Martin Bruny am Mittwoch, den
9. März 2011 um 10:35 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2011
Am Anfang könnte eine Enttäuschung stehen. Wer sich etwa erwartet, in diesem Buch mit seinen 472 Seiten um den doch stolzen Preis von 75 Dollar sämtliche Off-Broadway-Musicals seit Beginn der Geschichte penibel aufgearbeitet zu finden oder gar alle diese Shows aufgelistet mit Premierendatum, Anzahl der Vorstellungen und so weiter, der wird – natürlich – enttäuscht. Dafür würde der Platz bei weitem nicht reichen, und die Frage ist, ob eine reine Auflistung aller Produktionen auch Sinn machte. Ein solches Unterfangen, das am ehesten Statistik-Fans gefallen würde, ist auch gar nicht das Anliegen des Autors Thomas S. Hischak. Denn Hischak ist kein reiner Datensammler, er hat etwas zu sagen, er urteilt, fasst Urteile zusammen, analysiert und erzählt, und das mit spürbarem Enthusiasmus. Der Preis, man mag ihn für überzogen halten – doch ist die Anzahl derer, die sich für Sachbücher über den Off-Broadway erwärmen können, offenbar ja so gering, dass es praktisch kaum Werke zu diesem Thema gibt. Insofern ist eben dieser recht hohe Preis wiederum auf eine gewisse Weise gerechtfertigt, denn allzu hohe Auflagen wird man mit derlei Büchern nicht fahren können, und es bleibt letztlich die Frage, ob sich ein Kauf lohnt.
Thomas S. Hischak ist Professor für Darstellende Künste an der Cortland State University, Autor von 16 Sachbüchern mit den Schwerpunkten Theater, Film und populäre Musik sowie Verfasser von 20 Theaterstücken. Seine bekanntesten Sachbücher: »The Oxford Companion to the American Musical: Theatre, Film, and Television« (2008), »Theatre as Human Action: An Introduction to Theatre Arts« (2005) und »Through the Screen Door: What Happened to the Broadway Musical When it Went to Hollywood« (2004).
Hischak analysiert in seinem Buch die Entwicklung des Off-Broadways anhand von 375 ausgewählten Musicals (im weitesten Sinne), beginnend bei »Greenwich Village Follies«, einer Revue aus dem Jahre 1919, endend bei »The Toxic Avenger« aus dem Jahre 2009. Für jede dieser Shows liefert er die Basisdaten wie Uraufführungsdatum, Anzahl der gespielten Vorstellungen (auch am Broadway, so ein Transfer stattgefunden hat), Angaben zum Leading Team, zu den Darstellern, zum Theater, in dem gespielt wurde – und zu jeder dieser Shows bietet er einen Artikel, der sich eingehend mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Produktion auseinandersetzt. Er liefert grobe Inhaltsangaben und bespricht die wichtigsten Songs. Hischaks Angaben sind vor allem bei jenen Shows wertvoll, über die man heute nur sehr schwer an Informationsmaterial kommt. In das Buch aufgenommen wurden ganz und gar nicht nur die Hits des Off-Broadways. Auch den Flops, die nur wenige Vorstellungen erlebten, wie etwa »Valmouth« von Sandy Wilson, wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mit Sicherheit hat Hischak ein Faible fürs Kuriose, so nimmt er sich Zeit, genüsslich den Inhalt dieses England-Imports zu schildern, der für 40.000 Dollar 1960 im York Playhouse auf die Bühne gebracht wurde und genau 14 Vorstellungen durchhielt. Eine Show, dessen Rezeptionsgeschichte Hischak nach längeren, äußerst amüsanten Ausführungen so zusammenfasst: »The press was more confused than outraged. Several did praise the score, and the cast was roundly applauded, but just explaining the show in the reviews was enough to frighten audiences away.« Verweise auf den Score, auf die Songs, auf die Londoner Cast-CD, die immerhin mit einem Weltstar, Cleo Laine, aufwarten konnte – Hischaks Liebe für das Musicalgenre und sein Geschick, Fakten auf spannende Art und Weise zu vermitteln, machen dieses Buch lesenswert.
Eine These Hischaks, die sich quer durch einige seiner Bücher zieht und in dem hier besprochenen auch mit Zahlen und Fakten belegt wird: Es ist zwar möglich, das »typische Off-Broadway-Musical« zu charakterisieren, doch werden heutzutage immer weniger »echte« Off-Broadway-Musicals produziert. Was ein »Off-Broadway-Musical« ist, versucht der Autor so festzumachen: »Broadway musicals are bigger than life and offer outsized emotions expressed in large theatres; Off-Broadway musicals are smaller in scale and explore emotions that are more life-size as they are enacted in more intimate venues. When Broadway offers musical comedy, the songs, the dancing, the laughs, even the tears are big enough to fill a large and elaborate theatre. Off Broadway cannot afford such a scale and instead offers simpler productions and a more direct kind of music, dance, and comedy. (…) Broadway is about fame, glory, and success. Off Broadway is about smart, sharp, little shows that make a personal impact. Many actors, writers, and directors first find critical acclaim Off Broadway, but only Broadway can make stars and super showmen.«
Wurden früher Musicals explizit für den Off-Broadway produziert, so ist der Off-Broadway heute immer mehr eine Vorstufe, um es von da zum Broadway zu schaffen. So nennt Hischak auch das Kapitel, das sich mit den Musicals des Off-Broadway von 2000 bis 2009 beschäftigt »Fodder for Broadway«. Zwölf Produktionen haben in dieser Zeit den Wechsel vom Off- zum Broadway gewagt, mehr als in jeder Dekade davor. Doch ein Erfolgsrezept ist diese Strategie nur bedingt, denn fünf dieser Shows sind gefloppt, teils trotz großartiger Kritiken. Beispiele: »Caroline, or Change«: 106 Vorstellungen Off-Broadway, 136 Vorstellungen am Broadway. Hischak: »Had the show remained Off-Broadway, it is likely it would have run and run because it was the kind of musical that flourished on word of mouth, not critical acclaim.« Gefloppt auch: »Grey Gardens« (Off-Broadway: 63 Vorstellungen, Broadway: 307 Vorstellungen), »Passsing Strange (56 Vorstellungen Off-, 165 Vorstellungen Broadway) – »a Broadway show that wasn’t Broadway in spirit, attitude, score, or satisfaction«. Hischaks These, warum es manche Off-Broadway-Shows dann doch schaffen, auch am Broadway Erfolg zu haben, ist im Prinzip simpel, aber nachvollziehbar. Musterbeispiel: »Rent« ging zwar vom Off- zum Broadway, doch »without losing any of its intimacy and power«. Man war zwar als Zuschauer am Broadway, hatte aber »Look and Feel« einer Off-Broadway-Show. Dasselbe trifft auf diverse andere erfolgreiche Transfers zu, wie beispielsweise »Spring Awakening« oder »Avenue Q«.
Zurückkommend auf die Eingangsfrage: Lohnt sich der Kauf? Ja!
Thomas Hischak: Off-Broadway Musicals Since 1919. From »Greenwich Village Follies« to »The Toxic Avenger«. Scarecrow Press, Inc., Plymouth 2011. 472 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-8108-7771-9 / ISBN 978-0-8108-7772-6 (E-Book). $ 75,00.
Ulrich N. Schulenburg; Susanne Wolf (Mitarbeit); Peter Turrini (Vorwort) – Sie werden lachen, alles ist wahr. Anekdoten eines Glücksritters. Amalthea Verlag, Wien 2011. 332 Seiten. (Hardcover) ISBN 978-3-85002-745-8. EUR 19,95
600 Songs aus Disney-Filmen, das war die Ausgangsbasis. Das Ziel: die bekannten Hits aus den Animationsblockbustern unser aller Jugend in neuem Gewand zu zeigen, diesmal im Jazzgewand. So neu ist dieses Ziel natürlich nicht. Disneys Filmhits wurden schon in den unterschiedlichsten Stilmäntelchen veröffentlicht, und Disneys Faible für Jazz lässt sich bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen. Umgekehrt wählten einige der prominentesten Jazzer der Welt immer wieder Disney-Songs in ihr Repertoire, wie Bunny Berigan, Artie Shaw, Glenn Miller, Louis Armstrong, Dave Brubeck, Miles Davis oder John Coltrane, um nur einige zu nennen. Dieses Mal sollte das Projekt mit aktuellen Jazzgrößen umgesetzt werden. Herausgekommen ist die CD «Everybody Wants To Be A Cat: Disney Jazz, Volume 1†(Walt Disney Records), produziert von Jason Olaine.
Olaine startete vor zwei Jahren mit der Umsetzung und kontaktierte renommierte Jazzmusiker. Der Auftrag an alle Interessierten war, in einem Satz formuliert, einen Disney-Klassiker neu zu interpretieren, in welchem Arrangement und in welchem musikalischen Stil auch immer.
Olaine dazu:
I wanted to get a group of people together who would represent the many styles of jazz, such as getting The Bad Plus for an adventurous take, Regina Carter for a world music-oriented rendering and Joshua Redman for a well-rounded sound. We wanted to get the breadth and depth of what jazz is, as well as represent the generations of players, ranging from Dave Brubeck, who recorded a full album of Disney music, Dave Digs Disney, in 1957, to Nikki Yanofsky, who’s still a teenager.
Zusagen bekam der Produzent von Dave Brubeck, Joshua Redman, Roy Hargrove, Mark Rapp, Dianne Reeves, Roberta Gambarini, The Bad Plus, Nikki Yanofsky, Esperanza Spalding, Regina Carter, Gilad Hekselman, Kurt Rosenwinkel und Alfredo Rodriguez.
Tracklist
01. «Ev’rybody Wants To Be a Cat†[The Aristocats] – Roy Hargrove
02. «Chim Chim Cher-ee†[Mary Poppins] – Esperanza Spalding
03. «Some Day My Prince Will Come†[Snow White and the Seven Dwarfs]– Dave Brubeck
04. «Find Yourself†[Cars] – Regina Carter
05. «You’ve Got a Friend in Me†[Toy Story] – Joshua Redman
06. «He’s a Tramp†[Lady and the Tramp] – Dianne Reeves
07. «Feed the Birds (Tuppence a Bag)†[Mary Poppins] – Kurt Rosenwinkel
08. «Gaston†[Beauty and the Beast] – The Bad Plus
09. «Alice in Wonderland†[Alice in Wonderland] – Roberta Gambrini with The Dave Brubeck Trio
10. «The Bare Necessities†[The Jungle Book] – Alfredo Rodriguez
11. «It’s a Small World†[It’s A Small World] – Nikki Yanofsky
12. «Belle†[Beauty and the Beast] – Gilad Heckselman
13. «Circle of Life†[The Lion King] – Mark Rapp
Bemerkenswert an dieser CD ist beispielsweise, dass es sich um den ersten Tonträger mit einer Aufnahme von Esperanza Spalding nach ihrem Grammy-Gewinn 2011 handelt. Als “Best New Artist” wurde die Künstlerin ausgezeichnet, für Disney interpretiert sie “Chim Chim Cher-ee” aus “Mary Poppins”. Spalding über ihre Wahl:
I’ve always been haunted by this song since I first saw Mary Poppins as a child. It has been such a treat to re-visit this music as an adult and explore the magic of the melody. The melody of ‘Chim Chim Ceree’ is sweet and lilting, yet has a bitter tinge of melancholy. …Finding a way to add to this song without burying the magic of it’s simplicity was challenging.
Einer der prominenten Produzenten dieser CD: Quincy Jones. Unter seiner Obhut entstand Alfredo Rodriguez’ Neuinterpretation von «The Bare Necessities†[The Jungle Book]. Der kubanische Klaviervirtuose liefert ein sensationelles, atemberaubendes Meisterstück.
Die kanadische Jazzsängerin Nikki Yanofsky war gerade mal 15 Jahre alt, als sie ihre Version von “It’s A Small World” eingesungen hat, eine Big-Band-Version, in der sie ihren beeindruckenden Stimmumfang gekonnt demonstriert, mit einer großartigen Scat-Einlage.
Der 90-jährige Dave Brubeck spielte “Someday My Prince Will Come” schon 1957 ein für seine CD “Dave Digs Disney”. 54 Jahre danach sieht er sich in einem swingenden Walzer-Arrangement mit diesem Hit gut aufgehoben, eine klassische Brubeck-Version. Gemeinsam mit Roberta Gambrini ist er auch auf “Alice in Wonderland” zu hören.
Die innovativste Version eines Disney-Hits (”Gaston” aus “The Beauty and the Beast”) liefert sicher “The Bad Plus”: abstrakt, verrückt, wunderbar, eine Mischung aus Dekonstruktion und Verspieltheit. Schon diese Version allein ist es wert, sich die CD zuzulegen.
Martin Bruny am Sonntag, den
30. Januar 2011 um 09:40 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Wiens Off-Theater bietet derzeit eine Fülle an interessanten Shows. Eine davon: «Der Untergang des Hauses Usherâ€, eine Produktion des Schubert Theaters, die noch ein Mal, heute, am Sonntag, dem 30. Januar (Beginn: 19:30 Uhr), am Spielplan der Bühne steht (Infos zum Theater, siehe –> hier).
«The Fall of the House of Usherâ€, eine Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, erschien erstmals 1839 in «Burton’s Gentleman’s Magazine†und 1840, nochmals überarbeitet, in der Sammlung “Tales of the Grotesque and Arabesque”.
Die Geschichte faszinierte Filmemacher und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts gleichermaßen. Von 1928 bis 2008 entstanden nicht weniger als elf Verfilmungen, mindestens acht Vertonungen sind bekannt, darunter Werke von The Alan Parsons Project, Claude Debussy, Philip Glass oder Art Zoyd.
Das Schubert Theater zeigt eine atmosphärisch sehr dichte Sprechtheaterversion der Kurzgeschichte von Poe. Nicht nur die Bühne wird bespielt, der ganze Theatersaal ist Schauplatz, draußen vom Hof rütteln die Geister an der Tür, reißen sie auf, und bei Minusgraden wird das Grauen dann auch durch entsprechende Kälte spürbar. Schon vor Beginn des Stücks bringen pulsierende Lichter, Bühnennebel, Projektionen und Synthesizer-Sounds das Publikum in die passende düstere Stimmung.
Ann-Kristin Meivers, Linda Gondorf und Jasmin Sarah Zamani erarbeiteten für das Schubert Theater die Dramatisierung des Poe-Textes, eine stimmige Sache aus einer Serie an Monologen, sehr düster, bedrückend, Dialoge im eigentlichen Sinne gibt es in dieser Gespenstermär keine. Die Geschehnisse werden dem Zuschauer gefiltert durch die subjektive Perspektive des Erzählers geschildert, die Monologe des Roderick Usher kann man sich, wenn man möchte, ebenfalls gefiltert duch die Wahrnehmung des Erzählers vorstellen. Oder auch nicht, eine von vielen interpretierbaren Leerstellen, die sowohl die Kurzgeschichte als auch die dramatisierte Version auszeichnen - man weiß nie wirklich, was real ist.
Ein nicht unwichtiger Faktor, diese Wirkung zu unterstützen, ist die Soundkulisse, die Fabian Gräf erarbeitet hat. Düstere Klänge, Soundeffekte (Gewitter, Regen, Schreie) helfen, das unbestimmte niederdrückende Gefühl zu verstärken, das dieses Stück auszeichnet. Ein Gefühl, das Christoph Hackenberg als Erzähler beziehungsweise Jugendfreund Roderick Ushers von Sekunde 0 an stimmig nährt und pflegt, wenn er mit seiner Laterne im vom Bühennnebel erfüllten Saal sich den Weg durch den Zuschauerraum zur Bühne bahnt, und von den toten, wie leere Augenhöhlen starrenden Fenstern des Hauses Usher erzählt.
Benedikt Grawe spielt Roderick Usher, der von seinem Jugendfreund so beschrieben wird:
Sicherlich noch nie hatte sich ein Mensch in so kurzer Zeit so schrecklich verändert wie Roderick Usher! Nur mit Mühe gelang es mir, die Identität dieser gespenstischen Gestalt da vor mir mit dem Gefährten meiner Knabenjahre anzuerkennen. Doch war seine Gesichtsbildung immer schon merkwürdig gewesen, so hatte nun eine übertriebene Entwicklung genügt, das Antlitz seiner Züge derart zu verändern, dass ich nicht mal sicher wusste, ob er es wirklich war.
Was mich vor allem verblüffte, ja entsetzte, war die jetzt gespenstische Blässe der Haut; das jetzt überirdische Strahlen des Auges. Das seidige Haar hatte ein eigentümliches Wachstum entfaltet, und wie es da so seltsam wie hauchzarter Altweibersommer sein Gesicht umspielte, hatte ich Schwierigkeiten, dies arabeskenhaft verschlungene Gewebe mit dem einfachen Begriff Menschenhaar in Beziehung setzen.
Bleichgeschminkt gibt Grawe den Zustand zwischen Entrücktheit, Depression, Verwirrtheit und frostigem Erstarren seiner Figur bis hin zum völligen Wahn überzeugend. Die Inszenierung hat durchaus gewollt etwas Voyeuristisch-Sinnliches. Es geht nicht zuletzt um eine detaillierte Beschreibung des Roderick Usher, seines Geisteszustands, aber auch seines Äußeren. Er ist damit fast immer im Fokus des Geschehens, wenngleich der Erzähler ungleich mehr Text hat. Lena Sophie Lehmann als Schwester Ushers bringt ein faszinierendes zusätzliches Fünkchen Irrsinn in die Produktion. Wenn die lebendig Begrabene am Ende des Stücks aus der klirrenden Kälte barfuß in den Saal geistert, das Bühnenblut an ihren Armen, ihren Händen und in ihren Haaren dicklich glänzt, ihr Kleid blutdurchtränkt - da ist der Horror- oder Gespenstergeschichtenfan dann schon ordentlich bedient.
“Der Untergang des Hauses Usher” - eine kleine feine Produktion, die in rund einer Stunde dem Publikum wohltuendes Gruseln lehrt. Es ist Off-Theater, das mit bescheidenen Mitteln auskommen muss, aber dies durch Phantasie wettmacht. Fehlendes üppiges Bühnenbild wird durch Projektionen und ein Spiel mit dem Bühnenvorhang wettgemacht, die Kostüme sind stimmig, das Licht gespenstisch. Wohliges Gruseln ist garantiert.
Darsteller
Benedikt Grawe (Roderick Usher), Christoph Hackenberg (Erzähler), Lena Sophie Lehmann (Madeline Usher), Alexander E. Fennon (Hausarzt/Projektion)
Leading Team
Regie und Konzept: Ann-Kristin Meivers
Textfassung: Ann-Kristin Meivers
Dramaturgie: Linda Godorf/Jasmin Sarah Zamani
Musik/Sound: Fabian Gräf
Bühne: Bernard Roschitz
Kostüm/Maske/Ausstattung: Jasmin Sarah Zamani
So ungefähr zweieinhalb Jahrtausende nach der Premiere habe auch ich eine Vorstellung von «Guys and Dolls†in der Wiener Volksoper besucht. Eine ausführliche Rezension über eine Show zu schreiben, die gerade noch drei Mal am Spielplan steht, das muss nicht unbedingt sein. Auch war ich ja nur als einfacher Konsument in der Show, der viel aufzuholen hat an nicht besuchten Produktionen in den letzten Jahren. Ein paar salopp formulierte Worte wären: behäbige Inszenierung, furioses Bühnenbild, extrem fad wirkender Hauptdarsteller (Herrig), entzückend Sigrid Hauser, und für alle Fans des Operettentimbres Johanna Arrouas, die nicht nur stimmlich, sondern irgendwie auch in ihrer Körperhaltung ein gewisses dominantes Maß an Operette ausstrahlt, das muss man mögen, meine ich, und erlaube mir, es nicht zu mögen in einem Musical, gar nicht. Oder sagen wir so: Die Show war einfach nicht so ganz mein Fall, als einfacher Konsument, der sich nur mal nen schönen Abend machen wollte, kann man ja pauschal so formulieren.
Worauf ich aber kommen wollte, war die Reaktion des Publikums, und da auf sagen wir einer Mikroebene, nämlich das unmittelbar mich umgebende Publikum und dann wiederum die mich umgebenden Sitznachbarn: Vermutlich liegts an mir, vermutlich bin ich zu leicht ablenkbar, kann sein, dass ich auf akustische Störungen unangemessen reagiere, und es ist ja nicht das erste Mal, dass ich darüber schreibe. Eine neue Form der Ablenkung erfuhr ich jedenfalls in eben jener Vorstellung von «Guys and Dollsâ€. Um diese Ablenkung zu verstehen, muss man sich Fingerkuppen vorstellen, raue Fingerkuppen, vielleicht sogar mit extrem rissiger Haut, ganz ausgetrocknet, Fingerkuppen, mit denen man an feiner Wolle fast hängenbleibt. Mein Sitznachbar hatte solche rauen Fingerkuppen, und ab einem gewissen Zeitpunkt der Show fing er an, mit seinen Fingern an seiner Anzughose zu reiben, an ihr entlangzufahren, vermutlich ein Akt der Ablenkung, Gedankenlosigkeit, der Gewohnheit. Nun sollte man annehmen, dass man dieses Entlangstreichen von rissiger Haut an weichem Anzugstoff nicht allzu laut hören kann, und laut war es auch nicht, aber dieses beständige Geräusch verstärkte sich in Minuten, Viertelstunden, Halbstunden zu einem extremen Störfaktor, dem ich machtlos ausgeliefert war. Denn was hätte ich den armen Mann bitten sollen, ohne merkwürdig zu klingen.
Wie gut, dass von einem hinteren Sitznachbarn leises Schnarchen nach vorn drang, das das beständige Reiben teilweise überlagerte. Doch dann, im Abstand von wenigen Sekunden - KLAPP - KLAPP - KLAPP -, knallten drei der recht schweren und großartig gestalteten Theaterprogramme von anderen drei Besuchern auf den Boden. Dieses dreifaltige - KLAPP - KLAPP - KLAPP - war derart befreiend, unglaublich. Mein Sitznachbar verschränkte seine Hände, der Schnarcher hinter mir war wieder munter, und ich, ich konnte wieder ohne Einschränkung «Guys and Dolls†genießen.
Martin Bruny am Sonntag, den
23. Januar 2011 um 18:56 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Angesagte Skandälchen finden so selten statt. Vor einigen Wochen verursachte die schiere Ankündigung der Premiere eines Theaterstücks über Michael Jackson unter einigen radikalen Fans des King of Pop Aufruhr. Es kam nicht nur zu gezieltem Mailbombing, nein, man drohte auch, die Aufführungen zu “unterbrechen” und zu “stoppen”, und als kleines Sahnehäubchen gab es eine Morddrohung gegen den Kodirektor jenes Theaters, in dem “Becoming Peter Pan” am 16. Dezember 2010 - ohne Störaktionen - seine Uraufführung erlebte.
In den oft von besonders fanatischen Fans bevölkerten Foren, egal zu welchem Thema sie angelegt werden, ob Uwe Kröger, Mitzi Imechtsogern oder eben Michael Jackson, herrscht nicht selten ein roher, unkultivierter Umgangston, der an jenes Verhalten erinnert, das in autoritären Regimen gelebt wird, oder aber man kommt sich vor wie in einer Krabbelstube, in der «Miss Jackson†und «Babyjackson†mit «WillYoubethere2090â€, und wie die sinnigen Namen sonst noch lauten, miteinander brabbeln. Kein Wunder also, wenn erst vor einiger Zeit in einem dieser Michael-Jackson-Foren die “Verbrennung” jener Puppe gefordert wurde, die sozusagen der Hauptdarsteller der Show “Becoming Peter Pan” ist. Wohlgemerkt sind das Reaktionen von Menschen, die “Becoming Peter Pan” nie gesehen haben und wohl auch nicht sehen werden. Aber das war ja bei den Bücherverbrennungen auch nicht viel anders. Es gibt, unter keinen Umständen, eine Entschuldigung für ein solches Verhalten, das in einer Morddrohung gipfelte, es wäre also auch nicht notwendig, dass sich die Leiter dieses Theaters diesem Pöbel stellen, und doch haben sie es versucht, in eben jenen Foren, wenngleich auch mit nicht überwältigendem Erfolg. Es ist vergebliche Mühe - und kein Mensch sollte sich mit einer derart gestörten, kulturfeindlichen Grundgesinnung auseinandersetzen müssen. Doch kennen wir eben jene Einstellung aus vielen Diskussionen, die um die Stellung des Theaters in Österreich geführt wurden - und andererseits lieferte die Auseinandersetzung mit den Fans den Theatermachern sicher jede Menge Stoff bei der Feingestaltung des Figurentheaters “Becoming Peter Pan”.
Haben denn diese total verzweifelten Fans, die, so meinten einige von ihnen, in Heulkrämpfe ausgebrochen sind, als sie Fotos der Puppe gesehen haben, nun wirklich Grund, um den Ruf Michael Jacksons zu fürchten? Was macht Puppenmeister Nikolaus Habjan mit unser aller Michael Jackson? Wird, von Wien Alsergrund aus, nun der König des Pop vom Sockel gestürzt?
Mit Sicherheit nicht. Gehen wir davon aus, dass es in “Becoming Peter Pan” tatsächlich um “den” Michael Jackson geht, dann sprechen wir, und wir Erwachsenen unter uns wissen das doch, von einer Kunstfigur, einem für und von den Medien geformten “King of Pop”. Michael Jackson hat schon zu Lebzeiten mehr als genug selbst inszeniert und der Presse unterjubeln lassen, das seinen Ruf weit mehr geschädigt hat, als es eine Theaterproduktion im Wiener Schubert Theater machen könnte. Aber man muss die Fans verstehen, sie sind im “Internet” in ihrer eigenen Welt und haben teilweise gar keine Ahnung, was sie gerade beurteilen, oft scheint es, als ob sie tatsächlich gar nicht wüssten, was sie tun. Unzählige Mails sind an meine Mailadresse geschickt worden, mit der Aufforderung, “dieses Stück” nicht zu machen, der Text freilich war ein vorgefertigter, der nur in die Mail hineinkopiert worden war. Wie die Lemminge verbreiteten die “Fans” ihre Botschaft, ohne auch nur zu prüfen, wem sie ihren Wunsch mailten. Sie wollten nur ihre Meinung rausbrüllen, irgendjemanden anbrüllen, egal wen. Sie berufen sich in ihren Forenbeiträgen auf Michael Jacksons “Bücher”, auf seine “Interviews”, sie verhalten sich wie Prediger, die den Willen des Kings vollziehen wollen. Keiner von ihnen aber kennt den Menschen Michael Jackson, den sie so anbiedernd “verteidigen” wollen - vor was auch immer. Spätestens seit den Amokläufen in diversen Schulen auf dieser Welt sollte man jedoch dieses wenn auch nur im Netz verbalisierte Aggressionspotential aber ernstnehmen und diese Foren im Zweifelsfall auch polizeilich checken lassen, man weiß nie, was aus Aufforderungen, eine «Aufführung zu stoppenâ€, eine Puppe «zu verbrennen†dann in der Realität werden könnte.
Das Gute ist, dass all diese Menschen in ihren Foren einen recht begrenzten Aufmerksamkeitswert erzielen. Am einfachsten wäre es also, ihnen keine Öffentlichkeit zu bieten, andererseits hat die Diskussion, so ich sie persönlich mitverfolgt habe, überblicksartig, durchaus eine Art von Unterhaltungswert und könnte, wenn man sich das Programm beispielsweise der Wiener Kammerspiele ansieht, in dramatisierter Form in einer Bearbeitung von Daniel Glattauer einmal “Alle sieben Wellen” ablösen. Schön wäre es, würden sich all diese Fans mal nach Wien aufmachen, um sich die Show, die sie so eifrig dämonisieren, auch anzusehen. Sie ist mehr als sehenswert.
“Becoming Peter Pan” ist ein sehr poetisch gebautes und äußerst exakt ausgeführtes Puppenspiel, das mit Licht, Schatten, Bühnennebel, Sound, einigen Requisiten und zwei Puppen auf kleinster Bühne erstaunliche Theatermomente schafft. Es geht nicht nur darum, was Nikolaus Habjan mit seinen Puppen erzählt, ein ebenso wichtiger Faktor, wenn nicht der wichtigere, ist, wie er es macht, wie er mit den Puppen umgeht, als wären es zerbrechliche, lebendige Wesen, es wohnt dem Ganzen ein fast zeremonieller, ritueller Moment inne, der dieses Schau-Spiel in jeder Sekunde zu einem spannenden macht, in keiner Sekunde vohersehbar. Es ist erstaunlich, wie diese Puppen innert kurzer Zeit zu “leben” beginnen, wie man sich daran gewöhnt, dass die Stimmen zwar alle von Habjan gesprochen werden, aber doch die Puppen lebendig machen.
Es macht keinen Sinn, exakt inhaltsmäßig an dieses Stück heranzugehen. Macht man es doch, ist die Chance dahin, all die Lücken und Brüche, die in das Stück hineingeschrieben wurden, mit der eigenen Phantasie und der gerade in sich selbst vorhandenen Stimmung auszufüllen. Die ganze Show ist ein Spiel mit Stimmungen, mit wunderschönen und verspielten Projektionen, mit den laut eingespielten Songs von Michael Jackson.
Die Handlung des Stücks dreht sich um einen Mann in einer psychiatrischen Anstalt, der sich für Peter Pan hält, mit der Wohnadresse “second to the right and then straight on till morning”. Er hat keine Ahnung, wie alt er ist, hält sich aber für “quite young”, möchte für immer ein kleiner Junge sein und kommuniziert eifrig mit seiner Fee Tinkerbell. Er hält sich aber auch für Michael Jackson und meint, gerade vor einem großen Auftritt zu stehen - “the biggest show on the planet, the biggest show in the universe”.
Ausgehend von dieser recht konkreten Spielsituation wird das Figurentheater recht abstrakt und nur mehr interpretierbar. Bilder aus der Vergangenheit ziehen vorbei, man sieht als Schatten auf einer Leinwand Tanzsequenzen, man sieht Michaels “magic tree”, Michael Jacksons sarkastisch-brutales Alter Ego setzt ihm hart zu: “You’re so pathetic! When was the last time you took a closer look in the mirror? hahaha - Man in the mirror? Look what you’ve become - a coward, a freak, a looser!” Er möchte das gealterte Ich davon überzeugen, noch einmal von vorn zu beginnen, im Nimmerland, auf die harte Tour. Ein “Arzt” (?) “kümmert sich” um den Patienten, stellt Fragen, die Antworten drehen sich letztlich um die großen Themen im Leben Michael Jacksons: Einsamkeit, die ewige Auseinandersetzung mit der eigenen “verlorenen” Jugend, mit dem Alter, es geht um Ängste, Unsicherheiten, um die Beziehung zum Vater, all das verbrämt und eingebettet in einer Art Peter-Pan-Fiebertraum.
Der alte Mann im Rollstuhl freilich hat mit seinem Leben abgeschlossen: “They want to see their King, but the King is dead. He has been dead for a long time. But they still want to see their King of Pop. Please tell the waiting audience that I am not able to perform tonight. They are to leave immediately. Whenever I walk on stage people expect too much of me. They want to see my singing, they want my dance, the turns and the moves - they want the whole package. But I don’t know for how long I will be able to do this […] they gonna laugh at me, they gonna stare at me, as if I were a freak.â€
Eine heikle Geschichte, Michael Jackson als alten Mann zu zeigen. Und doch so richtig, bedenkt man die euphorischen Reaktionen der Fans auf die Ankündigung der “This is it”-Tour, die ein 50-jähriger Jackson bestreiten hätte müssen. Ein Michael Jackson, dem man - sehr wohl - das Alter angemerkt hat. Oder, wie es das Alter Ego im Stück formuliert: “I don’t get, how I could get so old. That wasn’t part of the bargain. That wasn’t part of the plan. That doesn’t fit into the concept. He never invented himself as an old man, he never told stories about him being old. How could he? We have to change this. Yeah! We can! This is it! THIS IS IT! Not that! But what would you say if we could make you young again?â€
Gegen Ende thematisiert “Becoming Peter Pan” unter anderem den “Heal the World”-Mythos, dieses so unendlich sich selbst überschätzende Weltverbesserer-Image, das Michael Jackson gerne symbolisierte, auf der anderen Seite werden die ungeklärten Umstände des Todes von Michael Jackson auf eine verschwörungstheoretische Basis gestellt. Nochmal die Frage: Wird der Ruf Michael Jacksons beschädigt? Nein, aber «Becoming Peter Pan†ist sehr wohl eine kritische und sarkastische Auseinandersetzung mit dem Phänomen und dem Wirken Michael Jacksons, auch seiner Beziehung zu seinen Fans, insofern ist, und hier schließt sich der Kreis, die Diskussion mit den heutigen Anhängern des King of Pop fast unabdingbarer Bestandteil der Entstehungsgeschichte des «Dramas†«Becoming Peter Panâ€.
Einen Freak, das meinen viele der geschockten Fans in der Puppe, die Michael Jackson, oder eben Peter Pan, darstellt, zu sehen. Sie finden die Bilder der Show abstoßend. Da darf man die Wirkung eines Figurentheaters nicht unterschätzen. Was auf Fotos abstoßend wirkt, gewinnt “live” eine völlig andere Dimension. Gerade für Michael Jackson Fans, das als Fazit, ist diese Show ein Muss, der Text ist großartig, teils poetisch, ein Meer an Subtext, voller Anspielungen, und gespickt mit Zitaten aus Songs von Michael Jackson, direkt im Leben von Michael Jackson verankert, aber das mag auch einfach meine eigene Interpretation sein, denn wie Jacksons Alter Ego sich selbst fragt: «Is there an ultimative truth about you, Michael Joseph Jackson?”
Leading Team
Puppenspiel und Puppenbau: Nikolaus Habjan
Buch und Regie: Simon Meusburger
Visualisierungen: Johannes Hucek
Schattentänzer: Ronnie Verà³ Wagner
Regieassistenz und Inspizienz: Helene Ewert
Kostüme: Modeschule Graz: Billie Lea Lang, Martina Reichenpfader, Melanie Sonner, Angelika Waltl
Lichtdesign: Simon Meusburger
Zwei Schattenmänner: Christoph Hackenberg, Benedikt Grawe
Drei Schattenkinder: Franziska Singer, Matteo Ortner, Lucca Nocchieri
Additional Music: Otto M. Zykan
Übersetzung: Jasmin Sarah Zamani
Verwendete Songs von Michael Jackson
- History
- Stranger in Moscow
- Will You Be There
- Leave me alone
- Thriller
- Cry
- Smile
Martin Bruny am Samstag, den
18. Dezember 2010 um 01:08 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Seit mittlerweile elf Jahren bietet das Wiener Performing Center Austria knapp vor den Feiertagen eine Weihnachtsproduktion für die ganze Familie. 37 junge Leute, das Durchschnittsalter beträgt 14 Jahre, spielen 2010 die Weihnachtsshow “XMAS Gift”. In diesem Jahr ist das Hauptthema freilich nicht Weihnachten an sich, “XMAS Gift” zeigt viel mehr Ansätze einer recht sozialkritischen Show, in der es unter anderem um den Gegensatz zwischen reich und arm geht, es werden gerade aktuelle Themen wie die unvermeidlichen Castingshows thematisiert, es geht um Außenseitertum, Konkurrenz, all das verpackt in eine sehr pfiffige Handlung rund um Engel, einen Castingwettbewerb an einer Schule und zwei Familien, eine reich und eine arm. Eines der faszinierendsten Themen vieler Hollywoodfilme, der Körpertausch, wo zwei Menschen sich auf einmal im Körper des jeweils anderen finden, mitreißende Choreographien zu für eine solche Produktion überraschenden Tunes wie “Fashionist” von Waldorf oder “Here comes the Hot Stepper” von Ini Kamoze oder auch “Engel” von Rammstein, und dann auch noch wirklich phantasievoll und passend in die Handlung eingebaut, sorgen für Stimmung, sehr gelungene deutsche, umgetextete Versionen von Kultsongs wie “I sing the body electric” aus “Fame” (hier nun: “Ich wünsch euch fröhliche Weihnacht”), all das macht “XMAS Gift” zu einer außerordentlich unterhaltsamen Show - auch zu einer Show mit Botschaft und auch zu einer Show am Puls der Zeit, denn auch zum Beispiel Jason Robert Browns “Being a Geek” (aus dem Musical “13″, in der deutschen Version “Streber zu sein”) ist mit dabei, und Jason Robert Brown hört man hierzulande viel zu selten.
Wer jetzt Musicaldarsteller bei “XMAS Gift” erwartet, die perfekt singen und tanzen, sollte sich zum Londoner West End begeben und dort glücklich werden, aber “Perfektionismus” zu präsentieren, das ist auch nicht das Ziel des Performing Center Austria mit dieser Show. Hier wird jungen Leuten eine Möglichkeit geboten, Interessen, die sie im Bereich der Performing Arts haben, auszutesten. Auszutesten in einem professionellen Umfeld, unter professionellen Produktionsbedingungen, in einer Reihe von Vorstellungen vor einer respektablen Menge an Zusehern. Da ist es auch legitim, dass jeder der jungen Leute im Zuge der Arbeit auf der Bühne erst lernt: Was kann ich, kann ich es live rüberbringen? Und wenn man merkt, dass die Interpretation vielleicht überzogen ist, dass bestimmte Elemente einer Figur vielleicht etwas dezenter noch wirkungsvoller wären, hat man die Chance, zu erfahren, wie es ist, wenn man auf der Bühne nicht jene Wirkung erzielt, die man erzielen will, ohne jetzt wirklich ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen, denn die Freude am Performen steht im Vordergrund. Die Weihnachtsshows des PCA sind nicht zuletzt deshalb so interessant, weil sie vielen Talenten eine erste Bühne gaben und geben, Talenten, die heute mit Musicals ihr Brot verdienen und in Zukunft verdienen werden. Hier hatte und hat man die Gelegenheit Talente zu sehen - wie sie sich entwickeln, wie sie am Anfang ihrer “Karriere” performen.
Es wäre fast unfair, jetzt einzelne Darsteller besonders hervorzuheben, aber da in der Show nur drei Burschen (und 34 Mädels) überhaupt zu sehen sind, vielleicht doch, im Sinne der Emanzipation :-): Robin Jentys als Geek fand ich sehr unterhaltsam. Noch mehr als er kann man sich wohl in eine Rolle schauspielerisch nicht reinsteigern, und noch mehr als er kann man in einer Nebenrolle wohl nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken und diese Rolle leben, bis in die letzte Faser des Körpers. Er schafft es sogar, wenn er nur am Boden sitzt und seine Schulbücher ordnet und abküsst, die Blicke der Zuschauer auf sich zu ziehen, obwohl sich die Haupthandlung gerade auf der anderen Seite der Bühne abspielt. Er macht aus seiner Nebenrolle allein durch seine unglaublich witzige Mimik etwas Großes. Zweifelsohne ein Talent.
Und um noch einmal auf den Frauenanteil zurückzukommen: Regie bei dieser Produktion führt Lisa Tatzber, die Musikalische Leitung hat Sandra Schennach, die Choreographie stammt von Sabine Arthold, Rita Sereinig und Lisa Tatzber. Buch und Liedtexte aber von Tommy Tatzber, Produktionsleitung: Alexander Tinodi. Bühnenbild: Sandor Coti, Thomas Poms, Licht: Gerhard Scherer, Ton: Tibor Barkoczy, Bühne: Manfred Puda.
Cast
Marjeta Urch, Vanessa Zips, Maria Scherbov, Michi Vögerle, Leonie Wagner, Carina Cerny, Jagoda Palecka, Viktoria Rosenbichler, Caecilia Freiberger, Mira Zeichmann, Carolina Gerstacker, Konstanze Barborik, Sophie Schüssler, Manuela Gartenmayer, Valerie Naderer, Vivien Mileder, Sina Löw, Sarah Sos, Michael Mayer, Ines Cihal, Theresa Barborik, Konstantin Frank, Sophie Schmidt, Yvonne Kellinger, Julia Greiler, Cosima Ebensteiner, Rebecca Fischer, Eszter Zakà¡rias, Magdalena Benakovic, Robin Jentys, Melanie Brunner, Hanna Resch, Sarah Wachter, Mirjam Kaar, Lena Barisic, Helena Gampe, Victoria Cerny, Larissa Langmann und Sarah Greiler.
Auf dem Nachhauseweg: Ein Junge, schätzungsweise 6 Jahre alt, fragt beim Einsteigen ins Auto seinen Vater: “Um ein Weihnachtsgeschenk ist es aber da gar nicht gegangen, oder?” Und beim Einstigen noch beginnt der Vater mit dem Erklären … Vielleicht ist letztlich auch das ein Geschenk: Dass man es nämlich mit einer Show zu tun hat, über die es sich lohnt nachzudenken und die auch Stoff bietet für ein Gespräch zwischen Vater und Sohn.
“XMAS Gift” ist noch am 18. Dezember um 19 Uhr, am 21. Dezember um 10 Uhr vormittags und um 14 Uhr nachmittags, am 22. Dezember um 10 Uhr vormittags und um 19 Uhr abends sowie am 23. Dezember um 10 Uhr vormittags zu sehen. Tickets und weitere Infos gibt es —> hier.
Martin Bruny am Mittwoch, den
15. Dezember 2010 um 23:34 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Mit “Musical Christmas”, der weihnachtlichen Einstimmungsproduktion der Vereinigten Bühnen Wien, ist es wie mit den Familienfeiern am Heiligen Abend. Es ist einerseits schön, dass es sie gibt, andererseits spielt doch ein wenig Wehmut ab und an mit. Früher, da feierte die ganze Familie, Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkeln und Tanten. Im Laufe der Jahre lichtete sich der Kreis der Feiernden. Die Großeltern konnten bald nicht mehr kommen, weil es zu beschwerlich geworden war, die Geschwister feierten bald woanders, die Onkeln und Tanten blieben irgendwann auch lieber für sich, schließlich starben die Großeltern und die Eltern - und dann wird man den Heiligen Abend, wenn man ihn denn noch feiert, vielleicht alleine begehen.
Bei den Vereinigten Bühnen Wien und ihrer (fast) jährlichen Musical-Christmas-Produktion hat das Abbröckeln der Mitfeiernden schon früh eingesetzt. Von den 18 Solisten, 24 Mitgliedern des Weihnachtskammerchors und 13 Tänzern des Jahres 2003 ist nur mehr Dennis Kozeluh mit dabei. 55 Musicaldarsteller auf der Bühne, dazu 54 Musiker im Orchester, das war die Besetzung des Jahres 2003. Ein Spektakel sollte “Musical Christmas in Vienna” sein, mit Stars in Hülle und Fülle, mit einem großen Chor, einem eigenen Tanzensemble. Das alles ist Vergangenheit, von den furiosen Tanzszenen der ersten Jahre haben wir uns im Laufe der Jahre immer mehr verabschieden müssen: Murray Grant, Akos Tihanyi, Alexander Moitzi, Ramesh Nair, Steven Seale, Rita Sereinig, Sandra Miklautz, Silke Braas … das waren Tänzer, die mit ihrer Gabe echte Weihnachtsstimmung in die Theater zaubern konnten. 2010 ist tänzerisch der Polar-Express abgedampft, es gibt kein Tanzsensemble mehr, es wird ein wenig gemoved und in albernen Kostümen gesteppt, aber das wars dann auch schon, kein Vergleich mit den Anfangsjahren. Es gibt auch keine 18 Solisten mehr, sondern 6, und das Ensemble ist von insgesamt 37 auf 8 Leute geschrumpft. Dafür wird viel gelesen auf der Bühne. Lesungen waren zwar schon immer Bestandteil von “Musical Christmas”, aber derart Langatmiges und Bemühtes wie 2010, das hat es noch nie gegeben. Eine Ausnahme, bedingt, ist vielleicht Rasmus Borkowskis inszenierte Einlage mit der “Weihnachtsgeschichte” von Charles Dickens, aber dennoch, es wird zu viel gelesen - und zu wenig getanzt.
Der Hauptgrund allerdings, warum der ganze Abend so bemüht wirkt, ist, dass man sich so unendlich angestrengt hat, das Ganze in sagen wir eine Art szenisches Konzept zu gießen. Was genau dieses Konzept sein soll, wie man es benennen könnte? Keine Ahnung: “Tanz der Elfen” vielleicht. Das Ensemble wurde nämlich dazu vergattert, Elfenohren zu tragen. Wer sich darunter nix vorstellen kann: Spock-Ohren. Sieht ulkig aus, und wird noch ulkiger, wenn die Armen dann auch noch durch die Gegend hüpfen müssen wie Elfen (Wie hüpfen Elfen?). Natürlich ist dieses Konzept zum Scheitern verurteilt, weil entweder Elf oder nicht Elf, entweder man hüpft immer oder nie, und das Ensemble, das ja beispielsweise auch als Chor Weihnachtslieder interpretiert, hüpft natürlich dann nicht, wenn es Geschichten erzählt, hat natürlich - dann - auch keine Elfenohren auf, … aber, da muss man schon ein paar Mal in die Show, um das mitzubekommen, wann es heißt “Elfenohren auf” und wann “Elfenohren ab”, wann ein Elf ein Elf ist und wann nicht mehr, beim ersten Mal wundert man sich einfach nur über derlei Merkwürdiges. Kurz, man sieht, dass ein szenisches Konzept angedacht wurde, aber dass man es nicht zu Ende konzipiert hat. Zu verlockend war es vermutlich, einzelne fix und fertige Bestandteile vergangener Produktionen zu nehmen und zu einer “neuen” Show zusammenzusetzen.
Vielleicht wäre es an dieser Stelle ganz interessant, mal über die Kostüme der Produktion zu sprechen. Die Vereinigten Bühnen Wien verfügen ja über eine Kostümabteilung mit fixangestellten Mitarbeitern, ein Umstand, der bei all den Förderungen, die das Unternehmen erhält, immer wieder als Argument gebracht wird gegen all jene, die sich über all die Subventionen noch immer aufregen möchten. Eine eigene Kostümabteilung, Schneiderei, … das ist doch was. Nun, bei “Musical Christmas 2010″ hat man davon nicht wirklich etwas bemerkt. Vielmehr waren einige disaster moments auszumachen, wie beispielsweise jener Fetzen, den Caroline Vasicek bei “Who Would Imagine A King” tragen musste - ein buntes Stoffkonglomerat, enganliegend, in allen möglichen Orange-, Rot- und Gelbtönen, quasi das Red Bull unter all den Kostümen des Abends. Passend etwa zu einer Show wie “Hair” vielleicht, aber zu Weihnachten? Auch die Choreographie zu dem Song - ein Rätsel. Auftritt vom hinteren Teil der Bühne, und langsam geht die Künstlerin die Stufen des Podiums hinunter, auf dem das Orchester sitzt, wobei jeder einzelne der Musiker dreinschaut, als hätte gerade ein Schwall Magensaft Regionen erreicht, die wir gar nicht näher bestimmen wollen. Was war die Idee dahinter? Mal ein bisschen bunt in die Show? Und weil man immer von links und rechts auftritt, halt mal von hinten? Auch Wietske van Tongeren muss ein Lied in recht merkwürdiger Aufmachung auf der Bühne abbüßen: Bei “Koppà¥ngen” hat sie ein Krönchen auf und schaut aus wie Barbie leibhaftig, ein Krönchen, das nur dazu da ist, um am Ende des Songs als Halterung zu dienen, als Halterung für ein paar Tücher, die ein paar Mitglieder des Ensembles, während Wietske die ersten 3 Minuten des Liedes singt, durch die Luft eiern, eingetaucht in so viel Trockeneisnebel, dass man in den ersten Reihen geradezu daran ersäuft. Dann wirbeln die Tänzer in die Nähe von Barbies Krone, befestigen die Fetzen an derselben, und nun steht die arme Wietske halt da mit ihrem Krönchen und ein paar weißen Fetzen, die runterhängen. Fehlte gerade noch, dass ein paar Elfen auftauchen, sich an die Enden hängen, Wietske sich wild zu drehen beginnt und die Elfen weit in den Saal des Etablissement Ronacher schleudert - aber das wäre sicher gegen … keine Ahnung, aber es gibt ja so viele Bestimmungen. Ursprünglich wollte man ja auch bei “Tanz der Vampire” ein paar der Vampire tatsächlich fliegen lassen, musste aber, so hört man, den Plan aufgeben, weil das Denkmalschutzamt gegen die dafür nötigen technischen Vorrichtungen gevotet hat. Nur um nicht missverstanden zu werden, das ist nicht gegen die Qualitäten des Ensembles gerichtet, das kommt sympathisch rüber, aber man hat fast Mitleid mit den jungen Darstellern, die Elfenohren tragen müssen und derlei sinnfreie Choreos, die fast wie Parodien wirken, einstudieren müssen.
Von all den hektischen Kostümwechseln und all dem Choreographiewahnsinn (fast) ausgenommen ist nur einer: Uwe Kröger. Und Uwe Kröger ist auch der einzige der Herren, der für eine Gala standesgemäß gekleidet erscheint. Vermutlich daher, weil er seine eigene Kleidung tragen darf: eine Art Smoking, perfekt passend, auch die Hose dazu in passender Länge, und Lack-Stiefletten. Das setzt ihn von allen anderen Herren ab, die längst nicht so perfekt passende Garderobe zu tragen haben und mit Schuhen Vorlieb nehmen müssen, die wie sehr sehr günstige Straßenschuhe wirken. Auch muss sich Kröger nicht umkleiden, wozu auch. Das ganze Programm ist 2010 extrem balladenlastig, wozu muss man für jede einzelne Ballade ein anderes Outfit anhaben, und “Musical Christmas” war ja nicht als Modeschau konzipiert (hoffentlich). Natürlich gibt es auch nette Outfits bei einigen Songs, aber im Wesentlichen war die Auswahl der Kostüme unterirdisch. Bezeichnend für den unnötigen overkill an Outfitwechseln und Choreowahnsinn: “Es wird scho glei dumpa”, gesungen von Caroline Vasicek, Carin Filipcic, Markus Pol und Philipp Kreinbucher erhält fast den meisten Applaus des Abends - ein Auftritt, bei dem die Künstler alleine vor dem Vorhang stehen, sich nicht bewegen, die Kleidung völlig egal ist, die doofen Spock-Ohren für ein paar Minuten vergessen sind und es nur um eines geht: um die Kunst des Singens.
Interpretiert wurden die Lieder von den Damen fast durchwegs wunderschön, Carin Filipcic war stimmlich der Star der Show, da war kein Makel zu hören, da war nur mehr Strahlen und Arbeit an der Perfektion, auch ihre kurze Lesung (”Weihnachtslegende”, ein Gedicht von Manfred Koch) witzig, auf den Punkt, perfekt serviert. “Gabriella’s Sà¥ng”, ein Traum - wenn man sich diese Interpretation im Umfeld von 2003 vorstellen würde, was für eine Wucht. Wietske van Tongeren, ebenso stark, insgesamt aber viel zu viele Balladen in der Show.
Dennis Kozeluh hatte mit “Do You Hear What I Hear” einen starken Moment, nicht so stark wie auf der CD zur Show, da wäre arrangementmäßig und wirkungsmäßig mehr rauszuholen gewesen, aber auch hier fehlt einfach der große Chor, auch hier müsste das Orchester voller klingen, wir aber haben es mit einem Schrumpforchester zu tun, bei dem ganz vorne prominent Keyboards und Synthesizer platziert sind, das spricht Bände. Dazu kommt die nach wie vor katastrophale Akustik im Ronacher. Natürlich, in den ersten Reihen Parkett hört man ein gut abgestimmtes Klangbild, freilich mit viel zu wenig Bass. Im 2. Rang dagegen hört man lediglich akustische Reste, und wenn dann noch zwei Tage lang einer der Scheinwerfer defekt ist und laut rattert, bekommt man mitunter gar nichts mehr mit. Technische Defekte können passieren, keine Frage, doch bei einem ähnlichen Vorfall in einem Londoner Theater bekamen die Zuschauer in der Pause nicht nur complimentary snacks, sie erhielten auch Gutscheine für eine Vorstellung im selben Theater für eine Vorstellung ihrer Wahl - so viel zum Thema customer care. Auch die Choreographie bei “Do You Hear What I Hear” (und anderen Songs), eher grenzwertig. Als Bühnenelement hat man sich Würfel einfallen lassen, wie riesige Legobausteine, Legoquadrate. Die dienen für alles mögliche, mal sitzen die Darsteller drauf, und mal klettern sie völlig unmotiviert drauf rum und trällern dann von oben herab - nun gut, auch eine Möglichkeit. Kennen wir ja schon vom “Club der toten Dichter”, da lehrt Robin Williams auch seine Schüler, dass es wichtig ist, mal alles aus einer anderen Perspektive zu sehen, die Schüler klettern auf ihre Tische, die Darsteller auf ihre Würfel. Regiekonzept ist das für mich aber keines.
Uwe Krögers Auftreten war wie gewohnt professionell, ich persönlich höre in seiner Stimme allerdings ein enormes Maß an Angst und viel Anstrengung. Er versucht mt extrem viel Technik, sich in die hohen Töne zu zwingen, er wummert in den tiefen Tönen, er singt nur mehr laut oder leise, dazwischen spricht beziehungsweise zischt er die Lieder - ist das noch “Gesang”? Sehr sympathisch kommt er in seinem Duett (”Winter Wonderland”) mit Dennis Kozeluh rüber, da ist er auch gezwungen, endlich dieses alberne Einstudierte aufzugeben und tatsächlich spontan albern zu sein, denn Herr Kozeluh ist Improkünstler, und das ist auch gut so, er serviert seinen Text von Vorstellung zu Vorstellung immer ein klein wenig anders und bringt so etwas Pepp in die manchmal sehr getragene Show.
Gerade mal 400 Besucher saßen in der Kemptener Big Box, als sich für «A Musical Christmas» der Vorhang öffnete. Zum Vorschein kamen am Rande eineinhalb Christbäume, und hinter dem weiten schwarzen Feld funkelten zeitweise elektronische Sternchen. Dazwischen verlor sich ein sattes Dutzend mehr oder weniger bekannter Musicalsänger der Vereinigten Bühnen Wien. Für die in der ersten Halbzeit (53 Minuten) eher blasse, danach jedoch engagierteren Performance war der Eintritt zwischen 47 und 73 Euro schlichtweg zu hoch.
Für dieses Geld sind im Kemptener Musiktempel schon Weltstars mit einem ausgewachsenen Orchester aufgetreten. Anfängliche szenische Darstellungen mit Geschenkpaketen und Kartonquadern waren nicht die großen Weihnachts-Einstimmer.
Am Ende der Show, nach “War is Over”: die Zugabe - ein gelungener sudden death von “Musical Christmas” . Man spielt sämtliche 200 Strophen von “Stille Nacht”, die Experten erkennen, wir haben es mit der Originalversion zu tun, der Chor wird nur von Harry Peller an der Gitarre begleitet, kurzer Applaus, und die Show ist aus. So schickt man sein Publikum eigentlich nicht nach Hause. Aber es wird ja sicher ein Wiedersehen geben, 2011. Frohe Weihnachten!
Das Programm
Teil I
Ouvertüre- First Noel/Wunschzettel: Instrumental/Uwe Kröger
(Traditional – Arr. Günther Gürsch/Gedicht von Cilly Kehsler)
Driving home for Christmas: Rasmus Borkowski
(Chris Rea – Arr. Günther Gürsch)
When Christmas comes to town (aus dem Film «Polar Expressâ€): Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren
(Alan Silvestri, Glen Ballard, Matthew Hall, Meagan Moore, Arr. Günther Gürsch)
Weihnachtslegende: Carin Filipcic
(Gedicht von Manfred Koch)
White Christmas: Uwe Kröger und Ensemble
(Irving Berlin – Arr. Günther Gürsch)
Lebkuchenmärchen: Katrin Mersch, Philipp Kreinbucher, Christian Petru, Markus Pol, Robert Weixler
(Gedicht von Hanna Helwig)
Santa vs. Christkind: Caroline Vasicek, Rasmus Borkowski und Ensemble
(Sigrid Brandstetter, Alexander Wagendristel)
Winter Wonderland: Dennis Kozeluh und Uwe Kröger
(Felix Bernand, Richard B. Smith – Arr. Thomas Huber)
Koppà¥ngen: Wietske van Tongeren und Damenensemble
(Traditional – Arr. L. Juling – Niederländischer Text: Wietske van Tongeren)
Who would imagine a king: Caroline Vasicek
(Mervyn Warren, Hallerin Hilton Hill)
Amerikanisches Weihnachtsmedley: Let It Snow, Rocking around the Christmas tree, Rudolph the red-nosed reindeer, Grandma got run over by a reindeer: Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(Arr. Thomas Huber)
Teil II
Polar Express (aus dem gleichnamigen Film): Dennis Kozeluh und Ensemble
(Alan Silvestri, Glen Gallard – Arr. Günther Gürsch)
Meine Herzwunschliste: Uwe Kröger
(David Foster, Linda Thompson, dt. Text: Pe Werner – Arr. Thomas Huber)
Weihnachtsgeschichte – Ein Weihnachtslied: Rasmus Borkowski, Anna Knott und Christian Petru
(Charles Dickens)
Es wird scho glei dumpa: Caroline Vasicek, Carin Filipcic, Markus Pol, Philipp Kreinbucher
(Österreichisches Weihnachtslied – Arr. Walter Lochmann)
Do you hear what I hear?: Dennis Kozeluh und Ensemble
(Gloria S. Baker, Noà«l Regney – Arr. Thomas Huber)
Cantique de Noà«l: Carin Filipcic und Wietske van Tongeren
(Adolphe Adam – Arr. Jeremy Roberts)
It’s beginning to look a lot like Christmas: Rasmus Borkowski und Damenensemble
(Meredith Willson – Arr. Günther Gürsch)
Lebhafte Winterstraße: Caroline Vasicek
(Gedicht von Joachim Ringelnatz)
Gabriella’s Sà¥ng: (aus dem Film »Wie im Himmel«): Carin Filipcic und Ensemble
(Stefan Nilsson, Py Bäckmann – Arr. Günther Gürsch)
Deutsches Weihnachtsmedley: Fröhliche Weihnacht (Volkslied), O Tannenbaum (Volkslied), Morgen kommt der Weihnachtsmann (Volkslied), Tochter Zion (Georg Friedrich Händel): Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(Arr. Koen Shoots)
Weihnacht: Uwe Kröger
(Gedicht von Elisabeth Dauthendey)
War is over: Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(John Lennon, Yoko Ono – Arr. Christian Kolonovits)
Stille Nacht: Harry Peller (Gitarre), Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr – Arr. Koen Shoots)
Solisten
Uwe Kröger, Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh
Ensemble
Katrin Mersch, Anna Kott, Tina Schöltzke, Bettina Schurek, Philipp Kreinbucher, Christian Petru, Markus Pol, Robert Weixler
Musikalische Leitung: Koen Schoots
Regie: Dennis Kozeluh
Choreographie: Katrin Mersch
Kostüme. Josef Sonnberger
Bühne: Robert Hirner
Technik: Ulfried Grabner
Licht: Gerhard Landauer
Sound: Matthias Reithofer
Es spielt das Orchester der VBW
Musikalische Einstudierung und Dirigenten: Koen Schoots und Carsten Paap
Zusätzliche Texte: Dennis Kozeluh
Martin Bruny am Dienstag, den
14. Dezember 2010 um 11:51 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Eine perfekt ins Programm passende Show, gut überlegtes Casting, eine umsichtige, phantasievolle, sehr genau ausgearbeitete Regie, eine gelungene Übersetzung, all das und noch viel mehr wünscht man sich bei Musicalproduktionen - und bekommt genau das doch eher selten zu sehen. All das und viel mehr erfüllte eine Show des Wiener Theaters der Jugend, die im Oktober und November 2010 in Wien zu sehen war: “Just so”.
Henry Mason, Oberspielleiter am Theater der Jugend in Wien, brachte “Just so” von George Stiles (Musik) und Anthony Drewe (Buch und Gesangstexte) in einer begeisternden, bunten, liebevollen und genau gearbeiteten Version auf die Bühne des größten Theater für junges Publikum in Europa. Er übersetzte den Text klug und stimmig. Da das Theater der Jugend letztlich auch eine pädagogische Aufgabe hat, die es mit vielerlei Aktionen und Angeboten erfüllt, musste er das sprachliche Niveau nun nicht unbedingt dort ansetzen, wo man den Beginn der Zielgruppe angesetzt hatte, nämlich bei 6 Jahren. Letztlich kann und soll auch das Theater als Motivation und Anreiz dazu dienen, einfach mal auch über das, was man gesehen hat, zu sprechen, und wenn das eine oder andere Wort noch nicht Teil des Wortschatzes eines der jüngeren Besucher ist, so kann man das im Anschluss an die Show oder in der Pause klären - oder aber man nutzt als Lehrer eines der Angebote des Theaters (siehe –> hier), fordert Materialien an, erarbeitet die Show mit der Klasse im Vorfeld, all das ist für diverse Produktionen des Hauses immer wieder möglich und dient dazu, junge Leute ans Theater heranzuführen. All das lohnt sich auch bei der Qualität der Stücke, die vom Theater der Jugend zur Aufführung gebracht werden. Die Abteilung Theaterpädagogik des Theaters der Jugend hat ein reiches Angebot für Lehrer und Schulen, das man nutzen sollte.
Was “Just so” allerdings auch auszeichnete: Es war es kein “Theater für Kinder”, nicht dieses “Theater für Kinder” im schlechten Sinn, wo noch in Babyslang und mit zuckersüßen Goscherln outriert wird, weil die Kleinen ja sonst vielleicht nicht mitkommen oder gar einschlafen. Sie kommen mit, man muss nur wissen, wie man eine Show anzupacken hat. “Just so” war eine jener Produktionen, für die man auch Abendvorstellungen für “erwachsenes” Publikum hätte ansetzen können, eine Idee, die bis dato noch nicht aufgegriffen wurde. “Just so” war letztlich eine der besten Musicalproduktionen in Wien 2010.
Auf der Bühne eine Cast, die man so auch bei jeder Produktion von sogenannten “großen” Musicalbühnen finden kann. Einen Namen im Musicalbusiness haben nicht nur Norman Stehr (”Cabaret der verlorenen Seelen”), Wolfgang Türks (”Frühlings Erwachen”), Jan Hutter (”Rudolf”) und Christoph Sommersguter (”Rebecca”). Für “Just so” suchte man die Idealbesetzung und fand sie auch in Thomas Smolej, Robert G. Neumayr, Christian Graf, Daniela Dett, Uwe Achilles, Julia Tiecher, Natalie Ananda Assmann und Lynne Williams.
Jedes Element der Show dient der Geschichte, die erzählt wird. Weder sind die Schauspielszenen dazu da, um die Pausen zwischen den einelnen Songs zu überbrücken, noch dienen die Songs dazu, um dem Ganzen überhaupt eine Musicalform zu verleihen, und auch die Tanzelemente sind nicht einfach da, weil halt in einem Musical getanzt werden muss, sondern sind großartig durchdacht und wichtiger Bestandteil der Charakterisierung jeder einzelnen Figur. Jede der Figuren ist von den Schauspielern genau erarbeitet, ist wiedererkennbar und einzigartig in Sprache, Kostüm, Mimik und Choreographie. Bis hin zu den kleinsten Details sind Figuren wie das Zebra oder der Kolokolovogel choreographiert, auch die Stimmführung ist der jeweiligen Figur angepasst. Für den Jaguar und den Leoparden hat man sich eine Art Wiener Strizzi-Dialekt einfallen lassen, die eingesetzten Tanzschritte, die Art und Weise, wie sich Thomas Smolej und Christoph Sommersguter bewegen - ein fein erarbeitets Konzept, das spielerisch durchgezogen wird, und so bleiben die Figuren auch noch Wochen, nachdem man die Aufführung gesehen hat, lebhaft im Gedächtnis. Jeder der Schauspieler spielt eine Vielzahl an Rollen und geht in der jeweiligen Rolle auf. Es ist schön zu beobachten, wie sie mit ihrem Schauspiel, mit ihrem Tanz und auch mit ihrem Gesang, gleichwertig, beim Publikum Emotionen auslösen. Denn darum geht es letztlich auch beim Theater: Emotionen auszulösen. Denn das ist es, was man dem Publikum schuldet: Emotionen auszulösen. Keiner hat im Publikum das Recht vom Schauspieler echte Emotion auf der Bühne zu fordern, aber der Schauspieler ist es seinem Publikum schuldig, es glauben zu machen, dass sie echt sind und echte Emotionen auszulösen. Dazu braucht man handwerkliches Können, Technik, dazu muss man Szenen genau erarbeitet haben - keiner hat etwas davon, wenn viel Geld in ein enormes Maß an Bühnentechnik, in 20 Tonnen Licht- und Soundequipment investiert wird und dann auf der Bühne, im entscheidenden Moment, wenn zwei Schauspieler sich einander gegenüberstehen, durch fehlende Technik nichts passiert außer schulisches Aufsagen von Text. Da haben dann nicht nur die Schauspieler versagt, sondern auch der Regisseur, und auch der Produzent, der nicht rechtzeitig eingegriffen hat. All das ist bei “Just so” in keiner Sekunde der Fall, und nicht zuletzt das, diese wohltuende umfassende Professionalität (im Umfeld so vieler Produktionen für “jugendliches” Publikum, die das in dem einen oder anderen Bereich nicht leisten können), die in Emotionalität mündet, war ein Erfolgsrezept dieser Produktion.
Auch wenn es Schauspieler gibt, die der Meinung sind, dass sie nicht verstehen, wie man überhaupt von einer guten oder schlechten Inszenierung sprechen kann, wie beispielsweise Otto Schenk auf der Buchwoche vor ein paar Wochen: Die Regie bei “Just so” war grandios. Keine Sekunde hatte man das Gefühl, dass man verloren gehen könnte in der Aufführung, immer war klar, dass und auch welche Geschichte erzählt wurde. Robert G. Neumayr als “Der älteste Magier” hatte da die Fäden in der Hand und erdete die Show immer wieder, nach jeder der vielen Einzelszenen, leitete und steuerte den Spielfluss, souverän, sympathisch. Das ist umso wichtiger, als es viele Shows gibt, bei denen man schon nach zehn Minuten eigentlich nicht mehr weiß, ob Regie überhaupt existiert. Es mag also sein, dass man hier etwas bewertet, was zu einem Großteil nur Intuition ist, oder ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, dem man dann das Label “Regie” aufdrückt, aber “Just so” zeichnete auch das Gefühl aus, dass bestimmte Szenen gar nicht anders als genau so auszusehen haben, gleichzeitig wurde man immer wieder überrascht von großartig inszenierten Hymnen wie jener vom “Limpopo-River”, ein Showstopper schlechthin, von Solos wie jenem des Kolokolovogels, gegeben von Daniela Dett, die dem Publikum in einem einzelnen Song schon das ganze Leben und Schicksal dieser Figur eröffneten. Und das gesungen und gespielt mit wunderbaren Nuancen, mit einer Mimik und Gestik, die den Schauspieler gänzlich hinter die dargestellte Figur treten ließen. Jede der Einzelszenen, ohne Ausnahme, war ein Erlebnis, sei es jene des Krokodils (Wolfgang Türks), schaurig auch durch die Soundeffekte, jene des Nashorns (Jan Hutter), des Parsen und seiner Backkünste (Norman Stehr), des Kängurus (Wolfgang Türks), jene der beiden Strizzis Jaguar & Leopard und natürlich die Geschichte all dieser Geschichten, nämlich wie das ewig fragende und neugierige Elefantenkind (Christian Graf) alle vor dem bösen bösen Pau Amma, einem riesigen Krebs, rettet. Einfach ein herrlicher Spaß für Menschen, die Märchen mögen, egal, wie alt sie sind.
Das Theater der Jugend sollte auf diesem Weg bleiben, und am besten keine Produktionen mehr von anderen Bühnen für die eigene Klientel ins Programm nehmen, kein “Tanz der Vampire” mehr zum Beispiel. Schlicht und einfach, weil man es nicht nötig hat und über genügend Kompetenz verfügt, ein eigenes Profil im Musicalbereich, der ja nur ein Teil des Angebots ist, zu entwickeln. Ja, im Gegenteil, vielmehr sollte man eigene Produktionen anderen Häusern anbieten, sie auf Tour schicken, sie wiederaufnehmen, sie ganz lange spielen.
Inhalt
Es ist die Zeit der ersten Anfänge: Noch hat das Nashorn keine Falten, der Leopard keine Flecken und der Elefant keinen Rüssel. Der älteste Magier ermutigt alle Tiere, zu ihrer Einzigartigkeit zu finden. Der Krebs schießt dabei übers Ziel hinaus: Gierig frisst er sich durch die Weltmeere und wächst dabei ins Riesenhafte, bis er bei der täglichen Futtersuche halb Afrika und Indien unter Wasser setzt. Die Flutopfer resignieren – gegen so einen Feind kann man nichts unternehmen.
Nur einer stellt das in Frage: das Elefantenkind. Es hat zum Leidwesen seiner Herde eine Frage zu allem: Warum ist der Himmel blau? Wenn es eine Missis Sippi gibt, gibt es dann auch einen Mister Sippi? Warum sagen wir dem Krebs nicht, er soll aufhören, so selbstsüchtig zu sein? Der älteste Magier stellt dem Elefantenkind den Kolokolovogel zur Seite, der sich zwar nicht fliegen traut, dafür aber auf alles eine Antwort hat. Auch auf die Frage, wo man den Krebs finden kann: am groß-grau-grünen Limpopo-Fluss nämlich.
So beginnt eine Segelfahrt ins Ungewisse, voller Überraschungen und Gefahren.
Wie der Krebs besiegt wird, wie das Nashorn Falten und der Leopard Flecken bekommt und wie die unersättliche Neugierde des Elefantenkinds ihm zu einem Rüssel verhilft, alles das erfährt man in George Stiles und Anthony Drewes bezauberndem und beschwingtem Familien-Musical. »Just So« erzählt aber auch vom Mut der Allerkleinsten und davon, wie man über den eigenen Schatten springt.
Cast
Der älteste Magier: Robert G. Neumayr
Das Elefantenkind / graues Tier: Christian Graf
Der Kolokolovogel / graues Tier: Daniela Dett
Der Parse / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Norman Stehr
Der Kochherd / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Uwe Achilles
Das Nashorn / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Jan Hutter
Die Giraffe / graues Tier / Elefantenkönigin / Zutat / Wallaby: Julia Tiecher
Das Zebra / graues Tier / Elefant / Zutat / Wallaby: Lynne Williams
Der Jaguar / graues Tier / Elefantenkönig / Zutat / Gnu / Wallaby: Christoph Sommersguter
Der Leopard / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu / Wallaby: Thomas Smolej
Das Känguru / Das Krokodil / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu: Wolfgang Türks
Der Dingo / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu: Natalie Ananda Assmann
Die Stimme von Pau Amma: Henry Mason
Cover: Maxi Neuwirth / Wolfgang Türks
Musiker
Gerald Schuller, Bernd Alfanz, Sophie Hassfurther, Robert Pistracher, Bernd T. Rommel
Leading Team
Musik: George Stiles
Buch und Gesangstexte: Anthony Drewe
Inspiriert durch die Geschichte von Rudyard Kipling
Deutsche Übersetzung: Henry Mason
Orchestrierung: Christopher Jahnke unter Mitarbeit von John Clancy
Regie: Henry Mason
Choreographie: Francesc Abà³s
Musikalische Leitung und Korrepetition: Gerald Schuller und Hannes Drobetz
Bühnenbild: Michaela Mandel
Kostüme: Jan Hax Halama
Licht: Frank Sobotta
Dramaturgie: Marlene Schneider
Assistenz und Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner
Hospitanz: Laura Söllner
Martin Bruny am Dienstag, den
30. November 2010 um 00:55 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Derzeit im VINDOBONA, im “Kabarett für Hiesige und Zuagraste”, zu sehen: “Mitten ins Herz”, eine Art Revue, eine Art Konzert, eine Art Erinnerungs-Singspiel an länger vergangene und nicht mal gar so lange vergangene “Schlagermusik”-Zeiten und auch an das, was Gerhard Bronner in seiner legendären Radiosendung “Schlager für Fortgeschrittene” nannte, wenn man denn beispielsweise manches von STS, Rod Stewart, Herbert Grönemeyer, Liza Minnelli et al Interpretierte dazureihen möchte, was ich befürworten würde. Schlager in neuen Arrangements, in witzigen Kombinationen.
Die Show ist ein Hit, aber sie ist scheinbar kein Hit, was das Publikum betrifft. Das, so hört man, kommt einfach nicht. In der besuchten Vorstellung waren gerade mal 20 bis 30 Personen, die meisten davon weiblich und schon in etwas fortgeschrittenem Alter. Aber Halt, das ist kein Werturteil, denn was das Showbusiness betrifft, so fischt sich diese Branche ihr Publikum aus dem langen, langen Fluss des Lebens. An der Quelle holen die Teenies wie Justin Bieber sich ihr Publikum, und den ganzen Fluss entlang finden sich immer neue Richtungen, Ströme - für jeden Streckenabschnitt gibt es immer genau das Richtige, und ein Teil des Publikums für “Mitten ins Herz” würde man im Mündungsgebiet des Flusses finden. Das ist durchaus positiv zu werten, denn wenn man einmal so weit gekommen ist, hat man Zeit, man hat Geld und will sich was Schönes leisten, beispielsweise die Hirschsteaks oder die Jakobsmuscheln, die es heute in den Pausen der Show zum Bestellen gab.
Ohne Werbung allerdings wird man an die Menschen, die man in der Show als Zuschauer haben möchte, nicht rankommen. Und Werbung gibt es für “Mitten ins Herz” einfach zu wenig. Natürlich könnte man es über einen Umweg versuchen, denn ein Abend im Vindobona mit diesem Programm ist durchaus ein nettes Geschenk, das das Enkerl seiner Oma machen kann, der Sohn seiner Mutter, etwas, wo man sicher sein kann, dass es der Oma, der Mutter gefallen wird, weil sie mit dieser Musik gelebt hat und sie geliebt hat. Meiner Mutter, die vor einigen Wochen gestorben ist, hätte es großartig gefallen, und es wäre für sie ein schöner, sentimentaler Abend geworden, an dem sie in Erinnerungen geschwelgt hätte. Das ist durchaus ein Aspekt dieser Show - Impulse zu geben, die es erlauben, sich in diese vergangenen Zeiten hineinzuversetzen. Freilich ist das ganze Konzert mit reichlich Augenzwinkern und Ironie gewürzt, das passt dann für Alt und Jung, aber es hat schon auch seine tatsächlich sentimentalen Momente, die man dann doch gar nicht so schrecklich findet, wenn man mit der Mutter oder Oma oder gleichaltrigen FreundInnen im Vindobona sitzt.
Natürlich könnte man auch bei den Musicalfans fischen. Kerstin Ibald, Dennis Kozeluh sind neben dem Newcomer Christof Messner und der Sopranistin Agnes Palmisano auf der Bühne zu erleben - da kann man als Wiener Musicalfan doch nun nicht behaupten, dass das Namen wären, die man nicht kennt.
Natürlich sind das Konzept der Show und die Inszenierung ein Tanz auf einem schmalen Grat. Es kann schon vorkommen, dass man sich für einige wenige Momente wie in einem Lokal für Singles vorkommt, wo nur noch die roten Telefone am Tisch fehlen, dann wieder fühlt man sich viel eher in einen Nachtclub, in eine Bar versetzt. Ganz wird man wohl nicht schlau aus der Show, aber gerade das ist auch der Reiz, diese einerseits manchmal großartigen Arrangements von Liedern wie “Ich hab dich lieb” (Herbert Grönemeyer) und dem Gefühl, dass Großteile der Setlist in einer TV-Show von Peter Frankenfeld, Catarine Valente oder Peter Alexander auch nicht unpassend gewesen wären. Es ist ein Spiel, und es ist ein bewusst inszeniertes Spiel. Und manchmal macht es auch Spaß, die anderen Zuschauer zu beobachten, wie sie die Vorstellung erleben - man sieht in diesen zweieinhalb Stunden wohl keine Fadesse in den Gesichtern der Zuschauer. Die einen sind gerade begeistert, andere lachen sich einen ab und ein paar haben sich gerade in Christof Messner verliebt, während gleichzeitig einige Omis gerade in Erinnerungen abgetaucht sind. Ein wahrlich generationenübergreifendes Konzept, charmant von allen Darstellern präsentiert, die von Herbert Otahal mit seinem Herzkammerorchester begleitet werden.
Also, nichts wie hin ins Vindobona. Für eine Show von dieser Qualität sind die Eintrittspreise geradezu eine Okkasion. Schon ab 16,80 Euro ist man dabei, und die teuerste Karte kostet gerade mal 38,10 Euro. Dafür kommen Sie bei der “Tommy”-Produktion, die nächstes Jahr im MuseumsQuartier gastieren wird, gerade mal bis zur Kassa, um sich da eventuell die billigste Kategorie zu gönnen, die allerdings 50 Euro kostet.
Mitten ins Herz
Mit: Kerstin Ibald, Agnes Palmisano, Dennis Kozeluh und Christof Messner
Musik: Herbert Otahal live mit seinem Herzkammerorchester
Zu sehen am 30.11. sowie am 1.12. und vom 8.12. bis 13.12.2010
Tickets
Tel.: 01/ 512 39 03 (bis 12h) bzw. 01/ 512 47 42 (ab 14h)
bzw. direkt an der Kassa des Kabarett Simpl in der Wollzeile oder an der Abendkasse im Vindobona