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Archiv - Oktober, 2005

Wie Westlife eine CD aufnehmen oder Wir plaudern aus dem Nähkästchen

Wie nehmen Bands heutzutage ihre CDs auf? Strenges Geheimnis? Nö, die englische Boyband Westlife gibt folgendes zu Protokoll:

After seven years together, Westlife will return with a new album, “Face To Face”, on October 31, a week after the release of new single “You Raise Me Up”.
The lads also plan to team up with Diana Ross on “When You Tell Me That You Love Me” as their Christmas single, but admit she didn’t even join them in the studio.
Shane said: “It’s a great song for our Christmas single. It’s an amazing achievement to sing with someone of her stature. We recorded the song separately because she was in Los Angeles and isn’t coming over until later this month.” Kian added: “That’s the way any recording is done these days. Even Westlife have never been in the studio together.You’re only in the studio as individuals. Things are so advanced with computers these days that Diana’s recording was brought over on a hard drive. We added our vocals later.”
Another absentee for the album sessions was Shane, who recorded his vocals for the album in advance of the other band members to allow him paternity leave.
“Because my wife was having a baby, I recorded the album earlier in the year in Sweden and London,” said Shane. “Then the boys went in recording while I was at home changing nappies. It was different but the only way to do it because I needed to be at home with the baby. It enabled me to get the recording out of the way.”

Jaja, der Fortschritt. Coole Sache. Ich wär ja dafür, eigene virtuelle Charts zu etablieren, so nach dem Motto: Wie hätte der Song geklungen, wenn xyz tatsächlich gemeinsam im Studio gewesen wären. Keine Frage, dass heutzutage Bands nicht mehr sehr oft gemeinsam ins Studio gehen, entweder weil sie längst zerstritten sind oder eine gemeinsame Aufnahmesession nicht mehr für nötig erachten, weil sie eh nur ausführende Püppchen sind. Aber vielleicht sollten Westlife noch einen Schritt weiter gehen. Vielleicht wäre es sinnvoll, das ABC und ein paar saftige Knacklaute, gesungen von den einzelnen Mitgliedern der Band in verschiedenen Tonlagen, aufnehmen zu lassen. Bei der tollen Technologie unserer Zeit reicht das vielleicht völlig, und sie müssen danach gar nicht mehr ins Studio. Der Tonmeister puzzelt sich dann einfach alles aus dem vorhandenen Material zusammen, und das wars. Noch steriler als die letzten Westlife-Aufnahmen würden so produzierte Lieder wohl auch nicht klingen.

“A time 2 love” - Stevie Wonders spätes Meisterwerk

Stevie Wonder - A time 2 love
Stevie Wonders letzte CD “Conversation Peace” ist vor unglaublichen 10 Jahren erschienen. Ich persönlich finde es ja immer schade, wenn Entertainer vom Stile eines Wonder einfach abtauchen und privatisieren, quasi am Höhepunkt ihres Künstlertums, aber Stevie Wonder wird Gründe für seine lange Pause gehabt haben.
Mit 55 Jahren liefert er 2005 A time 2 love ab, und es ist eines seiner besten Alben geworden, freilich nicht zu vergleichen mit “Innervisions”, “Talking Book” oder “Songs in the Key of Life”, aber wer überhaupt hat in den letzten drei Jahrzehnten Alben auf den Markt gebracht, die daran heranreichen?
Angekündigt war “A time 2 love” schon lange, eine Singleauskopplung “So what the fuss” floppte im Sommer, und es scheint, als könne sich Wonders Plattenfirma nicht so richtig entscheiden, wie und wo die CD erscheinen soll. Einerseits ist sie bei iTunes/USA bereits erhältlich, andererseits ist auf Wonders Website, Stand April 2005, eine völlig andere Tracklist zu lesen als auf der bei Amazon angepriesenen CD, die erst ab 18. Oktober erhältlich sein wird - kurzum, es herrscht das perfekte Chaos.
Tracklist auf stevie-wonder.com
Stimmlich zeigt sich der Meister in Hochform, und es macht Freude, seinen zeitlosen Kompositionen, die er mit seiner unverwechselbaren Stimme interpretiert, zuzuhören. “A time 2 love” bietet Wonder pur, kein Duets-Album oder eine Horde der derzeit angesagten Topstars, die um viel Geld mal eben einen kleinen Gastauftritt absolvieren. Die Auswahl der Gäste ist geradezu elitär, wir hören die Gospelsängerin Kim Burrell beim Opener “If your love cannot be moved”. India.Arie singt gemeinsam mit Wonder den Titelsong “A time 2 love”, und Aisha Morris, Wonders Tochter, gibt sich auf “How will I Know” die Ehre. Sämtliche der von Wonder gesungenen Balladen (”Moon blue”, “From the bottom of my heart”, “How will I know”, “Passionate raindrops”, “True love”, “Shelter in the rain” und “Can’t imagine love without you”) sind, das kann man gar nicht oft genug betonen, zeitlose Juwele, reinste Evergreens aus dem Stand. Die Frage, ob sich damit die Charts erobern lassen, ist aber eine andere. Wonder bietet “Adult Contemporary” in Reinstform, und wenn Künstler dafür in den USA eigene Charts vorfinden, in denen sie mit ihren CDs punkten können, so müssen sie sich in Europa mit US5 und anderen Maistreammarionetten matchen, ohne wirklich eine Chance zu haben. Wie auch immer, Stevie Wonder hat mit “A time 2 love” eine der besten CDs des Jahres abgeliefert, und auf die nächste müssen wir hoffentlich nicht wieder 10 Jahre warten.

Liebeslyrik zum Abgewöhnen

Im Radio und den Charts treibt seit ein paar Wochen ein Song sein Unwesen, dessen Interpret ernsthaft der Meinung ist, ein “Liebeslied” geschrieben zu haben. Die Rede ist von “Die Eine 2005″ von der Gruppe “Die Firma”. Man glaubt es kaum, dass jemand, der nicht aus der Bronx stammt, tatsächlich einen Refrain wie den folgenden im deutschen Sprachraum veröffentlicht:

“Die eine, die eine oder keine
für keine andre Frau ging ich lieber in den Bau
und keiner andren Frau trau ich mehr über den Weg,
es gibt keine andre Frau mit der ich mich lieber schlafen leg.”

Ein Gefängnisaufenthalt als Liebesbeweis, das kommt sicher gut bei der Angebeteten, zum Drüberstreuen holprige Reime wie:

“hört ihr die Liebe aus den Versen nicht? Es ist kein Märchen,
es war Liebe auf den ersten Blick, du bist mein Mädchen.
bis zu Deiner Entscheidung, waren es schwere Wochen,
aber jedes neue Treffen hab ich mehr genossen”

Haarsträubende Metaphern, Sexismen en masse, wechseln mit tollpatschigen Passagen:

Ich hab die Frau fürs Leben und auch ein Leben danach
und wir fliegen um die Planeten, um die Venus, um Mars
wir waren auf Kuba und in L. A., Miami Beach
und auf der ganzen Welt, gibt es nicht eine wie sie, denn du bist meine Cleopatra.

Möge die Firma nur nicht auf die Idee kommen, uns nochmal mit Ähnlichem zu erfreuen, etwa zur Goldenen Hochzeit.

Spiel, Spannung, Show und Schmankerl im Magna Racino

Ramesh Nair; Pic: Martin Bruny, 29.9.2005
Am 29. September 2005 ging in Frank Stronachs Magna Racino die Wiederaufnahme-Premiere der Dinner-Varieté-Show Sommernachtsträume mit neuer Cast über die Bühne. Vor ausverkauftem Haus erlebten die Zuschauer das, was man wohl am besten mit perfekt organisiertem Wohlfühlabend beschreiben könnte.
ComiCompany; Pic: Martin Bruny, 29.9.2005
Was in Frank Stronachs Center keinen Platz findet, sind Stress, schlechte Laune, unfreundliches Personal, Chaos. Das alles ist einfach nicht vorhanden. Und das ist für eine Wien-nahe Location, wenn wir mal ehrlich sind, ein Wunder. Man sieht nur freundliches Personal, bekommt überall freundlich Auskunft, und das durchaus charmant und ungekünstelt.
Aris Sas; Pic: Martin Bruny, 29.9.2005
Nach einem Begrüßungscocktail, der im Spielhallenteil des Kasinos konsumiert wird, geht es ab in den Veranstaltungssaal. Ja, der Saal hat nicht das Flair einer Oper, aber hier wird auch nicht versucht, in noch einem Opernhaus noch eine bemühte La Traviata-Inszenierung zu geben, hier wird ein Dinner Varieté geboten, und das Motto “Spiel, Spannung, Show und Schmankerl” umreisst exakt das, was man erlebt.
Der Saal
Die Hauptdarsteller Aris Sas, Lana Gordon, Ramesh Nair und Jana Werner waren am Abend der Premiere großteils krank und mussten während der Pausen mit Infusionen behandelt werden, dennoch, alle waren sie auf der Bühne und gaben ihr Bestes.
Lana Gordon; Pic: Martin Bruny, 29.9.2005
Einige der Akrobatik-Nummern waren geradezu atemberaubend, besonders hervorzuheben ist da die Artistentruppe “Novabatics”, die mit ihrem Vertikaltuch-Programm einfach nur für Staunen sorgt.
Novabatics; Pic: Martin Bruny, 29.9.2005
Jana Werner & Lana Gordon; Pic: Martin Bruny, 29.9.2005
In den Showpausen wird ein dreigängiges Menü serviert, auf Leinwänden werden währenddesssen Pferderennen live übertragen. Wer will, kann zum Beispiel seinen im Eintrittspreis enthaltenen Wettgutschein im Wert von 2 Euro einsetzen. Man mag dieses Spielelement als “störend” betrachten, allein, das Ganze ist durchaus amüsant, und das Personal, das die Wetteinsätze entgegennimmt, macht auch das charmant und unterhaltsam, als wäre es Teil der Show - und letzten Endes beginnt die Show, die man an diesem Abend erlebt, tatsächlich beim Betreten des Magna Racino. Es ist eine Las Vegas-ähnliche Wohlfühloase, und das hat seinen Reiz. Für 59 Euro entspannt man sich drei Stunden, erlebt Stars wie Aris Sas, Jana Werner, Lana Gordon, Ramesh Nair oder die Novabatics, wird kulinarisch bestens bedient, und zum Drüberstreuen gibt’s ein bisschen Wett-Thrill. Schaun Sie sich das an!

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