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Archiv - Bücher

Sabine Coelsch-Foisner, Joachim Brügge: My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung

Die erste Broadway-Aufführungsserie von »My Fair Lady« (Premiere am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre) dauerte sechs Jahre. 2717 Vorstellungen wurden gespielt, das war für die nächsten zehn Jahre nicht zu toppen (»Hello, Dolly!«, ab 1963 am Spielplan, brachte es dann auf 2844 Vorstellungen). Noch heute liegt »My Fair Lady« in der Liste der »Longest- Running Broadway Shows« auf Platz 20. In London schaffte man 2281 Vorstellungen (ab 1958), Produktionen in Mexiko, Australien, Asien, Lateinamerika und Kanada folgten. Auf europäischem Boden war das Musical 1959 erstmals zu sehen, in Stockholm, danach in Helsinki, Kopenhagen und Amsterdam. Über den nordeuropäischen Raum kam die Erfolgsshow nach Deutschland. 1961, als »My Fair Lady« seine holländische Erstaufführung feierte, war auch die deutsche Premiere in Vorbereitung, im Berliner Theater des Westens. Bis 1964 wurden da 757 Aufführungen gespielt. Die nächsten Stationen: München (1962), Hamburg (1963) und Zürich (1964). In Wien gastierte die Berliner Version 1963 am Theater an der Wien, 1969 brachte Rolf Kutschera am Theater an der Wien eine eigene Version an den Start, und 1979 feierte in Wien »My Fair Lady« in einer Inszenierung von Heinz Marecek Volksopern-Premiere. An diesem Haus ist es das meistgespielte Musical und steht immer wieder am Spielplan, aktuell in der von Robert Herzl 2008 aufgefrischten Version wieder im kommenden Dezember und Januar. 1964 wurde das Musical verfilmt und spielte als Leinwandversion in den 15 Jahren danach rund 90 Millionen Dollar ein. 1976, 1981 und 1993 gingen Broadway-Revivals über die Bühne, in London zuletzt 2001 (zu sehen bis 2004). Von 1965 bis 2006/2007 sind insgesamt 347 Inszenierungen des Musicals im deutschsprachigen Raum verzeichnet. 295 in Deutschland, 31 in Österreich und 21 in der Schweiz.
Eines der Ziele des vorliegenden Buchs ist es, zu ergründen, wieso gerade diese Show zu einem derart durchschlagenden Langzeiterfolg werden konnte. Bereits 2005 führten die Herausgeber Sabine Coelsch-Foisner und Joachim Brügge an der Universität Mozarteum Salzburg eine musik-, literatur- und kulturgeschichtliche Lehrveranstaltung zu »My Fair Lady« durch. Im Zentrum standen musikalische und philologische Songanalysen mit der Aufgabe, eine eigene Übersetzung anzufertigen. Dieser transdisziplinäre Ansatz brachte, so die Herausgeber, beiden Seiten neue Erkenntnisse. Ein fundiert geschriebenes Buch mit interessanten Reibepunkten, etwa was »My Fair Lady« zu einem »Operetten-Musical« macht (Andreas Jaensch), ein phänomenal guter Artikel von Joachim Brügge über formale und analytische Aspekte der Musik des Musicals mit vielen Notenbeispielen und eine fundierte Untersuchung zu Elizas Englisch in »Pygmalion« und »My Fair Lady«.

Sabine Coelsch-Foisner, Joachim Brügge: My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung. Universitätsverlag Winter GmbH. Heidelberg 2015. 184 Seiten (Hardcover) ISBN 978-3-8253-6519-6. 35,– Euro [www.winter-verlag.de]

Landestheater Linz und Theater der Zeit (Hg): Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Landestheater Linz 2006 bis 2016

Schon wieder ein Buch über das Landestheater Linz … könnte man sagen – gab es doch schon 2o13 eines … Damals ging es allerdings um die Eröffnung des neuen Linzer Musiktheaters, der heute besprochene Band ist eine Abschiedspublikation des derzeitigen Intendanten Rainer Mennicken (65), der ab der Spielzeit 2016/2017 nach zehnjähriger Amtszeit von Hermann Schneider (52) abgelöst wird.
Das vom Landestheater Linz und dem Verlag Theater der Zeit herausgegebene Werk ist Rückblick und Analyse – auch der fünften Sparte des Hauses, des Musicals, die 2013 installiert wurde. Die Erweiterung des Vier-Sparten-Theaterbetriebs um das Musical mag zwar vor gar nicht langer Zeit erfolgt sein, aber selbst ein Rückblick auf bloß zweieinhalb Jahre Spielbetrieb liefert interessante Erkenntnisse. Nils Grosch und Jonas Menze berichten in ihrem lesenswerten Beitrag »Wider das Klischee: Das Musical im Repertoire«, ja, von einer Erfolgsgeschichte. Aber ist sie tatsächlich derart glorreich, wie in dieser Jubiläumspublikation beschrieben?
Linz verankerte als erstes Theater Österreichs und lediglich zweites Haus im gesamten deutschsprachigen Raum das Musical mit einem zunächst siebenköpfigen fest engagierten Ensemble unter der künstlerischen Leitung Matthias Davids’ sowie dem eigenen Kapellmeister Kai Tietje und dem Dramaturgen Arne Beeker fix im Repertoirebetrieb. Man entschied sich »gegen die gängige Praxis, Musicalproduktionen mit singenden Schauspielern zu besetzen«, so Grosch/Menze. Ja, schon, aber natürlich werden auch »singende Schauspieler« eingesetzt, etwa bei »Company« oder »Next to Normal« war das bisher der Fall. Und eines sollte man auch bedenken: die ursprüngliche Entstehungsgeschichte der »fünften Sparte«, die Thomas Königstorfer (bis 2013 Kaufmännischer Geschäftsführer des Hauses, derzeit Kaufmännischer Geschäftsführer des Wiener Burgtheaters) auf Seite 40 des Buchs so beschreibt: »Es war ein regnerischer Freitag, an dem wir wieder über Spielplan und Betriebsaufwand brüten wollten. Und diesmal überraschte Rainer Mennicken uns alle: Natürlich werde es zwei Musical-Premieren auf der großen Bühne geben, mehr noch: Eine eigene Musical-Sparte werde er begründen. Und alle Sparten sollten darin integriert werden, die Oper, das Ballett und auch das Schauspiel.«
Die Daten zur Auslastung wird man den Autoren glauben: Es sind »nahezu hundert Prozent«.
Etwas problematischer ist es, dass die Autoren zum Beispiel gar nicht auf die Nachteile eines festen Ensembles eingehen. Zweifellos ist dies »Möglichkeit und Herausforderung, die Hauptrollen nicht mit Gästen, sondern aus den eigenen Reihen zu besetzen«, doch da müssten wir dann bei Shows wie Stephen Sondheims »Company« über den Begriff »Hauptrolle« diskutieren, übrigens auch bei »Next to Normal«, und kämen zur Erkenntnis, dass mitunter Gäste die strahlenden Stars der einen oder anderen Produktion sind (was zweifellos eine subjektive Einschätzung ist).
Problematisch sehe ich auch eine Formulierung wie »Das Musical erstrahlt in künstlerisch überzeugenden Inszenierungen als eine ernste und ernst zu nehmende Gattung«. Derart glorios ist es eben nicht gewesen bis jetzt, kann man dem entgegensetzen. Ja, in Linz macht man Musical, das es auch wert ist, diskutiert zu werden. Und das ist schon mal eine tolle Leistung. Hier stehen Dramaturgen, Regisseure etc. dahinter, die ihre Bühne nicht zur reinen Abspielstation machen. Das ist großartig. Aber ein wenig Differenzierung wäre angebracht gewesen. Gerade in Musicalkreisen wurden dramaturgische Eingriffe bei einzelnen Produktionen besprochen, man denke etwa an das geänderte Finale von »Show Boat« (einer Produktion, die Grosch/Menze besonders hervorheben).
Ja, »die Werke Stephen Sondheims (gelten) in Deutschland und Österreich als problematisch aufzuführen«, aber wenn Sondheim gespielt wird, dann zählen die von Linz gewählten Shows »Company« und »Into the Woods« doch zu den Favoriten. Das soll nicht die Leistung des Linzer Landestheaters schmälern, nur fehlt mir bei Formulierungen wie der folgenden der genaue Maßstab: »Einem mehr als eingeweihten Publikum durch die Kinoversionen von ‚Sweeney Todd‘ und jüngst ‚Into the Woods‘ gerade ansatzweise bekannt, ist Sondheim im Mehrspartenbetrieb noch immer eine Seltenheit.« Oder anders formuliert: Das hat das Linzer Landestheater gar nicht nötig, so klein ist es gar nicht, dass man es so groß machen muss.
Nicht näher ausgeführt werden von Grosch/Menze einige tatsächlich äußerst bemerkenswerte Leistungen wie die österreichische Erstaufführung von »The World Goes Round«, die großartige Leistung des Jugendensembles bei der Linzer Produktion von »Leben ohne Chris«, die österreichische Erstaufführung von »Grand Hotel«, die deutschsprachige Erstaufführung von »The Wiz«, die österreichische Erstaufführung von »Next to Normal« mit einer eigens adaptierten Übersetzung. Fazit: Linz bringt mit einzelnen Produktionen tatsächlich Sensationelles auf die Bühne, da braucht man dann auch mit Jubelformulierungen nicht sparen. Zu diskutieren wäre, ob Nils Grosch und Jonas Menze diese Punkte getroffen haben.
Natürlich ist dem Musicalgenre in diesem Buch nicht übermäßig viel Platz gewidmet, man sollte es im Rahmen des Landestheaters auch nicht überschätzen, und so bieten rund 30 weitere Textbeiträge in dem reich und beeindruckend illustrierten Werk Gelegenheit nachzuvollziehen, wie wichtige Player der anderen Bereiche die letzten zehn Jahre erlebt haben. So hat etwa der österreichische Autor Franzobel, er hat drei Sprechstücke und drei Libretti für das Haus geschrieben, ebenso einen Beitrag abgeliefert wie der österreichische Dramatiker Thomas Arzt. Arzt kam 2011 als Thomas-Bernhard-Stipendiat ans Haus und schrieb hier in den drei Monaten seines Aufenthaltes das Theaterstück »Alpenvorland«. Sein Beitrag für den Jubiläumsband zeigt sehr schön, mit welchen Vorurteilen man Linz anfangs begegnen kann, wie aus einer »Linz ist Provinz«-Einstellung fast das Gegenteil wird.
»Wege entstehen dadurch, dass man sie geht«, der Titel des Buchs, ist ein Zitat von Franz Kafka. Einen neuen Weg wird der nächste Intendant im Musicalbereich gehen, nämlich den der Uraufführungen. Die erste große Uraufführung der Musicalsparte musste besetzungsbedingt in die erste Spielzeit der neuen Intendanz verschoben werden.

Landestheater Linz und Theater der Zeit (Hg.): Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Landestheater Linz 2006 bis 2016. Theater der Zeit. Berlin 2015. 208 S. (Broschur) ISBN 978-3-95749-044-5. 20,00 Euro. [www.theaterderzeit.de]

Peter Filichia: The Great Parade

filichia.jpgDer Autor und Journalist Peter Filichia (1946) ist einer der pointierten Erzähler auf dem Gebiet der amerikanischen Theaterliteratur (»Strippers, Showgirls and Sharks: A Very Opinionated History of the Broadway Musicals That Did Not Win the Tony Award« (2013), »Broadway Musical MVPs: 1960–2010: The Most Valuable Players of the Past Fifty Seasons« (2011)). Nach seiner aktiven Berufslaufbahn als Theaterkritiker bei diversen Zeitungen ist er neben der Tätigkeit als Buchautor nun online als Kolumnenschreiber präsent, so etwa für Kritzerland (kritzerland.com/filichia.htm; wöchentlich), masterworksbroadway.com und Music Theatre International (mtiblog.mtishows.com). Vier Mal wurde er zum Präsidenten der Drama Desk Awards gewählt, darüber hinaus ist er Verfasser vieler Booklets für Cast CDs.
Worum es in seinem neuen Buch geht, erschließt sich aus dessen Untertitel: Broadway’s Never-to-be-forgotten 1963–1964 Season«. 75 Produktionen (Sprech- & Musiktheater) kamen 1963/64 in die Broadway-Theater, die brandneuen Musicalshows hießen: »Hello, Dolly!«, »Funny Girl«, »Here’s Love«, »Anyone Can Whistle«, »110 in the Shade«, »The Girl Who Came to Supper«, »High Spirits«, »The Student Gypsy«, »What Makes Sammy Run?«, »Jennie«, »Fade Out – Fade In«, »Rugantino« und »Cafà© Crown«, dazu gab’s noch Revivals von »West Side Story« und »My Fair Lady«.
Es war die Saison der Stars. Carol Channing in »Hello, Dolly!«, Barbra Streisand in »Funny Girl«, Carol Burnett in »Fade In – Fade Out«. Aber auch das Sprechtheater hatte in diesem Jahr die Großen zu Gast: Richard Burton gab den Hamlet, Sir Alec Guiness spielte Dylan, Albert Finney Luther, Kirk Douglas und Gene Wilder waren die Stars von »Einer flog über das Kuckucksnest«, Paul Newman & Joanne Woodward waren in »Baby Want a Kiss« zu sehen, Robert Redford in »Barefoot in the Park«, Gene Hackman in »Any Wednesday« – und das waren längst nicht alle.
Diese Spielzeit ist wie geschaffen für den Anekdotenspezialisten Filichia. Er bietet Hintergrundinfos zu den großen Flops der Saison und zu den Hits. Im Anhang findet man zu jeder Produktion die Anzahl der Aufführungen, die erreicht wurde, sowohl die für einen Tony Nominierten und mit einem dieser Awards Ausgezeichneten als auch die prominentesten Nichtnominierten werden aufgelistet.
In einem eigenen Kapitel behandelt Filichia die veröffentlichten Tonträger der Shows von 1963/1964. 1983 veröffentlichte das Fachmagazin BILLBOARD eine Auflistung der »Top 20 Original Cast Albums of The Last 20 Years«, beginnend mit 1962. In den Top 5: »Hello, Dolly!« (1964): 90 Wochen in den Charts, erreichte Platz 2; »Funny Girl« (1964): 51 Wochen in den Charts, erreichte Platz 2; weiters in den Top 20: »What Makes Sammy Run?« (1964): 14 Wochen in den Charts, erreichte Platz 28, »The Girl Who Came to Supper« (1963): 14 Wochen in den Charts, erreichte Platz 33 und »110 in the Shade« (1963): 15 Wochen in den Charts, erreichte Platz 37. Auffallend: Elf der 20 erfolgreichsten Cast Records von 1962 bis 1983 stammen von Shows, die in einem engen Zeitraum ihre Broadway-Premiere feierten, nämlich in den zwei Jahren von März 1962 bis März 1964.
Ein weiteres Kapitel ist einem der bedeutendsten politischen Ereignisse dieser Zeit gewidmet: der Ermordung von John F. Kennedy am 25. November 1963 – und wie man am Broadway darauf reagierte. Das Magazin »Variety« textete flapsig: »All Show Biz Dims in Grief«. Eine kleine Anekdote darf nicht fehlen: »A week after the assassination, Jacqueline Kennedy gave an interview to noted historian Theodore H. White. While musing about the human side of the president, she said, ‚The song he loved most came at the very end of this record, the last side of Camelot, sad Camelot: ‚Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.‘‘ Since then, of course, ‚Camelot‘ has been the unofficial name of the Kennedy administration.« Alle Shows gingen 24 Stunden nach dem Tod des Präsidenten zwar wieder über die Bühne, doch bei etlichen hinterließ das Attentat Spuren. Es wurden Szenen und Texte geändert (im Titelsong der Show »Here’s Love« wurde etwa aus der Textzeile »JFK to U.S. Steel« nun »C.I.A. to U.S. Steel«, was völlig sinnbefreit war, aber der Hektik geschuldet war, in der man Anpassungen dieser Art vornehmen musste) , die für den 23. November geplante TV-Premiere des Films »Singin’ in the Rain« wurde in den Dezember verlegt … Filichia rekonstruiert all die Folgen der Ermordung Kennedys detailliert.
1963/1964 waren Minderheiten ein wichtiges Thema. Dazu bietet der Autor einiges an Material, etwa über eine der Minderheiten, die doch noch ein paar Jährchen auf Akzeptanz warten musste. Filichia zitiert aus der 1964 erschienenen Ausgabe des »Webster’s Dictionary« die Definitionen des Wortes »gay«. Eine Bedeutung im Sinne von »homosexuell« sucht man vergeblich, und viele Broadway-Autoren hielten sich streng an die Webster’s-Definition. Filichia: »Were Broadway’s playwrights unaware of a more sexually charged meaning of ‚gay‘? Of course not. But they knew what the word still meant to much of the theatregoing public.« Ja, 1963 hatte Musical wohl tatsächlich eine andere Zielgruppe? Filichia: »The erroneus belief that musicals were the exclusif province of gays wouldn’t take hold for some years. In 1963–64, musicals were still considered the domain oft he upper middle class (and higher) with decidedly heterosexual inclinations.«
Ein Buch, das viele Musicalfans wohl ganz gern unterm Weihnachtsbaum finden würden.

Peter Filichia: The Great Parade. Broadway’s Astonishing Never-to-be-forgotten 1963–1964 Season. St. Martin’s Press. New York 2015. 290 S.; (Hardcover) ISBN 978-1-250-05135-6 [www.stmartins.com]

Grace Barnes: Her Turn On Stage

Dieses Buch weckt schon bei der Danksagung meine Neugier: »My profound thanks to Cameron Mackintosh and Des McAnuff for so clearly demonstrating to me just how deeply prejudice against women in musical theatre can run and for inspiring me to write this book.«
Grace Barnes, die 1965 in Schottland geborene Autorin des Werks »Her Turn on Stage«, hat ihre Erfahrungen mit Mackintosh gemacht, etwa als Resident Director Anfang der 2000er-Jahre bei dem von ihm produzierten Musical »The Witches of Eastwick« im Londoner Theatre Royal Drury Lane. Als Einleitungszitat zum Buch, prominent auf einer eigenen Seite platziert, findet sich folgende nette Erinnerung an Sir Cameron: »â€šThere’s too many bloody women in that building.‘ – Sir Cameron Mackintosh in 2001, referring to the Theatre Royal Drury Lane, where The Witches of Eastwick were playing.«
Barnes ist als Regisseurin und Bühnenschriftstellerin bekannt. Gemeinsam mit Matt Connor (Musik) schrieb sie die Musicals »Nevermore« (2007) und »Crossing« (2013), aber auch Sprechtheaterstücke. In Deutschland, England und Australien war sie im Kreativteam von Shows wie »My Fair Lady«, »Fiddler on the Roof«, »Sunset Boulevard« oder »Martin Guerre«.
Die Rolle von Frauen im Musicalgenre analysiert die Autorin gelassen: »No accusations, no threats; just a truthful exploration of the current state of affairs.« Als Kampfemanze geriert sie sich in ihrem Buch wahrlich nicht, vielmehr als eloquente Insiderin mit einer großen Leidenschaft für das Musicalgenre. Ein paar Zahlen am Beginn: Zwei Drittel der Theaterbesucher am Broadway sind Frauen (8,2 Mio. Frauen vs. 4,4 Mio. Männer; Stand 2011). Diesen Umstand interpretiert sie pointiert: »This is an industry that relies on women and their financial input for support. Remove them from the audience, and the few gay men are left will not guarantee the genre a future.« Barnes hat eine ganze Reihe von Punkten, die sie dem männerdominierten Musicalgenre vorwirft. Der simpelste Vorwurf wäre, dass dem frauendominierten Publikum nur so wenige Frauen auf der kreativen Seite gegenüberstehen. Doch das ist noch ihr harmlosestes Argument.
Eine gewichtigere These: In den letzten beiden Jahrzehnten, so die Autorin, gehe der Trend da hin, Frauen aus dem Rampenlicht zu verdrängen. Schrieben früher Musicalautoren Glanzrollen für weibliche Stars (Julie Andrews/My Fair Lady; Patti LuPone/Evita, Angela Lansbury/Mame; Chita Rivera/West Side Story; Barbra Streisand/Funny Girl etc.), waren früher also Frauen die Stars der Shows, so dominieren nun die Jungs. Die Valjeans, Mormonen, die Boys der Four Seasons, Newsboys, Boxer, Dragqueens, Balletttänzer und Bodyguards oder die Show an sich. Frage: »Are male writers and producers deliberately removing women from Center stage and demoting them to ensemble roles, or is this simply a reflection of the changing style of the genre?«
Weitere Beobachtungen. Beispiel: »Les Misà©rables«. In einem Interview, das Barnes mit Anneke Harrison führte, meinte diese: »The students are all great characters, they’ve all got names, they were all very well researched from the book, and that’s fantastic. They’ve all got very individual looks, and they’re all young, beautiful, idealistic young men. But the women are not named. It’s Crone One, Crone Two. Whore One, Whore Two.«
Oder: 2011, Premiere des Broadway-Revivals von »On a clear day«. Ben Brantley (»The New York Times«) schreibt in seiner Kritik: »The big difference is that Daisy is now David, a gay florist with commitment issues« … und geht dann darauf ein, was dieser Umstand für die musikalische Umsetzung bedeutet. Er beurteilt das vorgenommene Gender Switching in keiner Weise, David Rooney vom »Hollywood Reporter« lobt sogar die Idee: »Respect to Michael Mayer …« Und Barnes fragt: »Respect for what exactly? Getting rid of another leading lady? (…) What would Brantley and Rooney’s reaction be to (…) Patti LuPone announcing her intention to play Jean Valjean with a lesbian subtext?«
In dem hochinteressanten Kapitel »He’s No Good, but I’m no Good Without Him« beschäftigt sich die Autorin mit Musicals, in denen die weibliche Hauptrolle aus der Perspektive des männlichen Protagonisten dargestellt wird. Dazu zählt auch »Next to Normal«. Barnes: »Let’s be honest here: It is a male view of a female depression, and the writers appear to be stuck in theories from the 1950s in terms of the causes and treatment of mental illness among women. (…) It may claim to be Diana’s story, but it is told from her husbands’s point of view. A female lyricist would perhaps have led us to a deeper understanding of the sufferings of the female patient rather than focusing our attention on how her husband copes.« Ein Song aus der Show bringt die Problematik auf den Punkt: »Superboy and the Invisible Girl« – genau der Umstand sei, so Barnes, für die Musicalbranche kennzeichnend.
Was zeichnet dieses Buch aus? 1) Es wurde von einer Frau geschrieben, die von der Praxis kommt und aus der Praxis schreibt. Sie braucht keine 2000 Querverweise auf 4000 Werke der Sekundärliteratur. Der Anhangteil zu jedem der acht Kapitel ist überschaubar. 2) Für ihr Buch führte sie ausführliche Interviews mit Damen wie Susan Stroman, Rebekka Luker, Geraldine Turner, Rebecca Caine und anderen. 3) Barnes hat alles andere als eine feministische Suada abgeliefert. Ihre Analysen sind pointiert formuliert, knackig und haben einen ganz eigenen Humor. So meint sie etwa zu »Wicked«: »Can Glinda and Elphaba really claim to being empowering role models when they are fulfilling every sterotype – the cute one is good, the ugly one bad – and they spend most of the show fighting for the same boy?« 200 Seiten Musicalgeschichte aus einer ganz eigenen Perspektive. Nicht nur für FeministInnen.

Grace Barnes: Her Turn On Stage. The Role of Women in Musical Theatre. McFarland & Company, Inc., Publishers. Jefferson 2015. 210 S.; (Softcover) ISBN 978-0-7864-9861-1 [www.mcfarlandpub.com]

Johannes Kunz: Frank Sinatra und seine Zeit

Am 12. Dezember 2015 jährt sich zum 100. Mal Frank Sinatras Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen diverse Neuauflagen seiner Platten als CDs, Konzerte als DVDs und natürlich Bildbände und Biografien.
Das vorliegende Buch sticht heraus. Vor allem durch seinen Verfasser, Johannes Kunz. Er hat nicht nur den Salzburger Jazz-Herbst gegründet und ihn von 1996 bis 2012 geleitet hat, sondern war von 1986 bis 1994 ORF-Fernseh-Informationsintendant und von 1973 bis 1980 Pressesprecher des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky. Diese Verbindung von Jazz, Showbusiness und Politik im Berufsleben des Buchautors lässt ihn eine ganz eigene und hochinteressante Erzählperspektive bei seiner Sinatra-Biografie wählen. Er achtet darauf, die Karriere des Entertainers im Kontext von Politik und Gesellschaft zusammenzufassen und zu analysieren. Herausgekommen ist ein Stück spannende Lektüre, stets auch im Spiegel von Pressemeldungen geschrieben. Etwa wenn Kunz Sinatras Hollywoodstreifen wie die Verfilmung des Musicals »Higher and Higher« (Richard Rodgers & Lorenz Hart) aus dem Jahr 1943 behandelt oder einen der wohl wichtigsten Faktoren der Karrriere Sinatras herausarbeitet: Song Choice. 1946 »Ol’ Man River« (im Film »Till The Clouds Roll By« und viele Jahre bei Konzerten) zu singen, war unter anderem ein Statement. Kunz: »Der Song stammt aus dem Musical ‚Show Boat‘ und passte zur damaligen politischen Einstellung Sinatras. Denn Kern und Hammerstein griffen ein Tabuthema auf: In ‚Show Boat‘, basierend auf dem gleichnamigen Roman der amerikanischen Schriftstellerin Edna Ferber, tritt ein gemischtrassiges Künstlerpaar auf, während die Rassengesetze im Süden der USA ‚Mischehen‘ untersagten. Und im Evergreen ‚Ol’ Man River‘ bedient sich der Heizer Joe des afroamerikanischen Idioms. Farbige wurden nicht mehr als Clowns dargestellt, ganz im Gegenteil. (…) Frank Sinatra kannte den Rassismus aus nächster Nähe. Viele afroamerikanische Künstler mit denen er arbeitete, waren mit der Segregation konfrontiert. Zwar jubelte ihnen das weiße Publikum zu, doch mussten sie auf Tourneen durch den amerikanischen Süden in schlechten, ausschließlich Afroamerikanern vorbehaltenen Hotels nächtigen. Dazu kamen verbale Demütigungen und oft auch Gewalttaten.« Die Kritiker konnte Sinatra mit seiner Version übrigens nicht überzeugen. Kunz: »(Sie) vermerkten negativ, dass er dieses Klagelied der Afroamerikaner über die Unterdrückung durch die Weißen in kitschiger Aufmachung auf einem weißen Podest in einem weißen Smokig mit weißen Schuhen interpretiert habe. ‚Life‘ sprach sogar von der ‚schlimmsten Leinwandzumutung‘ des Jahres.«
»Guys and Dolls« und »High Society« widmet sich Kunz ebenso wie der Bedeutung Sinatras als Interpret des »Great American Sonkbook«. Sein Fazit: »Als Frank Sinatra geboren wurde, tobte der Erste Weltkrieg, als er zum Schallplattenstar wurde, begann der Zweite Weltkrieg, und als er starb, lebten sechs Milliarden Menschen auf der Erde, der Kommunismus war implodiert, China eine neue Supermacht und das digitale Zeitalter längst ausgebrochen. In mehr als sechzig Jahren, in denen Sinatra mehrere Generationen als Sänger begleitet hat, lieferte er den Soundtrack zum Leben seiner Zeitgenossen.«
50 Seiten umfasst der Anhang. Eine Kurzbiografie, eine Diskografie (Auswahl) und eine Filmografie sowie eine Bibliografie und ein Register sind mit dabei. Und natürlich gibt es auch einen 22-seitigen Bildteil. Gelungen und lesenswert.

Johannes Kunz: Frank Sinatra und seine Zeit. LangenMüller, München 2015. 272 S., (Hardcover) ISBN 978-3-7844-3384-4. EUR 22,00

Neuübersetzung: Christopher Isherwood – »Leb wohl, Berlin«

isherwood.jpgAm 8. Oktober 2014 erscheint im Verlag Hoffman und Campe Christopher Isherwoods »Leb wohl, Berlin« (»Goodbye to Berlin«) in der Neuübersetzung von Kathrin Passig und Gerhard Henschel.
John van Druten verwendete Isherwoods autobiografische Romane »Mr. Norris steigt um« (1935) und »Leb wohl, Berlin« (1939) als Basis für sein Bühnenstück »I Am a Camera« (1951), das wiederum als Basis für das Buch des Musicals »Cabaret« diente (1966, Musik: John Kander/Fred Ebb; Buch: Joe Masteroff).

Handlung
Ein melancholischer Abgesang auf eine verlorene Welt: Kosmopolitisch, libertin, glamourös und dekadent – mit fotografischer Präzision erfasst Christopher Isherwood die letzten Tage der Weimarer Republik in Berlin und zeichnet unvergessliche Porträts der Menschen, die seinen Weg kreuzen und unterschiedlicher nicht sein könnten: zwei junge Männer, die in fataler Weise voneinander abhängen, eine vermögende jüdische Familie, die das nahende Unglück nicht wahrhaben will, und zahlreiche Mitglieder der Halbwelt, unter ihnen die hinreißend leichtsinnige Sally Bowles, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Im Hintergrund der Szenerie marschieren bereits die Nazis auf. Isherwoods Figuren aber verschließen die Augen vor der drohenden Katastrophe und feiern sich um den Verstand.

CHRISTOPHER ISHERWOOD
wurde 1904 in der Grafschaft Cheshire als Sohn eines englischen Offiziers geboren. Nach erfolglosen Studien der Geschichte und Medizin in Cambridge und London ging er 1929 nach Berlin. Von 1942 bis zu seinem Tod im Jahr 1986 lebte er im kalifornischen Santa Monica. Mit Werken wie »Leb wohl, Berlin«, »A Single Man«, »Mr. Norris steigt um« und »Praterveilchen« zählt Christopher Isherwood zu den berühmtesten Schriftstellern seiner Generation.

DIE ÜBERSETZER
Kathrin Passig, geboren 1970, ist Autorin und Übersetzerin. 2006 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Sie lebt in Berlin.

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller bei Berlin. Zuletzt erschien von ihm bei Hoffmann und Campe »Bildungsroman« (2014). 2013 wurde er für sein schriftstellerisches Werk mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet.

Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin
Originaltitel: Goodbye to Berlin, Originalverlag: Hogarth Press, 1939
Aus dem Englischen von Gerhard Henschel und Kathrin Passig
250 Seiten, gebunden, € 20,– [D] / € 20,60 [A]
Warengruppe 1110 ISBN 978-3-455-40500-2 Oktober 2014

Peter Filichia: Strippers, Showgirls, and Sharks. A very opinionated History of the Broadway Musicals that did not win the Tony Award

Peter Filichia, einer der bekanntesten Autoren, die über den Broadway schreiben, ist mit seinem jüngsten Buch ein richtiger Treffer gelandet. Er hat es wieder einmal geschafft, zu polarisieren. Feiern es die einen als »Pageturner«, kritisieren die anderen, dass der Autor außer persönliche Meinungen und Inhaltsangaben der von ihm erwähnten Musicals nicht viel biete. Nun, in Wirklichkeit sollte man sich, wenn man sich ein Buch eines Broadway-Kritikers kauft, bewusst sein, dass Kritik immer subjektiv ist – und mehr als »a very opinionated history« kann man ja im Titel schon nicht mehr schreiben, um dies auch deutlich zu machen.
Filichias Ausgangspunkt: Es kann jedes Jahr nur einen »Tony Award«-Gewinner in der Hauptkategorie »Best Musical« geben – die »Verlierer« wähnen sich nicht selten betrogen oder beraubt. Warum wurde 1972 »Two Gentlemen of Verona« als bestes Musical ausgezeichnet und nicht »Follies«, wie konnte sich »The Music Man« am 13. April 1958 gegen »West Side Story« durchsetzen? Das versucht der Autor mithilfe aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel, selbstverständlich gefiltert durch Interpretation und auch persönliche Vorlieben, zu vermitteln – in einem sehr leicht lesbaren Stil, äußerst unterhaltsam und oft auch mit dem sogenannten Quizfaktor-Touch. Beispiele: »West Side Story« hätte vielleicht in den Kategorien »Bestes Buch« oder »Score« gewonnen, nur gab es 1958 diese Kategorien gar nicht. Man setzte sie Anfang der 1950er Jahre aus und führt sie erst wieder 1961/62 ein. Aber hätte »West Side Story« tatsächlich gewonnen? Zwei Songs aus »The Music Man« wurden damals in TV-Shows rauf und runter gespielt: »Seventy-six Trombones« und »Till there was you«. »Maria« und »Tonight«, die zwei Hits aus der »West Side Story«, dagegen wurden erst später, durch die Verfilmung, zu echten Hits. In der Zeit der Tony-Vergabe kannte die amerikanische Öffentlichkeit aus der Show vor allem das Fingerschnippen der Jets, denn das wurde in einem TV-Werbespot für »Ban«, ein Deo, eingesetzt.
Nicht immer kann Filichia alles sachlich erklären, aber es ist so wunderbar, wie er sein umfangreiches Wissen in bester Marcel-Prawy-Manier demonstriert. Empfehlenswert.

Peter Filichia: Strippers, Showgirls and Sharks. A very opinionated history of the Broadway Musicals that did not win the Tony Award. St. Martin’s Press. New York 2013. 288 S.; (Hardcover) ISBN 978-1-250-01843-4. 19,56 $ [www.stmartins.com]

Hans Salomon mit Horst Hausleitner: Jazz, Frauen und wieder Jazz

Der Wiener Saxofonist Hans Salomon komponierte, arrangierte für Art Farmer und Toots Thielemans, spielte mit Louis Armstrong, Ray Charles und Sarah Vaughan – mit dem Hit »Wia a Glock’n«, den er für Marianne Mendt komponierte, löste er die Austropop-Welle aus. Für die Entwicklung des Musicalgenres in Wien erlangte Salomon als Mitglied des 1955 gegründeten »Orchesters Johannes Fehring« Bedeutung. In der All-Star-Big-Band spielten u. a. Joe Zawinul, Erich Kleinschuster oder Robert Opratko, im Wiener Volksgarten begeisterte die Formation oft bis zu 2500 Zuschauer – Gilbert Bà©caud, Ella Fitzgerald u. a. begleitete sie auf Tourneen. Diese Big Band engagierte Rolf Kutschera 1965, um für seine Musicalpläne am Theater an der Wien über einen passenden Klangkörper zu verfügen.
Horst Hausleitner, der Hans Salomons privates und berufliches Leben in Buchform brachte, ist seit 1987 Mitglied des Orchesters der VBW und Autor zweier Bücher, in denen er über seine Erlebnisse in Afrika berichtet. Salomon und Hausleitner verbindet ihre Tätigkeit im Orchester der VBW. Doch seit wann gibt es eigentlich dieses Orchester? Das ist eines der Themen der vorliegenden Biografie.
Am 21. Dezember 1965 ging im Theater an der Wien die deutschsprachige Erstaufführung von »Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen« über die Bühne. Im Orchestergraben spielte jener Klangkörper, der in der Ära Kutschera bei an die 38 Premieren für den perfekten Klang sorgen sollte und 1987 – umstrukturiert – als »Orchester der VBW« weitergeführt wurde. Insofern haben die VBW 2015 ein bedeutendes Jahr vor sich, nämlich 50 Jahre Orchester der VBW – so betrachtet war das Jubiläum »25 Jahre Orchester der VBW«, das 2012 von den VBW gefeiert wurde, fast sinnwidrig, handelte es sich doch 1987 um keine Neugründung, sondern maximal um eine Umbenennung, ähnlich wie auch die Wiener Philharmoniker nicht immer unter ihrem heute bekannten Namen firmierten, aber nie auf die Idee kämen, eine 170-jährige Tradition aufgrund von Marketingideen zu zerdrechseln.
Das Kapitel VBW nimmt in der vorliegenden Biografie nicht viele Seiten ein, ist aber eines der Mosaiksteinchen, aus denen man Erkenntnisse über die Entwicklung des Musicalgenres in Wien ziehen kann: »Kutschera besuchte uns im Volksgarten und machte Fehring das Angebot, ihn und seine Musiker zumindest für ein Jahr zu engagieren. Nur eine moderne Big Band mit erweiterter Streicherbesetzung würde Musical authentisch spielen können. Fehring besprach das Angebot mit uns. ‚Rolf braucht uns, er braucht Qualität, denn er hat Großes vor‘, machte Fehring den Mund wässrig. ‚Aber es wird weniger Geld geben‘, ergänzte er, und die Münder waren schlagartig wieder trockengelegt. Wir waren dennoch einverstanden, gegen ein fixes Standbein war nichts einzuwenden, auch wenn die Gage mickrig ausfallen würde. Das gesamte »Orchester Johannes Fehring übersiedelte zwei Monate später vom Volksgarten direkt in den Orchestergraben des Theater an der Wien.« Das war der Beginn. Salomon leitete das Orchester auch als Dirigent, war bis 2000 als Musiker und Jazzkonsulent im Orchester der VBW engagiert, initiierte Konzerte mit Toots Thielemanns, Dave Brubeck und Joe Zawinul. Es war die Zeit, in der sich das Orchester einen Ruf erarbeitete. Lesenswert!

Hans Salomon mit Horst Hausleitner: Jazz, Frauen und wieder Jazz. Seifert Verlag. Wien 2013. 232 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-902924-04-9. 23,60 Euro. [www.seifert-verlag.at]

Petra Paterno: Lichterloh. Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001.

Das Wiener Schauspielhaus hat im Theaterleben der Stadt einmal eine wesentlich bedeutendere Rolle gespielt, als es das derzeit tut. Es ist immer nur von ganz wenigen Personen abhängig, wohin ein Theater steuert. Im Extremfall von einer einzigen, wie im Fall des Theatermachers Hans Gratzer, der 1978 das Schauspielhaus gründete und ab da Theater- und Musicalgeschichte schrieb. Pam Gems’ »Piaf« mit Maria Bill (DE 1982), die »Rocky Horror Picture Show« (sic! ÖE 1983) mit Erich Schleyer und Alexander Goebel wurden Kassenschlager, begründeten Karrieren. Über Bills »Piaf« schrieb der »Kurier«: »Wir werden diese Nacht nicht vergessen […] Wenn uns in fernen Zeiten die Enkel fragen Opa, hast du noch die Piaf gekannt?, werden wir antworten: Ja und nein, mein Kind […] Die Piaf habe ich nicht gekannt, aber ich hab’ die Bill als Piaf gesehen.«
1986 gab Gratzer das Schauspielhaus ab, er wollte das Ronacher übernehmen, und es waren nur wenige Menschen, die diese Weichenstellung verhinderten. Seit 1976 stand das Ronacher leer, ein Kulturkampf war ausgebrochen. 1979 kaufte Gratzer den zerschlissenen Vorhang des Theaters aus dem Fundus für sein Schauspielhaus. 1984 präsentierte er ein Bespielungskonzept. Ohne Subventionen wollte er das Ronacher führen, mit einer Mischung von Eigenproduktionen und Gastspielen. Zur Eröffnung plante er ein neues Musical von Richard O’Brien. 1986 betrat mit dem Unternehmer Alexander Maculan ein Geldgeber die Szene. Am 27. Februar 1986 kündigte Bürgermeister Zilk die Rettung und Wiedereröffnung des Ronacher an. Maculan sollte das Theater kaufen und um 5,4 Millionen Euro renovieren. Nach der Wiedereröffnung würde die Gemeinde Wien mittels 25-jähriger Kaufmiete das Theater erwerben. Mit der Operette »Cagliostro« ging Gratzer im Ronacher an den Start. Die Premiere am 22. Mai 1986 wurde zum Desaster. – Am 13. Mai 1986, eine Woche zuvor, ist er zu Gast in der ORF-Diskussionssendung »Cafà© Central«. Unter den Studiogästen: Helmut Zilk, Peter Weck, Ursula Pasterk und Luc Bondy. Thema: die bevorstehenden Festwochen. Im Laufe der Sendung wird klar: Das Ronacher geht an Weck – an die VBW. Gratzer sitzt mit steinerner Miene da, kommentiert die Situation mit keiner Silbe. Die fast einhelligen Verrisse für »Cagliostro« waren seiner Meinung nach »gesteuert«, um ihn auch in der öffentlichen Wahrnehmung als Intendant zu diskreditieren.
2014 ist die Zukunft des Ronacher wieder einmal ein heißes Thema. Der Generaldirektor der VBW, Thomas Drozda, überlegte im Dezember 2013 in einem Interview mit »News«: »Eine der beiden Bühnen [Ronacher oder Raimund Theater] könnte in einer Kombination aus Vermietung und Eigenproduktion« betrieben werden. Im »Standard« vom 7. Januar 2014 konterten Ernst Woller (SPÖ-Kultursprecher) und Klaus Werner-Lobo (Grüne-Kultursprecher): »Es gebe in Wien genügend kreatives Potenzial, um das Etablissement in einer völlig anderen Form, in einer neuen Form des Musiktheaters, zu bespielen. Für Woller und Werner-Lobo ist es nicht vorstellbar, dass Drozda das Ronacher untervermietet; sie schlagen vor, das Haus auszugliedern und die Intendanz auszuschreiben. Was aber, wenn Drozda das Ronacher nicht aufgeben will? Die Eigentümerin der Immobilie ist die Stadt. Sie hat einen Auftrag zu formulieren – und Drozda hat sich an diesen zu halten.«
Zurück zu Hans Gratzer. Er kehrte Wien 1986 den Rücken, ging nach New York, um 1990 wieder ans Schauspielhaus zurückzukehren und erneut Theatergeschichte zu schreiben, etwa mit einer eigenwilligen Version von »The Sound of Music« (ÖE 1993), Tony Kushners Drama »Angels in America« (ÖE 1994/1995) und Eve Enslers »Vagina Monologen« (DE 2000). »Die Wiener Theater waren fad, fad, fad«, erzählte Toni Wiesinger (Betriebsleiter/Kostümbildner am Schauspielhaus) der Autorin des Buches, über die 1970er Jahre. »Die Stadt war öd und grau, mit dem Schauspielhaus haben wir eine Insel geschaffen.« Michael Schottenberg, derzeitiger Direktor des Wiener Volkstheaters: »Jung und dynamisch war er […] Ein Magier, der alle, Schauspieler wie Publikum, in seinen Bann zog, der ein neues Gefühl in die Stadt brachte, eine neue Lebendigkeit.« Musical konnte damals Teil dieses neuen Gefühls sein, Musical, das relevant war, auf der Höhe der Zeit, nicht was etwa die Knalligkeit von Projektionen betrifft, sondern das Handwerk, die Umsetzung, die Qualität der Darsteller, der Regie, der Visionen – und was den Mut betrifft. Erich Schleyer über die »Rocky Horror Picture Show«: »Ich habe zuvor weder Rock ’n’ Roll gesungen, noch konnte ich, wegen meiner Herkunft aus der DDR, Englisch. […] Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn war ich in der Garderobe, habe mich selbst geschminkt und ganz allein für mich eine Flasche Sekt getrunken, das war meine Art der Vorbereitung auf die Aufführung. Während dieser Zeit habe ich viele andere Rollenangebote erhalten, aber alles abgeschlagen, was karrieretechnisch nicht unbedingt klug war, aber ich konnte nicht anders […] Das war die Rolle meines Lebens – und ich habe sie wirklich gelebt. Ich war zu 100 Prozent Frank N. Furter.« Die wahre Bedeutung dieser Produktion schildet Toni Wiesinger: »Die ganze Stadt war damals homophob – ist sie im Grunde heute noch. Aber am Anfang, in den 70er-Jahren, war es ganz offensichtlich. Unsere Schaufenster sind morgens regelmäßig angespuckt gewesen. Die armen Putzfrauen, die das wegwischen mussten. Der neunte Bezirk war damals kein Ausgehviertel wie heute, es war ein durch und durch bürgerlicher Wohnbezirk. Man mochte uns dort anfangs nicht besonders. Das hat sich erst verändert, als wir mit der Rocky Horror Picture Show diesen Riesenerfolg hatten. Da haben die Anrainer gesehen, dass die Leute bis auf die Straße hinaus um Karten angestanden sind, daraufhin wurden sie neugierig.« In Wien bracht der »Hedonismus aus. Drogen, Sex, Alkohol, Kreativität. Wir haben zehn Jahre eine Orgie in der Stadt gefeiert«. (Karl Welunschek, Regisseur)
Petra Paterno, Redakteurin der Wiener Zeitung für den Bereich Theater, ist mit ihrem Buch »Lichterloh« ein spannendes, blendend recherchiertes und komponiertes Buch zu einem wichtigen Stück Wiener Theatergeschichte geglückt. Pointierte Zitate aus Kritiken, Aufführungsanalysen aus den Privatarchiven von Dramaturgin Ingrid Rencher und Interviews mit den Protagonisten aus der Zeit Gratzers wie Michael Schottenberg, Erich Schleyer, Justus Neumann oder Beatrice Frey machen das Werk zu einer lesenswerten Hommage an Hans Gratzer.

Petra Paterno: Lichterloh – Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001. edition atelier. Wien 2013. 288 S.; (Broschur) ISBN 978-3-902498-69-4. 19,95 Euro. [www.editionatelier.at]

Forschungs- und Dokumentationszentrum für Theaterwissenschaften und -betriebslehre – Theater in der Josefstadt und Kammerspiele (Hrsg.): Das Theater in der Josefstadt

Öffentlichkeitsarbeit in allen Facetten, das scheint das Credo des Direktors des Theaters in der Josefstadt, Herbert Föttinger, zu sein. So sind in den letzten Jahren bereits zwei Bücher über die Kammerspiele bzw. das Theater in der Josefstadt erschienen: »Wenn’s euch nur gefällt: 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010« (Amalthea, 2010, siehe musicals 148, S. 74) und »Das Theater in der Josefstadt: Eine Reise durch die Geschichte eines der ältesten Theater Europas« (Picus, 2011). Der Brandstätter Verlag legt nun 2013 einen Prachtband über das Theater in der Josefstadt vor und punktet mit fantastischen Bildern und einer Collage von neu verfassten und bereits veröffentlichten Texten prominenter Schauspieler und Autoren wie Robert Schindel, Franz Schuh oder Heinz Marecek, einem Gespräch von Herbert Föttinger mit Peter Turrini u. v. m. Musical an sich gibt es im Theater in der Josefstadt im engeren Sinn zwar nicht, aber gerade im aktuellen Spielplan findet sich ein hinreißendes Musterbeispiel unterhaltsamen Musiktheaters: Franz Wittenbrinks »Forever Young« (siehe musicals 160, S. 28). Und für den vorliegenden Band über die Josefstadt verfasste Christoph Wagner-Trenkwitz, der Chefdramaturg der Wiener Volksoper, den informativen Artikel »Eine vergessene Tradition – Beethoven, Lanner, Strauß. Suppà©, Wagner … Die Josefstadt hat eine reiche musikalische Vergangenheit«. Darin verweist er nicht nur darauf, dass das Theater am 3. Oktober 1822 mit einer von Beethoven eigens komponierten Ouvertüre eröffnet wurde, die der Gigant selbst dirigierte (allerdings, aufgrund seiner Taubheit, mit einem Hilfsdirigenten), sondern auch auf Singspiel- und Operettenuraufführungen im Theater in der Josefstadt. Eine großartige Dokumentation eines Stücks Wiener Theatergeschichte.

Forschungs- und Dokumentationszentrum für Theaterwissenschaften und -betriebslehre – Theater in der Josefstadt und Kammerspiele (Hrsg.): Das Theater in der Josefstadt – Legendäre Geschichten und unvergessene Stars (Konzept, Zusammenstellung und Redaktion: Christiane Huemer-Strobele). Christian Brandstätter Verlag, Wien 2013. 232 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85033-729-8

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