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Archiv - Rezensionen

Missy May: “To the one I love” (2009)

Es ist ja nicht so, dass man am Mars leben müsste, um bis jetzt an Missy May mehr oder weniger vorbeigekommen zu sein. Auch wenn sich ihr Lebenslauf interessant liest:

In der Kinder-Musical-Company spielt sie schon mit 6 Jahren Rollen in Shows wie “Les Misà©rables”, “Fame”, “Joseph”, “Cats”, “The Wizard of Oz” und “Starlight Express”. Mit 8 Jahren wird sie vom ORF entdeckt und für die Kindersendung »Kids 4 Kids« engagiert. Von ihrem 9. bis zum 14. Lebensjahr steht sie auch noch für »Tom Turbo«, »Artefix« und »Am Dam Des« vor der Kamera.
Mit 15 erhält sie eine Rolle im TV-Sechsteiler: »Liebe, Lügen, Leidenschaft« und spielt an der Seite von Maximilian Schell und Franko Nero. Aufgrund der schulischen Leistungen legen ihre Eltern danach die Schauspielerei auf Eis.
Um sich Ihre Gesangsausbildung finanzieren zu können, jobbt sie neben der Schule u. a. als Promotion-Osterhase, Flyer-Girl, Do & Co Servierkraft, in der Redaktion von Magazin 25 oder als Babysitter …
Es folgt ein Plattenvertrag bei HitSquad Records: Unter der Leitung des Producer-/Composerteams Ludwig Coss & Martin Böhm entsteht im Sommer 2004 die Debüt-Single »Star That You Are«, die sich in den Austrian Top 40 (höchste Platzierung: Platz 7) behaupten kann. Parallel tourt Missy in den Sommerferien live in Österreich, Norditalien & Süddeutschland.
Nach einer kurzen kreativen Schaffenspause - Matura - startet Missy May 2006 neu durch. Die Single «Loud Music« schafft es bis auf Platz 10 der Austrian Top 40. Bei der Eröffnungszeremonie der Wiener Festwochen 2007 steht sie vor 50.000 Besuchern live mit Orchester auf der Bühne und begeistert mit der gefühlvollen Ballade »Everything Breaks« und »Born Tonight«. Anschließend Live-Tour durch Österreich mit Auftritten beim Wiener Donauinselfest, der Euromania-Roadshow oder dem Krone-Stadtfest. Weihnachten 2007 Charity-Auftritt mit »My Grown Up Christmas List« live im ORF bei “Licht Ins Dunkel” [”Vienna Online”].

Missy May (23) hat also auf Ö3 ordentlichen Airplay, sie hat einen Namen, den man natürlich kennt, aber, mal ganz ehrlich, es war bis jetzt kein “must”, zumindest für mich, sich eine CD von ihr zu kaufen.

Am 14. Juli 2009 wurde Missy May Mutter. Ihre Schwangerschaft hat die Sängerin unter anderem dazu genutzt, die CD “To the one I love” für das Plattenstudio/Plattenlabel MG-Sound/HitSquad Records einzusingen. Eine Wiegenlieder-CD, eine Kinderlieder-CD, genauer eigentlich eine CD für “alle Babys, Mamas und Papas und Liebenden der Welt” ist daraus geworden.

Dass man wunderbare Kinderlieder-CDs machen kann, hat vor Jahren schon beispielsweise Sandra Pires (“Songs for Lea”, 2002, ebenfalls bei MG-Sound/HitSquad Records erschienen) bewiesen. Missy May bietet auf ihrer Scheibe downgestrippte Versionen von Evergreens und Chartbreakern, downgestrippt auf pure Emotion. Ganz ohne fette Beats, fast ohne Drums, ganz wunderbar arrangiert und produziert von Martin Böhm und Ludwig Coss (MG-Sound) - rein auf Gefühl, quasi a capella, eine Erholung für die Seele. So ist “To the one I love” dann auch ganz einfach eine jener Kuschel-CDs geworden, von denen es nie genug geben kann.

Die Auswahl der Songs ist großteils gelungen. “Baby love” (im Original von den Supremes 1964 eingesungen), Stevie Wonders “Isn’t she lovely”, Ashford & Simpsons “Ain’t no mountain high enough”, zwei Songs von Burt Bacharach (”I say a little prayer” und “(They long to be) Close to you”), perfekt. Bei “Das Beste” würde man sich fast wünschen, dass das Original an die ehrliche Interpretation von Missy May heranreichen würde, ganz ohne die aufgesetzte, gekünstelte Showbusiness-Gefühlsduselei. Wenns bei dem einen oder anderen Song nicht ganz so klappt, dann mag man als Grund vielleicht anführen, dass sich all das, was man mit der einen oder anderen Originalversion verbindet, als zu übermächtig erweist, um in dieser reinen Gefühlsversion voll wirken zu können, wie beispielsweis bei “I dont wanna miss a thing” (Aerosmith). Aber das ist letztlich von Mensch zu Mensch verschieden. Was allerdings bei jedem Track spannend ist: das Arrangement, die ganz individuelle Note, die Martin Böhm und Ludwig Coss jedem Song verliehen haben, eine Art Zärtlichkeit, die die CD zu einem harmonischen Ganzen werden lässt.

Fazit: “To the one I love” ist eine jener raren CDs, die man immer dann auflegen kann, wenn man Ruhe, Erholung, Harmonie sucht. Damit könnte man auch auf Tour gehen und jene seltenen Wohlfühlkonzerte geben, die man hierzulande kaum geboten bekommt. Den Babys dieser Welt und natürlich auch Marie, der Tochter von Missy May, wird die Scheibe sicher auch nicht schaden, ganz im Gegenteil.

Tracklist
01. Baby Love
02. Ain´t No Mountain High Enough
03. Everything I Do
04. Say A Little Prayer
05. (They Long To Be) Close To You
06. Isn´t She Lovely
07. Whatever You Want
08. Das Beste
09. I don’t wanna miss a thing
10. The Voice Within
11. I Swear
(HitSquad Records/MG-Sound, 2009)

Rockville - die Cast-CD (2009)

Pop, Rock, Soul, Gospel, eine Prise Jazz, eine angenehme und leicht zu konsumierende Kost mit einfallsreichen Arrangements und angenehmen bis begeisternden Stimmen, komponiert von Martin Gellner und Werner Stranka, das könnte man zusammenfassend zu “Rockville”, der Cast-CD, sagen.

Dass es sich dabei um ein Musical handelt, das im Sommer 2009 in Amstetten seine Uraufführung erlebt hat und derzeit im Deutschen Theater in München zu sehen ist, ergibt sich aus dem Hörerlebnis des Tonträgers nicht zwanghaft. Könnte auch eine Rockshow sein. Natürlich wissen die Käufer aber ja, dass sie eine Cast-CD erstanden haben, und da gilt: Was ein solches Merchandisingprodukt unbedingt leisten sollte, ist Lust auf einen Besuch der Show zu machen. Und das gelingt den Produzenten von “Rockville” definitiv. Wenn es schon ganz allein vor den Lautsprecherboxen eine Freude ist, vor Kraft nur so strotzende Songs wie “Small miracles” zu hören, so muss das live auch recht fetzig rüberkommen.

Auf der Bühne bzw. auf Tonträger sind ein paar fantastische Stimmen zu hören, beispielsweise jene von Amanda Whitford oder auch die von Dennis Le Gree, Alex Melcher und Caroline Frank. Der Sound kommt recht knackig aus den Lautsprechern, merkwürdig abgemischt ist der Applaus. Wir haben es bei “Rockville” mit einer Liveaufnahme zu tun, die bei den Shows am 21. und 22. Juli 2009 entstanden ist. Es ist irgendwie traurig, dass Musicalaufnahmen immer derart steril klingen müssen, was die Liveatmosphäre betrifft. Mal mischt man am Anfang ganz leise ein wenig Applaus rein, mal am Ende, ganz in den Hintergrund, völlig platt vom Sounderlebnis her. Wo sind die Zeiten, als Liveaufnahmen noch wirklich Spannung hatten. Heutzutage kommt es mir vor, als wolle man sich dafür, dass man sich Geld für teure Studiozeit erspart hat, quasi entschuldigen, indem man die Liveatmosphäre dann wenigstens nur ganz minimal dosiert auf den Tonträgern erkennen lässt. Applaus am Ende eines Showstoppers wie “Book of love” kommt nicht so vertranquilisert rüber, das muss krachen, das muss man hören, sonst ist die Wirkung schon nach einer Sekunde vorbei und man könnte sich die paar Sekunden Jubel gleich sparen.

Was fehlt bei dieser Produktion, sind die Lyrics im Booklet der CD. Das ist eine allgemein verbreitete Krankheit bei Cast-CD-Produzenten: Sparen beim Booklet, entweder wegen der höheren Stückkosten oder der Rechte an den Lyrics. Es gibt viele positive Beispiele aus den Staaten, wo umfangreiche Booklets nicht nur alle Lyrics, sondern auch ausführliche Biographien und viele Szenenfotos enthalten. Sondheim-Musicals werden gerne mit umfangreichen Booklets ausgestattet. Aber man muss nicht nach den Sternen greifen, auch bei jedem anderen Musical ist es ganz angenehm, Texte auch mitlesen zu können. Es reicht einfach nicht, eine Doppel-CD zu produzieren und sie mit einem achtseitigen Booklet auszuliefern, in dem sich nichts findet, was man nicht auch online in zwei Sekunden am Bildschirm hat. Ein bisschen mehr Liebe bei der Gestaltung des Booklets, das würde ich mir generell wünschen.

Was Rockville nicht hat, ist eine eigene musikalische Sprache. Kennt man die Show nicht und orientiert sich allein an der Cast-CD, so ist die Vielfalt der Songs schier überraschend. Von einer Art Big-Band-Sound, einem Sound im Revuestil der 1940er-Jahre bis zu Gospel, von Rock bis Pop und Broadwaysound, alles ist da, manches, wie das Intro zum zweiten Akt (”The Revolt”), fast verstörend in seiner Genrevielfalt innerhalb der eigenen Komposition und der offensichtlichen baulichen Kopie bereits vorhandener Intros anderer Shows. Die Songs sind ab und zu ein wenig, fast könnte man sagen, epigonenhaft. Ein Song klingt wie die nie erschienene B-Side einer Single von Jon Bon Jovi, dann wieder hört man so etwas wie ein AC/DC-Soundalike. Andererseits wird das Publikum wohl sicher nicht überfordert mit allzu neuem Sound, auch kein Fehler.

Anspieltipps: “Picture”, gesungen von Dennis Le Gree, Amanda Whitford und Stephan Zenker, “A mother’s eyes”, interpretiert von Caroline Frank, eine sanfte Ballade, oder “Speak out, Stand Up”, eine clever konzipierte Ensemblenummer, die die starken Stimmen gut zur Geltung und die Zuschauer mit Sicherheit auf die Beine bringt. “Wasted”, eine Bon-Jovi-ähnliche Nummer, gesungen von Alex Melcher - und “Book of love”, die von der Melodie her beste Nummer, in dieser Version vom ganzen Ensemble gesungen, im Original der Trademark-Song vom viel zu unterschätzten Starmania-Sieger Michael Tschuggnall. Allein dieses Lied würde den Besuch der Show schon rechtfertigen. Clever auch hier das Arrangement, das durch einen Touch Gospel jeglichen Kitschfaktor neutralisiert. Wer Musical hasst, wird keine Probleme mit dieser Cast-CD haben, und wer Musicals mag, schon gar nicht.

“Rockville” ist noch bis 4. Oktober in München im Deutschen Theater zu sehen, und hoffentlich auch mal in Wien - warum nicht?

»Gustav Klimt« – die Sommerfestspiele Gutenstein, ein Erlebnis

Ich bin ja kein großer Freund von dem, was man “Sommertheater” nennt. Nicht, weil die Produktionen unbedingt so schlecht wären, nein nein, das Ganze findet nur eben meistens im - Sommer statt, bei Sonne, hohen Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit … all das begeistert viele “Sommermenschen”, und als deren genaues Gegenteil wäre ich ganz bestimmt ein begeisterter Besucher aller Wintertheater, nur gibt es da nicht allzu viel, was man direkt mit dem, was man so allgemein als “Sommertheater” bezeichnet, vergleichen könnte. Ein sogenanntes “Wintertheater” existiert zwar tatsächlich, beispielsweise das “Wintertheater Freilichtbühne Herdringen”, aber viel mehr davon müsste es geben. Ein Thrillermusical im verschneiten Prater, das wärs doch, oder eine verzweifelte Vampirliebe in den Katakomben Wiens?

Wie auch immer, glückliche Umstände und ein rasanter Autolenker (Gutenstein-Wien in 34 Minuten!) verhalfen mir dieser Tage zu einem Besuch der “Festspiele Gutenstein”, wo seit dem 2. Juli und noch bis 9. August gespielt wird. Im nun zweiten Jahr dieser neuen Festspiele, die die “Raimundspiele Gutenstein” abgelöst haben, steht wie im Vorjahr (”Tutanchamun”) eine Uraufführung” auf dem Programm, nämlich “Gustav Klimt”.

Gutenstein, das ist bemerkenswert, kann mit bekannten Namen aufwarten: Andrà© Bauer (”Gustav Klimt”), Lucius Wolter (”Franz Matsch”), Harald Tauber (”Kolo Moser”, “Alter Professor”), Thomas Smolej (”Ernst Klimt”, Ensemble), Sabine Neibersch (”Emilie Flöge”), Barbara Obermeier (”Helene Flöge”), Lisa Habermann (”Mizzi Zimmermann”, Ensemble), Dana Harbauer (”Genius”) sowie Manauela Gager, Catherine Seraphim, Stefan Bischoff und Georg Leskovich, sie alle sind im Theatergeschäft bekannte Namen, sei es auf Musical-, Kabarett- oder anderen Theaterbühnen, sei es, dass sie bereits arriviert sind oder gerade von Musical- und Schauspielschulen aus ihren Weg machen.

“Gustav Klimt”, das Musical, erzählt zum einem Gutteil die Karriere des Malers aus einer privaten Perpektive im Spiegel seiner Lebensmenschen, sei es nun sein Bruder Ernst Klimt, oder seine diversen Geliebten.

Die Malerei als eigentliches Thema eines Musicals zu nehmen, ist interessant und der spannendste Aspekt dieser Produktion, gleichzeitig aber auch relativ gewagt, vieles müsste man erklären, damit das Publikum, das nicht mit der Biographie des Künstlers vertraut ist, die Zusammenhänge versteht. Bei “Gustav Klimt” werden die Gründe, warum Klimt malte, wie er malte, entweder im Spiegel seiner Konkurrenten, Kontrahenten und Partner gezeigt oder es wird versucht, dies durch eine speziell eingeführte Kunstfigur, genannt “Genius”, zu vermitteln, auf die wir noch zu sprechen kommen.

Viele Zuschauer kommen sicher tatsächlich mit der Erwartung in die Show, etwas über die Beweggründe zu erfahren, die Klimt dazu gebracht haben, seine bekanntesten Werke zu schaffen. Ob sie diesbezüglich befriedigt die Vorstellung verlassen, ist die Frage. Woher beziehen die Besucher am Ende die Hauptinformationen über den Künstler und Menschen Klimt. Ist es die Musik, sind es die Texte und Dialoge? Vermutlich bleibt nicht viel mehr hängen als ein optischer Eindruck. Denn rein optisch hat die Show einige starke Momente. Vor allem im zweiten Akt werden Bilderlandschaften, komponiert aus den bekannten Werken Klimts, auf Vorhänge und Bühnenwände projiziert, die optisch beeindrucken. Nicht alles ist diesbezüglich geglückt, denn wie es bei Lichtspielen so ist: wo viel Licht, ist auch viel Schatten, und in den wirft man die Darsteller im zweiten Akt bei jedem Schritt, den sie aus dem sehr klein geratenen Lichtspot treten, der für sie gerade noch übrigbleibt, um nicht die Projektionsfestspiele allzu sehr zu stören. Es irritiert manchmal ein wenig, wenn ein Großteil der Darsteller fast im Halbdunkel spielt.

Ein großes Problem dieser Aufführung ist die gesprochene Sprache. Schon Andrà© Bauers erster Satz, den er im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten mit ein wenig Dialektfarbe besprüht: “Und ihr, scheißts euch net an”, zeigt die Richtung. Nämlich die falsche, in die man bei diesem Aspekt in dieser Inszenierung gegangen ist. Dialekt macht man richtig, oder man lässt es ja bleiben, denn man erreicht mit “falsch gesprochenem” Dialekt nicht nur nicht das Ziel, sondern schafft das Gegenteil: emotionale Entfremdung des Publikums vom dargestellten Charakter. Statt dass man ihn durch richtig eingesetzten Dialekt menschelnder gestaltet, skizziert man eine Kunstfigur, die durch Pseudodialekt gebrochen wird. Freilich ist die Frage, ob das Regisseur Dean Welterlen überhaupt auffallen konnte. Wie kann man nur auf die Idee kommen, Andrà© Bauer oder Lucius Wolter im Wiener Dialekt sprechen zu lassen. Das ist nicht nur fahrlässig, das ist fast schon ein bewusstes Lächerlichmachen von Darstellern, die damit vor einer nicht lösbaren Aufgabe stehen. Thomas Smolej hat es da naturgemäß etwas leichter. Der unter anderem am Wiener Simpl spielende Darsteller & Regisseur weiß, wie man mit dem gesprochenen Wort fein justieren kann. Das Simpl ist nicht zuletzt auch eine präzise Schule verschiedenster Dialektspielarten. So ist es auch kein Wunder, dass der von Smolej gespielte Ernst Klimt von den Herren am natürlichsten rüberkommt, natürlich neben einem bei “Klimt” wirklich groß aufspielenden Harald Tauber, der hier in jeder, auch der kleinsten Rolle eine glaubhafte Spiellust erkennen lässt.

Kein Mensch kann nachvollziehen, warum Andrà© Bauer zu 95 Prozent Hochdeutsch spricht und dann 5 Prozent hochdeutsch gefärbte unnatürlich wirkende Dialektfremdkörper einwirft (bei Lucius Wolter sind es vielleicht 1 bis 2 Prozent). Sicher kann man hier mit Standesunterschieden argumentieren, die man so zum Ausdruck bringen will, aber wird dieses Ziel auch erreicht? Nein, zu kopflastig wäre das gedacht und geplant.

Was die Melodien »Gustav Klimts« betrifft, so kommt man sich bei einigen der Melodiekonstrukten Gerald Gratzers wie beim Tontaubenschießen vor. Wir haben da einige süße kleine Täubchen (Melodien, die hoch in die Luft steigen - könnten), aber wenn es so richtig ans Abheben geht, werden sie abgeknallt, und zwar in diesem Fall vom Komponisten selbst.

Bei Gratzer scheint die Regel zu gelten, dass eine Melodie nicht einfach einfach sein darf, das Prinzip aus einer einfachen Melodie mittels Steigerungen ein schönes Ganzes zu arrangieren, ist für ihn scheinbar tabu. Die meisten der Songs, beispielsweise “Entfesselt und pur”, das Duett von Genius und Gustav, haben durchaus einprägsame Refrains, aber was davor und danach abgeht, zerstört den melodischen Wohlklang und auch gleich jegliche Erinnerung an den Refrain.

Vollends werden die Melodiekonstukte bei der Figur des Genius problematisch. Genius ist in die Show integriert, um quasi die heimlichen oder wahren Beweggründe Klimts für seine Art, Kunst zu leben, durch Tanz und Lieder zum Ausdruck zu bringen. Nicht schlecht wäre es da zum Beispiel gewesen, wenn man die Chance gehabt hätte, Dana Harbauer, die diese Figur tänzerisch wunderschön verkörpert, auch akustisch zu verstehen. Geht aber nicht, weil die Tonanlage in Gutenstein entweder schlecht ist, oder aber vom Tontechnikteam (Tonmeister: Roland Milleret, Erich Fahringer, Tontechnik: Roland Tscherne, Sounddesign: Niki Neuspiel) einfach nicht richtig justiert wurde. Die Stimmen klingen hallig, bahnhofshallenmäßig, extrem schwer verständlich. Gerade bei einem solchen Stück, wo nicht alles selbsterklärend ist wie sagen wir bei ner simplen Vampir-Story, ist es wichtig, die Leute auch akustisch zu verstehen, wenn sie singen.

In Foren wurde die Theorie aufgestellt, dass man auf verschiedenen Plätzen im Zelt unterschiedlich hört. Schlecht! Das ist keine Erklärung, das ist die Beschreibung eines schlechten Istzustands. Meine Sounderlebnisse stammen aus der Gegend des Cercles, also in jener Kategorie, wo dem Theater unter dem Strich am meisten Einnahmen bleiben sollten, folglich sollte auch eine gewisse Priorität des Sounddesigns oder eben der Tontechnik in diesem Bereich liegen. Das geht, beispielsweise mit kleinen Zusatzboxen, keine Frage.

Was bei Genius aber am meisten irritiert: Die Figur ist schon an und für sich sehr abstrakt angelegt, ihr werden sehr abstrakte Texte (so verständlich) in den Mund gelegt, und sie muss beim angesprochenen Lied (”Entfesselt und pur”) teilweise (bis auf den Refrain) sehr abstrakte Melodiefetzen mit extrem hohen, verstörenden Tönen reproduzieren. Dass da das Publikum aussteigt, liegt auf der Hand. Geht man einen Schritt weiter, stellt sich grundsätzlich die Frage, was für einen Vorteil eine Figur wie Genius hat. Im Falle »Gustav Klimt« ist sie eigentlich nur Beiwerk, zierendes und zierliches, durchaus auch bezauberndes Beiwerk, aber nicht mehr. Alle wesentlichen Beweggründe des Malers für seine entscheidenden Karriereschritte lassen sich aus den Interaktionen mit den tatsächlich existierenden Figuren des Stücks ableiten. Hätten sich die Autoren der Show stärker darauf konzentriert, im Realen zu bleiben, und nicht ins Halbmystische, Pseudopsychologische abzugleiten, hätte aus diesem Musical noch wesentlich mehr werden können. Beweggründe eines Malers so zu malen, wie er malt, das lässt sich auch in Solosongs ausdrücken, wofür muss man da mit Krampf ein ballettartiges Element in die Show einbauen?

Zurück zu Gratzers Musik. Der Komponist kann natürlich auch anders. “Leinwand und Farb”, das Duett von Ernst Klimt und Helene Flöge, ist von der Melodie her sehr einfach gebaut, angenehm zu hören - aber leider völlig nichtssagend textmäßig. “Wir verschmelzen wie Leinwand und Farb”, das wäre auch schon die Aussage gewesen, die Handlung kommt völlig zum Stillstand. Ernst Klimt heiratet also Helene Flöge. Aber wer ist Ernst Klimt, welche Bedeutung hat er? Viele Chancen, das darzustellen oder rauszufinden werden weder dem Schauspieler noch dem Publikum gegeben, wenig später liegt Ernst Klimt auch schon am Boden und stirbt kurz danach. Statt all die Bedeutung, die Ernst für Gustav gehabt hat, aus dem direkten Interagieren der zwei Darsteller abzuleiten, übernimmt zunehmend »Genius«. Damit ist auch der Drive im 1. Akt aus dem Stück, der zu einem Teil aus der dynamischen Kraft des Zusammenspiels von Smolej und Bauer entstanden ist. Andrà© Bauer versinkt in Folge ein wenig in der Routine der von ihm üblicherweise porträtierten Figuren, was so weit führt, dass man in einer Szene an Tonfall und Gestik fast meinen könnte, den Franzl aus “Elisabeth” auf der Bühne zu sehen. So kommt es dann auch, dass man in den Kritiken zur Show das übliche über Andrà© Bauer lesen konnte, was nicht ganz fair ist, weil er sehr starke Szenen hat. Die Tanzszenen des Genius jedenfalls wirken, so schön sie auch für sich sind, etwas aufgesetzt. Sieht man sich nur einzelne Szenen des Stücks beispielsweise auf YouTube an, kann man einem Interessierten, der noch nicht in der Show war, nur schwer erklären, was das alles eigentlich soll. Man bekommt es sofort mit knietief formulierten Musicalklischees zu tun.

Grassers Meisterstück für »Gustav Klimt« ist der Song “Nur dich liebe ich wirklich”, gesungen von Andrà© Bauer – eine einfache Melodie ohne Verschnörkselungen, eine simple, liebevolle Ballade, eigentlich eine klassiche Popballade, die auch im Radio, in einem ansprechenderem Arrangement und ohne all das recht billig wirkende Synthesizer-Beiwerk, Chancen haben könnte.

Und so geht es stil- & arrangementmäßig kunterbunt zu in dieser Show. Da klingt manches fast wie für ein Esoterik-Musical hergrichtet, dann gehts wieder fast discomäßig daher, Walzer und Pop, auch völlig wirr ist die Auswahl der “Instrumente”, wobei man bei den gegebenen akustischen Verhältnissen nicht auszusagen vermag, ob bei der Herstellung des Playback-Bands auch echte Instrumente verwendet wurden oder ob alles aus der guten alten Synthiefabrik gezogen wurde.

Die Songtexte sind zum Teil banal: “Ich bin so frei, ich muss dir sagen, dass ich mich fadisier, und drum verrat ich dir, jetzt und hier, die Kunst ist in Wien ein erschlaffendes Glied”, singt Kolo Moser (Harald Tauber), und man muss in der Musicalgeschichte wohl ziemlich lange suchen, um eine noch abturnendere Metapher zu finden, abgesehen von der extremen Dichte an unnötigen Füllworten, die nur vorhanden sind, um im Takt sprechsingen zu können.

Das größte Problem vieler der Liedtexte ist die Metapherndichte und dadurch eine gewisse Unergiebigkeit an konkreten Aussagen, die man aus den Songs für den Fortgang der Handlung ableiten kann, gekoppelt mit ab und an patscherten Formulierungen, die das Ganze banaler klingen lassen, als es sein müsste. So singt Emilie (Sabine Neibersch, und wohl die ausdrucksstärkste Sängerin des Abends) in ihrem Lied “Wie kann denn Gift so süß sein”: “Wie kann ich hinsehn, wie kann ich wegsehn, was macht dieser Mann mit mir? Weg von hier … Wie die Lust ihn rafft … Wie verwerflich, schert sich nicht um Moral … Will ich auch einmal … Lieber sterb ich. Wie kann denn Gift so süß sein, will ich dieses Feuer spürn. Kann Gift süß sein, könnt ich durch ihn jeden Anstand und Würde verlieren? Will ich sie auch die Freiheit, die er sich einfach nimmt am Körper spürn. Ich will seinen Mund, seine Hände …” Ein Lied mit einem großartigen Refrain, einem nicht sehr geglückten Text und auch hier wieder mit dem Versuch, es durch kompositorische Spielereien etwas “komplizierter” zu gestalten als notwendig.

Was die Choreographien betrifft, so geht durch diese Show eine Bruchlinie. Auf der einen Seite eine durchaus gelungene Choreographie für die ballettartig in Szene gesetzte Kunstfigur Genius (auch wenn man sie grundsätzlich in Frage stellt). Auf der anderen Seite die eingestreuten Choreos für die Hauptdarsteller und das Ensemble. Gerade da merkt man, dass man nicht etwas aufzwingen sollte, was nicht natürlich wirken kann. Man hat das mit Andrà© Bauer schon einmal bei einer Musical-Christmas-Spielserie im Raimund Theater gemacht. Er musste kleine Steps zu einem Song einüben und ihn so spielerischer wirken lassen. Die erzielte Wirkung war eher “merkwürdig”. Die Steps waren da, aber es hatte etwas Aufgesetztes, Bemühtes. Das liegt nun nicht ausschließlich am Darsteller, sondern auch am Choreographen, der seine Ideen an den Fähigkeiten des Darstellers feinjustieren muss. Mitunter hat Cedric Lee Bradley Choreos entworfen, die, statt die Wirkung einer Szene zu unterstützen, Fragen aufwerfen. Beispielsweise die Eiffelturm-Szene im zweiten Akt, in der »Gustav Klimt« einen großen künstlerischen Erfolg feiert. Er hat mit seinem Werk “Philosophie” bei der Pariser Weltausstellung eine Auszeichnung gewonnnen, und was macht er: Er turnt und verrenkt sich auf einem Gerüst, das den Eiffelturm symbolisieren soll. Dass das dennoch eine der besten Szenen des Stücks ist, liegt an den phantastischen Projektionen in dieser Szene, am Lied, denn “Oben, ganz oben” ist eine recht fetzige, fast discoorientierte schnelle Nummer und auch daran, dass Bauer den Song packend interpretiert. Das einzig Störende ist die Choreographie, die in keiner Weise unterstützend, sondern eher ablenkend wirkt.

Dass trotz all der Kritik am Ende der Show nicht das Gefühl entsteht, man habe einen sinnlosen Abend erlebt, liegt zum Teil am optischen Overkill, der im 2. Akt wohl keinen unbeeindruckt lässt, zum anderen liegt es an Darstellern wie Wolter, Bauer, Neibersch und Smolej, die Leben in ein Regiekonzept tragen, das doch ein bisschen mehr auf Wirkung hätte erarbeitet werden sollen. Auch Manuela Gager und Stefan Bischoff bringen ein wenig Schwung als Klimt-Groupies (Serena und August Lederer), letztlich behält man diverse Einzelszenen in guter Erinnerung, aber was fehlt, ist die vereinende, sichtbare Handschrift des Regisseurs, der für die vielberüchtigte Continuity hätte sorgen müssen. Er hätte beispielsweise auch einen Aspekt herausarbeiten müssen, den wohl nur die wenigsten Zuschauer überhaupt mitbekommen: Vom Beginn der Show bis zum Ende erleben wir 37 Jahre im Leben Klimts. Mögen wir doch alle so unscheinbar altern wie die Darsteller in diesem Musical.

In Zeiten wie diesen das allerwichtigste: “Gustav Klimt” ist ein Musical. Es ist keine Nummernrevue der Zillertaler Alpenspätzler oder von Jürgen Drews. Das Thema ist interessant, bei Musik, Texten und Handlung könnte man noch feilen, aber bei welcher Show kann man das nicht. Gutenstein ist bald vielleicht ein kleines niederösterreichisches Idyll, in dem die Kunstform Musical sich noch erhalten konnte, denn auch 2010 wird dort eine Uraufführung stattfinden, während wir in Wien wohl bei Harald Junkeschem Tralalala im musikalischen Gewand eines Kärntner Liedermachers schunkeln - sollen. Aber man muss nicht bei allem dabei sein!

MUSIKLISTE GUSTAV KLIMT
(die in Großbuchstaben geschriebenen Titel sind auf der ab dieser Woche erhältlichen Cast-CD zu hören)

1 OUVERTÜRE
2 »DAS SELBE WIEN – EINE NEUE WELT« - Gustav, Franz, Ernst
3 »ENTFESSELT UND PUR« - Genius, Gustav
4 «WIE LEINWAND UND FARB’« - Ernst, Helene
»Gratulation der Tradition« - Ensemble
5 »DIE KUNST IN WIEN IST WIE EIN ERSCHLAFFENDES GLIED« - Kolo
6 »WIE KANN DENN GIFT SO SÜSS SEIN« - Emilie
Reprise Entfesselt und pur: »Das ist nicht mehr uns’re Welt« - Genius
7 »DEINE WELT« - Gustav, Mizzi
8 »NUR DICH LIEBE ICH WIRKLICH« - Gustav
9 »WIR KÖNNEN ES BESSER« - Emilie, Helene, Gustav, Franz, Ernst, Kolo
Das Versprechen 1 – »Am Totenbett« - Gustav, Ernst
»Der Zorn sticht in dein Herz« - Genius
10 «WARUM NUR” – Gustav
Das Versprechen 2 – »Beim Malen« - Gustav
11 »DER ZEIT IHRE KUNST, DER KUNST IHRE FREIHEIT« – Gustav, Kolo, Genius, Ensemble
12 »WIE GENIAL« - Ensemble, Gustav, Genius
13 »JA, JA« – Serena und August Lederer
14 »SO ZU LIEBEN« – Emilie, Helene
Was wahre Kunst ist, sagen wir! – Die Professoren
15 »NUR BEI DIR« – Gustav, Emilie
16 »OBEN, GANZ OBEN« - Gustav
17 »WIE EIN SCHATTEN IM NEBEL« – Mizzi
»Was verstehst denn du von der Liebe…« – Genius, Gustav, Emilie
18 »IM RAUSCH ALLER SINNE« – Franz, Genius
19 »WEITER, WEITER, JETZT UND IMMER« – Genius, Gustav, Emilie, Ernst, Franz, Mizzi.
20 »MEINE FREIHEIT WARST SCHON IMMER DU« – Gustav, Emilie

Leading Team
Künstlerische Leitung: Ernst Neuspiel
Musik: Gerald Gratzer
Buch/Producer: Niki Neuspiel
Buch/Lyrics/ Regieassistenz: Sissi Gruber
Lyrics: Birgit Nawrata
Regie: Dean Welterlen
Choreografie: Cedric Lee Bradley
Musikalische Einstudierung: Herwig Gratzer
Bühnenbild: Edi Neversal
Kostüm: Uschi Heinzl
Maske: Monika Krestan
Lightdesign: Richard Frank

Cast
Gustav Klimt: Andrà© Bauer
Emilie Flöge: Sabine Neibersch
Helene Flöge: Barbara Obermeier
Franz Matsch: Lucius Wolter
Ernst Klimt: Thomas Smolej
Mizzi Zimmermann: Lisa Habermann
Genius: Dana Harbauer
Kolo Moser: Harald Tauber
Wilhel von Hartel: August Breininger

ENSEMBLE DAMEN
Manuela Gager
Theresa Huprich

ENSEMBLE HERREN
Stefan Bischoff

VORSTELLUNGSTERMINE
Sa. 25. Juli 19:30
So. 26. Juli 18:00 Fam.vorstlg.
Fr. 31. Juli 19:30
Sa. 01. August 19:30
So. 02. August 18:00 Fam.vorstlg.
Fr. 07. August 19:30
Sa. 08. August 19:30
So. 09. August 18:00 Fam.vorstlg.

SONYS Geschäftemacherei mit der Cast-CD von “West Side Story”

Ein Broadway-Revival der “West Side Story” muss natürlich auch auf CD verewigt werden. Obwohl die Cast-Recording-Branche ächzt und über sinkende Verkaufszahlen klagt: Bestimmte Shows sind sichere Verkaufshits. Die “West Side Story” gehört ganz bestimmt dazu.

Wer allerdings ein Fan der Show ist und alle aufgenommenen Tracks haben möchte, muss sich nicht weniger als drei CDs kaufen, die zu 95 Prozent jeweils dieselben Tracks enthalten - plus insgesamt fünf Bonus-Tracks. Auf einer “Barnes & Noble”-Edition befinden sich drei Bonus-Tracks, auf dem “exklusiven” iTunes-Release zwei weitere, die man nicht separat downloaden kann.

Die einzelnen CD-Ausgaben

1) SONY-Masterworks 752391
Tracks:
01. Prologue — Orchestra
02. Jet Song — Cody Green, Jets
03. Something’s Coming — Matt Cavenaugh
04. The Dance At The Gym — Company
05. Maria — Matt Cavenaugh
06. Tonight — Matt Cavenaugh, Josefina Scaglione
07. America — Karen Olivo, Jennifer Sanchez, Shark Girls
08. Cool — Cody Green, Jets
09. One Hand, One Heart — Matt Cavenaugh, Josefina Scaglione
10. Tonight (Quintet and Chorus) — Company
11. The Rumble — Orchestra
12. Me Siento Hermosa — Josefina Scaglione, Jennifer Sanchez, Danielle Polanco, Kat Nejat
13. Somewhere — Nicholas Barasch, Matt Cavenaugh, Josefina Scaglione, Company
14. Gee, Officer Krupke — Curtis Holbrook, Jets
15. Un Hombre Asà­/I Have Love — Karen Olivo, Josefina Scaglione
16. Finale

2) SONY-Masterworks: iTunes-Ausgabe
Zwei Bonus-Tracks:
- A Boy Like That/I Have A Love (English Version) [Bonus Track]
- Jump (Bonus Track)

3) SONY-Maeterworks: Barnes & Noble-Ausgabe
Drei Bonus-Tracks:
- I Feel Pretty (English Version)
- Somewhere (Instrumental)
- Tonight (Instrumental)

Man braucht nicht groß drumherum reden. Der Sinn hinter dieser Aktion der Firma SONY ist ausschließlich Geschäftemacherei der besonders dreisten Art, die Konsequenz werden die Käufer ziehen, und sie ziehen diese Konsequenzen schon seit Jahren. Vielleicht ist die Krise bei den Cast Recordings noch nicht so angekommen, dass sie wirklich wehtut. Musicalliebhaber kaufen nach wie vor überwiegend CDs, weil sie den vollen Sound wollen. Wenn sie aber nun merken, dass sie, um eine ganze Show zu erhalten, miese iTunes-Rips in Kauf nehmen müssen, dann werden auch sie vielleicht ihre Konsequenzen noch deutlicher ziehen.

Egal, wie gut oder schlecht diese CD sein mag, ich empfehle, sie nicht zu kaufen. Vielleicht noch ein Tipp für SONY. In den 1950-er Jahren gab es von manchen Aufnahmen Mono- und Stereo-Releases und auch auf diesen Ausgaben waren unterschiedliche Tracks zu finden. DAS wäre doch eine neue Geschäftsidee.

HitSquad: Frühlings Erwachen (Cast Album Live), 2009

Auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und der CD-Absatzkrise werden in Wien Cast-CDs auf den Markt gebracht. Das ist mal die gute Nachricht. Die noch bessere Nachricht ist, dass man beim Wiener Label MG-Sound/HitSquad, das seit geraumer Zeit alle Cast-CDs der Vereinigten Bühnen Wien produziert, Wert auf Qualität legt. Im Gegensatz zu anderen Produzenten deutschsprachiger Cast-CDs nimmt man nicht einfach die Orchesterspur aus England oder New York und lässt deutschsprachige Interpreten dazu singen - das wäre auch ziemlich unangemessen, hat man doch mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien einen hervorragenden Klangapparat an der Hand.

Die neueste Cast-CD von HitSquad, die am 15. Mai 2009 erschienen ist: “Frühlings Erwachen”, bezeichnet als “Cast Album Live”. Es handelt sich dabei um einen Livemitschnitt einer Vorstellung des Rockmusicals von Steven Sater und Duncan Sheik, genauer gesagt wurden zwei Vorstellungen (17. und 18. April 2009) mitgeschnitten.

Was wir auf der CD hören, ist einerseits alles, was an brauchbarem Output herausgekommen ist, andererseits wurden, im Gegensatz zur Original Broadway Cast CD, auch Dialoge mit auf die CD genommen. Das macht Sinn, so wie es auch Sinn gemacht hätte, einen vollständigen Livemitschnitt zu produzieren. Aber bei der begrenzten Spielzeit und den damit verbundenen Kosten, war das wohl nicht drin.

Eine Highlights-Live-CD ist natürlich gerade bei “Frühlings Erwachen” eine schwierige Sache, sind doch Songs und Dialoge oft eng miteinander verwoben. Dadurch, dass man manche Lieder aus den Dialogszenen herausisolieren musste, mag für all jene, die die Show gesehen haben, der eine oder andere Song “abgeschnitten” klingen. Natürlich ist das so am Anfang von “Meine Sucht” (”My Junk”), allerdings sind das eben Kompromisse, die man machen muss, wenn man nur die Spiellänge einer CD zur Verfügung hat.

Ja, man hört den klanglichen Unterschied zwischen beispielsweise Sprechstellen von Julia Stemberger und Wolfgang Türks. Doch muss man da berücksichtigen, dass Stemberger ausschließlich über ein Kopfmikro aufgenommen wurde, während Türks zum Teil in ein Handmikro gesungen hat. Sicher kann man das im Studio neu aufnehmen, aber das ist nicht primär eine Zeit- und Kostenfrage, sondern vor allem eine Frage der Authentizität der Aufnahme und daher goldrichtig so. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Liveaufnahme, bei der man kein “Live-Gefühl” vermittelt bekommt.

Klanglich gesehen wird man diese Show vielleicht in den ersten paar Reihen des Ronacher derart dynamisch erleben können, aber ab der sechsten oder siebenten Reihe wird der Klang im Ronacher bereits zunehmend schwächer. Eine traurige Angelegenheit, lebt doch diese Show sehr von der klanglichen Dynamik der Songs. Hört man sich also die CD an, werden viele auf einmal Nuancen hören, die sie live nie hören konnten. Eigentlich eine absurde Angelegenheit. Aber vielleicht gibt es ja gerade deswegen die Generation iPod, die mit mies gerippten MP3 dann das gleiche Klangerlebnis wie im Ronacher schafft. Oder vielleicht hat man das Ronacher extra für die Generation iPod akustisch downgegradet, das wäre dann wahrlich innovativ. Die Instrumente sind auf der CD so abgemischt, dass man Violine, Viola, Cello auch tatsächlich unterscheidbar wahrnehmen und nicht alles in einem dumpfen Soundbrei bestenfalls erahnen kann. Das könnte man auch im Ronacher erreichen, aber dazu müsste man den gesamten Saal mit einem ausgeklügelten Lautsprechersystem bestücken. Ja macht denn das Sinn? No na, es handelt sich um ein Haus, das MUSIKtheater spielt. Dass man da eine gläserne Kantine errichtet, aber am Soundsystem nichts verbessert, ist geradezu ein Hohn.

Natürlich könnte man die Besprechung der Cast CD dazu nutzen, die gesangliche Qualität der Sänger noch einmal durchzugehen, doch da reichen eigentlich ein paar Bemerkungen. Herausstechend aus der Cast ist von den Damen Jennifer Kothe. Ihr “Winterwind” “(”Blue Wind”) ist rein und makellos, eine Stimme, bei der man sich zurücklehnen und entspannen kann. Man ist sich ganz sicher, dass es da nie einen auch nur ahnbar falschen Ton geben kann, eine Ausnahmestimme. Wolfgang Türks bringt mit ganz eigener Stimmfarbe die Rocksongs wunderbar über die Bühne. Das gesamte Ensemble ist bis in die Nebenrollen perfekt besetzt mit tollen Stimmen. Hanna Kastner hat eine etwas eigene Stimmtechnik, die bewirkt, dass sie die richtigen Töne mal zuerst anvisiert und dann trifft, vermutlich ein Relikt aus ihren “Kiddy Contest”-Zeiten. Rasmus Borkowski ist zweifellos sehr interpretierend unterwegs, sehr gefühlvoll, aber seinen “knödelnden” Touch in den Höhen mag man, oder eben nicht.

Nicht zufrieden kann man mit der Gesamtauslastung der Show im Ronacher sein. Und dass die Show schlecht ausgelastet ist, ist eigentlich nicht verständlich, wenn man sich diese Cast-CD angehört hat. Ein bisschen mehr Promotion hätte “Frühlings Erwachen” in Wien zu einem Hit machen müssen. Man kann eine Cast auch mal zu Live-Auftritten schicken, man kann der Cast auch die Möglichkeit geben, auf Eigeninitiative Promotion zu betreiben und nicht im Vorfeld derartige Initiativen untersagen.

Ein Beispiel, wie man blendend für die Show werben kann, ist der “Notizblog” von Matthias Bollwerk. Er schafft es, mit seinen YouTube-Videos neben seiner Arbeit im Theater wesentlich sinnvollere Promotion für die Show zu machen als das ganze “Frühlings Erwachen”-Blog der VBW. Das ist nun keine Kritik am Blog der VBW, nur muss man, wenn man sich auf das Internet einlässt, auch ein paar der grundlegenden Regeln befolgen. Ein Blog, das im Vorfeld recht brav alle paar Tage mit Updates versorgt wird und danach einfach vergessen wird, ist völlig sinnlos. Eine Website, die keine Keywords hat, keine Meta-Tags und in der Blogosphäre nicht sichtbar ist, macht einfach keinen Sinn. Wenn man das Medium Blog wählt, dann muss man auch versuchen, sich mit den wichtigsten Seiten zu verlinken. Tägliche Postings sind eine so große Zeitfrage nicht. Man hat die Leute im Theater an der Hand, wo ist das Problem?

Zurück zur CD. Im Booklet finden sich auch die Songtexte. Ein guter Trend zeichnet sich da ab, fehlten die Lyrics doch bei vielen vorangegangenen Cast-CDs.

Fazit: Kaufempfehlung!

Tracks
01 MAMA (Wendla)
02 MAMA Reprise (Wendla & Girls)
03 DIESE WELT (Melchior & Boys)
04 SO´N VERFICKTES LEBEN (Moritz & Boys)
05 MEINE SUCHT (Girls & Boys)
06 SPÜR MICH (Boys & Girls)
07 MEHR ALS NUR WORTE (Wendla & Melchior)
08 WAS SICH NICHT ERZÄHL´N LÄSST (Martha, Ilse)
09 UND DANN IST´S VORBEI (Moritz)
10 ICH VERTRAU (Boys & Girls)
11 MACH NICHT AUF TRAURIG (Moritz)
12 WINTERWIND (Ilse)
13 ES BLEIBT ZURÜCK (Melchior, Boys & Girls)
14 VÖLLIG IM ARSCH (Melchior, Boys & Girls)
15 HÖR NUR HIN (Wendla)
16 DAS LIED VOM WIND DES SOMMERS (Ilse, alle)

Kabarett Simpl: Ein großes Gwirks

Foto: Johannes Glück

Während die ganze Theaterbranche derzeit in Schutt und Asche geht, über mangelnde Auslastung klagt und parallel die Kartenpreise in Regionen treibt, wo man dann tatsächlich dankend verzichtet, dreht das Kabarett Simpl scheinbar erst so richtig auf. Im Stammhaus in der Wollzeile Karten zu bekommen, ist wie bei der Lotterie. »Leider Nicht«, heißt es immer öfter. Kein Wunder also, dass man kurzerhand ein zweites Standbein geschaffen hat, das zirka 600 Sitzplätze fassende Palais Nowak, ein eigens errichteter Zeltbau in Wien Erdberg, in dem einige Monate bereits »Krawutzi Kaputzi«, die erfolgreichste Wiener Musicalproduktion der letzten Jahre, gelaufen ist und demnächst »Tschüss! Das war der ORF!« an den Start geht – und da das nun ja auch noch nicht alles sein kann, bespielt man ab Herbst noch ein drittes Haus, nämlich das Vindobona. Der genaue Spielplan dafür dürfte in den nächsten Wochen präsentiert werden.

Foto: Johannes Glück

Im Stammhaus, dem Kabarett Simpl, läuft seit vergangenen Oktober und noch bis zum 16. Mai 2009 die neueste Nummernrevue von Michael Niavarani und Albert Schmidleitner: »Ein großes Gwirks«. Genau das ist auch der Titel des musikalischen Intros zur Show. Zum Charts-Hit »New Soul« von Yael Naim schrieb Johannes Glück einen wienerischen Text, mit dem das Ensemble, bestehend aus Angelika Niedetzky, Alexandra Schmid, Christoph Fälbl, Ciro de Luca, Stefan Moser, Bernhard Murg und Thomas Smolej eine quasi sentimental-populärkabarettistische Abhandlung liefert, wie sehr unser aller Leben doch ein ganz ganz großes Gwirks sein kann. Eine von Cedric Lee Bradley nett choreografierte Einstimmung, bei der die Schauspieler als Marionetten stilisiert dem bitterbösen Schicksal ausgeliefert sind.

Foto: Johannes GlückCiro de Luca hält danach das Herzstück jeder Simpl-Revue, die Confà©rence. Es gilt das Publikum aufzuheizen, den Hardcore-Pensionistenanteil abzuchecken und herauszufinden, wos heut los is. Samma alle bereit zum Lachen, oder nicht? Seine Vorgänger: Ernst Waldbrunn, Karl Farkas, Maxi Böhm, Martin Flossmann, Ossy Kolmann, Peter Rapp, Erwin Steinhauer, Michael Niavarani, Dolores Schmidinger, Steffi Paschke, Viktor Gernot und Herbert Steinböck – das sagt viel und nichts. Als Simpl-Confà©rencier gilt es, souverän zu sein, spontan, eigentlich wäre eine gewisse Schneyder’sche Komponente kombiniert mit einer Farkas’schen nicht so übel. Bei der besuchten Vorstellung hat der Confà©rencier allerdings vor dem Feind, in diesem Fall das Publikum, nach einigen Minuten kapituliert. Wie? Nun, indem er das Publikum zum Klatschen aufgefordert hat, Marke All-inclusive-Animateur. Kaum beginnt ein leicht amüsierter Zuschauer einmal zaghaft zu klatschen, dröhnt es von der Bühne »Ja, klatschen Sie ruhig, klatschen Sie.” Das ist ungefähr so, als würde ein Koch zu jedem einzelnen Gast im Restaurant gehen und sagen: »Ja, essen Sie, essen Sie um Gottes Willen.”

Aber verbeißen wir uns nicht in den Simpl-Confà©rencier, mein Gott, er hats nicht leicht. Denn er kann ja nicht mal abgelöst werden. Warum? Schlicht und ergreifend deswegen, weil es keinen gibt, der den Job machen kann oder will. Sicher könnte man sagen: Also, da muss der Chef ran. Aber Michael Niavarani wäre schön blöd, sich 200 Mal pro Jahr auf die Bühne des Simpl zu stellen und 200 Mal pro Jahr … Ja, genau da liegt vielleicht der Hund begraben. Denn eine Simpl-Confà©rence sollte ja eine spannende Sache sein, auch für den, der sie hält. Und wenn sie heutzutage ein wenig so rüberkommt, als würde ein Büroangestellter seinen Job erfüllen, dann, ja dann stimmt vielleicht was nicht.

Das Gwirks mit dem Simpl-Confà©rencier sollte uns aber jetzt nicht mehr lange aufhalten. Nach der Confà©rence beginnt die Nummernrevue. Und es ist eine klassische Nummernrevue. Es folgt Sketch auf Sketch, dazwischen wird abgeblendet und mit dem einen oder anderen Lied, nett choreografiert, aufgelockert. Aus Queens »We are the Champions« wird zum Beispiel eine satirische Nummer über die EU, textmäßig ungefähr so im Refrain: »Ihr Brüssler Wappler – Ihr könnts jetzt alle - scheissn gehn.« Ein routiniertes Schauspielerteam ist am Werk, das geht alles fließend über die Bühne, und man merkt den Darstellern auch an, dass es ihnen Spaß macht, oder aber sie vermitteln zumindest gekonnt ebendiese Illusion. Beides muss und kann dem Publikum recht sein.

Foto: Johannes Glück

Auch diesmal, wie schon im letzten Programm, kämpft Bernhard Murg in einer der besten Nummern des Abends mit der Technik. Er hat so sein rechtes Gwirks mit den Passwörtern seines Laptops. Gemeinsam mit Thomas Smolej, der als sein Sohn in dieser Szene zu sehen ist, und Alexandra Schmid als seine Frau liefert Murg eine herrlich komische Parodie eines partiellen Informationszeitalter-Analphabeten, und auch der berühmte Simpl-Dreh am Ende, der den Sketch von der überzeichneten Alltagssituation ins völlig Abstruse kippt, gelingt köstlich. Wutentbrannt springt der Laptop-Gescheiterte auf seinen Sessel, stampft wütend auf und schreit:

»Jetzt reichts aber mit den DEPPERTEN Passwörtern. Jetzt werd ich an Usernamen und a Passwort schreiben, dass da schwindlig wird. So! Username: Schastrommel. Do host deine zwölf Buchstaben. Und weiter geht’s. Passwort: O-A-S-C-H-L-O-C-H-1. Und ENTER. AHA. I bin drin. I BIN DRIN!”

Eine unheimlich komische Nummer, in der alle Schauspieler, sei es Murg, Smolej oder Schmid, herrlich interagieren – und Murgs Rumpelstilzchen-Finale ist wunderbar.

Die gewisse Derbheit, die in den Gags der Simpl-Programme als Grundlinie vorhanden ist, macht die Shows deswegen noch lange nicht vulgär oder primitiv, sie ist vielmehr wie eine Art Unterlage, auf der die Schmähs im besten Fall abgehen wie Lumpi. Jeder Satz ein Lacher, das ist und bleibt das Ziel. Der derbe wienerische Slang ist das kleinste gemeinsame Verbindende aller Simpl-Stammgäste, und wenn die Darsteller hemmungslos Grimassen schneiden und Vokale im Mund zerquetschen, bevor sie sie genüsslich rausmurgeln, dann ist das ein Ergebnis von präzisem Timing und erarbeiteter Gestik.

Foto: Johannes Glück

Ein Lieblingsthema der Simpl-Macher, bei dem man dieses Zermurgeln genüsslich zelebriert, ist unser Lieblingsnachbar, Deutschland. Schick einen Deutschen in ein Wiener Kaffeehaus, film mit, und eigentlich braucht man Pointen dann nur mehr transkribieren. Und genau so einen Fall bietet auch das aktuelle Programm. Bernhard Murg (»Heißen tu ich Hans, rufen dürfen Sie mich ,Lieber Herr Ober‘) als typischer Wiener Ober in einem Kaffeehaus trifft auf das leibhaftige Klischee eines deutschen Pärchens, köstlich in Szene gesetzt von Regisseur Hannes Muik und herrlich gespielt von Thomas Smolej und Alexandra Schmid, die vom Wiener Original nicht bedient, sondern bestenfalls abgefertigt werden. Eine Variante dieser Situation bietet gleich der nächste Sketch, in dem ein Bauern-Pärchen (Bernhard Murg und Angelika Niedetzky) auf zwei Ober der ganz speziellen Sorte (Christoph Fälbl und Ciro de Luca) trifft. Das ist dann die Kür der gutturalen Lautfabrikation, und jeder Satz ein Lacher.

Das Simpl bemüht sich in den letzten Jahren, genauer gesagt, seit Werner Sobotka, Hannes Muik und Michael Niavarani an Bord sind, verstärkt den Nachwuchs aus dem Schauspiel-, Musiker- und auch Autorensektor zu fördern beziehungsweise sich die kreativen Potentiale jener Leute zu sichern. Beispiele dafür sind der Komponist Johannes Glück, der aus dem Stand mit »Krawutzi Kaputzi« einen Wiener Immergrün produziert hat, in der Hauptrolle war mit Otto Jaus ein Absolvent des Konservatoriums zu sehen. Beim »Gwirks« nun steuert Flo Stanek die gemeinsam mit Jürgen Miedl geschriebene Nummer »Dr .Hypochondris” bei, einen Sketch, in dem sich ein Krocha (Stefan Moser) und ein Emo (Thomas Smolej) im Wartezimmer von Psychoonkel Bernhard Murg treffen. Stanek studiert derzeit an der Konservatorium Wien Privatuniversität (Studienzweig Musikalisches Unterhaltungstheater, 1. Jahrgang) und tritt neben seinem Studium gemeinsam mit Jürgen Miedl als Miedl & Stanek mit dem aktuellen Kabarettprogramm »Stopptafel-Besessenheit« auf (beispielsweise am 28. Mai im Theater Forum Schwechat). Bei seiner ersten Show im Rahmen seiner Ausbildung am Konservatorium lieferte er nicht nur eine Probe als Darsteller, sondern auch als Übersetzer ab. Aus dem Marvin Hamlisch-Musical »They’re playing our song« interpretierte er die von ihm selbst ins Wienerische übertragene Nummer »Fallin‘«. Den vielversprechenden Nachwuchs ans Simpl zu holen, ist der erste Schritt, der zweite und noch wichtigere wäre, den engagierten Nachwuchs auch aufzubauen. Nehmen wird Thomas Smolej als Beispiel. Er hat 2006 in der Simpl-Nummernrevue “Welttag der Nudelsuppe” mehr oder weniger als Zeilenträger begonnen, bekommt schön langsam etwas größere Partien, na, da wäre es doch nicht schlecht, wenn er einmal eine Hauptrolle in einem Sketch auf den Leib geschrieben bekäme, oder bei einer Doppelconfà©rence dabei wäre. Im Prinzip würde sich da sogar noch das aktuelle Programm anbieten, denn wie man anbaggert, die Doppelconfà©rence, in der Ciro de Luca Christoph Fälbl das Frauenanbraten erklärt, wäre in einer Paarung wie Fälbl–Smolej vielleicht sogar einen Touch lustiger.

Foto: Johannes Glück

Absurdes hat Hauptsaison im »Gwirks«. So wird in einer Szene eine Leichenfeier zelebriert. Die schene Leich: die Zeitansage (Tel.: 1503), aber auch die Glühbirne und das Plastiksackerl und etliche Straßenbahnen. Die treffende Schlusspointe:

Er: »So ist das mit den Sachen, die ausgedient haben. Was die Gesellschaft nicht mehr braucht, stirbt, so is es.«
Sie: »Jösas, schauns a mal da drüben!«
Er: »Wo denn?«
Sie: »Na da drübn! Da schaufelns das Grab fürn ORF!«
Er: »Na endlich.«

Eine Parodie auf die Landeshauptmänner von Niederösterreich und Wien zeigt, mit wie wenig Mitteln Ciro de Luca und Bernhard Murg Charaktere skizzieren können. Mutierte Murg im letzten Programm zur ehemaligen Gesundheitsministerin Kdolsky, so gibt er diesmal den Wiener Bürgermeister Michael Häupl genauso gekonnt. Und auch de Luca zeigt, wo vor allem seine Talente liegen.

Foto: Johannes Glück

Von den Songs, die im “Gwirks” eingestreut sind, ist “u.s.w.”, ein von Johannes Glück komponiertes und getextetes Lied, das sich mit dem Abkürzungswahn bei Kontaktanzeigen beschäftigt und textmäßig ausschließlich aus Abkürzungen besteht, sicher das gelungenste. Es hat einen leicht sentimentalen Touch, und Angelika Niedetzky und Bernhard Murg interpretieren es grandios. Aber letztendlich erfüllt auch das Rausschmeißer-Lied “Warum san mir Ami a Weh”, in dem nach Simpl-Logik bewiesen wird, warum die USA ein Entwicklungsland sind, ebenfalls von Johannes Glück geschrieben, seinen Zweck. Das Publikum geht danach gut gelaunt nach Hause.

Foto: Johannes Glück

“Ein großes Gwirks” ist wieder ab 27. April und nur noch bis 16. Mai 2009 zu sehen.

Ein großes Gwirks
Eine Kabarettistische Revue
von Michael Niavarani und Albert Schmidleitner

Mit: Angelika Niedetzky, Alexandra Schmid, Christoph Fälbl, Ciro de Luca, Stefan Moser, Bernhard Murg und Thomas Smolej

Confà©rence: Ciro de Luca
Musikalische Leitung: Christian Frank
Choreographie: Cedric Lee Bradley
Kostüme: Gaby Rajtora
Bühnenbild: Markus Windberger
Regie: Hannes Muik

Leonhard Czernetzki; Doris Fischer: »150 Jahre Operette in Leipzig«

Am Schnitt-/Berührungspunkt von Operette und Musical balanciert die Buchneuerscheinung »150 Jahre Operette in Leipzig«, herausgegeben von den Freunden und Förderern der Musikalischen Komödie Leipzig e. V. Das Gesamtkonzept für den Band und die Realisierung besorgte Leonhard Czernetzki, den Text verfasste Doris Fischer.
Leonhard Czernetzki war von 1960 bis 2001 erster Konzertmeister des Orchesters der Musikalischen Komödie/Oper in Leipzig, 1972 wurde er zum Kammervirtuosen ernannt. Er ist der Gründer und Leiter des Kammerorchesters der Leipziger Theater. Doris Fischer arbeitet als Regieassistentin, Dramaturgin, Ausstellungs- und Veranstaltungsorganisatorin, Autorin und selbstständige Musiklehrerin.
Einerseits ist »150 Jahre Operette in Leipzig« ein Bildband mit einer wahren Fülle an Abbildungen: Ölbilder, Graphitstiftskizzen, Stiche, Photos beipielsweise der Theater von innen und außen im Laufe der Jahrzehnte, Karikaturen, Zeitschriftenausschnitte, Auschnitte aus Programmheften, Autographen, Plakate, Kostümentwürfe – ein Schatz an Originaldokumenten, die Geschichte des Musiktheaters in Leipzig illustrierend und dokumentierend. So werden wohl die meisten einfach mal die 176 Seiten des Buches zuerst rein bildmäßig durchzugehen, beginnend beispielsweise bei einem Foto des »Comödienhauses«, das nach dem klassizistischen Umbau 1816/17 als »Stadt-Theater« bezeichnet wurde und ab 1868 in »Altes Theater« umbenannt wurde. Beschließen könnte man dann eine solche Bildreise mit einem Szenenfoto aus der Broadway-Revue »Show Biz« von Kay Link mit Andreas Rainer oder einem Szenenfoto aus Jerry Bocks »Der Fiedler auf dem Dach« (»Anatevka«). Atmosphärische Bilder, reproduziert in ausgezeichneter Qualität.
Textmäßig bietet das Buch einen Abriss der Aufführungsgeschichte an den Musikheatern Leipzigs, ohne sich jetzt, salopp formuliert, allzu sehr in Details zu verstricken. Der Text ist leicht lesbar (die Schriftgröße ist geradezu monumental), manchmal ist diese selbstauferlegte Detaillosigkeit freilich ein wenig schade. Die eine oder andere Anekdote wäre interessant gewesen. Was ein bisschen fehlt, sind Schnurren aus dem Theateralltag – die kleinen Krimis, die sich beim Erarbeiten von Aufführungen abspielen. Stoff dafür hätte es sicher genug gegeben, sind doch viele Stars der Zeit in Leipzig aufgetreten, wie Johannes Heesters oder Paul Hörbiger.
Ausführlicher textmäßig behandelt wird die Situation des Kulturlebens in Leipzig während des Zweiten Weltriegs, nach den Bombardements und der Zerstörung der Leipziger Theater. Die Bemühungen, das Theaterleben wieder in Gang zu bringen, die Operette in Leipzig wiederzubeleben, dieser Teil der Geschichte ist exzellent herausgearbeitet. Danach, im Kapitel »Operette und Musical im Haus Dreilinden, ab 1960 Kleines Haus, seit 1968 Musikalische Komödie«, driftet das Werk wieder leicht in Richtung Bilderbuch ab.
Das Musicalgenre spielt sich in Leipzig vor allem im Haus Dreilinden ab, dem einzigen Theater, das während des Zweiten Weltkriegs nicht bombardiert wurde. Im bis zu 1500 Sitzplätze bietenden Varietà©theater, etwas abseits der Stadt gelegen und nach der Zerstörung aller anderen Theater kurzerhand zur Behelfsstätte für Oper und Konzert umfunktioniert, konnte schon 1944 mit Carl Maria von Webers »Der Freischütz« ein neues Bespielungskonzept umgesetzt werden.
1960 nahm das neu errichtete Opernhaus am Augustusplatz (Karl-Marx-Platz) den Spielbetrieb auf. Das Haus Dreilinden wurde in »Kleines Haus« umbenannt (hatte allerdings damals 1193 Sitzplätze). Lag der Schwerpunkt hier zuerst bei der Aufführung von Opern, verlagerte sich das in späterer Zeit hin zu Operetten und musikalischen Lustspielen. 1968 erfolgte die Umbenennung in »Musikalische Komödie«. In eben diesem Theater sollte sich neben der Operette das Musical etablieren.
1965 fand mit Cole Porters »Kiss me, Kate« die erste Aufführung eines amerikanischen Musicals in Leipzig statt. Es folgten erfolgreiche Produktionen von »My Fair Lady«, »Der Mann von La Mancha« und »Cabaret«. Mit »Karambolage«, »Man liest kein fremdes Tagebuch«, zwei Musicals von Conny Odd, etablierte sich in der DDR eine eigene Musicaltradition, in Odds Fall den realsozialistischen Alltag thematisierend, oder aber das reiche Spektrum historischer Stoffe verwendend, wie im Falle von »Das Dekameronical« vom bekanntesten Musical-Komponisten der DDR, Gerd Natschinski.
In den 90er Jahren kam unter anderem »Der Kleine Horrorladen« im Kellertheater des Opernhauses zur Aufführung, während die Musikalische Komödie generalsaniert wurde. Am 20. Mai 1993 feierte in der frisch renovierten Musikalischen Komödie »La Cage Aux Folles« seine Premiere. Überhaupt waren die 90er Jahre ein erfolgreiches Jahrzehnt für das Musical. Klaus Winters Inszenierung von »My Fair Lady« (1988) brachte es im Laufe der Jahre auf über 200 Vorstellungen, »Der Fiedler auf dem Dach/Anatevka« (1991), »Sorbas« (1993), »Der Kleine Horrorladen«, »Linie 1«, »Der Zauberer von Oss«, und »West Side Story« – durchwegs Publikumserfolge. 1998 ging die Uraufführung von Tobias Künzels Musical »Elixier« über die Bühne, und auch »Evita«, »Jesus Christ Superstar« und »The Rocky Horror Show« wurden Erfolge.
Was die jüngere Vergangenheit der Operette und des Musicals betrifft, die letzten zehn, fünfzehn Jahre, so findet man im besprochenen Buch nur mehr grobe Angaben. Was definitiv fehlt, ist eine tabellarische Zusammenstellung aller aufgeführten Stücke, optimalerweise mit Premierendatum und mindestens der Anzahl der Aufführungen. Das alles hätte man recherchieren müssen – und wenn wir ganz ehrlich sind: Wenn schon Musical und Operette einen bedeutenden Stand haben in der Tradition des Musiktheaters von Leipzig, dann hätte man das auch im Titel des Buches signalisieren müssen und so vielleicht noch mehr interessierte Käufer erreichen können.
Fazit: hervorragend produziert, wunderbare Fotos aus den Archiven, sehr zu empfehlen.

Leonhard Czernetzki; Doris Fischer: »150 Jahre Operette in Leipzig«. Edition Leipzig in der Seeman Henschel GmbH & Co KG, Leipzig 2009, 176 S.; (Hardcover) ISBN 978 3 361 00649 2. EUR 25,00 www.edition-leipzig.de

Folkwang Hochschule (Hrsg.): »20 Jahre Folkwang Musical«

»20 Jahre Folkwang Musical« – als Buchtitel klingt das zuerst einmal nicht besonders spektakulär. Und mit Begriffen wie »spektakulär« ist dieses Printprodukt, eine Idee des Studiengangs Musical der Folkwang Hochschule, die gemeinsam mit Prof. Patricia Martin und Prof. Gil Mehmert entwickelt wurde, auch nicht bewertbar – aber es ist ein wichtiges Buch für den Ausbildungssektor des Musiktheaters. Nicht etwa, weil hier geheime Erkenntnisse der Lehre preisgegeben werden, sondern weil Bücher wie dieses essentielle Marketingtools jeder Ausbildungsstätte sein sollten – und es doch so selten sind.
Irgendwann, etwa nach 20 Jahren, nach zehn Jahren, alle fünf Jahre oder aber permanent stets aktuell und umfassend online, sollte jede Schule auf diesem Gebiet darangehen, das eigene Standing möglichst öffentlichkeitswirksam darzustellen, die eigene Position schriftlich festzuhalten und beispielsweise über alle jene Produktionen Auskunft zu geben, die man gemeinsam mit den Studenten erarbeitet hat. Mit allen Studenten – auch mit jenen, die nicht die große Karriere machen, mit denen man sich als Schule nicht imagemäßig schmücken kann. Ein Buchprojekt wie das der Folkwang Hochschule holt die Studenten etwas aus dem verschulten halbanonymen Puppenstadium heraus, in dem sich doch einige von ihnen befinden, während sie studieren (und in dem so manch einer auch danach noch eine Zeit verharrt). Sucht man auf den offiziellen Websites der Musicalschulen nach Informationen über die Studenten, findet man oft erstaunlich wenig. Ab und an ergreifen die jungen Künstler selbst die Initiative und coden eigene Sites – dann allerdings kommt es gar nicht mehr so selten vor, dass diese Bemühungen von den Schulen nicht so gerne gesehen werden. Sinnvolle Begründungen dafür gibt es nicht.
Das hier besprochene Buch ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein weiterer wäre vollbracht, wenn Marketingexperten der Musicalschulen jedem einzelnen Studenten ein Plätzchen im Web zur Verfügung stellten, inklusive einer Mindestausstattung wie einem Blog und einer kleinen Einschulung, was man zu tun hat, um die Website mit Inhalt zu befüllen (oder befüllen zu lassen). Selbstvermarktung ist alles, und das Netz ist dabei heute nicht mehr wegzudenken. Die Realität sieht freilich anders aus. Sucht man auf den offiziellen Websites der Schulen unter dem Stichwort »Absolventen«, kommt man an abstruseste Angaben. Auf einmal tauchen mitten im Web Excel-Sheets zum Download auf, die nichts weiter als die Namen der Absolventen und Angaben zum Abschlussjahr enthalten. Wieder andere Lehranstalten versuchen sich mit Bilderrätseln, indem sie auf einer Site acht Passbilder und irgendwo anders die dazugehörigen Namen posten. Die seit rund 85 Jahren bestehende Folkwang Hochschule geht hier einen eigenen, guten Weg.
1989 richteten die Verantwortlichen der Folkwang den »Studiengang Musical« ein, und bereits im ersten Jahr traten die Studenten gemeinsam mit Gästen vom Broadway mit einem selbst erarbeiteten Programm an die Öffentlichkeit: »Broadway meets Musical«. Seit 1989 bietet diese Ausbildungsstätte Jahr für Jahr interessante Shows, beispielsweise »Jaques Brel Is Alive And Well And Living In Paris« (1993), »Company« (1994), »On The Town« (1995), »Into The Woods« (1998) mit Ramesh Nair als »Aschenputtels Prinz« und Cornelia Drese als »Hexe«, »The Apple Tree« (2000) mit Thomas Klotz als »Der Produzent« und Thomas Schweins als »Flip«, »Girl Crazy« (2002) mit Stefan Strara als »Danny« und Serkan Kaya als »Sam«, »Merrily We Roll Along« (2003), »How To Succeed In Business Without Really Trying« (2004), »The Wild Party« (2005), »Bat Boy« (2006), »Pinkelstadt« (»2007), »Rent« (2008) und »Into the Woods« (2009) mit Gaststar Guildo Horn als »Erzähler«.
Im Folkwang-Buch berichten am Institut Lehrende des Fachbereichs Musical über mitunter recht Amüsantes aus der Praxis, beispielsweise Bernd Paffrath (seit 2001 Lehrbeauftragter für Stepptanz): »Und es sollte eine Ausnahme bleiben, dass eine ehemalige Studentin in großer Panik eine sms (in Großbuchstaben) mit der Frage versandte: »SCHNELL. BIN AUF EINER AUDITION FÜR Anything Goes. WAS IST NOCHMAL EIN WING??? BRAUCHE EINE SCHNELLE ANTWORT.« Ich gebe zu, dass meine Antwort etwas gemein, aber der Situation durchaus angemessen ausfiel: »Ein Wing ist eine asiatische Hülsenfrucht!« Leider habe ich vergessen, ob die betreffende Person den Job doch noch bekommen hat.« Ein Thema, das in fast allen Artikeln vorkommt: die triple threats, die Alleskönner, oder anders formuliert: die drei Säulen der Ausbildung: Tanz, Gesang und Schauspiel – das, was Musicaldarsteller auszeichnet. Doch wie sehen Studenten diese Mehrfachbegabung – Segen oder Fluch? Matthias Davids, Gastregisseur an der Folkwang: »Abends nach der Probe in der nahe gelegenen Pizzeria. Meine jungen Darsteller diskutieren heftig, wie sie die zwei Versionen ihrer Bewerbungsunterlagen gestalten sollen. Ich bin irritiert – zwei? »Ja, die eine fürs Musical, die andere fürs Schauspiel«, lautet die lakonische Antwort. Bei einem Schauspielensemble empfehle es sich, die Ausrichtung des Studiums auf das Musicalgenre zu verschweigen, ansonsten verbaue man sich von Anfang an die Chance auf ein Engagement. Ich bin sprachlos. »Und was sagen eure Dozenten dazu?«, frage ich ungläubig und ernte mitleidige Blicke. »Es fängt doch hier an der Hochschule schon an.« »So mancher Schauspielschüler straft und Musicalleute bloß mit Verachtung.« »Wir gelten als die, die alles etwas, aber nichts richtig können.«« Viel hat sich verändert, und vieles so gar nicht. In recht freier Definition auch die besondere Qualität der Folkwang-Studenten. Derek Williams (Professor für Jazzdance und Choreographie) sieht den Schwerpunkt jener Absolventen, die einen Job finden, im Tänzerischen; Simone Linhof, Associate Producer bei Stage Entertainment, ortet den Ruf der Folkwang-Absolventen im Bereich der »Allrounder, Alleskönner, ohne spezielle Schwerpunktsetzung«.
Sehr klug hat die Redaktion (Dr. Wolfgang Jansen, Kommunikation & Medien, Folkwang Hochschule, Maike-Ilke Groß und Wiebke Busch) Unterhaltsames, Persönliches und Informatives gestreut, die Photos sind durchwegs erstklassig und das Design des Buchs (Henning Schlegel) ist modern-pfiffig.
Fazit: Vorbildlich und höchst nachahmenswert.

Folkwang Hochschule (Hrsg.): »20 Jahre Folkwang Musical«. Folkwang Hochschule, Essen 2009. 180 Seiten. EUR 10,–. Zu bestellen über den Online-Shop der Folkwang Hochschule: www.folkwang-hochschule.de/

stadtTheater Walfischgasse: “Mayas Musical Life”

Foto: Martin Bruny
Maya Hakvoorts drittes Soloprogramm (”Maya’s Musical Life”), das am 27. Februar 2009 im stadtTheater Walfischgasse Premiere feierte, sollte es werden, zu dem man nach “Maya Goes Solo” (2005) und “In My Life” (2008) endlich uneingeschränkt gratulieren kann. Und zwar gleich aus mehreren Gründen.

Erstens gibt sie mit der dritten Show ihren Fans das, was die ganz offensichtlich am liebsten haben: Musicalmelodien (”Elisabeth” inklusive) - nicht nur Hits, auch Rareres, gesungen in einer Art und Weise, die erkennen lässt, dass die Künstlerin Musicals tatsächlich auch singen will und ihren Job nicht nur als nervenden Brotberuf empfindet.

Tatsächlich ist es ja so, dass relativ wenige Musicaldarsteller Solokonzerte mit Musicalsongs bestücken. Oft hört man alles andere bei Soloausflügen, angefangen bei Jazz über Rock bis hin zu Metal. Was an und für sich eine tolle Sache ist, zeigt es doch die Bandbreite, die ein Sänger drauf hat, wären da nicht die üblichen Bashings, die bei solchen Gelegenheiten jene Shows abbekommen, mit denen man es zum Publikumsliebling geschafft hat. Da stellt sich dann mitunter die Frage, ob ausgerechnet Musicalfans für Soloexperimente das richtige Publikum sind, und so beginnt der eine oder andere Musicaldarsteller seine Karriere als Soloperformer in Häusern wie dem Theater an der Wien und endet im Akzent, Metropol oder im Cenario vor deutlich minimierter Schar. Bei Maya Hakvoort muss man sich da wohl keine Sorgen machen. Der 20 Jahre umfassende Rückblick auf ihre bisherige Karriere ist ein Hit und wird sein Publikum finden.

Foto: Martin Bruny

Maya Hakvoort bietet zwei Stunden Musicalmelodien aus all jenen Produktionen, in denen sie bis dato mitgespielt hat, angefangen bei der Tournee-Produktion “Jeans” bis zu “High Society”, einer Show, die sie 2008 ins Stadttheater Baden geführt hat. Einen kleinen Ausblick bietet Hakvoort auch auf das Jahr 2010 mit der von Herman van Veen (Text) gemeinsam mit Lori Spee (Musik) geschriebenen Nummer “A child of our own”. Der Song stammt aus dem Musical “The First Lady” und wird nächstes Jahr seine deutschsprachige Erstaufführung im stadtTheater Walfischgasse erleben. Maya Hakvoort wird dabei die Hauptrolle übernehmen und als Produzentin (gemeinsam mit Anita Amersfeld) fungieren. Wer sich für die Songs dieses Musicals interessiert: Im Webshop von Herman van Veen ist “The First Lady” (gesungen von Lori Spee) erhältlich.

Warum ist “Maya’s Musical Life” noch sehenswert? Erstmals lässt sich die Musicaldarstellerin auch von einem kleinen Ensemble unterstützen und bietet damit sechs jungen Musicalschülern der Konservatorium Wien Privatuniversität (Stefan Bleiberschnig, Thomas Dapoz, Sarah Laminger, Martina Lechner, Patrizia Leitsoni und Dustin Peters) die Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt. Das nützen einige der sechs zu einer echten Talentprobe, anderen wird ihre Performance sicher dazu dienen, einiges feinzujustieren. Maya Hakvoort jedenfalls war die Freude deutlich anzusehen, mit ihren jungen Kollegen auf der Bühne zu stehen.

Foto: Martin Bruny

Äußerst unterhaltsam diesmal auch die Confà©rencen und Einleitungen zu den Songs, Schnurren aus dem Leben einer Musicalsängerin, Gschichtln über den Stress bei Proben und Tourneen, lustige Anekdoten von Erlebnissen im Theateralltag. Eine entspannter Musicalabend im stadtTheater. Sehr gelungen.

1. Akt
01) “Something’s coming” (Jeans, 1989)
02) “Am Ende vom Tag” (Les Misà¨rables, 1990) + Ensemble
03) “Ich hab geträumt” (Les Misà¨rables, 1990)
04) “Higher Ground” (Gaudi, 1993) feat. Stefan Bleiberschnig
05) “Inside looking out” (Gaudi, 1993)
06) “Too late” (Gaudi, 1993) feat. Thomas Dapoz
07) “Nichts ist schwer” (Elisabeth, 1994) feat. Dustin Peters
08) “Ich gehör nur mir” (Elisabeth, 1994)
09) “Ihr Männer” (Catharine, 1997)
10) “My child” (Blood Brothers, 1998) feat. Patrizia Leitsoni
11) “Alles, nur nicht einsam” (Aspects of love, 1999)

2. Akt
01) “Cellblock Tango” (Chicago, 1989) + Ensemble
02) “Flieder” (Die 3 Musketiere, 2000)
03) “Jeden Tag” (Die 3 Musketiere, 2000) feat. Martina Lechner
04) “I got the sun in the morning” (There’s no Business like Showbusiness, 2000) + Ensemble
05) “Da war einst ein Traum” (Jekyll & Hyde, 2001)
06) “Schafft die Männer ran” (Jekyll & Hyde, 2001) + Ensemble
07) “Mädchen der Nacht” (Jekyll & Hyde, 2001) feat. Sarah Laminger
08) “Walzer für Eva und Che” (Evita, 2006) feat. Stefan Bleiberschnig
09) “Ruf nicht nach mir Argentinien” (Evita, 2006)
10) “Unsere Liebe” (High Society, 2008) feat. Dustin Peters
11) “A child of our own” (The First Lady, 2010)
12) “Der Schleier fällt” (Elisabeth, 2007) feat. Thomas Dapoz
Zugaben:
13) “All that Jazz” (Chicago, 1989)
14) “In my Life” (John Lennon/Paul McCartney)

Ein paar Fotos mehr und größer –> hier

Weitere Termine von “Maya’s Musical Life”:
Dienstag, 31. März 2009, Beginn: 20 Uhr
stadtTheater walfischgasse, Walfischgasse 4, 1010 Wien
Kartenpreise: zwischen € 23,- und € 38,- (je nach Kategorie)
Tickets erhältlich unter Tel.: 01 / 512 42 00 und www.stadttheater.org

Donnerstag, 14. Mai 2009, Beginn: 20 Uhr
Gloria Theater, Prager Straße 9, 1210 Wien
Kartenpreise: zwischen € 28,- und € 38,- (je nach Kategorie)
Tickets erhältlich unter Tel.: 01 / 278 54 04 und www.gloriatheater.at

Frank Wildhorn: “Der Graf von Monte Christo” (CD)

Copyright: MG SOUND

Am 14. März 2009 geht in St. Gallen die Uraufführung eines neuen Musicals von Frank Wildhorn und Jack Murphy über die Bühne. “Der Graf von Monte Christo” heißt es und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas. Vorab veröffentlichte der Komponist gemeinsam mit der Wiener Plattenfirma Hitsquad/MGSound im Rahmen des neu in Wien gegründeten Labels MWB (Music Without Borders) eine Cast-CD. Genauer eine Pre-Cast-CD, denn wie “Der Graf von Monte Christo” tatsächlich einmal auf der Bühne klingen wird, kann man jetzt noch gar nicht sagen.

Eine Pre-Cast-CD hat Vor- und Nachteile. Zweifellos ist es ein Vorteil, sich die Interpreten unabhängig von der in ein paar Monaten startenden Bühnenfassung aussuchen zu können. Es spielt keine Rolle, ob man sie für die Show entweder nicht bekommen konnte oder gar nicht wollte. Wichtig ist, dass sie einen zugkräftigen Namen haben und dass man die Breitenwirkung eines Starensembles so plant, dass alle Publikumsschichten mit eingeschlossen werden - von der Oma, die in Alexander Goebel vernarrt ist, bis zum Fangirlie, das beim Anblick Jesper Tydens noch rot wird.

Das klingt nun alles, als wäre diese CD in erster Linie eine Geschäftsangelegenheit. Ist es natürlich nicht nur, aber selbst wenn, warum auch nicht, diese Punkte sind ein Faktor bei der Planung einer Cast- oder auch Pre-Cast-CD.

Mit einer Spielzeit von 42:22 Minuten ist es eine fast schon sparsame Auswahl aus einer Show, die sicher mehr als zwei Stunden dauern wird, aber das ist eben einer der Nachteile einer Pre-Cast-CD. Es sind nach den Working-Demos und den Demos die ersten Aufnahmen, die auch tatsächlich an eine breitere Öffentlichkeit gelangen. Vermutlich fehlen noch ein paar der wichtigsten Songs oder es werden noch einige weitere “Highlights” dazukomponiert. Das dürfte auch notwendig sein, denn der ganz große Knaller fehlt noch oder ist noch nicht so arrangiert, dass er als solcher erkennbar ist. Natürlich darf man nicht von jeder Wildhorn-Show eine bigger-than-life Ballade nach der anderen erwarten.

Ein weiterer Nachteil einer Pre-Cast-CD: Die Interpreten können sich nur schwer in ihre Rolle einarbeiten. Nicht nur, weil sie die Rolle noch nicht gespielt haben und vielleicht auch nie spielen werden, sondern weil es die Rollen genau genommen noch gar nicht gibt (von den zeitlichen Limitierungen mal ganz abgesehen. Studiozeit ist teuer). Keine Guideline vom Regisseur, kein Zusammenspiel mit den Kollegen, keine Auseinandersetzung mit einer noch gar nicht vorhandenen Schlussfassung der Partitur. Das scheint einigen Herren auf der vorliegenden CD Schwierigkeiten bereitet zu haben, wobei ich vor allem und insbesonders von Track 3 “A Story Told” spreche, auf dem Patrick Stanke, Mark Seibert und Mathias Edenborn zu hören sind und mit der englischen Sprache fighten. Das ist nett gesungen, aber neben Artikulationsproblemen ist es vor allem ein Umstand, der diesen Track kennzeichnet: Man erkennt die Stimmen der Herrschaften ja nicht einmal, wenn man nicht weiß, dass sie dieses Lied gesungen haben sollen. Mathias Edenborn kann seine Stimme in viele Richungen tunen, keine Frage, aber auf diesem Track hat er sie ins Nirwana der Unkenntlichkeit gedröselt. So haben wir zwar eine Nummer mit drei beliebten Darstellern, aber um welchen Preis?

Tracks wie “I Will Be There” wirken noch einigermaßen Demo-mäßig. Thomas Borchert haucht mehr als zu singen, setzt nicht hundertprozentig exakt ein, doch dann rettet Brandi Burkhardt den Song, da passt (logischerweise) die Artikulation, da merkt man einen gewissen Flow, da singt jemand, der sich an die Musik schmiegt, das ist dann wirklich sehr schön anzuhören. Es finden sich im Booklet der CD keine Angaben zum Orchester. Gerade bei diesem Track synthesizert es mächtig, würde man Musik mit Photoshop zeichnen, wäre mir das zu viel Weichzeichner. Man kann nicht einmal erkennen, ob da nun Streicher zu hören sind oder nur Synthetics. Borchert wabert anfangs recht weit vorne und sinkt dann in den Klangbrei ab.

Wildhorn hat auf “Monte Christo” scheinbar versucht, einen gewissen neuen Ton zu kreieren, die Frage ist, ob es einer ist, mit dem man sich anfreunden kann. Borchert bei “Every Day A Little Death” zuzuhören ist etwas anstrengend, er klingt mühsam vermollt, mit Burkhardt bekommt die Melodie einen Touch mehr Lebensfreude, aber da stimmt noch einiges nicht, um es als wirklich perfekte Nummer bezeichnen zu können.

Highlights der CD: “When The World Was Mine”, gesungen von Brandi Burkhardt, ein Wildhorn-Klassiker, zeitlos schön, wunderbar interpretiert. Und gleich darauf: “When We Were Kings”, gesungen von Alexander Goebel und Thomas Borchert. Gerade bei diesem Track zeigt sich die Qualität eines guten Musicaldarstellers: Alexander Goebel singt diese Nummer nicht nur einfach runter, er spielt sie, er interpretiert sie mit Nuancen, man sieht ihn geradezu in der Rolle des Abbà© Faria. Das erinnert mich an die letzte “Musical Christmas in Vienna”-Produktion vor zwei Jahren im Wiener Raimund Theater. Am Ende des ersten Teils der Show stand eine Gospel-Version von Händels “Hallelujah” (ein geniales und legendäres Arrangement von Quincy Jones) auf dem Programm. Auf der Bühne wurde schön brav gesungen, im Publikum saßen alle mit verschränkten Armen da - und dann kam Alexander Goebel: personifizierte Energie, reine Spielfreude. Lust am Performen, und sofort ging auch das Publikum mit, und aus fadem Chorgesang wurde eine funkensprühende Soulnummer, so wie sie immer konzipiert war. Und genau das macht den Unterschied zwischen einem Darsteller und einem Star aus. Sollte es ausmachen. Man hört fast, wie Goebel zu Borchert sagt: Komm schon Tommy, gib Gas.” Lieder kann man nicht einfach runtersingen, man muss auch spüren, dass sie interpretiert werden. Auf keinem anderen Track geht Borchert mehr aus sich raus, und kein anderes Lied ist derart emotionell wie dieses. Goebel singt nicht nur, er macht das, was Marika Lichter oft als Ausrede für völlig verpatzte Interpretationen ihrer Schützlinge zitiert: “Opfere einen guten Ton für eine gute Performance” Goebel opfert aber weniger, als dass er bestimmte Passagen einfach nicht auf schön singt, sondern sie mit Emotionsfüllern anreichert, und damit enorme Wirkung und Spannung erzeugt. Der beste Song des Albums.

“Pretty Lies”, gesungen von Pia Douwes, ist ein Lied, das in einschlägigen deutschsprachigen Foren gern als eine sehr an Sondheim erinnernde Nummer bezeichnet wird. Wie auch immer, der Song ist etwas entrückt, etwas sentimental, er hätte sich ein besseres Arrangement verdient.

Für eine Show, die, so sagt man, für Thomas Borchert geschrieben wurde, kommen die für ihn komponierten Songs nicht als wirklich als Showstopper daher. Die - verhältnismäßig - Big Ballads hat Brandi Burkhardt, Borchert scheitert bei dem Versuch, Spannung in die auf Spannung konzipierten Lieder wie “The Man I Used To Be” zu zaubern. Man merkt, wie er sich bemüht - und versagt, wie ein Boxer, der einen K. O.-Schlag vorbereitet und vorbereitet und vorbereitet — und dann ins Leere boxt. Man merkt, wie vieles von der Energie verpufft. Teilweise ist es auch die Abmischung, die ihm die Wirkung raubt. Aber es ist noch Zeit bis zur Premiere, das wird schon noch.

Anspieltipps
- “When the World was mine” (Track 6)
- “When we were kings” (Track 7)
- “All this time” (Track 12)

facts
titel: the count of monte cristo/Der Graf von Monte Christo
artist: Thomas Borchert – Brandi Burkhardt - Patrick Stanke - Mark Seibert - Mathias Edenborn - Jesper Tyden - Pia Douwes – Alexander Goebel
label: hitsquad records
ean: 9120006682916
catalogue: 668291
PC: MG 270
packaging: Digipack
release: 12. Dezember 2008
Arrangements: Koen Schoots
Orchestrierung: Kim Scharnberg

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