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Martin Bruny am Sonntag, den
13. Mai 2007 um 20:16 · gespeichert in Musical, Wien, Theater
Studentenshows an Musicalschulen werden unterschätzt. Generell. Das soll nicht heißen, dass diese Aufführungen nicht gut besucht sind, oft ist das Gegenteil der Fall und sie sind hoffnungslos ausverkauft. Gemessen an der Bedeutung, die diese Produktionen jedoch haben, werden sie dennoch unterschätzt. In Zeiten des Internet, wo Platz auf Websites ja nun wirklich nicht eine Frage der Kosten ist, wenn es um den einen oder anderen Artikel mehr geht, finden sich erstaunlich wenig Berichte im Netz über beispielsweise Abschluss-Shows von Musicalschulen. All die Online-Medien, die sich auch oder vor allem mit Musicals beschäftigen, würden sich doch anbieten, sollte man meinen. Ist es wirklich so reizvoll, nur über Big-Budget-Produktionen zu schreiben?
Warum sollte man auch über Studentenshows berichten? Nun, man hat die Chance, Talente zu erleben, bevor sie Karriere machen. Nicht, dass jedem Talent überhaupt eine Karriere vergönnt, nicht, dass der eine oder andere nicht ohnehin schon während seines Studiums längst von großen Bühnen engagiert worden ist, aber eine Performance im Rahmen des Studiums hat immer einen ganz eigenen Charme. Man sieht bei einem Abschlussjahrgang oft völlig unterschiedliche Levels und fragt sich ab und an, ob die Studenten, die ihre Abschluss-Show bringen, tatsächlich in ein und demselben Jahrgang sein können, aber so ist das eben. Vielleicht hatte mal jeder das Ziel, Musicalstar zu werden und entdeckt dann, dass er vielleicht doch besser nicht auf der Bühne, sondern im Theatermanagement (im weiteren Sinn) besser aufgehoben ist. Schaden wird ihm/ihr eine Ausbildung sicherlich auch dann nicht.
Wie auch immer, vom 30. April bis 2. Mai 2007 ging im Wiener Theater des Augenblicks die diesjährige Abschluss-Show der Performing Arts Studios Vienna über die Bühne. Im Gegensatz zu “1070 Wien”, der Produktion des Vorjahres, bei der es sich um ein eigens für diesen Zweck von Michael Schnack komponiertes Musical handelte, zeigten die neun Absolventen dieses Jahres eine Nummernrevue. Auf dem Programm (siehe unten) standen bekannte und ein paar weniger bekannte Songs aus “Fame”, “Elisabeth”, “The Scarlet Pimpernel” u. v. a.
Das Leading-Team der Produktion:
Gestaltung und Musikalische Leitung: Michael Schnack
Choreographien: Sabine Arthold & Ramesh Nair
Maske & Haare: headquarters
Kostümdesigns: Gabriele Tinodi
Bauten: Sandor Coti
Produktionsleitung: Eva Tatzber
Licht: Tommy Tatzber
Ton: Vienna Sound Vienna Light
Die Absolventen:
Caroline Ciglenec, Manuela Gager, Kerstin Löcker, Lydia Nassal, Alexander Moitzi, Lydia Nassall, Barbara Schmid, Nina Tatzber, Barbara Wanasek und Robert Weixler
Unterstützt wurden die Absolventen von Darstellern des 2. Jahrgangs:
Nicola Gravante, Daniela Lehner, Raphaela Pekovsek, Stefanie Riedelbauch, Gernot Romic, Isabel Trinkaus, Anna Weghuber und Melanie Maier

Es hat immer schon Abschlussjahrgänge an den Performing Arts und anderen Musicalschulen gegeben, die durch das eine oder andere ganz besonders große Talent geprägt waren. Überragend im aktuellen Abschlussjahrgang der Performing Arts: Alexander Moitzi. Schon bei »Musical Christmas«, der Weihnachtsshow der Vereinigten Bühnen Wien im Dezember 2006, war er aufgrund seiner Präzision, Ausstrahlung und Grazie herausragend. Sein tänzerisches Talent konnte er auch im Abschlussprogramm “The Next Generation” voll ausspielen, beispielsweise in sehr schön choreographierten (Sabine Arthold) Szenen aus »The Lion King«. Zusammen mit seinen gesanglichen und schauspielerischen Fähigkeiten, die er beispielsweise bei »Suddenly Seymour« (»Little Shop of Horrors«) oder “Time Warp” (”The Rocky Horror Show”) zeigen konnte, bietet er ein künstlerisches Gesamtpackage, um das sich jede Bühne reißen müsste.

Wenn Moitzi als tänzerisch überragend hervorsticht, so trifft dasselbe auf dem Gebiet des Gesangs auf Manuela Gager zu. Ihr “Jemand wie du” aus “Jekyll & Hyde” war makellos schön und ausdrucksstark, auch «Your Daddy’s Son« aus »Ragtime« – wunderbar gesungen.
Das Programm der Performing Arts war eine bunte Mischung aus Musicalknallern aller Richtungen. Das meiste hat funktioniert, bei der einen oder anderen Nummer ging die Rechnung nicht ganz auf. Frank Wildhorn wird ja immer nachgesagt, er würde oft nur einfache Popmelodien schreiben. Mag sein, dass vieles davon Pop ist, einfach zu bringen muss es dennoch nicht sein. »Into the fire« aus »The Scarlet Pimpernel« braucht einfach mehr als vier Studenten und ein Playback. Robert Weixler als Percy war in dieser Szene nicht zu beneiden, auch seine drei Kollegen konnten ihm nicht helfen, der Szene jene Wucht zu verleihen, die sie braucht. »The Scarlet Pimpernel« scheint ein Knackpunkt dieser Produktion gewesen zu sein, denn auch Barbara Schmid war etwas, sagen wir einsam bei »Now when the rain falls« (»The Scarlet Pimpernel«), dafür viel besser bei »Maybe this time« (»Cabaret«).
Insgesamt war »The Next Generation« eine äußerst unterhaltende Show. Die Performing Arts haben, im Gegensatz zum Vorjahr, wieder verstärkt das tänzerische Element betont, was sich wohl auch aus dem Umstand ergibt, dass man mit Moitzi einen Mann in der Truppe hat, dem man das eine oder andere Tanzsolo einfach choreographieren musste, weil es sonst ewig schade gewesen wäre.

Neben Moitzi und Gager werden sicher auch andere Darsteller aus diesem Abschlussjahrgang ihren Weg machen, beispielsweise Barbara Wanasek, die ein kleines bisschen an Bette Midler erinnert hat in ihrer Shownummer »Blow, Gabriel Blow« (»Anything Goes«), oder auch Gernot Romic (Duettpartner von Caroline Ciglenec bei »Friendship« (»Anything Goes«)), aber das ist noch Zukunftsmusik, denn er hat als Student des 2. Jahrgangs seine Abschluss-Show noch vor sich.
Wer den weiteren Weg der Absolventen der Performing Arts verfolgen will, auf der Homepage der Musicalschule werden die Engagements regelmäßig upgedatet. Die nächste große Produktion ist »High School Musical« – zu sehen im Herbst in der Wiener Stadthalle.
»The Next Generation« – die Songs
Hard Work (»Fame”)
Staging: Schnack
Gesamtes Ensemble
Fame (»Fame”)
Choreographie: Arthold
Carmen: Tatzber / Ensemble: Lager, Gravante, Lehner, Pekovsek, Riedelbauch, Romic, Schmid, Trinkaus, Wanasek, Weghuber / Booth: Löcker, Maier, Moitzi, Nassall, Weixler
Dance: ten; Looks:three (»A Chorus Line”)
Staging: Nair
Val: Ciglenec
Into the fire (»The Scarlet Pimpernel”)
Choreographie: Nair
Percy: Weixler / Kämpfer: Gravante, Moitzi, Romic
Now when the rain falls (»The Scarlet Pimpernel”)
Staging: Schnack
Barbara Schmid
Wenn ich dein Spiegel wär’ (»Elisabeth”)
Staging: Schnack
Rudolf: Moitzi / Elisabeth: Löcker / Zofe: Nassall
Mayerling (»Elisabeth”)
Choreographie: Nair
Rudolf: Moitzi / Totentänzer: Ciglenec, Maier, Pekovsek, Schmid, Tatzber / DerTod: Gravante
Ich gehör’ nur mir (»Elisabeth”)
Elisabeth: Löcker
White boys (»Hair”)
Choreographie: Nair
Ciglenec, Maier, Nassall, Pekovsek, Schmid, Tatzber, Wanasek
Aquarius/Let the sunshine in (»Hair”)
Choreographie: Arthold
Gager / Ensemble: Gravante, Lehner, Löcker, Moitzi, Riedelbauch, Romic, Trinkaus, Weghuber, Weixler / Booth-Chor: Ciglenec, Maier, Pekovsek, Schmid, Tatzber, Wanasek
Zuhaus (»Die Schöne und das Biest”)
Staging: Schnack
Belle: Nassall
Circle of life (»The Lion King”)
Choreographie: Arthold / Staging: Schnack
Rafiki: Wanasek, gesamtes Ensemble, Tanz: Schmid, Moitzi
Shadowland (»The Lion King”)
Choreographie: Arthold
Ciglenec, Maier, Pekovsek, Schmid, Moitzi, Tatzber
Totale Finsternis (»Tanz der Vampire”)
Staging: Schnack
Sarah: Löcker, Krolock: Weixler / Booth: Gager, Gravante, Lehner, Nassall, Riedelbauch, Romic, Trinkaus, Wanasek, Weghuber
Tanz der Vampire (»Tanz der Vampire”)
Choreographie: Arthold
Gesangsensemble: Gager, Trinkaus, Weghuber, Gravante, Moitzi / Tanzensemble: Lehner, Maier, Nassall, Pekovsek, Riedelbauch, Schmid, Tatzber, Wanasek / Booth-Chor: Ciglenec, Löcker, Romic, Weixler
Stepping out with my baby
Choreographie: Nair
Nassall, Moitzi / Ensemble: Ciglenec , Lehner , Maier , Pekovsek , Riedelbauch , Schmid , Tatzber
Jemand wie du (»Jekyll & Hyde”)
Lucy: Gager
Friendship (»Anything goes”)
Staging: Nair
Reno: Ciglenec, Moonface: Romic
Blow, Gabriel, blow (»Anything goes”)
Choreographie: Nair
Reno: Wanasek, Ensemble: Gravante, Lehner, Trinkaus, Gager, Nassall, Romic, Riedelbauch, Weghuber / Booth-Chor: Löcker, Moitzi, Pekovsek, Schmid, Tatzber, Weixler
Suddenly Seymour (»Little Shop of Horrors”)
Choreographie: Nair, Staging: Schnack
Tatzber, Moitzi / Girls: Lehner, Trinkaus, Weghuber
Maybe this time (»Cabaret”)
Schmid
Your Daddy’s Son (»Ragtime”)
Staging: Eisenberg
Sarah: Gager
Over at the Frankenstein Place (»The Rocky Horror Show”)
Staging: Schnack
Brad: Romic, Janet: Schmid, Riff-Raff: Moitzi, Magenta: Tatzber, Columbia: Nassall
Time Warp (»The Rocky Horror Show”)
Choreographie: Arthold
Riff-Raff: Moitzi, Magenta: Tatzber, Erzähler: Weixler, Columbia: Nassall / Gesamtes Ensemble
Seasons of love (”Rent”)
Ensemble
Martin Bruny am Mittwoch, den
2. Mai 2007 um 13:37 · gespeichert in Musical, Wien, Theater, Sprache, Theater

Zippeti Zappeti Zeppeti-Zupp,
einmal Schwipp und einmal Schwupp,
Piffzipaffzi Trallalla,
und der Kasperl, der ist da!
Seid ihr auch alle da?
[Arminio Rothstein: Kasperls Spruch — Download]
Im Kabarett Simpl derzeit zu sehen: “Krawutzi Kaputzi”, mit den Untertiteln: “Das Sozialdrama” und “Strengstes Jugendverbot”. Geht man vom Theater aus, in dem sich das Ganze abspielt, so könnte man eine der am Hause üblichen Kabarettproduktionen erwarten. Das Simpl (1912 als “Bierkabaret Simplicissimus” gegründet und damit das älteste noch immer bespielte deutschsprachige Kabarett) ist für zwerchfellstrapazierende kabarettistische Revuen berühmt. Wer diese Erwartungshaltung hat, wird nicht enttäuscht. “Krawutzi Kaputzi” ist, unter anderem, auch ein Stück herrliches Kabarett, nur eben einen Dreh anders.
“Krawutzi Kaputzi” ist aber auch eine Hommage an all jene Künstler, die die Puppenspielfiguren, die Stars der Show, geschaffen
haben. Dem Programmheft kann man Angaben dazu nicht entnehmen. Da heißt es zu, sagen wir mal “Zwerg Bumsti”, einer der Nebenfiguren der Show: “52, Kaufmann, Biertrinker, Verzahrer”. Wollte man exakt sein, müsste man sagen: Falsch. Bumsti ist schon 60, denn Teja Aicher, ein Wiener Künstler, hat den kleinen pausbäckigen “Zwerg Bumsti” als Comicfigur im Jahre 1947 erfunden.
Kasperl, die Gans Mimi, der Zauberer Tintifax, Helmi - all diese Figuren wiederum haben Arminio und Christine Rothstein zum Leben
erweckt. Arminio Rothstein (1927-1994), besser bekannt als Clown Habakuk, war ein österreichischer akademischer Maler, Puppenmacher und Puppenspieler, Drehbuchautor und Buchautor, Musiker, Zauberer und AHS-Professor. Von 1968-1994 arbeitete er beim Kinderfernsehen des ORF und entwickelte Sendungen, in denen Puppen mit ihm selbst als Clown Habakuk und anderen Menschen interagierten.
Die “Familie Petz” wiederum, die einen anderen Teil der “Cast” von “Krawutzi Kaputzi” beistellt, als da sind Pezi, Großvater, Pezis Freund Fips (eine Maus), die Katze Minki und die Ziege Meckerle, ist Star der ORF-Sendereihe “Betthupferl”. 198 Folgen davon produzierte das Wiener Urania Puppentheater für den ORF. Der Titel der Simpl-Show, “Krawutzi-Kaputzi” (Download), ist Pezis Standard-Ruf, wenn er wieder mal Unfug angestellt hat und aufgeflogen ist. So würde sich auch noch die eine oder andere Puppenspielserie anführen lassen, aus der die Macher der Simpl-Show ihr Personal rekrutierten - Sendungen, die zum Teil seit 1957 vom ORF ausgestrahlt werden.

Natürlich hat das Simpl nicht den kleinen Pezi auf die Bühne gestellt und mit ihm ein Puppentheater für Kinder inszeniert. Pezi ist
in “Krawutzi Kaputzi” vielmehr 29 Jahre alt, hat sein Boku-Studium noch immer nicht abgeschlossen, und steht kurz vor seinem -
1000. One-Night-Stand (das macht 1,46 One-Night-Stands die Woche, bei einem Start im 16. Lebensjahr, wie ihm Fipsi, sein Freund, akribisch ausrechnet). Sein Großvati hat zwei Schlaganfälle hinter sich, und da er erst mit 60 begonnen hat für seine Pensionsversicherung einzuzahlen, steht er noch immer in seinem Geschäft. Fips, die graue Maus, ist beruflich erfolgreich im Bankgewerbe tätig und schwul, aber niemand in seiner Umgebung weiß von dem einen noch von dem anderen. Erste Kontakte in die Szene knüpft er auf der Single-Plattform gayromeo.at als “TraumMaus31W” und lernt dort ausgerechnet “Helmi”, 45, arbeitslos, depressiv, spielsüchtig und hoch verschuldet, kennen, der ebenfalls unter einem “vielsagenden” Pseudonym auf Männerjagd ist. Bevor Pezi den 1000er einlochen kann, taucht Minki auf, die fescheste Katz von Meidling, Pezis Jugendliebe. In Herrn Özgüls Internetcafà© treffen Pezi und Minki aufeinander - und verlieben sich. Stammgäste bei Özgül sind auch die Gans Mimi, eine erfolgreiche Chansonette im Klimakterium, die Eheprobleme mit dem Drachen Dagobert hat. Der schaut sich nämlich im Internet ständig Pornos an und bringt außer “Bussi Bussi” kaum ein vernünftiges Wort raus. Statt auf “duden.de” an seinem Wortschatz zu arbeiten, surft er auf “tuttln.at” und ist da ganz in seinem Element. Als auch noch die beiden Penner Kasperl und Tintifax auftauchen und Großvatis Trafik überfallen wollen, ist das Chaos perfekt.

In bester “Avenue Q”- oder auch “Villa Sonnenschein”-Manier werden die Puppen von Darstellern geführt. Die Puppenspieler leihen den Puppen ihre Stimme, sie tanzen, sie agieren, so als wären sie eins. Mitunter wird dieses Konzept gebrochen, wenn beispielsweise eine Puppe von ihrem Puppenspieler Hilfe bei Tätigkeiten verlangt, die die Puppe als solche nicht verrichten kann (Blumen aus dem Blumenpapier auswickeln zum Beispiel). Man könnte meinen, dass dieses Konzept etwas verwirrend ist, weil man sich weder auf die Puppen noch auf die Darsteller voll konzentrieren kann. Das Problem löst sich aber nach einigen Minuten von selbst, weil man dann sicher für sich eine Entscheidung getroffen hat. Und wer will, kann sich ja eine zweite Runde im Simpl geben.
Als Puppenspieler am Werk: Vollprofis auf dem Gebiet des Musicals: Susanne Altschul (”Elisabeth”, “Freudiana”, “Les Misà©rables”),
Claudia Rohnefeld (”The Wild Party”, “Strangers in the Night” und “Camelot”), Sigrid Spörk (”Sommernachtsträume”, “Die Geggis”),
Roman Frankl (”Kiss me, Kate”, “Hello Dolly”), Otto Jaus (”Jekyll & Hyde”, “Les Misà©rables” und “Das Lächeln einer Sommernacht”),
Ronald Seeboth (u. a. Lehrer am Performing Arts Center) und Roman Straka (”Elisabeth”, “Jesus Christ Superstar”, “Assassins”).

Gesungen und gesprochen wird fast durchgehend im Wiener (Meidlinger) Dialekt. Dialekt ist immer eine schwierige Sache. Man muss sich drauf einlassen, ganz oder gar nicht. Mal ein paar Worte im Dialekt einzustreuen wirkt manchmal sehr sehr gekünstelt. Dialekt ist auch eine sehr intime Sache. Wer im Dialekt spricht, offenbart oft mehr von sich als er eigentlich will. Dialekt ist eine sehr gefühlsintensive Sprachebene, verglichen mit der glatten Hochsprache. Dialekt muss man ohne Zurückhaltung rauslassen. Da gehört schon mal ein gepflegtes “Oarsch” dazu. Wobei die Grenze zwischen einem vulgären “Oarsch” und einem, über den man noch lachen kann, auch keine ganz so einfach zu bewältigende Sache ist. Denn glaubhaft sollte es dann doch sein.
Am meisten werden diejenigen die Show genießen, die in Krapfen reinbeißen, ohne vorher nachzudenken, ob ihnen gleich die Marmelade aufs Hemderl spritzt, diejenigen, die mit Wonne grünen Slime mit den Fingern geknetet haben, Leute, die nicht eben zusammenzucken, wenns um Oarschlöcher geht und die nicht den Saal verlassen, wenn Puppen ficken. Oder aber Leute, die das schon immer gerne mal gemacht hätten (also nicht das mit den Puppen), aber sich nicht trauen. Es hat keinen Sinn, groß drumherum zu reden, in “Krawutzi Kaputzi” werden die Dinge beim Namen genannt und auch explizit gezeigt, denn letztendlich sind es ja Puppen, dies miteinander treiben.

“Krawutzi Kaputzi” ist ein charmantes, präzise getimtes Spiel mit Worten auf einer bestimmten Zielebene. Hier wird nicht burgtheaterreife Unterhaltung angestrebt, eher schon ist es eine musikalische Wuchtel-Parade, Blödeln auf hohem Witzniveau. Die Songs leben vom Wortwitz, der in den meisten Fällen einen, wenn möglich, hysterischen Lacher im Publikum als absolutes Ziel hat. Es hätte nicht viel Sinn, Textbeispiele zu bringen, denn wirksam sind Wuchteln meistens nur live.
Johannes Glück hat den Puppen und ihren Darstellern eine Reihe von lieben Melodien auf den Leib geschrieben, in denen es um Drogen, Minderheiten, Ausländerfeindlichkeit, Suizid, Depressionen, den ORF und andere aktuelle Themen geht, neben den ewig aktuellen Themen: Liebe, Eifersucht und Tod. Dass auf der Bühne des Simpls, die die Ausmaße eines kleinen Wohnzimmers hat, kein Orchester und auch keine Band den Sound liefern kann, schlicht weil kein Platz ist, die Musik also vom Band kommt, ist in dem Fall egal. Viele der Songs haben einen Touch Melancholie, etwas Berührendes, andere einen gehörigen Kick an frechem Witz. Es sind durchwegs Ohrwürmer, die innerhalb der Show perfekt funktionieren. Eine Cast-CD der Produktion ist für den Herbst 2007 geplant.
Ja, “Krawutzi Kaputzi” wäre ohne die “Wickie, Slime & Piper”-Welle einen Kick innovativer gewesen, auch ohne Puppenspiel-Musicals wie “Avenue Q” oder “Villa Sonnenschein”, aber es ist legitim, vorhandene Trends zu erkennen, zu verarbeiten und in eine eigene Form zu gießen, und so präsentiert sich “Krawutzi Kaputzi” als stimmiges und mitreißendes “Avenue Meidling” mit einem eigenständigen USP, nämlich als Dialektmusical. Bei so vielen wirklich hervorragenden Zutaten wie Musik, Text, Inszenierung (Werner Sobotka), Bühnenbild, Licht, Puppen sind dennoch die Puppenspieler der wahre Volltreffer und ideal besetzt. Das Ensemble ist eine Mischung aus erfahrenen Darstellern wie Susanne Altschul, Roman Frankl oder Ronald Seeboth bis hin zu Musicalstudenten wie Otto Jaus, der bei “Krawutzi Kaputzi” seine erste tragende Rolle in einer relevanten Musicalproduktion mit Bravour, spielerischer Freude und dem für diesen Part notwendigen Charme spielt. Roman Straka, in vielen Rollen bei den Vereinigten Bühnen Wien eher mit mittleren und kleineren Parts oder als Zweitbesetzung bedacht, kann in “Krawutzi Kaputzi” viel viel mehr zeigen als in jeder anderen Rolle bisher. Ob als “Zwerg Bumsti”, “Fips” oder “Kasperl”, er überzeugt in jeder Rolle. Claudia Rohnefeld scheint spezialisiert auf Männerrollen. Erst kürzlich gab sie in der Badener Produktion von “Les Misà©rables” den Gavroche, in “Krawutzi Kaputzi” ist sie als depressiver, spielsüchtiger Herr Helmi zu sehen und in einer zweiten Rolle als männergeile Ziegentussi. Beide Rollen gestaltet sie mit Wonne und Spielfreude. Ronald Seeboth gibt einen lässigen, potrauchenden Großvati und in einer zweiten Rolle den dusseligen Dagobert souverän. Sigrid Spörk als Katze Minki ist, schlicht und einfach, entzückend, genauso wie Susanne Altschul als Möchtegern-Diva Mimi, die Gans. Roman Frankl als typischer Meidlinger Türke Özgül spielt souverän die Klischee-Orgel und hat die Lacher immer auf seiner Seite.
Kreativteam
Buch, Liedtexte und Musik: Johannes Glück
Regie: Werner Sobotka
Musikalische Leitung: Erwin Bader
Regieassistenz: Andrea Kern
Regiehospitanz: Julia Screm
Korrepetition: Harald Hauser
Puppenbau: Bodo Schulte/Erika Reimer
Puppentraining: Bodo Schulte
Kostüm: Gaby Raytora
Kostümassistenz: Erika Brausewetter
Maske: Aurora Hummer
Bühnenbild und Puppenentwurf: Markus Windberger/Petra Fibich
Bühnenbildassistenz: Bettina Fibich
Lichtdesign: Pepe Starman
Tondesign: Raphael Spannocchi
Requisite: Julia Schmidleitner
Lichttechnik: Alexander Felch
Tontechnik: Philipp Habenicht
Bühnentechnik: Robert Glass/Robert Saringer
Produktion: Albert Schmidleitner
Cast
Susanne Altschul: Mimi, Frau Maus
Claudia Rohnefeld: Helmi, Ziege
Sigrid Spörk: Minki
Roman Frankl: Özgül
Otto Jaus: Pezi, Tintifax
Ronald Seboth: Großvati, Dagobert
Roman Straka: Fips, Zwerg Bumsti, Kasperl
Vorstellungen und Tickets
Kassa täglich 14-20 Uhr, geöffnet (1010 Wien, Wollzeile 36), Tel. 01/ 512 47 42
Telefonische Bestellung Montag-Freitag 9-12 Uhr, Tel. 01/ 512 39 03
täglich 14-20 Uhr, Tel. 01/ 512 47 42
Schriftliche Bestellungen: Kabarett Simpl, Wollzeile 36, 1010 Wien
“Krawutzi Kaputzi” steht vom 14. Mai bis 30. Juni sowie vom 27. August bis 23. September 2007 am Spielplan des Kaberett Simpl
Martin Bruny am Sonntag, den
15. April 2007 um 15:09 · gespeichert in Theater, 2007

Die Frage ist: Würde das Volkstheater am Broadway liegen und hätte “Cabaret” da seine Uraufführung erlebt, wäre dann jemals eine Cast-CD erschienen? Man kann Musicals in verschiedensten Inszenierungen auf die Bühne stellen, aber man sollte doch nie darauf vergessen, sie doch mehr als ein kleines bisschen Musical bleiben zu lassen.
“Cabaret” im Volkstheater ist gefühlsmäßig viel mehr in Richtung Franz Antels “Bockerer” getuned als in Richtung von Kander/Ebbs Kultshow. Wobei nichts dagegen spricht, filmreife Szenen auf die Bühne zu zaubern: Wenn am Ende des ersten Akts die Nazifahnen “im ganzen Theater” (subjektiver Eindruck) wehen (auch subjektiv, weil sie ja einfach nur runterhängen, aber da greift die Inszenierung), dann ist das einer der guten Momente in der Show. Gut im Sinne von wirkungsvoll. Eine Reihe von wirkungsvollen Momenten war auch scheinbar das Hauptanliegen des Regisseurs. Da ist am Anfang die “Szene am Flugfeld”, die sich bei jedem Zuschauer nur im Kopf abspielt, weil auf der Bühne eigentlich ja nicht mehr als dunkles Schwarz zu sehen ist, in den Erinnerungsfetzen im Kopf aber alles an Flughafenszenen abläuft, was man je live und im TV/Kino erlebt hat, endend bei “Casablanca”. Wenn der Vorhang dann aufgeht und man den alten schmuddeligen Kit-Kat-Klub sieht, dann ist auch das großes Kino. Eine Szene geht fließend in die andere über, die Theatermaschine schnurrt und funktioniert. Man kann also der Inszenierung in diesen Punkten keine großen Vorwürfe machen - der Rahmen, in dem sich eine perfekte Musicalshow abspielen könnte, ist durchaus gegeben, aber … wenn dann die Darsteller ins Spiel kommen, beginnen die Probleme.
Die “Bill”, einer der Stars der Produktion, war schon in der zweiten Vorstellung abwesend, ihr Understudy Katharina Straßer hat zwar die Looks, aber stimmlich ist sie alles andere als beeindruckend. Star wird man nicht, indem man eine Rolle spielt, die Starqualitäten fordert, die Ausstrahlung eines Stars bringt man mit oder nicht (zum jeweiligen Punkt der eigenen Karriere in einem gegebenen Stück). Straßer ist weit entfernt davon, in “Cabaret” diese Starqualitäten servieren zu können. Sie meistert die Schauspielszenen überzeugend, aber “Sally Bowles” ist sie keine. Stimmtechnik, Interpretation, Auftreten, Mimik, Gestik - all das ist bei Straßers “musicalischen” Darbietungen mehr als ausbaubar. Noch in der Pause rätselten einige Besucher des Volkstheaters: “Wann kommt denn die Bill? Das muss aber eine kleine Rolle sein!” Sie hatten nicht bemerkt, dass Bills Understudy längst an der Arbeit war. Und, meine Güte, wenn man das Stück nicht kennt, man kann es ihnen fast nicht verdenken. Ich kann Michael Schottenbergs Argument, mit dem er seine Besetzungsstrategie begründet, nachvollziehen, wenn er meint, dass es sicher viele Zuschauer interessiert, wie sich ihre Lieblinge, die sie aus den Sprechstücken kennen, in einem Musical machen, aber “Sally Bowles” so zu besetzen, ist, natürlich nur rein musicalisch gesehen, fahrlässig. Straßers Erfahrung mit dem Genre Musical, nachzulesen auf der Website ihrer Agentur, beschränkt sich auf “mehrere Musicals als Kind in Innsbruck”. Mehr ist dazu dann auch nicht zu sagen. oder doch, eines noch. Es liegt nicht so sehr an der Stimme als an der Art und Weise, wie Straßer “Sally Bowles” anlegt. Man könnte sich durch diese Rolle vermutlich auch mit einer noch schlechteren Stimme kämpfen und doch als Star über die Rampe kommen. Betrachtet man das Ganze von dieser Angelegenheit, würde das Problem wiederum im Bereich des Schauspiels liegen. Das wahre Problem ist einfach, dass man für die Rolle der “Sally Bowles” eine Entertainerin sein muss oder zumindest so ausgebildet, dass man eine spielen kann. Maria Bill hat das drauf, so wie auch, kein charmanter Vergleich, aber wurscht, Johannes Heesters, der sich auch noch mit 185 Jahren ein kleines Zigarettchen anzünden würde als Graf “Danilo Danilowitsch” in “Die lustige Witwe”. “Sally Bowles” in der Broadway-Uraufführung 1966 von “Cabaret” wurde von Jill Haworth nicht als “First Class Entertainerin” gezeichnet wie jene “Sally Bowles”, die Liza Minnelli in der Verfilmung von 1972 gegeben hat, aber immerhin als Entertainerin, wenn auch als zweit- oder drittklassige. Katharina Straßer ist mehr die Unschuld vom Land als der verruchte Kit-Kat-Vamp.
Marcello de Nardo, der den Confà©rencier (und Grenzbeamten) gibt, kann man nun Musicalerfahrung nicht absprechen, auch wenn es einige Jährchen her ist. Ganz sicher ist auch seine Interpretation eine mögliche, aber es hat etwas von einer gewissen Derbheit, die eher an einen schmierigen Zuhälter erinnert als an jenes androgyne Wesen, das man von manchen Darstellern dieser Rolle kennt. Gewiss, das ist Absicht, und wenn man die insgesamt unsexieste Version von “Cabaret” wählen würde, die Schottenbergsche Inszenierung würde haushoch gewinnen.
Das große Problem bei der Volkstheater-Version von “Cabaret” ist die Lieblosigkeit, mit der manche Lieder von Kander/Ebb über die Bühne kommen. Wie viel man aus den Songs rausholen kann, ist jederzeit nachzuhören, beispielsweise auf dem Original Soundtrack der Verfilmung mit Liza Minnelli oder jeder x-beliebigen Cast-CD. Da liegen interpretatorisch Welten dazwischen. Und das muss nicht sein. Wir haben in diesem Land genügend ausgebildete Musicaldarsteller, die singen und schauspielen können, und trotzdem in Würschtlbuden oder sonstwo jobben, um über die Runden zu kommen.
Raphael von Bargen als Clifford Bradshow, spielt brav und blass. Heike Kretschmer holt fast das Maximum aus ihrer Rolle “Fräulein Kost”. Die Kit-Kat-Girls sind ganz nett anzusehen, aber nicht in einer Liga mit dem, was man sich normalerweise tänzerisch und gesanglich erwartet. Susa Meyer hat den Damen eine Choreographie maßgeschneidert, die sie in keinem Augenblick überfordert - man darf auch hier nicht vergessen, dass man es großteils mit Schauspielern und nicht mit ausgebildeten Musicaldarstellern zu tun hat.
Kommen wir zu den wahren Stars von “Cabaret”: zwei Wiener Volksschauspieler, Hilde Sochor und Heinz Petters. Sochor als Pensionswirtin Fräulein Schneider und Heinz Petters als jüdischer Obst- und Gemüsehändler Schultz brillieren in jeder ihrer Szenen. Dass die beiden Publikumslieblinge für diese Produktion engagiert wurden, kommt nicht von ungefähr. Es scheint durchaus Strategie zu sein, mit Hilfe einiger Stars das Theater zu füllen. Das ist beliebt, das funktioniert weltweit für eine gewisse Anzahl von Vorstellungen immer, so auch im Fall von “Cabaret”. Heinz Petters und Hilde Sochor haben Verehrer, Fans, wie immer man das bezeichnen mag - sie werden vom Publikum geliebt, und da geht man sich schon mal das neue Stück ansehen, in dem sie spielen. “”Cabaret”? Da gabs doch mal einen alten Film vom Willi Forst, oder? Ach is das nett, dass sie den jetzt im Volkstheater als Stück bringen.” So in etwa kann man sich das vorstellen. Und seien wir ehrlich, nicht mal die Erwartungshaltung eines 95-jährigen Sochor-Fans wird durch dieses “Cabaret” enttäuscht, denn die Songs stören kaum. Sie sind Beiwerk, wie in den alten Kinofilmen, wenn Hans Moser mal die Ballade von der Reblaus anstimmt. “Cabaret” im Volkstheater wäre konsequenterweise als urwienerisches Stück zu verwirklichen gewesen, denn die Art und Weise, wie die Thematik Nationalsozialismus gefühlsmäßig transportiert wird, eben vor allem durch die beiden (in dieser Inszenierung) Hauptdarsteller Hilde Sochor und Heinz Petters, hat etwas von der Wehmut, die man eben auch in den besten Momenten von Filmen wie “Der Bockerer” kennt. Die beiden Volksschauspieler können allein mit einer kleinen Geste mehr ausdrücken, als so manch anderer mit einem ganzen Lied. Der dritte Star, neben Hilde Sochor und Heinz Petters, dieser Produktion wäre beziehungsweise ist, wenn sie denn spielt, Maria Bill. Das Drama dieser Besetzungsstrategie: ein dreibeiniger Sessel “funktioniert” nur, wenn alle drei Beine vorhanden sind.
Soundmäßig ist die Volkstheater-Inszenierung eine Zumutung. Werden die Gesangspassagen mit Mikros verstärkt, so ist das bei den Sprechpassagen (natürlich) nicht der Fall. Das Ergebnis ist ein Mischmasch, in dem viele Textstellen schwer verständlich sind, wenn man nicht gerade in den ersten sieben Reihen sitzt - nur die “alten Meister” Sochor und Petters versteht man (natürlich) auch im hintersten Eck des Theaters.
Das Bühnenbild (Hans Kudlich) ist ein Traum, gut durchdacht, zum Teil sehr üppig und bis in die Einzelheiten mit Liebe gestaltet. Es ist auch der Wille zu spüren, zumindest zu versuchen, das ganze Theater in einen riesigen Kit-Kat-Klub zu verwandeln, was natürlich scheitern muss bei einem Repertoirebetrieb.
Das Beste, was man normalerweise über Kostüme (Erika Navas) sagen kann, ist ja, dass sie nicht weiter auffallen, weil sie einfach so stimmig sind. Das trifft in diesem Fall zu. Sie sind stimmig, passen in die Zeit, in der die Handlung spielt. Qualitätsarbeit.
Das Kit-Klub-Orchester unter der Leitung von Herbert Pichler bleibt dezent im Hintergrund und liefert guten Sound zu oft mittelmäßigem Gesang. Eine kleine Tragödie.
Fazit: Drei Stars am Wiener Volkstheater, eine gelungene Inszenierung mit vielerlei Grellem, ein perfektes Set in einem Musical, das mehr Schauspiel als Musical ist. Dennoch sehenswert. Mit Karten wird es allerdings schwer, denn das Stück hat sich zum Renner gemausert. Musicals füllen die Theater in Wien, man muss nur wissen, wie.
Cabaret
Musical nach “Ich bin eine Kamera” von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Buch: Joe Masteroff
Musik: John Kander
Texte: Fred Ebb
Deutsche Übersetzung: Robert Gilbert
Fassung von Chris Walker 1997
Kreativteam
Regie: Michael Schottenberg
Bühne: Hans Kudlich
Kostüme: Erika Navas
Musikal. Einrichtung/Leitung: Herbert Pichler
Choreographie: Susa Meyer
Dramaturgie: Hans Mrak
Regieassistenz: Kristina Burchhart
Bühnenbildassistenz: Kerstin Bennier
Kostümassistenz: Tina Hildenbrandt
Ton: Bernhard Sodek
Korrepetition: Herbert Pichler/Bernhard van Ham
Inspizienz: Franz Puzej, Sigmar Kusdas
Souffleuse: Romy Martinis
Cast
Maria Bill/Understudy Katharina Straßer (Sally Bowles)
Jennifer Frank (Lulu)
Katarina Hartmann (Dolly)
Amelie Hois/Oscar Schöller (Ein Kind)
Annette Isabella Holzmann (Topsy)
Heike Kretschmer (Fräulein Kost)
Rita Sereinig (Swing/Dance Captain)
Hilde Sochor (Fräulein Schneider)
Doris Weiner (Helga)
Raphael von Bargen (Clifford Bradshaw)
Peter Becker (Ernst Ludwig)
Andy Hallwaxx (Horny)
Christoph F. Krutzler (Rausschmeißer/Gorilla)
Marcello de Nardo (Confà©rencier)
Heinz Petters (Herr Schultz)
Kit-Kat-Orchester
Herbert Pichler/Bernhard van Dam (Piano), Klaus Göhr/Rudolph Fischerlehner (Schlagzeug), Johannes Strasser/Heinrich Werkl (Kontrabass), Gerald Preinfalk/Romed Hopfgartner (Blasinstrumente), Alexander Shevchenko/Alen Dcambix (Akkordeon)
Gäste im Kit-Kat-Klub/Matrosen
Leopold Böhm, Gerhard Fuchs, Erich Gratzl, Marco Herse, Wolfgang Kandler, Jürgen Kapaun, Mathias Messner, Stefan Pohl, Tobias Strohmaier, Robert Weixler
Tickets: www.volkstheater.at
Martin Bruny am Sonntag, den
8. April 2007 um 13:20 · gespeichert in Fotos, Theater, 2007

“Jesus Christ Superstar” regiert derzeit am Wiener Raimund Theater. Die Vorstellungen vom 6. und 7. April 2007 sind geschlagen, noch einmal geht der Vorhang auf, und zwar am 9. April 2007 um 19:30. Ein paar Beobachtungen zu den beiden ersten Vorstellungen im Folgenden.
Ich bin Purist. Zumindest, wenn es um “Jesus Christ Superstar” geht. Ich möchte “Gethsemane” so hören, wie es Ian Gillan und noch viel intensiver Ted Neeley Anfang der 1970er Jahre für alle Zeiten geprägt haben. Vorbilder, an denen jeder scheitern muss? Na sicher nicht. Drew Sarich hat 2005 eine verdammt gute Version von “Gethsemane” im Wiener Ronacher auf die Bühne gezaubert, Yngve Gasoy Romdal im Jahr davor ebenso, auch Rob Fowler, 2006 im Wiener Raimund Theater. Manchmal ist es gescheiter, verlockende Angebote nicht anzunehmen, und ich bin mir nicht sicher, ob Rasmus Borkowski (geboren 1980) 2007 nicht gut daran getan hätte zu sagen: “Leute, vielen Dank für das Angebot, aber die Rolle spiele ich vielleicht in zehn Jahren, wenn überhaupt.”
Um den Jesus zu spielen, braucht man eine Stimme, die man im entscheidenden Moment der Show, im entscheidenden Moment des Songs “Gethsemane” frei lassen muss, zumindest scheinbar frei lassen muss, für den Zuhörer unbemerkbar kontrolliert. Die Stimme muss vor Verzweiflung gequält in den Himmel steigen. Nichts sonst zählt in dieser Show, überspitzt formuliert. Kaum ein anderer Musicalsong ermöglicht so viele Möglichkeiten der Interpretation. Es ist die entscheidende Szene im ganzen Musical. “Gethsemane” ist eine Nummer, bei der der Darsteller völlig allein gelassen ist, er allein hat es in der Hand, mit seinem Können aus dem Abend etwas Besonderes zu machen, an das man sich noch Jahre danach erinnert. So war es bei Gasoy Romdals Version, so war es bei Drew Sarich, weniger schon bei Fowler, und Borkowskis Version ist bereits am Tag danach vergessen.
Es ist ja nicht so, dass die Master-Interpretationen aus Jux und Tollerei derart gestaltet wurden. Die Leute haben sich schon etwas dabei gedacht. Wenn man die Höhen, die “Gethsemane” verlangt, nicht hat, soll man doch einfach die Finger von der Rolle lassen. Das wusste Steven Seale unlängst in Amstetten nicht zu beherzigen und Rasmus Borkowski 2007 im Raimund Theater auch nicht. Putzig sind dann immer wieder die Verteidigungsversuche der Fans, die meinen, dass ihre Idole eben genau das singen würden, was “in der Partitur steht”. Selbst wenn das so wäre, würde es nicht reichen, nicht mal bei “Heidi” oder “Schneewittchen”. Einfach zu singen, was steht, einfach zu sprechen, was im Text steht, das geht nicht mal bei einer Schüleraufführung. Die Zeit freilich ist auf Seiten der “Fans”. Mit zwölf oder vierzehn Jahren hat man “Gethsemane” vermutlich noch in keiner anderen Version gesehen oder gehört, und die Devise lautet “Trau keinem über 20″, also ist Borkowski eh schon praktisch Vaterfigur. Aber das gilt eben nur für die Hardcore-Fans.
Rasmus Borkowski gestaltet, neben den stimmlichen Gegegebenheiten, seinen Jesus als verinnerlichten Traumtänzer, er betritt nicht die Bühne, er tappst auf die Bretter des Raimund Theaters, versucht Fuß zu fassen und scheitert doch in jedem Moment. Die Probezeit scheint zu kurz gewesen zu sein, um die Figur Jesus mit mehr Charakter zu füllen, um mehr an Mimik zu entwickeln, einfach der Figur Glaubwürdigkeit zu verschaffen. So positiv Rasmus Borkowski bei “Mozart!” überrascht hat, so negativ hat er das bei “Jesus Christ Superstar” getan.
Stefan Cerny als Kaiphas hätte sicher Chancen, als Motiv für die ulkigste Postkarte der Welt, gleich nach dem Mann, der seine Nase in den Mund nehmen kann, gecastet zu werden. Was er in dieser Rolle für eine blasierte Mimik aufsetzt, wohin er seine Augenbrauen verzieht, das ist reif fürs “Guiness Buch der Rekorde”. Mit Schauspielkunst hat das wenig zu tun.
Noud Hell als Petrus macht einen sympathischen Eindruck. Mehr geht nicht, aber das liegt an der Inszenierung. Mehr hat auch Roman Straka, sein Vorgänger, aus der Rolle nicht herausholen können. “Could we start again, please”, sein Duett mit “Maria Magdalena” Caroline Vasicek, bringt er doch gut über die Rampe.
Caroline Vasicek gibt eine mitfühlende, überzeugende, wohlig klingende Maria Magdelena. Wunderbar gespielt, souverän, bereit, auch tatsächlich mit Jesus zu interagieren, wenngleich Borkowski zu sehr bemüht ist, seinen Gesangspart zu meistern, um auf das Schauspielerische achten zu können.
Andrà© Bauer liefert als Pilatus eine solide Leistung. Jacqueline Braun ist wieder als Soulgirl und vor allem als Herodes flott unterwegs. “King Herod’s Song” ist gut serviertes Entertainment, bühnenfüllend, wunderbar.
Sean Gerard als “Judas” enttäuscht nicht gerade, reicht aber an die großen Vorgänger bei weitem nicht heran, die mit Wucht und Verve ihren Part auf die Bühne zu donnern wussten. Der eine oder andere falsche Ton, die für alle sichtbare enorme Nervosität - aber immerhin, er hat es jedenfalls geschafft, ohne sich groß zu blamieren.
Kommen wir zu den Stars des Abends, Walter Lochmann und Max Volt. Max Volt alias Reinwald Kranner hat seinen Künstlernamen gut gewählt. Gilbert Bà©caud trug den Spitznamen “Monsieur 100.000 Volt” voller Stolz, Reinwald Kranner IST nun Max Volt, Max “100.000″ Volt. Als Simon legt er mit “Simon Zelotes - Poor Jerusalem” eine Performance voller Energie und Drive auf die Bühne und erhält dafür - zurecht - den meisten Szenenapplaus des Abends. Unvergessen ist nach wie vor Pehton Quirantes Version, anno 2004 im Wiener Ronacher, als er durch den ganzen Saal stürmte und das Publikum buchstäblich von den Sitzen riss. Volt schafft das auch. Er hat das Können, sich in einem Song völlig aufzugeben, und doch die Kontrolle zu behalten, während er sich selbst in Ekstase singt. Große Kunst.
Walter Lochmann schließlich, der Dirigent des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, ist immer schon ein Gesamtkunstwerk gewesen. Er fängt den Sound des Orchesters wie ein Boxer mit herunterhängenden Armen, nur mit seinem Bauch auf. Stets konzentriert, Herr jedes Tons, bietet er seinen Künstlern eine jederzeit taktangebende Instanz, auf die man sich verlassen kann. Die einzige Gefahr besteht darin, sich als Zuschauer zu sehr auf den Dirigenten zu konzentrieren, und darauf, wie er mit seinem Team, dem Orchester und den Darstellern, interagiert - aber auch das ist wert, gesehen zu werden.
Hannes Muik sorgt bei der Produktion 2007 für die Regie, wobei am Original-Staging von Dennis Kozeluh, der in diesem Jahr leider nicht mit dabei ist, nicht umwerfend viel geändert wurde.
Der Sound im Wiener Raimund Theater nähert sich im zweiten Akt gesundheitsgefährdenden Ausmaßen. Ich mag es laut, aber das war nicht nur zu laut, es war viel zu laut.
Wer immer dafür verantwortlich ist, dass die Rampen von der Bühne in den Zuschauerraum so gelegt wurden, wie sie gelegt wurden: ganz schlechte Idee! Auf den Plätzen links und rechts der Rampen, im Cercle, zu 58 Euro pro Platz, sieht man praktisch nichts. Ganz schlimm erwischt es jene Damen und Herren, die links beziehungsweise rechts sitzen und links beziehungsweise rechts von sich nur mehr den Balken im Blickfeld haben. 58 Euro für 5 Prozent Blickmöglichkeit auf die Bühne, wo sich dann 0 % des Geschehens abspielt. Das ist inakzeptabel.
“Jesus Christ Superstar”, Andrew LLoyd Webbers Rockoper, die 1971 ihre Uraufführung erlebte, ist nach wie vor ein Hit. Begeistern in einem Jahr mal nicht alle Darsteller, so sorgt allein die Musik dafür, dass der Saal tobt. Daher ist auch dieses Jahr ein Triumph am Wiener Raimund Theater zu vermelden. Die wenigen Restkarten für die letzte Vorstellung am Montag werden rasch vergeben sein.
Martin Bruny am Sonntag, den
18. März 2007 um 13:54 · gespeichert in Fotos, Rezensionen, Theater, 2007

Alain Boublils und Claude-Michel Schönbergs “Les Misà©rables” hat sich in den letzten Jahren zu einem Musical entwickelt, das auf praktisch jeder Bühne gespielt wird. 2007 gibt es eine wahre Unzahl an Produktionen im deutschsprachigen Raum. Wenn dieser Trend anhält, wird bald jede mittlere Bühne “Les Mis” im Repertoire haben. Am 17. Februar 2007 war Baden dran: Das Stadttheater brachte seine Premiere von “Les Misà©rables” an den Start.
Die Bühne des Stadttheaters ist eigentlich zu klein für “Les Mis”, es ist praktisch unmöglich, alle Darsteller von der Bühne aus agieren zu lassen, also hat man den “Chor” kurzerhand in die linke und rechte Balkonloge gepackt. Das ist eine Lösung, mit der man das Platzproblem in den Griff bekommt, die aber aus dem “Chor” tatsächlich so etwas wie einen (statischen) Chor macht, und das wiederum ist für den Flow der Inszenierung (Robert Herzl) nicht gerade förderlich. Eine weitere Lösung ist, das Prinzip der Guckkastenbühne aufzuknacken. Und so durchbrechen Darsteller alle paar Minuten die imaginäre vierte Wand, um durch den Zuschauerraum auf- und abzutreten, mal von links, mal nach rechts, mal von der Mitte. Eine Art Catwalk um den Orchestergraben sorgt zusätzlich für eine recht intime Nähe von Zuschauern und Darstellern. Nicht, dass das keine interessante Lösung wäre, aber durch die grelle Beleuchtung dieses Catwalks ist in den ersten Reihen dann doch recht viel an Ablenkung im Raum.
Bühnenerweiternde Elemente also sind es, die massiv eingesetzt werden und das Platzproblem lösen, aber selbst wieder eigene Probleme schaffen. Die intime Nähe führt ab und zu zu lustigen Beobachtungen. So hat sich eine Besucherin in der ersten Reihe während einer dieser Catwalk-Szenen mit ihrem Programmheft davor geschützt, mit eventuellen Flüssigkeiten des einen oder anderen Darstellers in Berührung zu kommen. Auf sowas muss man mal kommen.
Eines der Hauptprobleme jeder Aufführung in Baden ist das Nebeneinander von Profis und Laien. Nichts gegen Statisten auf der Bühne, aber auch dafür bedarf es einer gewissen Begabung. Eine brauchbare Stimme zu haben, aber sonst absolut nicht im Sinne eines Bühnenstücks agieren zu können, ist zu wenig. Man stelle einen unbegabten Statisten neben einen Profi, und die Szene verkommt zum Laienschauspiel, egal wie gut der Profi ist. Und genau das ist das Problem von “Les Mis” in Baden. Ja, es sind viele Rollen zu besetzen, und ja, mag sein, dass man da auf Statisten zurückgreifen muss, aber JA, sie müssen auch schauspielerisch etwas draufhaben, gerade bei “Les Mis”. Und das ist leider bei einem Großteil des Chors des Stadtheaters Baden nicht der Fall. So werden Szenen manchmal zur Lachnummer, so gehen emotionale Momente völlig unter und man wundert sich nur die ganze Zeit, wieso so viele Leute mit so ausdrucksfreier Mimik und Gestik auf der Bühne herumtrotten.
Lustig geht es im Orchestergraben zu, wenn man vom Schlagwerker und dem Mann am Xylophon auf den Rest schließen darf. Der Mann am Schlagzeug ist eine wahre Entertainmentmaschine. Keinen Moment scheint er auf sein Spiel fokussiert, ständig ist er damit beschäftigt, die Arbeit seiner Kollegen mit missbilligenden oder ermunternden Kopf-, Gesichtsmuskel- und sonstigen Bewegungen zu kommentieren. Dann
wieder lobt er den jungen Mann am Xylophon, scherzt mit ihm, lacht pausenlos, zuckt vor sich hin, kurz und gut: So kann man eigentlich kein perfekt musizierendes Orchester erwarten, wenn Leute dermaßen dauerabgelenkt agieren. Dementsprechend ist das auch so eine Sache, das mit den Noten und dem Orchester, ein klein wenig wie Hase und Igel. Man bemüht sich, zwar, alle Noten einzufangen, aber, naja, Schwamm drüber. Weit ärger ist das, sagen wir eigenwillige, Tempo, das von der Musikmaschinerie vorgelegt wird und die gesamte Aufführung in fast zeitrafferartige Momente zwingt.

Eine der größten Schwächen dieser Produktion ist die Rollengestaltung und -umdeutung des “Marius”. Mit Zoltà¡n Tombor hat man an sich leider einen etwas blass agierenden Darsteller engagiert, der in keinem Moment vermittelt, dass seine Rolle nicht gerade die unbedeutendste in diesem Musical ist. Das wahre Problem ist jedoch die Art und Weise, wie die Szene von Marius und Eponine auf der Barrikade umgedeutet wird. Als Eponine schwer verletzt zu Marius kommt, verzieht er angeekelt sein Gesicht und zuckt zurück, um nur ja kein Blut abzubekommen. Eponine stürzt zu Boden und stirbt, ohne dass Marius ihr zu Hilfe kommt. Das ist doch eine massive Rollenumdeutung, die man sich hätte sparen können. Sparen hätte man sich auch die diversen Änderungen und Streichungen können. Gestrichen unter anderem die komplette Hochzeitsszene, die Reprise von “Trink mit mir”, gestrichen weiters einzelne Zeilen … alle Textänderungen aufzuzählen würde keinen Sinn machen, genausowenig wie die Textänderungen selbst.

Mit Katrin Fuchs als Cosette verhält es sich so wie zwischen den Laien und den Profis auf der Bühne: die Homogenität fehlt. Katrin Fuchs hat so etwas von keiner Musicalstimme, dass man sich fragt, wie man auch nur auf die Idee kommen kann, sie für die Rolle der Cosette zu casten. Fuchs singt normalerweise Opern- und Operettenpartien, eine Fehlbesetzung, nicht mehr, nicht weniger.
Claudia Rohnefeld ist eine wunderbare Schauspielerin und Musicaldarstellerin, allein, sie ist kein kleiner Bub, die Rolle des Gavroche läuft also ebenso unter dem Titel Fehlbesetzung. Es gibt keine akzeptable Begründung dafür, Gavroche mit einer Frau zu besetzen.

Darius Merstein-MacLeod ist ein Valjean, der einen glaubwürdigen Alterungsprozess zu gestalten weiß. Das ist schon mal viel wert. Ich persönlich habe mit Merstein das Problem, dass bei Liedern mit vielen “L” seine Interpretationen für mich in den Schlagerbereich zu driften drohen, aber vielleicht hab ich ein latentes Karel-Gott-Syndrom, das bekanntlich als unheilbar einzustufen ist. Merstein ist jedoch zweifellos ein guter Valjean, auch wenn es ihm nur selten gelingt, zu berühren.
Chris Murrays Performance ist ganz und gar von Overacting geprägt. Wenn man von der Bühne weiter entfernt sitzt, mag das nicht sonderlich stören, sitzt man näher am Geschehen, ist die Mimik Murrays nicht weit von der Groteske entfernt. Stimmlich überzeugt er.
Wunderbar Patricia Nessy als Fantine, Johanna Arrouas als Eponine und Aris Sas als Enjolras. Vor allem Sas beweist, wie man mit Bühnenausstrahlung, glänzender Stimmtechnik und Schauspielkunst aus einer Rolle das Maximum herausholen kann.
Die Thà©nardiers (Franziska Stanner und Helmut Wallner) bleiben leider unterdurchschittlich. Sie schaffen es nicht, die volle Bandbreite an Ausgelassenheit, Frechheit, Vulgarität, Bosheit und was noch alles in diesen Glanzrollen steckt, auszuspielen. Schade drum.
Das Bühnenbild (Manfred Waba) ist eine Art Labyrinth aus Stiegen, kastenartigen Räumen, alles recht eng verschachtelt, aber mit ein wenig Phantasie dann doch als zweckmäßige Kulisse wahrnehmbar, die durch Projektionen recht interessant an die jeweiligen Szenen angepasst wird. Der Einsatz von Leinwänden, die ebenfalls mit Projektionen zu Kulissen werden, macht dieses Element zu einem bühnentauglichen Konstrukt. Bühnenumbauten gibt es keine. Das “Konstrukt” wird durch Projektionen, Leinwände etc. jeweils angepasst.
Passabel der Sound, auch wenn im hinteren Bereich des Theaters der Sound den Ticketpreisen maßgeschneidert angepasst erscheint.
Fazit: Musical in Baden ist ein Erlebnis, das man in den ersten Reihen des Theaters mit allen Sinnen genießen kann. Die Begeisterungsfähigkeit aller Mitwirkenden darf nicht unterschätzt werden, auch wenn man manchmal auf und unter der Bühne nichts davon mitbekommt. “Les Mis” auf die Bühne zu bekommen und die gesamte Laufzeit Wochen im Voraus auszuverkaufen, das ist eine Leistung, zu der man dem Team in Baden nur gratulieren kann.
Les Misà©rables - Ein Musical von Alain Boublil und Claude Michel Schönberg. Nach einem Roman von Victor Hugo.
Kreativteam:
Musik: Claude-Michel Schönberg / Buch: Alain Boublil, Jean-Marc Natel / Gesangstexte: Herbert Kretzmer / Deutsche Übersetzung: Heinz-Rudolf Kunze / Zusätzliches Material: James Fenton / Orchestrierungen: John Cameron
Musikalische Leitung: Franz Josef Breznik / Inszenierung: Robert Herzl / Ausstattung: Manfred Waba / Choreographie: Rosita Steinhauser / Choreinstudierung: Oliver Ostermann / Regieassistenz: Christa Ertl / Inspizienz: Denise Kaller / Technische Leitung: Ewald Baliko / Bühnenmeister: Franz Habres / Beleuchtung: Johann Quarda, Florian Neuber / Ton: Christoph Streicher / Sounddesign: Martin Mayer / Tonassistenz: Cornelia Ertl
Cast:
Johanna Arrouas (Eponine) / Katrin Fuchs (Cosette) / Darius Merstein-MacLeod (Valjean) / Chris Murray (Javert) / Patricia Nessy (Fantine) / Claudia Rohnefeld (Gavroche) / Aris Sas (Enjolras) / Zoltà¡n Tombor (Marius)
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Margarete Aron (Frau) / Beppo Binder (Bamatabois, Lesgles) / Elisabeth Drach (Kleine Cosette) / Mario Fancovic (Claquesous) / Franz Födinger (Seemann, Babet, Major Domus) / Zuzana Gyürky (Junge Hure) / Robert Herzl (Bauer, Joly) / Josef Kirschner (Wirt) / Galina Klingenberger (Wirtin) / Christina Köppl (Junge Hure) / Gabriele Marett (Frau) / Thomas Nestler (Brujon) / Artur Ortens (Vorarbeiter, Zuhälter, Combeferre) / Anna-Sophie Prosquill (Kleine Eponine) / Bettina Reifschneider (Alte Frau, Alte Bettlerin) / Walter Schwab (Polizist, Arbeiter, Seemann, Montparnasse) / Dietmar Seidner (Zuhälter, Courfeyrac) / Therese Spiegel (Kleine Eponine) / Franziska Stanner (Madame Thà©nardier) / Anghelusa Stoica (Hure) / Max Volt (Bischof, Jean Prouvaire) / Dessislava Valeva-Philipova (Fabrikmädchen, Hure, Madeleine) / Helmut Wallner (Monsieur Thà©nardier) / Stephan Wapenhans (Knecht, Arbeiter, Seemann, Grantaire) / Elisabeth Zeiler (Kleine Cosette) / Monika Zirngast (Hure) / Christian Zmek (Fauchelevant, Polizist, Feuilly)
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Sträflingskolonne, die Armen, Farbrikarbeiterinnen, Polizisten, Schaulustige, Huren und Hochzeitsgäste: Chor und Ballett des Stadttheaters
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Es spielt das Badener Städtische Orchester
Weitere Fotos bei Flickr
Martin Bruny am Freitag, den
9. März 2007 um 10:27 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2007
Es ist das klassische Geschenkbuch für jeden Broadway-Fan. Auf 516 Seiten bietet das »Playbill Broadway Yearbook« zu allen 67 Produktionen, die in der Saison 2006/2007, also von Juni 2006 bis Mai 2007, am Great White Way zu sehen waren, ausführlichste Bild- und Textinformationen – zu neuen Musicals wie »Spring Awakening« oder »Curtains« genauso wie zu Dauerbrennern wie »Wicked« oder »Chicago«, Sprechstücken wie »The History Boys†oder »The Lieutenant of Inishmore«. Das Buch ist reich bebildert, und das ist noch untertrieben. Man muss es selbst gesehen haben. Robert Viagas hat buchstäblich tausende Fotos zusammengetragen, auf manchen Seiten bis zu 35. Abgebildet sind, zumindest mit Porträtfotos, alle Darsteller, Produzenten, Designer, Musiker, Maskenbildner, ja auch die Bühnenarbeiter und Billeteure der 67 Broadway-Shows. Alle bei Broadway-Produktionen Beschäftigte sind eingeladen, bei dieser Publikationsserie mitzumachen, und die Akzeptanz ist schon jetzt sehr groß. Die vorliegende dritte Ausgabe enthält, rein zahlenmäßig betrachtet, Informationen zu insgesamt 10.000 Menschen, die an den Broadway-Shows der Saison beteiligt waren – entsprechend umfangreich ist das Register ausgefallen. Sogenannte Korrespondenten liefern witzige Facts und Backstageberichte. Das können dann auch durchaus mal Musicalstars selbst sein, wie Victoria Clark, Darstellerin der Margaret Johnson in »The Light in the Piazza«, die von der emotionsgeladenen Derniere der Show erzählt und auch den Abdruck ihrer Rede anlässlich der letzten Vorstellung freigegeben hat. Andere Korrespondenten tragen lustige Facts zusammen wie Erzählungen über Backstagerituale, eine Auflistung der schnellsten Kostümwechsel oder Angaben zu den Spitznamen der Darsteller. Kris Koop Oulette, Mitglied des Ensembles von »The Phantom of the Opera«, erzählt von jenen Plätzen im Theater, an denen sich die Beschäftigten am liebsten treffen oder auch über den schönsten Moment in der Show. Im Anhang werden ausführlich Special Events wie »Broadway Bares«, »Broadway Under the Stars« und Preisverleihungen wie die Outer Critics Circle Awards« oder die »Tony Awards« dokumentiert.
Kurz zusammengefasst ist »The Playbill Broadway Yearbook« auf der einen Seite eine wertvolle Informationsquelle sowie Offline-Bilddatenbank und auf der anderen Seite eine amüsante Lektüre und ein Blick hinter die Kulissen. Das Ganze in Topqualität produziert und gebunden – und, was bei dieser Publikation vor allem auffällt – mit sichtlicher Begeisterung für das Theater zusammengestellt. Ein Buch, das man auch gerne immer wieder mal wie ein Erinnerungsalbum durchblättert. Playbill ist damit ein großer Wurf gelungen. Hat man einmal einen Band gekauft, ist man mit Sicherheit versucht, keinen mehr zu versäumen.
Robert Viagas (Herausgeber): The Playbill Broadway Yearbook – June 2006–May 2007. Third Annual Edition. Playbill Books, New York 2007, 516 S.; ISBN 978-1-55783-732-5. $ 35. www.playbill.com
Martin Bruny am Freitag, den
9. März 2007 um 10:25 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2007
Der neue Direktor der Wiener Volksoper
Einen Relaunch in Pomp und Gloria erlebte die Wiener Volksoper am 1. September 2007. Es war der Tag der Inauguration von Robert Meyer als neuer Volksoperndirektor. Zum Start seiner ersten Saison lud der Herr Direktor zu einem Tag der offenen Tür und plante dessen Ablauf akribisch: »Kurz vor zehn Uhr werde ich, begleitet von einem Hornquartett und bei hoffentlich schönem Wetter, mit einer alten Straßenbahngarnitur vom Schottentor die Währinger Straße zur Volksoper herauffahren. Dann ertönt vom Balkon eine Fanfare.«
Die Wachablöse auf Direktionsebene (seit 1996 hat kein Volksoperndirektor die volle Amtszeit abgedient) wurde von kleineren Neuerungen an Nebenfronten flankiert: Die Website der Volksoper (www.volksoper.at) ist jetzt auch optisch für jedermann klar erkenntlich in die vier Säulen Operette, Oper, Musical und Ballett getrennt, auch bei der neuen Außenbeleuchtung der Wiener Volksoper spielen die vier Farben nun eine maßgebliche Rolle. Die bedeutendste Neuerung ist jedoch der Aspekt der Kundenverbindlichkeit, verkörpert durch Robert Meyer. Der Direktor des Hauses hat sich in den ersten Wochen seiner, man möchte fast sagen (wir sind ja in Wien) Regentschaft, zu einem volksnahen Kaiser der Volksoper stilisiert, da ist Mörbisch mit Herrn Serafin nur ein Sommerlüfterl dagegen. Meyer war im Vorfeld der Eröffnung in allen Medien präsent und beim Tag der offenen Tür für jedermann ansprechbar – man spürt, da ist jemand, der mit Lust an der Aufgabe an die Arbeit herangeht. Am 2. September gab’s ein Eröffnungskonzert, bei dem das Publikum mittels Stimmzettel das Programm bestimmt hatte, und am 10. September schließlich kam das nächste Element im Masterplan Robert Meyers ins Spiel: In der Wiener Volksoper wurde das Buch “”Es grünt so grün …” Musical an der Wiener Volksoper” in Form einer Soirà©e präsentiert.
Soirà©e zur Buchpräsentation
Rund 100 Minuten schwelgte Moderator Christoph Wagner-Trenkwitz in Erinnerungen an die gute alte Zeit. TV-Clips und Wochenschaubeiträge wurden auf eine Leinwand projiziert, Norman Stehr versuchte sich an »I got plenty o‘ nuttin‘« aus »Porgy and Bess«, Erwin Windegger bewies mit einem »La Cage aux Folles«-Medley, dass Karlheinz Hackl unerreichbar als Zaza ist, und Stargast Michael Heltau plauderte vor allem über all die Musicalrollen, die er nicht angenommen hat. Auf die Frage »Es heißt, Harold Prince wollte Sie für die Titelrolle im »Phantom der Oper«« erzählte Heltau: »Das stimmt. Ich unterhielt mich lange mit ihm darüber, aber er konnte mir meine Zweifel nicht nehmen. Schließlich, nach sechs Wochen des Hin und Her, sagte ich: »Hal, gib mir einen Grund, nicht viele, sondern einen, warum ich das Phantom spielen soll.« Er antwortete: »Du bist eine Stunde vor Beginn der Show im Theater. Und wenn du aus der Maske kommst, erkennt dich keiner mehr.« Damit war die Sache für mich erledigt. »Hal ich arbeite ein Leben daran, dass mich die Leute erkennen. Ich bin nicht der Richtige für diese Rolle.« Da lachte er, umarmte mich und gab auf.« Diese Anekdote ist auch im Buch »Es grünt so grün …« abgedruckt, und es sind solche Momente, die Soirà©en dieser Art auf seltsam sentimentale Weise sympathisch machen. Heltau kann noch so sehr seinen Sermon gegen all die modernen Musicals dieser Welt ablassen, die alle »zu viel Tanz und zu wenig Scherze« haben (ein Zitat von Billy Wilder, der so den Misserfolg des Musicals »Das Appartement«, basierend auf seinem gleichnamigen Film, begründet hatte), man hört ihm dennoch gerne zu. Zum Abschluss der Soirà©e sangen Adrineh Simonian, Karl-Michael Ebner, Mathias Hausmann und Stefan Cerny ein jazziges »My Fair Lady«-Medley, erstklassig arrangiert von Bà©la Fischer.
Das Buch
50 Jahre Musical an der Volksoper, das klingt nach einer geradezu berauschenden Anzahl von Produktionen, doch man kann sie fast an zwei Händen abzählen. Es sind 14, nicht mehr und nicht weniger. Insgesamt 1461 Musicalvorstellungen gingen bis 30. Juni 2007 über die Bühne der Wiener Volksoper. Zu sehen waren: «Kiss me, Kateâ€, â€Wonderful Townâ€, «Annie, Get Your Gunâ€, «Porgy and Bessâ€, «West Side Storyâ€, «Show Boatâ€, «Karussellâ€, «My Fair Ladyâ€, «Hello, Dolly!â€, «La Cage aux Follesâ€, «Der Mann von La Manchaâ€, «Gigiâ€, «Anatevka†und «The Sound of Musicâ€. Mehr als die Hälfte dieser Produktionen kann man als erfolgreich bezeichnen, der Rest floppte und genießt dennoch Legendenstatus: »Karussell« (1972) brachte es gerade mal auf 15 Vorstellungen, »Annie, Get Your Gun« (1957) auf 18, »Gigi« (1999)auf 20, »”Wonderful Town« (1956) auf 26, »Show Boat« (1971) auf 30, »Hello, Dolly!« (1984) auf 45.
Der Autor des Buches »Es grünt so grün …«, Christoph Wagner-Trenkwitz, mäandriert durch die österreichischen Medien einerseits als ironischer Seitenblickegesellschafts-Berichterstatter (beispielsweise als Moderator des Wiener Opernballs), andererseits war er Pressechef der Staats- und Volksoper und Chefdramaturg der Wiener Staatsoper. Seit 2003 ist er Direktionsmitglied der Volksoper und tänzelt mit von ihm moderierten Soirà©en auf den Spuren Marcel Prawys, wissend, dass die Erfolge des Großmeisters aus den 1950er und 1960er-Jahren heute schwer getoppt werden können.
»Es grünt so grün …« kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten »konsumieren«. Nehmen wir die 160 Fotos aus 50 Jahren Musical an der Volksoper. Hier sind es vor allem Momentaufnahmen aus den Anfängen, die am meisten Atmosphäre vermitteln. Beispielsweise jene von der Schallplattenpräsentation der »West Side Story« mit einem enthusiasmierten Marcel Prawy im Hintergrund, stimmungsvolle Bühnenfotos von den großen Stars jener Jahre wie Brenda Lewis, Olive Moorefield, Peter Minich, Fred Liewehr, William Warfield, Julia Migenes, Adolf Dallapozza oder Dagmar Koller.
Sehr gelungen ist der Statistik-Teil des Buches. Auf 20 Seiten konzentriert bietet dieses von Felix Brachetka zusammengestellte Aufführungsverzeichnis sämtliche statistische Daten zu allen Musicalproduktionen. Hier kann man nachschlagen, wann wer welche Rolle gespielt hat, welche Rolle wann nicht (mehr) besetzt war, wer welche Aufführung dirigiert hat – ein wahrer Datenregen, sehr informativ und umfassend.
»Es grünt so grün« ist in 14 Hauptkapitel eingeteilt. Jeder Musicalproduktion ist ein Kapitel gewidmet. Der erste Teil des Buches umfasst alle Shows, die Marcel Prawy bis zu seinem Wechsel an die Wiener Staatsoper Anfang der 1970er Jahre betreut hat. Diese ersten Kapitel sind nicht extra hervorgehoben, aber deutlich vom Rest des Buches zu trennen, vor allem, was ihren Informationsgehalt und Witz betrifft. Prawy, der Pionier des Musicals im deutschsprachigen Raum, hat ein reichhaltiges Archiv hinterlassen, in dem unter anderem auch seine Korrespondenz zu finden ist, mit deren Hilfe Wagner-Trenkwitz spannende und lustige Szenen aus dem Produktionsalltag an der Wiener Volksoper rekonstruieren konnte. Prawys Aufzeichnungen sind teilweise so unterhaltend, dass man damit mühelos einen eigenen Rezitationsabend gestalten könnte. Erinnerungen von Zeitzeugen machen diese Kapitel zusätzlich lebendig. Adolf Dallapozza, Star der »West Side Story«, über den Premierenabend des Werks von Bernstein: »Es war ein Riesenerfolg! Während des Schlussapplauses ist Prawy neben der Bühne herumgesprungen und rief immer wieder: »Wo ist der Eiserne?!« Er wollte unbedingt melden, dass das Publikum nach Fallen des Eisernen noch weitergetobt hat. [Alan] Johnson und Prawy haben die Aufführungen weiter überwacht. Wenn etwas nicht gestimmt hat, wurde sofort eine Probe angesetzt. Prawy hat stets seine berühmten kleinen Notizen in den Garderoben hinterlassen: »Dallapozza – heute wieder sensationell! B besonders schön!« oder: »Deine Rufe »Chino, erschieß mich!« Unvergesslich!«
Die Prawy-Ära endete mit zwei Flops: »Show Boat« und »Karussell«. Als der Meister Anfang der 1970er die Volksoper verließ und Karl Dönch Volksoperndirektor wurde, war es für sieben Jahre vorbei mit Musicals an der Volksoper. Mit dem Jahr 1979 – »My Fair Lady«, 362 Vorstellungen machen es zum erfolgreichsten Musical des Hauses – setzt der zweite Teil des Buches ein. Ab diesem Zeitpunkt stützt sich der Autor vor allem auf Interviews mit den Stars der Produktionen und leider allzu sehr auf Zitate aus den Kritiken der Tageszeitungen, wobei Wagner-Trenkwitz wenig Scheu kennt und von »Die Presse« bis hin zu »Täglich Alles« und dem »Frauenblatt« alles zitiert, auch wenn es keinen Rang und Namen hat.
Ein wenig bedauerlich, wenn auch nachvollziehbar, ist die Tendenz des Autors, Musicalproduktionen der jüngeren Zeit in etwas verklärtem Licht zu präsentieren. So beispielsweise »The Sound of Music«, wo das Problem der stimmklangmäßig uneinheitlichen Besetzung (Popsängerin Sandra Pires versus Operetten- und Opernsänger) als gelöst verkauft wird, dank der »hervorragenden Akustik-Abteilung des Hauses«, die, so Wagner-Trenkwitz, mit Mikroports alles in den Griff bekommen habe. Wer die Show besucht hat, weiß, dass das, gelinde gesagt, eine etwas übertriebene Behauptung ist.
Wo das Buch also abdriftet von der objektiven Zusammenfassung bereits vorhandener Quellen hin zu einer Neu- und Umschreibung der Kritik, wird es inhaltlich angreifbar. So auch, was die latente Rivalität mit den Vereinigten Bühnen Wien betrifft. Wagner-Trenkwitz erklärt beispielsweise an Hand der Volksopern-Produktion »Der Mann von La Mancha« (Premiere 1994, Wiederaufnahme 2007) sein Haus im ewig währenden Kampf gegen die VBW mit folgender Passage zum Rundensieger: »Diese Runde im Konkurrenzkampf mit den Vereinigten Bühnen entschied die Volksoper für sich. In einem »Barometer der Wiener Musicals« verkündete »News« im September 1994: »Die Volksoper produzierte den konkurrenzlosen Hit«, während »Elisabeth«, »das erfolgreiche Relikt aus der oft geschmähten Ära Weck«, sich nur »einigermaßen im Theater an der Wien« behauptete und »My one and only« im Ronacher sowie »Mama, I want to sing« im Austria Center gar unter die »Flops« gerechnet wurde (…)” Bei allem Verständnis für einen gewissen Level an Volksopernpatriotismus, aber eine solche Aussage, formuliert im Jahre 2007, angesichts der Erfolgsgeschichte von »Elisabeth«, verwundert. »Der Mann von La Mancha« brachte es in der Volksoper auf bisher 70 Aufführungen, »Elisabeth« im Theater an der Wien auf 1752.
Die Erfolgsformel der Wiener Volksoper ist gleichzeitig auch ihr größter Hemmschuh. Man sieht sich, zielgruppentechnisch, folgendermaßen: Stellen wir uns das Leben als langen ruhigen Fluss vor. Am Quell dieses Flusses steht die Geburt, an der Mündung ins Meer, der Tod. Die Volksoper fischt den Großteil der Menschen erst im letzten Drittel des Flusses ab und verlässt sich darauf, dass früher oder später einmal jeder an ihr vorbeischwimmt. Der Erfolg in manchem Bereich mag diese Strategie rechtfertigen, nur würde man sich manchmal wünschen, dass Impulse, die das Theater selbst setzt in Richtung jüngerer Zielgruppe, nicht gar so sehr ignoriert würden. So feierte am 4. März 2007 die Produktion »Tanzhommage an Queen« Premiere, ein Ballettabend zur Musik von Queen, der durchaus moderne Musical-Elemente enthält, vielleicht sogar mehr als die musikalische Komödie »Die Weberischen«, eine Produktion der Vereinigten Bühnen Wien, die 2008 ins Volksopern-Programm aufgenommen wird. Christoph Wagner-Trenkwitz hat sich dagegen entschieden, die »Tanzhommage an Queen« in sein Buch aufzunehmen. Das ist natürlich ganz im Sinne des klassischen Musicals, das im Haus am Gürtel regiert, andererseits eine verpasste Chance, die Erfolgsgeschichte des Musicals an der Volksoper noch ein wenig umfangreicher zu gestalten. Vermutlich »zu viel Tanz und zu wenig Scherze«.
Fazit: »»Es grünt so grün …« Musical an der Wiener Volksoper« schildert auf spannende und unterhaltende Weise, wie Marcel Prawy es schaffte, 1956 mit der Volksopernproduktion von »Kiss me, Kate« das erste Musical in Kontinentaleuropa auf eine Bühne zu stellen. Von dieser europäischen Perspektive ausgehend, die das Haus für kurze Zeit kennzeichnete, dokumentiert das Buch dann 13 weitere Produktionen, deren Bedeutung zunehmend als regional und lokal einzustufen ist. Ein Buch voller Anekdoten, stimmungsvoller Momentaufnahmen, vor allem ein Ausflug in eine Vergangenheit voller Publikumslieblinge. Was wird die Zukunft bringen? Robert Meyer in seinem Vorwort: »Musiktheater im Allgemeinen und das Musical im Besonderen ist keineswegs, wie einige meinen, ein abgestorbener Ast. Im Gegenteil: »Es grünt so grün …««
Christoph Wagner-Trenkwitz (Mitarbeit: Felix Brachetka): »Es grünt so grün …« Musical an der Wiener Volksoper. Mit einem Vorwort von Robert Meyer. Amalthea Signum Verlag, Wien 2007, 184 S.; ISBN: 978-3-85002-632-1. € 29,90 (Hardcover). www.amalthea.at
Martin Bruny am Donnerstag, den
8. März 2007 um 14:39 · gespeichert in Musical, Rezensionen, Bücher, 2007
Ein »Handbuch des Musicals« in deutscher Sprache, 732 Seiten stark, randvoll mit Informationen zu den “wichtigsten Titeln von A bis Z” – was kann sich ein Musicalinteressierter mehr wünschen? Dem Pressetext zum Werk ist zu entnehmen: »Das Buch ist eine Antwort auf die Frage »Was ist Musical?« und behandelt alle Facetten des jüngsten Genres des Musiktheaters. Es beschreibt im internationalen Kontext und zum ersten Mal in diesem detaillierten Format die Entstehung, die Blüte, das enorme Geschäft, die Flops und die Chancen des Musicals.« Wird ja immer besser, ich freue mich auf die Analyse der Werke von beispielsweise Jason Robert Brown, William Finn, Bill Russell oder gar Adam Guettel! Mitten im als »Opening« betitelten Kapitel »Was ist Musical? Versuch einer Antwort aus deutscher Sicht«, auf Seite 22, dann folgende Passage:
»Es gibt durchaus Momente, die am eigenen Engagement für dieses Metier zweifeln lassen, wenn zu erkennen ist, dass man sich vor argen Fehlentwicklungen zu fürchten hat. Etwa vor dem Missverständnis, aus dem Leben eines Menschen, der, anders als Kaiserin Elisabeth von Österreich, nicht mit seiner Biographie, sondern durch seine Musik zu unsterblichem Ruhm gelangte, ein Musical anzubieten, dessen ohrenbetäubende, nur oberflächlich Stimmungen andeutende Musik nicht mehr als eine Beleidigung für Mozart! [sic!] ist.«
Nicht nur stilistisch ist das ein Satz, der nicht passt. Nicht nur die Schreibweise “Mozart!” ist falsch, gemeint ist ja der Komponist und nicht das Musical, auch inhaltlich ist diese Aussage nicht haltbar. Oder um es mit Oscar Hammerstein II. (oder wahlweise Jerome Kern, auch ihm wird das Zitat zugeschrieben) zu formulieren: »Ein Musical kann alles sein, was es will, es muss nur eines haben: Musik!« Es gibt unter den kreativen Menschen dieser Welt wohl nur wenige, die sich der von Siedhoff vertretenen Ansicht anschließen würden, man dürfe zum Beispiel über einen Komponisten kein Musical schreiben. Auch das von Siedhoff gefällte Urteil über die Kompositionen Sylvester Levays kann man nur verwundert schmunzelnd zur Kenntnis nehmen. Levay steht, soviel ist sicher, auf der Abschussliste des Autors. So findet sich auf Seite 21 folgendes Zitat:
»Levay und Kunze setzten für die deutschsprachige Szene mit (…) »Elisabeth« in der Inszenierung von Harry Kupfer ein sehr bemerkenswertes Signal, mit einem stringenten, wirkungsvollen Buch, aber mit einer Musik, die den Charakter der Konfektion kaum abstreifen kann, der ein wirklich eigenes kompositorisches Profil fehlt. Derart prominent eingeführt und damit einen Welterfolg hervorgebracht habend, folgten die nur noch routinierten Nachfolger dieses Gespanns mit MOZART! und REBECCA.”
»Elisabeth« reiht der Autor dann doch überraschenderweise in die seiner Meinung nach rund 250 wichtigsten Musicals ein. Freilich nicht ohne, stilistisch wieder problematisch, zu vermerken: »Levay erfand für die Titelfigur ein schlichtes durchgängiges Thema, quasi als Pop-Konstante, das ihre Balladen »Ich gehör’ nur mir« und »Ich will dir nur sagen«, aber auch Rudolfs »Wenn ich dein Spiegel wär’« beherrscht. Luchenis aggressiv skandierende Ballade »Kitsch!«, deren Duktus mit geringerem Tonumfang in »Mein neues Sortiment« aufgegriffen wurde, gehört ebenso zu den wenigen musikalischen Höhepunkten wie die zynischen Kommentare des Wiener Hofstaat-Ensembles »Sie passt nicht« und dem gespenstischen Marsch der Kaffeehausbesucher in der »Fröhlichen Apokalypse«. Dramatische Steigerungen werden in der bisweilen eindimensionalen Instrumentation leider allzu häufig nur durch Lautstärke suggeriert, weniger durch wirkliche Melodieerfindungen.«
Das »Handbuch des Musicals« ist für alle jene enttäuschend, die sich gerade in Bezug auf die jüngsten Entwicklungen dieses Genres eine tiefergehende Analyse erwartet haben. Vom Zeitraum 1998 bis 2007 haben es gerade mal zwölf Musicals in das Buch geschafft, aus den Jahren 1988 bis 1997 25. Insofern gibt es wenig neue Erkenntnisse, sind doch die Werke vor 1987 längst von diversen, auch deutschsprachigen, Werken von verschiedensten Gesichtspunkten aus durchleuchtet worden. Nicht ganz nachvollziehbar sind die Auswahlkriterien des Autors, so pickte er beispielsweise aus sämtlichen Premieren der Jahre 1988/89 die Musicals »Ragtime«, »Der Glöckner von Notre Dame« und »Contact« heraus, ignorierte aber »Hedwig and the Angry Inch«, »Mamma Mia!«, »Mozart!«, »Parade« oder »Fosse«, um nur einige zu nennen. Thomas Siedhoff hat sich weiters dazu entschlossen, kein einziges Werk von William Finn (»A New Brain«, »Falsetto«-Trilogie, »25th Annual Putnam County Spelling Bee«, »Elegies – A Song Cycle«) aufzunehmen, nicht einmal in eine als »Chronologie« bezeichnete Übersicht, die neben den rund »250« wichtigsten noch weitere wichtige Premieren auflistet. Kein Werk von Jason Robert Brown hat Eingang gefunden in dieses Buch, keines von Adam Guettel. Bill Russell (»Elegies for Angels, Punks and Raging Queens«, »Side Show«) wird nicht einmal in seiner Funktion als Komponist erwähnt. Aus den Jahren 2004 bis 2007 hat Siedhoff nur ein einziges Musical aufgenommen: »Spamalot«. Nicht vertreten sind zum Beispiel »Spring Awakening«, »Grey Gardens«, »The Drowsy Chaperone«, »Jersey Boys«, »The Color Purple«, »The Boy from Oz« oder »Taboo«. Was man stattdessen im Buch findet: Ausführungen zu »Im Weißen Rössl«, »Linie 1«, »Helden, Helden« oder »Ludwig II. Sehnsucht nach dem Paradies«.
Zu jedem der ausgewählten Werke bietet Siedhoff Angaben zu Werktitelei (gebräuchliche Titel in der Originalsprache, alternative originalsprachliche Titel, gebräuchliche Übersetzungstitel und leider auch eigentlich völlig unnötige wörtlich übersetzte Titel), Komponist, Autor der Gesangs- bzw. Liedtexte, Autor der Dialoge und des Szenariums, Choreografie, Tryouts, Uraufführung, Verfilmungen, Musiknummern, Inhalt, Rollenbezeichnungen, Stimmfachbezeichnungen, Cast und Orchesterbesetzung, Inhaber der Rechte, Literaturangaben, Hinweise zu Notendrucken und Textbüchern und zu erschienenen Tonträgern (CDs, DVDs). Weiters einen Kommentar, der mitunter verzopft formulierte und sehr eigenwillige Wertungen der besprochenen Musicals enthält. Im Anhang findet sich ein »Verzeichnis der wichtigsten Werke der Musicalgeschichte« und ein Nachweis der verwendeten Literatur, eine Beschreibung der wichtigsten choreografischen Erscheinungsformen des Musicals, eine Liste der »wichtigsten und zuverlässigsten Internetadressen«, wobei es ruhig ein paar mehr hätten sein dürfen. 24 Stück sind nicht ausreichend, und es ist auch nicht wirklich nachvollziehbar, warum der Link zu einer Sondheim-Site angegeben ist, aber sonst keine Hinweise auf Websites anderer Komponisten und Autoren vorhanden sind. Lückenhaft auch die Auflistung der Anschriften der »wichtigsten Rechtsinhaber«.
Im Buch sind zwei Bildteile zu je 16 Seiten vorhanden. Die Bilder sind alle in Schwarzweiß und zum Teil von entsetzlich schlechter Qualität. Die Beschriftung ist zum Teil falsch. So ist das stiefmütterlich behandelte Levay/Kunze-Musical »Elisabeth« auch im Bildteil Opfer einer gewissen Lieblosigkeit geworden: Abbildung 14 zeigt laut Bildlegende »Pia Douwes als Elisabeth und Uwe Kröger als Tod”, zu sehen sind aber Maya Hakvoort als Elisabeth und Leon van Leeuwenberg als Franz Joseph. Als Musterbeispiel, wie man es einfach nicht machen sollte, kann Abbildung 35 gelten. Zu sehen ist eine Szene aus »Les Misà©rables« – völlig verschwommen und unscharf. Bei vielen Abbildungen fehlt die Angabe der Darsteller gleich ganz. Auch bei der Konzeption des Buches für den Buchbinder ist einiges schiefgegangen. Der Einband bricht schon beim ersten Aufbiegen. Schlussendlich hat man das Buch dann im hinteren Bereich fast als Einzelblätter vorliegen.
Auf dem Cover des Buches sehen wir ein Szenenfoto aus «Wickedâ€. Man sollte sich allerdings nicht täuschen lassen und etwa davon ausgehen, dass ausgerechnet dieses Musical bei Thomas Siedhoff Gnade findet: »Bei der Lektüre des Buchs, das Vieles aus einer sprachlich bewusst alltäglich gehaltenen Märchenwelt in die heutige Zeit zu bringen vermag, gewinnen die Figuren manches Leben. Hört man die Musik, bleiben sie durch das Ausbleiben aller märchenhafter Assoziationen eindimensional, und, mit Ausnahme der exzentrischen Madame Morrible, zudem verwechselbar.« Es wäre nur logisch gewesen, wenn der Autor für das Cover beispielsweise eine Szene aus »Kiss me, Kate« oder »Das Wirtshaus im Spessart« ausgewählt hätte, da hat man sich aber wohl dann doch von Verlagsseite dazu entschieden, etwas Modernes zu nehmen. Und während sich die deutschen Produzenten begreiflicherweise dazu entschlossen haben, den Titel «Wicked« nicht ins Deutsche zu übersetzen, kann man bei Thomas Siedhoff nun nachlesen, was »Wicked« auf Deutsch heißt, nämlich »Verwünscht«. Abgefahren!
Thomas Siedhoff: Handbuch des Musicals – Die wichtigsten Titel von A bis Z. Schott Music GmbH & Co KG, Mainz 2007, 732 S.; ISBN 978-3-7957-0154-3. €29,95. www.schott-music.com
Martin Bruny am Donnerstag, den
8. März 2007 um 14:36 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2007
Alfons Haider ist im Österreichischen Fernsehen im Fasching Mr. “Opernball”, im Winter Mr. “Dancing Star”, im Herbst Mr. “Musical! Die Show!« Seit 1998 ist er Künstlerischer Leiter der Stockerauer Festspiele, wo er neben seiner leitenden Funktion auch jeweils die Hauptrolle des gerade angesetzten Musicals übernimmt (2008 die Zaza in “La Cage aux Folles”). Nebenbei ist Haider bei Neuproduktionen seiner alten Musicalerfolge immer wieder mit dabei, wie zum Beispiel ab Mai 2008 im Innsbrucker Landestheater als König in “The King and I” von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II.
In Österreich ist Haider ein Star von äußerst professioneller US-amerikanischer Prägung – eine Marke, die er im Laufe der letzten Jahre mit viel Kraftaufwendung kreiert hat. Haider ist als Entertainer ein Mann der Seitenblickegesellschaft, nicht negativ gemeint, sondern feststellend, – in dem Sinn, dass er diese professionell bedient. Wenn jemand eine Homestory möchte und den Inhalt von Haiders Kühlschrank featuren will, wird dieser Wunsch vermutlich in Erfüllung gehen, so das Medium kein unbedeutendes ist. Ein Beitrag in einer Fernsehklatschsendung wie “Seitenblicke” (ORF) bringt zirka 1000 verkaufte Tickets der aktuellen Produktion. (O-Ton Haider)
Was für den Entertainer zählt, ist die Quote, das hat er im Laufe seines Lebens gelernt. Und Quote in großem Ausmaß erzielt man im Fernsehen. Oder um es anders zu formulieren. Alles andere außer dem Fernsehen hat im gegenwärtigen Stadium der Karriere des Entertainers dem Fernsehen zu dienen. Haider hat sich vor zirka zehn Jahren entschlossen, im Brotberuf “Moderator” zu sein. Die Folgen merkt man deutlich auch an seiner im Ueberreuter erschienenen Autobiografie. Denn obwohl Haider einen Gutteil des Jahres als Musicaldarsteller und Entertainer, der sehr stark musicalhafte Elemente in seinen Shows einsetzt, auf der Bühne verbringt, füllen die Zeilen über seine Erfahrungen im Musicalbusiness kaum eine Seite.
Stilistisch betrachtet ist Haiders Autobiographie wie ein Interview angelegt, aus dem man die Fragen ausgeblendet hat. Aus 127 Stunden und 42 Minuten Tonmaterial hat Walter Pohl, Gründungsmitglied und einer der Chefredakteure des österreichischen Wochenmagazins NEWS ein Buch zusammengefügt, das wie ein überlanges Interview wirkt. So könnten die einzelnen Abschnitte durchaus auch als Folgen in einer Zeitschrift erscheinen. Das hat Vor- und Nachteile. Positiv kann man bewerten, dass Haiders Autobiographie dadurch sehr authentisch wirkt. Ja, so würde er tatsächlich bei Interviews rüberkommen. Andererseits haben Haider und Pohl dadurch ein Buch auf den Markt gebracht, das sich dem Storytelling eher verweigert. Kleine Anekdoten, die von wenigen Sätzen bis maximal einer halben Buchseite reichen, erzeugen beim Leser einen hastigen, gerafften Eindruck. Der Interviewstil ist einer, der möglichst rasch auf den Punkt kommen will, um die Aufmerksamkeit des Zuhörenden nicht zu verlieren. Hier aber sind wir, die Konsumenten, Lesende, und wären bereit, auch über viele Seiten hinweg Gedankengänge nachzuvollziehen.
Durch die, so wirkt es, nahezu ungebrochene und wenig bearbeitete Transkription des mündlichen Vortrags in die schriftliche Sprache ist Haiders Autobiografie auf jeden Fall sehr leicht lesbar, wie geschaffen, um als Audiobook auf den Markt zu kommen, eigentlich perfekter als Vorlage für ein Audiobuch geeignet denn als literarisches Produkt. Die Umfokussierung vom Interview auf einen Erzähltext erfolgt großteils nur durch nachträglich eingefügte Füllpartikel wie “geneigter Leser”, die wie Fremdpartikel aus dem Buch hervorragen.
Distanz ist eines der Keywords im Medienleben Haiders. So offen er sich der Seitenblickegesellschaft gibt, so sehr ist diese Offenheit auch eine exzellent konstruierte und dosierte, von ihm bewusst gesteuerte. Haiders Autobiografie ist somit ein ideales Mittel der Selbststilisierung. So wie die Fiaker in Wien ihre Pferdchen durch die historischen Straßen lenken und nur auf Ausgewähltes hinweisen, schildert sich Haider als Star in der Carnegy Hall, als internationaler Star einer Fernsehsoap, analysiert aus wohlüberlegter Selbstdistanz auch die Tiefpunkte seiner Karriere. Packend sind durchaus jene Passagen des Buches, die die schwierigste Phase seiner Karriere behandeln: jene nach seinem Outing 1997 im Theater Akzent auf offener Bühne und die Folgen für ihn privat und beruflich.
»geliebt. verteufelt« nennt Haider sein Buch und widmet ein Kapitel den Medien, von denen er sich ungerecht behandelt fühlt: »Ja, ich habe ein Problem mit den Medien, und es ist seit Jahren immer das gleiche: Die sogenannte intellektuelle Presse will mich entweder nicht wahrhaben, oder, was eigentlich schlimmer ist, sie verspottet oder verteufelt mich.« Haiders Medienschelte ist ein Tiefpunkt des Buches, nicht, weil man seinen Ansatz nicht verstehen will, sondern weil er genau das macht, was er seinen »Mediengegnern« vorwirft: Er pauschaliert klischeehaft: »Viele Vertreter dieses Berufes, das wissen wir ja, haben in frühen Jahren Theaterwissenschaften studiert. Fertig oder halbfertig oder sonst wie was.« Er spricht von »journalistischen Kleinkrämern« und von »gnadenloser Jagd« durch die Yellow Press. Vielleicht ist dieses Kapitel andererseits das ehrlichste des Buches, in dem der Entertainer in einem Moment des Angriffs die Deckung fallen lässt und Einblick gewährt in eine verletzte, oftmals unverstandene Persönlichkeit.
Fazit: Alfons Haiders Autobiografie ist sehr leicht zu lesen, reich illustriert (65 der 240 Seiten sind bebildert), im Anhang gut recherchiert (hier findet man eine Chronologie aller Bühnen-, Film- und Fernsehauftritte) und als Merchandisingartikel für Fans bestens geeignet. Alfons Haider, der Musicaldarsteller, kommt in »geliebt. verteufelt« praktisch nicht vor. Mit Musical macht man wohl keine Quote. Schade, denn es ist bekannt, dass Haider das Musicalgenre ein Anliegen ist und er hinter den Kulissen, beispielsweise an den Wiener Musicalschulen, sei es nun das Performing Center Austria oder die Konservatorium Wien Privatuniversität Wien, immer wieder eine Rolle spielt.
Alfons Haider: geliebt. verteufelt. Die Autobiografie. Aufgezeichnet von Walter Pohl. Ueberreuter, Wien 2007, 240 S.; ISBN: 978-3-8000-7288-0. € 22,95 (Hardcover). www.ueberreuter.at
Martin Bruny am Donnerstag, den
8. März 2007 um 14:32 · gespeichert in Bücher, 2007
»Broadway may only be a street to some people, but to some of us it’s a religion« – mit diesem Zitat von Eddie Foy Sr., dem legendären Schauspieler, Komödianten und Tänzer (1865–1928), startet Ken Bloom in seine Einleitung zu dem, was er Broadway-Guide, also Führer, Orientierungshilfe oder Leidfaden, ganz wie man es auffassen möchte, nennt. Ursprünglich konzipiert für Studenten der Theaterwissenschaften, der Regie, des Schauspiels, ist dieses Buch im Prinzip für alle eine höchst informative Lektüre, die sich näher mit den wichtigsten Broadway-Begriffen beschäftigen wollen, wobei mit dem Wort »Begriffe« hier gemeint ist: Komponisten, Autoren, Darsteller, Theater, Awards.
Autor Ken Bloom ist eine Autorität, was die Geschichte des Broadways, des Musicals, des Theaters betrifft. Er hat mittlerweile zu Klassikern avancierte Bücher verfasst wie »American Song: The Complete Musical Theatre Companion«, in dem jedes Lied, das für das amerikanische Theater geschrieben wurde, aufgelistet ist. Oder »Hollywood Song«, in dem er Informationen zu Songs von über 7000 Kinofilmen bietet. Das von ihm und Frank Vlastnik verfasste Werk »Broadway Musicals: The 101 Greatest Shows of All Time« wurde zum veritablen Bestseller. Neben seiner Karriere als Autor ist Bloom seit einem Jahrzehnt als Berater für Decca Broadway tätig, und auch als Autor macht er von sich reden. Gemeinsam mit Barry Kleinbort schrieb er das Off-Broadway-Musical »A Brief History of White Music«.
Für all jene, die in nächster Zeit vielleicht zum ersten Mal eine Broadwayshow besuchen und sich vorab informieren wollen, beispielsweise über das Theater, in dem die Show gegeben wird, bietet Ken Bloom unter anderem auch sehr ins Praktische gehende Passagen. So schreibt er im Eintrag über das Minskoff Theatre: »Though the walk to the auditorium is well designed, the theater is not. The balcony overhangs too far from the front of the stage and the uppermost seats are also too distant. The orchestra area has what is called continental seating – no center aisles, only two aisles on either side of the seats. Row T, for example, is fifty-two seats wide. Patrons who have tickets in the center of the row must cross over the feet of twenty-five people to get to their seats. On a matinee day, when many audience members have shopping bags, this can be extremely difficult. In its favor, however, the Minskoff was the first New York theater to be fully accessible to handicapped patrons.†Bloom hat ein richtiges Buch zum Schmökern verfasst. Die Auswahl der im Guide enthaltenen Komponisten und Darsteller ist eher konservativ gestaltet. Die legendären Klassiker sind dabei, Größen wie Sondheim, Bernstein, die Gershwins natürlich, nicht aber Jason Robert Brown oder Frank Wildhorn. Darstellerlegenden wie Maude Adams, die Barrymores, nicht aber aktuelle wie Patti Lupone oder Nathan Lane. Die Gliederung des Buches ist alphabetisch, es gibt keine Kapitel, keinen Index, kein Quellenverzeichnis, aber man vermisst das alles auch nicht. Hier schreibt jemand, dem man das, was er erzählt, auch abnimmt. Vielleicht resultiert das auch ein wenig aus der Erzählerperspektive. Es geht Bloom nicht darum, das abzuqualifizieren, was für ihn nicht zu dem gehört, was er »Broadway key figures« nennt, sondern mit Empathie all das zu vermitteln, was den Broadway zur Legende werden ließ. Wenn er die Geschichte eines Theaters auf wenigen Seiten Revue passieren lässt, dann erzählt er auch die eine oder andere Anekdote über die Hits und Flops des Theaters, und er tut dies in einem typisch amerikanischen Stil: lebendig, sehr kompetent, ohne den verbissenen Drang, die Musicalgeschichte umdeuten zu wollen nach eigenem Gutdünken oder Theoriegebäude skizzieren zu wollen. Am Ende setzte sich wie von selbst aus all den Puzzlesteinen eine Art von Musicalgeschichte der letzten 100 Jahre zusammen. In diesem Buch lebt der Broadway – sehr empfehlenswert.
Ken Bloom: The Routledge Guide to Broadway. Routledge – Taylor & Francis Group, New York 2007, 290 S.; (Papaerback) ISBN 978-0415973809. $ 22,95. www.routledge-ny.com
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