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Archiv - Bücher

Thomas S. Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919

Am Anfang könnte eine Enttäuschung stehen. Wer sich etwa erwartet, in diesem Buch mit seinen 472 Seiten um den doch stolzen Preis von 75 Dollar sämtliche Off-Broadway-Musicals seit Beginn der Geschichte penibel aufgearbeitet zu finden oder gar alle diese Shows aufgelistet mit Premierendatum, Anzahl der Vorstellungen und so weiter, der wird – natürlich – enttäuscht. Dafür würde der Platz bei weitem nicht reichen, und die Frage ist, ob eine reine Auflistung aller Produktionen auch Sinn machte. Ein solches Unterfangen, das am ehesten Statistik-Fans gefallen würde, ist auch gar nicht das Anliegen des Autors Thomas S. Hischak. Denn Hischak ist kein reiner Datensammler, er hat etwas zu sagen, er urteilt, fasst Urteile zusammen, analysiert und erzählt, und das mit spürbarem Enthusiasmus. Der Preis, man mag ihn für überzogen halten – doch ist die Anzahl derer, die sich für Sachbücher über den Off-Broadway erwärmen können, offenbar ja so gering, dass es praktisch kaum Werke zu diesem Thema gibt. Insofern ist eben dieser recht hohe Preis wiederum auf eine gewisse Weise gerechtfertigt, denn allzu hohe Auflagen wird man mit derlei Büchern nicht fahren können, und es bleibt letztlich die Frage, ob sich ein Kauf lohnt.
Thomas S. Hischak ist Professor für Darstellende Künste an der Cortland State University, Autor von 16 Sachbüchern mit den Schwerpunkten Theater, Film und populäre Musik sowie Verfasser von 20 Theaterstücken. Seine bekanntesten Sachbücher: »The Oxford Companion to the American Musical: Theatre, Film, and Television« (2008), »Theatre as Human Action: An Introduction to Theatre Arts« (2005) und »Through the Screen Door: What Happened to the Broadway Musical When it Went to Hollywood« (2004).
Hischak analysiert in seinem Buch die Entwicklung des Off-Broadways anhand von 375 ausgewählten Musicals (im weitesten Sinne), beginnend bei »Greenwich Village Follies«, einer Revue aus dem Jahre 1919, endend bei »The Toxic Avenger« aus dem Jahre 2009. Für jede dieser Shows liefert er die Basisdaten wie Uraufführungsdatum, Anzahl der gespielten Vorstellungen (auch am Broadway, so ein Transfer stattgefunden hat), Angaben zum Leading Team, zu den Darstellern, zum Theater, in dem gespielt wurde – und zu jeder dieser Shows bietet er einen Artikel, der sich eingehend mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Produktion auseinandersetzt. Er liefert grobe Inhaltsangaben und bespricht die wichtigsten Songs. Hischaks Angaben sind vor allem bei jenen Shows wertvoll, über die man heute nur sehr schwer an Informationsmaterial kommt. In das Buch aufgenommen wurden ganz und gar nicht nur die Hits des Off-Broadways. Auch den Flops, die nur wenige Vorstellungen erlebten, wie etwa »Valmouth« von Sandy Wilson, wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mit Sicherheit hat Hischak ein Faible fürs Kuriose, so nimmt er sich Zeit, genüsslich den Inhalt dieses England-Imports zu schildern, der für 40.000 Dollar 1960 im York Playhouse auf die Bühne gebracht wurde und genau 14 Vorstellungen durchhielt. Eine Show, dessen Rezeptionsgeschichte Hischak nach längeren, äußerst amüsanten Ausführungen so zusammenfasst: »The press was more confused than outraged. Several did praise the score, and the cast was roundly applauded, but just explaining the show in the reviews was enough to frighten audiences away.« Verweise auf den Score, auf die Songs, auf die Londoner Cast-CD, die immerhin mit einem Weltstar, Cleo Laine, aufwarten konnte – Hischaks Liebe für das Musicalgenre und sein Geschick, Fakten auf spannende Art und Weise zu vermitteln, machen dieses Buch lesenswert.
Eine These Hischaks, die sich quer durch einige seiner Bücher zieht und in dem hier besprochenen auch mit Zahlen und Fakten belegt wird: Es ist zwar möglich, das »typische Off-Broadway-Musical« zu charakterisieren, doch werden heutzutage immer weniger »echte« Off-Broadway-Musicals produziert. Was ein »Off-Broadway-Musical« ist, versucht der Autor so festzumachen: »Broadway musicals are bigger than life and offer outsized emotions expressed in large theatres; Off-Broadway musicals are smaller in scale and explore emotions that are more life-size as they are enacted in more intimate venues. When Broadway offers musical comedy, the songs, the dancing, the laughs, even the tears are big enough to fill a large and elaborate theatre. Off Broadway cannot afford such a scale and instead offers simpler productions and a more direct kind of music, dance, and comedy. (…) Broadway is about fame, glory, and success. Off Broadway is about smart, sharp, little shows that make a personal impact. Many actors, writers, and directors first find critical acclaim Off Broadway, but only Broadway can make stars and super showmen.«
Wurden früher Musicals explizit für den Off-Broadway produziert, so ist der Off-Broadway heute immer mehr eine Vorstufe, um es von da zum Broadway zu schaffen. So nennt Hischak auch das Kapitel, das sich mit den Musicals des Off-Broadway von 2000 bis 2009 beschäftigt »Fodder for Broadway«. Zwölf Produktionen haben in dieser Zeit den Wechsel vom Off- zum Broadway gewagt, mehr als in jeder Dekade davor. Doch ein Erfolgsrezept ist diese Strategie nur bedingt, denn fünf dieser Shows sind gefloppt, teils trotz großartiger Kritiken. Beispiele: »Caroline, or Change«: 106 Vorstellungen Off-Broadway, 136 Vorstellungen am Broadway. Hischak: »Had the show remained Off-Broadway, it is likely it would have run and run because it was the kind of musical that flourished on word of mouth, not critical acclaim.« Gefloppt auch: »Grey Gardens« (Off-Broadway: 63 Vorstellungen, Broadway: 307 Vorstellungen), »Passsing Strange (56 Vorstellungen Off-, 165 Vorstellungen Broadway) – »a Broadway show that wasn’t Broadway in spirit, attitude, score, or satisfaction«. Hischaks These, warum es manche Off-Broadway-Shows dann doch schaffen, auch am Broadway Erfolg zu haben, ist im Prinzip simpel, aber nachvollziehbar. Musterbeispiel: »Rent« ging zwar vom Off- zum Broadway, doch »without losing any of its intimacy and power«. Man war zwar als Zuschauer am Broadway, hatte aber »Look and Feel« einer Off-Broadway-Show. Dasselbe trifft auf diverse andere erfolgreiche Transfers zu, wie beispielsweise »Spring Awakening« oder »Avenue Q«.
Zurückkommend auf die Eingangsfrage: Lohnt sich der Kauf? Ja!

Thomas Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919. From »Greenwich Village Follies« to »The Toxic Avenger«. Scarecrow Press, Inc., Plymouth 2011. 472 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-8108-7771-9 / ISBN 978-0-8108-7772-6 (E-Book). $ 75,00.

Ruth Benjamin and Arthur Rosenblatt: Movie Song Catalog

Ruth Benjamin ist Romanautorin, ihr Ehemann Arthur Rosenblatt ist Architekt. Was die beiden dazu brachte, dieses Lexikon der Songs von 1460 amerikanischen und englischen (Musical-)Filmen, die im Zeitraum von 1928 bis 1988 in die Kinos kamen, zusammenzustellen? Die Liebe war’s – zum Film, zur Musik, zu den Künstlern. 1993 ist das Buch erstmals erschienen, nun liegt ein Reprint dieses Werks vor.
Für jeden Film gibt es die vollständigen Produktionsangaben, Filmtitel, Entstehungsjahr, Entstehungsland, Infos zu den Orchestern und Bands, die man in den Filmen hört und sieht sowie Angaben zu den Background-Vocals. Man erfährt, welche Sänger zu sehen sind und ob diese Sänger auch dann tatsächlich zu hören sind oder gedubbed wurden. Für jeden Film werden Regisseur, musikalischer Leiter, Komponist etc. aufgelistet. Zitate aus Filmkritiken aus der »Variety« und der »New York Times« sowie kleine Hinweise auf die besondere Bedeutung des einen oder anderen Films runden das Buch ab. So erfährt man über »High, Wide and Handsome« (USA, 1937): »The only musical Hammerstein and Kern ever wrote specifically for the screen.«
Recherchierbar ist das Werk entweder alphabetisch nach den Filmnamen oder durch drei verschiedene Indizes (Performer, Songwriter, Song). Kompakter findet man die Daten zu diesen Filmen kaum wo. Schön wäre es, wenn jemand sich die Mühe machen würde, ein Update für den Zeitraum ab 1989 zu erarbeiten.

Ruth Benjamin and Arthur Rosenblatt: Movie Song Catalog. Performers and Supporting Crew for the Songs Sung in 1460 Musical and Nonmusical Films, 1928–1988. McFarland, Jefferson 2011. 352 S.; (Softcover) ISBN 978-0-7864-6721-1. E-Book: 978-0-7864-8769-1 $ 30,00. [www.mcfarlandpub.com]

Jim Volz: Working In American Theatre

Wenn es unter all den Büchern, die zum Thema »Arbeiten im Bereich des Theaters« erschienen sind, so etwas eine »Eier legende Wolfmilchsau« geben sollte, dann kommt vermutlich Jim Volz’ »Working in American Theatre« einer solchen recht nahe. Erstmals 2007 und danach 2011 in einer aktualisierten Version erschienen, bietet der Autor eine Mixtur aus Ratgeber, Motivationsbuch, Strategieplaner, Geschichtsbuch sowie Schatzkistchen mit hunderten von Tipps für ganz normale und etwas ausgefallenere Jobs – und noch mehr an Tipps zum Bereich des Netzwerkens im (Musik-)Theater in Amerika. Interessant ist das Buch aber nicht nur für jene, die überlegen, in den USA im Theater-Sektor zu arbeiten, Volz präsentiert vielmehr eine derartige Unmenge an Informationen, Daten und Statements, so dass dieses Buch für alle eine interessante Lektüre ist, die sich mit dem amerikanischen (Musik-)Theater beschäftigen.
Im Kapitel »American theatre’s major employers« liefert Volz Daten, Adressen beziehungsweise Links zu weit über 1000 Theaterunternehmen, etwa zu 200 Shakespeare-Festivals, zu 130 Kindertheater-Unternehmen, 140 Musiktheater-Unternehmen; darüber hinaus bietet er eine Fülle an Daten zu Jobs auf Hochseeschiffen (25), in Themenparks (119), bei DinnerTheater-Unternehmen (30), er liefert Kontakte zu Tournee-Veranstaltern (60) und zu 40 Universitäten, die über eine professionelle Theaterschiene verfügen. In diesem Kapitel stellt er auch 99 große »League of Resident Theaters« ausführlich vor, mit Adressteil, Jobaussichten, einer Übersicht, welche Stars in den einzelnen Theatern aufgetreten sind, ob es regelmäßige Castings gibt … und vieles andere mehr.
In einem Überblick über die Theatergeschichte der USA, vor allem auch abseits des Broadway, analysiert Volz unter anderem die Bedeutung von Universitäten mit all ihren Theaterproduktionen, er betont die Wichtigkeit von Non-Profit-Theatergruppen, von denen es allein in nur vier amerikanischen Städten über 1000 gibt: New York (400), San Francisco (300), Los Angeles (210) und Chicago (140).
Volz liefert auch einen motivierenden Power-Guide und bietet wertvolle Tipps für Branchenneulinge und -einsteiger: »10 timely tips for savvy Amerian theatre artists«, »19 terrible distractions that erode productivity«, »29 wonderful ways to seize control of your own life« … Hunderte Interviews mit erfahrenen Theaterproduzenten und Künstlern hat Volz in den letzten vier Jahrzehnten geführt. Erkenntnisse daraus nutzte er jahrelang für die von ihm veranstalteten Seminare und Workshops zu den Themen »Business of Acting« beziehungsweise »Working in American Theatre«. In knapp gehaltenen Kapiteln mit knackigen Titeln liefert Volz nun eine Unmenge dieser Statements von führenden Theaterleuten aus ganz Amerika im Original. Sie erzählen aus ihrer Praxis und bieten Ratschläge für die Praxis, wertvolle und motivierende.
Eines der Kapitel seines Buches hat Volz »The American theatre employment universe« benannt. Hier finden sich auf rund 80 Seiten ausführlich beschrieben »10 pertinent publications«, »10 websites to open up our web world«, »10 challenging books to power your acting career«, »15 quirky books on working in New York City and beyond«, »10 bountiful books on directing, design, producing and production«, oder auch »10 of the friendliest American theatre cities for your consideration«, »10 service organizations«, »10 regional/national audition and job sites«, »10 unions/alliances/societes/guilds/agencies«.
Im Kapitel »Survival Strategies and directories for lifelong planning« bietet Jim Volz beispielsweise »12 tips for stress reduction«, oder »15 notes for actors from New York professionals«.
»Working in American Theatre« ist ein informativer, humorvoller Ratgeber, mit einer Unmenge an unterhaltsamen und inspirierenden Anekdoten aus dem Theaterleben eines Theaterproduzenten geworden. Höchst lesenswert!

Jim Volz: Working in American Theatre. A brief history, career guide and resource book of over 1000 theatres. Methuen Drama – An Imprint of Bloomsbury Publishing Plc, London 2011. 406 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4081-3472-3. $ 16.99. [www.methuendrama.com]

Thomas S. Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919

Am Anfang könnte eine Enttäuschung stehen. Wer sich etwa erwartet, in diesem Buch mit seinen 472 Seiten um den doch stolzen Preis von 75 Dollar sämtliche Off-Broadway-Musicals seit Beginn der Geschichte penibel aufgearbeitet zu finden oder gar alle diese Shows aufgelistet mit Premierendatum, Anzahl der Vorstellungen und so weiter, der wird – natürlich – enttäuscht. Dafür würde der Platz bei weitem nicht reichen, und die Frage ist, ob eine reine Auflistung aller Produktionen auch Sinn machte. Ein solches Unterfangen, das am ehesten Statistik-Fans gefallen würde, ist auch gar nicht das Anliegen des Autors Thomas S. Hischak. Denn Hischak ist kein reiner Datensammler, er hat etwas zu sagen, er urteilt, fasst Urteile zusammen, analysiert und erzählt, und das mit spürbarem Enthusiasmus. Der Preis, man mag ihn für überzogen halten – doch ist die Anzahl derer, die sich für Sachbücher über den Off-Broadway erwärmen können, offenbar ja so gering, dass es praktisch kaum Werke zu diesem Thema gibt. Insofern ist eben dieser recht hohe Preis wiederum auf eine gewisse Weise gerechtfertigt, denn allzu hohe Auflagen wird man mit derlei Büchern nicht fahren können, und es bleibt letztlich die Frage, ob sich ein Kauf lohnt.
Thomas S. Hischak ist Professor für Darstellende Künste an der Cortland State University, Autor von 16 Sachbüchern mit den Schwerpunkten Theater, Film und populäre Musik sowie Verfasser von 20 Theaterstücken. Seine bekanntesten Sachbücher: »The Oxford Companion to the American Musical: Theatre, Film, and Television« (2008), »Theatre as Human Action: An Introduction to Theatre Arts« (2005) und »Through the Screen Door: What Happened to the Broadway Musical When it Went to Hollywood« (2004).
Hischak analysiert in seinem Buch die Entwicklung des Off-Broadways anhand von 375 ausgewählten Musicals (im weitesten Sinne), beginnend bei »Greenwich Village Follies«, einer Revue aus dem Jahre 1919, endend bei »The Toxic Avenger« aus dem Jahre 2009. Für jede dieser Shows liefert er die Basisdaten wie Uraufführungsdatum, Anzahl der gespielten Vorstellungen (auch am Broadway, so ein Transfer stattgefunden hat), Angaben zum Leading Team, zu den Darstellern, zum Theater, in dem gespielt wurde – und zu jeder dieser Shows bietet er einen Artikel, der sich eingehend mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Produktion auseinandersetzt. Er liefert grobe Inhaltsangaben und bespricht die wichtigsten Songs. Hischaks Angaben sind vor allem bei jenen Shows wertvoll, über die man heute nur sehr schwer an Informationsmaterial kommt. In das Buch aufgenommen wurden ganz und gar nicht nur die Hits des Off-Broadways. Auch den Flops, die nur wenige Vorstellungen erlebten, wie etwa »Valmouth« von Sandy Wilson, wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mit Sicherheit hat Hischak ein Faible fürs Kuriose, so nimmt er sich Zeit, genüsslich den Inhalt dieses England-Imports zu schildern, der für 40.000 Dollar 1960 im York Playhouse auf die Bühne gebracht wurde und genau 14 Vorstellungen durchhielt. Eine Show, dessen Rezeptionsgeschichte Hischak nach längeren, äußerst amüsanten Ausführungen so zusammenfasst: »The press was more confused than outraged. Several did praise the score, and the cast was roundly applauded, but just explaining the show in the reviews was enough to frighten audiences away.« Verweise auf den Score, auf die Songs, auf die Londoner Cast-CD, die immerhin mit einem Weltstar, Cleo Laine, aufwarten konnte – Hischaks Liebe für das Musicalgenre und sein Geschick, Fakten auf spannende Art und Weise zu vermitteln, machen dieses Buch lesenswert.
Eine These Hischaks, die sich quer durch einige seiner Bücher zieht und in dem hier besprochenen auch mit Zahlen und Fakten belegt wird: Es ist zwar möglich, das »typische Off-Broadway-Musical« zu charakterisieren, doch werden heutzutage immer weniger »echte« Off-Broadway-Musicals produziert. Was ein »Off-Broadway-Musical« ist, versucht der Autor so festzumachen: »Broadway musicals are bigger than life and offer outsized emotions expressed in large theatres; Off-Broadway musicals are smaller in scale and explore emotions that are more life-size as they are enacted in more intimate venues. When Broadway offers musical comedy, the songs, the dancing, the laughs, even the tears are big enough to fill a large and elaborate theatre. Off Broadway cannot afford such a scale and instead offers simpler productions and a more direct kind of music, dance, and comedy. (…) Broadway is about fame, glory, and success. Off Broadway is about smart, sharp, little shows that make a personal impact. Many actors, writers, and directors first find critical acclaim Off Broadway, but only Broadway can make stars and super showmen.«
Wurden früher Musicals explizit für den Off-Broadway produziert, so ist der Off-Broadway heute immer mehr eine Vorstufe, um es von da zum Broadway zu schaffen. So nennt Hischak auch das Kapitel, das sich mit den Musicals des Off-Broadway von 2000 bis 2009 beschäftigt »Fodder for Broadway«. Zwölf Produktionen haben in dieser Zeit den Wechsel vom Off- zum Broadway gewagt, mehr als in jeder Dekade davor. Doch ein Erfolgsrezept ist diese Strategie nur bedingt, denn fünf dieser Shows sind gefloppt, teils trotz großartiger Kritiken. Beispiele: »Caroline, or Change«: 106 Vorstellungen Off-Broadway, 136 Vorstellungen am Broadway. Hischak: »Had the show remained Off-Broadway, it is likely it would have run and run because it was the kind of musical that flourished on word of mouth, not critical acclaim.« Gefloppt auch: »Grey Gardens« (Off-Broadway: 63 Vorstellungen, Broadway: 307 Vorstellungen), »Passsing Strange (56 Vorstellungen Off-, 165 Vorstellungen Broadway) – »a Broadway show that wasn’t Broadway in spirit, attitude, score, or satisfaction«. Hischaks These, warum es manche Off-Broadway-Shows dann doch schaffen, auch am Broadway Erfolg zu haben, ist im Prinzip simpel, aber nachvollziehbar. Musterbeispiel: »Rent« ging zwar vom Off- zum Broadway, doch »without losing any of its intimacy and power«. Man war zwar als Zuschauer am Broadway, hatte aber »Look and Feel« einer Off-Broadway-Show. Dasselbe trifft auf diverse andere erfolgreiche Transfers zu, wie beispielsweise »Spring Awakening« oder »Avenue Q«.
Zurückkommend auf die Eingangsfrage: Lohnt sich der Kauf? Ja!

Thomas Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919. From »Greenwich Village Follies« to »The Toxic Avenger«. Scarecrow Press, Inc., Plymouth 2011. 472 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-8108-7771-9 / ISBN 978-0-8108-7772-6 (E-Book). $ 75,00.

Ulrich N. Schulenburg; Susanne Wolf (Mitarbeit): Sie werden lachen, alles ist wahr

Ein Blick hinter die Kulissen des Bühnen- und Musikverlags Thomas Sessler. Seit über 40 Jahren leitet Ulrich N. Schulenburg den Wiener Verlag, der die Bühnenrechte von Werken berühmter Autoren wie Peter Turrini, H. C. Artmann, Daniel Kehlmann, Brigitte Schwaiger, aber auch Georg Danzer oder Gabriel Barylli (etwa für sein Buch zur Show »Ich war noch niemals in New York«) vertritt. Zum 70. Geburtstag hat Schulenburg gemeinsam mit Susanne Wolf für den Wiener Amalthea Verlag seine Biographie geschrieben.
Neben spannenden Schilderungen berühmter Wiener Theaterskandale, der oft auch tragischen Schicksale, aber auch der Glücksmomente mancher Erfolgsautoren findet sich im Buch der eine oder andere Hinweis auf Musicals, beispielsweise auf eines, das es zwar nie auf eine Bühne geschafft hat, aber dessen Bedeutung interessant ist.
So wurde Andrà© Heller Ende der siebziger Jahre von einem deutschen Industriellen beauftragt, »The Rocky Horror Show« mit neuen Sketches zu versehen, um das Werk dann zeitgleich in Rom, London, Paris und Berlin zur Aufführung zu bringen. Zwar zerschlug sich dieses Projekt, doch die Texte und Ideen sollten für Heller Basis seiner weiteren künstlerischen Karriere werden. Er suchte das Gespräch mit dem damaligen Wiener Kulturstadtrat Helmut Zilk und schlug ihm vor, eine poetische Show aus dem Material zu formen. Zilk war begeistert und unterstützte das Projekt, das im Rahmen der Wiener Festwochen 1981 uraufgeführt wurde und dann durch ganz Europa tourte: »Flic Flac« war der Name der Produktion – und sie stand am Anfang von vielen erfolgreichen Heller-Shows.
Ein Stück spannende Verlagsgeschichte.

Ulrich N. Schulenburg; Susanne Wolf (Mitarbeit); Peter Turrini (Vorwort) – Sie werden lachen, alles ist wahr. Anekdoten eines Glücksritters. Amalthea Verlag, Wien 2011. 332 Seiten. (Hardcover) ISBN 978-3-85002-745-8. EUR 19,95

Marco Franke: Stephen Sondheims »Sweeney Todd« – Ein Werkporträt

Wie schreiben das Jahr 2010 – Stephen Sondheim, geboren am 22. März 1930 in New York, einer der bedeutendsten Musicalkomponisten & -texter, Preisträger eines Oscars (1990, für »Sooner or later« aus dem Film »Dick Tracy«) sowie mehrerer Tony- und Grammy-Awards und des Pulitzer-Preises (1985, für »Sunday in the Park with George«), feierte seinen 80. Geburtstag.
Man könnte meinen, ein solches Jubiläum wäre der perfekte Anlass für zumindest einige wenige Buchpublikationen – eventuell Bildbände mit den schönsten Szenenfotos der Uraufführungen von Sondheims Werken, kommentiert von all jenen, die darin große Erfolge feiern konnten, vielleicht auch umfangreiche Biographien, Interviewbände, Einzeluntersuchungen zur Wirkung beziehungsweise Rezeption – doch auf dem Buchsektor, nicht nur auf dem deutschen, ist es merkwürdig ruhig.
Immerhin – mit »Finishing the Hat«, benannt nach einem Lied aus Sondheims 1984 uraufgeführter Show »Sunday in the Park with George«, [der Untertitel des Buches wird pfiffig-verspielt lauten: »v. 1: The Collected Lyrics of Stephen Sondheim with Attendant Comments, Principles, Heresies, Grudges, Whines and Anecdotes«] erscheint im Herbst 2010 der erste Teil eines auf zwei Bände angelegten Werks, das einerseits die Memoiren des Komponisten und Texters beinhaltet, Erinnerungen an seine Shows und an seine Kollegen umfasst, andererseits auch eine Sammlung seiner wichtigsten Songtexte, von ihm selbst kommentiert, werden wird. »Finishing the Hat« erscheint in England bei Virgin Books und in den USA bei Alfred A. Knopf. 2011 folgt mit »Look, I made a Hat«[der Titel ist ein Zitat einer Zeile aus dem Lied »Finishing the Hat«] der zweite Teil des zweibändigen Werks.
Viel mehr wird es 2010 nicht mehr an Buchneuerscheinungen zum Thema Stephen Sondheim geben, im deutschsprachigen Raum also gar keine. Da trifft es sich gut, dass 2009 mit Marco Frankes »Stephen Sondheims Sweeney Todd« ein Werkporträt des wohl populärsten Musicals des Komponisten erschienen ist.
Marco Franke, geboren 1979, studierte Musik- und Theaterwissenschaft an der Ludwig Maximilians-Universität München. Derzeit ist er Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit und Konzertdramaturg beim Sinfonieorchester »basel sinfonietta«. Sein Werkporträt hat er bereits im Jahre 2005 fertiggestellt; einige Jährchen, bis Herbst 2009, hat es dann gedauert, bis die Hamburger Diplomica Verlag GmbH die wissenschaftliche Abschlussarbeit in ihr Programm aufgenommen hat und sie nun wahlweise als E-Book oder auch als gedrucktes Exemplar anbietet.
154 Seiten umfasst Frankes Analyse, den ersten Teil widmet er einer Stoffgeschichte. In einem dreistufigen Werkvergleich untersucht er Übereinstimmungen und Abweichungen des Musicals zur 1968 entstandenen Schauspielvorlage von Christopher Bond und zu den vielen »Sweeney Todd«-Melodramen des 19. Jahrhunderts, hier vor allem George Didbin Pitts Version von 1847, aber auch zurückgehend bis zu einer französischen Ballade aus dem 14. Jahrhundert über einen mordenden Barbier, der mit einer Gehilfin seine Opfer zu Fleischpasteten weiterverarbeitet haben soll. Berücksichtigt wird dabei auch die szenische Realisierung von Harold Prince, dem Regisseur der Broadway-Uraufführung.
Im zweiten Teil widmet sich Franke dem eklektischen Werkcharakter des Musicals und seiner Schauspielvorlage im Hinblick auf Erzählstrukturen und Motive.
Der dritte Teil stellt eine ausführliche und detailreiche musikdramaturgische Analyse von »Sweeney Todd« dar, einem Musical, das gerade wegen seiner Opernhaftigkeit und dem Umstand, dass es ohne Probleme auch mit Opernsängern zu besetzen ist, einerseits nur schwer in die gängigen Schemata des amerikanischen »Musical Theaters« schubladisierbar ist, andererseits zu einem der meistgespielten Werke Sondheims avancierte.
Der Autor unterfüttert seine Analyse mit einem gigantischen Anmerkungsapparat, fast könnte man meinen, jede These und jede Aussage sei dutzendfach abgesichert. Zweifellos eine gute Sache, und so nebenbei bemerkt lohnt es sich gerade bei diesem Buch, einen genaueren Blick auf den Fußnotenteil zu werfen. Es ist fast schon ein bisschen schade, dass hier, ein wenig versteckt, eine Unmenge an guten Geschichten ausgelagert wurden. Amerikanische Sachbuchautoren hätten beispielsweise rund um die Frage, ob es denn nun tatsächlich einen »Sweeney Todd« gegeben hat, ein eigenes spannendes Kapitel gemacht. Franke verweist auf amerikanische Studien und Internetforen, ohne dem »angeblich« im London des späten 18. Jahrhundert existierenden Barbier eine eigene längere Passage zu widmen – jenem Sweeney Todd, der am 25. Januar 1802 vor den Toren Londons aufgrund 160-fachen Mordes hingerichtet wurde. Schön herausgearbeitet dagegen ein anderes der gerade in diesem Werk recht drastischen Motive wie jenes des Kannibalismus.
Dem Hauptteil der Untersuchung angeschlossen findet sich ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis mit sämtlicher Primär- und Sekundärliteratur, diversen Hinweisen zu Internetquellen und zu Zeitungsartikeln, Programmheften und schließlich ein Video- und DVD-Verzeichnis mit einer Aufstellung der daran beteiligten Leading Teams und Darsteller.
Im Anhang des Werks schließlich bietet Marco Franke ein Interview mit Christopher Bond, das er am 24. September 2004 unmittelbar nach der Generalprobe von »Sweeney Todd« in der Kantine der Komischen Oper in Berlin geführt hat. Bond besorgte 2004 an der Komischen Oper die Berliner Erstaufführung des Musicals und erzählt sehr ausführlich über seine langjährige Erfahrung mit Sondheims Musical, das er bis dahin bereits sieben Mal inszeniert hatte. Franke nutzt die Gelegenheit, sehr detailreiche Fragen bis hin zur Charakteristik einzelner Personen zu stellen wie »Isn’t Johanna a little bit hysterical? I mean at least in the Sondheim version …« Das sind dann Stellen im Buch, die aus der manchmal vielleicht etwas zu trocken aufgezogenen Studie ein höchst lesenswertes Werk machen.
Was Franke schließlich zum Abschluss erarbeitet hat, ist ein tabellarischer Überblick über die wichtigsten literarischen und dramatischen Bearbeitungen des »Sweeney Todd«-Stoffs, von 1846 bis 1997, und eine genaue Auflistung der einzelnen Szenen von drei Versionen des Stoffs: jener von George Didbin Pitt, jener von Christopher Bond und jener von Stephen Sondheim.
Fazit: Ein Werkporträt vollgepackt mit Fakten, Quellenhinweisen und einem interessanten Interview. Sondheim-Fans sind damit sicher bestens bedient.

Marco Franke: Stephen Sondheims Sweeney Todd – ein Werkporträt. Diplomica Verlag GmbH, Hamburg 2009. 154 S.; (Softcover) ISBN 978-3-8366-7127-9. EUR 48

Georg Markus, Otto Schenk, Heinz Marecek, Elfriede Ott: Wenn’s euch nur gefällt – 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010

100 Jahre Wiener Kammerspiele, das war dem Wiener Amalthea Verlag Anlass, einen Jubiläumsband diesem traditionsreichen Theater zu widmen, einem Theater, mit dem man bis vor kurzem unter anderem den Begriff »Opas Lachtheater« assoziierte. In den 70er, 80er und 90er Jahren kultivierte man an diesem Haus das seichte Lustspiel mit – Hauptsache – Publikumslieblingen. Die regelmäßig ausverkauften Vorstellungen des damals als En-Suite-Betrieb geführten Theaters in der City von Wien sorgten dafür, dass sich das »Mutterhaus«, das Theater in der Josefstadt, der seriöseren Theaterliteratur widmen konnte. Als Herbert Föttinger 2006 das Haus als Direktor übernahm, positionierte er die Kammerspiele radikal neu, mit der Absicht, sie ins 21. Jahrhundert zu führen. Einzug hielten die moderne Stadtkomödie und (wieder) das Musiktheatergenre. »Im weißen Rössl« (2008), »Sugar – Manche mögen’s heiß« (2009), »Ladies Night« (2010), »Cabaret« (2010) und »Judy – Somewhere over the rainbow« (2011) lockten und locken neue Publikumsschichten ins Haus.
Musiktheater war an den Kammerspielen schon einmal populär: In den großen Ausstattungsrevuen und Operetten der 20er Jahre spielten hier Stars – und solche, die es später wurden, wie Peter Lorre oder Marlene Dietrich, in Wien 1927 unter anderem in der Operette »Wenn man zu dritt …« zu sehen – zwei Jahre später begann die Dietrich mit den Dreharbeiten zum »Blauen Engel«. Oder Luise Rainer, die von den Kammerspielen weg 1934 nach Hollywood vermittelt wurde und 1936 für ihre Darstellung der Anna Held in »The Great Ziegfeld« einen Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam.
Georg Markus, der Star unter den österreichischen Sachbuchautoren, schildert auf 105 Seiten die aufregende Geschichte der Kammerspiele, bringt viele unterhaltsame und auch tragische Geschichten über die vielen Publikumslieblinge des Hauses. Gleich drei dieser Lieblinge, Otto Schenk, Heinz Marecek und Elfriede Ott, führen in kurzen Erinnerungen den Leser hinter die Kulissen und vermitteln nicht zuletzt viele interessante Einblicke in das Handwerk des Schauspielens in einem En-Suite-Betrieb. Im Anhang findet man auf 63 Seiten alle Premieren des Hauses seit 1910 aufgelistet, mit dem Datum der Premierenvorstellung, Angaben zu den Autoren, der Regie und den Darstellern. Ein Stück (Wiener) Theatergeschichte, sehr lesenswert.

Georg Markus, Otto Schenk, Heinz Marecek, Elfriede Ott: Wenn’s euch nur gefällt – 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010. Mit einem Vorwort von Herbert Föttinger. Amalthea, Wien 2010. 208 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85002-724-3. EUR 24,95.

Laura Frankos: The Broadway Musical Quiz Book

Vor diesem Buch müsste man eigentlich ausdrücklich warnen. Zartbesaitete Musicalkenner könnten es nach den ersten der insgesamt mehr als 1200 Fragen einfach desillusioniert in die Ecke werfen, in der fixen Überzeugung, nicht allzu viel Ahnung vom Musicalgenre zu haben. Doch alles halb so wild: Erstens betreffen die in diesem Quizbuch gestellten Fragen »nur« das »Broadway-Musical«, zweitens hat es die Autorin geradezu darauf angelegt, nur den echten und wahren »Broadway-Babys« die Antworten leicht zu machen, drittens gibt es auch jede Menge weniger schwere Nüsse zu knacken, und überhaupt: So brauchbar das Werk als Quizbuch ist, hat Laura Frankos doch auch einfach ein informatives Kompendium von wissenswerten, höchst interessanten und bisweilen skurrilen Details aus der spannenden Broadway-Geschichte zusammengestellt.
Aufgeteilt hat sie ihren Fragenkatalog grob gesagt in zwei Akte und einige Sonderkapitel. Die Akte untergliedern sich in Szenen. Die ersten beiden »Szenen« des ersten Akts behandeln die großen Meister (Komponisten und Autoren) wie Leonard Bernstein, Kurt Weill, Jule Styne, Stephen Sondheim; die dritte Szene ist Choreographen gewidmet. In der »Pause« gibt es Unterhaltsames wie zum Beispiel ein »A Chorus Line Mini-Quiz«, bei dem zehn Fragen à  la »What former collaborator of Bennett’s did some uncredited (and unpaid!) work on the libretto while the show was still at the Public Theatre?« zu beantworten sind. Die Antwort: Neil Simon. Im Sonderkapitel »Setting« geht’s um Wissenswertes von Shows, die etwa in Italien, Frankreich, … spielen, oder aber man muss einer Figur eines Musicals eine bestimmte Wohnadresse zuordnen. »Time« widmet sich Produktionen von 1900 bis 2000 – die älteste Show, die im Buch Erwähnung findet, ist allerdings »The Black Crook« (1866), und das aktuellste Musical »Catch me if you can« (2010). Bonus-Broadway-Fragen widmen sich skurrileren Details: »What did John Gallagher, Jr., do with his handheld mike during »The Bitch of Living« on Spring Awakenings’s opening night at the Eugene O’Neill? (Antwort: »Good Lord, you people have dirty minds: here’s the truth: Gallagher brought his hand mike up to his mouth with such force on opening night that he chipped his front teeth.«) Oder aber der Bonus geht an die wahren Kenner, die Fragen wie die folgende beantworten können: »Which is the only show directed by Hal Prince not to receive a cast album recording?« (Antwort: »Roza« (1987) is the only show directed by Prince not to have a cast album recorded.«) Das Buch bietet thematische Fragenkataloge unter anderem zu Sport, Literatur und Geschichte in Musicals, es wird das Wissen bezüglich Broadwaystars, Komponisten, Regisseuren, Produzenten abgefragt, zwischendurch eingestreut finden sich amüsante Fragen zu »Sachthemen« wie Essen & Trinken, Nachtclubs & Ärzte in Musicals – oder Songtitel mit Zahlen.
Frankos Quellen sind hunderte Libretti, Memoiren, Biographien, Chroniken, Geschichtsbücher und Audio- sowie Videomaterial. Eine Bibliographie wäre nett gewesen, hätte aber wohl den Rahmen gesprengt. Die Autorin liefert im Antwortenteil oft reiches Hintergrundwissen, viele Einzelheiten, und so ist bei »The Broadway Quiz Book« Lesevergnügen garantiert, auch wenn man nicht alle Fragen zu den insgesamt mehr als 700 Musicals, die Erwähnung finden, beantworten kann.

Laura Frankos: The Broadway Musical Quiz Book. Foreword Peter Filichia. Applause Theatre & Cinema Books – An Imprint of Hal Leonard Corporation, New York 2010. 272 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4234-92675-7. $ 16.99.

Rolf Kutschera: Glück gehabt – Meine Erinnerungen / Peter Weck: War’s das? – Erinnerungen

Rolf Kutschera, geboren 1916 in Wien, und Peter Weck, geboren 1930 in Wien, prägten jeder auf seine Weise das Musicalgenre in Wien nachhaltig. 2010 legten beide ihre Autobiographien vor.
Der Pianist, Textautor, Komponist für Kabarett und von Chansons, Schauspieler und Regisseur Rolf Kutschera übernahm 1965 das herabgewirtschaftete Theater an der Wien, etablierte das Musical als Genre in Wien, revolutionierte hier auf seine Weise den Spielbetrieb und leitete es bis 1982.
Peter Weck putschte alles bisher Dagewesene am Musicalsektor Wiens, und auch im deutschsprachigen Raum. 1983 bis 1987 leitete er das Theater an der Wien, 1987 bis 1992 übernahm er die Generalintendanz der Vereinigten Bühnen Wien, die neben dem Theater an der Wien auch das Raimund Theater und das Ronacher umfassten. Sein größter Erfolg, »Elisabeth«, ist heute noch einer der wichtigsten Geldbringer der VBW.
»Glück gehabt« und »War’s das?«, so lauten die Titel der beiden Biographien der Theatermacher.
Während Rolf Kutschera dem Musical, seiner Arbeit am Theater an der Wien, breiten Raum in seiner Biographie einräumt, 129 Seiten von 285 Seiten, kommt Peter Weck mit, alles eingerechnet ca. 40 Seiten aus (von 344) – die haben es allerdings in sich.
Wecks Biographie ist wohl ausformuliert, tendenziell eher ironisch distanziert als zu gefühlsbetont, in einer Sprache geschrieben, die das Buch perfekt dafür erscheinen lässt, vom Autor vorgelesen zu werden. Man hört fast Wecks Stimme, wie er rezitiert. Das macht das Werk einfach und sehr angenehm lesbar. Das Wunderbare an Weck ist, dass er sich nie ein Blatt vor den Mund nimmt. So liebevoll er im Großteil seiner Memoiren über sein Schauspielerleben und seine Kollegen erzählt, so präzise und scharf wird er vergleichsweise in der Musicalabteilung des Buchs. Da stützt er sich auf exakte Zahlenangaben, zitiert beispielsweise aus einem Kontrollamtsbericht der Stadt Wien, um seinen Erfolg als Intendant zu betonieren: »Insgesamt wurden in den Jahren 1983 bis 2007 bei 20 Eigenproduktionen (…) 10,75 Millionen Karten verkauft (…) Die drei Produktionen ‚Elisabeth‘ (59,58 Mio. EUR), ‚Cats‘ (42,21 Mio. EUR) und ‚Phantom der Oper‘ (42 Mio. EUR) erwirtschafteten 42,9 Prozent der gesamten Kartenerlöse von 335,12 Mio. EUR.« Da wird mit der »roten Ursel«, Kulturstadträtin Ursula Pasterk, und Franz Häußler, nach all den Jahren, beinhart abgerechnet: »Das besonders Bedauerliche war, dass mein direkter Partner in Sachen Theaterleitung, Franz Häußler, nach anfänglicher Loyalität mir gegenüber, geleitet durch seinen vorauseilenden Gehorsam, den er politischen Entscheidungsträgern entgegenbrachte, diesen Personen gegenüber zum Jasager wurde. Soll von mir aus sein, jeder muss seinem Charakter entsprechend handeln. Aber was mich persönlich betraf: Er praktizierte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine teambezogene Arbeit mehr in der Geschäftsführung mit mir. So haben sich gegen Ende meiner Zeit mehr und mehr Dinge hinter meinem Rücken abgespielt.« Weck nützt seine Biographie, um – knapp – die Umstände darzulegen, unter denen er als Intendant agieren musste, wie man ihm unter anderem seine Erfolgsproduktion »Cats« im Ronacher abgeschossen hat, trotz ausverkaufter Vorstellungen bis zum Schluss und einer »Kostendeckung von über 100 Prozent«, er findet auch klare Worte, was die Schließung des »Tanz-Gesang-Studio Theater an der Wien« betrifft: »Es hieß von kulturpolitischer Seite – unterstützt von der kaufmännischen Leitung des Hauses –, es koste zu viel. Ein weiteres Argument lautete. ‚Wir werden doch nicht Musicaldarsteller ausbilden, die dann ins Ausland und nach Deutschland gehen …‘ So einen Unsinn muss man sich erst einmal einfallen lassen Aber man sieht, welche profunden Theaterleute die Geschicke nach mir übernommen haben. Mit einem Weitblick für die Sparte Musical, der dann dort hingeführt hat, wo man jetzt steht.” Wahre Worte, die die Biographie zur messerscharfen Analyse der Entwicklung bis heute machen. Diese Schärfe hat seine Berechtigung, war der erfolgreiche Weck doch während seiner Amtszeit ein von vielen Angefeindeter, der letztlich seine Konsequenzen zog und sich via Medien mit dem legendären Satz verabschiedete: »Ich gehe nicht im Bösen, aber ich werde freier atmen, wenn ich die Heuchelei nicht mehr ertragen muss.« Für alle Fans des ehemaligen Sängerknaben, verhinderten Dirigenten, (Theater-)Schauspielers und Regisseurs ist »War’s das?« ein ungemein unterhaltsames Werk geworden, in dem sich sehr wirksam und kurzweilig herausgearbeitet Anekdote an Anekdote reiht, Berührendes, Lustiges, Trauriges und Überraschendes, viele Blicke hinter die Kulissen der Theater-, Film- und TV-Landschaft, unterstützt durch eine hervorragend Bildauswahl.
Vor allem eines haben Peter Weck und Rolf Kutschera gemein: Beiden sagte man voraus, sie würden mit ihren Wiener Musicalplänen scheitern. Im Falle von Weck war das sein Vorhaben, Longrun-Produktionen in Wien zu etablieren, bei Kutschera das ehrgeizige Bestreben, das Theater an der Wien zu einem erfolgreichen Musicalhaus zu entwickeln. In den 32 Kapiteln des Musicalteil seines Buches spannt Kutschera den Bogen vom 21. Dezember 1965, der Premiere von »Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen«, bis zum 8. Dezember 1981, der Premiere von »Jesus Christ Superstar«. Kutschera schildert von jeder Produktion spannende und berührende Erlebnisse in einer Emotionen auslösenden Weise. Man spürt, wie sehr er bei der Auswahl, den Vorbereitungen und der Produktion jeder einzelnen Show emotionell beteiligt war. Das im Titel erwähnte »Glück«, das hatte Kutschera in Form eines glücklichen Händchens bei der Auswahl seiner Shows und Darsteller so manches Mal. Die Schnurren aus dem von der Wiener Bürokratie oft beeinflussten Theateralltag und über Eitelkeiten, Freuden und Niederlagen so mancher Wiener Publikumslieblinge sind herrlich – ein Blick zurück in die goldene alte Zeit, die für Kutschera so endete: »â€˜Jesus Christ Superstar‘ war das erste Musical in meiner Direktionszeit, wo alle Schauspieler mit Mikroports und Verstärkern sangen. […] Mit ‚Jesus Christ Superstar‘ und den weiteren Werken von Andrew Lloyd Webber begann die Zeit des elektronischen Musicals, wodurch sich ein vollkommen neuer Darstellungs- und Gesangsstil entwickelte. Meine Zeit des Musicals mit direktem Spiel und Gesang der Schauspieler, ohne elektronische Tonverstärkung, war vorbei.«
An der Sprache wurde bei Kutscheras Biographie weit weniger gefeilt als bei jener Wecks, doch dafür wirkt alles viel emotioneller, direkter. Letztlich sind beide Werke Mosaiksteine in einer Geschichte des Wiener Musicals und höchst lesenswert.

Rolf Kutschera: Glück gehabt – Meine Erinnerungen. Aufgezeichnet von Birgit Thiel. Mit einem Vorwort von Michael Heltau und einer Nachbetrachtung von Ernst Stankowski. Styria Verlag, Wien-Graz-Klagenfurt 2010. 288 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-222-13311-4. EUR 24,95.
Peter Weck: War’s das? – Erinnerungen. Mitarbeit: Felicitas Wolf. Amalthea Verlag, Wien 2010. 344 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85002-721-2. EUR 22,95.

Steven Suskin: Show Tunes

Steven Suskin ist Theater- und Musikkritiker u. a. für Variety und Playbill. 25 Jahre war der Autor im Theatermanagement und als Produzent tätig. 13 Bücher hat er bis dato veröffentlicht, darunter «Second Act Trouble”, «The Sound of Broadway Music” und «Opening Night on Broadway”.
2010 brachte Suskin die vierte Auflage seines Standardwerks «Show Tunes” auf den Markt. 1985 war die erste Auflage erschienen, mit dem Konzept als Basis, die Musicals der «bedeutendsten” Broadway-Komponisten, die sich bis 1985 aus dem Berufsleben zurückgezogen hatten oder verstorben waren, zu behandeln. Zwölf Komponisten plante Suskin für die erste Auflage ein, aber der Verlag erhob Einspruch. Ein Buch ohne Komponisten wie Sondheim, Styne oder Herman? Unvorstellbar! So wurden aus den zwölf insgesamt 30 Komponisten. Für die zweite Auflage, 1991, gab es keine Ergänzung. Der Grund: Megamusicals aus England beherrschten den Great White Way. Die dritte Auflage erschien 1999 mit einer Ergänzung um sechs Künstler, und in der nun vorliegenden Ausgabe sind wir bei insgesamt 40 Komponisten angelangt.
Suskins Ziel ist es, von jedem musikalischen Werk dieser Autoren, egal ob Broadway- oder Off-Broadway-Show, Nachtclub-Act, Eisrevue etc. das publizierte Notenmaterial und die publizierten Songs kommentiert aufzulisten. Vor Erscheinen der ersten Auflage von «Show Tunes” war das ein unübersichtliches Feld. Suskin schaffte es, wie Michael Feinstein in seinem Vorwort lobend hervorhebt, eine «komplette Chronik der verfügbaren Songs der behandelten Komponisten” zu erstellen. Das erforderte vom Autor oftmals reinste Detektivarbeit, gehen doch Rechteinhaber, Theaterbesitzer, Plattenlabels mit ihren Archivalien nicht immer sorgsam um. Feinstein weiß davon zu berichten: «I learned that many boxes of unique and irreplaceable musical theatre score housed in an old theatre basement in London had been destroyed. The theatre had been taken over by Andrew Lloyd Webber, and somebody had cleaned out the »useless« stuff taking up so much space in the basement. They saved the scores of all the warhorses like «Annie get your Gun” (those might be of use, they thought) but destroyed the obscure material – including several complete Gershwin scores and orchestrations.” Suskin machte sich auf die Suche auch nach den verschollensten Liedern und durchsuchte etwa die Bestände der Library of Congress, wo nicht katalogisiert ein reicher Schatz von Songs aus allen nur denkbaren Genres ab dem Jahre 1900 lagert.
In seinem in die Kapitel «Composers of the early years”, «New Composers of the 1940s, 1950s, and 1960s”, «New Composers of the 1970s and Beyond” und «Notable Scores by other Composers” gegliederten Werk bietet der Autor für jeden Künstler eine ausführliche Einleitung – eine Mischung aus Biographie und kritischer Einschätzung seines Werks. Untersucht wird bei allen Komponisten, warum sie so komponiert haben, wie sie komponiert haben, und wie es zur Zusammenarbeit mit ihren Partnern kam. Es wird versucht nachzuvollziehen, ob die Songs im Theater funktioniert haben und wie sich der Erfolg auf das weitere Schaffen ausgewirkt hat.
Die Aufnahme ins Buch an sich bedeutet nicht, dass mit dem einen oder anderen Komponisten nicht ordentlich ins Gericht gegangen wird. Der Autor hat eine fixe Idee, wie ein «ideales” Broadwaymusical musikalisch zu sein, welchen Kriterien es zu genügen hat. Etwas ruppig schert er vor allem die «jüngeren” Komponisten über diese seine Auffassung. Über Alan Menkens «Beauty and the Beast” meint er: »[It] was not taken seriously by critics or Broadwayites, just by ticket-buyers with plenty of spare cash for repeat visits and official souvenirs. Menken had his first Broadway musical, and a hit with a thirteen-year run at that. […] [Menken’s] stage work over the course of thirty years has had little effect: »Little shop of horrors« and not much else, other than two supermusicals centered on scores written for animated films. One tends to blame Disney for stealing him away from a potential theatre career; without Disney, though, Menken might very possibly still be unknown and unheard of, and tens of millions of dollars poorer.”
Man kann Suskin zugute halten, dass er dem wirtschaftlichen Erfolg der Werke eines Künstlers keine dominante Bedeutung zuweist. So liefert er eine der besten Biographien zu William Finn. Es ist, fast, eine Liebeserklärung an dieses musikalische Genie, »more noncommercial than Sondheim«, wie Suskin schreibt. »He has always seemed to do what he wants, the way he wants it. While he has proven to be a stubborn and sometimes indecipherable artist, it is his very unruliness that has resulted in some of the most remarkable musical theatre material of the last thirty years. And – with the addition of »A New Brain« and the songs collected in »Infinite Joy« and »Elegies« to »Falsettos« and »Falsettoland« – some of the most moving theatre music as well.”
Suskins kleine Sticheleien sind mitunter unterhaltsam, wenn er etwa über Maury Yestons »Phantom« scheibt: »The most surprising element in this twisted »Phantom« tale is that Yeston’s score is far more tuneful than you-know-who’s.«
Ein wenig zu bissig, untergriffig und auch inkonsequent zeigt Suskin sich bei einigen Komponisten. Ein Beispiel: Frank Wildhorn. Ist es Kritik oder Abrechnung? »»Jekyll & Hyde« was roundly roasted for its substandard material by critics and Broadwayites alike, but it proved to be one of those so-called audience shows, which enjoy a respectable run but eventually close several million dollars in the red. The writing is, perhaps, baldly bad at times; but then, the final director of the enterprise, Robin Phillips, wisely dressed things up with excessive, effective theatricality. Wildhorn quickly returned with «The Scarlet Pimpernel”, similar in style and quality. With the opening of «The Civil War”, Wildhorn hat three Broadway musicals running (briefly) simultaneously, which he trumpeted loudly in the press. When the final accounting was done, though, the three combined represented a loss in the neigbourhood of 15 million dollars, which Wildhorn did not trumpet loudly in the press.”
Suskins Werk ist ein Schatz, der Anhang ist massiv, mit einem Lied- und Show-Index, einer chronologischen Auflistung der Werke aller behandelten Künstler, einem Verzeichnis aller Mitarbeiter der Komponisten und einer Bibliographie. Auch wenn das Urteil manchmal hart ausfällt, die Biographien vor allem auch der Komponisten, die seit den siebziger Jahren wirken, wie Larry Grossman, Stephen Schwartz, Marvin Hamlisch, Alan Menken, William Finn, Maury Yeston, Stephen Flaherty, Michael John LaChiusa, Jason Robert Brown, Adam Guettel und Jeanine Tesori, sind großartig geschrieben, die komplette Auflistung aller ihrer Werke und Songs wird man in keinem anderen Werk finden. Sehr empfehlenswert!

Steven Suskin: Show Tunes – The Songs, Shows, and Careers of Broadway’s Major Composers. Oxford University Press, New York 2010. 600 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-19-531-407-6. $ 60.

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