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Archiv - Theater

Wer braucht schon das Wiener Off-Theater?

Theater haben es nicht leicht in der Ära Schüssel und ihrem ausführenden Organ, Kunststaatssekretär Franz Morak. Früher mal, früher mal, da war Franz Morak Schauspieler, Rebell, ein Rockstar, den man vor allem als “Ich möchte Rockstar sein (bins aber nich)” wahrgenommen hat, heute ist er ausführendes Organ einer politischen Partei.

Anno dazumal sang Franz Morak in “Sieger sehen anders aus“:

“Es ist ihr Spiel, sie sind am Drücker, und du wirst es nicht überstehn. Sie lassen dir nicht eine Chance,und bedienen dich extrem. Sie setzen hoch, sie schlagen tief. Und keiner kommt da raus. Nur ich hab sie gesehn, und ich weiß genau: Sieger sehen anders aus!”

In diesen Tagen hat das ausführende Organ eine für die Wiener Off-Theater-Szene folgenschwere Entscheidung getroffen: Fördersummen des Bundes wurden zum Teil völlig gestrichen. Das Odeon beispielsweise wurde bisher mit jährlich 160.000 Euro unterstützt. Nun wurde beschlossen, diese Fördersumme zu kürzen, auf exakt 0 Euro (Kosmos Theater: minus 184.000 Euro/ dietheater: minus 93.000 Euro / Ensembletheater: minus 135.000 Euro / Schauspielhaus: minus 36.000 Euro). Man mag ja zu staatlich geförderter Kunst stehen, wie man will, aber es hat etwas Kafkaeskes, wenn aufgrund eines “Kontrollamtsberichts” ein hochambitioniertes Theaterprojekt “gekillt” wird. Die Off-Theater-Szene ist kein Kunstbereich, in dem es viel zu verdienen gibt. Wer da wirkt, will etwas bewirken, auch wenn er keine nennenswerten Gagen einstreifen kann. Man sollte doch ein wenig mehr Achtung vor der Kunst haben und nicht wie ein Schlachter mit einer Sau umgehen und beschließen: So, heut bist dran. Sag doch einer mal dem Direktor der Wiener Staatsoper, dass er ab nächstem Jahr 100.000 Euro weniger zur Verfügung hat, er würde glatt seinen Spielplan für das Jahr 2020 umwerfen müssen.

Der Bund, so Morak vor einiger Zeit, wolle Wiener Kulturinstitutionen weniger fördern. Weniger Geld von der ÖVP-Regierung an die von der SPÖ regierte Stadt, so der Hintergrund. Auf der Strecke bleibt: die Kunst.

Dass nicht genug Geld da ist, daran kanns nicht liegen. Medienwirksam wurde in den vergangenen Tagen die bröckelnde Fassade der Volksoper präsentiert. Kostenpunkt der Renovierung: über eine Million Euro. Noch medienwirksamer wurde die Misere des Volkstheaters ans Tageslicht befördert. Hier hat Direktor Schottenberg einen Mehrbedarf von 3 Millionen erkennen lassen. Bei manchen Stücken beträgt die Auslastung im Wiener Volkstheater um die 50 Prozent und weniger - und dennoch schreit niemand wirklich auf. Schottenberg ist anerkannt, hat einen Namen. Wie ungleich leichter ist es da, einem Odeon einfach alle Fördergelder zu streichen. Selbst wenn da wer schreit, wen juckts? Renovieren wir die Volksoper, kaufen wir dem Volkstheater einen neuen Stern, verpassen wir dem Theater an der Wien noch eine neue Eingangstür, wer braucht schon das Wiener Off-Theater.

Der Name von Tron und Retten Sie den Stephansdom, Schlingensief

Lustig ist es ja derzeit in der schönen neuen Medienwelt. Ein digitales Nachschlagewerk wird geschlossen, weil darin der Name Boris Floricic verankert ist, also der Realname jenes Hackers, der als “Tron” durch das verpixelte Paralleluniversum geistert, wobei Paralleluniversum, das ist auch so eine Sache. Halten wir uns an Schlingensief, der derzeit im Wiener Burgtheater predigt und die Meinung vertritt, dass es aus der Sicht des Paralleluniversums selbst kein Paralleluniversum gibt, weil sich jedes Universum als das absolute Universum begreift. “Bekennen wir uns zur Scheisse”, das ist das Motto des Projektkünstlers, der aus einer Mischung aus Dreck, digitaler High-Tech-Kulisse, gepaart mit Low-Tech-Verarbeitung, Lärm, begeistert mitmachenden Künstlern und ein paar weiteren geheimen Ingredienzien einen orgiastischen 5,5-D-Jahrmarkt in den Zuschauerraum und auf die Bühne des Burgtheaters verpflanzt hat. Ganz ernsthaft erläutert Schlingensief in Vorträgen sein Konzept, um es dazwischen immer wieder aufzubrechen und mit Genuss der Lächerlichkeit preiszugeben, unverbindliche Kunst, running arts, das serviert er den “Zuschauern”, die in die Burg kommen. Jeder darf nehmen, soviel er will, was er will, was er verträgt. Wer davon das Kotzen bekommt, selbst schuld, hier gibt es keine 3 Akte, kein perfekt geformtes Menü, das runtergeht wie warme Milch, hier ist jeder selbst aufgefordert, zu entscheiden, welchen Batzen an Performance er verschlingen will. Schlingensief ernst zu nehmen wäre vielleicht ein Fehler, aber was kann man derzeit schon ernst nehmen. Fünf Bilder von Gustav Klimt, die Österreich nicht rechtmäßig in Besitz hat und daher der rechtmäßigen Besitzerin retournieren muss, sind der Republik zu teuer, um sie zurückzukaufen. Man suche Sponsoren, heißt es. Rettet Klimt versus Rettet den Stephansdom, wird es vielleicht bald heißen. Und so wie alle paar Monate Schüler durch Wien laufen, um für den Stephansdom Spenden zu sammeln, wird vielleicht auch bald eine Spendenaktion für Klimt durchgeführt. Rettet unseren Fremdenverkehr. Wir haben ja sonst nichts. Außer vielleicht die Sängerknaben, die in den abgebrannten Sofiensälen vielleicht einmal einen neuen Proberaum finden werden, oder auch nicht, denn diesbezügliche Pläne wurden bereits wieder dementiert. Die Bundesregierung sollte Schlingensief engagieren, nein, sie sollte ihm ein Ministerium schaffen, der Mann hat wenigstens Ideen. Für den Stephansdom wird ihm was einfallen, und für Klimt, mein Gott, fragt ihn, redet mit ihm, wenn ihr schon mit der rechtmäßigen Besitzerin der Bilder nicht reden wolltet. Österreich braucht Schlingensief. Und gebt ihm um Himmels Willen das Theater an der Wien als Ministerium der Träume, es wird ohnedies an mehr als 264 Tagen nicht gebraucht.

“Best of 2005″ da capo

Und noch ein kleiner Nachschlag zum Thema Bestenlisten. Diesmal die Theater Top-10-Listen von bekannten US-Zeitschriften und -Magazinen.

TIME
01. PRIVATE FEARS IN PUBLIC PLACES, by Alan Ayckbourn
02. KA, written and directed by Robert Lepage
03. THE LAST DAYS OF JUDAS ISCARIOT, by Stephen Adly Guiggis
04. THE WOMAN IN WHITE, book by Charlotte Jones, music by Andrew Lloyd Webber, lyrics by David Zippel
05. THE PILLOWMAN, by Martin McDonagh
06. SEASCAPE, by Edward Albee
07. THE 35TH ANNUAL PIUTNAM COUNTY SPELLING BEE, book by Rachel Sheinkin, songs by William Finn
08. MISS WITHERSPOON, by Chistopher Durang
09. ORSON’S SHADOW, by Austin Pendleton
10. DARLING OF THE DAY, by Jule Styne and E.Y. Harburg, and IT’S A WONDERFUL LIFE, by Joe Raposo and Sheldon Harnick, in concert revivals

THE DAILY NEWS Top 10 (alphabetisch)(Howard Kissel)
Boozy
Doubt
Jersey Boys
The Light in the Piazza
Moonlight and Magnolias
Private Fears in Public Places
Souvenir
The Trip to Bountiful
Walking Down Broadway
Who’s Afraid of Virginia Woolf?

NEW JERSEY STAR-LEDGER (Michael Sommers)
01. Dirty Rotten Scoundrels
02. Drumstruck
03. In the Continuum
04. Jersey Boys
05. The Light in the Piazza
06. Private Fears in Public Places
07. Romance
08. See What I Wanna See
09. The 25th Annual Putnam County Spelling Bee
10. Who’s Afraid of Virginia Woolf?

ENTERTAINMENT WEEKLY
BEST:
01. Sweeney Todd
02. Who’s Afraid of Virginia Woolf?
03. The Last Days of Judas Iscariot
04. Orson’s Shadow
05. Glengarry Glen Ross
06. The Pillowman
07. Jersey Boys
08. The 25th Annual Putnam County Spelling Bee
09. After Ashley
10. The Ruby Sunrise

WORST:
01. In My Life
02. Lennon
03. The Blonde in the Thunderbird

NEWSDAY (Linda Winer)
01. Glengarry Glen Ross
02. Spamalot
03. Sweeney Todd
04. The Pillowman
05. Third
06. Seascape
07. Miss Witherspoon
08. In the Continuum
09. See What I Wanna See
10. Movin’ Out

THE NEW YORK TIMES (Ben Brantley)
“Dream Teams”
Glengarry Glen Ross
Hurlyburly
Spirit
Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street
Who’s Afraid of Virginia Woolf?

“CELESTIAL STAR TURNS”
Victoria Clark in Light In The Piazza
Rebecca Hall in As You Like It
Antony Sher in Primo
Lois Smith in A Trip To Bountiful
John Lloyd Young in Jersey Boys

Das Theater an der Wien - ein Nachruf

Foto: © Martin Bruny
Der 10. Dezember 2005 bedeutete das Aus für die Kunstform Musical im Theater an der Wien. Um 19:30 Uhr dieses Tages hob sich noch ein letztes Mal der Vorhang für “Musical Christmas”. Der Orchestergraben war schon geräumt, faserfrei präsentierte sich die gähnende Leere. Das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien war ja, wie immer bei den Weihnachtskonzerten, auf der Bühne platziert. Der Eingangsbereich zum Theater - eine Baustelle. Schnell schnell muss man den Eingangsbereich für W. A. Mozart umgestalten. Ka schöne Leich.
Es ist müßig, all die Musicalproduktionen des Theaterhauses aufzulisten, es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass das Haus immer geprägt war von einem gesunden Wechsel von Schauspiel, Oper, später Operette und Musical, nun wird das Theater an der Wien geschlossen, und nur fallweise, ca. 100 Mal im Jahr, für den Monokultur-Opernbetrieb geöffnet. Die Kartenpreise werden in manchen Kategorien mehr als verdoppelt, der Pool an potentiellem Publikum verengt sich auf die Staatsopern-Klientel, die nun einen zusätzlichen Opernabend pro Jahr einplanen darf.
Es stellt sich allerdings die Frage nach dem Sinn. Wo steckt der Sinn dahinter, ein täglich ausverkauftes Haus umzuwidmen? Macht es Sinn, ein technisch bestens ausgerüstetes Haus downzugraden auf den “Opernbedarf”? Macht es Sinn, ein Jahr lang nur Mozart aufzuführen, den armen Kerl endgültig zu Tode zu spielen? Macht es Sinn, ein gut gehendes Musicalhaus umzuwidmen ohne zu versuchen, die entsetzlich schlecht funktionierende Volksoper auf Vordermann zu bringen. Macht es also Sinn, in Wien ein zusätzliches Opernhaus zu installieren, wenn eines der bestehenden ohnedies so gar nicht funktioniert? Fragen über Fragen … Antworten sind müßig, denn das Ergebnis ist keine Folge von logischen Überlegungen. Lassen wir es dabei bewenden.
Musical am Theater an der Wien - das ist eine Geschichte von großen Momenten und so manch vergebener Chance. Nehmen wir Freudiana, die erste große Eigenproduktion der Vereinigten Bühnen Wien, als Angel- und Endpunkt. Was für ein wunderbarer Score, was für herrliche Lieder - eines der meist unterschätztesten Musicals, die je im Theater an der Wien gespielt wurden. Ein Revival ist längst überfällig, eine baldige konzertante Aufführung ein Muss. “Don’t let the moment pass” mag hier als letzter Tribut an das Theater an der Wien als Musicalhaus stehen. Auf Wiedersehen!

This golden day will be mine
For every moment in time
If time should lose her way

A symphony in the night
Of stars that dance in the light
And music far away

They say that love is but a dance
Don’t let the music fade away
Don’t let the moment pass

Without a reason or rhyme
The sweet bouquet of the wine
Will vanish in the air

The innocence of the rose
She leaves where ever she goes
That all the world may share

Some days when clouds are drifting by
I open my eyes to watch them go
And wonder where they fly

Some nights Orion runs too fast
I look to the stars as if to say
Don’t let the moment pass

But soon a golden age is past
Just when it seemed that miracles
Where not too much to ask

And though the world may turn too fast
If it should seem like paradise
Don’t let the moment pass
[Eric Woolfson/Lida Winiewicz und Brian Brolly]

Verkaufts mei Gwand, i fohr in Himmel oder die “Elisabeth”-Pseudo-Derniere

Dernieren sind für Theaterfans etwas ganz Besonderes. Das gilt nicht nur für das Musical, sondern auch für das Sprechtheater, für das Theater allgemein. In Dernieren, das ist bekannt, findet man zu einem Großteil Theaterverrückte, die die betreffende Produktion viele Male, oft Hunderte Male, gesehen haben. Es ist ein Abschied, der mit Begeisterung gefeiert wird und immer in Wehmut endet, und ja, geweint wird bei Dernieren nicht selten, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Es ist zu einem großen Anteil ein Haufen Irrer, der sich noch einmal versammelt, um gemeinsam die Magie zu erleben, ein Haufen Kunst- und Kulturbegeisterter, der noch einmal zur Gefühlskulisse wird, ohne die die Kulissen der Bühne nur ein Haufen Pappmachà© und Metall blieben.
Gelten Premieren oft als Schickimicki-Events, für die man Prominenz braucht, um in die Schlagzeilen zu kommen, ist das bei Dernieren nicht wirklich der Fall. Hier ist alles gelaufen; sicher, Artikel in der Presse sind immer von Vorteil, aber Kartenvorverkauf muss keiner mehr angekurbelt werden. Namen von Promis sind nicht mehr nötig, um in irgendwelchen Klatschkolumnen Erwähnung zu finden. Es ist ein Abschiedsfest, bei dem man gemeinsam einer doch schönen Zeit “gedenkt”.
Anders im Fall von “Elisabeth”. Hier legt der Veranstalter scheinbar Wert darauf, zur Derniere am 4. Dezember 2005 Prominenz ins Theater an der Wien zu laden und, so vermutet man, große Kartenkontingente en gros & exklusiv zu verkaufen. Der allgemeine Kartenvorverkauf für die letzte Vorstellung von “Elisabeth” wurde nie eröffnet, die Show wurde vielmehr zur “Geschlossenen Veranstaltung” erklärt. Das kann man ganz nüchtern sehen, und vermutlich hat sich der für diese Entscheidung Verantwortliche etwas dabei gedacht. Vielleicht ist es aus buchhalterischen Gründen und zum Wohle des Geschäftsjahrs nötig, Gewinn zu lukrieren, wo es auch nur möglich ist.
Man kann das Ganze auch ein wenig weniger nüchtern sehen, man kann auch die Meinung vertreten, dass hier den Fans die Derniere geraubt wird. Natürlich ist das mit “Fans” immer so eine Sache. Mal liebt man sie, mal würde man sie am liebsten auf den Mond schießen. So manche Show wurde von allzu mitgerissenen Fans zur Farce zerschrien und zerjubelt, von den Exzessen und Gelagen am Bühnentürl gar nicht zu reden. Aber andererseits: Was wären Musicals ohne die hysterischen, ehthusiasmierten Musicalfans, die auch dann für Stimmung sorgen, wenn der Altersdurchschnitt im Saal bei 66 und das Stimmungsbarometer bei “Gähn” liegt. Natürlich verdient man nicht mit Leuten, die um 2,5 Euro die Stehplätze belagern, aber andererseits, wie ätzend leer ist ein Theater, wenn die “Fans” mal nicht da sind.
Ich muss gestehen, ich habe kein Verständnis für das Phänomen “Dernierenraub”. Ich habe keine Lust, um billige Restkarten zu betteln und dann in der Vorstellung zusehen zu müssen, wie in den ersten Reihen Baumeister einschlafen, Direktoren anderer Theater angewidert die Mundwinkel nach unten verziehen und Starlets sich bei ihren Begleitungen erkundigen, wer denn die arme Frau in Weiß eigentlich sei.
“Elisabeth” wird als das Musical in Wiens Theatergeschichte eingehen, das keine Derniere hatte. Das mag traurig sein, aber vielleicht passt es zur Story, denn auch der Habsburgerin blieb keine Zeit, in Würde Abschied von dieser Welt zu nehmen.

Wiens Theaterszene vor dem Kollaps?

Wiens Theaterszene hat in den letzten Jahren zunehmend mit schwerwiegenden Existenzsorgen zu kämpfen. In Zeiten immer knapper ausfallender Budgets werden die Prioritäten der jeweiligen Verantwortlichen klar ersichtlich. Meldungen wie jene der eventuell bevorstehenden Schließung des Vindobona und der wieder aufflammenden Probleme des Akzent sprechen eine deutliche Sprache. Einige Theater haben sich nun zusammengeschlossen in ihrem Kampf ums Überleben. Den für dieses Desaster politisch Verantwortlichen wird dies wohl egal sein. Lieber sperren sie de facto das Theater an der Wien zu (87 Vorstellungen pro Jahr sind völlig inakzeptabel und eine völlige Unfähigkeitsbescheinigung des zuständigen Planers) und investieren in einen nur durch diese Schließung nötigen Unmbau des Ronacher. Die Lösung liegt auf der Hand: sofortiger Stopp der Pläne, das Theater an der Wien in ein Opernhaus umzuwandeln, Stopp des Umbaus des Ronacher und Investition in die so wichtige Theaterszene.

Wiens kleinste und älteste Kleinbühne: experiment - Theater am Liechtenwerd

Mit 49 Sitzplätzen ist das “experiment - Theater am Liechtenwerd” die kleinste und zugleich älteste Kleinbühne Wiens. Ein desolater Kohlenkeller wurde von einer Handvoll Theaterbegeisterter mit kargen Mitteln und viel eigener Arbeitskraft zum Theater gebastelt.
Seit der Eröffnung zu den Wiener Festwochen 1956 gab es 196 Produktionen mit 255 aufgeführten Stücken davon 43 Uraufführungen vornehmlich österreichischer Autoren (u. a. “Totu-wa-botu” von Wolfgang Bauer) und 79 Österreichische Erstaufführungen. Pro Theatersaison sind jeweils 4 Produktionen vorgesehen mit zusammen mindestens 100 Aufführungen.

Der Kreidekreis

Noch bis zum 27. November 2004 steht DER KREIDEKREIS, ein “Spiel nach dem Chinesischen von KLABUND” auf dem Programm des “experiment”. Der Inhalt kurz erzählt:

Haitang, deren Vater durch die harten Forderungen des Steuerpächters Ma in den Tod getrieben wurde, muss in einem Teehaus arbeiten.
Prinz Pao verliebt sich in Haitang, doch Ma bietet mehr Geld und kauft sie als Nebenfrau.
Yü Pei, Mas kinderlose Frau erfährt, dass ihr Mann sie zugunsten Haitang, die ein Kind geboren hat, verstoßen will. Sie vergiftet den Mandarin und lenkt den Verdacht auf die von ihr gehasste Nebenfrau. Diese wird zum Tod verurteilt.
Pao hat inzwischen die Macht übernommen. Eine Probe soll die wahre Mutter zeigen. Das Kind wird in einen Kreidekreis gestellt. “Die rechte Mutter wird die rechte Kraft besitzen, den Knaben aus dem Kreis zu sich zu ziehen.”

Die Besetzung: Doris Drechsel, Jopie den Dulk, Gertraud Frey, Erwin Bail, Michael Gert, Hannes Lewinski, Harald Nagl und Thomas Udalrik.

London: Christan Slater fliegt über das Kuckucksnest


In den ersten Jahren seiner Filmkarriere wurde Christian Slater des öfteren mit Hollywoodlegende Jack Nicholson verglichen, nun schlüpft der Filmstar in eine der berühmtesten Rollen Nicholsons. In einer Bühnenversion mimt Slater die Rolle des R. P. McMurphy in Ken Keseys Einer flog über das Kuckucksnest.
Die Produktion von Guy Masterson wird im Rahmen des Edinburgh Fringe Festival präsentiert. Ein Transfer ans Londoner West End im September 2004 ist bereits fix.
Für Slater ist es nicht die erste Bühnenrolle. Bereits 1980 debütierte er in “The Music Man”. Neben Slater agieren Stephen K. Amos, David Calvitto, Ian Coppinger, Adrian Hope, Katherine Jakeways, Dave Johns, Owen O?Neill, Phil Nichol, Lucy Porter, Gavin Robertson und Lizzie Roper. [story]

Patti Labelle live in der Wiener Staatsoper - ein Konzert, zwei Erlebniswelten


Am 1. Juli gastierte Soul-Diva Patti Labelle im Rahmen des Jazzfest Wien in der Wiener Staatsoper und lieferte eines jener seltenen Konzerte ab, die von Anfang an in eine andere Welt entführen. Die Erwartungshaltung war hoch, die Spannung vor dem Konzert spürbar - nichts anderes als DAS Live-Highlight des Jahres haben sich alle Fans der Künstlerin erhofft -, und schon mit dem ersten Ton, den Patti noch offstage in den Saal sandte, löste sich diese aufgeladene Atmosphäre - was dann folgte, war Soul pur, Soul der Extra-Klasse wie ihn nur eine Handvoll KünstlerInnen auf dieser Welt zu leben und vermitteln verstehen. Das haben Kritiker, die dafür eine gewisse Sensibilität aufbringen, verstanden und gefühlt, und so liest sich auch eine Kritik in der PRESSE auszugsweise wie folgt:

Magie und Aura waren eindeutig auf Seiten der Künstlerin aus Philadelphia, die nicht nur nahm, sondern vor allem gab. Etwa eine intensive Version von “If only you knew”, ihres späten ersten Nummer-Eins-Hits (1983), oder eine Duett-Adaption von “On my own”. Dazwischen erzählte sie tragische Episoden ihres Lebens, die sie derart selbst berührten, dass sie immer wieder zu weinen begann, ehe sie sich darauf besann, ihre Gefühle in Gesang zu kanalisieren.
In der Einleitung zu “Not right but real” empfahl sie allen unglücklichen Frauen, aus ihren Partnerschaften zu flüchten; vor dem eleganten Schleicher “Two steps away” erinnerte sie an die Ungewissheiten des Lebens. Ihre ekstatische Adaption des Al-Green-Klassikers “Love and Happiness” ließ die Oper brodeln. Das konnte dann nicht einmal ihr alter Discohit “Lady Marmalade” toppen. Mit einem langen “Over the Rainbow” und einer Gospelversion des “Vaterunser” verabschiedete sich Patti LaBelle, wankte in die Garderobe zurück, mit nichts als Schweiß und Tränen und einem knapp sitzenden Kleid. Keine Frage: ein Star.

Freilich gibt es auch Zeitgenossen unter uns, die Kritiken, so kommt es mir machmal vor, nur deswegen schreiben, um ihre berufliche Pflicht zu erfüllen, die manche Events wahrnehmen müssen, obwohl sie lieber bei irgendeiner Indie-Band abgruften würden, die die Emotionalität eines Soulkonzerts in der Tat nicht erleben wollen, und so liest sich eine Kritik desselben Konzerts von Patti Labelle im STANDARD auszugsweise so:

Nun bleibt es jedem unbenommen, mit den Mitteln des Peinlichkeit gegen die Gesetze des Lebens anzukämpfen. Aber man sollte das dann zumindest im Musikalischen mit ausgewogenen Mitteln tun. Es erwies sich jedoch leider als verhängnisvoll, dass LaBelle die Energie einer Girlband in sich vereint. Natürlich, schön ist die Exaltation. Doch noch schöner, wenn sie mit Pausen versehen wird. In “Lady Marmalade” obwaltete jedoch der Wunsch nach Dauerintensität. Und da sie im Gesanglichen zu grobschlächtigen Mitteln tendiert, führte dies bald zur Überforderung der Lauscher.
So kommt es leider, wie es kommen muss: Wie die Anzahl von Höhepunkten jeglicher Art ab einer gewissen Menge zu Indifferenz führt, so ist man nach Tausend “Yeahs” und “Uhhhhs” an den Grenzen seiner Wahrnehmungsgelüste angelangt. Und verlässt das ehrenwerte Haus mit der Sehnsucht nach hundert Jahren Stille.

Wie schade, dass der Kritiker des STANDARD, in all seiner Hilflosigkeit, der Magie des Abends zu trotzen, sich in so Belanglosigkeiten verliert wie einer Soul-Diva zeilenlang ihr Alter vorzuhalten oder einer anerkannten Sängerin mangelnde stimmliche Mittel zu attestieren. Das ist wahrlich unterstes Niveau, auch sprachlich. Da wenden wir uns doch lieber zum Abschluß der Presseschau der Kritik der TIROLER TAGESZEITUNG zu:

Sie spielte sowohl alte Songs (”Love, Need and Want”, “If you only knew”, “On my Own”), als auch neue (”Two Steps Away”), und sie sang sie nicht nur, sondern gab mit den Liedern alles, was sie hatte, und war ständig in Kontakt mit dem Publikum. Eine Sternstunde, als sie “Lady Marmalade” anstimmte, das sie vermutlich bereits tausende Male gespielt hat. Wie selbstverständlich bat sie das Publikum, mitzusingen, und holte sich zur Verstärkung gleich ein paar Zuschauer auf die Bühne zum gemeinsamen Singen.
Als sie nach der Zugabe (wieder in Schuhen) wirklich ging, sagte sie noch zum Abschied: “Thank you. You save my life”, und man glaubte es ihr, wie auch den persönlichen Talk während des Konzerts mit Schilderungen aus ihrem Leben, der natürlicher Teil der höchst professionellen Show war. Dabei ging es um ihren Abscheu gegen die allgemeine politische Weltlage, die private Beschäftigung mit ihrer Scheidung, den Tod, nachdem sowohl Eltern als auch die Schwester und Künstlerfreunde an Krankheiten gestorben sind. Keine Frage, dass sie ihres kranken Freundes Luther Vandross ebenso gedachte wie des kürzlich verstorbenen Ray Charles.
Diese Show von Patti LaBelle, einer grandiosen Live-Performerin, war eine selten perfekte Synthese von geben und nehmen, sowohl für das äußerst dankbare Publikum, als auch für sie selbst. Hervorragend auch die Band (darunter Derrick Cummings, Kevin Randolph, Grady Harell, Jeffrey Womack).
Hoffentlich muss Wien nicht wieder siebzehn Jahre lang auf ein solches Soul-Ereignis warten!

Dagmar Koller live im Theater an der Wien - Abschied oder Comeback?

Dagmar Koller, Operetten- und Musical-Diva
[Foto: Martin Bruny, 3.3.2004]

Am 3. März 2004 feierte die zutiefst österreichische Operetten- und Musical-Diva Dagmar Koller nach drei Jahren Bühnenabstinenz ihr Comeback am Theater an der Wien. Ist es ein Abschied von der Bühne gewesen oder ein veritables Comeback? So genau weiß man das nicht. Pläne, mit einer Soloshow auf Tournee zu gehen, existieren. Doch nach der Show gab Dagi an, zuerst mal sechs Monate Pause vom Showbusiness machen zu wollen. Schrullig, tapsig und an manchen Stellen doch berührend, begeisterte Dagmar Koller Fans und Promis, die sich bei diesem Event wohl in etwa die Waage hielten. Den Abend im Theater an der Wien gestaltete die Koller mit Ihren Lieblingssongs aus 40 Jahren Showbusiness. So manch Interpretation, beseelt vom Wunsch, es einfach mal anders zu machen (zum Beispiel “Memory” aus “Cats”), kippte, doch mit Jahrhundert-Standards wie “I am what I am” oder “Send in the Clowns” ließ die Diva Klasse aufblitzen.

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