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Archiv - Rezensionen

Jonathan Cott: Leonard Bernstein – Kein Tag ohne Musik

Jonathan Cotts Buch »Leonard Bernstein – Kein Tag ohne Musik« ist die Idealform, wie ein ausführliches Interview mit einem Künstler publiziert werden kann, und sei es 23 Jahre, nachdem das Interview selbst stattgefunden hat. Am 20. November 1989, elf Monate vor Bernsteins Tod, führte der damals 46-jährige Cott mit dem Künstler ein zwölfstündiges Gespräch. Man hörte gemeinsam Platten, nahm ein Abendessen ein, trank – redete über Gott und die Musik. Eine Kurzversion des Gesprächs (achttausend Wörter) erschien wenige Wochen danach im Magazin »Rolling Stone«, das den Auftrag an Cott erteilt hatte, das Interview zu führen.
Die ungekürzte Version, die nicht nur die Fragen und Antworten enthält, sondern auch die Szenerie beschreibt, in der das Ganze stattgefunden hat, die Gefühlslage von Cott und was Bernstein in jedem Moment des Interviews gemacht hat, erschien vor wenigen Wochen in deutscher Sprache und wird im Januar 2013 unter dem Titel »Dinner with Larry: The Last Long Interview with Leonard Bernstein« als Publikation der Oxford University Press auf den Buchmarkt kommen.
Jonathan Cott wurde 1944 geboren und war viele Jahre als Redakteur für Magazine wie »Rolling Stone« oder »The New Yorker« tätig. Er verfasste Bücher zu Literatur, Musik und Kunst und ist bekannt für seine Interviews, die er unter anderem mit Bob Dylan, Glenn Gould, Henry Miller, Werner Herzog, Elizabeth Taylor oder John Lennon führte.
Gerade in Zeiten, in denen Interviews, nicht zuletzt auch im Musicalbereich, oft jeglicher Sinnhaftigkeit beraubt sind, ist es aufbauend zu lesen, wie es sehr wohl Künstler gibt beziehungsweise in diesem Fall gegeben hat, die nicht fürchten, mit ihren Statements eventuell ihre »Klientel« zu verletzen. Es kommt ja heutzutage nicht selten vor, dass Interviews als reines Marketingtool gesehen werden. Die Marketingabteilung plant maximal 60 Minuten, aus denen im letzten Augenblick 45 werden, man bekommt manchmal nicht mal die Gelegenheit, mit dem oder den zu Interviewenden alleine zu sprechen – erraten, die Marketingabteilung passt auf, ein Fräulein sitzt daneben, spielt mit dem Handy, geht mal kurz raus und kommt mal kurz wieder rein, und bevor das Interview dann in Druck gehen darf, natürlich, liest auch die Marktingabteilung die Ausführungen, es könnte ja … man sollte doch … Bei einem solchen Vorgehen, bei einer solchen Inszenierung, weiß man bald nicht mehr, ob hier tatsächlich ernsthaftes Interesse an einem Interview besteht oder ob nur platte Werbung erwünscht ist.
Jonathan Cott konnte mit Leonard Bernstein ein Vier-Augen-Gespräch führen, ohne die Anwesenheit von kontrollierenden Zuhörern, der Leser des Interviews bekommt keine gefilterte Restmeinung zu lesen, keine Harmlosigkeiten, die manchmal haarscharf an der Lüge vorbeischrammen. Natürlich, und auch das wird in diesem Buch beschrieben, im dritten Teil, dem sogenannten »Postludium«, gab es nach diesem Interview vieles zu klären an Bezügen, verwirrenden Bemerkungen und so weiter, und so fand am 3. Dezember 1989 zwischen Cott und Bernstein ein Telefongespräch statt, in dem dieser Rest an Unklarheiten beseitigt werden konnte. Es wurden aber keine Teile des Gesprächs gelöscht oder gar zensuriert.
Was dieses dritte Kapitel so interessant macht, ist die Art und Weise wie Cott seine sagen wir mentale Lage beschreibt, in der er sich befand, als er Bernstein erneut »belästigen« musste, also die Thematisierung der Rolle des Interviewers. Es ist ihm nicht peinlich, seine Unsicherheiten und Befürchtungen (unbegründete Befürchtungen, wie sich herausstellt) mit seinen Lesern zu teilen. Auch dieses Telefongespräch wird im Wortlaut und kommentiert wiedergegeben.
Bernstein nahm sich die Zeit, das Interview (die Kurzversion) nicht nur schriftlich zu autorisieren, sondern auch mit erklärenden Anmerkungen zu versehen. Und genau das ist der Punkt: Ein Interview macht nur dann wirklich Sinn, wenn es beide Gesprächspartner ernstnehmen, wenn sie davon überzeugt sind, dass der Inhalt des Gesprächs relevant ist.
Das eigentliche Interview findet sich im zweiten Kapitel des Buchs abgedruckt unter dem Titel »Dinner mit Lenny«. Auf rund hundert Seiten schafft es Cott mit seinen Fragen ein faszinierendes Porträt von Leonard Bernstein, seiner musikalischen Welt, seinen jüdischen Wurzeln, seiner Philosophie zu skizzieren. Er lässt dieses Interview lebendig werden durch die Art und Weise, wie er auch alle Begleitumstände der Unterhaltung auf hohem Niveau beschreibt, indem er den Ort, an dem das Interview stattfindet, beschreibt, das Dinner und so weiter.
Im Rahmen des Interviews erleben wir einen Bernstein, der über seine Träume spricht, über den Zauber der Musik, den Klang eines Orchesters, immer wieder auch über die Wiener Philharmoniker – sogar ganz erstaunliche Anekdoten erzählt er über sein Verhältnis zu diesem ganz besonderen Klangkörper –, er erklärt die Möglichkeiten eines Dirigenten, referiert über die Kunst des Dirigierens: »Ich schlage nicht den Takt, und ich erlaube es meinen Studenten nicht, das zu tun. Tatsächlich sage ich ihnen im Unterricht, sie sollen nicht diese diagonale Abwärtsbewegung auf dem dritten Schlag machen, wie es die sogenannten Dirigierlehrer tun – das ist, als würde man ein totes Pferd peitschen.« Bernstein erzählt von seinem Umgang mit Kritik, es gibt sehr spannende Passagen, in denen er über das richtige Casting etwa für die »West Side Story« spricht und darüber, wie er seine Plattenfirma Columbia Records mühsam davon überzeugen musste, eine Aufnahme des Musicals zu produzieren. Letztendlich wurde diese LP zum Renner und für Columbia die Rettung, die sie vor dem Bankrott bewahrt hat.
Bernstein erweist sich als blitzgescheiter, schlagfertiger Gesprächspartner, der eine Vielzahl von Zitaten, ganze Gedichte auswendig in das Gespräch einzubringen vermag: »Es gibt eine innere Geografie des Menschen, die von der Musik eingefangen werden kann, und von nichts anderem«, sagt Bernstein zu Jonathan Cott, »das ist der tatsächliche Zauber der Musik.«
Ein großartiges Buch, das man nicht mehr aus den Hand legen mag, wenn man einmal angefangen hat, darin zu lesen.

Jonathan Cott: Leonard Bernstein – Kein Tag ohne Musik. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann. München 2012. 158 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-570-58037-0. EUR 17,99. [www.edition.elke-heidenreich.de]

Thomas S. Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919

Am Anfang könnte eine Enttäuschung stehen. Wer sich etwa erwartet, in diesem Buch mit seinen 472 Seiten um den doch stolzen Preis von 75 Dollar sämtliche Off-Broadway-Musicals seit Beginn der Geschichte penibel aufgearbeitet zu finden oder gar alle diese Shows aufgelistet mit Premierendatum, Anzahl der Vorstellungen und so weiter, der wird – natürlich – enttäuscht. Dafür würde der Platz bei weitem nicht reichen, und die Frage ist, ob eine reine Auflistung aller Produktionen auch Sinn machte. Ein solches Unterfangen, das am ehesten Statistik-Fans gefallen würde, ist auch gar nicht das Anliegen des Autors Thomas S. Hischak. Denn Hischak ist kein reiner Datensammler, er hat etwas zu sagen, er urteilt, fasst Urteile zusammen, analysiert und erzählt, und das mit spürbarem Enthusiasmus. Der Preis, man mag ihn für überzogen halten – doch ist die Anzahl derer, die sich für Sachbücher über den Off-Broadway erwärmen können, offenbar ja so gering, dass es praktisch kaum Werke zu diesem Thema gibt. Insofern ist eben dieser recht hohe Preis wiederum auf eine gewisse Weise gerechtfertigt, denn allzu hohe Auflagen wird man mit derlei Büchern nicht fahren können, und es bleibt letztlich die Frage, ob sich ein Kauf lohnt.
Thomas S. Hischak ist Professor für Darstellende Künste an der Cortland State University, Autor von 16 Sachbüchern mit den Schwerpunkten Theater, Film und populäre Musik sowie Verfasser von 20 Theaterstücken. Seine bekanntesten Sachbücher: »The Oxford Companion to the American Musical: Theatre, Film, and Television« (2008), »Theatre as Human Action: An Introduction to Theatre Arts« (2005) und »Through the Screen Door: What Happened to the Broadway Musical When it Went to Hollywood« (2004).
Hischak analysiert in seinem Buch die Entwicklung des Off-Broadways anhand von 375 ausgewählten Musicals (im weitesten Sinne), beginnend bei »Greenwich Village Follies«, einer Revue aus dem Jahre 1919, endend bei »The Toxic Avenger« aus dem Jahre 2009. Für jede dieser Shows liefert er die Basisdaten wie Uraufführungsdatum, Anzahl der gespielten Vorstellungen (auch am Broadway, so ein Transfer stattgefunden hat), Angaben zum Leading Team, zu den Darstellern, zum Theater, in dem gespielt wurde – und zu jeder dieser Shows bietet er einen Artikel, der sich eingehend mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Produktion auseinandersetzt. Er liefert grobe Inhaltsangaben und bespricht die wichtigsten Songs. Hischaks Angaben sind vor allem bei jenen Shows wertvoll, über die man heute nur sehr schwer an Informationsmaterial kommt. In das Buch aufgenommen wurden ganz und gar nicht nur die Hits des Off-Broadways. Auch den Flops, die nur wenige Vorstellungen erlebten, wie etwa »Valmouth« von Sandy Wilson, wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mit Sicherheit hat Hischak ein Faible fürs Kuriose, so nimmt er sich Zeit, genüsslich den Inhalt dieses England-Imports zu schildern, der für 40.000 Dollar 1960 im York Playhouse auf die Bühne gebracht wurde und genau 14 Vorstellungen durchhielt. Eine Show, dessen Rezeptionsgeschichte Hischak nach längeren, äußerst amüsanten Ausführungen so zusammenfasst: »The press was more confused than outraged. Several did praise the score, and the cast was roundly applauded, but just explaining the show in the reviews was enough to frighten audiences away.« Verweise auf den Score, auf die Songs, auf die Londoner Cast-CD, die immerhin mit einem Weltstar, Cleo Laine, aufwarten konnte – Hischaks Liebe für das Musicalgenre und sein Geschick, Fakten auf spannende Art und Weise zu vermitteln, machen dieses Buch lesenswert.
Eine These Hischaks, die sich quer durch einige seiner Bücher zieht und in dem hier besprochenen auch mit Zahlen und Fakten belegt wird: Es ist zwar möglich, das »typische Off-Broadway-Musical« zu charakterisieren, doch werden heutzutage immer weniger »echte« Off-Broadway-Musicals produziert. Was ein »Off-Broadway-Musical« ist, versucht der Autor so festzumachen: »Broadway musicals are bigger than life and offer outsized emotions expressed in large theatres; Off-Broadway musicals are smaller in scale and explore emotions that are more life-size as they are enacted in more intimate venues. When Broadway offers musical comedy, the songs, the dancing, the laughs, even the tears are big enough to fill a large and elaborate theatre. Off Broadway cannot afford such a scale and instead offers simpler productions and a more direct kind of music, dance, and comedy. (…) Broadway is about fame, glory, and success. Off Broadway is about smart, sharp, little shows that make a personal impact. Many actors, writers, and directors first find critical acclaim Off Broadway, but only Broadway can make stars and super showmen.«
Wurden früher Musicals explizit für den Off-Broadway produziert, so ist der Off-Broadway heute immer mehr eine Vorstufe, um es von da zum Broadway zu schaffen. So nennt Hischak auch das Kapitel, das sich mit den Musicals des Off-Broadway von 2000 bis 2009 beschäftigt »Fodder for Broadway«. Zwölf Produktionen haben in dieser Zeit den Wechsel vom Off- zum Broadway gewagt, mehr als in jeder Dekade davor. Doch ein Erfolgsrezept ist diese Strategie nur bedingt, denn fünf dieser Shows sind gefloppt, teils trotz großartiger Kritiken. Beispiele: »Caroline, or Change«: 106 Vorstellungen Off-Broadway, 136 Vorstellungen am Broadway. Hischak: »Had the show remained Off-Broadway, it is likely it would have run and run because it was the kind of musical that flourished on word of mouth, not critical acclaim.« Gefloppt auch: »Grey Gardens« (Off-Broadway: 63 Vorstellungen, Broadway: 307 Vorstellungen), »Passsing Strange (56 Vorstellungen Off-, 165 Vorstellungen Broadway) – »a Broadway show that wasn’t Broadway in spirit, attitude, score, or satisfaction«. Hischaks These, warum es manche Off-Broadway-Shows dann doch schaffen, auch am Broadway Erfolg zu haben, ist im Prinzip simpel, aber nachvollziehbar. Musterbeispiel: »Rent« ging zwar vom Off- zum Broadway, doch »without losing any of its intimacy and power«. Man war zwar als Zuschauer am Broadway, hatte aber »Look and Feel« einer Off-Broadway-Show. Dasselbe trifft auf diverse andere erfolgreiche Transfers zu, wie beispielsweise »Spring Awakening« oder »Avenue Q«.
Zurückkommend auf die Eingangsfrage: Lohnt sich der Kauf? Ja!

Thomas Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919. From »Greenwich Village Follies« to »The Toxic Avenger«. Scarecrow Press, Inc., Plymouth 2011. 472 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-8108-7771-9 / ISBN 978-0-8108-7772-6 (E-Book). $ 75,00.

Schubert Theater: »Die letzten 5 Jahre« [2012]

image.jpgSich die Musical-Horizonte eigenständig sozusagen von ganz unten zu erschließen, von eigenen Produktionen auf kleinen Bühnen zu lernen, selbst rauszubekommen, wie man das Geld für eine Musicalproduktion aufstellt, Sponsoren (welche auch immer) findet, mit Verlagen verhandelt, eine Produktion erarbeitet – das ist nicht unbedingt der Regelfall im Leben eines Musicalstudenten. Und so kann man die Produktion von Jason Robert Browns »Die letzten 5 Jahre«, so, wie sie am 3., 4. und 5. Juni im Wiener Schubert Theater zu sehen war, als etwas ganz Besonderes, und sogar ohne Übertreibung Beispielgebendes sehen. Zumindest sollte sie ein Beispiel sein, nicht nur, was die Ambition an sich betrifft, sondern ebenso, wie man mit einem mittlerweile zum Musicalklassiker avancierten Stück auch mit bescheidenen finanziellen Mitteln, aber einem Wahnsinns-Engagement großartige Theatermomente erzeugen kann.

Unter der Regie von Matthias Weißschuh spielten Jil Clesse und Michael Souschek das Liebespaar Cathy Hiatt und Jamie Wellerstein, das sich nach einer fünfjährigen Beziehung getrennt hat. Jamie erzählt seine Version dieser Beziehung von der ersten Verabredung bis zur Trennung, Cathy schildert sie vom Abschied bis zur ersten Verliebtheit. Matthias Weißschuh, Jil Clesse und Michael Souschek studieren derzeit an der Konservatorium Wien Privatuniversität im 2. Studienjahr, Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater.

Jason Robert Brown hat sein Musical für Klavier, Bass, Violine und zwei Celli orchestriert, und genau so wurde es auch im Schubert Theater umgesetzt: Ronald Sedlaczek am Klavier, Sebastian Küberl am Bass, Markus Stinauer an der Gitarre, Hannah Berger an der Violine, Maria Medina Vallà¨s und Ana Flores an den Celli. Man sollte es ja kaum glauben, dass sich eine kleine Produktion dieses Top-Team leisten kann, aber üppigst budgetierte Märchen- und andere -Phantasien ihre Hallen und Open-Air-Phantasmorgien mit Musik vom Band beschallen lassen. Der Unterschied war klar zu hören: Im Schubert Theater konnte man einen in jeder Sekunde spannenden Musicalabend erleben, woanders gibt‘s maximal gebürstetes Entertainment. Ein live aufspielendes Kammerorchester ist natürlich nicht so perfekt wie ein Band, aber so ist auch das Leben, außer im Entertainment.

Jil Clesse und Michael Souschek legten ihre Rollen großteils ohne die bei dieser Show oft gesehenen Extravaganzen und Gefühlsexplosionen an – entweder als bewusste Entscheidung für mehr Natürlichkeit in der Interpretation; oder eben, weil das noch nicht drin ist, was auch nichts machen würde. So verzichtete etwa Souschek großteils beim Song »Das Lied von Schmuel« auf den oft gehörten betont jiddischen Tonfall, gestaltete aber die Parts der »Uhr« in diesem Song sehr unterhaltend. Oft bleibt am Ende der »Letzten 5 Jahre« die Frage, wer denn nun verantwortlich ist für das Scheitern der Beziehung. Es liegt in den meisten Fällen an der Regie, ob man nun als Zuschauer mehr Sympathie für Cathy oder Jamie hegt. Bei dieser Version der Show würde ich mal von einem leichten Sympathiebonus für Cathy ausgehen. Die in der Rolle der Cathy angelegten besonders unguten, aber großartig gespielten Momente kommen bei Jil Clesse doch nicht so wahnsinnig zum Tragen wie jene von Michael Souschek, der etwa bei »Keiner muss das erfahren«, dem für mich stärksten Song des Musicals, gar nicht so stark die im Lied steckende musikalische Kraft herausholt, aber auf eine ganz eigene, zärtliche Art schauspielerisch die Szene zur entscheidenden macht.
Vielleicht, vermutlich, kann man das auch ganz anders sehen. Das ist nicht nur ein Feature dieses Musicals an sich, das ist auch ein Plus der Inszenierung und der Schauspieler. Ein fantastischer Musicalabend.

Wiener Stadthalle/Halle F: Peter Kraus – »Für immer in Jeans« [2012]

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Im Oktober 1956 stand Peter Kraus (geboren 1939) in München das erste Mal auf einer Konzertbühne – und, so heißt es, wurde bereits da vom Musikproduzenten Gerhard Mendelson entdeckt. Für Polydor Records Wien produzierte Mendelson mit Kraus 1957 seine erste Single, eine Coverversion von Little Richards Hit »Tutti Frutti«. Und seit diesem Zeitpunkt läuft die Karriere von Peter Kraus wie auf Schienen.

2012 ist der 73-jährige Entertainer mit seiner brandneuen Show »Für immer in Jeans« am Start und spielt rund 60 Konzerte. Am 28. und 29. März gastierte er in der Halle F der Wiener Stadthalle.

Für seine Tour hat sich Peter Kraus eine Revue mit Musicalelementen schreiben lassen, fast jeder Song ist in eine kleine Szene verpackt, Kraus erzählt aus seinem Leben, vom Business und vom Rock ‘n’ Roll, und er stellt Songs aus seinem neuen Album vor. Wie die Tour heißt auch die CD »Für immer in Jeans« und ist ein unterhaltender Mix aus Schlager, Rock, Blues und Swing. Unterstützt wird der Entertainer auf der Konzertbühne von einer großartigen Live-Band und einem perfekt gecasteten Ensemble von Tänzern und Sängern (Marco Maurer, Marvin Dietmann, Anna Carina Buchegger, Anna Weghuber und Beatrix Gfaller), die für richtige Power sorgen – und das Erstaunliche ist, dass Kraus, obwohl all die Tänzer schon seine Enkerl sein könnten, nicht abfällt oder gar großväterlich wirkt. Großartig etwa eine Szene fast wie aus dem Wiener »Simpl«, in der Kraus den heutigen Slang der ganz ultracoolen Jugendlichen karikiert, mit ganz tief hängender Hose, Marke Justin Bieber. Peter Kraus sagging, würde man das wohl bezeichnen. Sehr gelungen. Und auch beim Rock ‘n’ Roll lässt der Peter nach wie vor nichts anbrennen, weder tänzerisch, noch sonstwie, er erweist sich als schlagfertig, amüsant, manchmal etwas melancholisch mit jeder Menge Anspielungen auf das Alter, nicht nur auf seines, sondern auch auf das seines Publikums. Dass all diese Gags und Szenen völlig unpeinlich, ja, amüsant und unterhaltend über die Rampe kommen, dass es keine faden Momente in der Show gibt und immer wieder kräftig aufs Showpedal gedrückt wird, dafür sorgen Regisseur Thomas Smolej und Sabine Bartosch sowie Marvin Dietmann, die für die Choreographien zuständig sind.

Als Special Guest bringt Andy Lee Lang die Stimmung zum Kochen, wenn er seine berühmte Klaviernummer zu »Whole Lotta Shakin’ Going On« abzieht, als »Assistentin« und Duettpartnerin ist Barabara Endl mit dabei. Und auch Peter Kraus’ Sohn Mike ist ein wichtiger Teil dieser Tournee, spielt beispielsweise ein paar Vater-Sohn-Momente mit seinem alten Herrn, die besonders gut beim Publikum ankommen, und präsentiert mit »Mein Kosmos brennt« ein Lied aus seiner eigenen CD.

Herrlich die Fans, darunter viele muntere Ab-60er, gern auch in Jeans, die geflissentlich all die fetten Schilder ignoriert haben, und auch all die Durchsagen, dass Fotografieren usw. strengstens verboten ist. Da wurde mit den Handykameras geknipst, was das Zeug hält, und warum auch nicht, das gehört einfach dazu und sollte endlich mal gestattet werden. Doch es hat sich ohnedies kein Billeteuschen getraut, auch nur einen Mucks zu machen.

Peter Kraus ist ein Entertainer der alten Schule, er hat ein halbes Jahrhundert Showbusiness in den Knochen. Man merkt ihm sein Gespür für sein Publikum an. Er muss sich nicht bei seinen Fans anbiedern und sie zum Mitklatschen auffordern, das kommt, wenn es kommt, zum richtigen Zeitpunkt, und wenn dann am Ende der Show, man möchte fast sagen, alles, was gerade noch mit Krücken laufen kann, zur Bühne stürmt und den Star der guten alten Zeit wie damals, in den geilen 60ern, feiert, tanzt und mitklatscht, dann sind das gute Momente. Fazit: Eine Show für alle Fans – und für alle anderen eine gute Gelegenheit, eine perfekt produzierte und inszenierte Show mit allen großen Hits von Peter Kraus und erfrischend neuen Tönen zu erleben, eine Show eines der letzten Entertainer und Rock ‘n’ Roller der alten Schule.

Performing Academy: Hear My Song [2012]

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“Wo sonst können neue Trends, neue Stücke und neue Kompositionen im Musiktheaterbereich quasi als ‚Offene Geheimnisse‘ durch die Räume schwirren und so immer wieder Neues entstehen lassen. In einer solchen Institution ist man am Puls der (Musical-)Zeit, und daher verwundert es Insider nicht, dass Jason Robert Brown, ein wahrer Könner seines Metiers, unter unseren angehenden AbsolventInnen omnipräsent ist.«

Das schreibt Alexander Tinodi, der Geschäftsleiter des Performing Center Austria, im Vorwort zum Programm zur Abschlussshow des aktuellen Jahrgangs der Performing Academy. »Hear my Song« hieß die Show, die am 24. und 25. März im Festsaal der Pratergalerien gezeigt wurde. Claudia Artner, Franziska Fröhlich, Aline Herger, Judith Jandl, Peter Knauder, Angelika Ratej, Jakob Semotan, Jasmin Shah Ali, Anetta Szabo und Gloria Veit waren die zehn Studenten, die damit ihre letzte Show im Rahmen ihres Studiums zeigten.

Ominipräsent ist er, Jason Robert Brown, das stimmt, wenn auch nur in den sagen wir Hardcore-Musicalkreisen, sozusagen abseits des Stroms, auf dem die Hochseedampfer tuckern. Brown ist, man muss es sagen, das, was man als Kassengift bezeichnen könnte. Das ist nicht mal eine Unterstellung, er wird mir sicher in diesem Fall nicht mit einem Rechtsanwalt drohen, es ist belegbar, und er selbst hat schon des Öfteren in seinem Blog darauf Bezug genommen.
Schaun wir uns alle Werke an, die von Jason Robert Brown geschrieben wurden beziehungsweise für die er Musik beigesteuert hat, und wie sie sich am (Off-) Broadway gemacht haben.

1) Songs For A New World (26.10.1995; WPA Theatre, Off-Broadway)
12 Vorstellungen

2) Long Day’s Journey Into Night (22.3.1998; Irish Repertory Theatre, Off-Broadway)
Incidental Music by Brown
49 Vorstellungen

3) Parade (17.12.1998, Vivian Beaumont Theatre, Broadway)
84 Vorstellungen

4) Fuddy Meers (2.11.1999, City Center Stage, Off-Broadway)
Incidental Music by Brown
166 Vorstellungen

5) The Waverly Gallery (22.3.2000, Promenade Theatre, Off-Broadway)
Incidental Music by Brown
70 Vorstellungen

6) Current Events 13.6.2000, City Center Stage II, Off-Broadway)
Incidental Music by Brown
40 Vorstellungen

7) The Last 5 Years (3.3.2002, Minetta Lane Theatre, Off Broadway)
73 Vorstellungen

8) Kimberley Akimbo (4.2.2003, City Center Stage I, Off-Broadway)
Incidental Music by Brown
72 Vorstellungen

9) Urban Cowboy (27.3.2003, Broadhurst Theatre, Broadway)
5 Songs
60 Vorstellungen

10) Last Dance (3.6.2003, City Center Stage I, Off-Broadway)
Incidental Music by Brown
40 Vorstellungen

11) 13 (5.10.2008, Bernard B. Jacobs Theatre, Broadway)
105 Vorstellungen

Die finanziellen Flops, das ist eine Sache, sein Ruf ist ein anderer. Nach wie vor wird Brown in jeder Liste der wichtigsten »Nachwuchs«komponisten genannt, und auch wenn seine Musicals nur selten in großen Häusern laufen, werden sie von kleinen Theatergruppen gerne und häufig aufgeführt.

Das Perfoming Center hat sich aus Browns Musicals »Songs For A New World«, »Parade« und »13« ausgesucht. Weiters »Urban Cowboy«, eine Show, zu der der Komponist einige Songs beigesteuert hat, und Lieder aus seiner Solo-CD »Wearing Someone Else’s Clothes«. Rund um diese Songs hat Jürgen Kapaun eine Handlung gebaut: In der Grand Central Station von New York treffen zehn Menschen aufeinander. Jeder bringt den Zuschauern sein Leben nahe, in Form von Monologen, Dialogen, Liedern und Tanz. Vom tragischen Schicksal einer Suizidgefährdeten (Franziska Fröhlich) bis zur Shoppingtussy (Aline Herger), alles ist dabei. Ein Hollywood-Autor (Jakob Semotan), der sich aus seinen billigen Soaps wegträumt, ein Tänzer (Peter Knauder), dessen Lebenstraum, eine Karriere in New York, zerplatzt. Großteils interessante Handlungsskizzen, die das Gerüst für die Interpretationen der Songs von Jason Robert Brown bilden, die ja auch immer ihre eigene Geschichte erzählen. Ein Umstand, der der Show enorm zugutekommt, denn so gut die Ideen auch im Regiebereich waren (Jürgen Kapaun), so hätte man doch viel mehr Zeit haben müssen, um an der Gestaltung der Szenen, der Glaubwürdigkeit in Dialogszenen zu feilen.
Die Live-Band (Klavier, Schlagzeug, Bass, Violine) ist ein wesentlicher Plusfaktor in dieser Show, der Sound im Festsaal der Pratergalerie entspricht dem Setting der Revue – wie in einer Bahnhofshalle klingt es da. Generell ist alles etwas hallig und manchmal viel zu laut, die Mikros kommen manchen Stimmtechniken zugute, mitunter aber entsteht fast körperlicher Schmerz. Doch man spürt die Ambition und das Können, am Technischen wird es nicht immer scheitern.
Sabine Arthold hat für einige der Songs wirkungsvolle Gruppenchoreographien entworfen. Manchmal war mir der Tanzfaktor zu betont. Man muss nicht jedem Interpreten zwei Mädels/Jungs in den Background packen, die da ihre Tanzkünste demonstrieren, das lenkt dann doch vom Sänger und vom Song ab und wirkt manchmal so “typisch musicaaaal in a bad way”, ist aber sicher eine Geschmacksfrage. Denn letztendlich ist ja eine solche Show dazu da, zu zeigen, was jeder kann. Etwa auch Peter Knauder, der jenen jungen Tänzer aus Österreich spielt, der es in New York, »der Stadt, in der du endlich du sein darfst«, schaffen will und dann durch einen Autounfall stirbt, auf dem Weg zum … Geschichten, vielleicht manchmal fast zu sehr in Richtung Soap … Knauder, bei seinem letzten großen Tanzsolo wie ein Panther, eingesperrt in einem Käfig, auf der (scheinbar) viel zu kleinen Bühne. So kann der Panther natürlich nicht zeigen, wie schnell er wirklich laufen kann, verbeißt sich in nahezu grotesker Mimik, aber man weiß ja, was er alles kann (man weiß es nicht aus Disney-Shows).
»Hear My Song«, neben der Disney-Schiene in der Stadthalle, eine ungeheuer wichtige Produktion. Live-Musik, Arbeit an Kompositionen eines der ganz Großen gemeinsam mit Marie Landreth (Musikalische Leitung & Arrangements), die Entwicklung eines Buchs (Jürgen Kapaun), da macht es Spaß zuzusehen.

Leading Team
Regie und Buch: Jürgen Kapaun
Musikalische Leitung & Arrangements: Marie Landreth
Choroegraphie: Sabine Arthold
Dance Captain: Franziska Fröhlich, Claudia Artner

Band
Klavier: Chanda Vander Hart
Schlagzeug: Franz Hofferer
Bass: Gabor Farkas
Violine: Michael Guttierez

Cast
Claudia Artner, Franziska Fröhlich, Aline Herger, Judith Jandl, Peter Knauder, Angelika Ratej, Jakob Semotan, Jasmin Shah Ali, Anetta Szabo, Gloria Veit

Verwendete Songs
- On the deck of a Spanish Ship (»Songs For A New World«)
- The New world (»Songs For A New World«)
- Just One Step (»Songs For A New World«)
- What it means to be a friend (»13«)
- Do it alone (»Parade«)
- And I will follow you (»Wearing Someone Else’s Clothes«)
- Grow old with me (»Wearing Someone Else’s Clothes«)
- The River Won’t Flow (»Songs For A New World«)
- Brand New You (»13«)
- Pretty Music (»Parade«)
- King of the World (»Songs For A New World«)
- Dreaming wide awake (»Wearing Someone Else’s Clothes«)
- Mr. Hopalong Heartbreak (»Urban Cowboy«)
- You don’t know the man (»Parade«)
- Flying home (»Songs For A New World«)
- Hear My Song (»Songs For A New World«)

Links
- Performing Center Austria: Standing Ovations am Bahnhof des Lebens!
- Musical Awakening: Hear my Song

… und dann wären da noch … in aller Kürze …

… ein paar Shows gewesen, über die ich gerne geschrieben hätte, etwas ausführlicher – aber aufgrund verschiedener Umstände stattdessen ein paar Eindrücke:

Wiener Stadthalle, Halle F: Aladdin, jr.
Die Wiener Stadthalle, Disney und das Performing Center Austria werden in den kommenden Jahren eine Serie von massentauglichen Kindershows auf die Bühne bringen. Kick-off war “Aladdin jr.”, das am 26. Februar 2012 Premiere feierte.

Auf Einladung der Wiener Stadthalle (die Anfrage an mich, ob ich die Show sehen möchte, kam von der Stadthalle) war ich an jenem Tag vor Ort, um mein Ticket abzuholen – nur mein Name, der war auf keiner Liste zu finden. Man habe, so teilte man mir mit, so viele Listen zusammengefügt, da seien diverse Eingeladene wohl verlorengegangen. Ein Ticket bekam ich freilich, in Reihe 23.

Nicht, dass ich mich beschweren will, wozu, es war eine Einladung, gratis, nun sei nicht verwöhnt etc., Beliebiges hier selbst einzufügen … Fakt ist, dass man aus Reihe 23 die Darsteller auf der Bühne als ungefähr 4 cm große Figürchen sieht, man erkennt nicht, wer zu sehen ist, Mimik etc., nichts zu sehen. Ich persönlich lehne es ab, Shows in der Halle F aus einer solchen Entfernung anzusehen, normalerweise gebe ich die Tickets dann dankend zurück und mach mich auf den Heimweg.

Diesmal, es war ja ein schöner Sonntagnachmittag, es hat geregnet, wunderbar – kurzum, ich bin geblieben. Kritik wird das trotzdem keine werden. Nur ein paar Eindrücke.

Positiv an der Show: Jakob P. Semotan als Geist aus der Flasche, der die guten Gags, die man ihm geschrieben hat, blendend servierte, der erkennbar ist als Typ, auch ohne dass man ihn wirklich erkennt (in jeder Beziehung). Er ist seit hunderten von Jahren schon beim Performing Center Austria dabei, oft bei den Weihnachtsproduktionen, er hat das Zeug, es als Darsteller, oder auch als Rocksänger, oder auch als Comedian, oder auch als Schauspieler zu schaffen. Er hat Schwung in die Show gebracht, er verstand es, mit den Kindern zu interagieren, das alles muss man können. Der von ihm verkörperte Charakter war, auch in Reihe 23, mit Leben erfüllt.

Negativ an der Show: Musik vom Band. Das hat man nicht zu machen, darüber ist aus meiner Sicht nicht zu diskutieren. Gern würde ich mehr zu den anderen Darstellern schreiben, aber da müsste man schon mehr gesehen haben. Die Regie hat sich bemüht, möglichst viel Schwung in die Show zu bringen, ständig treten die Darsteller von den seitlichen Ein- und Ausgängen auf und ab. Das ist tatsächlich auch zielführend, wenn man die Zielgruppe bedenkt. Und die Show kommt bei den Kindern auch gut an, das konnte man registrieren. Massentauglich also ja, aber solange Shows in einem solchen kommerziellen Rahmen mit Musik vom Band produziert werden, spielen sie in einer Liga, die mich persönlich nicht interessiert.

Wiener Musikverein: Best of Hollywood II
Am 27. Februar 2012 traten die Tonkünstler Niederösterreich im Wiener Musikverein mit dem Programm “Best of Hollywood II” auf. Gespielt wurde:

John Williams
“The Flight to Neverland” aus dem Film “Hook”
Hedwigs Thema aus den “Harry Potter”-Filmen; Arrangement von Adam Saunders
John Barry
Konzertsuite aus dem Film “Der mit dem Wolf tanzt”; Arrangement von Steven L. Rosenhaus
Titelsong aus dem Film “Goldfinger”; Arrangement für Gesang und Orchester von Nic Raine
Nino Rota
“Speak softly love” aus dem Film “Der Pate”; Arrangement von Matthias Keller
Lalo Shifrin
Musik aus dem Film “Mission Impossible”; Arrangement von Calvin Custer
Alan Silvestri
Suite aus dem Film “Forrest Gump”; Bearbeitung von Calvin Custer
Howard Shore
Symphonische Suite aus dem Film “Herr der Ringe”; Arrangement von John Whitney
John Williams
“Remembrances” aus dem Film “Schindlers Liste”
Don Davis
The Matrix Trilogy. Suite zweiter Teil
Stefan Nilsson
Gabriellas Song aus dem Film “Wie im Himmel”
Zugabe: “Fluch der Karibik”

Als vokalen Aufputz hatte man für dieses Konzert für einige wenige Lieder Maya Hakvoort engagiert (sehr schön gesungen in schwedischer Sprache “Gabriellas Song” aus “Wie im Himmel”). Im ausverkauften Wiener Musikverein erlebten die Besucher ein teilweise fantastisches Konzert und teilweise ein ärgerliches. Denn natürlich mussten bei dieser Programmauswahl diverse Musikinstrumente elektronisch verstärkt werden. Das ist an sich nicht der Störfaktor gewesen. Wenn man das ordentlich und ausgewogen macht, so kann dadurch ein perfekter Sound erzeugt werden. Wenn man allerdings, wie an jenem Abend, die Harfe derart lautstärkenmäßig raufschraubt, dass man fast aus dem Sitz kippt bei jedem Einsatz, dann ist das mehr als ärgerlich. Highlight des Abends: “The Matrix Trilogy”, großartig.

Konservatorium Wien Privatuniversität: “Rent”
Immerhin: Der Beginn war vielversprechend. Es war dies der Entschluss der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater der Konservatorium Wien Privatuniversität, Jonathan Larsons Rockmusical »Rent« mit dem 3. Jahrgang (mit Unterstützung des 2. Jahrgangs) der Studenten aufzuführen – einem Jahrgang, der einer der vielversprechendsten der letzten Jahre, als Gesamtheit, quasi als Ensemble, gesehen, ist.

Ausgehend von der These, dass die aus dieser vielversprechenden Idee entstandene Produktion »Rent unplugged« keine Kooperation mit der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten ist, muss man sich eingestehen, dass man bei dieser Semestershow ins Zweifeln kommt. Soll man es ernstnehmen, dass eine renommierte Musicalschule ausgerechnet ein Rockmusical auswählt, um es nur mit Klavierbegleitung in Szene zu setzen?

Aber gehen wir doch trotzdem einmal davon aus, wie einige Besucher das taten, und auch, so hört man, und hat teilweise auch erzählt bekommen, darin bestärkt wurden, das zu glauben, dass am Anfang der Arbeiten die Idee stand, dieses Rockmusical unplugged aufzuführen. Mit reiner Klavierbegleitung. Na, das müssen die Jungs und Mädels doch dastemmen, oder? Sozusagen eine Mutprobe – fast, beziehungsweise doch eher eine Kraftprobe. Man könnte einwerfen, »Rent« unplugged aufzuführen, wird, nein, kann dem ROCKmusical nicht gerecht werden. Dann wieder meinen andere, es spricht doch an sich ja generell nichts dagegen, furchtlos auch das mal zu wagen, in Kauf nehmend, dass beispielsweise das unverstärkte Singen vielen Songs bestimmte Feinheiten völlig nimmt, das Ganze zu einem Kampfbelten verkommt.

Aber wenn es denn ein Plan war, wäre es nicht für die Zuschauer interessant gewesen, beispielsweise im Programmheft lesen zu können, wie man auf das Konzept gekommen ist, unplugged an »Rent« ranzugehen? Wenn es denn ein Konzept war und man das alles geplant hatte – es könnte ja natürlich auch sein, dass man mitten in den Proben, sozusagen zwei Tage vor der Premiere, draufgekommen ist, dass man den Sound, den diese Show verlangt, nicht packt. Wobei gerade das Konservatorium mit dem Leonie-Rysanek-Saal eigentlich ein bestens ausgestattetes fast-Studio zur Verfügung hat.

Die Fragen werden also, je länger man darüber grübelt, nicht weniger? Ein weiteres Indiz dafür, dass diese Aufführung nur eine Notlösung war: In der Online-Version des Programmhefts, die als Download auf der Website des Konservatoriums zur Verfügung stand, waren die Angaben zur Band alle noch vorhanden. Und wenn es denn kein Plan war, diese Show unplugged aufzuführen, wäre es dann für die Besucher nicht interessant gewesen, zu erfahren, wie eine Musicalschule mit einer solchen Situation professionell umgeht? So schwer kann das ja nicht sein, hier etwas aus dem Produktionsalltag zu erzählen. Einen besseren Eindruck hätte es hinterlassen.

Teile aus »Rent« wurden schon des öfteren unplugged gegegeben, das ist richtig, die ganze Show so durchzuziehen, ist in keinem Fall sinnlos, das hat diese Produktion bewiesen. Sie hat natürlich auch bewiesen, dass der 3. Jahrgang tatsächlich ein starker Jahrgang ist und auch diese Herausforderung so meistern konnte, dass man zwar die großen Anstrengungen gesehen hat, aber es doch Shows waren, die für Begeisterung sorgten. Trotzdem, eine Kritik macht für mich in diesem Fall keinen Sinn.

Links
- Society: Andreas Gabalier als Disney-Fan
- Musical Musing: [Musical] “Aladdin Jr” (26. Februar 2012, Stadthalle F)
- Andreas Tischler: Aladdin Premiere @ Stadthalle - 26.02.2012 - 29 Fotos
- Wiener Zeitung: Der Disney-Zauber wirkt auch auf der Musical-Bühne
- Wiener Stadthalle: GROSSARTIGE PREMIERE FÜR “DISNEY’S JUNGE BÜHNE” MIT ALADDIN JR.

Wien: »Cats (2012) isn’t perfect – don’t miss it!”

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny
»Cats« ist wieder in Wien. Am 2. Februar 2012 feierte die Show, die unter anderem mit dem Slogan »Das Originalmusical im Theaterzelt« beworben wird, in Wien-Erdberg/Neu-Marx Premiere. Über den Begriff »Originalmusical« wird in Foren und Kommentaren zu Kritiken eifrig diskutiert – er regt einige wenige, oder auch viele, auf. Was genau der Anlass der Erregung ist? Nun, es geht nicht zuletzt darum, was man unter der Chiffre »Original« verstehen soll. All jenen, die »Cats« in Wien nie zuvor gesehen haben, wird diese Begrifflichkeit tendenziell eher egal sein – jenen, die in den 1980ern Musicalgeschichte in dieser Stadt erlebt haben, vielleicht weniger. Nicht, dass Wien heute oder jemals der »Nabel der Musicalwelt” war, auch wenn so manch deutscher Ex-Dramaturg und Buchautor den Österreichern, insbesondere den Wienern, immer wieder unterschieben will, dieser Meinung zu sein, doch diejenigen, die dabei waren, argumentieren unter anderem, und auch teilweise berechtigt, damit, dass man nicht von »Original« sprechen kann, jedenfalls nicht vom »Wiener Original«, wenn kein auch nur annähernd vergleichbares Orchester wie jenes der Vereinigten Bühnen Wien zu hören ist, das für einen vereinigten musicalischen Hochklang sorgt, wie er für das »Original« kennzeichnend war. Und schließlich sei das ja immer betont worden, dass man das »Wiener Original« zurückbringen würde.

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Die Veranstalter der »Cats«-Tour machen es diesen Kritikern fast zu leicht, denn wer beispielsweise auf der offiziellen Website zur Show (siehe –> hier) nach Angaben zu einem »Orchester« sucht, wird nichts finden, gar nichts. Es sind keine Musiker angegeben. Warum eigentlich? – Da darf man sich nicht wundern, wenn sich rund um diese fehlende Angabe wilde Gerüchte ranken. Kommt gar alles vom Band? Manche sprechen davon, dass »nur mehr« sechs Musiker für die Instrumentalabteilung der Show zur Verfügung stehen, manche sprechen von acht, andere meinen, vor einem Jahr noch zwölf auf der Bühne gezählt zu haben. Die einen meinen, es würden keine Clicktracks eingesetzt – schon gar nicht in Wien! –, andere sind nach ihrem Besuch der Show überzeugt, ohne Clicktracks sei nicht mal dieser »dünne Sound« von so wenigen Musikern zu bewerkstelligen. Es gab Stimmen, die meinten, das »Orchester« sei für Wien von sieben (schon wieder eine neue Zahl) auf zwölf Musiker upgegradet worden.
Nun: Alles fasch. Die Lösung lautet: zehn. Zehn Musiker sind während der Show in Wien zu hören: drei Keyboards, eine Gitarre, ein Bass, zwei Reeds, Drums, ein Cello und ein Horn. Steht übrigens auch im Programmheft, kann man dann auf der Bühne auch –> abzählen.

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Mit solchen Fakten, meine ich, kann man durchaus aktiver an die Öffentlichkeit gehen, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen sich die Produzenten entschlossen haben, die Show auf Tour zu schicken. Lloyd Webber selbst ließ vor Jahren eine Band-Tourfassung erstellen. Eine Tourproduktion kann nicht in allen Bereichen alle Wünsche erfüllen. Es ist ja auch nicht so, dass der Platzhirsch in Wien seine Revivals in allen Belangen bestens erneut auf die Bühne bringt, trotz Megasubventionen. Man erinnere sich an »Tanz der Vampire – Die neue Wiener Fassung«, den Abklatsch des Originals von 1997, immerhin mit guten bis sensationellen Hauptdarstellern, aber dennoch – was für ein Abfall im Vergleich zum Original, angefangen von klapprigen Dekos bis hin zum Schrumpfensemble und dem Sardinendosenklang der Soundkonstellationen im Ronacher in gut zwei Dritteln des Hauses, egal, ob man dafür viel oder wenig Geld bezahlt.

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Letzten Endes ist alles eine Frage auch des richtigen Timings, manchmal auch des Verhandlungsgeschicks. Hätte man in Wien nicht so intensiv am Ruf der »Tiger Lillies« gebastelt und das Konto der Hauslieblinge wie Christian Kolonovits oder Michaela Ronzoni (unter anderem für die aufgeblähte Geschichtspeinlichkeit »Die Habsburgischen«) aufgefüllt, wäre es eventuell möglich gewesen, die Katzen ins Wiener Ronacher zu holen – dann hätten wir nun eventuell eine Koproduktion mit dem Orchester der VBW in Wien. Alles eine Frage der strategischen und künstlerischen Planung der Intendanz, die aber ja von der jungen urbanen Vielfalt zur retardierenden Einerleiheit mit fliegenden Fahnen abgedriftet ist. Sicher auch ein Grund, warum ein Hit wie »Ghost« natürlich nicht in Wien zu sehen sein wird, sondern in Holland und dann mit ziemlicher Sicherheit in Deutschland.

Vielleicht sollte man sich auch gar nicht nur verteidigen, sondern zum Angriff übergehen? So könnte man durchaus die Meinung vertreten: Was nützen mir 24 Musiker im Orchester, wenn ihre einzige Aufgabe es ist, Mediokritäten zu veredeln? Was bringt ein Buch von Rosamunde Pilcher an Mehrgewinn, wenn es auf Büttenpapier gedruckt und mit edlen Metallecken ausgestattet ist?

Wir sehen also, hier stoßen zwei Welten aufeinander. Es läuft auf die Frage hinaus: Will ich eine tolle Show sehen oder meinetwegen die wehmütige Erinnerung an einen Klassiker abfeiern – und nehme dafür in Kauf, dass man beim Faktor Orchester grobe Abstriche machen muss, was niemand bestreiten wird, oder schau ich mir absoluten Zinober an, veredelt vom Spitzenorchester der VBW?

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Nichts im Leben ist perfekt, übrigens auch nicht die opulente Werbekampagne der »Cats-Tour«. Professionell organisierte Pressekonferenzen, ja, eine von Promis gestürmte Premiere und eine gelungene Premierenfeier, ja – beworben wurde aber unter anderem auch, dass in Wien die originalen Wiener Texte zu hören sein werden, und das ist genau genommen falsch. Es handelt sich eigentlich um eine Fassung, die erst seit der Berliner »Cats«-Premiere 2002 verwendet wird, sozusagen eine überarbeitete, man sagt originalgetreuere deutschsprachige Version, basierend auf der Wiener Fassung, nicht auf jener, die für die Deutschland-Premiere 1986 »neu übersetzt« wurde.
Wobei man sich tatsächlich, wie es auch in der Kritik einer Wiener Tageszeitung zu lesen war, fragen könnte, ob man denn nicht auch gleich noch einen Schritt näher ans Original gehen hätte können. Was spricht dagegen, die englischen Texte zu singen? Für manche Darsteller auf der Bühne wäre es sicher wesentlich einfacher gewesen, kommen sie doch aus aller Welt. Vielleicht würden dann doch noch mehr Katzen, die auf der Bühne zu sehen sind, auch tatsächlich singen. Nicht jeder, der ein Mikro hat, ist auch zu hören, weil so manches Mikro, »leise« gestellt ist, dafür kommt auch nicht alles, was man an Stimmen hört, von Darstellern, die auf der Bühne stehen. Auch backstage im Booth wird gesungen, diese Stimmen werden live dazu gemischt. – Wie man eben so zaubert im Musicalbusiness. Verbeugen dürfen sich diese Sänger aus dem Off allerdings nicht. Eine etwas undankbare Angelegenheit.

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Wie auch immer: Wenn wir also akzeptieren, dass man beim Orchester Abstriche machen muss, dafür aber ein tolles Musical zu sehen bekommt, bleibt unter anderem noch der Platz zu erwähnen, auf dem sich alles abspielt: das Zelt. 1700 Zuschauer fasst es in Wien (nicht wie sonst überall 1800), geworben wird damit, dass man von praktisch überall eine gute Sicht hat. Aufgrund der Rundbühne sei kein Platz mehr als 20 Meter von der Bühne entfernt und so weiter. Nun, das stimmt mehr oder weniger. Bucht man ganz seitlich ganz hinten Karten, hat man freilich starke Sichteinschränkungen in Kauf zu nehmen, aber, vergleichen wir das wieder mit dem Platzhirsch in der City: Wenn ich im Ronacher im 1. Rang seitlich Karten buche, habe ich bereits in der besten Kategorie massive Sichteinschränkungen in Kauf zu nehmen. Was also die Sicht betrifft, so punktet das Zelt, die Rundbühne, »Cats« voll, wenngleich man auch hier fairerweise anmerken muss, dass die Kategorie mit starker Sichtbeschränkung überteuert ist. Da nützt es auch nichts, wenn auf Facebook Fakeprofile Gegenargumente vortragen, wer auch immer hinter diesen Fakeprofilen steckt. Das können durchaus auch »Fans« sein, die den Produzenten damit einen Bärendienst erweisen.

Der Sound, nunja, man könnte sagen, besser als in großen Teilen des Ronacher oder in mehr als 70 Prozent der so genannten soundtechnisch feinjustierten Halle F der Wiener Stadthalle ist er allemal. Ganz hinten ist die Klimaanlage des Zelts stärker zu hören als weiter vorne. Das Ganze wirkt etwas hallig, aber mein Erlebnis stammt von einem Platz, zwar ganz vorne, aber seitlich der Bühne (Kategorie 2). Es ist anzunehmen, dass in der ersten Kategorie und zentral vor der Bühne der Sound noch besser abgestimmt wurde. In etwa so wie auf den Topplätzen im Ronacher, wo man auch nur in den ersten sieben bis acht Reihen von einem sehr guten Sound sprechen kann.

»Cats« lebt zu einem großen Teil von seinem Mythos, viele Melodien sind Evergreens geworden, die man nach einem Besuch der Show tagelang, auch nach dem Besuch dieser Tourversion, nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Webber-Musicals dieser Entstehungszeit (wie zum Beispiel auch das darauffolgende »Starlight Express«) sind gekennzeichnet durch ein Nichts von einer Handlung, gekoppelt mit irgendeiner Art von Triumph (meist spiritueller Art) über ein Ungemach und starken Songs in den unterschiedlichsten Stilen. Das Design, der Tanz, die großartigen Kostüme, das Make-up, die Lichtshow, all das steht in der Rangfolge der Wichtigkeit ganz oben. Effekte, Licht, ja – eine Charakterentwicklung gibt es für die Darsteller in den an sich seichten Dramen nicht zu gestalten. Aber dafür haben wir ja unsere Drama-Musicals, von denen wir ohnedies in dieser Stadt genug abbekommen.

Bei der Wiener Premiere war längst nicht alles ganz perfekt. Der wirkliche Thrill kam nicht immer auf. Da waren noch ein paar Unstimmigkeiten im Ensemble, da war eine Grizabella, die ihr großes Solo nicht wirklich zum Showstopper gestalten konnte. Gerade ein Lied wie »Erinnerung« klingt, ohne übermäßig bashen zu wollen, ziemlich billig in der sehr reduzierten Tour-»Orchester«fassung. Da braucht es ein bisschen mehr, um das aufzuwiegen, als Masha Karell bei der Premiere bieten konnte. Meinetwegen hätte man das längst zu Schutt und Asche gesungene »Erinnerung« ganz streichen können, aber wenn es denn – natürlich – doch in der Show bleibt, dann muss es im 2. Akt so kommen, dass es die Leute von den Sitzen reißt. Das ist kein Problem. Ein bisschen weniger Posing, ein bisschen mehr Mut bei der Gestaltung des Lieds, etwas mehr echt wirkende Gefühle. Das geht – erlebt, gesehen und gehört.
Aber dann gibt in Wien 2012 ja immerhin ein Dominik Hees einen wunderbar sexy Rum Tum Tugger, den Rockstar unter den Bühnenviechern, der diese Rolle vermutlich genau so spielt, wie sie erdacht war: »ein bisschen Mick Jagger, etwas Steven Tyler, ein wenig James Dean«, verspielt, mit starker Bühnenpräsenz. Er liefert den Thrill, den die Show braucht. Bis Ende Februar ist Hees in Wien noch dabei, und man sollte genau ihn in dieser Rolle gesehen haben. Ihm zuzusehen, macht Freude und gute Laune.

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Frank Logemann als Bustopher Jones/Asparagus/Growltiger ist der Star der Show, die von/mit ihm erzählten Geschichten »Bustopher Jones«, »Gus, der Theaterkater« und »Growltigers letzte Schlacht« – für viele das Herz der Show schlechthin – macht er zu den Highlights der Produktion. Er bringt seine Figuren zum Leben, outriert, singt herrlich und holt alles aus diesen Geschichten heraus, was nur möglich ist. Da schnurrt auch die ganze Theatermaschinerie, das Ensemble singt und tanzt auf Hochtouren, es passt einfach alles.
Genial, die Tanzeinlagen von Mark John Richardson als Mr. Mistoffelees in der Nummer »Mr. Mistoffelees«, gemeinsam mit Rum Tum Tugger Dominik Hees.
Ob man nun Martin Berger als Alt Deuteronimus gut findet, ist vermutlich eine Frage, wie viele andere Darsteller man in dieser Rolle gesehen hat, wie oft man gehört hat, wie viel an Gefühl andere in dieses Lied zu legen imstande sind. Glanzleistung war es, wie auch immer, keine. Aus dem Song »Über das Ansprechen von Katzen« kann man so viel mehr herausholen – trotzdem funktioniert das Lied natürlich trotzdem insgesamt als Finale.
Das Erlebnis »Cats« ist auch heute noch umwerfend. Da können manche meinetwegen die »alte Stepchoreographie« zu altbacken finden, sich wundern, dass man nichts an Erneuerung in die Erinnerungsedition der Show eingebracht hat. Warum sollte man? Das Ding hat immer funktioniert und funktioniert jetzt nach wie vor.

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Geworben wurde im Vorfeld mit einer speziellen »Wiener Besetzung« – vielleicht war man damals ja gerade in Gesprächen mit einigen bekannten Namen, von denen der eine oder andere dann zwar bei der Premiere mit dabei war, aber als Zuschauer. In die Cast haben es ein paar Österreicher immerhin geschafft. Etwa die Niederösterreicherin Denise Jastraunig als Cover Jellylorum/Griddlebone/Gumbie Katze/Jenny Fleckenfell und Swing, die Wienerin Nazide Aylin, unter anderem aus dem ORF-Castingformat »Musical! – Die Show« bekannt, der Wiener Martin Berger, der vor allem in Deutschland Karriere gemacht hat (in Wien war er in »Kuss der Spinnenfrau«, »The Proucers« und »Sister Act« zu sehen), als alternierender »Alt Deuteronimus«, und die Badnerin Birgit Breinschmid als Bombalurina.

Fazit: Wie es schon Robert Cushman im »Sunday Observer« am 17. Mai 1981 formuliert hat: »CATS isn’t perfect. Don’t miss it.«

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Cats – Wien, Premierenbesetzung 2. Februar 2012
Band
Dirigent: Daniel Rein
Key 1: Guido Hendrichs
Key 2: Yi Zhou
Key 3: Constanze Beck
Gitarre: Matthias Kurth
Bass: Gero Gellert
Reed 1: Max Teich
Reed 2: Andreas Ockert
Drums: Leonardo von Papp
Cello: Hagen Kuhr
Horn: Bethany Kutz

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Cast
Grizabella: Masha Karell
Jellylorum/Griddlebone: Karen Selig
Gumbie Katze: Eva Maria Bender
Bombalurina: Birgit Breinschmid
Demeter: Cornelia Waibel
Rumpleteazer: Marleen de Vries
Victoria: Anique Bosch
Sillabub: Theano Makariou
Cassandra: Elisabeth Hazel Bell
Tantomile: Jaymee Bellprat
Elektra: Jo Lucy Rackham
Rum Tum Tugger: Dominik Hees
Munkustrap: David Arnsperger
Alt Deuteronimus: Martin Berger
Bustopher/Gus/Growltiger: Frank Logemann
Skimbleshanks: Paul Knights
Mungojerrie: Gavin Eden
Mr. Mistoffelees: Mark John Richardson
Tumblebrutus: Nils Haberstroh
Alonzo: Alex Frei
Pouncival: Jack Allen
Plato/Maccavity: Shane Dickson
Coricopat: John Baldoz

Cats, Wien 2012, Copyright: Martin Bruny

Angaben zum Leading Team –> hier.

Links
- Der Standard: Der Besuch einer alten Musicaldame
- Die Presse: »Cats«: Grizabella ruft wieder »Komm zu mir!«
- wien.info: Bühne frei für Cats
- KURIER: Cats Premiere in Wien: Promis unter Katzen
- KURIER: “Cats”: Auf dem Kirtag der Samtpfoten
- Der Neue Merker: WIEN/ Theaterzelt Neu-Marx: CATS – Premiere
- Kleine Zeitung: “Cats” kommt zurück nach Wien
- Tiroler Tageszeitung: Zelt mit Spitzohren steht: »Cats« zurück in Wien
- Tiroler Tageszeitung: Cats-Premiere zog heimische Prominenz ins Theaterzelt
- Wiener Zeitung: Die Katzen tanzen wieder in Wien
- Wiener Zeitung: Erinnerungen an eine große Liebe
- relevant.at: Cats-Premiere zog heimische Promis ins Theaterzelt
- Oberösterreichische Nachrichten: Musical “Cats”: Das alte Katzenfell hat seinen Glanz verloren
- Oberösterreichische Nachrichten: Musical “Cats”: Katzen fühlen sich wohl in Wien
- OE24.at: Die coolen “Cats” sind zurück
- OE24.at: Hochgenuss auf vier Pfoten
News.at: Die Katzen sind los
- Oponion Leader Network: 157 Fotos von der Premiere (K. Schiffl)
- www.musicals.com: Vorhang auf für CATS! – Die Premiere des Jahres begeistert Wien

Volksoper Wien: »Die spinnen, die Römer!« (2011)


Das Jahr 1962 war für Stephen Sondheim ein sehr wichtiges. Mit »A Funny Thing happened on the Way to the Forum« feierte sein erstes Musical, für das er Text und Musik geschrieben hatte, seine Broadwaypremiere. Diese Show war jedoch nicht nur für Sondheim von Bedeutung, sie revolutionierte letztendlich auch die Art und Weise, wie Musicals auf den Weg gebracht werden. Erstmals probierte der Komponist beim »Forum« sein Material in später so bezeichneten »Workshops«. Bis dahin war der Produktionsprozess ein klar geregelter: Der Autor/Komponist schrieb die Show, der Produzent entschied sich, sie zu machen, die Cast wurde fixiert, es wurde geprobt und die ganze Show in Form von Tryouts präsentiert. Bis zum ersten Tag der Probe wurde das vorhandene Material nicht getestet, wenn eine Show bei den Tryouts nicht klappte, musste man sie in einem relativ engen Zeitrahmen optimieren, und so ist es eine bekannte Tatsache, dass in der Goldenen Ära des Musicals (1925 bis 1960) der erste Akt vieler Musicals weit besser war als der zweite. Einfach weil man für den zweiten zu wenig Zeit hatte.
Bei Sondheims »Forum« fand der erste Test der Show im Rahmen eines »Readings« statt. In einem großen Raum mit einem Klavier spielte Sondheim die Songs, als Interpreten wurden Darsteller engagiert, die auch für die tatsächliche Produktion in Frage kamen. »Workshops” gab es danach viele Jahre später auch für Sondheims »Company«, »Follies« und »A Little Night Music« – und mit der Zeit erkannte die ganze Branche die Vorteile dieser Arbeitsweise. Begonnen aber hat alles mit dem »Forum«.

Sondheims »Forum« hat in vieler Hinsicht Theatergeschichte geschrieben und für Diskussionen gesorgt. Es gilt unter anderem als ein prominentes Beispiel dafür, wie eine geniale Eröffnungsnummer zum Erfolg führen kann, denn erst als Jerome Robbins mitten in den Arbeiten an der Broadwayproduktion als Showdoktor hinzugezogen wurde und die usprüngliche Eröffnung »Love is in the air« durch »Comedy Tonight« ersetzte, war dem Publikum von der ersten Sekunde an klar, womit man es bei dieser Show zu tun hat – mit grenzenlosem Spaß.
»Forum« war auch das erste Musical, das der legendäre Hal Prince alleine produzierte, sein Partner Bobby Griffith starb am 7. Juni 1961, mitten in den Arbeiten an der Broadwaypremiere des »Forums«. Und das »Forum« war George Abbotts letzter Musical-Erfolg, den er mit der Hilfe von Jerome Robbins erzielte.

Das Buch zur Show stammt von Burt Shevelove, einem langjährigen Freund Sondheims, und Larry Gelbert. Seine Wurzeln hat Sondheims »Forum« in dem Musical »When in Rome« (stammend aus dem Jahre 1942), zu dem Shevelove Buch und Texte beigesteuert hat und Albert Selden die Musik. »When in Rome« hat »das Beste von Plautus« zum Inhalt und wurde an der Yale Dramat uraufgeführt, in der Regie Sheveloves. »Forum«, so Steven Suskin in seinem Buch »Showtunes«, ist:

»suitable witty but somewhat brittle, restrained by the needs of the piece. ‚Everybody ought to have a maid‘, ‚Comedy Tonight‘, ‚Impossible‘, and ‚Free‘ all display verbal dexterity, but the only truly melodic song in the score is the puposely vapid »Lovely‘ – which was written as a farce duet for two middle-aged men, and only given to the young lovers in tryout desperation when a more authentically tender duet was cut. It wasn’t until »Company‘ [Uraufführung am 26. April 1970] – a depressingly eight years later – that Sondheim’s music began to receive true recognition.”

Tatsächlich wurde Sondheims »Forum« bei den Tony Awards reichlich mit Nominierungen bedacht. Acht davon waren für Sondheim reserviert, sechs davon gewann die Show. In einer Kategorie, und der für den Komponisten natürlich wichtigsten, dem »Best Score«, war für Sondheim aber nicht mal eine Nominierung drinnen. Finanziell jedoch war die Broadwayshow ein Erfolg, und es ist nach wie vor der größte Hit, den Sondheim jemals am Brodway hatte, mit 964 Aufführungen.

Das Motto der großen Musicalproduzenten im deutschsprachigen Raum lautet derzeit »Fun«. Lustig muss es sein, »Drama« ist immer weniger gefragt, zunehmend ein Risikofaktor, wenn doch Drama programmiert wird, dann handelt es sich oft um Gegengeschäfte und Revivals aus schierer Verzweiflung, die dann als »Geschenke an das Publikum« verkauft werden. »Lustig« bedeutet hierzulande meist unglaublich primitiv platter Humor, aufbauend auf den gesammelten Werken eines Schlager- oder Popinterpreten beziehungsweise wird eine nett angerichtete Pastiche-Platte mit Werken, komponiert im Stile von … serviert. Das Fatale daran: Dieser Trend hält nun schon so lange an, dass viele den Eindruck gewinnen könnten, das sei tatsächlich »Musical«, was man ihnen da vorsetzt. Man spricht dann von der ungeheuer großen Bandbreite des Genres und der enormen Vielfalt des Musiktheaters, man solle doch nicht so kleinkariert sein. Ganze Generationen von Musicalstudenten werden mit Disney-Plastik unterrichtet und in die Leyay/Kunze-Familie hineinmodelliert. Nun, auch Bratwürstel sind essbar. Das ist richtig. Musical aber war ursprünglich doch auf einer etwas feineren Schiene angesiedelt. Man hat tänzerische Elemente nicht in der Show gehabt, weil es ein Punkt war, den man abhaken musste, die Musik bestand nicht nur aus einem Primitivrefrain, der sich ad infinitum wiederholt, oder aus purem Rhythmus, und die Texte wurden nicht unter dem Motto geschrieben: »Ich muss als Autor nicht klüger sein als das Publikum«, also quasi mit dem Subtext: Alles, was ich mache, auch der größte Topfen, ist so unendlich genial, weil ich es ja bewusst und absichtlich schlecht mache.

An der Wiener Volksoper hat man eine eigene Zeitrechnung, was Musicals betrifft. Die zeitliche Trennlinie zwischen dem, was man für produzierbar hält am Haus und allem anderen ist mit einem Namen verbunden: Andrew Lloyd Webber, sozusagen der Antichrist jedes traditionellen Broadwayfanatikers. Auf der einen Seite ist diese Programmpolitik nachvollziehbar, auf der anderen Seite macht man sichs damit natürlich zu leicht, weil auch seit Herrn Webbers größten Erfolgen herausragende Musicals entstanden sind, die mit dem von ihm vertretenen Stil nichts zu tun haben.

Mit Sondheims »Forum« hat die Volksoper, das kann man sagen, die Kritiken zusammenfassend, eine hervorrragende Produktion auf die Bühne gestellt. Die Nachfrage nach den Tickets ist enorm, schon jetzt bemüht man sich Zusatzvorstellungen einzuschieben (so am 28. und 30. Januar 2012). Liest man sich die publizierten Rezensionen durch (siehe Links unten), so wird praktisch alles gelobt, angefangen vom Setdesign (Friedrich Despalmes), das sehr wirkungsvoll den comicartigen Charakter der Show betont, der Lichtgestaltung (Michael Grundner), bis hin zur Choreografie (Ramesh Nair), bei der manche Kritiker betonen, dass sie die Darsteller nicht gerade fordere. Da wird die Leichtigkeit, die auf der Bühne zu sehen ist, wohl als Zeichen von Unterforderung gedeutet, was aber praktisch nie der Fall ist. Vielmehr ist diese Leichtigkeit Resultat von beinhartem Training und exaktem Timing. Glanzstücke wie die Einlagen der »Kurtisanen« Wilbirg Helml, Eva Prenner, Jennifer Kossina, Caroline Ciglenec, Lynsey Thurgar und Miriam Mayr – begeistert beklatscht vom Publikum, zeigen, dass der Tanz im Musical auch »organisch« integriert sein kann ohne den Wert eines abgehakten Punkts auf der Liste »Wie mach ich aus Schlagern ein Muuusikal« zu haben. Mit welcher Leichtigkeit auch Oliver Liebl, Tom Schimon und Ronnie Vero Wagner Dutzende Kostümwechsel in Blitzestempo, witzige Choreografien absolvieren, großartig. Die vielen kleinen Moves aller Darsteller, Gesten, all das hat Nair genial geplant und umgesetzt, innerhalb der Regie Werner Sobotkas.

Dass das »Forum« sehr früh in Wien gelandet ist, nämlich erstmals 1987 im Kabarett Simpl, liegt am Gespür des damaligen Direktors von Österreichs berühmtestem Kellerkabarett, Martin Flossmann. Er erkannte, wie sehr sich die Struktur dieses Musicals für die Programmierung im Haus der legendären Simpl-Revuen eignet. Der erste Akt ist im ersten Teil, wie es Sondheim formuliert, »more exposition than action«, in der ersten Häfte dieses ersten Akts hat Sondheim die meisten Songs seiner Show untergebracht, danach werden die Lieder seltener und die Farce nimmt zunehmend Tempo auf, in den letzten 20 Minuten vor dem Finale der Show gibt es gar kein Lied mehr, da wird das »Funny Thing« zu einer einzigen irrwitzigen Verfolgungsjagd, rasant, jede »Unterbrechung« würde da den Drive der Farce killen. Flossmanns Übersetzung wurde von Werner Sobotka, dem Regissseur der Volksopernversion, bearbeitet, etwa um einige kleine Spitzen ergänzt (zum Beispiel »keine Vampire« als kleiner Seitenhieb im Song »Comedy Tonight«), fast schade, dass man akustisch nicht wirklich alles mitbekommt von den kleinen Schmähs im Text. Sobotka hat mit dem »Forum« ein ideales Stück gefunden, das vom Material her stimmt, bei dem sich auch tatsächlich die Arbeit lohnt, dieses Drehen am Timing, das Perfektionieren des reibungslosen Ablaufs, den er in Interviews mit einem Uhrwerk verglichen hat. 19 Darsteller müssen ein gemeinsames Timing haben – wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Es ist Slapstick in vielen Momenten, aber intelligent inszenierter, ohne dass man sich fremdschämen müsste, weil die Leute da rundherum im Saal laut lachen – man lacht ja selbst mit.

Ein Meisterstück das Casting – keine Rolle, die nicht von den Darstellern mit Leben erfüllt wird. Robert Meyer outriert sich als Pseudulus durch die Show, dass es eine Freude ist. Gilt im Simpl das Motto, dass ein Gag nur gut ist, wenn laut gelacht wird, und eine Simpl-Revue nur dann gelungen ist, wenn andauernd laut gelacht wird, ist der Wiener Volksoper mit dem »Forum” die beste Simpl-Show seit vielen Jahren gelungen. Jede Szene, jedes Lied wird beklatscht, fast jeder Gag trifft ins Schwarze, es sind vergleichbar harmlose Scherze, die keine Randgruppen in fast alltagsrassistischer Art und Weise dauerdiffamieren, wie das in jüngster Zeit im Simpl immer öfter gemacht wird. Das ist Sondheims Anliegen nicht, in seinem »Forum« gehts um Liebesqualen, Ehejoch, Verkleidungen, Verwechslungen, Zaubertränke, verschollene und wiedergefundene Nachkommen und den Wunsch nach Freiheit. Herbert Steinböck als lüstelnder Senex, Dagmar Hellberg als hantige Domina, Boris Pfeifer am Dauerrotieren, Sigrid Hauser als Lycus und Gernot Kranner als Erronius, sie liefern einen Gag nach dem anderen. Ein Fest. Wenn man liest, wie in einer Kritik die Leistung Paul Schweinesters mit dem Vermerk

“Der vom jungen Paul Schweinester verkörperte Hero wird Caruso nie Konkurrenz machen, wirkte aber als der naive Held des Musicals sehr sympathisch.”

etwas kleingemacht wird, könnte man dem entgegenhalten, dass Schweinester es großartig versteht, seine klassisch ausgebildete Stimme im Musicalgenre passend einzusetzen, was oft eines der größten Probleme von Musicalproduktionen an Opernhäusern überhaupt ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und dass er darüber hinaus als Hero schauspielerisch all das zeigt, was im Rahmen dieser wie aus einem Comic entsprungenen und auch mit Absicht so inszenierten Figur (inklusive Sprechblasen) drinnen ist, sollte man auch nicht unerwähnt lassen. Es sind manchmal die kleinen Gesten und es ist auch eben die Leichtigkeit und Glaubwürdigkeit, die hart erarbeitet werden müssen. Ebenso wie Bettina Mönch das fleischgewordene Barbiepüppchen und wie Florian Spiess den selbstverliebten Schwarzenegger-Zinssoldaten mit Brei im Hirn perfekt abliefern.

An einigen wenigen Stellen hätt’s vielleicht noch etwas Maschinenöl gebraucht in der Show, etwa bei einer Persiflage einer »Tanzszene« von Dagmar Hellberg, aber wenn man bedenkt, was für eine Produktion hier für relativ wenige Vorstellungen auf die Beine gestellt wurde und dass sich das bei täglichen Aufführungen innerhalb einer Woche locker eingespielt hätte, kann man diesen »Römern« nur wünschen, dass sie mindestens zehn Jahre immer wieder am Spielplan stehen werden, auf dass man sie immer wieder besuchen kann. Das ist Musical, für das man sich nicht genieren muss, umgesetzt von famosen Darstellern und dem groß aufspielenden Orchester der Wiener Volksoper unter der Leitung von David Levi.

Die spinnen, die Römer!
Buch: Burt Shevelove/Larry Gelbart
Musik und Liedtexte: Stephen Sondheim
Deutsche Fassung: Martin Flossmann,
für die Volksoper eingerichtet von Werner Sobotka

Leading Team
Regie: Werner Sobotka
Bühnenbild: Friedrich Despalmes
Kostüme: Elisabeth Gressel
Choreographie: Ramesh Nair
Licht: Michael Grundner
Dramaturgie: Christoph Wagner-Trenkwitz
Regieassistenz & Abendspielleitung: Rudolf Klaban
Musikalische Studienleitung: Gerrit Prießnitz
Korrepetition: Eric Machanic/Wonseon Huh
Soloklavier: Bà©la Fischer
Choreographische Assistenz: Lili Clemente
Inspizienz: Michael Weber/Elisabeth Schubert
Souffleur: Maria Kaiser
Bühnenbildassistenz: Eva-Maria Schwenkel
Kostümassistenz: Catarina Visconti di Modrone
Regiehospitanz: Julia Wagner
Techische Gesamtleitung: Friedemann Klappert
Technische Einrichtung: Andreas Tuschl
Technische Mitarbeit: Benjamin Häusler
Beleuchtung: Wolfgang Könnyü
Tontechnik und Multimedia: Martin Lukesch
Leitung Kostümabteilung: Doris Engl
Leitung Maske: Peter Köfler
Zusätzliche Arrangements: Bà©la Fischer, David Levi

Dirigent: David Levi
Orchester der Volksoper Wien

Cast
Pseudolus, Sklave des Hero: Robert Meyer
Senex, Bürger von Rom: Herbert Steinböck
Domina, Frau des Senex: Dagmar Hellberg
Hero, deren Sohn: Paul Schweinester
Philia, eine Jungfrau: Bettina Mönch
Hysterium, Sklave von Senex und Domina: Boris Pfeifer
Lycus, ein Kurtisanenhändler: Sigrid Hauser
Miles Gloriosus, ein Krieger: Florian Spiess
Erronius, Bürger von Rom: Gernot Kranner
Die Zwillinge, Kurtisanen: Wilbirg Helml
Die Zwillinge, Kurtisanen: Eva Prenner
Gymnasia, Kurtisane: Jennifer Kossina
Tintinabula, Kurtisane: Caroline Ciglenec
Vibrata, Kurtisane: Lynsey Thurgar
Panacea, Kurtisane: Miriam Mayr
Drei Männer: Oliver Liebl
Drei Männer: Tom Schimon
Drei Männer: Ronnie Verà³ Wagner

Premiere: 17. 12. 2011

Aktuelle Termine
Di. 27. Dez 2011, 19:00
So. 08. Jan 2012, 19:00
Mi. 11. Jan 2012, 19:30
Sa. 28. Jan. 2012, 19:00
Mo. 30. Jan. 2012, 19:30
Sa. 12. Mai 2012, 19:00
Do. 17. Mai 2012, 19:00
Fr. 18. Mai 2012, 19:00
Sa. 19. Mai 2012, 19:00
Do. 24. Mai 2012, 19:00
Sa. 26. Mai 2012, 19:00
Di. 29. Mai 2012, 19:00
Fr. 01. Juni 2012, 19:00
So. 03. Juni 2012, 16:30
Di. 12. Juni 2012, 19:00
Do. 28. Juni 2012, 19:00

(Tickets–> hier. Karten bis Mai 2012 sind bereits erhältlich!)

Links
- Die Presse: Volksoper: »Nichts Dezentes! Outrieren!«
- OÖ Nachrichten: Spinnende Römer, viel Klamauk und tolle Musik
- Kurier: Römer-Musical: Turbulent bis zum Happy-End
- Standard: »Schlagt mich! Gebt mir Tiernamen!«
- Der Neue Merker: WIEN/ Volksoper: DIE SPINNEN, DIE RÖMER . Premiere
- Wiener Zeitung: Ulk mit Potenzial
- Österreich: Volksoper mit spinnenden Römern
- Kleine Zeitung: Ein lateinisches Gaudium
- pr-inside.com/APA: “Die spinnen, die Römer” in der Wiener Volksoper
- ioco.de: Wien, Volksoper Wien, Premiere Die spinnen die Römer, IOCO Kritik

- Österreich: Volksoper: Direktor Meyer als Sklave
- Standard: Volksoper: “Da muss noch ein Arm hin!”
- Ö1: Die spinnen, die Römer!
- Ö1: Neues Musical an der Volksoper Wien
- Wiener Zeitung: Ein Uhrwerk namens Musical-Komödie
- K2: Die spinnen in der Volksoper … die Römer
- mycentrope.com: Die spinnen, die Römer! In der Volksoper Wien

Volksoper Wien: Weihnachtskonzert (2011)

xmvolksoper.jpgWeihnachtsshows, es gibt sie noch, die echten, mit viel Gefühl, großem Ensemble, mit dem bisschen Kitsch, das es manchmal braucht, ganz viel guter Laune, mit beeindruckenden Stimmen, Tanz, einem wunderbaren Orchester, zwei Chören, mit stimmungsvollen Lesungen … so eine richtig schöne Weihnachtsshow eben. Keine Ankündigung am Anfang (wie bei der einen oder anderen Show), dass man als Privatmensch die ganze Weihnachtszeit eigentlich nicht mag … Lichter, Glitzern, Stimmung, WEIHNACHTSLIEDER um GOTTES WILLEN, wer will sich das schon mehr als zwei Wochen, mehr als eine Woche oder auch nur mehr als einen Tag vor dem Weihnachtsfest antun. Nein, es gibt auch noch Theaterhäuser, wie die Wiener Volksoper, die das, was sie in ihren Vorankündigungen versprechen, auch halten, und ganz offensichtlich mit großer Lust und Freude. Fast geradezu ansteckend, so dass vielleicht auch so mancher »Scrooge« da draußen, der an Weihnachten nicht glaubt, mit einer solchen Show bekehrt werden würde.

Die Wiener Volksoper, so viel steht fest, wollte am 18. Dezember mit ihren zwei Weihnachtskonzerten (um 14 Uhr und um 19 Uhr) das Publikum in weihnachtlicher Deko in der Szenenlandschaft von »Hänsel und Gretel« in weihnachtliche Stimmung versetzen, die Darsteller sangen gemeinsam mit dem Publikum, man hatte Spaß an den Liedern, am Tanz, an den Lesungen, man lockte niemanden ins Theater, um dann Songs aus der Schlagerparade von 1974 zu trällern. Die Bandbreite der Show war groß, sie reichte von Aaron Copland bis zu Tschaikowsky, von Mariah Carey bis zu Leonard Bernstein.

In der Tat war die Bandbreite so groß, dass das Publikum auch ganz individuell auf einige Künstler reagierte. Sandra Pires etwa begeisterte im Gegenwartssektor des Programms mit einer Interpretation von Mariah Careys & Walter Afanasieffs »Miss you most (at Christmas Time)« die Zuschauer, bei »The Twelve Days of Christmas« rackerte sie sich ab wie wild, um das Publikum zum Mitsingen zu animieren, der Direktor selbst gab sein Bestes, um bei der neuen deutschen Version, die davon erzählt, was man an den zwölf Weihnachtstagen so alles isst, das auf die Taille schlägt, seinen Einsatz nicht zu verpassen und brüllte »Essiggurkerl« von seiner Loge auf die Bühne. Nachmittags war der Song ein Spaß auch für die vielen Kinder im Saal, am Abend für alle Junggebliebenen. Natürlich nicht für alle, denn es gibt auch jene Teile des Publikums, die es doch lieber unverstärkt haben. »Mikrophonstimmen«? Och nee! Das geht so weit, dass man den Applaus verweigerte – aber wurscht, das machte der Enthusiasmus vieler anderer wett. Dass »verstärkte Musicals« nach wie vor für einige gar nicht gehen, zeigt auch eine Kritik zur jüngsten Musicalproduktion (»Die spinnen, die Römer!«) der Wiener Volksoper. Schreibt doch der Rezensent des »Neuen Merker«: »Es fällt übrigens schwer, über Gesangsleistungen zu urteilen, weil alle Auftretenden leider mit Mikrophon arbeiteten.« Das freilich bleibt dahingestellt und ist längst nicht gängige Meinung. Was man jedenfalls sagen kann: Der Ton war gut ausbalanciert, sowohl bei den »(Hand-)Mikro«-Sängern als auch bei allen anderen.

Christoph Wagner-Trenkwitz gab an diesem Abend den Vorleser: »Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann« von Janina David und »Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün« von Salomo Friedlaender, sehr amüsant vorgetragen und auch passend zur Stimmung des Abends, der als Plädoyer für die Weihnachtszeit gelten kann. Weihnachten, gar einmal pro Monat?

»Es ist ein Mangel an künstlerischer Kraft. Müsst ihr immer erst ins Theater gehen, Leute, oder auf Traum und Fastnacht, auf Rausch und Irrsinn warten, ehe ihr so kühn werdet, die Natur zu dirigieren? Ist nicht Weihnachten ein so schönes, erquickliches Fest, dass man es mindestens einmal in jedem Monat feiern sollte? Glaubt mir altem, ausgedienten Manne!«
Damit schleuderte er Konfetti und künstlichen Schnee auf die Straße, und in einem Nu steckte er das kindliche Volk mit seiner Begeisterung an. Die allezeit zu Scherz, Fest und Freude aufgelegte Jugend riss die Eltern mit sich fort. Alle Gärtnerläden wurden geplündert. Bald flammten Lichtbäume an allen Fenstern; man sang heilige Lieder. Der kleine Ort war die ganze Nacht hindurch voller Fröhlichkeit. »Es ist der schönste Erfolg, den jemals ein Schauspieler errungen hat!«, seufzte Nesselgrün. [Salomo Friedlaender]

Der junge Benedikt Vogt aus dem Kinderchor der Wiener Volksoper hatte bei »Adeste Fidelis« sein großes Solo, und gemeinsam mit dem Kinderchor gab der Tenor Otoniel Gonzaga – natürlich unverstärkt – ein beeindruckendes »O Holy Night«. Auch eine Vorschau auf die nächste »Musical«-produktion der Wiener Volksoper wurde geboten: Eine konzertante Version von Leonard Bernsteins »Candide« wird es werden.
So feiert man Weihnachten stimmungsvoll und angemessen in der Vorweihnachtszeit!

Besetzung
Elisabeth Flechl, Otoniel Gonzaga, Sebastian Holecek, Martina Mikelic, Sà¡ndor Nà©meth, Sandra Pires, Melba Ramos, Sebastian Reinthaller, Adrineh Simonian, Birgid Steinberger, Christoph Wagner-Trenkwitz

Chor der Volksoper Wien, Einstudierung: Thomas Böttcher, Michael Tomaschek
Kinderchor der Volksoper Wien, Einstudierung: Lucio Golino, Leitung Kinderchor: Brigitte Lehr
Mitglieder des Wiener Staatsballetts: Gala Jovanovic, Ekaterina Fitzka, Elena Li, Natalie Salazar, Josefine Tyler, Veronika Henschovà¡, Oleksandr Maslyannikov
Orchester der Volksoper Wien
Dirigent: Michael Tomaschek
Klavier: Eric Machanic
Moderation: Helene Sommer
Abendspielleitung: Angela Schweiger
Inspizienz: Elisabeth Schubert, Franziska Blauensteiner
Musikalische Studienleitung: Gerrit Prießnitz
Technische Gesamtleitung: Friedemann Klappert
Technische Einrichtung: Andreas Tuschl
Beleuchtung: Wolfgang Könnyü
Tontechnik und Multimedia: Martin Lukesch
Leitung Kostümabteilung: Doris Engl
Leitung Maske: Peter Köfler

Setlist
- »Fanfare for the Common Man« (Aaron Copland): Orchester, Tomaschek
- »Arabischer Tanz« (»Der Nussknacker«/Peter Iljitsch Tschaikowsky/Gyula Harangozà³): Jovanovic, Fitzka, Li, Salazar, Tyler
- »Russischer Tanz” (»Der Nussknacker«/Peter Iljitsch Tschaikowsky/Gyula Harangozà³): Henschovà¡, Maslyannikov; Orchester, Tomaschek
- »Carol of the Bells” (ukrainisches Volkslied/adapt. v. James Brett): Kinderchor, Golino, Machanic
- »Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann” (Janina David): Wagner-Trenkwitz
- »Mrs. Santa Claus” (Nat King Cole/arr. v. Bà©la Fischer): Pires, Kinderchor, Machanic
- »The Twelve Days of Christmas” (Frederic Austin/Norman Weichselbraun): Pires, Kinderchor, Machanic
- »Abendsegen” und »Engelreigen« (»Hänsel und Gretel«/Engelbert Humperdinck): Steinberger, Simonian, Orchester, Tomaschek
- »The Little Drummer Boy” (Katherine Kennicott Davis/arr. v. Christian Kolonovits): Nà©meth, Chor, Orchester, Tomaschek
- »Villancico Yaucano« (Amaury Veray): Ramos, Machanic
- »Süßer die Glocken nie klingen” (Friedrich Wilhelm Kritzinger/arr. v. Ernst-Thilo Kalke): Holecek, Machanic
- »Miss You Most (At Christmas Time)” (Mariah Carey/Walter Afanasieff/arr. v. Bà©la Fischer): Pires, Machanic, Orchester, Tomaschek
- Medley: Flechl, Mikelic, Rheintaller, Holecek, Chor, Orchester, Tomaschek
»Kommet, ihr Hirten” (Carl Riedel)
»Es wird scho’ glei’ dumpa (Anton Reidinger)
»Heißa, Buama, steht’s g’schwind auf (Trad.)
»Leise rieselt der Schnee« (Eduard Ebel)
»Stille Nacht« (Joseph Mohr, Franz Xaver Gruber)
»Haben Engel wir vernommen« (Trad.)
- »Das Weihnachstfest des alten Schauspielers Nesselgrün« (Salomo Friedlaender): Wagner-Trenkwitz
- »O Holy Night” (Adolphe Adam/arr. v. Friedrich »Kübler« Hofbauer): Gonzaga, Kinderchor, Orchester, Tomaschek
- »Candide – Finale” (Leonard Bernstein): Steinberger, Mikelic, Rheintaller, Gonzaga, Holecek, Baumeister/Natiesta, Machanic, Orchester, Tomaschek
- »Adeste Fidele” (John Francis Wade/arr. v. Christian Kolonovits): Ensemble (Solo Kinderchor: Benedikt Volz)

Andreas Bieber: »Alle Jahre Bieber« [2011]

Der Musicaldarsteller Andreas Bieber lud am 12. Dezember 2011 ins Wiener Theater Akzent zur Weihnachtsshow »Alle Jahre Bieber«. Er startete in den Abend mit dem flotten Medley »Alle Jahre wieder« (bzw. Bieber)/»Rockin’ around the Christmas tree«, um dann seinem Publikum zu erklären:

»Als der Andreas Luketa, mein Produzent und Veranstalter, mit der Idee vom Weihnachtsprogramm auf mich zukam, hab ich zuerst mal gesagt: Hm, äääh, ich mag es nicht so, wenn Anfang, Mitte Dezember so’n ganzer Abend nur Weihnachtslieder genudelt wird, weil da hat man gar keinen Spaß mehr, wenn dann der Baum wirklich aufgebaut ist zuhause, weil überall blitzt’s und funkelt’s und man hört diese »Jingle-Bell-Glocken« und alles mögliche dauernd den ganzen Tag rauf und runter, und eigentlich hat man dann zuhause, da wo’s Spaß machen soll, überhaupt keinen Bock mehr. Und wenn, hab ich gesagt, dann würd ich das Ganze gern ein bisschen vorweihnachtlich machen, das heißt so ne Mischung aus ein paar Glitzerpaketen, aber auch ein paar ganz banale Geschichten, auch so vergangene Geschichten, die ich verzapft hab.«

Ich muss gestehen, ich verstehe die Logik hinter dieser Argumentation nicht. Andreas Bieber mag keine Weihnachtskonzerte Mitte Dezember, soweit so gut, das ist ja seine Privatsache, und jeder kennt sicher genügend Weihnachtsstimmungsverweigerer, für die Weihnachten am Heiligen Abend erledigt wird, und das war’s dann. Kein Problem. Er macht nun aber doch ein Weihnachtskonzert, das auch als solches etwa noch vor Beginn des Konzerts per Ansage so angekündigt wurde:

»Wir wünschen Ihnen besinnliche, weihnachtliche Stunden mit Andreas Bieber.«

Stellt sich die Frage: Für wen hat Andreas Bieber »Alle Jahre Bieber« wohl gemacht? Wer wird wohl in seine Show gekommen sein? Leute, die Weihnachtskonzerte nicht mögen, lauter Masochisten also, die Weihnachtsshows hassen und deswegen in Biebers Weihnachtsshow gehen? Oder nicht doch Zuschauer, die gerne Weihnachtslieder hören und sich genau das von der Show erwartet hatten? Es ist ja nicht so, dass das Genre der Weihnachtslieder auf das beschränkt ist, was Andreas Bieber an diesem Abend dann doch geboten hat. Würde er sich mit dem Genre etwas näher beschäftigt haben, vielleicht hätte er dann eine andere Meinung davon. Es ist letztlich nichts anderes als Etikettenschwindel, eine in gewissem Sinne »Best of …«-Show im Weihnachtsmantel zu servieren. Nett verpackt, aber der Inhalt passt nicht wirklich. Derzeit scheint das in Mode zu sein. Warum nicht einfach bei der Wahrheit bleiben und das »Best of …«-Programm spielen und vor allem auch so ankündigen, die Bieber-Fans wären dennoch gekommen, und Leute, die sehr wohl in der Weihnachtszeit, die nun wahrhaftig nicht auf den 24. Dezember beschränkt ist, sondern mit diesem Tag für den einen oder anderen ihr abruptes Ende findet, sehr gern Weihnachtsshows besuchen, hätten sich das Ganze eventuell erspart.

In seiner Show erwies sich Andreas Bieber als stets humorvoller Moderator, in seinen Interpretationen war er das eine oder andere Mal extrem schluchzig und bisweilen zu hundert Prozent eher unangenehm im Schlagersumpf, sogar einen Klassiker wie »White Christmas« eierte er eher runter, als dass er ihn interpretiert hätte. Der Sound war jenseits von Gut und Böse, Biebers Gesang wurde in eine fluffige Hall-Wolke gehüllt, man hätte glauben können, einer Messe in einer Kirche beizuwohnen. Wenn es ihm geholfen haben sollte, seine angeschlagene Stimme zu schonen1, okay, insgesamt jedoch ist eine derartige Camouflage grenzwertig.
Die Band war lasch, kaum je hat man einen Schlagzeuger so verzweifelt auf der Suche nach dem gesehen, was von ihm verlangt war. Wenig Power, zu wenig Einsatz, extrem störend etwa beim an diesem Abend von Bieber und seiner Band verschleppten »Als die Liebe entstand« (»Hedwig & the Angry Inch«), am Klavier mehr relaxtes Bargeklimper als Emotion und Gefühl. Besonders zu spüren bei Carin Filipcics Version von Amy Grants »Breath of heaven«, einem der großen Songs amerikanischer christlicher Musik, ein Weihnachtslied, das normalerweise geradezu hypnotische Wirkung hat – im Arrangement bei »Alle Jahre Bieber« verklimpert und pseudoverjazzt, geradezu zerstört.
Sicher, »Alle Jahre Bieber« ist keine Show, für die man sich drei Wochen Zeit nehmen kann, um alles perfekt einzustudieren, aber ab und an hatte man den Eindruck, die Musiker hätten die Noten während der Show zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, und selbst dann … einen Song wie »Wenn ich dein Spiegel wär« dermaßen zu dekonstruieren auf der Suche nach dem richtigen Takt – bemerkenswert.
Gleich zwei Songs lieferte Bieber aus der Revue »Ich war noch niemals in New York« ab, einer davon »Griechischer Wein«. In der hanebüchenen Einleitung meinte Bieber, das sei ja ein Duett, aber sein Veranstalter Andreas Luketa hätte gemeint:

»Sing’s einfach, die gröhlen eh schon mit.«

Bezeichnend, diese Aussage, und so treffend, denn genau das ist es, was man mit einer Tradition von Shows wie »Ich war noch niemals in New York« letztlich erreicht: Dummes Mitgröhlen wie in einer Dorfdisco oder im Bierzelt bei den Oberdeppendorfer Alpenjodlern. Als Überraschungsgast bei »Griechischer Wein« kam Drew Sarich auf die Bühne und, wie schön, der Song, der nur in der jenseitigen Revue »Ich war noch niemals in New York« als Duett konzipiert ist, wurde auch bei »Alle Jahre Bieber« zum Duett – und tatsächlich, das Publikum gröhlte, klatschte mit und kreischte außer Rand und Band wie bei einem Strip der Chippendales, als Sarich auf der Bühne erschien und sich dem Schlager ergab. Manchmal kann »Musical« so abstoßend sein.

Mit seinen Gästen hätte Andreas Bieber natürlich auch über Weihnachten reden können. Weihnachtsshow – Weihnachten, wäre ja nur logisch gewesen. Hat er aber nicht. Lustig war es auch so. Als Caroline Vasicek beispielsweise Bieber gestand, in Zeiten, als die beiden »Grease« gespielt hatten, in ihn »ein bisschen verliebt gewesen zu sein« meinte Bieber: »Oh mein Gott, dann hätte ich heute zwei Kinder mit dir.« Vasicek ganz leise darauf: »Das glaub ich aber nicht.«

Ich mag ja den Biebs. – Biebs. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, die Anspielung auf Justin Bieber kam von Andreas Bieber selbst, und mehr als den Nachnamen haben die beiden nicht gemein, bis vielleicht auf eine bestimmte Sorte von Fans, die auch bei »Alle Jahre Bieber« reichlich vertreten war. Sie kreischen, wenn sie applaudieren könnten, und gröhlen, wenn Herr Bieber in einem neuen Outfit die Bühne betritt. Obwohl, einen Punkt gibt es da noch, der Justin und Andreas verbindet: Weihnachten. Beide machen mit Weihnachten ihr Geschäft, Justin Bieber hat mit »Under the Mistletoe« eine höchst erfolgreiche Weihnachts-CDs veröffentlicht, er tritt mit seinen Weihnachtsliedern, die er zum Teil selbst geschrieben hat, in den bekanntesten amerikanischen Talkshows auf und ist am 16. Dezember im TV-Special »Christmas at the White House« zu sehen – und Andreas Bieber macht auch mit Weihnachten sein Geschäft. Vielleicht ja nächstes Jahr mit mehr Gefühl für Weihnachten – und für alle, die die Weihnachtszeit lieben.

Setlist
- Alle Jahre wieder (Friedrich Silcher)/Rockin’ around the Christmas tree (Johnny Marks)
- »Alles, was gut tut« (»Ich war noch niemals in New York«/Michael Kunze/ Udo Jürgens)
- »Ich wollte nie erwachsen sein« (»Tabaluga & Lili«/Rolf Zuckowski/ Peter Maffay)
- Medley aus »Das Feuerwerk« (Paul Burkhard/ Erik Charell, Jürg Amstein und Robert Gilbert): »Ich sag’s durch die Blume«/»O mein Papa«
- »Perhaps love« (John Denver) Caroline Vasicek & Andreas Bieber
- »Ode an den Mond« (»Rusalka«/Antonin Dvorak/Jaroslav Kvapil) Caroline Vasicek
- Medley:
»Silver Bells« (Jay Livingston/Ray Evans)
»Kling Glöckchen Kling« (Karl Enslin)
»Sleigh Ride« (Leroy Anderson/Mitchell Parish)
- »Rudolph, the Red-Nosed Reindeer« (Gene Autry/engl./dt.)
- »Wenn ich dein Spiegel wär« (»Elisabeth«/Michael Kunze/Sylvester Levay)
- »Griechischer Wein« (»Ich war noch niemals in New York«/Udo Jürgens/Michael Kunze) Drew Sarich & Andreas Bieber
- »Isolation street« (Drew Sarich) Drew Sarich
- »Winterszeit in Wien« (Hape Kerkeling) Drew Sarich & Andres Bieber
- »Heidschi, bumbeidschi« (Trad.) Drew Sarich, Caroline Vasicek & Andreas Bieber

- Medley:
»It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas« (Meredith Wilson)
»Jingle Bells« (James Lord Pierpont)
»Santa Claus Is Coming to Town« (John Frederick Coots/Haven Gillespie)
- »Das Liebeslied« (Annett Louisan)
- »Beide Dase däuft« (Queen Bee)
- »Als die Liebe entstand« (»Hedwig and the Angry Inch«/John Cameron Mitchell/Stephen Trask)
- Sie (Charles Aznavour/Herbert Kretschmer)
- »Breath of Heaven (Mary’ Song)« (Amy Grant/Chris Eaton) Carin Filipcic
- »The Christmas Song« (»Chestnuts Roasting on an Open Fire«) (Mel Tormà©/Bob Wells) Carin Filipcic & Andreas Bieber
- »Jingle Bell Rock« (Joseph Carleton Beal/James Ross Boothe)
- »Winter Wonderland« / »Winter Wunderland« (Felix Berard/Richard B. Smith)
- »Love Shine a Light« (Kimberley Rew) Caroline Vasicek, Drew Sarich & Carin Filipcic
- »White Christmas« (Irving Berlin)
- Stille Nacht« (Franz Xaver Gruber/Joseph Mohr) Caroline Vasicek, Drew Sarich, Carin Filipcic & Andreas Bieber

Andere Meinungen
- Musical Musing: [Konzert] “Alle Jahre … Bieber” am 12.12.2011 im Theater Akzent
- redakteur.cc: Alle Jahre Bieber – Eine Kritik
- k2: Alle Jahre Bieber - gerne wieder

  1. Bieber zu Beginn der Show zu seinem angeschlagenen gesundheitlichen Zustand: »Es soll ein gemütlicher Abend werden, auch besinnlich, aber gar nicht mal zu besinnlich, wobei ich mich ein bisschen besinnen muss, denn bei aller Gemütlichkeit, bei aller Entspanntheit muss ich sagen, es geht doch in mir ein bisschen rund. Ich mag solche Ansagen am Anfang nicht ganz, aber gestern Abend war ich noch im Spital, weil meine Stimme weg war, nachdem ich zehn Tage krank bin, und hab mir dann mal etwas geben lassen, was nicht unbedingt so von Vorteil ist, aber die Stimme zumindest auf Vordermann bringt, damit ich hier sein kann. Es hätte mir leid getan, den Abend nicht zu machen, zumal ja ganz viele Leute auch nicht unbedingt nur aus Wien gekommen sind. Sondern vor zwei Tagen war ein Mädl am Bühneneingang, die kam so aus Korea, und spätestens da hab ich mir gedacht: Also wenn das nicht hält, musst du zum Arzt und dir unbedingt etwas geben lasen, dass du jetzt mal zuerst über die Runden kommst. Ich warne euch nur: Jeder Ton könnte der letzte sein. Aber dann könnt ihr wenigstens erzählen, ihr wart live dabei, als er Bieber abgekackt ist (…) []
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