Martin Bruny am Dienstag, den
14. Dezember 2010 um 11:51 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Eine perfekt ins Programm passende Show, gut überlegtes Casting, eine umsichtige, phantasievolle, sehr genau ausgearbeitete Regie, eine gelungene Übersetzung, all das und noch viel mehr wünscht man sich bei Musicalproduktionen - und bekommt genau das doch eher selten zu sehen. All das und viel mehr erfüllte eine Show des Wiener Theaters der Jugend, die im Oktober und November 2010 in Wien zu sehen war: “Just so”.
Henry Mason, Oberspielleiter am Theater der Jugend in Wien, brachte “Just so” von George Stiles (Musik) und Anthony Drewe (Buch und Gesangstexte) in einer begeisternden, bunten, liebevollen und genau gearbeiteten Version auf die Bühne des größten Theater für junges Publikum in Europa. Er übersetzte den Text klug und stimmig. Da das Theater der Jugend letztlich auch eine pädagogische Aufgabe hat, die es mit vielerlei Aktionen und Angeboten erfüllt, musste er das sprachliche Niveau nun nicht unbedingt dort ansetzen, wo man den Beginn der Zielgruppe angesetzt hatte, nämlich bei 6 Jahren. Letztlich kann und soll auch das Theater als Motivation und Anreiz dazu dienen, einfach mal auch über das, was man gesehen hat, zu sprechen, und wenn das eine oder andere Wort noch nicht Teil des Wortschatzes eines der jüngeren Besucher ist, so kann man das im Anschluss an die Show oder in der Pause klären - oder aber man nutzt als Lehrer eines der Angebote des Theaters (siehe –> hier), fordert Materialien an, erarbeitet die Show mit der Klasse im Vorfeld, all das ist für diverse Produktionen des Hauses immer wieder möglich und dient dazu, junge Leute ans Theater heranzuführen. All das lohnt sich auch bei der Qualität der Stücke, die vom Theater der Jugend zur Aufführung gebracht werden. Die Abteilung Theaterpädagogik des Theaters der Jugend hat ein reiches Angebot für Lehrer und Schulen, das man nutzen sollte.
Was “Just so” allerdings auch auszeichnete: Es war es kein “Theater für Kinder”, nicht dieses “Theater für Kinder” im schlechten Sinn, wo noch in Babyslang und mit zuckersüßen Goscherln outriert wird, weil die Kleinen ja sonst vielleicht nicht mitkommen oder gar einschlafen. Sie kommen mit, man muss nur wissen, wie man eine Show anzupacken hat. “Just so” war eine jener Produktionen, für die man auch Abendvorstellungen für “erwachsenes” Publikum hätte ansetzen können, eine Idee, die bis dato noch nicht aufgegriffen wurde. “Just so” war letztlich eine der besten Musicalproduktionen in Wien 2010.
Auf der Bühne eine Cast, die man so auch bei jeder Produktion von sogenannten “großen” Musicalbühnen finden kann. Einen Namen im Musicalbusiness haben nicht nur Norman Stehr (”Cabaret der verlorenen Seelen”), Wolfgang Türks (”Frühlings Erwachen”), Jan Hutter (”Rudolf”) und Christoph Sommersguter (”Rebecca”). Für “Just so” suchte man die Idealbesetzung und fand sie auch in Thomas Smolej, Robert G. Neumayr, Christian Graf, Daniela Dett, Uwe Achilles, Julia Tiecher, Natalie Ananda Assmann und Lynne Williams.
Jedes Element der Show dient der Geschichte, die erzählt wird. Weder sind die Schauspielszenen dazu da, um die Pausen zwischen den einelnen Songs zu überbrücken, noch dienen die Songs dazu, um dem Ganzen überhaupt eine Musicalform zu verleihen, und auch die Tanzelemente sind nicht einfach da, weil halt in einem Musical getanzt werden muss, sondern sind großartig durchdacht und wichtiger Bestandteil der Charakterisierung jeder einzelnen Figur. Jede der Figuren ist von den Schauspielern genau erarbeitet, ist wiedererkennbar und einzigartig in Sprache, Kostüm, Mimik und Choreographie. Bis hin zu den kleinsten Details sind Figuren wie das Zebra oder der Kolokolovogel choreographiert, auch die Stimmführung ist der jeweiligen Figur angepasst. Für den Jaguar und den Leoparden hat man sich eine Art Wiener Strizzi-Dialekt einfallen lassen, die eingesetzten Tanzschritte, die Art und Weise, wie sich Thomas Smolej und Christoph Sommersguter bewegen - ein fein erarbeitets Konzept, das spielerisch durchgezogen wird, und so bleiben die Figuren auch noch Wochen, nachdem man die Aufführung gesehen hat, lebhaft im Gedächtnis. Jeder der Schauspieler spielt eine Vielzahl an Rollen und geht in der jeweiligen Rolle auf. Es ist schön zu beobachten, wie sie mit ihrem Schauspiel, mit ihrem Tanz und auch mit ihrem Gesang, gleichwertig, beim Publikum Emotionen auslösen. Denn darum geht es letztlich auch beim Theater: Emotionen auszulösen. Denn das ist es, was man dem Publikum schuldet: Emotionen auszulösen. Keiner hat im Publikum das Recht vom Schauspieler echte Emotion auf der Bühne zu fordern, aber der Schauspieler ist es seinem Publikum schuldig, es glauben zu machen, dass sie echt sind und echte Emotionen auszulösen. Dazu braucht man handwerkliches Können, Technik, dazu muss man Szenen genau erarbeitet haben - keiner hat etwas davon, wenn viel Geld in ein enormes Maß an Bühnentechnik, in 20 Tonnen Licht- und Soundequipment investiert wird und dann auf der Bühne, im entscheidenden Moment, wenn zwei Schauspieler sich einander gegenüberstehen, durch fehlende Technik nichts passiert außer schulisches Aufsagen von Text. Da haben dann nicht nur die Schauspieler versagt, sondern auch der Regisseur, und auch der Produzent, der nicht rechtzeitig eingegriffen hat. All das ist bei “Just so” in keiner Sekunde der Fall, und nicht zuletzt das, diese wohltuende umfassende Professionalität (im Umfeld so vieler Produktionen für “jugendliches” Publikum, die das in dem einen oder anderen Bereich nicht leisten können), die in Emotionalität mündet, war ein Erfolgsrezept dieser Produktion.
Auch wenn es Schauspieler gibt, die der Meinung sind, dass sie nicht verstehen, wie man überhaupt von einer guten oder schlechten Inszenierung sprechen kann, wie beispielsweise Otto Schenk auf der Buchwoche vor ein paar Wochen: Die Regie bei “Just so” war grandios. Keine Sekunde hatte man das Gefühl, dass man verloren gehen könnte in der Aufführung, immer war klar, dass und auch welche Geschichte erzählt wurde. Robert G. Neumayr als “Der älteste Magier” hatte da die Fäden in der Hand und erdete die Show immer wieder, nach jeder der vielen Einzelszenen, leitete und steuerte den Spielfluss, souverän, sympathisch. Das ist umso wichtiger, als es viele Shows gibt, bei denen man schon nach zehn Minuten eigentlich nicht mehr weiß, ob Regie überhaupt existiert. Es mag also sein, dass man hier etwas bewertet, was zu einem Großteil nur Intuition ist, oder ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, dem man dann das Label “Regie” aufdrückt, aber “Just so” zeichnete auch das Gefühl aus, dass bestimmte Szenen gar nicht anders als genau so auszusehen haben, gleichzeitig wurde man immer wieder überrascht von großartig inszenierten Hymnen wie jener vom “Limpopo-River”, ein Showstopper schlechthin, von Solos wie jenem des Kolokolovogels, gegeben von Daniela Dett, die dem Publikum in einem einzelnen Song schon das ganze Leben und Schicksal dieser Figur eröffneten. Und das gesungen und gespielt mit wunderbaren Nuancen, mit einer Mimik und Gestik, die den Schauspieler gänzlich hinter die dargestellte Figur treten ließen. Jede der Einzelszenen, ohne Ausnahme, war ein Erlebnis, sei es jene des Krokodils (Wolfgang Türks), schaurig auch durch die Soundeffekte, jene des Nashorns (Jan Hutter), des Parsen und seiner Backkünste (Norman Stehr), des Kängurus (Wolfgang Türks), jene der beiden Strizzis Jaguar & Leopard und natürlich die Geschichte all dieser Geschichten, nämlich wie das ewig fragende und neugierige Elefantenkind (Christian Graf) alle vor dem bösen bösen Pau Amma, einem riesigen Krebs, rettet. Einfach ein herrlicher Spaß für Menschen, die Märchen mögen, egal, wie alt sie sind.
Das Theater der Jugend sollte auf diesem Weg bleiben, und am besten keine Produktionen mehr von anderen Bühnen für die eigene Klientel ins Programm nehmen, kein “Tanz der Vampire” mehr zum Beispiel. Schlicht und einfach, weil man es nicht nötig hat und über genügend Kompetenz verfügt, ein eigenes Profil im Musicalbereich, der ja nur ein Teil des Angebots ist, zu entwickeln. Ja, im Gegenteil, vielmehr sollte man eigene Produktionen anderen Häusern anbieten, sie auf Tour schicken, sie wiederaufnehmen, sie ganz lange spielen.
Inhalt
Es ist die Zeit der ersten Anfänge: Noch hat das Nashorn keine Falten, der Leopard keine Flecken und der Elefant keinen Rüssel. Der älteste Magier ermutigt alle Tiere, zu ihrer Einzigartigkeit zu finden. Der Krebs schießt dabei übers Ziel hinaus: Gierig frisst er sich durch die Weltmeere und wächst dabei ins Riesenhafte, bis er bei der täglichen Futtersuche halb Afrika und Indien unter Wasser setzt. Die Flutopfer resignieren – gegen so einen Feind kann man nichts unternehmen.
Nur einer stellt das in Frage: das Elefantenkind. Es hat zum Leidwesen seiner Herde eine Frage zu allem: Warum ist der Himmel blau? Wenn es eine Missis Sippi gibt, gibt es dann auch einen Mister Sippi? Warum sagen wir dem Krebs nicht, er soll aufhören, so selbstsüchtig zu sein? Der älteste Magier stellt dem Elefantenkind den Kolokolovogel zur Seite, der sich zwar nicht fliegen traut, dafür aber auf alles eine Antwort hat. Auch auf die Frage, wo man den Krebs finden kann: am groß-grau-grünen Limpopo-Fluss nämlich.
So beginnt eine Segelfahrt ins Ungewisse, voller Überraschungen und Gefahren.
Wie der Krebs besiegt wird, wie das Nashorn Falten und der Leopard Flecken bekommt und wie die unersättliche Neugierde des Elefantenkinds ihm zu einem Rüssel verhilft, alles das erfährt man in George Stiles und Anthony Drewes bezauberndem und beschwingtem Familien-Musical. »Just So« erzählt aber auch vom Mut der Allerkleinsten und davon, wie man über den eigenen Schatten springt.
Cast
Der älteste Magier: Robert G. Neumayr
Das Elefantenkind / graues Tier: Christian Graf
Der Kolokolovogel / graues Tier: Daniela Dett
Der Parse / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Norman Stehr
Der Kochherd / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Uwe Achilles
Das Nashorn / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Jan Hutter
Die Giraffe / graues Tier / Elefantenkönigin / Zutat / Wallaby: Julia Tiecher
Das Zebra / graues Tier / Elefant / Zutat / Wallaby: Lynne Williams
Der Jaguar / graues Tier / Elefantenkönig / Zutat / Gnu / Wallaby: Christoph Sommersguter
Der Leopard / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu / Wallaby: Thomas Smolej
Das Känguru / Das Krokodil / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu: Wolfgang Türks
Der Dingo / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu: Natalie Ananda Assmann
Die Stimme von Pau Amma: Henry Mason
Cover: Maxi Neuwirth / Wolfgang Türks
Musiker
Gerald Schuller, Bernd Alfanz, Sophie Hassfurther, Robert Pistracher, Bernd T. Rommel
Leading Team
Musik: George Stiles
Buch und Gesangstexte: Anthony Drewe
Inspiriert durch die Geschichte von Rudyard Kipling
Deutsche Übersetzung: Henry Mason
Orchestrierung: Christopher Jahnke unter Mitarbeit von John Clancy
Regie: Henry Mason
Choreographie: Francesc Abà³s
Musikalische Leitung und Korrepetition: Gerald Schuller und Hannes Drobetz
Bühnenbild: Michaela Mandel
Kostüme: Jan Hax Halama
Licht: Frank Sobotta
Dramaturgie: Marlene Schneider
Assistenz und Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner
Hospitanz: Laura Söllner
Martin Bruny am Dienstag, den
30. November 2010 um 00:55 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Derzeit im VINDOBONA, im “Kabarett für Hiesige und Zuagraste”, zu sehen: “Mitten ins Herz”, eine Art Revue, eine Art Konzert, eine Art Erinnerungs-Singspiel an länger vergangene und nicht mal gar so lange vergangene “Schlagermusik”-Zeiten und auch an das, was Gerhard Bronner in seiner legendären Radiosendung “Schlager für Fortgeschrittene” nannte, wenn man denn beispielsweise manches von STS, Rod Stewart, Herbert Grönemeyer, Liza Minnelli et al Interpretierte dazureihen möchte, was ich befürworten würde. Schlager in neuen Arrangements, in witzigen Kombinationen.
Die Show ist ein Hit, aber sie ist scheinbar kein Hit, was das Publikum betrifft. Das, so hört man, kommt einfach nicht. In der besuchten Vorstellung waren gerade mal 20 bis 30 Personen, die meisten davon weiblich und schon in etwas fortgeschrittenem Alter. Aber Halt, das ist kein Werturteil, denn was das Showbusiness betrifft, so fischt sich diese Branche ihr Publikum aus dem langen, langen Fluss des Lebens. An der Quelle holen die Teenies wie Justin Bieber sich ihr Publikum, und den ganzen Fluss entlang finden sich immer neue Richtungen, Ströme - für jeden Streckenabschnitt gibt es immer genau das Richtige, und ein Teil des Publikums für “Mitten ins Herz” würde man im Mündungsgebiet des Flusses finden. Das ist durchaus positiv zu werten, denn wenn man einmal so weit gekommen ist, hat man Zeit, man hat Geld und will sich was Schönes leisten, beispielsweise die Hirschsteaks oder die Jakobsmuscheln, die es heute in den Pausen der Show zum Bestellen gab.
Ohne Werbung allerdings wird man an die Menschen, die man in der Show als Zuschauer haben möchte, nicht rankommen. Und Werbung gibt es für “Mitten ins Herz” einfach zu wenig. Natürlich könnte man es über einen Umweg versuchen, denn ein Abend im Vindobona mit diesem Programm ist durchaus ein nettes Geschenk, das das Enkerl seiner Oma machen kann, der Sohn seiner Mutter, etwas, wo man sicher sein kann, dass es der Oma, der Mutter gefallen wird, weil sie mit dieser Musik gelebt hat und sie geliebt hat. Meiner Mutter, die vor einigen Wochen gestorben ist, hätte es großartig gefallen, und es wäre für sie ein schöner, sentimentaler Abend geworden, an dem sie in Erinnerungen geschwelgt hätte. Das ist durchaus ein Aspekt dieser Show - Impulse zu geben, die es erlauben, sich in diese vergangenen Zeiten hineinzuversetzen. Freilich ist das ganze Konzert mit reichlich Augenzwinkern und Ironie gewürzt, das passt dann für Alt und Jung, aber es hat schon auch seine tatsächlich sentimentalen Momente, die man dann doch gar nicht so schrecklich findet, wenn man mit der Mutter oder Oma oder gleichaltrigen FreundInnen im Vindobona sitzt.
Natürlich könnte man auch bei den Musicalfans fischen. Kerstin Ibald, Dennis Kozeluh sind neben dem Newcomer Christof Messner und der Sopranistin Agnes Palmisano auf der Bühne zu erleben - da kann man als Wiener Musicalfan doch nun nicht behaupten, dass das Namen wären, die man nicht kennt.
Natürlich sind das Konzept der Show und die Inszenierung ein Tanz auf einem schmalen Grat. Es kann schon vorkommen, dass man sich für einige wenige Momente wie in einem Lokal für Singles vorkommt, wo nur noch die roten Telefone am Tisch fehlen, dann wieder fühlt man sich viel eher in einen Nachtclub, in eine Bar versetzt. Ganz wird man wohl nicht schlau aus der Show, aber gerade das ist auch der Reiz, diese einerseits manchmal großartigen Arrangements von Liedern wie “Ich hab dich lieb” (Herbert Grönemeyer) und dem Gefühl, dass Großteile der Setlist in einer TV-Show von Peter Frankenfeld, Catarine Valente oder Peter Alexander auch nicht unpassend gewesen wären. Es ist ein Spiel, und es ist ein bewusst inszeniertes Spiel. Und manchmal macht es auch Spaß, die anderen Zuschauer zu beobachten, wie sie die Vorstellung erleben - man sieht in diesen zweieinhalb Stunden wohl keine Fadesse in den Gesichtern der Zuschauer. Die einen sind gerade begeistert, andere lachen sich einen ab und ein paar haben sich gerade in Christof Messner verliebt, während gleichzeitig einige Omis gerade in Erinnerungen abgetaucht sind. Ein wahrlich generationenübergreifendes Konzept, charmant von allen Darstellern präsentiert, die von Herbert Otahal mit seinem Herzkammerorchester begleitet werden.
Also, nichts wie hin ins Vindobona. Für eine Show von dieser Qualität sind die Eintrittspreise geradezu eine Okkasion. Schon ab 16,80 Euro ist man dabei, und die teuerste Karte kostet gerade mal 38,10 Euro. Dafür kommen Sie bei der “Tommy”-Produktion, die nächstes Jahr im MuseumsQuartier gastieren wird, gerade mal bis zur Kassa, um sich da eventuell die billigste Kategorie zu gönnen, die allerdings 50 Euro kostet.
Mitten ins Herz
Mit: Kerstin Ibald, Agnes Palmisano, Dennis Kozeluh und Christof Messner
Musik: Herbert Otahal live mit seinem Herzkammerorchester
Zu sehen am 30.11. sowie am 1.12. und vom 8.12. bis 13.12.2010
Tickets
Tel.: 01/ 512 39 03 (bis 12h) bzw. 01/ 512 47 42 (ab 14h)
bzw. direkt an der Kassa des Kabarett Simpl in der Wollzeile oder an der Abendkasse im Vindobona
Martin Bruny am Sonntag, den
21. November 2010 um 17:39 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Uwe Kröger ist auf Tour - im Wiener Raimund Theater startete der Musicaldarsteller am 15. November 2010 die Tourproduktion seiner Soloshow “Absolut Uwe”, und lieferte insgesamt gesehen eine gute Show ab, wenngleich der Sänger Uwe Kröger an diesem Abend scheiterte, dafür aber sein Publikum mit attraktiven Gästen versöhnte.
Begonnen hat alles mit einer “Begrüßung” ohne jeglichen Sinn. Aber lesen Sie selbst:
“Einen wunderschönen guten Abend meine Damen und Herren zu ABSOLUT UWE hier im RAIMUND THEATER. Nein, wir spielen heute Abend nicht “Ich war noch niemals in New York”, wobei diese Lampen da vorne mich ein bisschen so an Bullaugen erinnern, die könnten fast so die Form eines Schiffes haben. Meine Damen und Herren ABSOLUT UWE hat natürlich nicht nur mit dem wunderbaren kühlen Nass zu tun, was ich hin und wieder mal, so, ganz selten natürlich, mir selbst kredenze, nein, sondern absolut ist mein absolut Lieblingswort. Man könnte auch den Abend nennen “Absolut Uwe” oder “Typisch Uwe”. (Warten auf Applaus — es kommt aber keiner.)”
Bullaugen, die an Schiffe erinnern? Lampen, die die Form von Schiffen haben? Sollte der zweite Teil der Ausführungen eine Begründung für den Titel des Programms beinhalten, fehlten da Sätze? Jüngst hat unser Absoluter ja in einer österreichischen TV-Comedy-Sendung (”Willkommen Österreich”) gestanden, dass er immer dann, wenn er auf der Bühne auf Autopilot läuft, Sätze vergisst. War das eine der berüchtigten Autopilot-Sequenzen? Wir werden es nie erfahren. Wurscht.
Das Hauptproblem Uwe Krögers an diesem Abend war nämlich nicht die misslungene Einleitung oder etwa, dass er eine Soloshow entertainermäßig nicht stemmen könnte, das gelang ihm sogar sehr sympathisch, da nahm er in Wien auch immer wieder gerne auf den Wiener Dialekt, die Taxler und den guten Kaffee Bezug, das lockerte auf und sorgte jederzeit für Lacher. Nein, das Hauptproblem, und das ist für einen Sänger ein existentielles Problem, war Krögers Stimme. Kaum ein Song, bei dem die Stimme nicht zumindest an einer Stelle leicht kippte oder wegbrach, wenig Nuancen, wenige leise Zwischentöne, sehr oft nur mehr recht lauter oder gar gebrüllter Gesang beziehungsweise gehauchter Gesang - alles Versuche, mit viel Technik und Anstrengung noch das Beste aus einer Grundsituation rauszuholen, die wohl nur der Darsteller selbst kennt.
Irgendwann, irgendwo, und warum auch immer, ist Kröger vor vielen Jahren die Fähigkeit zu einer gewissen Solidität abhanden gekommen, die seine Auftritte in Longrun-Produktionen lange Jahre ausgezeichnet hat. Müsste ich es zeitlich festmachen, so würde ich es in die Zeit nach “Napoleon” legen, also in den Beginn der 2000er Jahre. Seitdem ist fast jeder Auftritt ein leiser Abschied vom einstigen Gestalter Uwe Kröger hin zum Kämpfer um jeden Ton. Seit dieser Zeit kann man nicht mehr davon sprechen, dass er seine Auftritte jederzeit solide abliefern “kann”. Ich meine, der Zeitpunkt ist gekommen, da auch Uwe Kröger dazu Stellung nehmen muss (er kann das ja auch gerne hier machen). Er hat eine dermaßen getreue Gefolgschaft, dass er es einerseits seinen Fans schuldig ist, ihnen reinen Wein einzuschenken - aber vor allem auch all den anderen, die für Tickets bezahlt haben. Es ist fast berührend zu erleben, wie Kröger in seinem Konzertprogramm “Die Musik der Nacht” aus dem Musical “Das Phantom der Oper” völlig verhaut und dennoch sein Publikum vor Begeisterung tobt. Man darf das nicht mal mit Mitleid verwechseln, es ist, nach wie vor, ehrliche Begeisterung, als würde jeder dieser Fans einen Filter aktivieren, der jeden akustischen Fehltritt des Meisters absorbiert.
Wenn Uwe Kröger so weitermacht, dann besteht die Gefahr, dass er zur männlichen Florence Foster Jenkins mutiert, und das wird sein Ziel wohl nicht sein. Es kann, bei einem Alter von 45 Jahren, keine natürliche “Abnützungserscheinung” sein, die seine Stimme zu dem werden ließ, was sie jetzt ist.
Nach wie vor gilt Uwe Kröger als “der” Musicalstar im deutschsprachigen Raum. Das ist nicht nur ein Etikett, das man gerne als “Lob” akzeptiert, das sollte auch Verpflichtung sein, Qualität abzuliefern, oder, wenn das aus bestimmten Gründen nicht mehr der Fall ist, sich zu erklären. Derzeit ist es so, dass fast schon die Branche darunter leidet, wenn derjenige, der als eines der Flaggschiffe bezeichnet wird, dann Leistungen wie jene im Raimund Theater abliefert. Ich frage mich, warum Kröger Lieder versucht, von denen er wissen muss, dass er sie nicht astrein schaffen wird, bei deren Interpretation man ihm die höllischen Qualen ansieht, die er ganz offensichtlich beim Singen erleidet - beim Versuch, den einen oder anderen Ton aus sich herauszupressen. Warum?
Natürlich bemerkt man die immer raffinierteren Arrangements, bei denen Instrumentalparts Teile der für Kröger völlig unsingbaren Gesangsparts übernehmen, aber wenn auch der Rest nicht mehr funktioniert - warum? Natürlich kann das als Krögers Privatsache angesehen werden. Er ist niemandem Rechenschaft schuldig. Wer ihn nicht sehen will, soll einfach keine Tickets mehr kaufen. Das passiert auf der einen Seite ohnedies, denn das Raimund Theater war alles andere als ausverkauft. Auf der anderen Seite sollte es kein Problem sein für all jene, die an den schiefen Tönen mehr als gelitten haben, sich ihr Eintrittsgeld einfach zurückzuholen. Wer nicht liefert oder liefern kann, sollte zurückerstatten. Oder?
Ein Uwe Kröger, der die Schlager der Musicalliteratur gesanglich nicht mehr schafft, muss deswegen ja noch lange nicht in Rente gehen. Starke Momente hatte Uwe Kröger nämlich auch im Raimund Theater in seiner derzeitigen Form, beispielsweise, wenn er es schaffte, persönliche Betroffenheit zu zeigen. Von Udo Jürgens sang er das Lied “Vater und Sohn” und widmete es seinem Vater. Da passte die Conference, da passte die brüchige Performance, da passten sogar die Unsicherheiten und die Art und Weise, wie er etwa mit Herwig Gratzer interagierte, so als wollte er auch ihm danken.
Nicht wirklich durchschaubar ist das Inszenierungskonzept der Show, was die Chorteile betrifft. So musste das Ensemble immer dann, wenn es Chorbegleitung ohne Tanz gab, auf der Seitenbühne, für das Publikum unsichtbar, singen. Das macht im Showbusiness genau niemand. Man hätte auch sicher ein nettes Plätzchen im hinteren Teil der Bühne gefunden - aber natürlich, wenn man sich zu praktisch jedem Song erstmal umziehen muss, dann wird das Ganze eine Hatz mit der Zeit. Was die Tanzszenen der Uwe Boys & Girls betrifft, so merkt man die Handschrift von Steven Seale (nach Vorarbeit von Simon Eichenberger), und leider sieht man auch, dass Seale der Eifrigste auf der Bühne ist, der ständig ein bisschen mehr geben will, als eigentlich nötig ist. So wirkt er zu sehr bemüht und killt die Einheit des Ensembles. Aber letztlich ist auch das egal, weil all die Kostümwechsel, all die verschiedenen Tanzsequenzen so unglaublich überambitioniert und bemüht wirken, dass man es nach einer gewissen Zeit fast nicht mehr aushält. Das liegt nicht an den Damen und Herren des Ensembles, die machen ihre Sache gut, es liegt einfach am Konzept. Sicher einer der Tiefpunkte: Die balletteusenhaften Bewegungen der Uwe Boys beim James-Bond-Segment des Konzerts - dieses absolut übergrazile fast nur mehr in der Luft Schweben, dieser Anneliese-Rothenberger-Fernsehballett-Abklatsch - da fühlte man sich in die billigste aller vorstellbaren Shows versetzt. Das konnte nur mehr getoppt werden von der “Musik der Nacht”, bei der das Arrangement klang, als wäre es für eine Pompfüneberer-Band erstellt worden.
Wirklich starke Szenen gabs erstmals, als die Gäste Krögers auf die Bühne kamen. Annemieke van Dam gab das unvermeidliche “Erinnerung” aus “Cats”, dafür aber schön gesungen (ebenso wie “Once Upon A Time” aus “Brooklyn”) und dann erschien, als Überraschungsgast, der koreanische Popstar Eun Tae Park, der extra für die Tourproduktion von “Absolut Uwe” engagiert wurde, auch in Deutschland auftreten wird und mit der koreanischen Version von “Wie wird man seinen Schatten los?” (”Mozart!”) zum ersten Mal an diesem Abend für wirklichen Beifall sorgte, wie man ihn von den Wiener Musicalfans gewohnt ist. Stark, dank der Gäste, aber auch sehr bühnenpräsent von Kröger gegeben: der gesamte “Elisabeth”-Block. Und wie auf Kommando waren sie wieder da im Publikum, die Hardcore-”Elisabeth”-Fans, die sich mit Mitdirigieren und lautlosem, aber gebrüllt lautlosem Mitsingen (man denke an Fischmäuler unter Wasser) bemerkbar machten. Fast herzig, die Musicalgoldfische - sie outen sich bei egal welchem ersten Takt zu welchem Lied aus “Elisabeth” auch immer. Wahnsinn pur, aber auch das ist Wien.
Fazit: Wer Uwe schön singen hören will, soll sich die DVD zur Show kaufen. Da passt alles. Klar, damals (am 4. Dezember 2009) in der Stadthalle, da war er halt noch in Form, da hat er NATÜRLICH keine falschen Töne serviert, da wurde danach nichts neu eingesungen, völlig logo. Wer vielleicht doch wissen möchte, wie die Realität klingt: Einfach Tickets kaufen für “Absolut Uwe” und sich selbst eine Meinung bilden.
ABSOLUT UWE (Tourversion 2010)
Teil 1
01 Chicago-Ouvertüre (”Chicago”)
02 Bin nur für die Liebe da: Uwe Kröger (”Chicago”)
03 Born Free: Uwe Kröger (OST “Born Free”)
04 California Dreamin’: Uwe Kröger (The Mamas and the Papas)
05 Is It Okay If I Call You Mine: Uwe Kröger (”Fame”)
06 Hair-Medley: Ensemble (”Hair”)
07 Starlight Express: Uwe Kröger (”Starlight Express”)
08 Fame-Medley: Ensemble (”Fame”)
09 (I’ve Had) The Time Of My Life: Uwe Kröger & Annemieke van Dam (”Dirty Dancing”)
10 Erinnerung: Annemieke van Dam (”Cats”)
11 Wie wird man seinen Schatten los?: Eun Tae Park (”Mozart!”)
12 Wenn ich tanzen will: Uwe Kröger & Annemieke van Dam (”Elisbeth”)
13 Die Schatten werden länger: Uwe Kröger & Eun Tae Park (”Elisabeth”)
14 Ich gehör nur mir: Annemieke van Dam (”Elisabeth”)
15 Der letzte Tanz: Uwe Kröger (”Elisabeth”)
Teil 2
16 Goldfinger: Uwe Kröger (”James Bond”)
17 Diamonds Are Forever: Annemieke van Dam (”James Bond”)
18 All I Want: Uwe Kröger
19 Vater und Sohn: Uwe Kröger (Udo Jürgens)
20 All That Jazz: Annemieke van Dam (”Chicago”)
21 Die Musik der Nacht: Uwe Kröger (”Das Phantom der Oper”)
22 Das Phantom der Oper: Uwe Kröger & Annemieke van Dam (”Das Phantom der Oper”)
23 Once Upon A Time: Annemieke van Dam (”Brooklyn”)
24 Dancin’ Fool - (”Barry Manilow’s Copacabana”)
25 Wind Beneath My Wings: Uwe Kröger (”Beaches”)
26 Sweet Transvestite: Uwe Kröger (”The Rocky Horror Show”)
Kröger hingegen presst seine Stimme oft inbrünstig durch die Nase, sie gerät scharf und ist nicht immer kompatibel mit der Musik. Wenn er spricht, und das mag an der Technik liegen, bewegt sich seine Stimme auf und ab wie die Durchsage auf einem Bahnhof.
Stimmlich konnte der Entertainer an diesem Abend leider nicht besonders hervorstechen, gerade neben einer so starken Partnerin, wie Annemieke van Dam. Schon in »Born free« brach Kröger hin und wieder die Stimme weg. Auch in den höheren Tonlagen wollte die Stimme nicht immer den richtigen Ton treffen, wodurch die Songauswahl, wie z.B. »Aquarius« aus »Hair« nicht wirklich glücklich schien.
Die Stimme ist bei Uwe Kröger an diesem Abend etwas angeschlagen, aber es verdient wirklich Bewunderung, wie er den Abend trotz der Erkältung meistert. […] Leider waren viele, viele Sitze im Theater leer – sehr schade bei einer solchen Show. Das trübt das Erlebnis für Künstler und Publikum. Doch wirklich erstaunen kann das nicht, denn Ankündigungen in der Presse oder auf Plakaten hat man vergeblich gesucht.
In den Höhen wirkt seine Stimme brüchig und schwach, teils presst er die Töne heraus oder näselt. Die Tiefen hingegen hat er auf Abruf parat. Bei “Aquarius” und “Goldfinger” wendet er einen Kniff an. Das Ensemble hilft ihm über musikalische Schwachstellen hinweg.
Kuriose Situation Schließlich kommt es zu einer kuriosen Situation. Uwe Kröger holt seine Kollegin Annemieke van Dam auf die Bühne. Dieses 28-jährige Fräulein, das die Zuschauer aus Stuttgarter “Elisabeth”-Zeiten kennen dürften, singt den an die Wand, in dessen One-Man-Show sie sich befindet. Respekt.
Da gelingen seine großen Erfolge wie «Starlight Express†und der «Letzte Tanz†aus Elisabeth nicht mehr und enden mit enormen Stimmproblemen. Seine Stimme versagt gerade in den hohen Tönen und beginnt zu flattern und man hat den Eindruck, als quäle er sich durch diese Lieder. Am Ende des Konzertes ist er ziemlich außer puste. […] Die wahren Fans von Kröger waren nicht enttäuscht und verzeihtem ihm wohl seine gesanglichen Patzer, denn er wurde mit viel Applaus verabschiedet. Jedoch waren auch sehr viele (wie auch ich) mehr als nur enttäuscht. Man kann ihm nur wünschen, dass er sich seinen guten Ruf nicht mit solchen Konzerten kaputt macht und sich und seiner Stimme etwas mehr Pause gönnt. Den Uwe mit der gigantischen Stimme und der unglaublichen Bühnenpräsenz - das wollen wir wieder sehen. Auch wenn wir einige Jahre ohne ihn auskommen müssten.
Martin Bruny am Montag, den
15. November 2010 um 12:28 · gespeichert in Tonträger, 2010
Jedes Jahr erscheinen zur schönsten Zeit des Jahres Dutzende CDs, die den Zweck verfolgen, die Menschheit weihnachtlich zu stimmen.
Im kleinen Österreich sind die Vereinigten Bühnen Wien fast schon Big Player auf dem Weihnachtssektor, haben sie doch in den letzten vierzehn Jahren gleich drei Weihnachts-CDs mit heimischen Musicalstars auf den Markt gebracht: “Musical Christmas in Vienna” (1996), “Musical Christmas in Vienna 2004″ (2004) und schließlich 2010: “A Musical Christmas”.
Nun ist es am großen kleinen Markt der Weihnachtslieder so, dass das Angebot an stimmungsvollen Songs nicht unüberschaubar groß ist, aber für zehn oder zwanzig CDs würde es allemal reichen.
Die VBW gehen da allerdings ihren eigenen Weg, und so ist es faszinierend, mitzuerleben, dass wir auf diesen drei verschiedenen CDs durchaus teilweise gleichen Content bekommen. “Winter Wonderland” beispielsweise hörten wir 1996 von Kevin Tarte, 2004 kams instrumental aus den Boxen, 2010 singen es Dennis Kozeluh und Uwe Kröger. “White Christmas” sangen Ethan Freeman und Caroline Vasicek 1996, 2004 gabs das Ganze mit Orchester und Chor, 2010 nehmen sich Uwe Kröger und das Ensemble des Songs an. Auch “Stille Nacht” ist auf allen drei CDs vertreten. “Rudolph The Red Nosed Reindeer” hörten wir 1996 von Viktor Gernot und 2010 singt es das Ensemble, “O du fröhliche” gabs 1996 und 2004 … und so weiter, wir wollens ja nun nicht übertreiben. Man könnte allerdings das Ganze so zusammenfassen, dass die Phantasie bei der Auswahl der Lieder eine begrenzte war, in all den vierzehn Jahren.
Andererseits ist “A Musical Christmas”, abgesehen von Teilen der Konzeption, rein von der Aufnahme und Interpretation her mehr als gelungen, und manche Songs, auch wenn man sie schon so oft gehört hat, kommen auf der CD zur Show brillant rüber. Sehr berührend Caroline Vasiceks “Who Would Imagine A King”, fast schon ergreifend Dennis Kozeluh mit “Do You Hear What I Hear”, das wunderbar sich sukzessive steigernd arrangiert ist - fast ein wenig unbedeutend setzt es an, und am Ende ist man regelrecht gefangen, großartig - das Highlight der CD.
Souverän Carin FilipcÌŒic und Wietske van Tongeren mit ihren Songs. Tongeren bringt mit dem in holländischer Sprache gesungenen “Koppà¥ngen” ein ganz eigenes Flair, FilipcÌŒic macht das gleiche, indem sie “O Holy Night” auf Französisch singt: “Cantique de Noel”.
Uwe Kröger bringt laut Booklet “My Grown Up Christmas List”, in Wirklichkeit singt er aber seine “Herzwunschliste”, also das Ganze in deutscher Sprache. Wäre im Prinzip egal, wenn die Übersetzung nicht dermaßen übel wäre. So hören wir Passagen wie:
Das Foto ist betagt,
doch ich glaub unverzagt
wie damals ans
Wunschinerfüllunggehen
Ein “betagtes” Foto? Spätestens bei dieser Formulierung ist jeder, der ein Gefühl für die deutsche Sprache hat, aus der Stimmung draußen und müsste laut lachen (und alle, die etwas von Semantik verstehen, wissen, dass “betagt” in Kombination mit “Foto” einfach nicht zu verwenden ist). Das “Wunschinerfüllunggehen”? Unglaublich. Wie simpel und schöner ist da das Original:
Well, I’m all grown up now
And still need help somehow
I’m not a child
But my heart still can dream
Oder, eine andere wunderbare Stelle:
Oft strebst du jahrelang,
das Jackpotknacken an,
doch irgendwann
steht auf dem ersten Rang(?)
Nein, das Jackpotknacken strebt man nicht an, das versucht jeder laufend, wenn er sich ein Scheinchen für die Lottoziehung kauft. Aber vielleicht meint der Übersetzer des Songs ja auch die Mühen, die man auf sich nehmen muss, um zuerst mal das Geld zu verdienen, damit man sich ein Lottoscheinchen kaufen kann. Der zweite Teil des Reims ist akustisch nicht zu verstehen und nicht mal logisch erschließbar. Was steht wo?
Auch hier wieder das wunderbare Original:
So here’s my lifelong wish
My grown up christmas list
Not for myself
But for a world in need
Und noch eine wunderbare Stelle:
Eine Hand in deiner Hand,
ein festes Freundschaftsband,
das Brücken bauen kann.
Metaphern müssen auch Sinn machen, ein Freundschaftsband (und da muss man sich nun als Übersetzer schon entscheiden, ob man einen Metaphernteil bauen will, oder wieder abstrakt werden möchte) baut keine Brücken. All diese Formulierungen und falsch konstruierten Metaphern funktionieren so nicht. (Im Original: No more lives torn apart/That wars would never start/and wars would never start)
Was die Aufnahme dieses Songs betrifft, so klingt die “Herzwunschliste” nach verdammt viel Synthesizer und setzt sich qualitätsmäßig deutlich von allen anderen Songs auf dieser CD ab, in negativem Sinn. Viel besser: Krögers “White Christmas”, aber auch hier: Das gabs schon 2009, also nichts Neues.
Sicher eine gute Idee war es, zumindest ein neues deutschsprachiges Lied ins Programm aufzunehmen. “Christkind versus Weihnachtsmann”, komponiert von Alexander Wagendristel, getextet von Sigrid Brandstetter, interpretiert von Rasmus Borkowski und Caroline Vasicek. Die jazzige Nummer ist jedoch reimmäßig stellenweise recht platt. Trotzdem, ein bisschen Pepp am Ende des Programms tut der CD sehr gut.
A Musical Christmas
VÖ: 12.11.2010
Label: HitSquad Records
Es singen: Uwe Kröger, Carin FilipcÌŒic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski und Dennis Kozeluh.
Ensemble: Bettina Schurek, Tina Schöltzke, Katrin Mersch, Marion Furtner, Terry Chladt, Philipp Kreinbucher, Robert Weixler und Markus Pol.
Es spielt das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien
Musikalische Leitung & Dirigent: Koen Schoots
Musikalische Einstudierung: Carsten Paap
Tracklist
01. A Christmas Song - Carin Filipcic
02. Driving Home For Christmas - Rasmus Borkowski
03. When Christmas Comes To Town - Wietske van Tongeren & Carin Filipcic
04. My Grown Up Christmas List - Uwe Kröger
05. Winter Wonderland - Dennis Kozeluh & Uwe Kröger
06. Koppà¥ngen - Wietske van Tongeren
07. Who Would Imagine A King - Caroline Vasicek
08. Christmas Medley…Uwe Kröger, Wietske van Tongeren, Dennis Kozeluh, Carin Filipcic, Rasmus Borkowski, Caroline Vasicek, Ensemble (”Let it Snow”, “Rocking Around The Christmas Tree”, “Rudolph The Red Nosed Reindeer”, “Grandma Got Run Over By A Reindeer”)
09. Polarexpress - Dennis Kozeluh, Ensemble
10. White Christmas - Uwe Kröger, Ensemble
11. Do You Hear What I Hear - Dennis Kozeluh mit Ensemble
12. cantique de noel - Carin Filipcic & Wietske van Tongeren
13. It’s Beginning To Look A Lot Like Christmas - Rasmus Borkowski, Ensemble
14. Gabriella’s Song - Carin Filipcic, Ensemble
15. Stille Nacht - Ensemble
16. Christkind versus Weihnachtsmann - Caroline Vasicek & Rasmus Borkowski, Ensemble
Martin Bruny am Montag, den
18. Oktober 2010 um 22:45 · gespeichert in Rezensionen, Tonträger, 2010
Liveaufnahmen sind ein heißes Thema, es gibt sie ja heute kaum wirklich, also die “ehrliche”, echte Liveaufnahme, die, bei der man das hört, was man im Theater oder im Konzertsaal, der Konzerthalle hört, gehört hat, hören kann. Wer heutzutage eine Liveaufnahme auf den Markt bringt, hat sich meist in einem Tonstudio akustisch rundumerneuern lassen. Da wird alles rausgefiltert, was irgendwen stören könnte, der Applaus abgedämpft, die Stimmung zerstört, nur um ein Kunstprodukt dann an der Hand zu haben, das alles andere als “live” klingt. Bei Liveaufnahmen von Musicals hat man, selbst wenn der Sänger auf der Bühne mal wieder Mist baut, mal wieder erkältet oder was auch immer ist, am Ende zumindest den Orchesterpart kostengünstig im Kasten, der Rest ist reparierbar mit einigen Sondersitzungen im Tonstudio des Vertrauens.
Da ist es doch geradezu eine erfrischende Abwechslung, wenn eine Live-DVD auf den Markt kommt, die tatsächlich “live” wirkt und ist. Die DVD “Musical Meets Jazz” bietet einen Mitschnitt jenes Benefizkonzerts, das am 16. Oktober 2009 im Festsaal der Wartburg für das stationäre Hospiz »Sankt Elisabeth« Eisenach über die Bühne ging. Als Veranstalter fungierte der Caritasverband für das Bistum Erfurt e. V. im ökumenischen Geist in Eisenach, die Solisten waren Chris Murray und Armin Kahl, unterstützt von Constanze Eschrig, Sylvia Weisheit, Hannes Schauz am Flügel und der Wolf Friedrich Big Band Jena. Mit einem Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Live-DVD soll das Hospiz in Eisenach weiter unterstützt werden.
“Musical Meets Jazz” lautete das Motto des Abends, und es war tatsächlich ein “Aufeinandertreffen” von Welten. Die Big Band spielte Jazz, und bei einer Nummer, “Fly Me To The Moon”, fand das Treffen von Jazz (Big Band) und Musical (Chris Murray) auch tatsächlich statt. Im Verlauf des weiteren Abends wurden die beiden Solisten Murray und Kahl am Flügel, großteils ohne Big Band, begleitet, und das war durchaus eine gute Entscheidung.
Chris Murray interpretierte einige der Big Shots der Musicalszene wie “Das Mädchen von früher” (”The Scarlet Pimpernel”), “Jung, schön und geliebt” (”Evita”), “Dies ist die Stunde” (”Jekyll & Hyde”), “Der unmögliche Traum” (”Der Mann von La Mancha”), “Musik der Nacht” (”Das Phantom der Oper”) oder “Gethsemane” (”Jesus Christ Superstar”). Murray erwies sich dabei als sehr passionierter Sänger, da war jeder Ton ein Treffer, wenngleich Mimik und Gestik sehr ähnlich waren - von Lied zu Lied. Dass dies etwas zu sehr auf der Aufnahme auffällt, liegt zum Teil daran, dass aus Kostengründen mit nur einer einzigen Kamera aufgezeichnet wurde. Vor Ort hatte man gewiss einen ganz anderen Eindruck.
Armin Kahl hat sich ein paar leichtfüßigere Titel für seinen Programmpart gewählt wie “Wer ich wirklich bin” (”Tarzan”) und ein paar echte Songperlen wie “Old Red Hills of Home” (”Parade”), “Lonely House” (”Street Scene”) oder “Barrets Lied” (”Titanic”). Mit “Surprise” hat er sich eher einen Bärendienst erwiesen, denn das kommt zwar blendend gesungen, aber “Surprise” (”A Chorus Line”) ohne Tanzeinlage ist … sagen wir ungewöhnlich.
Den Mantel des Schweigens breiten wir lieber mal über die Performances der Damen des Abends und darüber, wie die Band wirkt. Wer die DVD käuflich erwerben sollte, was ich hiemit empfehle, möge sich seine eigene Meinung dazu bilden.
Martin Bruny am Mittwoch, den
8. September 2010 um 13:57 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2010
Wie schreiben das Jahr 2010 – Stephen Sondheim, geboren am 22. März 1930 in New York, einer der bedeutendsten Musicalkomponisten & -texter, Preisträger eines Oscars (1990, für »Sooner or later« aus dem Film »Dick Tracy«) sowie mehrerer Tony- und Grammy-Awards und des Pulitzer-Preises (1985, für »Sunday in the Park with George«), feierte seinen 80. Geburtstag.
Man könnte meinen, ein solches Jubiläum wäre der perfekte Anlass für zumindest einige wenige Buchpublikationen – eventuell Bildbände mit den schönsten Szenenfotos der Uraufführungen von Sondheims Werken, kommentiert von all jenen, die darin große Erfolge feiern konnten, vielleicht auch umfangreiche Biographien, Interviewbände, Einzeluntersuchungen zur Wirkung beziehungsweise Rezeption – doch auf dem Buchsektor, nicht nur auf dem deutschen, ist es merkwürdig ruhig.
Immerhin – mit »Finishing the Hat«, benannt nach einem Lied aus Sondheims 1984 uraufgeführter Show »Sunday in the Park with George«, [der Untertitel des Buches wird pfiffig-verspielt lauten: »v. 1: The Collected Lyrics of Stephen Sondheim with Attendant Comments, Principles, Heresies, Grudges, Whines and Anecdotes«] erscheint im Herbst 2010 der erste Teil eines auf zwei Bände angelegten Werks, das einerseits die Memoiren des Komponisten und Texters beinhaltet, Erinnerungen an seine Shows und an seine Kollegen umfasst, andererseits auch eine Sammlung seiner wichtigsten Songtexte, von ihm selbst kommentiert, werden wird. »Finishing the Hat« erscheint in England bei Virgin Books und in den USA bei Alfred A. Knopf. 2011 folgt mit »Look, I made a Hat«[der Titel ist ein Zitat einer Zeile aus dem Lied »Finishing the Hat«] der zweite Teil des zweibändigen Werks.
Viel mehr wird es 2010 nicht mehr an Buchneuerscheinungen zum Thema Stephen Sondheim geben, im deutschsprachigen Raum also gar keine. Da trifft es sich gut, dass 2009 mit Marco Frankes »Stephen Sondheims Sweeney Todd« ein Werkporträt des wohl populärsten Musicals des Komponisten erschienen ist.
Marco Franke, geboren 1979, studierte Musik- und Theaterwissenschaft an der Ludwig Maximilians-Universität München. Derzeit ist er Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit und Konzertdramaturg beim Sinfonieorchester »basel sinfonietta«. Sein Werkporträt hat er bereits im Jahre 2005 fertiggestellt; einige Jährchen, bis Herbst 2009, hat es dann gedauert, bis die Hamburger Diplomica Verlag GmbH die wissenschaftliche Abschlussarbeit in ihr Programm aufgenommen hat und sie nun wahlweise als E-Book oder auch als gedrucktes Exemplar anbietet.
154 Seiten umfasst Frankes Analyse, den ersten Teil widmet er einer Stoffgeschichte. In einem dreistufigen Werkvergleich untersucht er Übereinstimmungen und Abweichungen des Musicals zur 1968 entstandenen Schauspielvorlage von Christopher Bond und zu den vielen »Sweeney Todd«-Melodramen des 19. Jahrhunderts, hier vor allem George Didbin Pitts Version von 1847, aber auch zurückgehend bis zu einer französischen Ballade aus dem 14. Jahrhundert über einen mordenden Barbier, der mit einer Gehilfin seine Opfer zu Fleischpasteten weiterverarbeitet haben soll. Berücksichtigt wird dabei auch die szenische Realisierung von Harold Prince, dem Regisseur der Broadway-Uraufführung.
Im zweiten Teil widmet sich Franke dem eklektischen Werkcharakter des Musicals und seiner Schauspielvorlage im Hinblick auf Erzählstrukturen und Motive.
Der dritte Teil stellt eine ausführliche und detailreiche musikdramaturgische Analyse von »Sweeney Todd« dar, einem Musical, das gerade wegen seiner Opernhaftigkeit und dem Umstand, dass es ohne Probleme auch mit Opernsängern zu besetzen ist, einerseits nur schwer in die gängigen Schemata des amerikanischen »Musical Theaters« schubladisierbar ist, andererseits zu einem der meistgespielten Werke Sondheims avancierte.
Der Autor unterfüttert seine Analyse mit einem gigantischen Anmerkungsapparat, fast könnte man meinen, jede These und jede Aussage sei dutzendfach abgesichert. Zweifellos eine gute Sache, und so nebenbei bemerkt lohnt es sich gerade bei diesem Buch, einen genaueren Blick auf den Fußnotenteil zu werfen. Es ist fast schon ein bisschen schade, dass hier, ein wenig versteckt, eine Unmenge an guten Geschichten ausgelagert wurden. Amerikanische Sachbuchautoren hätten beispielsweise rund um die Frage, ob es denn nun tatsächlich einen »Sweeney Todd« gegeben hat, ein eigenes spannendes Kapitel gemacht. Franke verweist auf amerikanische Studien und Internetforen, ohne dem »angeblich« im London des späten 18. Jahrhundert existierenden Barbier eine eigene längere Passage zu widmen – jenem Sweeney Todd, der am 25. Januar 1802 vor den Toren Londons aufgrund 160-fachen Mordes hingerichtet wurde. Schön herausgearbeitet dagegen ein anderes der gerade in diesem Werk recht drastischen Motive wie jenes des Kannibalismus.
Dem Hauptteil der Untersuchung angeschlossen findet sich ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis mit sämtlicher Primär- und Sekundärliteratur, diversen Hinweisen zu Internetquellen und zu Zeitungsartikeln, Programmheften und schließlich ein Video- und DVD-Verzeichnis mit einer Aufstellung der daran beteiligten Leading Teams und Darsteller.
Im Anhang des Werks schließlich bietet Marco Franke ein Interview mit Christopher Bond, das er am 24. September 2004 unmittelbar nach der Generalprobe von »Sweeney Todd« in der Kantine der Komischen Oper in Berlin geführt hat. Bond besorgte 2004 an der Komischen Oper die Berliner Erstaufführung des Musicals und erzählt sehr ausführlich über seine langjährige Erfahrung mit Sondheims Musical, das er bis dahin bereits sieben Mal inszeniert hatte. Franke nutzt die Gelegenheit, sehr detailreiche Fragen bis hin zur Charakteristik einzelner Personen zu stellen wie »Isn’t Johanna a little bit hysterical? I mean at least in the Sondheim version …« Das sind dann Stellen im Buch, die aus der manchmal vielleicht etwas zu trocken aufgezogenen Studie ein höchst lesenswertes Werk machen.
Was Franke schließlich zum Abschluss erarbeitet hat, ist ein tabellarischer Überblick über die wichtigsten literarischen und dramatischen Bearbeitungen des »Sweeney Todd«-Stoffs, von 1846 bis 1997, und eine genaue Auflistung der einzelnen Szenen von drei Versionen des Stoffs: jener von George Didbin Pitt, jener von Christopher Bond und jener von Stephen Sondheim.
Fazit: Ein Werkporträt vollgepackt mit Fakten, Quellenhinweisen und einem interessanten Interview. Sondheim-Fans sind damit sicher bestens bedient.
Marco Franke: Stephen Sondheims Sweeney Todd – ein Werkporträt. Diplomica Verlag GmbH, Hamburg 2009. 154 S.; (Softcover) ISBN 978-3-8366-7127-9. EUR 48
Martin Bruny am Sonntag, den
8. August 2010 um 12:43 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
»Offene Zweierbeziehung«, so nennt sich ein Komödienklassiker des Theatermacher-Ehepaares Dario Fo und Franca Rame aus dem Jahre 1983, der am 30. Juli 2010 seine Wolkersdorfer Erstaufführung im Rahmen des Kultursommers Schloss Wolkersdorf erlebte.
Zum Inhalt
Antonia und ihr Mann führen eine «typische Ehe unter aufgeschlossenen Menschenâ€: Während sie ihm treu ist, geht er ständig fremd. Als er sie dann noch mit seiner Mutter vergleicht, reicht es Antonia. Sie droht mit Selbstmord, sucht sich dann aber lieber eine eigene Wohnung und Arbeit. Als sie schließlich einen Geliebten hat, beginnt die Krise für ihren Mann, der jetzt die Vereinbarung, eine «offene Zweierbeziehung†zu führen vergisst und hysterisch wird. Das zivilisierte Verhalten, das er von seiner Frau erwartet hatte, beherrscht er selbst nicht.
Fos und Rames Stück ist seit den 1980er Jahren bis heute ein Hit auf sämtlichen Bühnen Europas - und auch weltweit. So sehr das Werk so, wie es als Buchausgabe in der Übersetzung von Renate Chotjewitz-Häfner im Handel erhältlich ist, ein Kind der 1980er Jahre sein mag in einzelnen Zügen, so wenig ist es eines vom eigentlichen Thema her. In der »Offenen Zweierbeziehung«, und da darf man sich nicht zu krampfhaft an den Begriff als solchen halten, der als Schlagwort in den 1960er Jahren geprägt wurde, geht es um die Gestaltung und Demontage einer Partnerschaft, einer Liebesbeziehung, einer Freundschaft, um Machtverhältnisse in einer Partnerschaft, um, ganz allgemein, Liebe und Eifersucht, um Psychosen, neurotische Anfälle, Depressionen, Selbstmord, Mordversuch, um all das, was einem passieren kann, wenn man auf dem schmalen Grat der Liebe, links und rechts nur der Abgrund des Wahnsinns, tänzelt, in einer Ehe, in die Langeweile eingekehrt ist, in der sich einer der Partner die Lust von auswärts holt und Frustration mitunter in Gewalt oder Autoaggression zu eskalieren droht. Das ist heute genauso aktuell wie vor 10, 20, 100 oder 1000 Jahren.
Oder, wie Dario Fo es formuliert:
»Früher, in der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts, hatte jeder Mann das Recht auf eine Geliebte, vorausgesetzt, er stellte sie nicht schamlos zur Schau. Das war ein Muss. Ja, einer, der keine Geliebte hatte, erregte das Misstrauen der anderen, als sei er abartig. Jede historische Epoche hat andere Moden und bringt Verhaltensweisen hervor, die sie verdient. Die offene Zweierbeziehung ist eine Modeerscheinung, und noch dazu ungesund, sie produziert bloß Neurosen und Frustrationen bis hin zu somatischen Reaktionen.«
Die Aufgabe, die für die Wolkersdorfer Fassung zu lösen war: Mit Hilfe einer zeitgemäßen Bearbeitung und Inszenierung das Stück als heutiges, das es ohnedies vom Thema her ist, erkennbar zu machen.
Etwas antiquiert ist der Begriff »offene Zweierbeziehung« so, wie er in der Ehefarce Fos und Rames verarbeitet wurde, natürlich schon. »Offene Zweierbeziehung«, damit meinten die beiden Autoren nämlich tatsächlich genau jene Begrifflichkeit, die in den 1960er Jahren zum Schlagwort wurde. Im Original basierten Fo und Rame ihren Handlungsablauf auf einem umfangreichen ernsthaft politisch gemeinten Fundament. Sie wollten eine Boulevardkomödie als politisches Theater auf die Bühne bringen, und so sehr das in den 1980er Jahren sicherlich möglich war – heute ist die Frau längst nicht mehr das Opfer, wie sie es in den 1960er Jahren gewesen sein mag. Heute ist eine »offene Zweierbeziehung« alles andere als zwingend nach einer Seite, nämlich der des Mannes, offen.
Wenn Rame in einem Interview in den 1980er Jahren meinte:
»Das Private ist politisch. Deshalb ist dieses Stück, das die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau zur Diskussion stellt, ein politischer Text, weil dein Verhalten im täglichen Leben abhängt von der Ideologie in deinem Kopf, aber wie« …
… so ist das ein Statement, das man hinterfragen kann – oder man entsorgt einfach all den antiquierten politischen Ballast, der im Stück angelegt ist, reduziert ihn auf ein Minimum, zieht die Geschichte nicht als aufklärerische politische Emanzipationsshow auf, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche: Wie gehen zwei Menschen, die einander lieb(t)en, miteinander um, wenn die große Liebe vorbei ist.
Mit viel Einfühlungsvermögen hat Regisseur Thomas Smolej sich, bevor es ans tatsächliche Inszenieren ging, daran gemacht, den Text aus den 1980er Jahren spielbar zu schreiben, den Textkörper feinzuschleifen und die Gags aufzupeppen.
Möchte man heutzutage die »Offene Zweierbeziehung« auf die Bühne bringen, erhält man als Ausgangsbasis auch jetzt noch die gültige Übersetzung des Stücks aus dem Italienischen ins sagen wir Bundesdeutsche. Eine solche Version könnte man in Deutschland spielen, in Österreich muss man schon bei Grundlegendem eine Bearbeitung vornehmen und beispielsweise das Vokabular aus dem deutschen Sprachraum in den österreichischen transponieren, um überhaupt eine gefühlsmäßige Verbindung zwischen Darstellern und Publikum erreichen zu können.
Doch das ist noch lange nicht alles. Im Prinzip ist die erhältliche Fassung des Stücks nicht wirklich spielbar. Es hakt und knattert bei fast jedem Satz. Allzu oft hat die Übersetzerin es nicht verstanden, das Stück nicht einfach zu übersetzen, sondern es in einen anderen Sprachraum zu »übertragen«. So finden wir beispielsweise im Text die Passage
»Sie müssen weinen, Signora, weinen Sie.«
In der Wolkersdorfer Fassung heißt es an dieser Stelle:
»Sie müssen weinen, Frau Antonia, lassen Sie’s raus!«
Hauptdarstellerin Angelika Niedetzky imitiert bei diesem Satz einen leicht altertümlichen Wiener Dialekt, wie man ihn Freud zuschreiben könnte. Es sind kleine und gravierendere Änderungen dieser Art, die sich übrigens insgesamt zu einer ganz schönen Menge an Textänderungen summieren, die aus der »Offenen Zweierbeziehung« der 1980er Jahre ein für jede österreichische Bühne maßgeschneidertes Stück machen.
Wichtig war es, das Stück in die Jetztzeit zu beamen. Das geht mitunter ganz einfach. Wenn Antonias Mann sich beispielsweise darüber aufregt, dass seine Frau dem Publikum all die intimen Details ihrer Ehekrise erzählt, heißt es:
Mann: Du sag mal, muss das sein, dass du da jetzt vor all den Leuten unser Privatleben ausplauderst? Wie du Geschmack daran finden kannst, alles so auszuposaunen. Antonia: Das ärgert dich, oder?
Mann: Schreibs doch gleich ins Facebook! Antonia: Gute Idee!
Facebook – ein Wort reicht, um elegant den Konnex mit der Gegenwart herzustellen. Ein weiteres Mittel, diesen Bezug herzustellen, ist der Einsatz von Musik. So hören wir am Beginn »Alles aus Liebe« von den Toten Hosen, und als Antonia von ihrem Sohn dazu ermuntert wird, sich doch auch einen Lover zu angeln, kommt beispielsweise Skeros »Kabinenparty« zum Einsatz.
Thomas Smolej hat sein Bühnenhandwerk und sein Gefühl für die Sprache unter anderem als fixes Mitglied des Kabarett Simpl verfeinert, wo Timing und ein großes Gefühl für Sprachmelodie, für den Variantenreichtum an Dialektfärbungen zum Alltag gehören. Authentizität auf der Bühne ist nur möglich mit dem passenden Sprachmaterial. Hat man als Schauspieler gestelzte Sätze im Skript, wird man höchstwahrscheinlich auch gestelzt wirkende Schauspieler auf der Bühne erleben. Allzu lange Monologe der Schauspieler bei einer zuweilen slapstickhaften Komödie wirken mitunter lähmend - auch hier wurde in den Text eingegriffen, allzu dozierende Momente getilgt, um nicht den Drive zu verlieren.
Liest man den Text aus heutiger Sicht, könnte er auch einfach als Titel »Antonia« haben, gesetzt in jener Schriftart, in der man bei den berühmten Boxer-Filmen von Sylvester Stallone das Wort »ROCKY« gesetzt hat. Die »Offene Zweierbeziehung« ist, so gesehen und abgehend von der etwas larmoyant angelegten Deutung im Sinne der 1960er Jahre, die die Frau als reines Opfer des Mannes sieht, die Geschichte der Rache oder meinetwegen Emanzipation einer Frau.
Antonia und ihr Mann, der natürlich als idealtypisches pathologisch furzendes (tatsächlich!) Machoschwein konzipiert ist und für den Mann an sich steht, daher auch im Stück keinen Namen hat (zumindest in der ab 1987 gespielten Fassung), führen eine Ehe, die gescheitert ist. Die beiden haben ein Kind, der Mann sucht seine sexuelle Erfüllung außerhalb der Beziehung, die Frau weiß davon.
Logische Konsequenzen könnten beispielsweise sein: Eheberatung, Trennung, Trennung auf Zeit. Fo und Rame konstruieren eine andere Konsequenz: der Mann »überredet« die Frau zu einer »offenen Zweierbeziehung«. Er kann sich nun ganz offen seinen diversen Liebschaften widmen und tut das auch genüsslich, sie ist natürlich weiterhin nicht glücklich damit, war ja aber einverstanden – schachmatt.
Aber schließlich konnte sie sich ja doch auffangen. Nach anfänglichem Zögern gibt sie sich doch tatsächlich ganz dem Aschenputtel-Makeover hin und beschließt, ihr Leben umzukrempeln und sich einen Lover zu angeln. Ihr Sohn leistet die Überzeugungsarbeit.
In einer von Christoph Fälbl phänomenal gespielten Szene, tanzt der Sohn (gespielt von Fälbl) zu Skeros »Kabinenparty« auf die Bühne. Die Hip Hop-Einlage ist einerseits Parodie, andererseits aber auch verdammt lässig getanzt, Szenenapplaus - selbstverständlich. Der Dialog der Mutter mit dem Sohn, Fälbl ganz im Slang eines typischen Weana Hip Hoppers:
Sohn: Mama, so geht das voll nicht weiter. Ihr zwei bringt euch ja noch gegenseitig um! Schau, zuerst musst du endlich aufhören, nur ein Anhängsel von Papa zu sein, werd autodrom! Antonia: Du meinst autonom, mein Schatz. Sohn: Lass den Papa weiter zu seinen Girls gehen, und du … nicht aus Rache, sondern weil es einfach fair ist, das steht dir zu, du suchst dir … und gut für die Gesundheit ist es auch … du suchst dir halt einfach einen anderen! Antonia: Aber Schatz, was redest du denn da? So ein Blödsinn! Sohn: Geh Mum, spiel doch nicht immer die Klosterschwester! Du findest schon einen. Einen sympathischen, vielleicht jünger als der Papa. Muum!! Versuch es wenigstens! So, ich muss jetzt wieder. Ciao!
Die Szene im Originaltext:
Wenn die Frau den Sohn zitiert, imitiert sie die Haltung der Jugendlichen, ansonsten mimt sie die unerfahrene Mutter:
Jetzt hör mal Mamma … so geht es nicht weiter mit Papa und dir. Ihr bringt euch ja noch um gegenseitig! Ihr müsst mal was Neues erfinden! Zuerst musst du endlich aufhören, bloß ein Anhängsel von Papa zu sein. Werd autonom! Papa geht weiter zu seinen Frauen, und du, du suchst dir … nicht aus Rache, sondern weil das gerecht ist, das steht jedem zu, und gesund ist es außerdem … du suchst dir halt einen andern!
Oh Junge, Roberto, was redest du da?
Ach Mama, hör doch auf! Du findest schon einen. Einen sympathischen, womöglich jünger als Papa, vielleicht sogar einen Genossen, aber bitte keinen Sozi, damit der dich nicht auch noch bekämpft.
Aber Robert, wie redest du mit deiner Mutter? Sieh mich doch an, ich bin ganz durcheinander, ich schwitze vielleicht … ich als Frau in meinem Alter kann doch nicht durch die Gegend laufen und Männer anmachen.
Und er: Ach was, es reicht schon, wenn du dich darauf einlässt, nicht so verkrampft bist .. leb dein eigenes Leben! Mama! Versuch es doch wenigstens!
Durch Tilgung unnötiger politischer Passagen, Verknappung und Feinschliff wird aus einer etwas antiquierten, gestelzten Fassung die Basis für eine Szene gelegt, die man mit Sicherheit nicht vergisst. Aus einem langen Monolog, in dem die weibliche Hauptdarstellerin alleine auf der Bühne steht, wird eine witzige Tanzszene mit einem pointierten, knapp gehaltenen, heutigen Dialog. Tosender Applaus.
Aus der weinerlichen Antonia wird im Laufe des Stücks ein Vamp, der sich einen Physikprofessor angelt, der noch dazu geil aussieht, 15 Jahre jünger als der noch hörnende, aber bald gehörnte Ehemann ist, Gitarre spielt, Songs komponiert, die in den Charts landen, und natürlich für den Nobelpreis nominiert ist – von anderen möglichen Superlativen, was seinen Körperbau betrifft, gar nicht zu sprechen, es handelt sich ja nicht um eine Show der Chippendales. Dass dieser Idealtypus eines Mannes, dieses zu Fleisch gewordene Testosteronzapferl von einem Mann ebenfalls keinen Namen hat, sondern nur den Titel »Professor«, na das hätten wir uns doch alle denken können. In Wolkersdorf spielt Philipp Reichel diesen Inbegriff des Schachmatts für Antonios Mann auf sexueller Front. Zwei Sätze darf der Professor sagen, und schon stürzt der Ehemann ins Bad und köpfelt samt Fön ins nasse Nirvana.
Doch halt: Das Wolkersdorfer Ende der »Offenen Zweierbeziehung« in der Fassung von Thomas Smolej ist fast ein wenig verschmitzt, und ganz im Sinne Dario Fos. Der Nobelpreisträger hätte nämlich ein witziges Finale vorgezogen, und zwar dergestalt, dass der Konkurrent des Ehemanns tatsächlich nur eine Phantasiegeburt Antonias sein sollte, ein Phantommann sozusagen. Da konnte sich aber Dario Fos Frau Franca Rame durchsetzen, und so endet das Stück im Original letztlich tragisch. Der Liebhaber kommt auf die Bühne, spricht zwei Sätze, der Ehemann stürzt sich ins Bad und begeht Selbstmord. Dieses Originalende wird zwar auch in Wolkersdorf gegeben, aber letztlich doch mit Hilfe eines großartigen Gags in Richtung des von Fo geplanten Endes ein wenig happy-endisiert, denn über die Schlussszene wird die Abspannmusik der deutschen Endlos-Serie »Lindenstraße« gelegt. Und in einer Soap, das wissen wir doch alle, muss ein tragisches Ende nicht wirklich tragisch enden. Letztlich also ein offener Schluss in der »Offenen Zweierbeziehung«.
Die »Offene Zweierbeziehung« ist ein herrlich auf die Bühne gestelltes Gaggewitter, mit einigen wunderbar ausgeflippten Slapstick-Szenen. Thomas Smolej hat für und mit Christoph Fälbl und Angelika Niedetzky eine exakt getimte Choreographie erarbeitet für jede Szene, in der die beiden aus ihrer Rolle heraustreten und direkt zum Publikum sprechen. In einer Kombination aus Licht, Ton und Bewegung der Darsteller wird der Erzählperspektivenwechsel angezeigt. Ohne Präzision aller Beteiligten würde das nicht wirken, und doch hat es eine unglaublich spielerische, fast tänzerische Leichtigkeit, wenn Fälbl und Niedetzky in ihre Szenen wechseln.
Gespielt wird in einem Setting, das liebevoll geplant (Thomas Smolej) und nicht minder liebevoll gestaltet (Michale Ferner) wurde. Ein Bühnenbild kann etwas Magisches haben. Es gibt Schauspieler, die meinen, schon allein von der Gestaltung des Bühnenbilds ableiten zu können, ob ein Stück beim Publikum ankommen wird oder nicht. Es sind oft die kleinen Details, die zählen, und in Wolkersdorf haben wir ein Setting mit jeder Menge kleiner Details. Man mag vielleicht gar nicht jede Einzelheit für sich aufnehmen können, aber die Summe der Einzelheiten erzeugt Stimmung, erzeugt eine bestimmte Atmosphäre. Man ist sofort drinnen in der Szene, fühlt sich wohl und kann sich ganz dem Geschehen widmen, ohne es sich erst mal ausmalen zu müssen.
Effektvoll auch die Kostüme, vor allem jene für Angelika Niedetzky, die ihre Entwicklung vom grauen Opfer zum Vamp ganz in Rot mehr als deutlich unterstützen. Diese »Transformation« wird vom Publikum deutlich hörbar als »wow«-Effekt wahrgenommen.
Dass die »Offene Zweierbeziehung« auch heute noch den Nerv der Zuseher trifft, war den vielen Gesprächen in der Pause der Premierenshow zu entnehmen. Das Wolkersdorfer Publikum schwärmte einerseits von den Schauspielern, und war andererseits fasziniert davon, wie viel man aus dem Stück doch lernen kann, sah teilweise das Ganze gar stellenweise wie eine Art von »Seminarkabarett«.
Fazit: Ein Theaterabend mit zwei großartig agierenden Hauptdarstellern, die den Abend als Gesamtpackage zum Erlebnis machen, für großes Vergnügen sorgen und, wenn man will, auch viel Stoff zum Nachdenken bieten.
Drei Mal noch steht die »Offene Zweierbeziehung« auf dem Spielplan des Kultursommers Schloss Wolkersdorf: am 8. 8., 13. 8. und 14. 8. Von Wien aus ist der Spielort sehr bequem auch öffentlich zu erreichen. Vom Bahnhof Praterstern fährt alle 20 Minuten ein Zug Richtung Wolkersdorf, und auch nach Ende der Vorstellung sind Züge zurück (der letzte fährt um 23.07 Uhr) ganz leicht zu erwischen. Der Weg vom Bahnhof zum Festspielgelände ist einfach zu finden und kurz, keine 10 Minuten.
»Offene Zweierbeziehung« [Coppia aperta, quasi spalancata]
Komödie von Franca Rame und Dario Fo
aus dem Italienischen von Renate Chotjewitz-Häfner
Besuchte Vorstellung: 30. Juli 2010
Besetzung
Antonia: Angelika Niedetzky
Ihr Ehemann: Christoph Fälbl
Professor: Philipp Reichel
Leading Team
Regie: Thomas Smolej
Bühnenbild: Michaela Ferner
Kostüme: Daniela Tidl
Regie-Assistenz: Lydia Nassal
Intendanz: Josef Romstorfer
Martin Bruny am Dienstag, den
13. Juli 2010 um 21:16 · gespeichert in Theater, 2010
Am 27. Juni 2010 verabschiedete sich Caspar Richter, der Musikalische Direktor der Vereinigten Bühnen Wien, mit einem Musicalkonzert von seinem Publikum. Richter und das Orchester der VBW, das war über viele Jahre eine Erfolgsgeschichte. Über 20 Jahre hat der Künstler Uraufführungen für Wien erarbeitet, neue Konzepte entwickelt und dafür gesorgt, dass das Orchester auch außerhalb der Theater der VBW ein Standing erreichte, auf das das Haus stolz sein konnte.
Mit “Musical Forever 2″ demonstrierte Caspar Richter unter anderem noch ein Mal eindrucksvoll und mit Nachdruck, was er unter dem Begriff Musical versteht. All die Statements, die im Laufe jenes Abends von Moderator Peter Fröhlich, Dirigent Richter und Intendantin Zechner gebracht wurden, ließen im Wiener Ronacher eine Spannung entstehen, die geradezu mit Händen greifbar war. Auf der einen Seite standen das künstlerische Ich des Musikalischen Direktors, all seine Ideen, seine Pläne und Hoffnungen, sein Verständnis von den Aufgaben des Orchesters, aber auch des Unternehmens VBW, auf der anderen Seite standen die Krisenmanager Zechner und Drozda, die angesichts der Flops der letzen Jahre künstlerisch schon lange w. o. geben mussten und mit Schlager und Revivals die Cashcow wieder, zumindest kurfristig, zum Muhen brachten. Der 27. Juni 2010 war der Tag, wenn man so will, an dem nun Caspar Richter aufgab, aber noch einmal eindrucksvoll zeigen konnte, wofür dieses Orchester gegründet wurde und was alles mit ihm und dem Orchester möglich gewesen wäre. Denn diese Musiker sind nicht dazu da, um als Spiegelung von Udo Jürgens’ Pepe Lienhard Band im Orchestergraben des Raimund Theaters den eigenen Ruf nachhaltig zu beschädigen.
Um zu verstehen, was Caspar Richter in “Musical Forver 2″ für das Publikum vorbereitet hatte, denken wir uns am besten ins Jahr 2005 zurück, genauer gesagt klinken wir uns am 6. Dezember 2005 ein. Den Vereinigten Bühnen Wien geht es gut, “Romeo und Julia”, seit 24. Februar 2005 im Raimund Theater zu sehen, ist mit einer Auslastung von 95 Prozent ein Hit, “Elisabeth” ist seit 4. Dezember 2005 Geschichte, höchst erfolgreich konnte man dieses Revival beenden, und die Fanlandschaft ist mit “Sisi”-CDs, DVDs, Special Editions und Fan Packages zugespoilt - da kündigt am 6. Dezember 2005 Intendantin Kathi Zechner in einer gut besuchten Pressekonferenz die nächste Eigenproduktion des Hauses an, die Uraufführung von “Rebecca”, einem Musical von Sylvester Levay und Michael Kunze. Die Krise, in die die VBW bald schlittern, ist weit entfernt, alles ist wunderbar. Im Rahmen dieser Pressekonferenz führte ich mit Caspar Richter ein kurzes Gespräch:
Martin Bruny: “Herr Richter, was halten Sie denn von Musicals wie “Mamma Mia!” oder “We Will Rock You”"?
Caspar Richter: “Also Musicals, die eigentlich keine Musicals sind. Ich finde, bei “Mamma Mia!” ist das ganz lustig gelöst. Ich bin aber kein großer Freund von “Collagen”. Da kann man ein Konzert machen, nicht? Und irgendeine Geschichte draufstülpen? Bei “Mamma Mia!” haben die Glück gehabt. Es ist lustig, ich habs gesehen, hab mich sehr gut amüsiert. Aber ich kenn auch sehr viele andere Collagen … das ist dasselbe wie beim Ballett. Ich komm ja auch von der Oper und war erst hier an der Staatsoper und hab sehr viel Ballett dirigiert. Da gabs immer diese berühmten Ballettabende über irgendein Thema, zum Beispiel “Manon Lescaut”. Da wurde irgendein Komponist vergewaltigt und es wurde aus … oder Schostakowitsch … da wurde aus allen Sinfonien zusammengebröselt. Das ist für mich nicht akzeptabel. Es gibt so tolle Ballette, es gibt so tolle Musicals. Wieso muss man jetzt irgendwas zusammenstoppeln? Und auch diese Lebensgeschichte von Falco … für mich ist das furchtbar. Man soll vielmehr Autoren die Gelegenheit geben, neue Stücke zu schreiben. Wir tun das ja hier Gott sei Dank, und darauf bin ich ganz stolz, dass ich meinen Beitrag dazu geleistet habe von Anfang an, und der Peter Weck noch damals. Wir fingen an mit “Freudiana”, was ich sehr mag, immer noch.
Martin Bruny: “Daraus hat ja bei “Musical Christmas” Luzia Nistler eine der schönsten Nummern des Abends gesungen.”
Caspar Richter: “Ja, und ich verspreche Ihnen, dass ich da dran bin, mindestens eine Konzertfassung herzustellen von “Freudiana”. Ich find die Musik genial, und das Stück find ich sowieso genial. Es gehört nach Wien. Wenn es nach mir gehen würde, ich fände eine Neubearbeitung sehr lohnenswert. Das ist ein so typisches wienerisches Stück, es kann von Wien auch wieder um die Welt gehen. Das ist meine Meinung.”
Martin Bruny: “Freudiana” ist ja damals aufgrund der Inszenierung gefloppt?”
Caspar Richter: “Ja, aber nicht vergessen, das war unser erster Versuch damals, unsere erste Uraufführung, und dafür gings eigentlich ganz gut. Die zweite Uraufführung, “Elisabeth”, war ja dann schon der Hit. Aber ich versprech Ihnen, dass ich mich um die Musik von “Freudiana” immer kümmern werde. Ich hab auch auf der Donauinsel drei Nummern wieder gespielt. Ich spiele es immer wieder, manchmal auch gegen gewisse andere Meinung, aber langsam setzt sich die positive Meinung diesem Stück gegenüber durch, und das freut mich sehr. Ich finde diese Musik und auch die Texte wirklich genial. Mein Lieblingswunsch ist, ich habs mit der Kathi Zechner schon besprochen, wir sind fast soweit, ich will aber nicht vorgreifen, eine Mischung zwischen “Freudiana” und “Lady in the Dark” von Kurt Weill. Eine Hälfte das und die andere Hälfte Weill. Ich bin ein großer Fan von Kurt Weill, und ich finde, Kurt Weill wird überhaupt nicht gespielt. Der amerikanische Weill so überhaupt nicht, höchstens “Die Dreigroschenoper”, aber die großen Musicals von Weill wie “The Firebrand of Florence” oder “Down in the Valley”, das sind Meisterwerke, oder auch “Street Scene”, aber das ist fast ne Oper … aber “Lady in the Dark” ist für mich das große Meisterwerk. Und da kann ich mir vorstellen, dass Sona MacDonald - oder die Pia würde das auch toll machen.”
Caspar Richter: “Ich habe in Innsbruck ein Bernstein-Festival gehabt, das ist schon ein bissl länger her. Wir haben mit unserem Orchester und den Solisten dort gespielt: “Mass”, “Candide” szenisch, und dann haben wir große Konzerte mit Bernstein Werken gespielt. Im März [2006] gibt es auch ein großes Konzert hier, in dieser Reihe. Wir machen jetzt sehr viel neue Konzerte. Im März “Tribute to Bernstein”.”
Martin Bruny: “Im Konzerthaus?”
Caspar Richter: “Nein, hier. Ich will nur im Theater spielen. Das gehört ins Theater.”
Martin Bruny: “Das wurde aber noch nicht angekündigt.”
Caspar Richter: “Ist aber schon fixiert. Anfang März, vier Konzerte. Vorstellen möchte ich das Musicalgesamtwerk von Bernstein. Stücke aus “Mass”, “West Side Story”, “On the Town”, “Wonderful Town”, “Peter Pan” usw. - und dazwischen immer ein paar ganz tolle Orchesterstücke. Unser Orchester spielt das ganz hervorragend. Und sogar Solostücke. Ein Stück aus nem Cello-Konzert, weil wir ja tolle Solisten haben. Das wird ein toller Abend. Wir haben schon tolle Solisten dafür. Ich wünschte mir sehr, dass die Dagmar Hellberg wieder herkommt, aber die hat auch schon zugesagt, mal sehen, ob wir uns mit ihr einigen. Solche Leute brauchen wir, die hat dann die Jazz-Nummern drauf.”
Martin Bruny: “In “Sweeney Todd” war sie ja auch großartig.”
Caspar Richter: “Ja. Ja, das war toll. Übrigens, Sondheim ist auch ein Thema. Wird auch überhaupt nicht gespielt.”
Martin Bruny: “Nur kleine Produktionen.”
Caspar Richter: “”Sweeney Tod” ist auch eines meiner Lieblingsstücke, da haben Sie ganz recht. Und dann wünschte ich mir sehr, dass wir zwischen den ganzen Uraufführungen, die ich für sehr sehr wichtig halte, weil man weitergehen sollte, immer ein schönes Revival macht. Und es gibt in den sogenannten “alten Musicals” so hervorragende Meisterwerke, die man nicht unter den Tisch fallen lassen sollte. Ich möchte gerne “The Secret Garden” machen, das ist auch eines meiner Lieblingsstücke, “Carousel”, Richard Rodgers sowieso und dann: Ich möchte “Funny Girl” machen, oder “Gypsy”.
Martin Bruny: “Wär das auch was für Pia Douwes?
Caspar Richter: “Das wär auch etwas für die Maya. Wir haben so tolle Leute, die können das alles. Ich bin auch sehr froh, dass wir hier in Wien so ein “Grundensemble” haben. Obwohl sie immer wieder zu Audition kommen, auch sollen, aber irgendwie haben wir einen großen Ensembletopf, der typisch wienerisch ist. Zum Beispiel das Ensemble von “Elisabeth”, die sind genial. Mit denen kann ich auch so ein Weihnachtskonzert machen. Das kann ich nur mit einem Team machen, das so zusammengewachsen ist, und das gibts woanders überhaupt nicht.”
Soweit Caspar Richter im Originalton, am 6. Dezember 2005. Das Schickal wollte es, dass gerade Bernstein dem Musikalischen Direktor zum Verhängnis wurde. Groß war die Vorfreude auf Richters Konzertserie “A Tribute to Bernstein”, die am 5. und 6 sowie am 12. und 13. März 2006 im Wiener Raimund Theater über die Bühne ging. Der erste Dämpfer: Eine geplante Einführungsveranstaltung, ein Publikumsgespräch, in dem der Dirigent Bernsteins Werk erklären wollte, wurde abgesagt, man sagt aus mangelndem Publikumsinteresse. Am 24. Februar 2006 wurde an alle für diese Veranstaltung Angemeldeten die Mail verschickt: “Mit Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass das Publikumsgespräch zu A TRIBUTE TO BERNSTEIN leider nicht stattfinden kann.”
Die erfolgsverwöhnten Vereinigten Bühnen Wien konnten damals mit “The Little Matchgirl” (7. bis 19. Februar 2006) eine Auslastung von 96,5 Prozent erzielen, die “Mozart!”-Konzertserie (4. bis 11. Februar 2006) kam gar auf 99,97 Prozent Auslastung. “A Tribute to Bernstein” schaffte lediglich eine Auslastung von 60 Prozent, und so war der 13. März 2006 der letzte Tag, an dem Caspar Richter in Wien einen der “alten Meister” im Rahmen eines themenorientierten Konzerts dirigieren sollte. Alle seine anderen Pläne konnte oder durfte er nicht mehr verwirklichen. Was blieb, war “Jesus Christ Superstar”, jährlich zu Ostern, doch auch damit war bald darauf Schluss, was man noch weiterverfolgte, war “Musical Christmas”, und selbst dieses Erfolgsformat schrumpfte man so ein, dass nichts mehr übrigblieb, als eine Pause einzulegen.
Der ansteckende Enthusiasmus Richters aus dem Jahre 2005 musste schwinden, angesichts eingekaufter Produktionen wie “We Will Rock You” (Premiere: Donnerstag, 24.01.2008) oder der Revue “Ich war noch niemals in New York” (2010). Beides Shows, von denen bei “Musical Forever 2″ natürlich nichts zu hören war.
Im Rückblick könnte man die Frage stellen, ob es den VBW mit der RonacheMobile-Schiene unter einem Programmverantwortlichen Richter nicht gelungen wäre, neues Stammpublikum zu gewinnen, statt mit grenzwertigen Produktionen vorhandenes Stammpublikum abzuschrecken. Die zum Motto erhobene “Vielfalt” des Programms entpuppte sich schon bald eher als Einfalt der Vielfalt, mit Shows, die mit dem Musicalgenre praktisch nichts zu tun hatten und bestenfalls mit dem Stempel “bemüht, setzen” versehen werden können.
“Carousel”, “Gypsy”, konzertante Aufführungen von “Freudiana”, Themenabende zu Kurt Weill, “The Secret Garden” - alle Ideen mussten weichen, und so wurde letztlich aus den VBW, den Produzenten von Uraufführungen, ein Zukäufer von abgespielten deutschen Produktionen. Nicht verwunderlich, wenn Caspar Richter in seiner Abschiedsrede meinte (streichen wir mal alle beschönigenden Nebensätze): “Besinnen Sie sich auch auf die Werte, die wir selber in uns haben, nämlich unsere Kreativität. Wir brauchen einfach wieder richtige Kreationen von uns heraus. Das ist unsere Einmaligkeit gegenüber allen anderen Häusern auf der ganzen Welt, das hat Wien immer ausgezeichnet.”
Mit dem Programm, das Richter für “Musical Forever 2″ zusammengestellt hat, skizziert er noch ein Mal in Ansätzen den Weg, den er gehen wollte. Wenn die Show mit der Ouvertüre aus “Gypsy” beginnt, dann ist das vor allem programmatisch gemeint. Nie klingt das Orchester so beeindruckend wie bei den “alten Meistern”. In dem Moment, in dem die ersten Klänge von Richard Rodgers’ “State Fair” erklingen, fühlt man sich geradezu wie ein Kinobesucher, der nach der Werbung und all den ätzenden Trailern früher, in der guten alten Zeit, im Kino den Vorhang aufgehen sah - für den Hauptfilm. Immer breiter wurde die Leinwand … Cinemascope, die Vielschichtigkeit der Kompositionen, die vielen Feinheiten der Instrumentierung, der Arrangements, der Einfallsreichtum der Komponisten, das ist Musical.
Die VBW waren natürlich nie Lieferanten für diese “klassische” Musicalschiene, aber worauf man sich lange Jahre verlassen konnte, war, dass man zumindest Musicals zu sehen bekam. Das ist heute so nicht mehr unbedingt der Fall. Richter zeigt mit seiner Auswahl, was er unter Musical versteht und er zeigt, bis wohin er bereit ist zu gehen. Mit dabei: Ausschnitte aus “Wonderful Town”, “On the Town” und “Freudiana” oder “Sweet Charity”, neben den Hits der VBW “Elisabeth”, “Mozart!”, “Tanz der Vampire”, “Romeo und Julia”, “Rebecca”, “Rudolf” und einigen anderen.
Auf der Bühne einige der Stars der VBW wie Lukas Perman, Marjan Shaki, Carin Filipcic, Lisa Antoni, Thomas Borchert … und Rob Fowler, der schon lange nicht mehr eingeladen war, seine Kunst in den Tempeln der VBW zu zeigen.
Würde man nun die Zusammenstellung des Programms kritisieren wollen, so ließe sich etwa anmerken, dass “Musical Forever 2″ in großen Teilen eine Art “Greatest Hits Medley” (im Programm zur Show als “Collagen” bezeichnet) war, wie es seinerzeit, um es mal krass zu formulieren, Peter Alexander auf seinen Tourneen eine Zeitlang gemacht hat. Alexander hatte ein Unmenge an Hits, und statt einige auszuwählen und zu singen, entschloss er sich, sie fast alle zu bringen und nur Ausschnitte davon, manchmal nur die Refrains oder etwaige andere besten Stellen zum Besten zu geben. Das ist ein gefährliches Spiel, denn man könnte Richter vorwerfen, dass er damit das macht, was man mit Musik nicht machen sollte, sie schlagzeilenmäßig einzusetzen, wie das die Kleinformate mit News im Printbereich machen.
Natürlich könnte man auch vermuten, dass Caspar Richter sich einfach jenen Nummern besonders ausführlich widmen wollte, die ihm besonders am Herzen liegen. Das wären dann folgende gewesen:
Ouverture – instrumental (»Gypsy«) [5:00]
Das Phantom der Oper – Lisa Antoni, Thomas Borchert, Ensemble (»Das Phantom der Oper«) [4:00]
Das Ödipus-Dreieck – Carin Flipcic, Thomas Borchert, Lukas Perman (»Freudiana«) [3:40]
Die Schöne und das Biest – Carin Filipcic, Lisa Antoni, Ensemble (”Die Schöne und das Biest”) [3:10]
Suite – instrumental (»State Fair«) [6:00]
Conga – instrumental (»Wonderful Town«) [5:40]
A world of wonder – Marjan Shaki («Sophie’s Worldâ€) [5:00]
Gethsemane – Rob Fowler (”Jesus Christ Superstar”) [8:30]
I love a piano – Thomas Borchert, (K.: Irving Berlin) [4:30]
Totale Finsternis – Marjan Shaki, Thomas Borchert (»Tanz der Vampire«) [3:50]
Gabriella’s Song – Ensemble (»Wie im Himmel«) [3:50]
Keine so schlechte Auswahl, eine teilweise jenseits des Mainstream liegende. Generell aber muss man sich fragen, warum die Moderationen und Ansprachen bei “Musical Forever 2″ derart dominant waren. Bei einer Gesamtdauer der Veranstaltung ohne Pause von 2 Stunden und 43 Minuten wurden rund 1 Stunde und 33 Minuten Musik geboten und 1 Stunde war den Moderationen und Ansprachen gewidmet. So charmant-schusselig Peter Fröhlich als Moderator auch gewesen sein mag, generell gesehen war sein Part überdimensioniert. Die Entstehungsgeschichte des “Phantoms der Oper”, die Beziehungsgeschichte von Lukas Perman & Marjan Shaki, Anekdotchen, ganz unterhaltend, ja … aber waren die meisten nicht doch wegen der Musik gekommen?
Star des Abends, alle seine Performances zusammen als Basis nehmend, war Thomas Borchert, die beeindruckendste Leistung zeigte allerdings Rob Fowler mit einem gigantischen “Gethsemane”, eine Nummer, die der Künstler und das Orchester geradezu zelebrierten, vom Publikum mit Beifallsorkanen umjubelt. Die meiste Stimmung wiederum brachte “Romeo und Julia” in den Saal: “Herrscher der Welt” - wie auf Knopfdruck klatschten da alle bei der Boygroup Lukas Perman, Rob Fowler und Kai Hüsgen mit. Auch das Musicaltraumpaar Perman-Shaki wirkte bei “Dich kennen heißt dich lieben” oder “Ohne sie”. Unnötigste Nimmer neben “Golf”? Sicherlich “Das Phantom der Oper” aus dem Musical “Das Phantom der Oper”. Der Song war auch in “Musical Forever 1″ zu hören. Ja, damals wurde er so grauenvoll von einem Darsteller abserviert, dass man ihn am Ende nicht mal in der im Konzert gesungenen Form am Tonträger zur Show vorfand. Schon damals musste Thomas Borchert übernehmen und das Lied im Studio gemeinsam mit Pia Douwes neu einsingen. Nun, diesmal konnte Borchert also live das “Phantom” geben, und wenn wir alle eines wissen, dann das, dass er es kann. Dennoch hätte es wesentlich Spannenderes aus dem “Phantom” gegeben, und Lisa Antoni ist zwar eine entzückende Sängerin, aber an diesem Abend war bei ihr das Zielen auf die hohen Töne mitunter eher im Vordergrund als das exakte Treffen derselben. “Wie nemmas denn” haben sie und Carin Filipcic sich wohl bei “Die Schöne und das Biest” gedacht. Den Song setzten beide zu hoch an und beendeten ihn dann einstimmig. Sicher einer der merkwürdigsten Momente des Abends.
Thomas Borchert war durchgehend, bis auf eine Ausnahme, eine allerdings sehr unterhaltende, höchst konzentriert am Werk. Nicht mal der schnoddrig, fast bis zum Anfangston von “Schließ dein Herz in Eisen ein” moderierende Peter Fröhlich konnte ihn aus dem Konzept bringen. Borchert war exakt im Moment in seiner Rolle, spielte sie hervorragend und lieferte selbst in dieser Kürzestversion eine beeindruckende Leistung. Was genau bei “Jekyll & Hyde” auf der Bühne des Ronacher an jenem Abend passierte, und zwar genauer gesagt beim Titel “Mörder”, man weiß es nicht. Es hörte sich so an, als würde der Chor am Anfang “eingeblendet”, ganz bestimmt waren aber mehr als jene acht Stimmen, aus denen das Ensemble bestand, zu hören. War alles live? Mit Sicherheit wars die darauf folgende Nummer “Die Welt ist völlig irr”, jenes Lied, zu dem der Darsteller des Jekyll/Hyde in der tatsächlichen Bühnenshow, an Seilen hängend, seinen Gesang immer nur zu mimen hatte. Sicher kein Zufall, dass Richter ausgerechnet dieses Lied für Thomas Borchert ausgesucht hat. Fast eine “Premiere”.
Schwungvoll und mitreißend Borchert mit “I love a Piano”, damit näherte er sich jenem Genre, für das er seine Stimme nicht fast killen muss, um annähernd so zu klingen, wie berühmte Vorbilder. Am Klavier, als Pianoman, ist Borchert authentisch, da ist er Musiker und Entertainer, nicht nur “Musicaldarsteller”.
Nicht immer leicht hatte es Carin Filipcic an diesem Abend. Nicht, weil sie etwa schlecht bei Stimme war, ganz im Gegenteil, sie hatte Glanznummern wie “Gabriella’s Song”, wie ein hinreißendes “I can cook too” oder ein sehr schön gesungenes “Gold von den Sternen” … aber sie hatte auch Lieder zu interpretieren, die nicht ganz die ihren waren. Peter Fröhlich beispielsweise schickte sie mit folgender Anmoderation auf die Bühne:
“Wir erleben da eine Elisabeth, so ganz anders als das übliche Sisi-Bild. Sie züchtet ihre Originalität, sie hegt genauso ihre kranke Seele wie ihren wunderschönen Körper, den sie mit einem Taillenumfang von 48 Zentimetern und einem Gewicht von 40 Kilo immer gleichzuhalten bestrebt war, was ihr natürlich nicht immer leicht gefallen ist, vor allem in Wien. Wahrscheinlich war sie deshalb so selten da. Sie hat sich sehr oft in Irrenhäusern aufgehalten, hat die Öffentlichkeit immer mehr gemieden und hatte einen steten, liebgewonnenen Freund, den Tod.”
Berühmt ist das Wiener Publikum für sein Gekreische und den frenetischen Applaus. Nun, man musste den “Elisabeth”-Fans an diesem Abend verzeihen, dass sie Carin Filipcic mit ihrem Gejohle fast aus den Tönen gekippt hätten. Sowohl bei den Anfangstönen von “Ich gehör nur mir” als auch vor dem Schlusston kreischten sie ein wenig überambitioniert. Aber man darf es ihnen nicht übelnehmen, mit “Elisabeth” ists ja schon lang vorbei in der Bundeshauptstadt, und bis 2012, wenn die Kaiserin so sicher, wie die Kaisersemmeln auch dann noch blond sein werden, wieder in einem der VBW-Häuser zu sehen sein wird, ist es noch eine Zeit hin. Zum Teil wars natürlich auch das Arrangement, das die Fans austrickste. Es gab bei dieser Kürzestversion des “Elisabeth”-Hits keine Zeit vor dem langen, hohen Schlusston, und danach war wohl dann einigen auch gar nicht mehr so nach Klatschen und Johlen, denn Filipcic wurde vermutlich vom Jubel so getroffen, dass die reine Intonation flötenging. Generell wirkte die Ballade in ihrer Interpretation beschaulich, dann wieder angestrengt kreischig, gefühlsmäßig nicht mittig, wobei das Arrangement nicht wirklich gelungen war. Ohne Pause gings mit “Die Schatten werden länger” weiter. Wozu die Hektik, wieso die Songs nicht mit Ruhe auf die Bühne setzen … man wird es nie erfahren. Fowler verpatzte die “Schatten” mit Phrasierungen, die von der Idee großartig waren, die er aber nicht ausgestalten konnte; Lukas Perman lieferte das, was er auch im Theater an der Wien zu liefern imstande war. Auch die “Schatten” - bis ins Verstümmeln verkürzt auf knapp eine Minute.
Würde man noch einen Punkt kritisieren wollen, so könnte man die zahlreichen Mikro-Pannen anführen. Ganz schlimm erwischte es Lukas Perman ausgerechnet beim Song aus “Freudiana”: “Das Ödipus Dreieck”. Exakt bei seinem Einsatz eine extrem laute Störung. Perman meisterte die Panne souverän und so konnten Carin Filipcic, Thomas Borchert und er den Song aus “Freudiana” dennoch zu einem der Highlights des Abends gestalten. Marjan Shaki sorgte mit einem Lied für besonders großen Applaus: “A World of Wonder” aus dem Musical “Sophie’s World”. Und als Thomas Borchert ein einziges Mal an diesem Abend unkonzentriert war und den Einsatz bei “Totale Finsternis” verpatzte, war das nicht nur einer der sympathischsten Momente der Show, sondern auch einer der witzigsten, weil Shaki das ganze Lied hindurch von einem Lachkrampf zum nächsten taumelte, und dennoch die Nummer, sogar mit einem überraschenden Ende, nach Hause brachte. Natürlichkeit ist manchmal die halbe Miete.
Musical Forever 2
Musikalische Einstudierung: Caspar Richter
Regiekonzept/Choreographie: Jerome Knols
Künstlerische Leitung: Brigitta Thelen
Choreinstudierung und Korrepetition: Carsten Paap
Solisten: Marjan Shaki, Lisa Antoni, Carin Filipcic, Thomas Borchert, Lukas Perman und Rob Fowler
Ensemble: Daniela Harbauer, Martin Planz, Nina Weiss, Esther Mink, Barbara Obermeier, Fernand Delosch, Kai Hüsgen und Max Niemeyer
Akt 2
Moderation - Peter Fröhlich [3:41]
Conga – instrumental (»Wonderful Town«) [5:40]
Lonely town – Thomas Borchert (»On the Town«) [2:25]
Lucky to be me – Lukas Perman (»On the Town«) [2:45]
I can cook too – Carin Filipcic («On the Townâ€) [2:30]
A world of wonder – Marjan Shaki («Sophie’s Worldâ€) [5:00]
Moderation - Peter Fröhlich [2:00]
Herrscher der Welt – Lukas Perman, Rob Fowler, Kai Hüsgen, Ensemble («Romeo und Juliaâ€) [1:20]
Ohne Sie – Marjan Shaki, Lukas Perman («Romeo und Juliaâ€) [2:10]
Gethsemane – Rob Fowler (”Jesus Christ Superstar”) [8:30]
Moderation - Peter Fröhlich [3:00]
Ich hab geträumt von Manderley – Lisa Antoni (»Rebecca«) [1:40]
Golf – Ensemble (»Rebecca«) [0:50]
Rebecca – Carin Filipcic, Lisa Antoni (»Rebecca«) [1:30]
Moderation - Peter Fröhlich [2:10]
Ouverture – instrumental (»The Producers«) [0:55]
I love a piano – Thomas Borchert, (K.: Irving Berlin) [4:30]
Moderation - Peter Fröhlich [2:00]
Walzer – Ensemble (»Rudolf”) [1:00]
Vertrau in uns – Lisa Antoni (»Rudolf«) [2:10]
Totale Finsternis – Marjan Shaki, Thomas Borchert (»Tanz der Vampire«) [3:50]
Ansprache Caspar Richter [9:00]
Gabriella’s Song – Ensemble (»Wie im Himmel«) [3:50]
Moderation - Peter Fröhlich [1:00]
Tanz der Vampire (Finale II. Akt) – Ensemble (»Tanz der Vampire«) [2:10]
Ehrungen [11:00]
Zugabe: Rhythm of life – Alle (»Sweet Charity«) [2:25]
Statistiken
Moderation 1. Akt: 19:35
Musik 1. Akt: 42:47
Moderation, Ansprachen2. Akt: 34:51
Musik 2. Akt: 56 Minuten
Insgesamt
Musik: rund 99 Minuten
Ansprachen, Moderationen: 55 Minuten
Gesamtdauer: 2 Stunden und 42 Minuten inkl. Applaus
Martin Bruny am Samstag, den
19. Juni 2010 um 23:25 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Der britische Künstler Philip Ridley, geboren 1964 in London, studierte Malerei an der Central Saint Martins, präsentierte seine Bilder im Rahmen von Ausstellungen vor allem in Europa und Japan, und ein gewisses Maß an publicitywirksamem Schaffen war ihm schon als Student nicht fremd, malte er doch beispielsweise für einen Zyklus, den er »Corvus Cum« bezeichnete, das Bild »The Black Bird«, auf dem ein Mann zu sehen ist, der auf einen schwarzen Vogel ejakuliert. Als eben dieses Bild im Institute of Contemporary Arts seinerzeit ausgestellt wurde, gab es prompt erboste Anrufe von Besuchern der Ausstellung, die die Verantwortlichen aufforderten, das Kunstwerk hinter einem Vorhang auszustellen.
Philip Ridley ist aber nicht nur Maler, er ist auch Photograph, Regisseur und nicht zuletzt auch Autor. Der Schriftsteller Ridley schreibt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, und es ist einer seiner Einakter für Kinder, »Märchenherz« (»Fairytaleheart«), der derzeit, aber nur mehr bis zum 26. Juni, als österreichische Erstaufführung im Wiener Theater im Zentrum in einer Produktion des engagierten Theaters der Jugend zu sehen ist.
Kirsty hat ein Problem. Ihr Vater hat sich in eine neue Frau verliebt. Und diese Frau ist in Kirstys Augen grässlich, der Prototyp der “bösen Stiefmutter”. Sie will ihren Vater für sich selbst behalten. Bei der eigenen Geburtstagsparty reißt sie aus, um mit sich und ihrem Unglück alleine zu sein. Sie muss ihre Gedanken ordnen und landet mit ihrer hastig gepackten Reisetasche in einem verlassenen Gemeindesaal.
Dass hier nun Gideon auftaucht, passt ihr gar nicht. Und woher eigentlich kennt er ihren Namen? Warum quatscht er dauernd auf sie ein und will alles Mögliche von ihr wissen? Und was sollen all die vielen Farbtöpfe und diese große halbbemalte Leinwand?
Am besten wieder abhauen! – Doch Gideon ermuntert Kirsty dazu, mit ihm gemeinsam an seinem Bild zu malen und einzutauchen in eine Phantasiewelt – und die ist näher an der Wirklichkeit als vermutet. Für Kirsty erscheint vieles in einem neuen Licht. Vielleicht ist die neue Stiefmutter ja gar kein Monster? Vielleicht hat der Vater ja ein Recht auf eine neue Liebe? Vielleicht ist es ja Kirsty selbst, die nicht ganz richtig liegt mit ihren Ansichten und Meinungen …
Was beim Betreten des Zuschauerraums sofort ins Auge sticht, ist die Bühne. Und was für eine Bühne. Keine nackte, leere, sondern eine vollgepackte Bühne. Ein Kellerraum mit einer Nebennische, voller Utensilien, Becher, Körbe, Kisten, Eimer, Malbecher, Kerzen, Kerzen, Kerzen und vieles andere, Graffitis an den Wänden, viele Zeichnungen, unfertige Malarbeiten, Details, Details, Details - ein Schlaraffenland an Atmosphäre. Da wird nicht dem Trend der “nackten Bühne” nachgerannt, sondern mal ein Set geschaffen, in das man sich schon vor Beginn der Vorstellung einleben kann. Nicht, dass Phantasie nicht gefragt wäre in dieser Produktion, aber nicht auf dieser Ebene. Und das passt.
“Märchenherz” ist, neben allem anderen, was man darüber schreiben könnte, ein Stück, das vermittelt, wie man Menschen motivieren kann. Die Zuschauer erleben, wie schwer es sein kann, verschlossene, frustrierte, verzweifelte und oft enttäuschte Menschen zu motivieren, wie anstrengend, auch körperlich, es ist und wie sehr man sich selbst öffnen muss, damit sich der andere auch nur ein bisschen öffnet.
“Märchenherz” ist fast wie eine Art Workshop und demonstriert, wie man mit Phantasie Geschichten zum Klingen bringt, wie Geschichten die Phantasie zu Höchstleistungen anstacheln und wie man Menschen mit Phantasie und Geschichten zum Strahlen bringt, ihnen neue Hoffnung gibt, neue Perspektiven aufzeigt, wie Geschichten helfen können, über akute Krisensituationen hinwegzukommen.
All das erlebt man in Echtzeit, in 90 Minuten Spielzeit. Markus Schöttl spielt diesen grandiosen Geschichtenerzähler, dieses quirlige Powerpaket Gideon, der alles versucht, um Kirsty, gespielt von Nadine Kiesewalter, zunächst einmal abzulenken von ihren Problemen. Er macht alles an Faxen, was man in dem (Spiel-)Alter nur machen kann, und Philip Ridley weiß, wie man Kinder der angepeilten Altersstufe (ab 11 Jahren) erreicht. Markus Schöttl setzt das mit einer lebensfrohen, offenen, fröhlichen, in Phasen ekstatischen Darstellung des Jungen Gideon glaubhaft und mit viel Emotion, Kraft, Hingabe und Herz gespielt ungemein sympathisch um. In Nadine Kiesewalter hat er eine ideale Partnerin.
Philip Ridleys Ziel als Autor ist es, gutes Theater für Jugendliche zu machen. Das, so ist er überzeugt, sei keinesfalls leichter als gutes Theater für Erwachsene. In jedem Fall muss Theater etwas sein, so der Autor, das uns berührt, das Antworten auf die Fragen sucht, die uns in unserer Lebenswirklichkeit beschäftigen. Ridley glaubt fest daran, dass man durch Geschichten etwas bewegen kann, auf der Bühne und im wirklichen Leben. Mit “Märchenherz” setzt er diese Ansprüche an sich selbst glaubhaft um, und auf einer gewissen Ebene ist diese spannende und berührende Theateraufführung mit Sicherheit motivierender und hilfreicher in punkto Lebenbejahung als so manch teures Selbsthilfeseminar bei hochbezahlten Motivationstrainern.
Ab 11 Jahren ist das Stück empfohlen, gespielt wird es vom “Theater der Jugend”. Darf man sich als Erwachsener in dieses Stück reintrauen? Ja, man darf und man sollte noch die Chance nutzen, sich anzusehen, wie man Theater für Kinder und Jugendliche auch machen kann. Sieben Vorstellungen gibt es noch, und bestellen kann man problemlos die letzten Restkarten online mit Kreditkarte –> hier. Wer zuvor noch etwas Motivation braucht, kann sich auch Kritiken zum Stück durchlesen –> hier. Und dann nichts wie ab ins Theater - allein oder mit der ganzen Familie.
Märchenherz
von Philip Ridley / Deutsch von Andreas Pegler
Darsteller
Kristy: Nadine Kiesewalter
Gideon: Markus Schöttl
Leading Team
Regie: Frank Panhans
Bühne und Licht: Tom Presting
Kostüme: Katharina Mayer und Erika Peherstorfer
Malercoach: Kurt Urban
Dramaturgie: Marlene Schneider
Assistenz und Inspizienz: Clemens Pötsch
Hospitanz: Felix Metzner
Martin Bruny am Sonntag, den
6. Juni 2010 um 13:03 · gespeichert in Musical, Wien, Theater, 2010
An der Konservatorium Wien Privatuniversität scheinen in der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater derzeit spannende Umstellungen im Gang zu sein. Nehmen wir als Beispiel die Aufführungen der Musicalabteilung. Lange Zeit gab es die Möglichkeit, den ersten Jahrgang der Ausbildungsstätte im Laufe der ersten Monate eines Jahres im Rahmen einer kleinen Show zu erleben. Diese Shows, meistens Revuen, waren ohne Ausnahme sehenswert. Manches Mal wurde etwas prominenter auf die Aufführungen verwiesen, manchmal eher zurückhaltender, aber man wusste fast immer Bescheid und konnte so einen Jahrgang vom ersten öffentlichen Auftreten innerhalb des Studiums bis zur Diplomshow vier Jahre später im Auge behalten. 2010 ist man von diesem Prinzip abgegangen und hat eine “geheime” Aufführungssession in den institutseigenen Proberäumen abgehalten. Keine Ankündigung, kein Newsletter. Schade, ist doch das Vermitteln von Aufführungspraxis unter möglichst realitätsnahen Bedingungen ein blendend gewähltes Ziel des Konservatoriums. Die Show des ersten Jahrgangs intern abzuhalten, kommt ein wenig so rüber als wären a) die Neuen so schlecht, dass man sie extern nicht zeigen kann b) die finanziellen Mittel so knapp, dass man sie streichen musste, wobei da auch c) die Streichung der Show des 4. Jahrgangs mit ins Spiel kommt. Denn ab 2010 gibt es am Konservatorium zwar eine sogenannte Bachelor-Show, die entweder die klassische Revue ist, die man bisher gewohnt war, dann aber die Einzelperformances, die für die Abschlussprüfungen immer einstudiert und von den Studenten individuell gestaltet werden konnten, ersatzlos ablöst. Natürlich könnte sich auch d) die Meinung des einen oder anderen durchgesetzt haben, dass man ja ohnedies nur im ersten Jahr am Kons genügend Zeit “zum Lernen” zur Verfügung hat und es nur gut sei, dass es nicht durch Aufführungen gestört wird - was aber andererseits kein Argument ist, weil es ohnedies eine Aufführung gegeben hat, nur eben unter Ausschluss der Öffentlichkeit, daher also doch eher a) bis b). Wie auch immer, es scheint sich also was zu tun am Konservatorium, und es scheint darauf hinauszulaufen, dass die neuen Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung zwei Shows weniger die Möglichkeit haben, sich - nach außen - zu präsentieren. Aber vielleicht kommt auch alles anders - oder mehr Zeit “zum Lernen”?
Geht man davon aus, um wieder zum Anfangsstatement zurückzukommen, dass man an der Konservatorium Wien Privatuniversität Musicals unter anderem deshalb aufführt, um die Studenten an eine gewisse Realitätsnähe (hier allerdings, was die Arbeit am Theater betrifft) zu gewöhnen, dann, müsste man meinen, ist wohl eines der wichtigsten Ziele, auch den “Castingprozess” für eben diese Shows nicht so zu gestalten, als würde man sich in einer Märchenwelt à la Alice’s Wonderland befinden. Das Casting als kleiner Reality-Check, damit wird man im Alltag draußen, außerhalb der Schule, rasch konfrontiert, und wenn man vier Jahre lang in all den Schulproduktionen nur die kleinsten Rollen bekommen hat, dann stellt man sich mit Sicherheit schon lange vorher Fragen.
Natürlich ist man an einer Musicalschule etwas limitiert. Man hat all jene Studenten mit Rollen zu versorgen, die gerade eingeschrieben sind. Entscheidet man sich dafür, dass es wichtiger ist, ein bestimmtes Musical aufzuführen, als ein Musical zu finden, das man mit dem vorhandenen Potential aufführen kann, dann ist ein solcher Castingprozess etwas tricky (dafür die Wahl der Show unkomplizierter) - mitunter kann es vorkommen, dass man Rollen zu besetzen hat, die von den abteilungseigenen Studenten unmöglich alle abgedeckt werden können. Interessanterweise setzt das Konservatorium in letzer Zeit auf recht tanzbetonte Stücke. Ein Ruf als tanzorientierte Ausbildungsstätte indes wäre neu, auch wenn es vor ein paar Jahren Ansätze gab mit der kurzfristigen Verpflichtung eines Choreographen, der einen irren Kick in einen der Jahrgänge brachte. Doch in diesem Jahr greift ein anderer Ansatz verstärkt: das abteilungsverbindende Element, wir lieben ja alle das Schlagwort Vernetzung. Auf der Bühne sehen wir nicht nur die Studenten der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater, sondern auch Kollegen aus der Abteilung Ballett: Yi Yi Wang (mit einem fantastischen Tanzsolo im 2. Akt: “Jackies letzter Tanz”), Anna Schumacher, Kyra Chlebowski, Yue Yating und Manaho Shimokawa durchmischen sich mit dem Musical-Ensemble, und tatsächlich ist ihre virtuose Körperbeherrschung stellenweise so fesselnd, dass sie von den dagegen teilweise und fallweise abfallenden guten Movern der Musicalabteilung ablenken. Nur ein Problem gibts, oder zwei. Es ist nicht immer ganz der Rhythmus, den die Balletttänzer gewohnt sind, und: ist das Musicalgenre nicht jene Disziplin, die auf drei Fundamenten aufbaut: Gesang, Schauspiel … und Tanz? Wie auch immer, besser, man erkennt Defizite im eigenen Potential und versucht diese mit Talenten aus anderen Abteilungen bühnenwirksam zu kaschieren, als man blamiert sich auf offener Bühne. Die Tanzszenen bleiben allerdings vergleichsweise der Schwachpunkt der Aufführung. Gerade Glanznummern wie der Titelsong “Die wilde Party” leben von mehreren parallel ablaufenden Tanzeinheiten. Da matchen sich normalerweise mehrere Formationen, da liefert das Ensemble dazu eine perfekt auszuckende Tanzeinheit, das alles kann man nicht machen, wenn das Potential der einzelnen Studenten dafür (jetzt noch) nicht ausreicht. Die Lösung ist das rasche Übergehen in eine immer noch sehr wirksame Gruppenchoreographie, in der wieder die Kollegen aus der Ballettabteilung abtanzen, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her, während einige andere vergleichsweise spazierentanzen. Insgesamt gesehen aber kommen Szenen wie “Der Juggernaut” gut rüber.
Realitätsnähe scheint allerdings auch bei der Besetzung einer der Hauptrollen nicht ganz oben auf der Liste gestanden zu haben. Martina Lechner (3. Jahrgang) für die Rolle der Queenie zu besetzen, ist eine etwas eigenwillige Interpretation von Realitätsnähe. Da geht es nicht einfach darum, wie gut oder schlecht sich die Studentin macht, denn sie macht ihre Sache gut, sie passt einfach nicht in die Rolle. Weder Stimme noch Optik, und auch nicht die Art, wie sie sich zu bewegen imstande ist. Ist das für Martina Lechner eine große Belastung, sieht sie das anders? Man weiß es nicht. Man kann aber definitiv sagen, dass sie ihr Bestes gibt - und kann im Übrigen jegliche weitere Kritik unterlassen. Ihre Alternativbesetzung Miriam Mayr dagegen ist eine Queenie, vom ersten Moment an. Sie muss sich da nicht erst viel erarbeiten, sie hat das gewisse Etwas, das man sich nicht anschminken kann. Es hat auch etwas mit Körperhaltung, Körpersprache zu tun, das reicht bis hin zu Maske und Kostüm, das bei der einen Darstellerin ein harmonisches Ganzes ergibt und bei der anderen nicht. Mayr hat jetzt vielleicht (noch) nicht die Mörderstimme, aber ihre Interpretation der Queenie ist vielschichtig, sie hat eine ausdrucksstarke Mimik und kann der von ihr dargestellten Figur eine gewisse Tiefe verleihen, wobei es noch ein bisschen intensiver hätte sein können beispielsweise bei “Maybe I like it that way”, dessen zweideutige Eindeutigkeit ein wenig verloren geht.
Wunderbar Lena Brandt, die als Kate auf der Bühne steht. Spielt sie mit Martina Lechner ist ihr erstes Erscheinen auf der Bühne wie ein Bombeneinschlag, so als wäre der Broadway mitten im Leonie-Rysanek-Saal eingefahren, so verschieden wirken die Welten, die hier aufeinanderprallen. Im Zusammenspiel mit Miriam Mayr ist das ein vorzügliches Theatererlebnis. Lena Brandt ist vortrefflich bei Stimme, ihr “Juggernaut” ist sicher eines der Highlights des Abends.
Sie ist aber nicht der einzige Volltreffer. Laura Hempel beispielsweise, die als Mae die durchgeknallte Freundin von Eddie, dem Boxer, gibt, entspricht in ihrem Auftreten genau dem, was sie laut Rollenbeschreibung sein soll: klein, beknackt und süß. Bei ihr passt alles, Schauspiel, Gesang, Tanz, eine perfekte Rolle, ein Glücksfall. Auch Konstantin Zander als Boxer Eddie ist vom Typ her gut besetzt und schauspielerisch übezeugend, nur mit einer noch sehr belegten Stimme mit dabei. Als Lesbe Madelaine True verkauft Petra Straussova ihre große Solonummer “Eine altmodische Love-Story” schauspielerisch blendend, stimmlich okay.
Sind viele der Charaktere vom Buch her gut herausgeabeitet, so gibts dann auch noch die kleineren und ganz kleinen Partien wie Phil und Oscar, gespielt von Timo Verse und Sebastian Brandner. Timo Verse punktet mit guter Stimme, wo er die Chance bekommt, aber im Gegensatz zu den meisten “Typen” in “The Wild Party” sind Phil und Oscar fast statistenhafte Rollen, dasselbe trifft auf Max zu, gespielt von Johannes Sorgner. Er steht als “Partygast” als einziger Student des 1. Jahrgangs der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater auf der Bühne, hat eine kleine Gesangseinlage im Titelsong “Die wilde Party” und zeigt dabei, dass er Stimme mit Potential und eine natürliche, sympathische Bühnenpräsenz hat, vermutlich gut tanzen kann und ein kleiner großer vielversprechender Strahler ist - und das ist ja letztlich für eine Show, in der der 1. Jahrgang normalerweise gar nicht antritt, sehr viel.
In den männlichen Hauptrollen sind Oliver Liebl als Black und Christoph Messner als Burrs zu sehen. Messner ist in der Rolle eine Wucht, da steht jemand auf der Bühne, dem man gerne zusieht und in den man auch Vertrauen hat, dass er imstande ist, alles richtig zu machen. Da muss man nicht mitzittern, ob ein Ton richtig sitzt, sondern man freut sich am Variantenreichtum des Ausdrucks in jeder Beziehung, da versteht man vor allem auch jedes Wort, da sieht so gut wie nichts aufgesetzt aus, ein irrer Körpereinsatz fasziniert, das passt - mit Sicherheit die überragende Leistung im Rahmen der Show. Mit Oliver Liebl ist die Rolle einerseits nicht wirklich vom Konzept her ideal besetzt, aber die Gründe, warum Black so besetzt ist, und nicht anders, liegen auf der Hand. Schauspielerisch war Liebl auf einem guten, aber nicht beeindruckenden Niveau, stimmlich ebenso. Was er ausstrahlt, ist eine gewisse Selbstsicherheit, und am Rest arbeitet er noch.
Interessant das Bühnenbild, das einerseits aus eher leichten Elementen wie Tisch, Bett, Couch besteht und auf der anderen Seite ein schweres Hebe-Element aufweist, das eine andere Ebene der Handlung auf die Bühne trägt und dessen Heben und Senken an zwei wesentlichen Punkten des Musicals stehen. So spiegeln sich die Schwere der Themen und die manchmal vorhandene Leichtigkeit des Scores im Bühnenbild. Schön gemacht, wenn das die Idee dahinter war. Verantwortlich für das Bühnenbild ist Timo Verse, Student des 2. Jahrgangs (und in der Rolle des Phil auf der Bühne).
Die Inszenierung (Alexandra Frankmann-Koepp), die auf der Amstettener Fassung der Show von Hannes Muik und Werner Sobotka beruht, bietet an die zwei Stunden Top-Unterhaltung ohne jegliche Länge, nur ein Punkt stört: die Crux mit der Statisterie. Viele der Studenten haben, wenn sie nicht gerade ein Solo zu singen haben, die Aufgabe, Partygäste zu mimen. Sie tun das mitunter wie Karpfen, mit weit aufgerissenen Mündern - und hemmungslos übertriebener Gestik. Das ist ein Schwachpunkt, denn das lenkt vom Geschehen ab, zerreißt die Schärfentiefe, die eigentlich aufgebaut werden sollte, mit dem Fokus auf den Solisten und dem unscharfen Bereich der Statisterie.
Andrew Lippa verwendet für die Kompositionen in seiner Show zeitgenössische Stile, zitiert gleich mit dem ersten Ton des Scores Duke Ellingtons Jungle-Style mit seinem typischen Growling, und auch Kurt Weill ist ihm ein Begriff, andererseits bleibt er diesen Stilen nicht treu, sondern durchmischt Elemente der 1920er- bis 1990er-Jahre kunterbunt, bringt zum Jazz auch den Rock, R&B und Pop. Das spiegelt sich beispielsweise auch bei den Arrangements der Cast-CD aus dem Jahre 2000, wenn da im Opener “Queenie Was A Blonde” auf einmal E-Gitarren Verwendung finden. In der Version des Konservatoriums (Musikalische Leitung, Arrangements: Peter Uwira) sind keine E-Gitarren zu hören, den Bruch hat man sich erspart, und das ist gut so. Die Band hat ein Alt- und Tenorsaxophon sowie Klarinette und Querflöte (alle: Lisi Steiger) zur Verfügung, weiters am Klavier Peter Uwira, am Kontrabass Sebastian Küberl und am Schlagwerk Gerfried Krainer. Einziges Manko beim Schlagwerk, wofür der Schlagwerker nichts kann: In den Momenten, in denen die E-Drums auch tatsächlich wie kleine Plastikdöschen klingen, weil sie nunmal manchmal, nicht immer, so klingen, hinterlassen sie einen schlechten Eindruck. Aber ökonomische- und Platzgründe … ok. Die Band spielt um ihr Leben und bringt den aufregenden Vibe der Musik, die sexuelle Spannung bis hin zum dramaturgischen Höhepunkt großartig auf den Punkt.
Fazit: Zwei Stunden beste Unterhaltung auf für eine Schulproduktion sehr hohem Niveau mit einem beeindruckenden Christof Messner, und einer wunderbar spielenden Lena Brandt.
Leading Team
Buch, Musik und Liedtexte: Andrew Lippa
Original-Arrangements: Michael Gibson
Deutsche Übersetzung: Wolfgang Adenberg
Bearbeitung: Hannes Muik, Werner Sobotka
Musikalische Leitung, Arrangement: Peter Uwira
Regie, Produktionsleitung: Alexandra Frankmann-Koepp
Choreographie: Marcus Tesch
Dancecaptain: Astrid Nowak
Stage Combat: Mel Stein
Bühne: Timo Verse
Lichtdesign: Dulcinea Jan
Kostümdesign, Inspizienz, Requisite: Doris Richter
Kostüme: Kostümhaus Lippitsch
Konsultantin: Alexandra Fitzinger
Maske: Wilhelm Galli, Regina Tichy
Technische Koordination: Ernst Wilfinger
Bühnenmeister: Harald Lindermann
Bühnenbildbau: Stefan Michelfeit
Ton: Markus Urban, Florian Bogner
Verfolger: Vera Ledel
Garderobe: Heike Portisch
Band
Alt-, Tenorsaxophon, Klarinette, Querflöte: Lisi Stiger
Klavier: Peter Uwira
Kontrabass: Sebastian Küberl
E-Drums, Percussion: Gerfried Krainer
Cast
Queenie: Martina Lechner (3)* 27.05./29.05./01.06./Miriam Mayr (3) 26.05./28.05./31.05.
Burrs: Christof Messner (3)
Kate: Lena Brandt (3)
Black: Oliver Liebl (2)
Madelaine: Petra Straussova (3)
Oscar: Sebastian Brandmeir (2)
Phil: Timo Verse (2)
Eddie: Konstantin Zander (2)
Mae: Laura Hempel (2)
Nadine: Andreja Zidaric (2)
Dolores: Caroline Zins (2)
Sam: Florian Stanek (2)
Max: Johannes Sorgner (1)
Jackie: Yi Yi Wang (als Gast)**
Rose: Anna Schumacher (als Gast)**
Peggy: Kyra Chlebowski (als Gast)**
Babe: Yue Yating (als Gast)**
Ellie: Manaho Shimokawa (als Gast)**
Chor: Tanja Petrasek (1)(Franziska Kemna (1)/Salka Weber (1)/Alixa Klemm (1)/Dieter Hörmann (1)/Manuel Heuser (1)/Manuel Walcherberger (1)
* (3): Jahrgang, in dem sich der/die Studierende befindet
** Studierende(r) der Abteilung Ballett
Eine andere Meinung zur Show gibts –> hier, und eine nochmals andere, geschrieben von Sascha Sautner, wird in der nächsten Ausgabe von “musicals” erscheinen (August/September 2010).