit natürlich zu leicht, weil auch seit Herrn Webbers größten Erfolgen herausragende Musicals entstanden sind, die mit dem von ihm vertretenen Stil nichts zu tun haben.

Mit Sondheims „Forum“ hat die Volksoper, das kann man sagen, die Kritiken zusammenfassend, eine hervorrragende Produktion auf die Bühne gestellt. Die Nachfrage nach den Tickets ist enorm, schon jetzt bemüht man sich Zusatzvorstellungen einzuschieben (so am 28. und 30. Januar 2012). Liest man sich die publizierten Rezensionen durch (siehe Links unten), so wird praktisch alles gelobt, angefangen vom Setdesign (Friedrich Despalmes), das sehr wirkungsvoll den comicartigen Charakter der Show betont, der Lichtgestaltung (Michael Grundner), bis hin zur Choreografie (Ramesh Nair), bei der manche Kritiker betonen, dass sie die Darsteller nicht gerade fordere. Da wird die Leichtigkeit, die auf der Bühne zu sehen ist, wohl als Zeichen von Unterforderung gedeutet, was aber praktisch nie der Fall ist. Vielmehr ist diese Leichtigkeit Resultat von beinhartem Training und exaktem Timing. Glanzstücke wie die Einlagen der „Kurtisanen“ Wilbirg Helml, Eva Prenner, Jennifer Kossina, Caroline Ciglenec, Lynsey Thurgar und Miriam Mayr – begeistert beklatscht vom Publikum, zeigen, dass der Tanz im Musical auch „organisch“ integriert sein kann ohne den Wert eines abgehakten Punkts auf der Liste „Wie mach ich aus Schlagern ein Muuusikal“ zu haben. Mit welcher Leichtigkeit auch Oliver Liebl, Tom Schimon und Ronnie Vero Wagner Dutzende Kostümwechsel in Blitzestempo, witzige Choreografien absolvieren, großartig. Die vielen kleinen Moves aller Darsteller, Gesten, all das hat Nair genial geplant und umgesetzt, innerhalb der Regie Werner Sobotkas.

Dass das „Forum“ sehr früh in Wien gelandet ist, nämlich erstmals 1987 im Kabarett Simpl, liegt am Gespür des damaligen Direktors von Österreichs berühmtestem Kellerkabarett, Martin Flossmann. Er erkannte, wie sehr sich die Struktur dieses Musicals für die Programmierung im Haus der legendären Simpl-Revuen eignet. Der erste Akt ist im ersten Teil, wie es Sondheim formuliert, „more exposition than action“, in der ersten Häfte dieses ersten Akts hat Sondheim die meisten Songs seiner Show untergebracht, danach werden die Lieder seltener und die Farce nimmt zunehmend Tempo auf, in den letzten 20 Minuten vor dem Finale der Show gibt es gar kein Lied mehr, da wird das „Funny Thing“ zu einer einzigen irrwitzigen Verfolgungsjagd, rasant, jede „Unterbrechung“ würde da den Drive der Farce killen. Flossmanns Übersetzung wurde von Werner Sobotka, dem Regissseur der Volksopernversion, bearbeitet, etwa um einige kleine Spitzen ergänzt (zum Beispiel „keine Vampire“ als kleiner Seitenhieb im Song „Comedy Tonight“), fast schade, dass man akustisch nicht wirklich alles mitbekommt von den kleinen Schmähs im Text. Sobotka hat mit dem „Forum“ ein ideales Stück gefunden, das vom Material her stimmt, bei dem sich auch tatsächlich die Arbeit lohnt, dieses Drehen am Timing, das Perfektionieren des reibungslosen Ablaufs, den er in Interviews mit einem Uhrwerk verglichen hat. 19 Darsteller müssen ein gemeinsames Timing haben – wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Es ist Slapstick in vielen Momenten, aber intelligent inszenierter, ohne dass man sich fremdschämen müsste, weil die Leute da rundherum im Saal laut lachen – man lacht ja selbst mit.

Ein Meisterstück das Casting – keine Rolle, die nicht von den Darstellern mit Leben erfüllt wird. Robert Meyer outriert sich als Pseudulus durch die Show, dass es eine Freude ist. Gilt im Simpl das Motto, dass ein Gag nur gut ist, wenn laut gelacht wird, und eine Simpl-Revue nur dann gelungen ist, wenn andauernd laut gelacht wird, ist der Wiener Volksoper mit dem „Forum” die beste Simpl-Show seit vielen Jahren gelungen. Jede Szene, jedes Lied wird beklatscht, fast jeder Gag trifft ins Schwarze, es sind vergleichbar harmlose Scherze, die keine Randgruppen in fast alltagsrassistischer Art und Weise dauerdiffamieren, wie das in jüngster Zeit im Simpl immer öfter gemacht wird. Das ist Sondheims Anliegen nicht, in seinem „Forum“ gehts um Liebesqualen, Ehejoch, Verkleidungen, Verwechslungen, Zaubertränke, verschollene und wiedergefundene Nachkommen und den Wunsch nach Freiheit. Herbert Steinböck als lüstelnder Senex, Dagmar Hellberg als hantige Domina, Boris Pfeifer am Dauerrotieren, Sigrid Hauser als Lycus und Gernot Kranner als Erronius, sie liefern einen Gag nach dem anderen. Ein Fest. Wenn man liest, wie in einer Kritik die Leistung Paul Schweinesters mit dem Vermerk

“Der vom jungen Paul Schweinester verkörperte Hero wird Caruso nie Konkurrenz machen, wirkte aber als der naive Held des Musicals sehr sympathisch.”

etwas kleingemacht wird, könnte man dem entgegenhalten, dass Schweinester es großartig versteht, seine klassisch ausgebildete Stimme im Musicalgenre passend einzusetzen, was oft eines der größten Probleme von Musicalproduktionen an Opernhäusern überhaupt ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und dass er darüber hinaus als Hero schauspielerisch all das zeigt, was im Rahmen dieser wie aus einem Comic entsprungenen und auch mit Absicht so inszenierten Figur (inklusive Sprechblasen) drinnen ist, sollte man auch nicht unerwähnt lassen. Es sind manchmal die kleinen Gesten und es ist auch eben die Leichtigkeit und Glaubwürdigkeit, die hart erarbeitet werden müssen. Ebenso wie Bettina Mönch das fleischgewordene Barbiepüppchen und wie Florian Spiess den selbstverliebten Schwarzenegger-Zinssoldaten mit Brei im Hirn perfekt abliefern.

An einigen wenigen Stellen hätt’s vielleicht noch etwas Maschinenöl gebraucht in der Show, etwa bei einer Persiflage einer „Tanzszene“ von Dagmar Hellberg, aber wenn man bedenkt, was für eine Produktion hier für relativ wenige Vorstellungen auf die Beine gestellt wurde und dass sich das bei täglichen Aufführungen innerhalb einer Woche locker eingespielt hätte, kann man diesen „Römern“ nur wünschen, dass sie mindestens zehn Jahre immer wieder am Spielplan stehen werden, auf dass man sie immer wieder besuchen kann. Das ist Musical, für das man sich nicht genieren muss, umgesetzt von famosen Darstellern und dem groß aufspielenden Orchester der Wiener Volksoper unter der Leitung von David Levi.

Die spinnen, die Römer!
Buch: Burt Shevelove/Larry Gelbart
Musik und Liedtexte: Stephen Sondheim
Deutsche Fassung: Martin Flossmann,
für die Volksoper eingerichtet von Werner Sobotka

Leading Team
Regie: Werner Sobotka
Bühnenbild: Friedrich Despalmes
Kostüme: Elisabeth Gressel
Choreographie: Ramesh Nair
Licht: Michael Grundner
Dramaturgie: Christoph Wagner-Trenkwitz
Regieassistenz & Abendspielleitung: Rudolf Klaban
Musikalische Studienleitung: Gerrit Prießnitz
Korrepetition: Eric Machanic/Wonseon Huh
Soloklavier: Béla Fischer
Choreographische Assistenz: Lili Clemente
Inspizienz: Michael Weber/Elisabeth Schubert
Souffleur: Maria Kaiser
Bühnenbildassistenz: Eva-Maria Schwenkel
Kostümassistenz: Catarina Visconti di Modrone
Regiehospitanz: Julia Wagner
Techische Gesamtleitung: Friedemann Klappert
Technische Einrichtung: Andreas Tuschl
Technische Mitarbeit: Benjamin Häusler
Beleuchtung: Wolfgang Könnyü
Tontechnik und Multimedia: Martin Lukesch
Leitung Kostümabteilung: Doris Engl
Leitung Maske: Peter Köfler
Zusätzliche Arrangements: Béla Fischer, David Levi

Dirigent: David Levi
Orchester der Volksoper Wien

Cast
Pseudolus, Sklave des Hero: Robert Meyer
Senex, Bürger von Rom: Herbert Steinböck
Domina, Frau des Senex: Dagmar Hellberg
Hero, deren Sohn: Paul Schweinester
Philia, eine Jungfrau: Bettina Mönch
Hysterium, Sklave von Senex und Domina: Boris Pfeifer
Lycus, ein Kurtisanenhändler: Sigrid Hauser
Miles Gloriosus, ein Krieger: Florian Spiess
Erronius, Bürger von Rom: Gernot Kranner
Die Zwillinge, Kurtisanen: Wilbirg Helml
Die Zwillinge, Kurtisanen: Eva Prenner
Gymnasia, Kurtisane: Jennifer Kossina
Tintinabula, Kurtisane: Caroline Ciglenec
Vibrata, Kurtisane: Lynsey Thurgar
Panacea, Kurtisane: Miriam Mayr
Drei Männer: Oliver Liebl
Drei Männer: Tom Schimon
Drei Männer: Ronnie Veró Wagner

Premiere: 17. 12. 2011

Aktuelle Termine
Di. 27. Dez 2011, 19:00
So. 08. Jan 2012, 19:00
Mi. 11. Jan 2012, 19:30
Sa. 28. Jan. 2012, 19:00
Mo. 30. Jan. 2012, 19:30
Sa. 12. Mai 2012, 19:00
Do. 17. Mai 2012, 19:00
Fr. 18. Mai 2012, 19:00
Sa. 19. Mai 2012, 19:00
Do. 24. Mai 2012, 19:00
Sa. 26. Mai 2012, 19:00
Di. 29. Mai 2012, 19:00
Fr. 01. Juni 2012, 19:00
So. 03. Juni 2012, 16:30
Di. 12. Juni 2012, 19:00
Do. 28. Juni 2012, 19:00

(Tickets–> hier. Karten bis Mai 2012 sind bereits erhältlich!)

Links
- Die Presse: Volksoper: „Nichts Dezentes! Outrieren!“
- OÖ Nachrichten: Spinnende Römer, viel Klamauk und tolle Musik
- Kurier: Römer-Musical: Turbulent bis zum Happy-End
- Standard: „Schlagt mich! Gebt mir Tiernamen!“
- Der Neue Merker: WIEN/ Volksoper: DIE SPINNEN, DIE RÖMER . Premiere
- Wiener Zeitung: Ulk mit Potenzial
- Österreich: Volksoper mit spinnenden Römern
- Kleine Zeitung: Ein lateinisches Gaudium
- pr-inside.com/APA: “Die spinnen, die Römer” in der Wiener Volksoper
- ioco.de: Wien, Volksoper Wien, Premiere Die spinnen die Römer, IOCO Kritik

- Österreich: Volksoper: Direktor Meyer als Sklave
- Standard: Volksoper: “Da muss noch ein Arm hin!”
- Ö1: Die spinnen, die Römer!
- Ö1: Neues Musical an der Volksoper Wien
- Wiener Zeitung: Ein Uhrwerk namens Musical-Komödie
- K2: Die spinnen in der Volksoper … die Römer
- mycentrope.com: Die spinnen, die Römer! In der Volksoper Wien

Zwa Voitrottln: „VBW-Single” als iTunes-Download

Dieter Hörmann, Johannes GlückDas Wiener Singer/Songwriter-Duo „Zwa Voitrottln” (Johannes Glück & Dieter Hörmann) liefert knapp vor Weihnachten noch einen satirischen iTunes-Download ab, quasi als preisgünstiges Last-Minute-XMas-Gift für unser aller von der KRISE gebeuteltes Brieftascherl – und im Speziellen für all jene ins Musicalgenre Vernarrten, die in diesem Jahr Geld gespart haben, weil sie nicht auf das verlockende Angebot der Vereinigten Bühnen Wien eingegangen sind, statt einer Weihnachtsshow das Prequel zu „Ich war nichts, nicht mal in New York“, die lustige 50er- & 60er-Jahre-Show mit den Hits, die in den 70ern schon oarsch waren, zu buchen.

Die „VBW-Single“ ist ab sofort erhältlich und kommt mit folgender Erklärung:

Um Gottes Willen! Zwa Voitrottln befinden sich plötzlich in einem Musical der Vereinigten Bühnen Wien. Das Stück ist typischer Weise teuer und schlecht aber hoch subventioniert. Albtraum oder Realität? Beides! Die VBW produzieren seit Jahren eigenartige kommerzielle Musicals, werden dafür jährlich mit vielen Millionen Steuereuros subventioniert - und machen trotzdem noch Verlust. Oida?! Wo geht die ganze Kohle hin?? Das fragen sich nicht nur Zwa Voitrottln, sondern u.a. der Rechnungshof, das Kontrollamt der Stadt Wien, die Opposition im Wiener Gemeinderat, aufmerksame Journalisten und immer mehr Theaterinteressierte, die ein wenig hinter die Kulissen blicken.
Zu diesem erschütternden Song haben Zwa Voitrottln eine wichtige persönliche Mitteilung an ihr geschätztes Publikum:
“Wir möchten uns ausdrücklich und schon im Vorhinein entschuldigen, dass wir dieses unappetitliche Thema aufgreifen mussten. Falls Sie - wie zu erwarten - während des Lieds schwere Übelkeit überkommt, vergessen Sie bitte eines nicht: Diese Nummer dauert nur vier Minuten. ‘Rebecca’ dauert zwei Stunden. Außerdem bekommen Sie bei den VBW für 90 Euro einen Schas. Bei uns bekommen Sie für 90 Cent Zwa Voitrottln. Dankeschön.”

Zum Download via iTunes gehts –> hier.

Hunter Parrish: „Beautiful City“ („Godspell“)

18 Wiener Theaterbühnen gründen „Plattform zeitgenössischer Theater- und Tanzhäuser“

18 Wiener Bühnen haben sich zur „Plattform zeitgenössischer Theater- und Tanzhäuser” (PZTT) zusammengeschlossen. Mit dabei sind:

- 3raum-Anatomietheater
- brut
- Das Off Theater
- Dschungel Wien
- Garage X
- Kabinetttheater
- KosmosTheater
- Lilarum
- Palais Kabelwerk
- Rabenhof
- Salon 5
- Schauspielhaus
- TAG
- Tanzquartier Wien
- Theater Drachengasse
- Theater Nestroyhof Hamakom,
- Theater Spielraum
- WUK

Der Anlass dafür ist die im Moment stattfindende Evaluierung der Wiener Theaterreform, die Neubesetzung der Wiener Theaterjury sowie die voranschreitende Prekarisierung der Theaterschaffenden. Anfang 2012 wird die PZTT an die Öffentlichkeit treten. [ots.at]

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