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Archiv - Rezensionen

Kabarett Simpl: “Ich bin viele” [2010]

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“Ich bin viele”, so lautete der Titel jener Simpl-Revue, die bis Anfang Mai 2010 im Stammhaus des Unternehmens Simpl, dem Kabarett Simpl in der Wollzeile, zu sehen war. “Ich bin viele”, also die Bezeichnung des Programms, spiegelt eine kleine Misere der äußerst erfolgreichen Spaßschneiderei Simpl wider: Die Titel der stets ausverkauften Revuen stehen oft dermaßen lange vor dem Schreiben derselben fest, dass Bezeichnung und Inhalt bisweilen eher lose miteinander zu tun haben. Man wagt ja gar nicht daran zu denken, dass im kommenden September die neue Revue “Nach der Krise” an den Start geht, wir aber eigentlich noch mitten in selbiger stecken (werden). Mit ein bisschen Geschick wird sich da aber schon ein Weg finden lassen, klar. Man darf gespannt sein.

Getauft wurde das Programm “Ich bin viele” jedenfalls, weil man damit signalisieren wollte (damals, vor einem Jahr, als das Programm benannt und noch nicht geschrieben war), dass das Simpl sich “vermehrt” hat. Das Kabarett Vindobona gehört nun ebenso wie das Palais Nowak mit dazu zum Spaßimperium. Das war am Beginn der Spielzeit 2009/2010 noch neu, da war man voller Hoffnung, so richtig durchzustarten mit einer “Grätzl-Soap” im Vindobona und einem Boulevardklassiker im Palais Nowak. Mag sein, dass sich die ganz ganz großen Erwartungen diesbezüglich nicht zu 100 Prozent erfüllt haben. Aber “Nach der Krise”, also daran kann man sich ja halten, nach der Krise also wirds sicher ganz steil bergauf gehen. Doch auch schon mit der derzeit laufenden Wiederaufnahme im Palais Nowak, dem dem Meidlinger “L” frönenden Musical “Krawutzi Kaputzi”, sollte ein Erfolg gelingen. Und worauf wir uns alle gern freuen würden, wäre ein Nachfolger dieser Erfolgsproduktion aus der Feder von Johannes Glück. Sicher, Musicals sind eine schwierige Sache, es gibt keine Erfolgsgarantie, und doch sollte man dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Studiert man das Programmheft zur Show “Ich bin viele” vor der Show nicht, vertieft man sich nicht ein bisschen in das Vorwort, in dem traditionellerweise das Motto der Show so erklärt wird, dass man auch dann nicht wirklich eine Ahnung hat, worums gehen wird, weiß man diesmal noch weniger als sonst, womit mans zu tun bekommt. In der gesungenen Eröffnungsnummer erfahren wir, was wir alles sind: Studenten, Konsumenten, Arbeiter, Angestellte, Bettler, Philosophen, Spieler, Verlierer, … In der Confà©rence gleich daran anschließend erklärt man uns, dass das Motto “Ich bin viele” eine tiefenpsychologische Erkenntnis ist und auf Sigmund Freud zurückgeht - und Kinder, das wars praktisch. Ab da wird kaum mehr auf den Titel Bezug genommen, was folgt sind eine Reihe von Sketche und Gstanzln, die nicht wirklich unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Lassen wir also Titel Titel sein, is eh wurscht.

Neu dabei im Ensemble des Simpl: Roman Frankl, Wilbirg Helml und Claudia Rohnefeld. Alle drei haben “auch” einen musicalischen Background. So war Rohnefeld vor gar nicht allzu langer Zeit in Baden als Gavroche im Musical “Les Misà©rables” zu sehen und steht derzeit im Palais Nowak im Puppenmusical “Krawutzi Kaputzi” auf der Bühne. Wilbirg Helml hat 2009 ihre Ausbildung zur Musicaldarstellerin am Performing Center Austria beendet - und Roman Frankl kann, neben allem anderen, was er drauf hat, auch Musical (was er in dem diffusen geschichtsklitternden Habsburger-Musical der VBW, benannt “Die Habsburgischen”, zu beweisen wusste).

Aus den letzten Programmen kennt man die anderen Mitwirkenden: Thomas Smolej, Alexandra Schmid, Bernhard Murg und Ciro de Luca, der sich auch als Confà©rencier betätigt. Die Confà©rence, da hätte ich gerne mal einen Sir wie Roman Frankl gesehen und mal zur Abwechslung nicht Luca, der ein bisschen zu sehr auf der Schleim-Schiene fährt und bisweilen nervt. Andererseits kann er nichts für die teils platten Pointen, die man ihm geschrieben hat. Ein Beispiel? Na bitte:

Werner Faymann und Josef Pröll. In Fachkreisen werden sie Stan und Olli genannt, die Polen nennen sie Bolek und Lolek. Und wenn man den Pepi Pröll so anschaut, ich möcht ja glauben, sei Kernkompetenz is Fressen. Ein voller Bauch studiert nicht gern. Er schaut aus, wia zwa aufeinanderglegte Germknödel. Hams erm gesehn am Opernball? Zwa Schärpen: ane am Bauch und ane am Goder. Hat eine Rede gehalten in der Loge: “Meine Herren, die Koalition ist vor dem Platzen …”

Mit Verlaub: Auch für ein Programm, das sich nicht in Schneyder’sche Dimensionen schwingen möchte, reicht vulgäres Bashing nicht. Oder anders formuliert: Wir haben an Randgruppen die Raucher, das sind sie elitären Süchtler, die Damen und Herren Abgeordneten oder die Stammtischliteraten, die vielleicht an Lungenkrebs krepieren, aber quasi ihr Schicksal in Würde zu Ende pfauchen. Ein Raucher, vom Krebs abgemagert, grau im Gesicht - nicht witzig, geht gar nicht. Dann haben wir die bemitleidenswerten, aber doch meist liebenswert gezeichneten Säufer, für deren Suchtverhalten man natürlich im Weinland Österreich Verständnis hat und ein Tränchen verdrückt oder mit ihnen und über sie herzlich lacht, und in beiden Fällen ist es, trotz ärgster Überzeichnung, keine menschenverachtende Häme, vor allem in den Programmen des Simpl. Und dann haben wir eine Gruppe, auf die können wir spucken und sie mit unserer geifigen Häme übergießen, das sind die Bladen. Die sind das ja gewohnt, Mobbing von der Wiege bis zur Bahre. Alle drei Gruppen sind Süchtler, nur würde es nie jemandem einfallen, einen Raucher oder Säufer ausschließlich auf seine Sucht zu reduzieren. Man benutzt die Sucht quasi als Setting und führt die Süchtler in Szenen vor, parodiert sie gekonnt. Bei den Dicken reicht der Hinweis: “Schau, der Blade” - und schön gröhlt das Publikum, auch jenes des Simpl. Im aktuellen Simpl-Programm ist ein Dicker im Zentrum: Vizekanzler Josef Pröll. Ich meine, es ist eine Sache, den Vizekanzler aufgrund seiner völlig wahnwitzigen Amtsführung, aufgrund seiner primitiven Rhetorik und hoffnungsfroh bemühten Mimik und Gestik zu persiflieren und zu karikieren, da gäbe es weiß Gott viele Ansätze, und eine andere, gefühlte hundert Mal vom Bladen zu reden und den Mensch Pröll ausschließlich auf sein Äußeres zu reduzieren. Mit ein bisschen mehr Hirn kann man den Politiker Pröll satirisch überzeichnet wunderbar darstellen. Gerade das würde Sinn machen, denn das bloße Reduzieren, genau diese Mache ist völlig abstrahiert vom Politiker Pröll, zielt nur auf den Menschen ab und kann nur als Instrument des Verletzens in dieser Kurzform verwendet werden. Hier geht es allein darum, eine Gruppe von Suchtkranken der Häme preiszugeben. “Die blade Sau”, das ist das geflügelte Wort. Oh ja, sehr witzig, darüber lacht das Publikum. Besonders schön ist es ja, wenn die Essgestörten als Randgruppe von anderen Randgruppen mit Häme übergossen werden. Das erleben wir im alltäglichen Leben live genauso wie digital in Facebook, Twitter oder was auch immer. Eines ist sicher, an der untersten Stelle der Imageskala steht der Blade, alles andere kommt darüber, das bekommen die Kinder in der Schule mit und die Erwachsenen lachen darüber im Simpl. Auf seine Weise ist das ein Symptom, wie es zu Vorgängen kommen konnte, die wir alle schon vergessen wollten. Ich persönlich kann mit diesen bösartigen, billigen und brutalen Sequenzen des Programms nichts anfangen, ich kann mich aber auch schwer damit anfreunden, dass man eine Frau, so verwerflich ihre politische Gesinnung und ihr Tun auch ist, als “Legebatterie” bezeichnet, das alles ist widerwärtiger Gossenspaß, egal wie tatsächlich verachtenswert das Ziel des Angriffs sein mag. Da haben es sich die Autoren etwas zu leicht gemacht. Solche Scherze sind auch für einen Confà©rencier eher ein Bumerang, denn etwas von diesem billigen Bashing bleibt an seiner Person kleben.

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Nun sind diese Momente in der Simpl-Revue eben genau das: Momente. Die Confà©rence ist das schächste Glied in der Kette, da kommt auch noch mit Herrn Rogan ein Schwimmer von gestern vor, da wird der Papst exakt wie im letzten Programm kurz auf die Schippe genommen, das ist dann doch etwas schleißig. Dominiert wird das restliche Programm aber von einigen wirklich lustigen Sketchen wie beispielsweise dem “Nachsendeauftrag”, einem skurrilen Spaß, in dem Roman Frankl einen Polizeibeamten spielt, der mit Hilfe des Postjargons für eine verlorengegangene Omi eine “Nachsendeauftrag” erstellt. “Soll ma die Omi priority oder eingeschrieben zurückschicken?”

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In der Nummer “Harte Eisen” wird auf die nach wie vor aktuelle Einbrecherwelle eingegangen. Da tauschen sich die harten Burschen de Luca, Murg und Frankl über das beste Einbrecherwerkzeug aus, dessen Härte in Fekter gemessen wird, und da kommt das Programm dann sprachwitzmäßig endlich in Fahrt.

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Das ändert auch nicht die “Schottermitzi”, die als Sadomaso-Gesangsnummer angelegte Parodie der Innenministerin Fekter, die - etwas aus der Rolle - von der kleinen und so gar nicht nach Fekter aussehenden Claudia Rohnefeld gegeben wird. Der Text ist eine glasklare, beinharte Abrechnung mit der mitunter menschenverachtenden Politik von Maria Fekter, von Pressezensur bis zum Abschiebungsthema.

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Ein Klassiker schon jetzt: “Die Beichte”. Bernhard Murg spielt den als Prister verkleideten allmächtigen Zeitungsherausgeber Hans Dichand, der den österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann zur Buße nötigt. Als Faymann mit dabei und großartig: Ciro de Luca.

Dichand: Ich hab dich nicht nicht zu dem gemacht, der du bist, damit du denkst, sondern damit du glaubst, was in der Krone steht.
Faymann: Schaun sie, Herr Dichand, ich denke, auch als Sozialdemokrat muss man 2 bis 3 Prozent Eigenmeinung haben.

In diesem Sketch reiht sich eine Lachsalve an die andere. Schade ist, dass die Nummer nach der Bundespräsidentenwahl umgeschrieben werden musste und die neuen Pointen, was die Präsidentschaftskandidaten betrifft, nicht mehr wirklich punktgenau passen, dazu kommt eine schlaffe Schlusspointe, und wie schnell sich manche Personen aus dem öffentlichen Interesse verabschieden, kann man an diesem Sketch ebenfalls erleben. Markus Rogan wird als Vizekanzler ins Spiel gebracht. Lange ist es her, dass der ehemalige Liebling aller Wassersportler seine Karriere in einer römischen Provinzdisse versenkt hat. Ungefähr ebenso lange muss es her sein, dass die Sketchautoren Rogan in ihr Werk aufgenommen haben, ohne damals ahnen zu können, wie out er ein Jahr später sein würde. Sicher kann man nicht ständig ein Programm umschreiben, aber andererseits, man kann schon, wenn man will. Und man sollte vielleicht. Schlusspointe:

Dichand: Faymann, als Buße wirst du in Hinkunft deine Regierung nicht so führen als wärs eine rot-schwarze, sondern eine schwarz-blaue.
Faymann: Ja, das nehme ich gerne an und sage danke. Ich glaub, den Unterschied wird eh kana merken.

Was das Simpl immer im Programm hat, sind absolute Skurrilitäten. Kabarettdada, um Themen durch die völlig absurde Aufbereitung recht einprägsam rüberzubringen. Ein Sketch, bei dem das recht gelungen passiert, ist der “Kundenüberfall”. Hier überfallen mal nicht Kunden eine Bank, sondern die Angestellten die Kunden, weil sie in Finanznöten unterzugehen drohen. Wie eine kleine Screwball-Comedy aufgezwirbelt ist das unterhaltsamer Schmäh mit relevantem Hintergrund.

Herrlich der Sketch “Schutzschirm für alle”, in dem die Täter der aktuellen Finanzkrise, Banken und Industrielle, im Ministerium vorsprechen, um ihren finanziellen “Schutzschirm” abzuholen. Pointe sitzt an Pointe, und wenn dann mit Bernhard Murg ein kleiner bsoffener Spekulant reinplatzt, dann ist das Spaßfeuerwerk gezündet.

Sind Sie ein internationaler Banker, der sich an der Börse verspekuliert hat?
Nein ich bin ein nationaler Trinker, der sich am Gürtel verspekuliert hat.

Ciro de Luca, Thomas Smolej und Bernhard Murg harmonieren in dem Spaß wunderbar, inklusive einem vermutlich inszenierten “aus der Rolle Lehnen”, um das etwas zache Publikum aus der Reserve zu locken. Da verrutscht dann mal schnell “unabsichtlich” ein Toupet, einer der Schauspieler “vergisst” seinen Einsatz und improvisiert. Einer neckt den anderen, überrascht mit Fragen, die nicht in die Szene passen, wie “Bist du traurig?” - und am Ende hätten sogar noch alle Uwe Kröger-Fans einen Grund gehabt, ins Simpl zu gehen, denn der Name - fällt. Andererseits, inszeniert oder nicht, es ist so und so fast unmöglich, nicht über Bernhard Murg zu lachen, wenn er aufdreht. Der Mann ist wie eine Lachlawine, die alle mitreißt, ob sie wollen oder nicht. Auch seinen Kollegen Thomas Smolej, der gekonnt und mit ansteckender Spiellaune den toupetverrrutschten, mit Uwe Kröger verwechselten Ministeriumssekretär gibt. Ein Highlight des Abends. Ein relevanter Hintergrund, anfangs satirisch in Szene gesetzt, driftet mit Murg in wunderbar verspielte und großartig geschauspielerte Blödelei ab und lehnt sich dann, wenns nur mehr ums Toupetverrutschen und “Du schaust aus wie der Uwe Kröger” geht, ins völlig Abstruse Spaß machen. Mehr geht nicht. Keiner spielt Bsoffene so gut wie Murg, ein Virtuose der Artikulation und der Mimik und Gestik. Zum Zerkugeln.

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“Ich bin viele” ist zusammenfassend eine gelungene Sketchparade mit einem starken Team. Neuzugang Wilbirg Helml ist noch ein wenig unterschäftigt, andererseits zeigt sie auch schon in ihrem ersten Jahr am Simpl eine Qualität, die man nicht lernen kann: Wenn sie lacht, dann strahlt sie, und wenn sie strahlt, dann tut sie das ansteckend bis in die letzte Reihe. Eine Hoffnung für die Zukunft.

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Thomas Smolej hat sich in den letzten fünf Jahren zum Simpl-Allrounder entwickelt: Er ist ein Schauspieler mit viel Gespür für Dialekte, mit einer sehr sensitiven Art, die von ihm gespielten Charaktere anzulegen, und er ist Sänger, also genau das, was es braucht, um das Publikum überzeugend in die Sketche reinzuziehen, und ähnlich wie Wilbirg Helml hat er den Schalk in den Augen. In seiner Rollengestaltung outriert er, im Gegensatz zu Bernhard Murg, nicht auf Teufel komm raus, nein, da ist die Rollenaufteilung fixiert, und genau weil die beiden ihre Parts so perfekt umsetzen, gelingen ihnen immer wieder herrliche Szenen. In seinen Auftritten mit Murg ist Smolej eine angenehme Insel des Realen im Meer des Humorwahnsinns, auch wenn da immer wieder doch eine Portion Abseitiges mitschwingt, wie im Sketch “Auf der Wippe”, wo sich zwei verrückte Väter am Spielplatz unterhalten - der eine eine Karikatur eines Laissez-faire-Papis (Murg) und der andere der kühle besessene Hightech-Daddy, der jeden Pups seines Sohnemanns mit ausgeklügelten digitalen Messgeräten erfasst und die Daten als SMS sofort übermittelt bekommt. Auch dieser Sketch würde in einem “Best-off” der Saison sicher nicht fehlen.

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Roman Frankl ist der Schauspieler in der Truppe der Kabarettisten. Er serviert am besten knochentrocken seine Pointen, wenn er beispielsweise in einem Sktech als Arzt seiner Patientin lakonisch mitteilt:

Oh, liebe gnädige Frau, das gefällt mir aber gar nicht. Sie haben eine vergrößerte Prostata.

Was für ein perfekter Einstieg in einen hinreißenden Sketch. Und noch lustiger wird es, wenn Frankl dann und wann aus seiner Rolle kippt, Texte vergisst oder sich nicht mehr das Schmunzeln verkneifen kann angesichts eben jener Szenen, die er teilweise zu spielen hat.

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“A Ruah is im Hof” bietet Claudia Rohnefeld Gelegenheit, ihr Gespür für all die Prolopolitikerinnen auszupacken, die mit Meidlinger LLLLLs, keinem Gespür für Rhetorik und grundsätzlich falsch betonten Worten einfach - die Sprache des Mobs sprechen und das bei diversen Reden, Eröffnungen und Ansprachen so herrlich immer wieder beweisen. Manche davon schaffen es mitunter bis an die Spitze von Unternehmen wie Siemens oder an die Spitze der Wiener Grünen. Vielseitig ist Claudia Rohnefeld, mal toughe Fekter, dann, gemeinsam mit Ulknudel Alexandra Schmid, als Tussi am Damenklo, in einem der typischen reduziert verbalen Sketches des Simpl. Zwei Dummtussis am Klo vor dem Spiegel, vor sich hin schminkend Nonsens brabbelnd - eine Studie der Bambi-, Hasi-, Schmatzigesellschaft.

Fazit: Lustig wars wieder im Simpl. Ein bestens harmonierendes und gut gelauntes, verspieltes Ensemble hat so manche starke Nummer auf die Bühne gezaubert. Wir sehen uns “Nach der Krise”.

Kabarett Simpl: “Ich bin viele”
Eine kabarettistische Revue von Michael Niavarani und Albert Schmidleitner
Mit Beiträgen von Joachim Brandl, Martin Buchgraber, Roman Frankl, Johannes Glück, Hannes Muik, Claudia Rohnefeld und Fritz Schnidlecker.

Mitwirkende:
Mit: Wilbirg Helml, Claudia Rohnefeld, Alexandra Schmid, Roman Frankl, Ciro de Luca, Bernhard Murg und Thomas Smolej

Confà©rence: Ciro de Luca
Musikalische Leitung: Erwin Bader
Choreografie: Cedric Lee Bradley
Bühnenbild: Markus Windberger
Kostüme: Gaby Rajtora
Regie: Hannes Muik
Produktion: Albert Schmidleitner
Regieassistenz: Mag. Andrea Kern
Kostüme: Gaby Rajtora
Assistenz: Erika Brausewetter
Maske: Aurie Humme/Karoline Hatzl
Lichtdesign: Pepe Starmann
Sounddesign: Raphael Spannocchi
Licht und Ton: Christoph Skorjanec
Bühnentechnik: Mate Farago/Robert Glass/Linus Riepler

Mark Seibert: Musicalballads - Unplugged [2010]

seibert_.jpgFür seine erste Solo-CD hatte sich Musicaldarsteller Mark Seibert ein feines Konzept ausgedacht: Er wollte seine Lieblings-Popnummern, speziell arrangiert, einspielen. Nun wäre das an sich für einen Musicalsänger nichts Neues. Pop-CDs, Rock-CDs etc. von Musicaldarstellern kennen wir, allerdings in die Charts kommen sie nur bedingt, und wenn der Stil der Interpretationen allzu sehr von dem abdriftet, worauf der betreffende Sänger seine Karriere aufgebaut hat, wird es allzu oft schon gar nichts mit dem angestrebten Erfolg. Selbstverwirklichung ist ein schönes Konzept, aber es gibt auch Darsteller, die mit ihren Tonaufnahmen ein breites Publikum erreichen wollen.

Also hat sich der Musicaldarsteller Mark Seibert schließlich doch dafür entschieden, Musicalsongs aufzunehmen. Musicaldarsteller - Musicalsongs, einfache Sache. Wichtig war es ihm, nicht von Synthesizern begleitet zu werden, sondern echte Musiker an seiner Seite zu haben. Die von ihm ausgewählten Musicalballaden sollten live & unplugged rüberkommen. Bei der Besetzung der Band spielte nicht zuletzt, wo nicht, das Budget eine große Rolle. Orchester wäre nett gewesen, aber die VBW kosten dann doch mehr, als Seibert als Produzent zur Verfügung stand, und wie sollte er sich dann bei Liveauftritten begleiten lassen?

Ein gutes Marketingkonzept - es müssen ja auch Käufer gefunden werden - sind Duettpartner. Am besten Publikumslieblinge. Seibert hat ein paar gute Freunde eingeladen, wie Ana Milva Gomes, Willemijn Verkaik, Lukas Perman und Emma Hunter. Und auch Thomas Borchert ist dabei, ein Kollege, kein Freund, der beim gleichen Management unter Vertrag ist. Der Etablierte hat sich bereiterklärt, dem jungen Padawan mit seinem Namen zur Seite zu stehen. Das ist sympathisch. Jeder Duettpartner bringt potentielle Käufer mit ins Boot, ein Mann wie Borchert ein paar mehr. Das ist, neben dem künstlerischen, eben auch ein simpler kaufmännischer Aspekt.

“She’s like the Wind” ist es dann geworden, das Duett von Mark Seibert mit Thomas Borchert. Und wenn man die CD an internationalen Standards messen wollte, was man eigentlich immer machen sollte, hätte es die Nummer so nie auf eine CD schaffen dürfen. Das liegt nun nicht daran, dass Thomas Borchert und Mark Seibert es nicht zusammenbringen könnten, eine gute Aufnahme des Songs einzusingen, nur unter den gegebenen Umständen wohl dann doch nicht. Wie lief das Ganze ab? Wir versuchen uns das Ganze mal vorzustellen: Zuerst wurde, ganz normal, der Instrumentalpart für die CD eingespielt und aufgenommen, danach kamen die Gesangsparts dran. Seibert sang in Berlin seinen Teil ein, ohne zu wissen, was Borchert zeitversetzt in Wien im MG Sound Studio einsingen würde. Niemand hat dem guten Thomas Borchert, der gern mal mit einer Energie an Lieder rangeht, dass man meinen könnte, er würde am liebsten gleich das Mikro zerbeißen, wohl gesagt, wie man die Nummer anlegen wollte. Vielleicht war das in Wien gar niemandem klar. Interessant wäre es, zu erfahren, was sich die Tontechniker gedacht haben, die für den Endmix verantwortlich waren. Aber das werden wir wohl nie erfahren. Das Interessante ist, dass sich die meisten Rezensenten dieser CD auf das Duett “She’s like the wind” eingeschossen haben, und dass sich alle einig sind, Borchert trage die Schuld. Ich bin da eher der Ansicht, dass man beim Briefing gepatzt hat oder es gar keines gegeben hat, nach dem Motto: “She’s like the wind”, was soll da schon schiefgehen?

Für Sänger ist eines entscheidend, das ist so simpel und doch so schwer: die Songauswahl. Bei Mark Seiberts CD kann man Ansätze einer guten Songauswahl erkennen. So setzt er beispielsweise auf den aktuellen Broadwayhit “Next To Normal”. Für mich wäre eine Songauswahl dann perfekt, wenn sie imstande ist, dem jungen, sehr heutigen Sänger auch ein solches Image zu verleihen. Das wird mit ganz alten Hadern aus der “West Side Story” und mit völlig belanglosem Krempel aus dem Disney-Katalog wie “Aida”, “Hercules” und “Tarzan” schwer klappen. Ein Disney-Faible zu haben, ist eine Sache, aber dann wäre doch ein ganz neuartiger Zugang etwas spannender gewesen.

“Sunset Boulevard” kommt an sich gut interpretiert daher, aber an ein, zwei Stellen etwas unsauber intoniert. Da gibt es zu viele perfekte Aufnahmen am Markt, um das so rauszuschicken. Andere Songs klingen wie maßgeschneidert für Seibert. So passt “Du bist meine Welt” aus Frank Wildhorns “Rudolf” perfekt. Manche Lieder, die man sich vielleicht nicht gerade wünschen würde, wenn man die Wahl gehabt hätte, werden durch den einen oder anderen Duettpartner interessant, so beispielsweise “Moon River”, das Seibert gemeinsam mit Lukas Perman singt. Kein Musicalsong, aber man sollte dieses Duett wohl eher als Bonustrack werten, denn als Bestandteil des CD-Konzepts. Was “Moon River” betrifft, so stelle ich mir den Dialog zwischen Seibert und seinem Produzenten (wobei das dann ein Innerer Monolog gewesen sein müsste) ungefähr so vor:
Seibert: “Und mit dem Lukas sing ich Moon River, eine unserer Lieblingsnummern.”
Produzent: “Kommts Burschn, das is nicht euer Ernst.”
Es mag sicher einen netten Insider geben, warum “Moon River” auf dieser CD gelandet ist, ganz verständlich ist eine solche Songauswahl nicht. Interpretiert ist das Lied sehr schön. Auch da dürften die beiden Sänger nicht im selben Studio eingesungen haben, aber im Gegensatz zu Thomas Borchert hat Lukas Perman wohl nicht den Drang, Duettpartner einfach umzublasen.

Das Schlimmste dieser Produktion: die Arrangements. Je länger man sich in die Songs dieser CD vertieft, desto stärker gelangt man zu der Überzeugung, dass es sich dabei eigentlich ebenso um eine Debüt-CD des Violinisten Martin Funda handeln könnte, der sich für dieses Projekt ein paar Sänger ins Studio geholt hat. Die Violine ist zu dominant, das Cello ebenso. Beispiel: “She’s like the wind”. Wenn diese Aufnahme überhaupt eine gewisse Spannung erreicht, dann ausschließlich durch die Kraft, die Thomas Borchert in das Lied bringt, während rund um die Stimmen ein esoterisch angehauchtes Geigerl herumplätschert. Vielleicht hat Thomas Borchert das ja dermaßen genervt, dass er mit Absicht ein wenig zu viel Drive in seine Darbietung gelegt hat. Auch bei “No One But You” kann niemand sagen, was das beständige, fast ein wenig flat klingende Geigerl andauernd soll. Schlimmstes Beispiel: “Gethsemane”. Während Seibert eine überzeugende Gesangsleistung bietet, ist man beim Geigerl ratlos. Was ist dem Arrangeur da eingefallen? Fast hat man vor Augen, wie Jesus am Kreuz noch “Komm, Zigan, komm, Zigan, spiel mir was” ruft, so sehr lenkt dieses sinnlose Gestreiche vom eigentlichen Lied ab. Lied für Lied dasselbe Trauerspiel. Kaum klingt ein Arrangement wirklich gut, wie bei “Du bist meine Welt”, fängt ein unverständlich dominant reingemischter Geigenpart die Stimmung ab. Die Sänger müssen teilweise fast um ihr Leben singen.

Eine kleine Bemerkung zum Cover: völlig einfallslos, das Foto völlig belanglos, nicht sympathisch, nicht gewinnend. Nehmt doch Leute vom Fach für solche Shootings. Eine CD verkauft sich auch durchs Cover. Mark Seibert schaut auf seiner ersten Solo-CD in Schwarz und Weiß getränkt in die Vergangenheit. Was für eine verquere Aussage, was für ein schlechtes Image, auch im wortwörtlichen Sinne.

Fazit: Trotz allem eine gelungene CD, seit 23. April 2010 auch über MG-Sound Music Supply in Österreich erhältlich.

Mark Seibert: Musicalballads - Unplugged [2010]
Label: som
Ean: 4260182940044
Catalogue: somcd 045
PC: MG 250
Packaging: CD
Release: 23.04.2010

Tracks
01. You‘ll Be In My Heart (Disney‘s Tarzan)
02. No One But You (We Will Rock You)
03. She’s Like The Wind (Dirty Dancing) mit Thomas Borchert
04. Maria (West Side Story)
05. Solang ich Dich hab (Wicked - Die Hexen von Oz) mit Willemijn Verkaik
06. Sunset Boulevard (Sunset Boulevard)
07. I Will Be There (The Count Of Monte Cristo) mit Willemijn Verkaik
08. Go The Distance (Disney‘s Hercules)
09. Durch das Dunkel der Welt (Aida) mit Ana Milva Gomes
10. Gethsemane (Jesus Christ Superstar)
11. Du bist meine Welt (Rudolf - Affaire Mayerling) mit Ana Milva Gomes
12. A Light In The Dark (Next To Normal) mit Emma Hunter
13. Moon River (Breakfast at Tiffany‘s) mit Lukas Perman

Credits
Arrangements & Musikalische Leitung: Markus Syperek
Violine: Martin Funda
Cello: Jonathan Weigle
Bass: Guido Großmann
Drums, Percussion: Benjamin Ulrich
Gitarre: Greg Dinunzi
Piano: Markus Syperek
Vocal Coach: Christian Schleicher
Recording: Marcus Gorstein, Playground Records, Berlin
Mix: Martin “Atomic” Bohm, MG Sound Studios Wien
Mastering: Werner Weitschacher, MG Sound Studios Wien
Aufgenommen am 2., 3., 7., 8., 9. und 10. November in Berlin
Fotos: Karim Khawatmi, www.ilight-photography.com
Artwork: Sascha Oliver Bauer
Produced by: Mark Seibert

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Letztens im Theater –

— eine ehemals spannende Show — etwas belanglos. Routine lässt Theater manchmal langweilig werden. Wenn Gesten wie runtergespult wirken. Man kann sich noch erinnern, wie andere seinerzeit mit letztem Einsatz gespielt haben .. und jetzt so vergleichsweise wenig Einsatz, dafür aber so vergleichsweise viel Unechtes. Da - ein Ausbruch aus der Routine, also der Ton, puh, der war dann doch recht knapp, aber richtig oder falsch gibt es nicht mehr, hat mir wer unlängst gesagt. Alles nach Madonna ist sozusagen richtig, weil die hat ja immer zu tief gesungen und alle anderen haben sich darauf eingestellt. Klingt absurd, doch vielleicht ist es so? Ein kleines Perlchen Speichel am Kinn eines Hauptdarstellers lenkt beim großen Solo ab. Wird er es sich vor dem großen Schlusston noch abwischen? Wenn er zum Bett im Bühnenhintergrund geht und die Gelegenheit hätte, da er doch mit dem Rücken zum Publikum steht; vielleicht hat er es durch die Schminke gar nicht mitbekommen. Aber seine Tiefen kommen jetzt noch schöner, das ist etwas Positives, dafür ist auch er bei “seinem” Lied Routine pur. Die Highlights eines Abends. Ehemals war packende Naturgewalt auf der Bühne, immer mit sich selbst ringend, glühende Augen der Verzweiflung, mit Wucht alle Sinne, den ganzen Körper einsetzend. Jetzt steht da ein perfekt geschminkter Meister Propper, die schwarzen Linien an den Handkanten exakt gleich lang gezeichnet, wie mit einem Lineal gezogen. Das patentierte, geschützte und mit strengem Fotografierverbot belegte Schminkresultat wirkt, und dieser Wirkung ist sich der drahtige Herr auf der Bühne bewusst. Er weiß, dass ihm in seinem Panzer nicht viel passieren kann. Es sind bestimmte mechanische Bewegungen, die er ausführen muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Wenns gut geht. Wenn nicht, dann eben das nächste Mal. Es ist nur eine Vorstellung. Und die Zuschauer heute sind ohnedies nicht gut drauf. Gestern, ja gestern, da haben sie getobt, aber heute. Connection error. Shit happens. Rechts neben mir rauschen die Vampire über die Bühne und durch den Saal ab, am Rand schläft ein Elfjähriger fast ein. Kein Twilight-Effekt. Aber was will man mehr erwarten, hat ihm doch die Mama vor Showbeginn gesagt: “Also die ersten 30 Minuten passiert nichts, gar nichts.” Das Problem in diesem Theater: Wenn man vorne sitzt, hört man gut, aber man sieht zu viel, wenn man hinten sitzt, kann man sich einen Besuch eigentlich ersparen, weil man den Sound wie aus einer zerbeulten Blechdose gequirlt ins Gesicht geworfen bekommt. Also sitzt man vorne, ganz vorne .. und sieht jede aufgesetzte Mimik, dafür riecht man auch den Trockeneisnebel und zumindest hier: ein leichtes Erschauern; war er wirklich kühl oder ist das nur die Vorstellung, dass er kühl gewesen sein müsste. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nicht alles ist aufgesetzt. Aber zu viel. Musical ist Gesang, Tanz und Schauspiel. Manches kommt zu kurz. Manchmal fehlt es gleich an zwei Disziplinen, aber vielleicht alles nur Tagesverfassung. Keine Frage, wenn man das für sich als Scheitern bezeichnen will, dann ist es ein Scheitern auf angemessenem Niveau. Aber bei den Preisen? Am Ende der Show der Lipsyncing-Overkill. Singt da überhaupt jemand live? Ja, Masken, Tanzen und so weiter, alles bekannt, wie soll man bei der Rumhupferei auch noch singen? Bekannt aber auch die Geschichten, beispielsweise der Dialog zweier Amerikaner: “Hör mal, wieviele Leute hast du eben singen gehört? Und wie viele waren auf der Bühne.” So entstehen Gerüchte. Manche meinen gar, Stimmen zu hören, die sie in den 90er Jahren auf der Bühne gehört haben. Aber da habe ich einen Spezialisten an der Hand. Michael Kunze. Er beantwortet auf seiner Website jede Frage, auch wenn sie noch so blöd ist, Und blöd ist meine ja nicht. Die Antwort ist fast wie erwartet ausgefallen, aber immerhin kaum 24 Stunden später online: “Ganz sicher werden in der Wiener Produktion keine Playbacks einer älteren Aufführung verwendet. Es gibt vereinzelt Zuspielungen von Soundelementen, wie das bei allen großen Produktionen üblich und unerlässlich ist. Ansonsten lege ich auf Live-Musik bei meinen Musicals großen Wert. Gerade in Wien, wo das hervorragende Orchester der Vereinigten Bühnen im Orchestergraben sitzt, wäre eine Playbackeinspielung absurd.”
Wie ebenfalls erwartet pflanzen sich am Ende der Show die PlatzanweiserInnen in den GartenzwergenkostümInnen wie Bajonette auf. Man wartet gespannt auf die ersten Bekloppten, die fotografieren wollen. Hat doch der Graf am Beginn der Vorstellung per Tonband extra gesagt, dass Vampire auf Blitzlicht irgendwie reagieren. Vermutlich würden sie alle auf der Bühne verdampfen. Es ist das alte Thema. Also lassen wir das. Sogar darüber zu lästern wird langweilig. Die Einschulung würde mich nur interessieren. Es sind ja taktische Maßnahmen, die ergriffen werden. Dazu zählen: Blenden, Anbrüllen, Drohen. Passt eigentlich alles nicht ins Theater. Schnellen Schrittes mach ich mich mal zum Ausgang, hol mein Handy raus und schalts wieder ein, nicht ohne das prüfende Auge eines Gartenzwergs … im Vorbeigehen zu bemerken. Habe die Ehre, bis zum nächsten Mal.

Das Leben ist schön! Absolut, Uwe

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Etwas mehr als eineinhalb Stunden Schönklang schenkt uns Uwe-Fans MG-Sound/HitSquad Records mit der DVD-Veröffentlichung “Absolut Uwe”. Das Label bietet beeindruckende Ton- und Bildqualität, dem Meister kommt kein Missklang aus, das Ganze ist wunderbar … sagen wir abgemischt. Und wenn wir schon beim Abmischen sind: Das Interessanteste an “Absolut Uwe” ist sicher das absolute Geheimnis der Tonspur. Obwohl, was soll da schon so Geheimnisvolles dran sein?

Wie bei den meisten Künstlern hat man für diese DVD einfach live mitgeschnitten und ein bisschen was bearbeitet, das wars. Natürlich, ein klein wenig Bearbeitung muss sein, man kann keinem Künstler zumuten, ein Produkt quasi als Visitenkarte auf den Markt zu bringen, das nicht zumindest den Anschein erweckt, so produziert worden zu sein, dass es perfekt ist, absolut perfekt sozusagen, im Rahmen der Mittel. Ich meine, Uwe ist nicht Elvis, und “wirklich absolute” “Live”-DVDs sind doch sowieso nicht mehr als ein Mythos, oder?

Was die Performance von Uwe Kröger betrifft, so gut hat man den Meister ja in den ganzen letzten neun Jahren nicht mehr gehört. Absolut glauben wir ihm, dass er das live genau so gebracht hat. Absolut sind wir überzeugt, dass hier nicht im Tonstudio fast an jedem Song da ein bisschen geschnipselt und dort ein bisschen akustisches Botox injiziert wurde. Und selbst wenn, wer kommt heute ohne Botox und Augenlidstraffung aus. Ich meine, man muss ja schon froh sein, wenn man das Ganze nachher noch wiedererkennt - oder in real life, wenn der/die Betroffene nachher die “behandelten” Augen noch ganz zubekommt. Hach, so ist das eben im Künstlerleben. Showbusiness! Tadaaa!

Nie könnte man auf die Idee kommen, ein Bild vor sich zu haben, in dem Uwe Kröger seine eigene Performance quasi lippensynchron, in wochenlanger Kleinarbeit Take um Take, wieder und wieder einsingt, bis dann genügend Schnipsel vorhanden sind, um ganze Szenen zusammenzusetzen. Das wäre ja kompletter Irrsinn. Wenn man da und dort Uwe Kröger den Mund bewegen sieht, obwohl man ihn nicht singen hört, so liegt das am trockenen Auge des Betrachters. Absolut klar ist das allen. Wer wird sich über ein paar “babababaabdudbidu” bei zum Beispiel “Bin nur für die Liebe da”, die da zu wenig auf der Tonspur sind, schon beschweren. Es gibt ja afrikanische Künstler, die können irre Dinge mit ihren Stimmbändern machen, und vielleicht kann Uwe das auch. Nö, Uwe ist wieder absolut da und wird uns das total beweisen, bei seinen Konzerten im Sommer. Denn da wird er genauso gut singen wie auf DVD, denn die ist ja live, absolut live, und krank wird er diesmal sicher nicht vor der Vorstellungsserie, schließlich gibt es jetzt niemanden mehr, der helfend mit “Tralala, gerne opfert man einen Ton für eine Emotion” einspringt. Bis dahin hat er dann auch sein Ensemble zu Übungen verdonnert, damit es ohne all die schiefen Töne den Wohlgesang des Meisters adäquat unterstützt. Dass auf der DVD das Ensemble beispielsweise beim “Fame”-Medley derartig jenseitig performt, dass man sich nach dieser Sequenz gern mal eine Pinkelpause genehmigt, mein Gott. Es ist das Ensemble - so wichtig war es nicht, wirklich ALLES perfekt zu machen. Das liegt absolut nicht daran, dass Studiozeit Geld kostet, und das Ensemble etwa nicht wichtig genug wäre, um einige Stellen neu einzusingen, das ist einfach sagen wir mal passiert.

Die Frage ist auch, wieviel von dem, was nach dem Konzert im Tonstudio nicht neu aufgenommen wurde, nicht vorher schon als Playback existierte und einfach eingespielt wurde. Des Öfteren ist Uwe Kröger allein auf der Bühne und ein gar wunderbarer Chor begleitet ihn, allein, der Künstler ist tatsächlich allein auf der Bühne mit seiner Band - ohne “Ensemble”. Dass man sich da denken muss: “Ahja, klassischer Playback-Titel”, liegt das nicht auf der Hand? Vielleicht vermeiden die meisten Künstler bei Live-Konzerten daher solche Szenen. Naja, egal. Ist eben passiert, war ja nicht viel Zeit zum Proben, Ramesh Nair gab die Choreografie ab, Simon Eichenberger musste übernehmen, Vincent Bueno sagte seine Teilnahme ab - und dann noch der Stress aus lauter Freude über den Vorverkaufsrekord. Da musste man noch schnell eine Eilmeldung an die Medien rausformulieren, die dann folgendermaßen lautete:

“Absolut Uwe« erzielt absoluten Kartenverkaufsrekord! In nur zwei Wochen konnten beinahe 1000 Tickets für Uwe Krögers Sologeburtstagskonzert am 4.12. in der Wiener Stadthalle abgesetzt werden.

Na ist das nicht super? 1000 Tickets in zwei Wochen. Mal überlegen, wenn andere das Praterstadion in 10 Minuten ausverkaufen, wieviel Stadien würden die dann in zwei … Nein, das ist doch unfair. Und überhaupt, sicher hat ja das Ensemble absolut live von der Kantine aus gesungen … oder so.

Aber gehn wir weg vom Geheimnis der Tonspur. Die DVD hat zwei Highlights. Das eine: Pia Douwes generell und vor allem mit “All That Jazz“, das zweite: Uwe als Tänzer. Ja ehrlich, das hat was. “Dancing fool” aus Barry Manilows “Copacabana” ist schwungvoll, es ist mitreißend choreografiert und voller Elan auch von Uwe Kröger getanzt. Douwes’ “All that Jazz” ist der klassische Showstopper. Da merkt man jedes Mal, was für ein Genie Bob Fosse war, da hat auch MG Sound mit sehr guter Schnittarbeit zur tollen Wirkung beigetragen. Aber weil wir schon bei Barry Manilow sind. Ein paar Mitschnitte von Shows des legendären Entertainers sollte sich Uwe noch reinziehen. Kröger ist sicher auf gutem Weg zum Status eines Entertainers, wären da nicht manche noch ein wenig geschraubt klingende Moderationen. Würde da noch manches etwas natürlicher kommen und nicht im einstudierten Tonfall “Mr. de Winters”, wäre schon viel gewonnen. Szenenfolgen wie die völlig abstruse, wenig lustig erzählte und nicht auf den Punkt inszenierte “Kofferszene” und das darauf folgende mit Pathos zum Bersten gespickte “Stern” aus “Les Misà©rables”, das ungefähr das letzte Lied ist, das darauf passen würde - da kann man einfach nur sprachlos warten, bis das Entsetzen nachlässt. “Vater und Sohn” dagegen, ein Lied von Udo Jürgens, “Is it okay if I call you mine”, das sind Stilrichtungen, die Uwe Kröger vielleicht verstärkt in sein Repertoire aufnehmen sollte. Und Musical hat weit mehr zu bieten als “Das Phantom der Oper” oder “Les Misà©rables”, zwei Shows, mit denen Kröger live, und das mal ganz ohne Ironie: wirklich live, nicht mehr punkten wird können. Das ist ja das wahre Ärgernis, das hinter dieser DVD steckt. Sie täuscht etwas vor, was de facto nicht (mehr) existiert. Wenn die Fans damit leben können, ist das schön, aber nur mit seinen Fans wird Uwe Kröger auf Dauer keine Tourneen ausverkaufen. Er muss - als Sänger - LIVE mit stimmlicher Qualität überzeugen.

Die DVD hat auch bemerkenswerte Tiefpunkte. Ich beispielsweise habe noch nie erlebt, dass ein Darstellerensemble einen Showstopper wie “Let the sunshine in” dermaßen versenkt, wie es hier auf der DVD passiert. Die Choreografie wirkt peinlich, es ist auch absolutes Unvermögen zu spüren, das Publikum mitzureißen. Eines ist mal klar: Bei einer solchen Nummer hat am Ende der Sequenz keiner mehr zu sitzen. Bei “Absolut Uwe” saßen sie alle. Und man kann es ihnen nicht verübeln. Man wende sich an Rob Fowler. Er hat es im kleinen Finger, Performances so zu gestalten, dass die Zuschauer vor Begeisterung rasen.

Uwe Kröger konzentriert sich derzeit laut eigenen Angaben voll auf Auftritte mit dem Programm “Absolut Uwe”. Im Sommer stehen einige Konzerte in Österreich auf dem Programm, im Winter eine Deutschlandtournee. Die derzeit aktuellen Termine:

05.08.2010: Kufstein/Festung (mit Pia Douwes)
06.08.2010: Finkenstein/Burgarena (mit Pia Douwes)
07.08.2010: Tulln/Donaubühne
25.08.2010: Graz/Open Air Gelände/ Messehalle A

11.11. bis 28.11.2010: Deutschlandtournee (mit Annemieke van Dam)

Auch eine Autobiographie will Uwe Kröger veröffentlichen. Er schreibt, so die Formulierung, die der Sänger unlängst in der ORF-Show “Frühlingszeit” verwendet hat, er schreibt also selbst und lässt nicht schreiben, davon muss man jedenfalls nach dieser Aussage ausgehen. Man darf gespannt sein.

DVD: Absolut Uwe
VÖ: 19.3.2010
Label: HitSquad Records
Laufzeit: ca. 110 Min.

Tracklist

01. Chicago Ouvertüre (Chicago)
02. Bin nur für die Liebe da (Chicago)
03. Born free (Born free – Frei geboren)
04. California Dreamin’ – The Mamas and The Papas
05. Is it okay if I call you mine (Fame)
06. Hair Medley (Hair)
07. Starlight Express (Starlight Express)
08. Stern (Les Misà©rables)
09. Fame Medley (Fame)
10. Time of my life (Dirty Dancing)
11. Erinnerung (Cats)
12. Wenn ich tanzen will (Elisabeth)
13. Ich gehör nur mir (Elisabeth)
14. Der letzte Tanz (Elisabeth)
15. Goldfinger (James Bond)
16. Diamonds are forever (James Bond)
17. Unchained Melody (Ghost – Nachricht von Sam)
18. All I want
19. Vater und Sohn – Udo Jürgens
20. All that Jazz (Chicago)
21. Die Musik der Nacht (Das Phantom der Oper)
22. Das Phantom der Oper (Das Phantom der Oper)
23. Life is just a bowl of cherries (Fosse)
24. Dancing Fool (Copacabana)
25. The wind beneath my wings (Beaches – Freundinnnen)
26. Sweet Transvestite (The Rocky Horror Show)

27. Meine Herzwunschliste – My grown up Christmas List
28. Uwe Krögers privates Fotoalbum

PS: Kleine Anmerkung noch: Man kann mich ja gerne widerlegen und die Originaltonspur zum Download bereitstellen, dann hören wir uns das alle gemeinsam noch mal durch. Ansonsten, einfach mal darauf achten, wenn jemand schreibt “der Großteil klingt so wie im Konzert”.

PPS: Die Diskussion über die Sinnhaftigkeit, Existenzberechtigung dieses Blogs und worüber wir nicht sonst noch alles anhand von Uwe Kröger reden könnten, scheint dieses Mal ausgelagert in der Musicalzentrale über die Bühne zu gehen. Greifen Sie sich ein Cola und ein paar Fritten, zur Vorstellung gehts –> hier

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Georg Markus, Otto Schenk, Heinz Marecek, Elfriede Ott: Wenn’s euch nur gefällt – 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010

100 Jahre Wiener Kammerspiele, das war dem Wiener Amalthea Verlag Anlass, einen Jubiläumsband diesem traditionsreichen Theater zu widmen, einem Theater, mit dem man bis vor kurzem unter anderem den Begriff »Opas Lachtheater« assoziierte. In den 70er, 80er und 90er Jahren kultivierte man an diesem Haus das seichte Lustspiel mit – Hauptsache – Publikumslieblingen. Die regelmäßig ausverkauften Vorstellungen des damals als En-Suite-Betrieb geführten Theaters in der City von Wien sorgten dafür, dass sich das »Mutterhaus«, das Theater in der Josefstadt, der seriöseren Theaterliteratur widmen konnte. Als Herbert Föttinger 2006 das Haus als Direktor übernahm, positionierte er die Kammerspiele radikal neu, mit der Absicht, sie ins 21. Jahrhundert zu führen. Einzug hielten die moderne Stadtkomödie und (wieder) das Musiktheatergenre. »Im weißen Rössl« (2008), »Sugar – Manche mögen’s heiß« (2009), »Ladies Night« (2010), »Cabaret« (2010) und »Judy – Somewhere over the rainbow« (2011) lockten und locken neue Publikumsschichten ins Haus.
Musiktheater war an den Kammerspielen schon einmal populär: In den großen Ausstattungsrevuen und Operetten der 20er Jahre spielten hier Stars – und solche, die es später wurden, wie Peter Lorre oder Marlene Dietrich, in Wien 1927 unter anderem in der Operette »Wenn man zu dritt …« zu sehen – zwei Jahre später begann die Dietrich mit den Dreharbeiten zum »Blauen Engel«. Oder Luise Rainer, die von den Kammerspielen weg 1934 nach Hollywood vermittelt wurde und 1936 für ihre Darstellung der Anna Held in »The Great Ziegfeld« einen Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam.
Georg Markus, der Star unter den österreichischen Sachbuchautoren, schildert auf 105 Seiten die aufregende Geschichte der Kammerspiele, bringt viele unterhaltsame und auch tragische Geschichten über die vielen Publikumslieblinge des Hauses. Gleich drei dieser Lieblinge, Otto Schenk, Heinz Marecek und Elfriede Ott, führen in kurzen Erinnerungen den Leser hinter die Kulissen und vermitteln nicht zuletzt viele interessante Einblicke in das Handwerk des Schauspielens in einem En-Suite-Betrieb. Im Anhang findet man auf 63 Seiten alle Premieren des Hauses seit 1910 aufgelistet, mit dem Datum der Premierenvorstellung, Angaben zu den Autoren, der Regie und den Darstellern. Ein Stück (Wiener) Theatergeschichte, sehr lesenswert.

Georg Markus, Otto Schenk, Heinz Marecek, Elfriede Ott: Wenn’s euch nur gefällt – 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010. Mit einem Vorwort von Herbert Föttinger. Amalthea, Wien 2010. 208 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85002-724-3. EUR 24,95.

Laura Frankos: The Broadway Musical Quiz Book

Vor diesem Buch müsste man eigentlich ausdrücklich warnen. Zartbesaitete Musicalkenner könnten es nach den ersten der insgesamt mehr als 1200 Fragen einfach desillusioniert in die Ecke werfen, in der fixen Überzeugung, nicht allzu viel Ahnung vom Musicalgenre zu haben. Doch alles halb so wild: Erstens betreffen die in diesem Quizbuch gestellten Fragen »nur« das »Broadway-Musical«, zweitens hat es die Autorin geradezu darauf angelegt, nur den echten und wahren »Broadway-Babys« die Antworten leicht zu machen, drittens gibt es auch jede Menge weniger schwere Nüsse zu knacken, und überhaupt: So brauchbar das Werk als Quizbuch ist, hat Laura Frankos doch auch einfach ein informatives Kompendium von wissenswerten, höchst interessanten und bisweilen skurrilen Details aus der spannenden Broadway-Geschichte zusammengestellt.
Aufgeteilt hat sie ihren Fragenkatalog grob gesagt in zwei Akte und einige Sonderkapitel. Die Akte untergliedern sich in Szenen. Die ersten beiden »Szenen« des ersten Akts behandeln die großen Meister (Komponisten und Autoren) wie Leonard Bernstein, Kurt Weill, Jule Styne, Stephen Sondheim; die dritte Szene ist Choreographen gewidmet. In der »Pause« gibt es Unterhaltsames wie zum Beispiel ein »A Chorus Line Mini-Quiz«, bei dem zehn Fragen à  la »What former collaborator of Bennett’s did some uncredited (and unpaid!) work on the libretto while the show was still at the Public Theatre?« zu beantworten sind. Die Antwort: Neil Simon. Im Sonderkapitel »Setting« geht’s um Wissenswertes von Shows, die etwa in Italien, Frankreich, … spielen, oder aber man muss einer Figur eines Musicals eine bestimmte Wohnadresse zuordnen. »Time« widmet sich Produktionen von 1900 bis 2000 – die älteste Show, die im Buch Erwähnung findet, ist allerdings »The Black Crook« (1866), und das aktuellste Musical »Catch me if you can« (2010). Bonus-Broadway-Fragen widmen sich skurrileren Details: »What did John Gallagher, Jr., do with his handheld mike during »The Bitch of Living« on Spring Awakenings’s opening night at the Eugene O’Neill? (Antwort: »Good Lord, you people have dirty minds: here’s the truth: Gallagher brought his hand mike up to his mouth with such force on opening night that he chipped his front teeth.«) Oder aber der Bonus geht an die wahren Kenner, die Fragen wie die folgende beantworten können: »Which is the only show directed by Hal Prince not to receive a cast album recording?« (Antwort: »Roza« (1987) is the only show directed by Prince not to have a cast album recorded.«) Das Buch bietet thematische Fragenkataloge unter anderem zu Sport, Literatur und Geschichte in Musicals, es wird das Wissen bezüglich Broadwaystars, Komponisten, Regisseuren, Produzenten abgefragt, zwischendurch eingestreut finden sich amüsante Fragen zu »Sachthemen« wie Essen & Trinken, Nachtclubs & Ärzte in Musicals – oder Songtitel mit Zahlen.
Frankos Quellen sind hunderte Libretti, Memoiren, Biographien, Chroniken, Geschichtsbücher und Audio- sowie Videomaterial. Eine Bibliographie wäre nett gewesen, hätte aber wohl den Rahmen gesprengt. Die Autorin liefert im Antwortenteil oft reiches Hintergrundwissen, viele Einzelheiten, und so ist bei »The Broadway Quiz Book« Lesevergnügen garantiert, auch wenn man nicht alle Fragen zu den insgesamt mehr als 700 Musicals, die Erwähnung finden, beantworten kann.

Laura Frankos: The Broadway Musical Quiz Book. Foreword Peter Filichia. Applause Theatre & Cinema Books – An Imprint of Hal Leonard Corporation, New York 2010. 272 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4234-92675-7. $ 16.99.

Rolf Kutschera: Glück gehabt – Meine Erinnerungen / Peter Weck: War’s das? – Erinnerungen

Rolf Kutschera, geboren 1916 in Wien, und Peter Weck, geboren 1930 in Wien, prägten jeder auf seine Weise das Musicalgenre in Wien nachhaltig. 2010 legten beide ihre Autobiographien vor.
Der Pianist, Textautor, Komponist für Kabarett und von Chansons, Schauspieler und Regisseur Rolf Kutschera übernahm 1965 das herabgewirtschaftete Theater an der Wien, etablierte das Musical als Genre in Wien, revolutionierte hier auf seine Weise den Spielbetrieb und leitete es bis 1982.
Peter Weck putschte alles bisher Dagewesene am Musicalsektor Wiens, und auch im deutschsprachigen Raum. 1983 bis 1987 leitete er das Theater an der Wien, 1987 bis 1992 übernahm er die Generalintendanz der Vereinigten Bühnen Wien, die neben dem Theater an der Wien auch das Raimund Theater und das Ronacher umfassten. Sein größter Erfolg, »Elisabeth«, ist heute noch einer der wichtigsten Geldbringer der VBW.
»Glück gehabt« und »War’s das?«, so lauten die Titel der beiden Biographien der Theatermacher.
Während Rolf Kutschera dem Musical, seiner Arbeit am Theater an der Wien, breiten Raum in seiner Biographie einräumt, 129 Seiten von 285 Seiten, kommt Peter Weck mit, alles eingerechnet ca. 40 Seiten aus (von 344) – die haben es allerdings in sich.
Wecks Biographie ist wohl ausformuliert, tendenziell eher ironisch distanziert als zu gefühlsbetont, in einer Sprache geschrieben, die das Buch perfekt dafür erscheinen lässt, vom Autor vorgelesen zu werden. Man hört fast Wecks Stimme, wie er rezitiert. Das macht das Werk einfach und sehr angenehm lesbar. Das Wunderbare an Weck ist, dass er sich nie ein Blatt vor den Mund nimmt. So liebevoll er im Großteil seiner Memoiren über sein Schauspielerleben und seine Kollegen erzählt, so präzise und scharf wird er vergleichsweise in der Musicalabteilung des Buchs. Da stützt er sich auf exakte Zahlenangaben, zitiert beispielsweise aus einem Kontrollamtsbericht der Stadt Wien, um seinen Erfolg als Intendant zu betonieren: »Insgesamt wurden in den Jahren 1983 bis 2007 bei 20 Eigenproduktionen (…) 10,75 Millionen Karten verkauft (…) Die drei Produktionen ‚Elisabeth‘ (59,58 Mio. EUR), ‚Cats‘ (42,21 Mio. EUR) und ‚Phantom der Oper‘ (42 Mio. EUR) erwirtschafteten 42,9 Prozent der gesamten Kartenerlöse von 335,12 Mio. EUR.« Da wird mit der »roten Ursel«, Kulturstadträtin Ursula Pasterk, und Franz Häußler, nach all den Jahren, beinhart abgerechnet: »Das besonders Bedauerliche war, dass mein direkter Partner in Sachen Theaterleitung, Franz Häußler, nach anfänglicher Loyalität mir gegenüber, geleitet durch seinen vorauseilenden Gehorsam, den er politischen Entscheidungsträgern entgegenbrachte, diesen Personen gegenüber zum Jasager wurde. Soll von mir aus sein, jeder muss seinem Charakter entsprechend handeln. Aber was mich persönlich betraf: Er praktizierte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine teambezogene Arbeit mehr in der Geschäftsführung mit mir. So haben sich gegen Ende meiner Zeit mehr und mehr Dinge hinter meinem Rücken abgespielt.« Weck nützt seine Biographie, um – knapp – die Umstände darzulegen, unter denen er als Intendant agieren musste, wie man ihm unter anderem seine Erfolgsproduktion »Cats« im Ronacher abgeschossen hat, trotz ausverkaufter Vorstellungen bis zum Schluss und einer »Kostendeckung von über 100 Prozent«, er findet auch klare Worte, was die Schließung des »Tanz-Gesang-Studio Theater an der Wien« betrifft: »Es hieß von kulturpolitischer Seite – unterstützt von der kaufmännischen Leitung des Hauses –, es koste zu viel. Ein weiteres Argument lautete. ‚Wir werden doch nicht Musicaldarsteller ausbilden, die dann ins Ausland und nach Deutschland gehen …‘ So einen Unsinn muss man sich erst einmal einfallen lassen Aber man sieht, welche profunden Theaterleute die Geschicke nach mir übernommen haben. Mit einem Weitblick für die Sparte Musical, der dann dort hingeführt hat, wo man jetzt steht.” Wahre Worte, die die Biographie zur messerscharfen Analyse der Entwicklung bis heute machen. Diese Schärfe hat seine Berechtigung, war der erfolgreiche Weck doch während seiner Amtszeit ein von vielen Angefeindeter, der letztlich seine Konsequenzen zog und sich via Medien mit dem legendären Satz verabschiedete: »Ich gehe nicht im Bösen, aber ich werde freier atmen, wenn ich die Heuchelei nicht mehr ertragen muss.« Für alle Fans des ehemaligen Sängerknaben, verhinderten Dirigenten, (Theater-)Schauspielers und Regisseurs ist »War’s das?« ein ungemein unterhaltsames Werk geworden, in dem sich sehr wirksam und kurzweilig herausgearbeitet Anekdote an Anekdote reiht, Berührendes, Lustiges, Trauriges und Überraschendes, viele Blicke hinter die Kulissen der Theater-, Film- und TV-Landschaft, unterstützt durch eine hervorragend Bildauswahl.
Vor allem eines haben Peter Weck und Rolf Kutschera gemein: Beiden sagte man voraus, sie würden mit ihren Wiener Musicalplänen scheitern. Im Falle von Weck war das sein Vorhaben, Longrun-Produktionen in Wien zu etablieren, bei Kutschera das ehrgeizige Bestreben, das Theater an der Wien zu einem erfolgreichen Musicalhaus zu entwickeln. In den 32 Kapiteln des Musicalteil seines Buches spannt Kutschera den Bogen vom 21. Dezember 1965, der Premiere von »Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen«, bis zum 8. Dezember 1981, der Premiere von »Jesus Christ Superstar«. Kutschera schildert von jeder Produktion spannende und berührende Erlebnisse in einer Emotionen auslösenden Weise. Man spürt, wie sehr er bei der Auswahl, den Vorbereitungen und der Produktion jeder einzelnen Show emotionell beteiligt war. Das im Titel erwähnte »Glück«, das hatte Kutschera in Form eines glücklichen Händchens bei der Auswahl seiner Shows und Darsteller so manches Mal. Die Schnurren aus dem von der Wiener Bürokratie oft beeinflussten Theateralltag und über Eitelkeiten, Freuden und Niederlagen so mancher Wiener Publikumslieblinge sind herrlich – ein Blick zurück in die goldene alte Zeit, die für Kutschera so endete: »â€˜Jesus Christ Superstar‘ war das erste Musical in meiner Direktionszeit, wo alle Schauspieler mit Mikroports und Verstärkern sangen. […] Mit ‚Jesus Christ Superstar‘ und den weiteren Werken von Andrew Lloyd Webber begann die Zeit des elektronischen Musicals, wodurch sich ein vollkommen neuer Darstellungs- und Gesangsstil entwickelte. Meine Zeit des Musicals mit direktem Spiel und Gesang der Schauspieler, ohne elektronische Tonverstärkung, war vorbei.«
An der Sprache wurde bei Kutscheras Biographie weit weniger gefeilt als bei jener Wecks, doch dafür wirkt alles viel emotioneller, direkter. Letztlich sind beide Werke Mosaiksteine in einer Geschichte des Wiener Musicals und höchst lesenswert.

Rolf Kutschera: Glück gehabt – Meine Erinnerungen. Aufgezeichnet von Birgit Thiel. Mit einem Vorwort von Michael Heltau und einer Nachbetrachtung von Ernst Stankowski. Styria Verlag, Wien-Graz-Klagenfurt 2010. 288 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-222-13311-4. EUR 24,95.
Peter Weck: War’s das? – Erinnerungen. Mitarbeit: Felicitas Wolf. Amalthea Verlag, Wien 2010. 344 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85002-721-2. EUR 22,95.

Steven Suskin: Show Tunes

Steven Suskin ist Theater- und Musikkritiker u. a. für Variety und Playbill. 25 Jahre war der Autor im Theatermanagement und als Produzent tätig. 13 Bücher hat er bis dato veröffentlicht, darunter «Second Act Trouble”, «The Sound of Broadway Music” und «Opening Night on Broadway”.
2010 brachte Suskin die vierte Auflage seines Standardwerks «Show Tunes” auf den Markt. 1985 war die erste Auflage erschienen, mit dem Konzept als Basis, die Musicals der «bedeutendsten” Broadway-Komponisten, die sich bis 1985 aus dem Berufsleben zurückgezogen hatten oder verstorben waren, zu behandeln. Zwölf Komponisten plante Suskin für die erste Auflage ein, aber der Verlag erhob Einspruch. Ein Buch ohne Komponisten wie Sondheim, Styne oder Herman? Unvorstellbar! So wurden aus den zwölf insgesamt 30 Komponisten. Für die zweite Auflage, 1991, gab es keine Ergänzung. Der Grund: Megamusicals aus England beherrschten den Great White Way. Die dritte Auflage erschien 1999 mit einer Ergänzung um sechs Künstler, und in der nun vorliegenden Ausgabe sind wir bei insgesamt 40 Komponisten angelangt.
Suskins Ziel ist es, von jedem musikalischen Werk dieser Autoren, egal ob Broadway- oder Off-Broadway-Show, Nachtclub-Act, Eisrevue etc. das publizierte Notenmaterial und die publizierten Songs kommentiert aufzulisten. Vor Erscheinen der ersten Auflage von «Show Tunes” war das ein unübersichtliches Feld. Suskin schaffte es, wie Michael Feinstein in seinem Vorwort lobend hervorhebt, eine «komplette Chronik der verfügbaren Songs der behandelten Komponisten” zu erstellen. Das erforderte vom Autor oftmals reinste Detektivarbeit, gehen doch Rechteinhaber, Theaterbesitzer, Plattenlabels mit ihren Archivalien nicht immer sorgsam um. Feinstein weiß davon zu berichten: «I learned that many boxes of unique and irreplaceable musical theatre score housed in an old theatre basement in London had been destroyed. The theatre had been taken over by Andrew Lloyd Webber, and somebody had cleaned out the »useless« stuff taking up so much space in the basement. They saved the scores of all the warhorses like «Annie get your Gun” (those might be of use, they thought) but destroyed the obscure material – including several complete Gershwin scores and orchestrations.” Suskin machte sich auf die Suche auch nach den verschollensten Liedern und durchsuchte etwa die Bestände der Library of Congress, wo nicht katalogisiert ein reicher Schatz von Songs aus allen nur denkbaren Genres ab dem Jahre 1900 lagert.
In seinem in die Kapitel «Composers of the early years”, «New Composers of the 1940s, 1950s, and 1960s”, «New Composers of the 1970s and Beyond” und «Notable Scores by other Composers” gegliederten Werk bietet der Autor für jeden Künstler eine ausführliche Einleitung – eine Mischung aus Biographie und kritischer Einschätzung seines Werks. Untersucht wird bei allen Komponisten, warum sie so komponiert haben, wie sie komponiert haben, und wie es zur Zusammenarbeit mit ihren Partnern kam. Es wird versucht nachzuvollziehen, ob die Songs im Theater funktioniert haben und wie sich der Erfolg auf das weitere Schaffen ausgewirkt hat.
Die Aufnahme ins Buch an sich bedeutet nicht, dass mit dem einen oder anderen Komponisten nicht ordentlich ins Gericht gegangen wird. Der Autor hat eine fixe Idee, wie ein «ideales” Broadwaymusical musikalisch zu sein, welchen Kriterien es zu genügen hat. Etwas ruppig schert er vor allem die «jüngeren” Komponisten über diese seine Auffassung. Über Alan Menkens «Beauty and the Beast” meint er: »[It] was not taken seriously by critics or Broadwayites, just by ticket-buyers with plenty of spare cash for repeat visits and official souvenirs. Menken had his first Broadway musical, and a hit with a thirteen-year run at that. […] [Menken’s] stage work over the course of thirty years has had little effect: »Little shop of horrors« and not much else, other than two supermusicals centered on scores written for animated films. One tends to blame Disney for stealing him away from a potential theatre career; without Disney, though, Menken might very possibly still be unknown and unheard of, and tens of millions of dollars poorer.”
Man kann Suskin zugute halten, dass er dem wirtschaftlichen Erfolg der Werke eines Künstlers keine dominante Bedeutung zuweist. So liefert er eine der besten Biographien zu William Finn. Es ist, fast, eine Liebeserklärung an dieses musikalische Genie, »more noncommercial than Sondheim«, wie Suskin schreibt. »He has always seemed to do what he wants, the way he wants it. While he has proven to be a stubborn and sometimes indecipherable artist, it is his very unruliness that has resulted in some of the most remarkable musical theatre material of the last thirty years. And – with the addition of »A New Brain« and the songs collected in »Infinite Joy« and »Elegies« to »Falsettos« and »Falsettoland« – some of the most moving theatre music as well.”
Suskins kleine Sticheleien sind mitunter unterhaltsam, wenn er etwa über Maury Yestons »Phantom« scheibt: »The most surprising element in this twisted »Phantom« tale is that Yeston’s score is far more tuneful than you-know-who’s.«
Ein wenig zu bissig, untergriffig und auch inkonsequent zeigt Suskin sich bei einigen Komponisten. Ein Beispiel: Frank Wildhorn. Ist es Kritik oder Abrechnung? »»Jekyll & Hyde« was roundly roasted for its substandard material by critics and Broadwayites alike, but it proved to be one of those so-called audience shows, which enjoy a respectable run but eventually close several million dollars in the red. The writing is, perhaps, baldly bad at times; but then, the final director of the enterprise, Robin Phillips, wisely dressed things up with excessive, effective theatricality. Wildhorn quickly returned with «The Scarlet Pimpernel”, similar in style and quality. With the opening of «The Civil War”, Wildhorn hat three Broadway musicals running (briefly) simultaneously, which he trumpeted loudly in the press. When the final accounting was done, though, the three combined represented a loss in the neigbourhood of 15 million dollars, which Wildhorn did not trumpet loudly in the press.”
Suskins Werk ist ein Schatz, der Anhang ist massiv, mit einem Lied- und Show-Index, einer chronologischen Auflistung der Werke aller behandelten Künstler, einem Verzeichnis aller Mitarbeiter der Komponisten und einer Bibliographie. Auch wenn das Urteil manchmal hart ausfällt, die Biographien vor allem auch der Komponisten, die seit den siebziger Jahren wirken, wie Larry Grossman, Stephen Schwartz, Marvin Hamlisch, Alan Menken, William Finn, Maury Yeston, Stephen Flaherty, Michael John LaChiusa, Jason Robert Brown, Adam Guettel und Jeanine Tesori, sind großartig geschrieben, die komplette Auflistung aller ihrer Werke und Songs wird man in keinem anderen Werk finden. Sehr empfehlenswert!

Steven Suskin: Show Tunes – The Songs, Shows, and Careers of Broadway’s Major Composers. Oxford University Press, New York 2010. 600 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-19-531-407-6. $ 60.

The Noà«l Coward Reader (herausgegeben und kommentiert von Barry Day, mit einem Vorwort von Sir Cameron Mackintosh)

Keines der Musicals von Noà«l Coward wird heute auf der Welt irgendwo regelmäßig aufgeführt, keine Biographie ist bis dato über dieses vielleicht letzte »Universalgenie«, was die Fülle der künstlerischen Gebiete betrifft, in denen er kreativ gelebt hat, erschienen.
»There are probably greater painters than Noà«l, greater novelists than Noà«l, greater librettists, greater composers of music, greater singers, greater dancers, greater comedians, greater tragedians, greater stage producers, greater film directors, greater cabaret artists, greater TV stars. … If there are, they are fourteen different people. Only one man combined all fourteen different talents – The Master. Noà«l Coward.« – so Lord Louis Mountbatten über Coward.
1973 starb der Künstler im Alter von 73 Jahren, und statt einer profunden Biographie ist – immerhin – ein umfangreiches und ausführlich von Barry Day kommentiertes »Lesebuch« mit einigen der wichtigsten Texte Cowards erschienen – und auch mit einigem bis dato unveröffentlichten Material, beispielsweise dem unbekannten Bühnenstück »Time Remembered«.
Vielleicht wollte man Coward auch einfach keinen posthumen Grund zur Traurigkeit geben, meinte er doch gegen Ende seines Lebens: »The only thing that really saddens me over my demise is that I shall not be here to read the nonsense that will be written about me and my works and my motives … There will be lists of apocryphal jokes I never made and gleeful misquotations of words I never said. What a pity I shan’t be here to enjoy them!«
Mit drei Tony Awards wurde Noà«l Coward zu Lebzeiten ausgezeichnet: 1964 bekam er einen davon in der Kategorie »Bester Regisseur« für das Musical »High Spirits« sowie ebenfalls 1964 als »Best Author« des Musicals »The Girl Who Came to Supper«, einer Show, für die er die Musik und die Liedtexte verfasst hatte. Beide Produktionen waren nicht wirklich Erfolge. »High Spirits« brachte es auf 375 Vorstellungen, »The Girl Who Came to Supper« auf 112. 1970 schließlich wurde Coward der Tony Special Award für seine Verdienste um das Theater zugesprochen.
Das letzte Broaday-Musical mit Songs und Texten von Coward hieß »Oh, Coward!«. Es wurde 1972, noch zu Lebzeiten des Künstlers, Off-Broadway uraufgeführt und kam 1986 am Broadway heraus, wo es 56 Mal gespielt wurde. Seit 3. Januar 1987 ist der Broadway musicalmäßig Coward-frei. Dabei ist das Schaffen Cowards auch auf diesem Gebiet groß. Rund 20 Musicals, Revuen und musikalische Theaterstücke stammen aus seiner Feder.
In Barry Days »Noà«l Coward Reader” finden sich unter anderem Texte von berühmten Coward-Songs wie »Mad Dogs and Englishmen«, »The Stately Homes of England«, »I’ll See You Again«, »Someday I’ll Find You«, »Mad About the Boy«, »Sail Away«, »Mrs. Worthington« und viele andere mehr. Die Mischung, die der Herausgeber Barry Day zusammengestellt hat, ist abwechslungsreich: private Tagebucheintragungen, Briefe, Auszüge aus Stücken, Kurzgeschichten – es ist einiges vom Besten aus dem Schaffen des vielseitigen Theatermanns versammelt und bietet eine ideale Möglichkeit, sich in seine Welt einzulesen – und es bietet Einblicke, wie Coward in Selbstreflexion seine Arbeit beschreibt, etwa wie sein wohl größter »Hit« »I’ll See You Again« (ein Song aus seiner Show »Bitter Sweet«) entstanden ist: »The book had been completed long since, but the score hat been causing me trouble, until one day, when I was in a taxi on my way back to the [New York] apartment after a matinà©e [of his revue, »This Year of Grace!«] the »I’ll See You Again« waltz dropped into my mind, whole and complete, during a twenty-minute traffic block.”
Im Vorwort des Buchs versucht Cameron Mackintosh sich an einer Analyse, warum Cowards Shows es nicht in die Jetztzeit geschafft haben: »Musicals are funny things in that those that are most successful are the sum of their collaboration, rather than the single-minded vision of the author, however talented. Coward always professed to enjoy writing tunes more than wrestling with the technical aspects of lyric writing – despite being one of the great »rhymers« of all time:
«It’s one of those rules that the greatest fools obey,
Because the sun is much to sultry
And one must avoid ist ultry-violet rays”
Sheer genius.«
Ergänzt werden die im Buch versammelten Texte, Kommentare, Bühnenstücke, Liedtexte und vieles andere mehr durch 90 Abbildungen. Insgesamt ist dieser Ansatz, die Lebensgeschichte und das künstlerische Schaffen eines Menschen zu skizzieren, in Noà«l Cowards Fall vielleicht die beste Lösung. Sehr lesenswert.

The Noel Coward Reader (herausgegeben und kommentiert von Barry Day, mit einem Vorwort von Sir Cameron Mckintosh). Alfred A. Knopf, New York 2010. 606 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-307-27337-6. $ 39.95

Larry Stempel: Showtime

40 Jahre arbeitete Larry Stempel an seinem Werk »Showtime – A History of the Broadway Musical Theatre«. Auf 826 Seiten legte er sein Buch an, davon 139 Seiten Anhang (Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Register) und über 100 Abbildungen, von denen besonders jene aus der »Urzeit« des »Musical Theatre« eindrucksvoll sind. Etwa Programmzettel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, alte Ansichten von Theatern wie Philadelphias New Theater von 1794, aber natürlich auch von unvergessenen Stars wie Ethel Merman.
Bis zurück ins Jahr 1716 geht Stempel bei der Aufarbeitung der Geschichte des »Broadway Musical Theatre«. Es gilt, die Einflüsse zu untersuchen, und in Williamsburg, Virginia, war damals das erste Theater der USA mit einer Bühne anzutreffen. Eine Überfülle an Geschichte hat Stempel in sein Buch gepackt, vieles faszinierend zu lesen, manches zum Nachdenken anregend – für die letzten 40 Jahre des »Broadway Musicals« auch einiges Missverständliches.
Larry Stempel ist Musikdozent an der Fordham University in New York, wo er Kurse über Oper, Jazz, Broadway Musicals und Moderne Musik hält. Seine Publikationen reichen von einem Aufsatz in der Schweizerischen Musikzeitung zum Thema »Vareses ,Awkwardness‘ und die Symmetrie im Zwölftonrahmen« (1979) bis hin zu »,Street Scene‘ and the Enigma of Broadway Opera« (1986).
Das Problem der Definition dessen, was man unter »Musical Theatre« im Laufe der Zeit verstanden hat und heute versteht, zieht sich durch das ganze Buch. Früher war es noch vergleichsweise einfach. Minstrel Shows, Vaudeville, Operetten, das alles bewegt sich in halbwegs definierbarem Rahmen, ist musikwissenschaftlich einigermaßen gut aufgearbeitet, diese Einflüsse auf das amerikanische Musiktheater fasst Stempel großartig zusammen. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts nehmen die Definitionsübungen etwas krampfhaft zu: Musical Play, Musical Comedy, Folk-Operetta, Anti-Musical, Movical, … Stempel wird nicht müde, die neu auftauchenden Begriffe vorzustellen, Stücke einzuordnen, die Einordnung über Seiten zu diskutieren, etwa im Fall der »West Side Story« – ist es »Broadway Opera«, »Operetta«, »Musical Comedy« oder einfach »American Music Theatre«? Während er die vergangenen Epochen sehr rational angeht und ausgewogen von allen möglichen Seiten beleuchtet, während er großartige Analysen des »Goldenen Zeitalters« des Broadway liefert (und auch dessen Definition ausführlich diskutiert), ausgehend von der Uraufführung von »Oklahoma!« 1943, nimmt die Darstellung der letzten Jahrzehnte eine reichlich übertriebene kritische Schärfe an. Es scheint, als würde die Entwicklung ab dem Beginn des Rock eine für Stempel konsequent ins künstlerische Aus führende sein. Die Frage ist, ob das denn tatsächlich von einem musikwissenschaftlichen Standpunkt aus haltbar ist und hier nicht Stempel als zu parteiischer Sprecher, und weniger als objektiver Geschichtsschreiber, der so oft von ihm zitierten »Broadway Community« auftritt.
Ab den 70er Jahren, so vermittelt Stempel, heißt es von dem, was der Broadway einmal war, radikal Abschied zu nehmen; wenn man sich das genauer überlegt, ist das eine ziemlich lange Zeitperiode für eine Schwanengesang. Was macht es für Sinn, die Musicals von Andrew Lloyd Webber sowie Boublil & Schönberg auf 29 Seiten unter fragwürdigen Gesichtspunkten zu analysieren und sich in martialischen Metaphern zu verlieren, um schließlich diese Hemmungslosigkeit in Sätzen wie folgt gipfeln zu lassen: » More than simply challenging America’s postwar rule over the English-speaking musical stage, this ,British invasion‘ implied a sustained assault on the institution of Broadway itself.« »The triumph of ,Lez Mis‘ in global terms, in fact, and of ,Miss Saigon‘ by the same writers four years later, effectively transformed the British invasionary force into a multinational coalition.« Die Reaktion des Broadways auf die »britische Invasion«: Businessgiganten wie Live Entertainment (Livent), Inc. (»Kiss of the Spider Woman«, »Ragtime«) oder SFX Entertainment (»The Producers«, »Hairspray«) stiegen ins Geschäft ein und veränderten die Art und Weise, wie man Musicals am Broadway produzierte. Disney verhalf dem »Movical« zum Höhenflug: »The film sells the musical; the musical sells the film; both sell related mechandise; producers profit from all sales.« Beispiele: »Beauty and the Beast«, »The Lion King« aber auch »Dirty Rotten Soundrels« (2005), »Legally Blonde« (2007) oder Shrek The Musical« (2008). Es gebe nun zwar jede Menge Jobs, aber, und da zitiert Stempel Steve Swenson, einen Lichtdesigner: »The problem is that there‘s so much crap being staged that it‘s sort of hard to care much about the work you get, once you get it.«
Vom schnöden Kommerz, dem nun »industrialisierten« Musicalgenre, grenzt Stempel all jene Musicals ab, die ohne Happyend auskommen, ohne den typischen »Song«, die nicht lustig, sondern beißend in ihrem Humorverständnis sind, also mit einem Wort: unpopulär. Dem stellt er sinnigerweise ein Zitat von Wiley Hausam voran, der meint: »A musical doesn’t have to be popular to be artistically valuable. If it aspires to be art today, it’s probably more likely to achieve this status if it isn’t popular.« Hausam prägte für diese »unpopulären« Musicals den Begriff »Anti-Musical«, und Stempel reiht munter Werke von John LaChiusa, Adam Guettel, William Finn und Jason Robert Brown in diese Kategorie. Im selben Kapitel behandelt Stempel »Gay Musicals« wie »Falsettos« und »Hedwig and the Angry Inch«, um dann einzubiegen in das nächste und abschließende Kapitel: »Sondheim’s Children«, ein Subkapitel des Abschnitts »Another Broadway«. Dieses beginnt er mit dem Satz: »Writing history is a messy untertaking.« Oh ja, da hat er nur allzu recht, denn längst ist dem Geschichtsschreiber Stempel in diesem Buch die Übersicht abhandengekommen, die Schubladisierungen wirken nicht durchgängig plausibel. Im Kapitel »Sondheim‘s Children« finden wir Ausführungen zu Shows wie »Spring Awakening«, »Avenue Q«, »Wicked«, über die »Kinder« Sondheims wie Ricky Ian Gordon, mit 55 auch nicht mehr gerade der Jüngste, oder Jason Robert Brown, kann man Bekanntes auf knapp 9 Seiten nachlesen.
Am Ende seiner Ausführungen steht der Autor gänzlich unverstanden da, wenn er meint: Nowadays, one has to balance conflicting senses of what one actually means by Broadway: on one hand, the epicenter of the art and commerce of the American musical theater; on the other, an outpost for the most successful musicals of all time, which are neither American nor even Broadway-based at all. And one has to balance conflicting senses of what one means by the musical itself: on one hand, a live art form which remains essentially ,uncompromised by the distancing tool of technology‘; on the other, a mass cultural phenomenon, corporate controlled and technologically mediated at every turn. It is this very complexity that has dislodged us culturally from entertaining whatever more comfortable ideas of the Broadway musical we might once have harbored. And it amounts to perhaps the most disturbing of all distancing effects.«
So wird aus einem hochinteressanten Geschichtsbuch am Ende, wenn es in die Zielgerade Gegenwart einbiegt, eine bisweilen tendenziöse Glosse zur aktuellen Situation am Broadway, wie sie ein Mitglied der »Broadway Community« wohl eben nunmal empfinden muss.

Larry Stempel: Showtime - A History of the Broadway Musical Theatre. W. W. Norton & Company, Inc., New York 2010. 826 S.; (Hardcover) ISBN 978-0-393-06715-6. $ 39.95.

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