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Archiv - Theater

Rasmus Borkowski: “In Wien funktioniert das Musical kommerziell, aber auch künstlerisch.”

Die österreichische Theaterzeitschrift “Bühne” bringt in Ihrer aktuellen Ausgabe ein Interview mit Musicaldarsteller Rasmus Borkowski, der von 6. bis 9. April 2007 im Wiener Raimund Theater als “Jesus” in Andrew Lloyd Webbers Rockoper “Jesus Christ Superstar” zu sehen sein wird. In diesem Interview wird unter anderem Borkowskis Einstellung zum Musicalbetrieb in Wien behandelt. Borkowski:

Es gibt Musicaldarsteller, die sich danach sehnen, irgendwann am Broadway aufzutreten. Ich möchte wieder nach Wien. Ich bin hier mit großartigen Schauspielern, Regisseuren, Produzenten in Kontakt gekommen, die sehr stark an junge Leute glauben. In Wien funktioniert das Musical nicht nur kommerziell, sondern auch künstlerisch. Man wird respektiert, auch von den Leuten aus dem Sprechtheater, und lernt ohne Ende. (…) Ich spiele [derzeit] erstmals in einer großen kommerziellen Produktion in Deutschland, und es ist toll: Aber es ist einfach etwas anderes, wenn du in einem Theater spielst, das eine Geschichte hat - oder in einem Gebäude auftrittst, das nur für diese Musicalproduktion erbaut wurde. Man bekommt eine ganz andere Energie.

Auch über seinen ersten Besuch in einem traditionellen Wiener Kaffeehaus weiß Borkowski eine nette Geschichte zu erzählen:

Ich bin ja sehr unvoreingenommen nach Wien gekommen. Mittlerweile kenne ich die Regeln, ich kenne auch den Wiener Schmäh. Als ich das erste Mal in Wien war, bin ich ins Cafà© gegangen und habe einen Kaffee bestellt. Wie man das in Deutschland so macht: mit Betonung auf dem a. Der Kellner hat sich einfach umgedreht und ist gegangen.

Das ganze Interview ist in der April-Ausgabe der Zeitschift “Bühne” (Seite 42f.) nachzulesen.

Ronacher-Umbau: Sparvariante wird frühestens im Sommer 2008 eröffnet

Mehr als 20 Jahre ist es her, da begann in Wien ein Musicalboom sondergleichen. Es gab Zeiten, da standen dem Musical in Wien drei Bühnen zur Verfügung: das Theater an der Wien, das Ronacher und das Raimund Theater. Im Theater an der Wien regiert seit mehr als einem Jahr Schließtagskaiser Roland Geyer. Da gibt es zwar neben dem ursprünglich konzipierten Programm seit einiger Zeit auch Kabarett-Abende, aber natürlich kein Musical. Das Ronacher sollte umgebaut werden. Genau genommen wird es auch umgebaut, aber immer wieder werden die Realisierungsziele sozusagen neu fokussiert. Eine Eröffnung um Herbst 2007 war vor langer Zeit geplant, dann wurde ein Saisonstart im Februar 2008 angesteuert. Nun scheint es neue Verzögerungen zu geben, das meldet der Standard in seiner Online-Ausgabe vom 28. März. Mittlerweile scheint eine Eröffnung des Ronacher-Umbaus erst im Juni 2008 möglich zu sein beziehungsweise im Sommer 2008. Gleichzeitig wurden die Umbaupläne auf eine Sparvariante downgegradet: kein aufklappbares Dach mehr, weniger Räume im Bereich des Kellers.

Arsenal 221 - Wiens neues Veranstaltungszentrum

Mitten in Wien, im 3. Bezirk, befindet sich das Arsenal, ein ehemaliger militärischer Gebäudekomplex, der aus Anlass der Märzrevolution 1848 von 1849 bis 1856 erbaut wurde und in dem heute unter anderem das Heeresgeschichtliche Museum, ein nicht öffentlich zugänglicher 155 Meter hoher Funkturm der Telekom, Dekorationswerkstätten der Bundestheater, eine Probebühne des Burgtheaters oder beispielsweise auch das Fernmeldezentralamt untergebracht sind.

Im Arsenal befand sich lange Jahre auch ein Forschungszentrum, das so genannte “Österreichische Forschungs- und Prüfzentrum Arsenal”, das mittlerweile “arsenal research” heißt und nach Floridsdorf übersiedelt ist. Was also machen mit einem leerstehenden Forschungszentrum? Warum nicht einfach ein anderes Zentrum, eines, das der Unterhaltung dient? Gesagt, getan: “Arsenal 221″ war geboren. In einem mehrmonatigen Prozess wurde das Gebäude mit seinen drei riesigen Hallen (die insgesamt eine überdachte Fläche von mehr als 7.000m² bieten) in eine exklusive Veranstaltungslocation umgebaut.

Das “Arsenal 221″ bietet drei Veranstaltungshallen mit recht ungewöhnlichen Bzeichnungen:
1) Hochspannungshalle
Länge: 80 Meter/Breite: 20 Meter/Gesamtfläche: 1600m²
2) Turbinenhalle
Länge: 28 Meter/Breite: 14 Meter/Gesamtfläche: 392m²
3) Audimax
Länge: 15 Meter/Breite: 15 Meter/Gesamtfläche: 225m²

Das Bespielungskonzept reicht derzeit von Alexander Goebel bis zu “Kuddelmuddel und Gesprudel”, ein Konzert für Kinder mit Bernhard Fibich.

Roland Geyers Zahlenspiele

Roland Geyer, der Intendant der Oper im Theater an der Wien, muss lustig drauf gewesen sein, als er den Journalisten der Kronen Zeitung folgenden Satz ins Mikrofon diktierte:

“Wir bekommen 21,5 Millionen Euro, die Volksoper hingegen 33 Millionen Euro. Da müssen wir verhandeln.”
[Kronen Zeitung, 28. Januar 2007, S. 34]

Na, das denke ich auch. Die Volksoper, das sollte man nicht vergessen, hat nicht 100, 200 oder sogar mehr Schließtage pro Jahr, so wie das Theater an der Wien in seiner post-Musical-Ära. Das sollte man bei Subventionen durchaus berücksichtigen und diese für die Oper im Theater an der Wien eventuell auf 5 bis 10 Millionen Euro zurückdrehen.

Die Wiener Theaterreform - eine Farce

… und zwar sowohl über die Form als auch über den Inhalt.

“Die mehrjährige Dauer des Wiener Theaterreform-Prozesses mit all seinen Höhen und Tiefen macht deutlich, daß das Reformieren an sich ein zutiefst performativer Akt ist, der moderne theatrale Produktionsprozesse unter postmodernen Bedingungen neu gestaltet. Die Konsequenz dieser Theaterreform positioniert Wien im europäischen Städtvergleich - weit vor Berlin und Zürich mit ihren Reformationsmodellen - als Ort progressiver Umsetzung zeitgenössischen Theaterdiskurses.”

[Pressemeldung]

Die 100 einflussreichsten Theatermacher Englands

Andrew Lloyd Webber hat es an die Spitze einer Auflistung der einflussreichsten Theatermacher Englands geschafft. Das Fachmagazin “The Stage” reihte ihn ex aequo mit David Ian, den Erstplatzierten des Vorjahres, 2006 an die Spitze der Charts. 2006 haben Ian und Webber gemeinsam die umstrittene, aber sehr erfolgreiche Castingshow “How Do You Solve A Problem Like Maria?” produziert. 2007 wird es zwischen den beiden wohl einen offenen Kampf um die wahre Nummer 1 geben, denn Lloyd Webber geht auf BBC mit “Any Dream Will Do” an den Start und sucht für sein Frühwerk einen passenden Joseph; Ian dagegen sucht auf ITV mit der TV-Sendung “You’re The One That I Want!” Hauptrollenbesetzungen für das unverwüstliche Musical “Grease”.

Die Top 20
1= ANDREW LLOYD WEBBER
1= DAVID IAN
3 CAMERON MACKINTOSH
4 HOWARD PANTER AND ROSEMARY SQUIRE
5 NICA BURNS/MAX WEITZENHOFFER
6 MICHAEL BOYD
7 NICHOLAS HYTNER
8 JUDE KELLY
9 BILL KENWRIGHT
10 MICHAEL GRANDAGE
11 SONIA FRIEDMAN
12 HAROLD PINTER
13 JON CONWAY/ NICK THOMAS OF QDOS
14 KEVIN SPACEY/SALLY GREENE OF THE OLD VIC
15 DAVID LAN
16 GRAHAM SHEFFIELD
17 VICKY FEATHERSTONE/JOHN TIFFANY
18 JONATHAN CHURCH
19 RUFUS NORRIS
20 DOMINIC COOKE

Weitere wichtige Theatermacher

Producers
Bob Boyett/Bill Haber (Spamalot), Matt Byam Shaw/Nick Salmon (A Voyage Around My Father), Judy Craymer (Mamma Mia!), Mark Goucher (Footloose), Thelma Holt (The Crucible), Richard Jordan (Lunch with the Hamiltons), Phil McIntyre (We Will Rock You), David Pugh (Rebecca), Thomas Schumacher (The Lion King), Bill Taylor (Blue Man Group), Arielle Tepper Madover (Donmar Warehouse Transfers), Kevin Wood (First Family Entertainment)

Dance
Matthew Bourne (Edward Scissorhands), Javier de Frutos (Cabaret), Akram Khan für seine Arbeit mit Sylvie Guillem

Literary
Alan Ayckbourn (If I Were You), Alan Bennett (The History Boys), Caryl Churchill (Drunk Enough to Say I Love You), David Eldridge (Market Boy), David Harrower (Blackbird), Terry Johnson (Piano/Forte), Peter Morgan (Frost/Nixon), Patrick Marber (Don Juan in Soho), Mark Ravenhill (Dick Whittington), Tom Stoppard (Rock’n'Roll)

Performer
Simon Russell Beale (Life of Galileo), Richard Griffiths (The History Boys)
Judi Dench (Hay Fever), Connie Fisher (The Sound of Music), Derek Jacobi (A Voyage Around My Father), Idina Menzel (Wicked), Ian McKellen (The Cut), Elena Roger (Evita), Rufus Sewell (Rock’n'Roll), Michael Sheen (Frost/Nixon)

Design/Technical/Architects
Paule Constable (Cosi Fan Tutti), Bob Crowley (The History Boys), Chris Davey (The Merchant of Venice am Edinburgh Lyceum), David Farley (Sunday in the Park With George), Tim Foster (Trafalgar Studios), Rob Howell (Hedda Gabler), Eugene Lee (Wicked), Katrina Lindsay (Market Boy), Christopher Oram (Evita), Stephen Tomkins (The Young Vic Redesign)

Regional/Subsidised
Michael Attenborough at the Almeida, Ian Brown at the West Yorkshire Playhouse, Anthony Clark at the Hampstead Theatre, Giles Croft at the Nottingham Playhouse, Dominic Dromgoole at the Globe, David Farr at the Hammersmith Lyric, Peter Hall (Amy’s View), Samuel West at Sheffield Theatres

Musicals
Elton John/Lee Hall (Billy Elliot), Stephen Schwartz (Wicked)

Theater am Spittelberg: Zwischen Wohlfühlkonzert und Ärgernis

Theater am Spittelberg (Foto: Martin Bruny)

Ein Doppelkonzert, das stand am Programm des Theaters am Spittelberg vor rund einer Woche, am 15. September 2006. Den ersten Teil des Abends gestalteten Anne-Marie Höller und Mario Berger mit ihrem Programm “Die 20 schönsten Lieder der Welt”, den zweiten Teil Tini Kainrath & Geri Schuller mit “A Tribute To Burt Bacharach”.
“Die 20 schönsten Lieder”, das hört sich an wie die gesammelten Schmachtfetzen der letzten 40 Jahre, tatsächlich jedoch war die Songauswahl eine ganz andere. Songs aus Frankreich, Spanien, Portugal, eine wahre Vielfalt an Musikstilen und Sprachen, das wurde in der ersten Stunde dieses kurzweiligen Abends geboten. Mario Berger gilt als einer der besten Gitarristen (zumindest) Österreichs. Es gibt kaum eine heimische Popgröße, die er nicht schon live oder im Studio begleitet hat. Er war mit Georg Danzer, Rainhard Fendrich, Mo, Joe Zawinul und vielen anderen auf Tour, komponierte für Sandra Pires, Marianne Mendt, Manuel Ortega, … Ihm zuzuhören ist immer wieder ein Vergnügen, im Duo mit Anne-Marie Höller gestaltete er ein relaxtes Konzert zwischen Soul und Jazz über Chansons und lateinamerikanische Musik bis hin zu klassischen Gitarrenstücken.

Mario Berger (Foto: Martin Bruny)

Zu hören unter anderem “Find my love” von Fairground Attraction, die Eigenkomposition “Take it easy”, eine Arie aus Mozarts “Zauberflöte”, gespielt von Mario Berger auf der Gitarre. Ein virtuoses Wohlfühlkonzert erster Güte, das die beiden hoffentlich bald wieder in Wien spielen werden.

Mario Berger und Anne-Marie Höller (Foto: Martin Bruny)

Bei Tini Kainrath und Geri Schuller stand alles im Zeichen von Burt Bacharach, einem der erfolgreichsten Pop-Komponisten der USA, bekannt durch Welthits wie “Raindrops Keep Falling On My Head”. Kainrath und Schullers Performance muss man trennen in das, was man Moderation nennen könnte - und in die tatsächliche Performance.

Tini Kainrath (Foto: Martin Bruny)

Wenn man einen Abend über Burt Bacharach gestaltet, so könnte man normalerweise ja davon ausgehen, dass es sich um eine Art Hommage handelt. Das war an diesem Abend definitiv nicht der Fall. Die Interpretationen der größten Hits von Bacharach waren zwar vom Feinsten, die Moderationen allerdings nur zum Lachen, Weinen oder Ärgern, je nachdem, wie man drauf war.
Burt Bacharach, einen der größten Songschreiber aller Zeiten, als Schlagerkomponisten abzutun, ist schon etwas dreist, dann noch zu behaupten, keiner seiner Songs wäre in dem, was die Amerikaner als “The Great American Songbook” nennen, also die “Hall of Fame” der Songs der letzten, sagen wir 100 Jahre, ist schlichtweg falsch. Da kann man den beiden Künstlern nur das Buch “America’s Songs” von Philip Furia & Michael Lasser empfehlen, ein Standardwerk zum Thema “The Great American Songbook”, und selbstverständlich ist darin auch Burt Bacharach aufgenommen worden. Das Ärgerliche an diesem zweiten Teil des Konzerts war die Art und Weise, wie mit dem Publikum umgegangen wurde. Da wird von den Veranstaltern ein Konzert mit Liedern von Burt Bacharch angekündigt, und die erste Frage der Interpreten lautet: “Wer kennt denn Burt Bacharach überhaupt?” Dass auf eine solch doofe Frage niemand antwortet, ist klar. Weswegen war ich gleich nochmal auf diesem Konzert? Kenne ich eher Oscar-Preisträger Bacharach oder einen Geri Schuller? Nun, die Nichtreaktion des Publikums war natürlich eingeplant, denn das Motto des Abends schien zu lauten: “Burt Bacharach ist ein altbackener Schlagerkomponist, der in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein paar Hits hatte, dann Pferde züchtete und gut ist.”
Normalerweise sollte man da eigentlich aufstehen und gehen, aber das war noch nicht alles. Nicht nur Burt Bacharach ist laut Kainrath & Schuller ein Spießer, auch beispielsweise Hal David war ein richtiger, also wirklich wirklich richtiger spießiger Geselle, der nur schlechte und frauenfeindliche Texte verbrochen hat. Jaja, gemeint ist Hal David, verantwortlich für die Texte von Welthits wie “Raindrops Keep Falling on my Head”, “This Guy?s in Love With You”, “I’ll Never Fall in Love Again”. Für “Raindrops” wurde David mit einem Oscar ausgezeichnet, Lieder wie “Don?t Make Me Over”, “Close to You” and Walk on By” wurden in die “Grammy Hall of Fame” aufgenommen. “What The World Needs Now” wurde noch 2004 von der “Songwriters Hall of Fame” als “The Towering Song” bezeichnet, mit folgender Begründung: “distinguished by its unforgettable melody and prayerful plain-spoken words that sound utterly contemporary today when conflict is so wide-spread around the world, even though it was written in 1965″.

Wenn man einen Abend über Bacharach gestaltet, so müsste man meiner Ansicht nach auch ein bißchen sicher sein, was seine Biographie betrifft, und nicht ständig Falsches in den Raum stellen. So wird zwar Carole Bayer Sager als “seine Frau” bezeichnet, ohne aber darauf Bezug zu nehmen, dass er zuerst einmal mit dem Kinostar Angie Dickinson verheiratet war. Was wäre das doch für eine treffende Überleitung zu Filmkompositionen Bacharachs gewesen, hat ihn doch Dickinson dazu gebracht, für Filme zu komponieren. Lustig auch die Bemerkung der beiden Künstler, Bacharach hätte sich nach seinem Hit “Arthur’s Theme” vom Komponieren abgewandt und der Pferdezucht zugewandt und das wars mit seiner Karriere. Woher haben die beiden diesen Schmonzes nur? Gerade in den 80ern nach “Arthur’s Theme” konnte Bacharach einige seiner größten Hits erzielen. Und Carole Bayer Sager, die Schuller & Kainrath den ganzen Abend mit so viel Begeisterung als die viel bessere Texterin lobten, nun mit ihr arbeitete er erst ab “Arthur’s Theme” zusammen, die beiden heirateten 1982.
Bacharach, so viel sei gesagt, ist nach wie vor kreativ tätig, Ende 2005 ist seine viel beachtete Solo-CD “At This Time” erschienen, auf der er mit aktuellen Trendsettern wie Rufus Wainwright zusammengearbeitet hat.
Fazit: Musikalisch war das Doppelkonzert vom Spittelberg ein Fest, was die Anmoderationen des zweiten Teilkonzerts betrifft, so sollte man das lieber vergessen und hoffen, dass dieses Event ein einmaliges bleibt. In den Raum gestellt wurde von Kainrath & Schuller die Idee, ein “Great Austrian Songbook” als Konzert zu veranstalten. Viel Spaß dabei, das dürfte ein kurzer Gig werden.

Geri Schuller, Mario Berger, Tini Kainrath und Anne-Marie Höller (Foto: Martin Bruny)

Francesca Zambello: Von “Rebecca” zur kleinen Meerjungfrau

Am 28. September 2006 geht in Wien die Uraufführung von Sylvester Levays & Michael Kunzes Musical “Rebecca” über die Bühne. Für die Regie verantwortlich: Francesca Zambello.
Auch eines der nächsten Projekte der vielbeschäftigten Regisseurin nimmt nun Form an: “The Little Mermaid” aus dem Hause Disney. Wieder mal eine Adaption eines Zeichentrickfilms für die Musicalbühne. Die Filmvorlage stammt aus dem Jahr 1989, die Bühnenversion wird im Juni 2007 am “Denver Center for the Performing Arts” starten.
Für die Choreographie der Show wurde Stephen Mear angeheuert, weiters wurden verpflichtet: George Tsypin (Scenic Design), Tatiana Noginova (Costume Design) und Natasha Katz (Lighting Design). Das Buch zur Show stammt von Doug Wright, die Songs steuern Alan Menken, Glen Slater und Howard Ashman bei.
Nach den Try-outs in Denver geht’s natürlich an den Great White Way, und so wird Francesca Zambello mit einem Disney-Musical ihr Broadway-Debüt geben. Disneys Theatrical Productions President Thomas Schumacher ist jedenfalls schwer begeistert von Zambello, seit er 1996 an der Oper von San Francisco ihre Inszenierung von Borodins “Fürst Igor” gesehen hat, eine Produktion, in der seine langjährige Freundin, die Opernsängerin Lauren Flanigan, engagiert war.
Alan Menken hat für die Bühnenversion der Meerjungfrau jede Menge neuer Titel komponiert, zusätzlich zu jenen fünf, die in der Zeichentrickversion zu hören waren. Die Original-Filmsongs werden gänzlich neu bearbeitet, ausgebaut. Die Texte von Howard Ashman (1951-1991) überarbeitet Glen Slater.
Derzeit aus dem Hause Disney am Broadway zu sehen: “Beauty and the Beast”, “The Lion King” und “Tarzan”. “Mary Poppins”, eine Koprodukion von Disney mit Cameron Mackintosh, feiert am 16. November 2006 seine Broadway-Premiere. Mit “The Little Mermaid” rückt der Broadway dann im nächsten Jahr ein Stück näher an das Horrorszenario der “klassischen Musicalfans”: Mit fünf Shows am Great White Way ist Disney drauf und dran, sich den Traum vom eigenen Themepark in New York zu erfüllen: Broadwayland.

dieTheater präsentiert Peter Kerns “Liebesgesänge”: Wenn der Schmerz zur Lust wird

Künstlerhaus Theater  (Foto: Martin Bruny)

Am 29. August 2006 ging im Wiener Künstlerhaus die Premiere von Peter Kerns neuestem Theaterstück “Liebesgesänge 1-2″ über die Bühne. In den Hauptrollen: Oliver Rosskopf (Java, ein Mörder), Andreas Bieber (Lucien, ein Sexualverbrecher), Miriam Goldschmidt (Altstar), Heinrich Herki (Aufseher/Ehemann) und Günter Bubbik (Coco/Beppo).

Liebesgesänge-Plakat  (Foto: Martin Bruny)

“Liebesgesänge 1″ ist ein zirka 15 Minuten kurzes Stück, frei nach Motiven des einzigen Kurzfilms von Jean Genet “Un chant d’amour”, geschrieben von Peter Kern, das gänzlich ohne Worte auskommt, nur aus Geräuschen, Percussion, Gesten, Körperflüssigkeiten, grellem Licht, Sirenen, Sex und Gewalt besteht. Den “Sound” erzeugen zwei Musiker (Toomas Täht: Schlagzeug; Miroslav Mirosavljev: Gitarre), die hoch oben in der Szenerie sitzen. Gespielt wird auf engstem Raum. In einer Gefängniszelle eingesperrt sehen wir drei Männer. Alle drei werden vom Gefängniswärter auf verschiedenste Weise missbraucht, gedemütigt, geschändet; einer der Gefangenen, er kann dem Gefängniswärter nicht mehr sexuell dienlich sein, da er völlig weggetreten die meiste Zeit nur mehr zuckend am Boden vor sich hin röchelt, wird von seinem Peiniger erschossen. Wir steigen mitten in einen typischen Tag der Gefangenen ein, die sich zwar nicht abgefunden haben mit ihrem Schicksal, aber teilweise schon so abgestumpft sind, dass sie die vom Gefängniswärter gewünschten Opferhaltungen, sexuellen Gesten bis hin zu gutturalen Lauten automatisch ausführen beziehungsweise sich an den Qualen, die ihre Mitgefangenen erleiden, aufgeilen. Die Szenerie ist brutal, die Geräusche unangenehm, die Handlung hart und sehr realistisch gespielt, wobei dennoch gewisse Grenzen nicht überschritten werden, freilich wird bei weitem ein realistischeres und sexuell expliziteres Szenario gespielt, als dies etwa an den staatlichen Bühnen normalerweise der Fall ist. Andererseits bewegt sich die Inszenierung im Rahmen des bereits auf Bühnen Stattgefundenen.

Liebesgesänge  (Foto: Martin Bruny)

“Liebesgesänge 1″ endet unwirklich. Der von Andreas Bieber verkörperte Gefangene stößt die Gefängnismauern um, aus der engen Gefängniszelle wird eine Art Strandlandschaft, man hört ein viel angenehmeres Geräusch: Meereswellen. Die Entspannung nach 15 Minuten purer Qual ist körperlich spürbar und perfekt in Szene gesetzt. Andreas Bieber singt das Lied “Die großen weiten Vögel” (Text: Ingrid Caven, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M.Mirosavljev). Nahtlos geht es über in “Liebesgesänge 2″. Was sich dann abspielt, wird auf der “dieTheater”-Seite wie folgt beschrieben:

In einem Wiener Beisl sitzt ein berühmter alter Filmstar, umgeben von einem Haufen Zeitungsausschnitten und gesammeltem Abfall des Alltags. Hier liegt ihre Seele, gesammelt und aufbewahrt, verstaubt und getreten. Sie sitzt oft mit ihrem Mann hier und wartet, dass Leute vorbeikommen, die sie erkennen und bewundern, aus vergangenen Tagen. Sie hat in den 60-iger und 70-iger Jahren Hauptrollen in über 60 Filmen gespielt. Heute wurde der Wirt zu Grabe getragen und die Stimmung der beiden ist getrübt. Selbst der Kellner ist heute zu Hause geblieben; niemand da, der bedient. Ihr Ehemann zapft sich das Bier selber. Wieder sind es die alten Geschichten, die sie bewegen. Wie geizig der Moser war, dass er lieber auf Reisen gewesen ist, als dass er Texte gelernt hätte.
Zwei junge Männer, Java, ein Mörder, und Lucien, ein Sexualverbrecher, verirren sich in das Lokal, und damit tritt die Gegenwart in das Leben unseres Altstars. Die Lebensgeschichten der Jungen werden geprägt von Lust und Hass, von Flucht und Durst. Niemand ist da, der sie bedient. Der Junge schreit nach dem Ober und der Star bittet doch um mehr Respekt. Ein Generationskonflikt bahnt sich an. Doch der Konflikt hat keine Chance. Denn unser junges Paar stellt keine Fragen mehr. Die Jungen sehen die Gunst der Stunde: ein Beisl ohne Wirt, zwei alte Reiche ohne Glück?
So fangen sie ein Spiel von Schuld und Sühne an. Die Jungen sind die Schuld und die Alten können endlich rächen, was sie solange am Leben gehalten hat. Dabei entdecken die Jungen, dass die Welt aus Dreck und Zeitungsausschnitten besteht und die Alten nur das Werkzeug und die Handlanger der Lügen waren. Die beiden Alten wartend auf Zuneigung und Bewunderung erkennen nicht die Gefahr. Die Jungen lassen die Alten spielen. Jetzt darf der Altstar wieder singen. Irgendwann ersticken die Jungen an dem Dreck, der sie umgibt. Die Alten decken sie mit ihrem Müll, den Geschichten von Ordnung, Recht, Zusammenleben und Lügen zu.

Liebe in allen ihren Facetten, Masochismus, Sadomasochismus, Homosexualität, Voyeurismus, Verzweiflung - Java und Lucien singen gemeinsam (”Scheiss mich zu”; Text: Peter Kern, Musik: M.Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber und Oliver Rosskopf), sie verletzen sich, schlagen sich, geilen sich auf, lieben sich. “Each man kills the thing he loves” singt der Altstar (Text: Oscar Wilde, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M.Mirosavljev, gesungen von Miriam Goldschmidt) und stellt damit das Motto des Abends. Lucien, der Masochist, braucht den Schmerz, um sexuelle Erfüllung zu finden (”Ich bin die Hure an der Bar”; Text: M. Enzensberger, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M.Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber). Andreas Bieber spielt Lucien mit bemerkenswertem Körpereinsatz und Intensität, Oliver Rosskopf lernt im Laufe des Stückes als dominanter Java seinem Lucien nicht nur die begehrten körperlichen Qualen zu bereiten. Er fordert von Lucien einen Mord als Liebesbeweis, er deckt Luciens Lebenslüge auf, würgt, stranguliert ihn - schneidet ihm bei lebendigem Leib sein Herz aus dem Körper, inszeniert als orgiastischer, verzweifelter Höhepunkt - Java selbst stirbt, vergiftet vom Altstar und ihrem Diener. Übrig bleibt der Altstar, vergeblich nach der längst verlorenen Liebe der Fans gierend.
Peter Kern hat mit “Liebesgesänge 2″ ein packendes Drama geschrieben und inszeniert, mit Zitaten von Edmund White, Jean Genet und Werner Schwab. Er lässt seinen Text um Rassismus und Medienhohn kreiseln, speist diese Themen aber nur als Absurditätsbrocken in die Handlung ein.
Es wäre schön, wenn Andreas Bieber bald wieder die Herausforderung (Sprech-)Theater annehmen würde. Er beweist auch in dieser faszinierenden Rolle, dass er nicht auf die Rolle des Musicalhäschens reduzierbar, sondern ein charismatischer Vollblutschauspieler ist. Oliver Rosskopf wird seinen Weg hoffentlich auch weiter am Wiener Theater finden. Miriam Goldschmidt glänzt verstörend in diesem Schauspiel, das zwar in einem Wiener Kaffeehaus spielt, aber so gar nichts Wienerisches an sich hat - andererseits, so absurd und morbid wie dieses Stück, das ist dann vielleicht doch das Wienerische an Kerns “Liebesgesängen”.

Liebesgesänge  (Foto: Martin Bruny)

Songs:
“Die großen weiten Vögel”
Text: Ingrid Caven, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M. Mirosavljev
gesungen von Andreas Bieber

“Scheiss mich zu”
Text: Peter Kern, Musik: M.Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber

“Each man kills the thing he loves”
Text: Oscar Wilde, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M. Mirosavljev, gesungen von Miriam Goldschmidt

“Ich bin die Hure an der Bar”
Text: M. Enzensberger, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M. Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber

“Gehen sie nicht, sie fallen nur”
Text: Peter Kern, Musik: M. Mirosavljev, gesungen von Günter Bubnik, Miriam Goldschmidt und Toomas Thät

Eine Verein Kulturpolizei i. Gr. - Produktion
Geschäftsführung: Peter Kern
Produktionsdurchführung: Theater Kulturpolizei, im gemeinnützigen Auftrag

Regie: Peter Kern
Regieassistenz: Wilma Calisir
2. Regieassistent: Josef Prenner
Bühnenbild & Kostüm: Peter Baur, Jakob Neulinger
Bühnenbildassistent: Waltraud Brauner
Schlagzeug: Toomas Täht
Toningenieur: Baltasar Fischer
Gitarre: Miroslav Mirosavljev
Fotografin: Caroline Heider
Grafik, Flyer, Plakat: Elisabeth Laimer
Presse CD/Programm CD: Wolfgang Makula
Pressearbeit: Mag. Bina Köppl

“Liebesgesänge”, zu sehen von 29.08. bis 08.09. und 19.09. bis 23.09.06. Ticketreservierungen direkt auf der Homepage von dieTheater.

New York: Bühne frei für »The Fartist«

Joseph Pujol
Für alle, die schon Urinetown als Titel für ein Musical etwas merkwürdig fanden, und dann mit der deutschen Übersetzung Pinkelstadt ihre ärgsten Befürchtungen bestätigt sahen, gibt es eine gute/schlechte Nachricht: Man kann alles toppen.
Am 1. Juni 1857 wurde Joseph Pujol geboren. In die Theatergeschichte ist er unter seinem Künstlernamen »Le Pà©tomaneq eingegangen. Der Name leitet sich von dem französischen Verb pà©ter (furzen) ab. Bereits in seiner Jugend entdeckte Pujol sein Talent, durch Kontrolle seines Darmschließmuskels Luft anzusaugen, in Form geruchsfreier Darmgeräusche wieder auszustoßen und dabei die Tonhöhe zu modulieren, wobei er später bei seinen Bühnenauftritten auch einen Schlauch einsetzte oder Blasinstrumente mit dem Hintern spielte. Sein erstaunliches Repertoire umfasste populäre Melodien wie das Kinderlied »Au clair de la lune« oder »Le bon roi Dagobert«, die Imitation von Musikinstrumenten wie der Tuba bis hin zu einer eigenen Improvisation über die Geräuschkulisse des Erdbebens in San Francisco von 1906.
Beim diesjährigen New Yorker Fringe Festival feiert am 11. August im Harry de Jur Playhouse ein Musical über das Leben von Joseph Pujol unter dem Titel »The Fartist« seine Uraufführung. Charlie Schulman zeichnet für das Buch verantwortlich, Michael Roberts für Musik und Texte. Unter der Regie von John Gould Rubin sind Kevin Kraft (The Fartist), Mark Baker (Toulouse Lautrec), Jim Corti (Charles Zidler), Rebecca Kupka (Elizabeth), Lyn Philistine (La Goulue) und Nick Wyman (Aristide Bruant) sowie Molly Curry, Tom Gamblin, Rachel Kopf, Lindsay Northen, Charly Seamon und Steven Scott zu sehen.

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