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Martin Bruny am Sonntag, den
13. Mai 2007 um 20:16 · gespeichert in Musical, Wien, Theater
Studentenshows an Musicalschulen werden unterschätzt. Generell. Das soll nicht heißen, dass diese Aufführungen nicht gut besucht sind, oft ist das Gegenteil der Fall und sie sind hoffnungslos ausverkauft. Gemessen an der Bedeutung, die diese Produktionen jedoch haben, werden sie dennoch unterschätzt. In Zeiten des Internet, wo Platz auf Websites ja nun wirklich nicht eine Frage der Kosten ist, wenn es um den einen oder anderen Artikel mehr geht, finden sich erstaunlich wenig Berichte im Netz über beispielsweise Abschluss-Shows von Musicalschulen. All die Online-Medien, die sich auch oder vor allem mit Musicals beschäftigen, würden sich doch anbieten, sollte man meinen. Ist es wirklich so reizvoll, nur über Big-Budget-Produktionen zu schreiben?
Warum sollte man auch über Studentenshows berichten? Nun, man hat die Chance, Talente zu erleben, bevor sie Karriere machen. Nicht, dass jedem Talent überhaupt eine Karriere vergönnt, nicht, dass der eine oder andere nicht ohnehin schon während seines Studiums längst von großen Bühnen engagiert worden ist, aber eine Performance im Rahmen des Studiums hat immer einen ganz eigenen Charme. Man sieht bei einem Abschlussjahrgang oft völlig unterschiedliche Levels und fragt sich ab und an, ob die Studenten, die ihre Abschluss-Show bringen, tatsächlich in ein und demselben Jahrgang sein können, aber so ist das eben. Vielleicht hatte mal jeder das Ziel, Musicalstar zu werden und entdeckt dann, dass er vielleicht doch besser nicht auf der Bühne, sondern im Theatermanagement (im weiteren Sinn) besser aufgehoben ist. Schaden wird ihm/ihr eine Ausbildung sicherlich auch dann nicht.
Wie auch immer, vom 30. April bis 2. Mai 2007 ging im Wiener Theater des Augenblicks die diesjährige Abschluss-Show der Performing Arts Studios Vienna über die Bühne. Im Gegensatz zu “1070 Wien”, der Produktion des Vorjahres, bei der es sich um ein eigens für diesen Zweck von Michael Schnack komponiertes Musical handelte, zeigten die neun Absolventen dieses Jahres eine Nummernrevue. Auf dem Programm (siehe unten) standen bekannte und ein paar weniger bekannte Songs aus “Fame”, “Elisabeth”, “The Scarlet Pimpernel” u. v. a.
Das Leading-Team der Produktion:
Gestaltung und Musikalische Leitung: Michael Schnack
Choreographien: Sabine Arthold & Ramesh Nair
Maske & Haare: headquarters
Kostümdesigns: Gabriele Tinodi
Bauten: Sandor Coti
Produktionsleitung: Eva Tatzber
Licht: Tommy Tatzber
Ton: Vienna Sound Vienna Light
Die Absolventen:
Caroline Ciglenec, Manuela Gager, Kerstin Löcker, Lydia Nassal, Alexander Moitzi, Lydia Nassall, Barbara Schmid, Nina Tatzber, Barbara Wanasek und Robert Weixler
Unterstützt wurden die Absolventen von Darstellern des 2. Jahrgangs:
Nicola Gravante, Daniela Lehner, Raphaela Pekovsek, Stefanie Riedelbauch, Gernot Romic, Isabel Trinkaus, Anna Weghuber und Melanie Maier

Es hat immer schon Abschlussjahrgänge an den Performing Arts und anderen Musicalschulen gegeben, die durch das eine oder andere ganz besonders große Talent geprägt waren. Überragend im aktuellen Abschlussjahrgang der Performing Arts: Alexander Moitzi. Schon bei »Musical Christmas«, der Weihnachtsshow der Vereinigten Bühnen Wien im Dezember 2006, war er aufgrund seiner Präzision, Ausstrahlung und Grazie herausragend. Sein tänzerisches Talent konnte er auch im Abschlussprogramm “The Next Generation” voll ausspielen, beispielsweise in sehr schön choreographierten (Sabine Arthold) Szenen aus »The Lion King«. Zusammen mit seinen gesanglichen und schauspielerischen Fähigkeiten, die er beispielsweise bei »Suddenly Seymour« (»Little Shop of Horrors«) oder “Time Warp” (”The Rocky Horror Show”) zeigen konnte, bietet er ein künstlerisches Gesamtpackage, um das sich jede Bühne reißen müsste.

Wenn Moitzi als tänzerisch überragend hervorsticht, so trifft dasselbe auf dem Gebiet des Gesangs auf Manuela Gager zu. Ihr “Jemand wie du” aus “Jekyll & Hyde” war makellos schön und ausdrucksstark, auch «Your Daddy’s Son« aus »Ragtime« – wunderbar gesungen.
Das Programm der Performing Arts war eine bunte Mischung aus Musicalknallern aller Richtungen. Das meiste hat funktioniert, bei der einen oder anderen Nummer ging die Rechnung nicht ganz auf. Frank Wildhorn wird ja immer nachgesagt, er würde oft nur einfache Popmelodien schreiben. Mag sein, dass vieles davon Pop ist, einfach zu bringen muss es dennoch nicht sein. »Into the fire« aus »The Scarlet Pimpernel« braucht einfach mehr als vier Studenten und ein Playback. Robert Weixler als Percy war in dieser Szene nicht zu beneiden, auch seine drei Kollegen konnten ihm nicht helfen, der Szene jene Wucht zu verleihen, die sie braucht. »The Scarlet Pimpernel« scheint ein Knackpunkt dieser Produktion gewesen zu sein, denn auch Barbara Schmid war etwas, sagen wir einsam bei »Now when the rain falls« (»The Scarlet Pimpernel«), dafür viel besser bei »Maybe this time« (»Cabaret«).
Insgesamt war »The Next Generation« eine äußerst unterhaltende Show. Die Performing Arts haben, im Gegensatz zum Vorjahr, wieder verstärkt das tänzerische Element betont, was sich wohl auch aus dem Umstand ergibt, dass man mit Moitzi einen Mann in der Truppe hat, dem man das eine oder andere Tanzsolo einfach choreographieren musste, weil es sonst ewig schade gewesen wäre.

Neben Moitzi und Gager werden sicher auch andere Darsteller aus diesem Abschlussjahrgang ihren Weg machen, beispielsweise Barbara Wanasek, die ein kleines bisschen an Bette Midler erinnert hat in ihrer Shownummer »Blow, Gabriel Blow« (»Anything Goes«), oder auch Gernot Romic (Duettpartner von Caroline Ciglenec bei »Friendship« (»Anything Goes«)), aber das ist noch Zukunftsmusik, denn er hat als Student des 2. Jahrgangs seine Abschluss-Show noch vor sich.
Wer den weiteren Weg der Absolventen der Performing Arts verfolgen will, auf der Homepage der Musicalschule werden die Engagements regelmäßig upgedatet. Die nächste große Produktion ist »High School Musical« – zu sehen im Herbst in der Wiener Stadthalle.
»The Next Generation« – die Songs
Hard Work (»Fame”)
Staging: Schnack
Gesamtes Ensemble
Fame (»Fame”)
Choreographie: Arthold
Carmen: Tatzber / Ensemble: Lager, Gravante, Lehner, Pekovsek, Riedelbauch, Romic, Schmid, Trinkaus, Wanasek, Weghuber / Booth: Löcker, Maier, Moitzi, Nassall, Weixler
Dance: ten; Looks:three (»A Chorus Line”)
Staging: Nair
Val: Ciglenec
Into the fire (»The Scarlet Pimpernel”)
Choreographie: Nair
Percy: Weixler / Kämpfer: Gravante, Moitzi, Romic
Now when the rain falls (»The Scarlet Pimpernel”)
Staging: Schnack
Barbara Schmid
Wenn ich dein Spiegel wär’ (»Elisabeth”)
Staging: Schnack
Rudolf: Moitzi / Elisabeth: Löcker / Zofe: Nassall
Mayerling (»Elisabeth”)
Choreographie: Nair
Rudolf: Moitzi / Totentänzer: Ciglenec, Maier, Pekovsek, Schmid, Tatzber / DerTod: Gravante
Ich gehör’ nur mir (»Elisabeth”)
Elisabeth: Löcker
White boys (»Hair”)
Choreographie: Nair
Ciglenec, Maier, Nassall, Pekovsek, Schmid, Tatzber, Wanasek
Aquarius/Let the sunshine in (»Hair”)
Choreographie: Arthold
Gager / Ensemble: Gravante, Lehner, Löcker, Moitzi, Riedelbauch, Romic, Trinkaus, Weghuber, Weixler / Booth-Chor: Ciglenec, Maier, Pekovsek, Schmid, Tatzber, Wanasek
Zuhaus (»Die Schöne und das Biest”)
Staging: Schnack
Belle: Nassall
Circle of life (»The Lion King”)
Choreographie: Arthold / Staging: Schnack
Rafiki: Wanasek, gesamtes Ensemble, Tanz: Schmid, Moitzi
Shadowland (»The Lion King”)
Choreographie: Arthold
Ciglenec, Maier, Pekovsek, Schmid, Moitzi, Tatzber
Totale Finsternis (»Tanz der Vampire”)
Staging: Schnack
Sarah: Löcker, Krolock: Weixler / Booth: Gager, Gravante, Lehner, Nassall, Riedelbauch, Romic, Trinkaus, Wanasek, Weghuber
Tanz der Vampire (»Tanz der Vampire”)
Choreographie: Arthold
Gesangsensemble: Gager, Trinkaus, Weghuber, Gravante, Moitzi / Tanzensemble: Lehner, Maier, Nassall, Pekovsek, Riedelbauch, Schmid, Tatzber, Wanasek / Booth-Chor: Ciglenec, Löcker, Romic, Weixler
Stepping out with my baby
Choreographie: Nair
Nassall, Moitzi / Ensemble: Ciglenec , Lehner , Maier , Pekovsek , Riedelbauch , Schmid , Tatzber
Jemand wie du (»Jekyll & Hyde”)
Lucy: Gager
Friendship (»Anything goes”)
Staging: Nair
Reno: Ciglenec, Moonface: Romic
Blow, Gabriel, blow (»Anything goes”)
Choreographie: Nair
Reno: Wanasek, Ensemble: Gravante, Lehner, Trinkaus, Gager, Nassall, Romic, Riedelbauch, Weghuber / Booth-Chor: Löcker, Moitzi, Pekovsek, Schmid, Tatzber, Weixler
Suddenly Seymour (»Little Shop of Horrors”)
Choreographie: Nair, Staging: Schnack
Tatzber, Moitzi / Girls: Lehner, Trinkaus, Weghuber
Maybe this time (»Cabaret”)
Schmid
Your Daddy’s Son (»Ragtime”)
Staging: Eisenberg
Sarah: Gager
Over at the Frankenstein Place (»The Rocky Horror Show”)
Staging: Schnack
Brad: Romic, Janet: Schmid, Riff-Raff: Moitzi, Magenta: Tatzber, Columbia: Nassall
Time Warp (»The Rocky Horror Show”)
Choreographie: Arthold
Riff-Raff: Moitzi, Magenta: Tatzber, Erzähler: Weixler, Columbia: Nassall / Gesamtes Ensemble
Seasons of love (”Rent”)
Ensemble
Martin Bruny am Mittwoch, den
2. Mai 2007 um 13:37 · gespeichert in Musical, Wien, Theater, Sprache, Theater

Zippeti Zappeti Zeppeti-Zupp,
einmal Schwipp und einmal Schwupp,
Piffzipaffzi Trallalla,
und der Kasperl, der ist da!
Seid ihr auch alle da?
[Arminio Rothstein: Kasperls Spruch — Download]
Im Kabarett Simpl derzeit zu sehen: “Krawutzi Kaputzi”, mit den Untertiteln: “Das Sozialdrama” und “Strengstes Jugendverbot”. Geht man vom Theater aus, in dem sich das Ganze abspielt, so könnte man eine der am Hause üblichen Kabarettproduktionen erwarten. Das Simpl (1912 als “Bierkabaret Simplicissimus” gegründet und damit das älteste noch immer bespielte deutschsprachige Kabarett) ist für zwerchfellstrapazierende kabarettistische Revuen berühmt. Wer diese Erwartungshaltung hat, wird nicht enttäuscht. “Krawutzi Kaputzi” ist, unter anderem, auch ein Stück herrliches Kabarett, nur eben einen Dreh anders.
“Krawutzi Kaputzi” ist aber auch eine Hommage an all jene Künstler, die die Puppenspielfiguren, die Stars der Show, geschaffen
haben. Dem Programmheft kann man Angaben dazu nicht entnehmen. Da heißt es zu, sagen wir mal “Zwerg Bumsti”, einer der Nebenfiguren der Show: “52, Kaufmann, Biertrinker, Verzahrer”. Wollte man exakt sein, müsste man sagen: Falsch. Bumsti ist schon 60, denn Teja Aicher, ein Wiener Künstler, hat den kleinen pausbäckigen “Zwerg Bumsti” als Comicfigur im Jahre 1947 erfunden.
Kasperl, die Gans Mimi, der Zauberer Tintifax, Helmi - all diese Figuren wiederum haben Arminio und Christine Rothstein zum Leben
erweckt. Arminio Rothstein (1927-1994), besser bekannt als Clown Habakuk, war ein österreichischer akademischer Maler, Puppenmacher und Puppenspieler, Drehbuchautor und Buchautor, Musiker, Zauberer und AHS-Professor. Von 1968-1994 arbeitete er beim Kinderfernsehen des ORF und entwickelte Sendungen, in denen Puppen mit ihm selbst als Clown Habakuk und anderen Menschen interagierten.
Die “Familie Petz” wiederum, die einen anderen Teil der “Cast” von “Krawutzi Kaputzi” beistellt, als da sind Pezi, Großvater, Pezis Freund Fips (eine Maus), die Katze Minki und die Ziege Meckerle, ist Star der ORF-Sendereihe “Betthupferl”. 198 Folgen davon produzierte das Wiener Urania Puppentheater für den ORF. Der Titel der Simpl-Show, “Krawutzi-Kaputzi” (Download), ist Pezis Standard-Ruf, wenn er wieder mal Unfug angestellt hat und aufgeflogen ist. So würde sich auch noch die eine oder andere Puppenspielserie anführen lassen, aus der die Macher der Simpl-Show ihr Personal rekrutierten - Sendungen, die zum Teil seit 1957 vom ORF ausgestrahlt werden.

Natürlich hat das Simpl nicht den kleinen Pezi auf die Bühne gestellt und mit ihm ein Puppentheater für Kinder inszeniert. Pezi ist
in “Krawutzi Kaputzi” vielmehr 29 Jahre alt, hat sein Boku-Studium noch immer nicht abgeschlossen, und steht kurz vor seinem -
1000. One-Night-Stand (das macht 1,46 One-Night-Stands die Woche, bei einem Start im 16. Lebensjahr, wie ihm Fipsi, sein Freund, akribisch ausrechnet). Sein Großvati hat zwei Schlaganfälle hinter sich, und da er erst mit 60 begonnen hat für seine Pensionsversicherung einzuzahlen, steht er noch immer in seinem Geschäft. Fips, die graue Maus, ist beruflich erfolgreich im Bankgewerbe tätig und schwul, aber niemand in seiner Umgebung weiß von dem einen noch von dem anderen. Erste Kontakte in die Szene knüpft er auf der Single-Plattform gayromeo.at als “TraumMaus31W” und lernt dort ausgerechnet “Helmi”, 45, arbeitslos, depressiv, spielsüchtig und hoch verschuldet, kennen, der ebenfalls unter einem “vielsagenden” Pseudonym auf Männerjagd ist. Bevor Pezi den 1000er einlochen kann, taucht Minki auf, die fescheste Katz von Meidling, Pezis Jugendliebe. In Herrn Özgüls Internetcafà© treffen Pezi und Minki aufeinander - und verlieben sich. Stammgäste bei Özgül sind auch die Gans Mimi, eine erfolgreiche Chansonette im Klimakterium, die Eheprobleme mit dem Drachen Dagobert hat. Der schaut sich nämlich im Internet ständig Pornos an und bringt außer “Bussi Bussi” kaum ein vernünftiges Wort raus. Statt auf “duden.de” an seinem Wortschatz zu arbeiten, surft er auf “tuttln.at” und ist da ganz in seinem Element. Als auch noch die beiden Penner Kasperl und Tintifax auftauchen und Großvatis Trafik überfallen wollen, ist das Chaos perfekt.

In bester “Avenue Q”- oder auch “Villa Sonnenschein”-Manier werden die Puppen von Darstellern geführt. Die Puppenspieler leihen den Puppen ihre Stimme, sie tanzen, sie agieren, so als wären sie eins. Mitunter wird dieses Konzept gebrochen, wenn beispielsweise eine Puppe von ihrem Puppenspieler Hilfe bei Tätigkeiten verlangt, die die Puppe als solche nicht verrichten kann (Blumen aus dem Blumenpapier auswickeln zum Beispiel). Man könnte meinen, dass dieses Konzept etwas verwirrend ist, weil man sich weder auf die Puppen noch auf die Darsteller voll konzentrieren kann. Das Problem löst sich aber nach einigen Minuten von selbst, weil man dann sicher für sich eine Entscheidung getroffen hat. Und wer will, kann sich ja eine zweite Runde im Simpl geben.
Als Puppenspieler am Werk: Vollprofis auf dem Gebiet des Musicals: Susanne Altschul (”Elisabeth”, “Freudiana”, “Les Misà©rables”),
Claudia Rohnefeld (”The Wild Party”, “Strangers in the Night” und “Camelot”), Sigrid Spörk (”Sommernachtsträume”, “Die Geggis”),
Roman Frankl (”Kiss me, Kate”, “Hello Dolly”), Otto Jaus (”Jekyll & Hyde”, “Les Misà©rables” und “Das Lächeln einer Sommernacht”),
Ronald Seeboth (u. a. Lehrer am Performing Arts Center) und Roman Straka (”Elisabeth”, “Jesus Christ Superstar”, “Assassins”).

Gesungen und gesprochen wird fast durchgehend im Wiener (Meidlinger) Dialekt. Dialekt ist immer eine schwierige Sache. Man muss sich drauf einlassen, ganz oder gar nicht. Mal ein paar Worte im Dialekt einzustreuen wirkt manchmal sehr sehr gekünstelt. Dialekt ist auch eine sehr intime Sache. Wer im Dialekt spricht, offenbart oft mehr von sich als er eigentlich will. Dialekt ist eine sehr gefühlsintensive Sprachebene, verglichen mit der glatten Hochsprache. Dialekt muss man ohne Zurückhaltung rauslassen. Da gehört schon mal ein gepflegtes “Oarsch” dazu. Wobei die Grenze zwischen einem vulgären “Oarsch” und einem, über den man noch lachen kann, auch keine ganz so einfach zu bewältigende Sache ist. Denn glaubhaft sollte es dann doch sein.
Am meisten werden diejenigen die Show genießen, die in Krapfen reinbeißen, ohne vorher nachzudenken, ob ihnen gleich die Marmelade aufs Hemderl spritzt, diejenigen, die mit Wonne grünen Slime mit den Fingern geknetet haben, Leute, die nicht eben zusammenzucken, wenns um Oarschlöcher geht und die nicht den Saal verlassen, wenn Puppen ficken. Oder aber Leute, die das schon immer gerne mal gemacht hätten (also nicht das mit den Puppen), aber sich nicht trauen. Es hat keinen Sinn, groß drumherum zu reden, in “Krawutzi Kaputzi” werden die Dinge beim Namen genannt und auch explizit gezeigt, denn letztendlich sind es ja Puppen, dies miteinander treiben.

“Krawutzi Kaputzi” ist ein charmantes, präzise getimtes Spiel mit Worten auf einer bestimmten Zielebene. Hier wird nicht burgtheaterreife Unterhaltung angestrebt, eher schon ist es eine musikalische Wuchtel-Parade, Blödeln auf hohem Witzniveau. Die Songs leben vom Wortwitz, der in den meisten Fällen einen, wenn möglich, hysterischen Lacher im Publikum als absolutes Ziel hat. Es hätte nicht viel Sinn, Textbeispiele zu bringen, denn wirksam sind Wuchteln meistens nur live.
Johannes Glück hat den Puppen und ihren Darstellern eine Reihe von lieben Melodien auf den Leib geschrieben, in denen es um Drogen, Minderheiten, Ausländerfeindlichkeit, Suizid, Depressionen, den ORF und andere aktuelle Themen geht, neben den ewig aktuellen Themen: Liebe, Eifersucht und Tod. Dass auf der Bühne des Simpls, die die Ausmaße eines kleinen Wohnzimmers hat, kein Orchester und auch keine Band den Sound liefern kann, schlicht weil kein Platz ist, die Musik also vom Band kommt, ist in dem Fall egal. Viele der Songs haben einen Touch Melancholie, etwas Berührendes, andere einen gehörigen Kick an frechem Witz. Es sind durchwegs Ohrwürmer, die innerhalb der Show perfekt funktionieren. Eine Cast-CD der Produktion ist für den Herbst 2007 geplant.
Ja, “Krawutzi Kaputzi” wäre ohne die “Wickie, Slime & Piper”-Welle einen Kick innovativer gewesen, auch ohne Puppenspiel-Musicals wie “Avenue Q” oder “Villa Sonnenschein”, aber es ist legitim, vorhandene Trends zu erkennen, zu verarbeiten und in eine eigene Form zu gießen, und so präsentiert sich “Krawutzi Kaputzi” als stimmiges und mitreißendes “Avenue Meidling” mit einem eigenständigen USP, nämlich als Dialektmusical. Bei so vielen wirklich hervorragenden Zutaten wie Musik, Text, Inszenierung (Werner Sobotka), Bühnenbild, Licht, Puppen sind dennoch die Puppenspieler der wahre Volltreffer und ideal besetzt. Das Ensemble ist eine Mischung aus erfahrenen Darstellern wie Susanne Altschul, Roman Frankl oder Ronald Seeboth bis hin zu Musicalstudenten wie Otto Jaus, der bei “Krawutzi Kaputzi” seine erste tragende Rolle in einer relevanten Musicalproduktion mit Bravour, spielerischer Freude und dem für diesen Part notwendigen Charme spielt. Roman Straka, in vielen Rollen bei den Vereinigten Bühnen Wien eher mit mittleren und kleineren Parts oder als Zweitbesetzung bedacht, kann in “Krawutzi Kaputzi” viel viel mehr zeigen als in jeder anderen Rolle bisher. Ob als “Zwerg Bumsti”, “Fips” oder “Kasperl”, er überzeugt in jeder Rolle. Claudia Rohnefeld scheint spezialisiert auf Männerrollen. Erst kürzlich gab sie in der Badener Produktion von “Les Misà©rables” den Gavroche, in “Krawutzi Kaputzi” ist sie als depressiver, spielsüchtiger Herr Helmi zu sehen und in einer zweiten Rolle als männergeile Ziegentussi. Beide Rollen gestaltet sie mit Wonne und Spielfreude. Ronald Seeboth gibt einen lässigen, potrauchenden Großvati und in einer zweiten Rolle den dusseligen Dagobert souverän. Sigrid Spörk als Katze Minki ist, schlicht und einfach, entzückend, genauso wie Susanne Altschul als Möchtegern-Diva Mimi, die Gans. Roman Frankl als typischer Meidlinger Türke Özgül spielt souverän die Klischee-Orgel und hat die Lacher immer auf seiner Seite.
Kreativteam
Buch, Liedtexte und Musik: Johannes Glück
Regie: Werner Sobotka
Musikalische Leitung: Erwin Bader
Regieassistenz: Andrea Kern
Regiehospitanz: Julia Screm
Korrepetition: Harald Hauser
Puppenbau: Bodo Schulte/Erika Reimer
Puppentraining: Bodo Schulte
Kostüm: Gaby Raytora
Kostümassistenz: Erika Brausewetter
Maske: Aurora Hummer
Bühnenbild und Puppenentwurf: Markus Windberger/Petra Fibich
Bühnenbildassistenz: Bettina Fibich
Lichtdesign: Pepe Starman
Tondesign: Raphael Spannocchi
Requisite: Julia Schmidleitner
Lichttechnik: Alexander Felch
Tontechnik: Philipp Habenicht
Bühnentechnik: Robert Glass/Robert Saringer
Produktion: Albert Schmidleitner
Cast
Susanne Altschul: Mimi, Frau Maus
Claudia Rohnefeld: Helmi, Ziege
Sigrid Spörk: Minki
Roman Frankl: Özgül
Otto Jaus: Pezi, Tintifax
Ronald Seboth: Großvati, Dagobert
Roman Straka: Fips, Zwerg Bumsti, Kasperl
Vorstellungen und Tickets
Kassa täglich 14-20 Uhr, geöffnet (1010 Wien, Wollzeile 36), Tel. 01/ 512 47 42
Telefonische Bestellung Montag-Freitag 9-12 Uhr, Tel. 01/ 512 39 03
täglich 14-20 Uhr, Tel. 01/ 512 47 42
Schriftliche Bestellungen: Kabarett Simpl, Wollzeile 36, 1010 Wien
“Krawutzi Kaputzi” steht vom 14. Mai bis 30. Juni sowie vom 27. August bis 23. September 2007 am Spielplan des Kaberett Simpl
Martin Bruny am Sonntag, den
15. April 2007 um 15:09 · gespeichert in Theater, 2007

Die Frage ist: Würde das Volkstheater am Broadway liegen und hätte “Cabaret” da seine Uraufführung erlebt, wäre dann jemals eine Cast-CD erschienen? Man kann Musicals in verschiedensten Inszenierungen auf die Bühne stellen, aber man sollte doch nie darauf vergessen, sie doch mehr als ein kleines bisschen Musical bleiben zu lassen.
“Cabaret” im Volkstheater ist gefühlsmäßig viel mehr in Richtung Franz Antels “Bockerer” getuned als in Richtung von Kander/Ebbs Kultshow. Wobei nichts dagegen spricht, filmreife Szenen auf die Bühne zu zaubern: Wenn am Ende des ersten Akts die Nazifahnen “im ganzen Theater” (subjektiver Eindruck) wehen (auch subjektiv, weil sie ja einfach nur runterhängen, aber da greift die Inszenierung), dann ist das einer der guten Momente in der Show. Gut im Sinne von wirkungsvoll. Eine Reihe von wirkungsvollen Momenten war auch scheinbar das Hauptanliegen des Regisseurs. Da ist am Anfang die “Szene am Flugfeld”, die sich bei jedem Zuschauer nur im Kopf abspielt, weil auf der Bühne eigentlich ja nicht mehr als dunkles Schwarz zu sehen ist, in den Erinnerungsfetzen im Kopf aber alles an Flughafenszenen abläuft, was man je live und im TV/Kino erlebt hat, endend bei “Casablanca”. Wenn der Vorhang dann aufgeht und man den alten schmuddeligen Kit-Kat-Klub sieht, dann ist auch das großes Kino. Eine Szene geht fließend in die andere über, die Theatermaschine schnurrt und funktioniert. Man kann also der Inszenierung in diesen Punkten keine großen Vorwürfe machen - der Rahmen, in dem sich eine perfekte Musicalshow abspielen könnte, ist durchaus gegeben, aber … wenn dann die Darsteller ins Spiel kommen, beginnen die Probleme.
Die “Bill”, einer der Stars der Produktion, war schon in der zweiten Vorstellung abwesend, ihr Understudy Katharina Straßer hat zwar die Looks, aber stimmlich ist sie alles andere als beeindruckend. Star wird man nicht, indem man eine Rolle spielt, die Starqualitäten fordert, die Ausstrahlung eines Stars bringt man mit oder nicht (zum jeweiligen Punkt der eigenen Karriere in einem gegebenen Stück). Straßer ist weit entfernt davon, in “Cabaret” diese Starqualitäten servieren zu können. Sie meistert die Schauspielszenen überzeugend, aber “Sally Bowles” ist sie keine. Stimmtechnik, Interpretation, Auftreten, Mimik, Gestik - all das ist bei Straßers “musicalischen” Darbietungen mehr als ausbaubar. Noch in der Pause rätselten einige Besucher des Volkstheaters: “Wann kommt denn die Bill? Das muss aber eine kleine Rolle sein!” Sie hatten nicht bemerkt, dass Bills Understudy längst an der Arbeit war. Und, meine Güte, wenn man das Stück nicht kennt, man kann es ihnen fast nicht verdenken. Ich kann Michael Schottenbergs Argument, mit dem er seine Besetzungsstrategie begründet, nachvollziehen, wenn er meint, dass es sicher viele Zuschauer interessiert, wie sich ihre Lieblinge, die sie aus den Sprechstücken kennen, in einem Musical machen, aber “Sally Bowles” so zu besetzen, ist, natürlich nur rein musicalisch gesehen, fahrlässig. Straßers Erfahrung mit dem Genre Musical, nachzulesen auf der Website ihrer Agentur, beschränkt sich auf “mehrere Musicals als Kind in Innsbruck”. Mehr ist dazu dann auch nicht zu sagen. oder doch, eines noch. Es liegt nicht so sehr an der Stimme als an der Art und Weise, wie Straßer “Sally Bowles” anlegt. Man könnte sich durch diese Rolle vermutlich auch mit einer noch schlechteren Stimme kämpfen und doch als Star über die Rampe kommen. Betrachtet man das Ganze von dieser Angelegenheit, würde das Problem wiederum im Bereich des Schauspiels liegen. Das wahre Problem ist einfach, dass man für die Rolle der “Sally Bowles” eine Entertainerin sein muss oder zumindest so ausgebildet, dass man eine spielen kann. Maria Bill hat das drauf, so wie auch, kein charmanter Vergleich, aber wurscht, Johannes Heesters, der sich auch noch mit 185 Jahren ein kleines Zigarettchen anzünden würde als Graf “Danilo Danilowitsch” in “Die lustige Witwe”. “Sally Bowles” in der Broadway-Uraufführung 1966 von “Cabaret” wurde von Jill Haworth nicht als “First Class Entertainerin” gezeichnet wie jene “Sally Bowles”, die Liza Minnelli in der Verfilmung von 1972 gegeben hat, aber immerhin als Entertainerin, wenn auch als zweit- oder drittklassige. Katharina Straßer ist mehr die Unschuld vom Land als der verruchte Kit-Kat-Vamp.
Marcello de Nardo, der den Confà©rencier (und Grenzbeamten) gibt, kann man nun Musicalerfahrung nicht absprechen, auch wenn es einige Jährchen her ist. Ganz sicher ist auch seine Interpretation eine mögliche, aber es hat etwas von einer gewissen Derbheit, die eher an einen schmierigen Zuhälter erinnert als an jenes androgyne Wesen, das man von manchen Darstellern dieser Rolle kennt. Gewiss, das ist Absicht, und wenn man die insgesamt unsexieste Version von “Cabaret” wählen würde, die Schottenbergsche Inszenierung würde haushoch gewinnen.
Das große Problem bei der Volkstheater-Version von “Cabaret” ist die Lieblosigkeit, mit der manche Lieder von Kander/Ebb über die Bühne kommen. Wie viel man aus den Songs rausholen kann, ist jederzeit nachzuhören, beispielsweise auf dem Original Soundtrack der Verfilmung mit Liza Minnelli oder jeder x-beliebigen Cast-CD. Da liegen interpretatorisch Welten dazwischen. Und das muss nicht sein. Wir haben in diesem Land genügend ausgebildete Musicaldarsteller, die singen und schauspielen können, und trotzdem in Würschtlbuden oder sonstwo jobben, um über die Runden zu kommen.
Raphael von Bargen als Clifford Bradshow, spielt brav und blass. Heike Kretschmer holt fast das Maximum aus ihrer Rolle “Fräulein Kost”. Die Kit-Kat-Girls sind ganz nett anzusehen, aber nicht in einer Liga mit dem, was man sich normalerweise tänzerisch und gesanglich erwartet. Susa Meyer hat den Damen eine Choreographie maßgeschneidert, die sie in keinem Augenblick überfordert - man darf auch hier nicht vergessen, dass man es großteils mit Schauspielern und nicht mit ausgebildeten Musicaldarstellern zu tun hat.
Kommen wir zu den wahren Stars von “Cabaret”: zwei Wiener Volksschauspieler, Hilde Sochor und Heinz Petters. Sochor als Pensionswirtin Fräulein Schneider und Heinz Petters als jüdischer Obst- und Gemüsehändler Schultz brillieren in jeder ihrer Szenen. Dass die beiden Publikumslieblinge für diese Produktion engagiert wurden, kommt nicht von ungefähr. Es scheint durchaus Strategie zu sein, mit Hilfe einiger Stars das Theater zu füllen. Das ist beliebt, das funktioniert weltweit für eine gewisse Anzahl von Vorstellungen immer, so auch im Fall von “Cabaret”. Heinz Petters und Hilde Sochor haben Verehrer, Fans, wie immer man das bezeichnen mag - sie werden vom Publikum geliebt, und da geht man sich schon mal das neue Stück ansehen, in dem sie spielen. “”Cabaret”? Da gabs doch mal einen alten Film vom Willi Forst, oder? Ach is das nett, dass sie den jetzt im Volkstheater als Stück bringen.” So in etwa kann man sich das vorstellen. Und seien wir ehrlich, nicht mal die Erwartungshaltung eines 95-jährigen Sochor-Fans wird durch dieses “Cabaret” enttäuscht, denn die Songs stören kaum. Sie sind Beiwerk, wie in den alten Kinofilmen, wenn Hans Moser mal die Ballade von der Reblaus anstimmt. “Cabaret” im Volkstheater wäre konsequenterweise als urwienerisches Stück zu verwirklichen gewesen, denn die Art und Weise, wie die Thematik Nationalsozialismus gefühlsmäßig transportiert wird, eben vor allem durch die beiden (in dieser Inszenierung) Hauptdarsteller Hilde Sochor und Heinz Petters, hat etwas von der Wehmut, die man eben auch in den besten Momenten von Filmen wie “Der Bockerer” kennt. Die beiden Volksschauspieler können allein mit einer kleinen Geste mehr ausdrücken, als so manch anderer mit einem ganzen Lied. Der dritte Star, neben Hilde Sochor und Heinz Petters, dieser Produktion wäre beziehungsweise ist, wenn sie denn spielt, Maria Bill. Das Drama dieser Besetzungsstrategie: ein dreibeiniger Sessel “funktioniert” nur, wenn alle drei Beine vorhanden sind.
Soundmäßig ist die Volkstheater-Inszenierung eine Zumutung. Werden die Gesangspassagen mit Mikros verstärkt, so ist das bei den Sprechpassagen (natürlich) nicht der Fall. Das Ergebnis ist ein Mischmasch, in dem viele Textstellen schwer verständlich sind, wenn man nicht gerade in den ersten sieben Reihen sitzt - nur die “alten Meister” Sochor und Petters versteht man (natürlich) auch im hintersten Eck des Theaters.
Das Bühnenbild (Hans Kudlich) ist ein Traum, gut durchdacht, zum Teil sehr üppig und bis in die Einzelheiten mit Liebe gestaltet. Es ist auch der Wille zu spüren, zumindest zu versuchen, das ganze Theater in einen riesigen Kit-Kat-Klub zu verwandeln, was natürlich scheitern muss bei einem Repertoirebetrieb.
Das Beste, was man normalerweise über Kostüme (Erika Navas) sagen kann, ist ja, dass sie nicht weiter auffallen, weil sie einfach so stimmig sind. Das trifft in diesem Fall zu. Sie sind stimmig, passen in die Zeit, in der die Handlung spielt. Qualitätsarbeit.
Das Kit-Klub-Orchester unter der Leitung von Herbert Pichler bleibt dezent im Hintergrund und liefert guten Sound zu oft mittelmäßigem Gesang. Eine kleine Tragödie.
Fazit: Drei Stars am Wiener Volkstheater, eine gelungene Inszenierung mit vielerlei Grellem, ein perfektes Set in einem Musical, das mehr Schauspiel als Musical ist. Dennoch sehenswert. Mit Karten wird es allerdings schwer, denn das Stück hat sich zum Renner gemausert. Musicals füllen die Theater in Wien, man muss nur wissen, wie.
Cabaret
Musical nach “Ich bin eine Kamera” von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Buch: Joe Masteroff
Musik: John Kander
Texte: Fred Ebb
Deutsche Übersetzung: Robert Gilbert
Fassung von Chris Walker 1997
Kreativteam
Regie: Michael Schottenberg
Bühne: Hans Kudlich
Kostüme: Erika Navas
Musikal. Einrichtung/Leitung: Herbert Pichler
Choreographie: Susa Meyer
Dramaturgie: Hans Mrak
Regieassistenz: Kristina Burchhart
Bühnenbildassistenz: Kerstin Bennier
Kostümassistenz: Tina Hildenbrandt
Ton: Bernhard Sodek
Korrepetition: Herbert Pichler/Bernhard van Ham
Inspizienz: Franz Puzej, Sigmar Kusdas
Souffleuse: Romy Martinis
Cast
Maria Bill/Understudy Katharina Straßer (Sally Bowles)
Jennifer Frank (Lulu)
Katarina Hartmann (Dolly)
Amelie Hois/Oscar Schöller (Ein Kind)
Annette Isabella Holzmann (Topsy)
Heike Kretschmer (Fräulein Kost)
Rita Sereinig (Swing/Dance Captain)
Hilde Sochor (Fräulein Schneider)
Doris Weiner (Helga)
Raphael von Bargen (Clifford Bradshaw)
Peter Becker (Ernst Ludwig)
Andy Hallwaxx (Horny)
Christoph F. Krutzler (Rausschmeißer/Gorilla)
Marcello de Nardo (Confà©rencier)
Heinz Petters (Herr Schultz)
Kit-Kat-Orchester
Herbert Pichler/Bernhard van Dam (Piano), Klaus Göhr/Rudolph Fischerlehner (Schlagzeug), Johannes Strasser/Heinrich Werkl (Kontrabass), Gerald Preinfalk/Romed Hopfgartner (Blasinstrumente), Alexander Shevchenko/Alen Dcambix (Akkordeon)
Gäste im Kit-Kat-Klub/Matrosen
Leopold Böhm, Gerhard Fuchs, Erich Gratzl, Marco Herse, Wolfgang Kandler, Jürgen Kapaun, Mathias Messner, Stefan Pohl, Tobias Strohmaier, Robert Weixler
Tickets: www.volkstheater.at
Martin Bruny am Sonntag, den
8. April 2007 um 13:20 · gespeichert in Fotos, Theater, 2007

“Jesus Christ Superstar” regiert derzeit am Wiener Raimund Theater. Die Vorstellungen vom 6. und 7. April 2007 sind geschlagen, noch einmal geht der Vorhang auf, und zwar am 9. April 2007 um 19:30. Ein paar Beobachtungen zu den beiden ersten Vorstellungen im Folgenden.
Ich bin Purist. Zumindest, wenn es um “Jesus Christ Superstar” geht. Ich möchte “Gethsemane” so hören, wie es Ian Gillan und noch viel intensiver Ted Neeley Anfang der 1970er Jahre für alle Zeiten geprägt haben. Vorbilder, an denen jeder scheitern muss? Na sicher nicht. Drew Sarich hat 2005 eine verdammt gute Version von “Gethsemane” im Wiener Ronacher auf die Bühne gezaubert, Yngve Gasoy Romdal im Jahr davor ebenso, auch Rob Fowler, 2006 im Wiener Raimund Theater. Manchmal ist es gescheiter, verlockende Angebote nicht anzunehmen, und ich bin mir nicht sicher, ob Rasmus Borkowski (geboren 1980) 2007 nicht gut daran getan hätte zu sagen: “Leute, vielen Dank für das Angebot, aber die Rolle spiele ich vielleicht in zehn Jahren, wenn überhaupt.”
Um den Jesus zu spielen, braucht man eine Stimme, die man im entscheidenden Moment der Show, im entscheidenden Moment des Songs “Gethsemane” frei lassen muss, zumindest scheinbar frei lassen muss, für den Zuhörer unbemerkbar kontrolliert. Die Stimme muss vor Verzweiflung gequält in den Himmel steigen. Nichts sonst zählt in dieser Show, überspitzt formuliert. Kaum ein anderer Musicalsong ermöglicht so viele Möglichkeiten der Interpretation. Es ist die entscheidende Szene im ganzen Musical. “Gethsemane” ist eine Nummer, bei der der Darsteller völlig allein gelassen ist, er allein hat es in der Hand, mit seinem Können aus dem Abend etwas Besonderes zu machen, an das man sich noch Jahre danach erinnert. So war es bei Gasoy Romdals Version, so war es bei Drew Sarich, weniger schon bei Fowler, und Borkowskis Version ist bereits am Tag danach vergessen.
Es ist ja nicht so, dass die Master-Interpretationen aus Jux und Tollerei derart gestaltet wurden. Die Leute haben sich schon etwas dabei gedacht. Wenn man die Höhen, die “Gethsemane” verlangt, nicht hat, soll man doch einfach die Finger von der Rolle lassen. Das wusste Steven Seale unlängst in Amstetten nicht zu beherzigen und Rasmus Borkowski 2007 im Raimund Theater auch nicht. Putzig sind dann immer wieder die Verteidigungsversuche der Fans, die meinen, dass ihre Idole eben genau das singen würden, was “in der Partitur steht”. Selbst wenn das so wäre, würde es nicht reichen, nicht mal bei “Heidi” oder “Schneewittchen”. Einfach zu singen, was steht, einfach zu sprechen, was im Text steht, das geht nicht mal bei einer Schüleraufführung. Die Zeit freilich ist auf Seiten der “Fans”. Mit zwölf oder vierzehn Jahren hat man “Gethsemane” vermutlich noch in keiner anderen Version gesehen oder gehört, und die Devise lautet “Trau keinem über 20″, also ist Borkowski eh schon praktisch Vaterfigur. Aber das gilt eben nur für die Hardcore-Fans.
Rasmus Borkowski gestaltet, neben den stimmlichen Gegegebenheiten, seinen Jesus als verinnerlichten Traumtänzer, er betritt nicht die Bühne, er tappst auf die Bretter des Raimund Theaters, versucht Fuß zu fassen und scheitert doch in jedem Moment. Die Probezeit scheint zu kurz gewesen zu sein, um die Figur Jesus mit mehr Charakter zu füllen, um mehr an Mimik zu entwickeln, einfach der Figur Glaubwürdigkeit zu verschaffen. So positiv Rasmus Borkowski bei “Mozart!” überrascht hat, so negativ hat er das bei “Jesus Christ Superstar” getan.
Stefan Cerny als Kaiphas hätte sicher Chancen, als Motiv für die ulkigste Postkarte der Welt, gleich nach dem Mann, der seine Nase in den Mund nehmen kann, gecastet zu werden. Was er in dieser Rolle für eine blasierte Mimik aufsetzt, wohin er seine Augenbrauen verzieht, das ist reif fürs “Guiness Buch der Rekorde”. Mit Schauspielkunst hat das wenig zu tun.
Noud Hell als Petrus macht einen sympathischen Eindruck. Mehr geht nicht, aber das liegt an der Inszenierung. Mehr hat auch Roman Straka, sein Vorgänger, aus der Rolle nicht herausholen können. “Could we start again, please”, sein Duett mit “Maria Magdalena” Caroline Vasicek, bringt er doch gut über die Rampe.
Caroline Vasicek gibt eine mitfühlende, überzeugende, wohlig klingende Maria Magdelena. Wunderbar gespielt, souverän, bereit, auch tatsächlich mit Jesus zu interagieren, wenngleich Borkowski zu sehr bemüht ist, seinen Gesangspart zu meistern, um auf das Schauspielerische achten zu können.
Andrà© Bauer liefert als Pilatus eine solide Leistung. Jacqueline Braun ist wieder als Soulgirl und vor allem als Herodes flott unterwegs. “King Herod’s Song” ist gut serviertes Entertainment, bühnenfüllend, wunderbar.
Sean Gerard als “Judas” enttäuscht nicht gerade, reicht aber an die großen Vorgänger bei weitem nicht heran, die mit Wucht und Verve ihren Part auf die Bühne zu donnern wussten. Der eine oder andere falsche Ton, die für alle sichtbare enorme Nervosität - aber immerhin, er hat es jedenfalls geschafft, ohne sich groß zu blamieren.
Kommen wir zu den Stars des Abends, Walter Lochmann und Max Volt. Max Volt alias Reinwald Kranner hat seinen Künstlernamen gut gewählt. Gilbert Bà©caud trug den Spitznamen “Monsieur 100.000 Volt” voller Stolz, Reinwald Kranner IST nun Max Volt, Max “100.000″ Volt. Als Simon legt er mit “Simon Zelotes - Poor Jerusalem” eine Performance voller Energie und Drive auf die Bühne und erhält dafür - zurecht - den meisten Szenenapplaus des Abends. Unvergessen ist nach wie vor Pehton Quirantes Version, anno 2004 im Wiener Ronacher, als er durch den ganzen Saal stürmte und das Publikum buchstäblich von den Sitzen riss. Volt schafft das auch. Er hat das Können, sich in einem Song völlig aufzugeben, und doch die Kontrolle zu behalten, während er sich selbst in Ekstase singt. Große Kunst.
Walter Lochmann schließlich, der Dirigent des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, ist immer schon ein Gesamtkunstwerk gewesen. Er fängt den Sound des Orchesters wie ein Boxer mit herunterhängenden Armen, nur mit seinem Bauch auf. Stets konzentriert, Herr jedes Tons, bietet er seinen Künstlern eine jederzeit taktangebende Instanz, auf die man sich verlassen kann. Die einzige Gefahr besteht darin, sich als Zuschauer zu sehr auf den Dirigenten zu konzentrieren, und darauf, wie er mit seinem Team, dem Orchester und den Darstellern, interagiert - aber auch das ist wert, gesehen zu werden.
Hannes Muik sorgt bei der Produktion 2007 für die Regie, wobei am Original-Staging von Dennis Kozeluh, der in diesem Jahr leider nicht mit dabei ist, nicht umwerfend viel geändert wurde.
Der Sound im Wiener Raimund Theater nähert sich im zweiten Akt gesundheitsgefährdenden Ausmaßen. Ich mag es laut, aber das war nicht nur zu laut, es war viel zu laut.
Wer immer dafür verantwortlich ist, dass die Rampen von der Bühne in den Zuschauerraum so gelegt wurden, wie sie gelegt wurden: ganz schlechte Idee! Auf den Plätzen links und rechts der Rampen, im Cercle, zu 58 Euro pro Platz, sieht man praktisch nichts. Ganz schlimm erwischt es jene Damen und Herren, die links beziehungsweise rechts sitzen und links beziehungsweise rechts von sich nur mehr den Balken im Blickfeld haben. 58 Euro für 5 Prozent Blickmöglichkeit auf die Bühne, wo sich dann 0 % des Geschehens abspielt. Das ist inakzeptabel.
“Jesus Christ Superstar”, Andrew LLoyd Webbers Rockoper, die 1971 ihre Uraufführung erlebte, ist nach wie vor ein Hit. Begeistern in einem Jahr mal nicht alle Darsteller, so sorgt allein die Musik dafür, dass der Saal tobt. Daher ist auch dieses Jahr ein Triumph am Wiener Raimund Theater zu vermelden. Die wenigen Restkarten für die letzte Vorstellung am Montag werden rasch vergeben sein.
Martin Bruny am Sonntag, den
18. März 2007 um 13:54 · gespeichert in Fotos, Rezensionen, Theater, 2007

Alain Boublils und Claude-Michel Schönbergs “Les Misà©rables” hat sich in den letzten Jahren zu einem Musical entwickelt, das auf praktisch jeder Bühne gespielt wird. 2007 gibt es eine wahre Unzahl an Produktionen im deutschsprachigen Raum. Wenn dieser Trend anhält, wird bald jede mittlere Bühne “Les Mis” im Repertoire haben. Am 17. Februar 2007 war Baden dran: Das Stadttheater brachte seine Premiere von “Les Misà©rables” an den Start.
Die Bühne des Stadttheaters ist eigentlich zu klein für “Les Mis”, es ist praktisch unmöglich, alle Darsteller von der Bühne aus agieren zu lassen, also hat man den “Chor” kurzerhand in die linke und rechte Balkonloge gepackt. Das ist eine Lösung, mit der man das Platzproblem in den Griff bekommt, die aber aus dem “Chor” tatsächlich so etwas wie einen (statischen) Chor macht, und das wiederum ist für den Flow der Inszenierung (Robert Herzl) nicht gerade förderlich. Eine weitere Lösung ist, das Prinzip der Guckkastenbühne aufzuknacken. Und so durchbrechen Darsteller alle paar Minuten die imaginäre vierte Wand, um durch den Zuschauerraum auf- und abzutreten, mal von links, mal nach rechts, mal von der Mitte. Eine Art Catwalk um den Orchestergraben sorgt zusätzlich für eine recht intime Nähe von Zuschauern und Darstellern. Nicht, dass das keine interessante Lösung wäre, aber durch die grelle Beleuchtung dieses Catwalks ist in den ersten Reihen dann doch recht viel an Ablenkung im Raum.
Bühnenerweiternde Elemente also sind es, die massiv eingesetzt werden und das Platzproblem lösen, aber selbst wieder eigene Probleme schaffen. Die intime Nähe führt ab und zu zu lustigen Beobachtungen. So hat sich eine Besucherin in der ersten Reihe während einer dieser Catwalk-Szenen mit ihrem Programmheft davor geschützt, mit eventuellen Flüssigkeiten des einen oder anderen Darstellers in Berührung zu kommen. Auf sowas muss man mal kommen.
Eines der Hauptprobleme jeder Aufführung in Baden ist das Nebeneinander von Profis und Laien. Nichts gegen Statisten auf der Bühne, aber auch dafür bedarf es einer gewissen Begabung. Eine brauchbare Stimme zu haben, aber sonst absolut nicht im Sinne eines Bühnenstücks agieren zu können, ist zu wenig. Man stelle einen unbegabten Statisten neben einen Profi, und die Szene verkommt zum Laienschauspiel, egal wie gut der Profi ist. Und genau das ist das Problem von “Les Mis” in Baden. Ja, es sind viele Rollen zu besetzen, und ja, mag sein, dass man da auf Statisten zurückgreifen muss, aber JA, sie müssen auch schauspielerisch etwas draufhaben, gerade bei “Les Mis”. Und das ist leider bei einem Großteil des Chors des Stadtheaters Baden nicht der Fall. So werden Szenen manchmal zur Lachnummer, so gehen emotionale Momente völlig unter und man wundert sich nur die ganze Zeit, wieso so viele Leute mit so ausdrucksfreier Mimik und Gestik auf der Bühne herumtrotten.
Lustig geht es im Orchestergraben zu, wenn man vom Schlagwerker und dem Mann am Xylophon auf den Rest schließen darf. Der Mann am Schlagzeug ist eine wahre Entertainmentmaschine. Keinen Moment scheint er auf sein Spiel fokussiert, ständig ist er damit beschäftigt, die Arbeit seiner Kollegen mit missbilligenden oder ermunternden Kopf-, Gesichtsmuskel- und sonstigen Bewegungen zu kommentieren. Dann
wieder lobt er den jungen Mann am Xylophon, scherzt mit ihm, lacht pausenlos, zuckt vor sich hin, kurz und gut: So kann man eigentlich kein perfekt musizierendes Orchester erwarten, wenn Leute dermaßen dauerabgelenkt agieren. Dementsprechend ist das auch so eine Sache, das mit den Noten und dem Orchester, ein klein wenig wie Hase und Igel. Man bemüht sich, zwar, alle Noten einzufangen, aber, naja, Schwamm drüber. Weit ärger ist das, sagen wir eigenwillige, Tempo, das von der Musikmaschinerie vorgelegt wird und die gesamte Aufführung in fast zeitrafferartige Momente zwingt.

Eine der größten Schwächen dieser Produktion ist die Rollengestaltung und -umdeutung des “Marius”. Mit Zoltà¡n Tombor hat man an sich leider einen etwas blass agierenden Darsteller engagiert, der in keinem Moment vermittelt, dass seine Rolle nicht gerade die unbedeutendste in diesem Musical ist. Das wahre Problem ist jedoch die Art und Weise, wie die Szene von Marius und Eponine auf der Barrikade umgedeutet wird. Als Eponine schwer verletzt zu Marius kommt, verzieht er angeekelt sein Gesicht und zuckt zurück, um nur ja kein Blut abzubekommen. Eponine stürzt zu Boden und stirbt, ohne dass Marius ihr zu Hilfe kommt. Das ist doch eine massive Rollenumdeutung, die man sich hätte sparen können. Sparen hätte man sich auch die diversen Änderungen und Streichungen können. Gestrichen unter anderem die komplette Hochzeitsszene, die Reprise von “Trink mit mir”, gestrichen weiters einzelne Zeilen … alle Textänderungen aufzuzählen würde keinen Sinn machen, genausowenig wie die Textänderungen selbst.

Mit Katrin Fuchs als Cosette verhält es sich so wie zwischen den Laien und den Profis auf der Bühne: die Homogenität fehlt. Katrin Fuchs hat so etwas von keiner Musicalstimme, dass man sich fragt, wie man auch nur auf die Idee kommen kann, sie für die Rolle der Cosette zu casten. Fuchs singt normalerweise Opern- und Operettenpartien, eine Fehlbesetzung, nicht mehr, nicht weniger.
Claudia Rohnefeld ist eine wunderbare Schauspielerin und Musicaldarstellerin, allein, sie ist kein kleiner Bub, die Rolle des Gavroche läuft also ebenso unter dem Titel Fehlbesetzung. Es gibt keine akzeptable Begründung dafür, Gavroche mit einer Frau zu besetzen.

Darius Merstein-MacLeod ist ein Valjean, der einen glaubwürdigen Alterungsprozess zu gestalten weiß. Das ist schon mal viel wert. Ich persönlich habe mit Merstein das Problem, dass bei Liedern mit vielen “L” seine Interpretationen für mich in den Schlagerbereich zu driften drohen, aber vielleicht hab ich ein latentes Karel-Gott-Syndrom, das bekanntlich als unheilbar einzustufen ist. Merstein ist jedoch zweifellos ein guter Valjean, auch wenn es ihm nur selten gelingt, zu berühren.
Chris Murrays Performance ist ganz und gar von Overacting geprägt. Wenn man von der Bühne weiter entfernt sitzt, mag das nicht sonderlich stören, sitzt man näher am Geschehen, ist die Mimik Murrays nicht weit von der Groteske entfernt. Stimmlich überzeugt er.
Wunderbar Patricia Nessy als Fantine, Johanna Arrouas als Eponine und Aris Sas als Enjolras. Vor allem Sas beweist, wie man mit Bühnenausstrahlung, glänzender Stimmtechnik und Schauspielkunst aus einer Rolle das Maximum herausholen kann.
Die Thà©nardiers (Franziska Stanner und Helmut Wallner) bleiben leider unterdurchschittlich. Sie schaffen es nicht, die volle Bandbreite an Ausgelassenheit, Frechheit, Vulgarität, Bosheit und was noch alles in diesen Glanzrollen steckt, auszuspielen. Schade drum.
Das Bühnenbild (Manfred Waba) ist eine Art Labyrinth aus Stiegen, kastenartigen Räumen, alles recht eng verschachtelt, aber mit ein wenig Phantasie dann doch als zweckmäßige Kulisse wahrnehmbar, die durch Projektionen recht interessant an die jeweiligen Szenen angepasst wird. Der Einsatz von Leinwänden, die ebenfalls mit Projektionen zu Kulissen werden, macht dieses Element zu einem bühnentauglichen Konstrukt. Bühnenumbauten gibt es keine. Das “Konstrukt” wird durch Projektionen, Leinwände etc. jeweils angepasst.
Passabel der Sound, auch wenn im hinteren Bereich des Theaters der Sound den Ticketpreisen maßgeschneidert angepasst erscheint.
Fazit: Musical in Baden ist ein Erlebnis, das man in den ersten Reihen des Theaters mit allen Sinnen genießen kann. Die Begeisterungsfähigkeit aller Mitwirkenden darf nicht unterschätzt werden, auch wenn man manchmal auf und unter der Bühne nichts davon mitbekommt. “Les Mis” auf die Bühne zu bekommen und die gesamte Laufzeit Wochen im Voraus auszuverkaufen, das ist eine Leistung, zu der man dem Team in Baden nur gratulieren kann.
Les Misà©rables - Ein Musical von Alain Boublil und Claude Michel Schönberg. Nach einem Roman von Victor Hugo.
Kreativteam:
Musik: Claude-Michel Schönberg / Buch: Alain Boublil, Jean-Marc Natel / Gesangstexte: Herbert Kretzmer / Deutsche Übersetzung: Heinz-Rudolf Kunze / Zusätzliches Material: James Fenton / Orchestrierungen: John Cameron
Musikalische Leitung: Franz Josef Breznik / Inszenierung: Robert Herzl / Ausstattung: Manfred Waba / Choreographie: Rosita Steinhauser / Choreinstudierung: Oliver Ostermann / Regieassistenz: Christa Ertl / Inspizienz: Denise Kaller / Technische Leitung: Ewald Baliko / Bühnenmeister: Franz Habres / Beleuchtung: Johann Quarda, Florian Neuber / Ton: Christoph Streicher / Sounddesign: Martin Mayer / Tonassistenz: Cornelia Ertl
Cast:
Johanna Arrouas (Eponine) / Katrin Fuchs (Cosette) / Darius Merstein-MacLeod (Valjean) / Chris Murray (Javert) / Patricia Nessy (Fantine) / Claudia Rohnefeld (Gavroche) / Aris Sas (Enjolras) / Zoltà¡n Tombor (Marius)
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Margarete Aron (Frau) / Beppo Binder (Bamatabois, Lesgles) / Elisabeth Drach (Kleine Cosette) / Mario Fancovic (Claquesous) / Franz Födinger (Seemann, Babet, Major Domus) / Zuzana Gyürky (Junge Hure) / Robert Herzl (Bauer, Joly) / Josef Kirschner (Wirt) / Galina Klingenberger (Wirtin) / Christina Köppl (Junge Hure) / Gabriele Marett (Frau) / Thomas Nestler (Brujon) / Artur Ortens (Vorarbeiter, Zuhälter, Combeferre) / Anna-Sophie Prosquill (Kleine Eponine) / Bettina Reifschneider (Alte Frau, Alte Bettlerin) / Walter Schwab (Polizist, Arbeiter, Seemann, Montparnasse) / Dietmar Seidner (Zuhälter, Courfeyrac) / Therese Spiegel (Kleine Eponine) / Franziska Stanner (Madame Thà©nardier) / Anghelusa Stoica (Hure) / Max Volt (Bischof, Jean Prouvaire) / Dessislava Valeva-Philipova (Fabrikmädchen, Hure, Madeleine) / Helmut Wallner (Monsieur Thà©nardier) / Stephan Wapenhans (Knecht, Arbeiter, Seemann, Grantaire) / Elisabeth Zeiler (Kleine Cosette) / Monika Zirngast (Hure) / Christian Zmek (Fauchelevant, Polizist, Feuilly)
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Sträflingskolonne, die Armen, Farbrikarbeiterinnen, Polizisten, Schaulustige, Huren und Hochzeitsgäste: Chor und Ballett des Stadttheaters
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Es spielt das Badener Städtische Orchester
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Martin Bruny am Sonntag, den
31. Dezember 2006 um 10:08 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2006
Fünf Mal wurde das Wiener Raimund Theater im Dezember 2006 in weihnachtliche Stimmung getaucht. »Musical Christmas in Vienna« basiert auf einer Idee und einem Konzept von Caspar Richter, Michael Pinkerton sowie Wolfgang Hülbig. 2003 zauberte dieses Team eine fulminante und opulente Weihnachtsshow auf die Bühne des Theater an der Wien. 27 Darsteller im Chor und als Tänzer, dazu 20 Solisten (Maya Hakvoort, Lukas Perman, Marjan Shaki, Serkan Kaya, etc.) und das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien – 90 Minuten perfekter Weihnachtsstimmung, keine Pause (Tickethöchstpreis: 25 Euro).
Kleiner Zeitsprung: 2006, Raimund Theater. Auf der Bühne: fünf Solisten und zwölf Darsteller als Chor & Tänzer (Katarina Bradic, Lorna Dawson, Katharina Anna Klavacs, Iris Morakis, Rita Sereinig, Caroline Sommer, Giuliano Mercoli, Alexander Moitzi, Sean Spyres, àkos Tihanyi, Ingolf Unterrainer und Ronnie Wagner). Dauer: 120 Minuten mit Pause (Tickethöchstpreis: 65 Euro) Nicht, dass Zahlen alleine für sich sprechen, aber »Musical Christmas« im Theater an der Wien war eine bezaubernde, oft verspielt zärtliche und broadwayreife Weihnachtsorgie mit fulminanten Tanzszenen, da hat alles gestimmt. Die abgespeckte Version im Raimund Theater 2006 hatte ihre Highlights, aber auch ihre Probleme.
Lebte die Show in früheren Jahren auch von der Vielfalt der Stars, die auftraten, konzentrierte sich in diesem Jahr alles auf wenige Personen. So interpretierte Carin Filipcic mit »Christmas stays the same« (Wildhorn/Murphy), »Sleigh Ride« (Anderson/Parish), »Christmas Waltz« (Styne/Cahn), »Ka Weihnachten« (Schnack/Muik), »It must have been the Mistletoe« (Konecky/Wilde; Duett mit Caroline Vasicek) und »We need a little Christmas« (Herman) nicht weniger als sechs große Shownummern von insgesamt 26. Filipcic ist eine hervorragende Sängerin, aber bei dieser Weihnachtsshow flüchtete sie zu oft in Lautstärke auf Kosten der Phrasierung, die gewohnte Stimmsicherheit driftete manchmal ins Jenseitige, generell zeigte sie eher die gewohnt routinierte Ulknudel als das bezaubernde Weihnachtsengerl.
Weihnachten ist Gefühlssache. Caroline Vasicek, Dennis Kozeluh, Alexander Goebel und Jesper Tyden – das waren die wahren Weihnachtsengerl von Musical Christmas 2006. Goebel war ein gut gelaunter, charmanter Moderator und charismatischer Interpret. Werner Sobotka, 2006 für die Regie verantwortlich, übernahm etliches aus den Vorjahren, brachte aber auch neue Szenen, und die waren zum Teil wunderbar, beispielsweise die Umsetzung von Chris Reas Hit »Driving home for Christmas« mit Alexander Goebel und Dennis Kozeluh als in einer Bar gestrandete Autofahrer, die darauf warten, dass die Straße vom Schnee befreit wird, um endlich nach Hause zu ihren Lieben fahren zu können. Tolle Idee, grandiose Umsetzung und Interpretation – ein Highlight. Jesper Tyden lieferte mit dem schwedischen Lied »Gabriella’s Song« aus dem Oscar-nominierten Film »Wie im Himmel« die emotionellste Performance, eine packende Ballade, schlicht, aber wirkungsvoll mit dem ganzen Ensemble und dem wie gewohnt grandiosen Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Caspar Richter in Szene gesetzt; auch mit »Believe« (»Polar Express«) und »Winter Wonderland« (Duett mit Dennis Kozeluh) konnte der Schwede punkten. Caroline Vasicek, liebreizend und mit wunderbarer Gestaltungskraft, bezauberte mit »Christmas Lullaby« (Callaway), »Santa Claus is coming to town« (gemeinsam mit Carmen Wiederstein, Andrà© Bauer und Sean Gerard) und »When Christmas comes to town« (aus dem Film »Polar Express«; gemeinsam mit Jasmina Sakr). Andrà© Bauer lieferte eine solide Performance, schlitterte allerdings ein paar Mal durch die Choreographie (für die Ramesh Nair verantwortlich zeichnete), Jasmina Sakr verscheuchte mit ihrer gepresst blechern klingenden Stimme den »Little Drummer Boy« in die ewigen Jagdgründe. Flop des Abends wurde der potentielle Showstopper zum Ende des ersten Akts: »Hallelujah« von G. F. Händel, in der Kultversion von Quincy Jones – ein auf Gospel getunter Klassiker, bei dem freies Improvisieren erwünscht, Stimmakrobatik gefordert ist und das Publikum vor Begeisterung aufspringen muss. All das gab es nicht, ging nicht. Brav wurde das Liedl gesungen, das Publikum klatschte so gut wie nicht mit. Und dann kommt in den letzten 15 Sekunden Alexander Goebel als personifiziertes Energiebündel voll ansteckender Begeisterung auf die Bühne, und hast du’s nicht gesehen, schafft er es zumindest in seinen 15 Sekunden, einen größeren Teil des Publikums zum Mitklatschen zu animieren. Das ist manchmal der Unterschied zwischen Musicaldarsteller und Entertainer, leider oder Gott sei Dank. Und das war immer das Geheimnis von Musical Christmas: Star-Power.
Auf der Strecke blieben 2006 die meisten der gewohnt schwungvollen Tanzszenen. àkos Tihanyi schaffte mit seinem Tanzpartner Giuliano Mercoli in diesem Jahr nicht die Magie und Präzision auf die Bühne zu zaubern wie in den Vorjahren unter anderem mit Murray Grant. Der Rest der Tänzer blieb bis auf das Riesentalent Alexander Moitzi eher blass. Ein Wunsch von mir ans Christkind Caspar Richter: Bitte kein Bombast-Blaskapellen-Finale mehr von »Oh, Tannenbaum«, das war grausam. Was aus diesem Abend einen magischen Abend hätte machen können, lässt sich leicht in ein paar Namen manifestieren: Susan Rigvava-Dumas, Wietske van Tongeren, Uwe Kröger, Lukas Perman, Marjan Shaki. Star-Power für 2007, lautet die Devise!
Martin Bruny am Dienstag, den
19. Dezember 2006 um 10:04 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2006
»Kurt Weill: Berlin – Paris – New York«, das war der Titel eines Abends mit Songs von Kurt Weill, der am 18. Dezember 2006 im Wiener Schubert-Theater über die Bühne ging.
Das Schubert-Theater werden vermutlich nicht einmal viele Wiener kennen. Es liegt an der Währinger Straße, Nummer 46, in einem Hinterhof im Alsergrund, ein Wiener Off-Theater, das erst im Frühjahr 2006 aus dem ehemaligen Schubert-Kino gestaltet wurde, nicht weit entfernt vom Geburtshaus Franz Schuberts in der Nußdorferstraße, einer Pilgerstätte für Fans des Komponisten.
72 Sitzplätze sind im Schubert-Theater vorhanden, die Bühne ist winzig, die Sitze sehr bequem, man kann sich wohlfühlen im Schubert-Theater.
Es war ein charmanter Abend. Drei ältere Herrschaften, an der Klarinette Adolf Guckler, am Bass Johannes Katzenbeißer und Peter Hellinger am Schlagzeug, gaben gemeinsam mit dem jungen Bela Fischer (Klavier, Musikalische Leitung) eine routiniert zusammen musizierende Jazzband. Manchmal ein bisschen uneins in der Interpretation ihrer Einsätze, aber stets so, dass die Variante, die gerade gespielt wurde, auch eine mögliche gewesen wäre – im Rahmen dieses Abends durchaus eine charmante Note.
Im Stil einer Nummernrevue gaben Frederike Faust (Gesang) und Gregor Hellinger (Moderation) insgesamt 17 Songs von Kurt Weill. Die geschickte Auswahl der Lieder skizzierte das Schaffen Kurt Weils chronologisch, den Zeitraum von 1928 bis 1949 abdeckend, beginnend mit der »Dreigroschenoper« (»Mackie Messer«, »Seeräuber Jenny«), »Maria Galante« (»Je ne t’aime pas«, »Le Grand Lusticru«), »Knickerbocker Holiday« (»September Song«), »Railroads on Parade« (»Mile after Mile«), »Lady in the Dark« (»The Saga of Jenny«, »My Ship«), »One Touch of Venus« (»My Week«, »How much I love you«), »Street Scene« (»We’ll go away together«, »Lonely House«), »Love Life« (»Mr. Right«, »Is it Him or is it Me?«), »Lost in the Stars« (»Lost in the Stars«) sowie zum Abschluss noch einmal die »Dreigroschenoper« (»Barbara Song«) und »Happy End« (»Surabaya Johnny«).
Songs von Kurt Weill kann man auf verschiedenste Weise interpretieren. Einen »Mackie Messer« hab ich schon dreckig, vulgär, schreiend, weinend, fluchend, zynisch und noch auf viele andere Arten gehört. Frederike Fausts Interpretation hat mich persönlich ein wenig Schärfe vermissen lassen, zu sehr war der Fokus auf »schönen« Gesang ausgerichtet, aber das ist letztlich enttäuschte Erwartungshaltung. Je mehr sich das Programm in Richtung »Musical« bewegte und Songs aus Werken gesungen wurden, die man heutzutage kaum zu hören und sehen bekommt wie »Street Scene« (1947) oder »Love Life« (1948), umso glaubhafter und überzeugender wirkte die Performance der Mezzospranistin auf mich. Gregor Hellinger als barkeepender Moderator beziehungsweise moderierender Barkeeper an manchen Stellen akustisch auch in den ersten Reihen nicht mehr wirklich zu verstehen, war im Konzept der Show sehr schlüssig in den Ablauf eingebaut, kam sehr sympathisch über die Rampe und so wurde aus der Nummernrevue eine Art Biographical, im Rahmen dessen man auch skizzenhaft Einzelheiten über das Schaffen Kurt Weills erfuhr.
Die Bühne war clever gestaltet, die Lichtregie dezent. Eine kleine Leinwand, auf die Stimmungsbilder und Filmchen projiziert wurden, eine angedeutete Theke, ein Barhocker und eine Couch, das war die Szenerie, in der Frederike Faust und Gregor Hellinger auf engstem Raum agierten: wenig zur Verfügung stehender Raum – optimal ausgenützt. Für die Regie verantwortlich war Simon Meusburger, der mit »Kurt Weill: Berlin – Paris – New York« eine ansprechende Show mit ganz eigenem Flair inszeniert hat. In den besten Momenten wusste Frederike Faust die Zuschauer zu fesseln und eine Nachtclub-artige Stimmung in den Saal zu zaubern. Begeisterter Applaus, gut gelaunt machten sich die Besucher auf den Weg durchs weihnachtliche Wien nach Hause.
Martin Bruny am Sonntag, den
3. Dezember 2006 um 16:49 · gespeichert in Theater, 2006
“Butterbrot”, das ist der Titel eines Romans von Gabriel Barylli, den ich als Hörspielversion des ORF sicher hundert Mal oder öfter gehört habe - manchmal sogar ganz. Es war das finale grande vieler Tage, ein treuer Begleiter auf dem Weg in Morpheus’ Arme. Mit automatischer Abschaltfunktion habe ich es in meinem Kassettenrekorder laufen lassen und bin dabei immer, manchmal nach ein paar Minuten, manchmal nach ein paar Viertelstunden, friedlich eingeschlafen.
“Honigmond” (derzeit in den Wiener Kammerspielen zu sehen) hätte, wenn es nicht als Theaterstück produziert worden wäre, ein legitimer Nachfolger vom “Butterbrot” werden können. Wenn man die Augen schließt, versäumt man nichts. Fast um nichts geht es auch in dem Stück:
“Sex and the City in Wien Zentrum. Drei junge Frauen. Drei verschiedene Arten, mit dem Problem “Männer” umzugehen.
Linda hat mehrere Lover gleichzeitig, Christine, geschieden, legt keinen Wert mehr auf männliche Befriedigung, Barbara glaubt an das Glück in der Ehe. Doch in kürzester Zeit wird das Leben der drei durcheinandergewirbelt. Bis nichts mehr ist, wie es war. “
Sagen wir mal fast nichts. Eva Marold, der Ex-Musicalstar mit dem Abo auf Hurenrollen (”Mozart”, “Jekyll & Hyde”, “Barbarella” und was weiß ich noch wie viele Flitscherl), gibt eine durchaus überzeugende Femme fastfatale im ersten Teil des Theaterstücks. Im teuren Pelz macht sie gute Figur, aus- und anziehen kann sie sich sehr bühnenwirksam - und die Attitude eines Männervamps konnte sie immer schon mit passender Mimik und Gestik glaubhaft über die Bühne bringen. Wenns dann daran geht, eine vom genervten Lover gedisste Schwangere darzustellen, die so ihre Zweifel hat, ob sie ihr Kind auch wirklich will, versagt bei Marold plötzlich fast alles. Die Mimik ist völlig unpassend, die Gestik unglaubhaft, die Stimmführung unsicher, da wird geschauspielt ein bisschen wie in einer Laienaufführung. Schade drum.
So weit kommt es bei Ruth Brauer erst gar nicht. Sie ist durchgehend nicht wirklich “echt”. Sie agiert, als wäre die kleine Bühne der Wiener Kammerspiele im Burgtheater angesiedelt. Zu große Gesten, zu laut serviert, zu gespielt die ganze Darbietung, ein merkwürdiger Tonfall, Outrieren als gelebtes Bühnenprinzip, das kommt leider nicht gut.
Der Star der Aufführung ist Elke Winkens. Sie ist die glaubwürdigste “Schauspielerin” auf der Bühne, die der verkörperten Rolle auch tatsächlich durchgehend Authentizität verleihen kann, sei es als betrogene Ehefrau oder als Mannervamp auf den Spuren Marolds. Das hat was.
Ganz im Gegenteil zum Stück selbst. Gabriel Barylli hat mit “Honigmond” eine halbe Lachnummer getextet, und halbe Lachnummern sind nie wirklich was richtig Feines. So mancher Mann hat sich während der Vorstellung im Saal umgesehen, vielleicht um zu checken, ob es angebracht ist, über die Witze zu lachen, die Barylli den drei Damen auf der Bühne ins Mündchen gelegt hat. Witze über Männer. Aber eben auch Witze, die längst nicht so scharf sind, wie sie sein müssten, um Männer dazu zu bringen, erst gar nicht in Versuchung zu kommen, auch mitzulachen.
Die Bühne ist aus vielerlei Hellem. Viel Plastik, viel Modernes, wie man sich das eben so vorstellt in einer hippen Frauen-WG. Wenns dann zu einem romatischen Frauenabend kommt, an dem frau sich austauscht, werden Kerzen auf die Bühne gestellt, in hippem Plexiglasmantel. Fast sieht die Deko so aus, als wäre sie schnell aus den Restbeständen der Paperbox vom Graben zusammengekauft. Die Paperbox am Graben ist nämlich geschlossen worden. Da hat jetzt eine dieser hippen Modeketten eine Filiale eröffnet. Spätestens am Ende des Stückes, wenn ein kitschiger Mond auf der Bühne aufgeht, habe ich mich auf die Hörspielfassung und auf all das, was ich dann nicht sehen werde, gefreut.
Gabriel Barylli: Honigmond
Kammerspiele Wien
Premiere: 30. November 2006
Spieldauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, eine Pause
Regie: Gabriel Barylli
Bühne: Rolf Langenfass
Kostüme: Michel Mayer
Christine Kowalsky: Ruth Brauer-Kvam
Linda Rosenbaum: Eva Maria Marold
Barbara Wenger: Elke Winkens
Martin Bruny am Donnerstag, den
23. November 2006 um 16:58 · gespeichert in Theater, 2006

Musicals in der Wiener Kammeroper sind in den letzten Jahren immer sehenswert gewesen. Musicals in der Wiener Kammeroper, betonen wir mal das “Wiener”, haben in den letzten Jahren auch die Kritiker in der Mehrzahl für gut befunden, sehen wir mal von den üblichen Verdächtigen ab, die im Standard und der Presse nebenbei auch Musicals besprechen. Dass Musicals in Wien gute Kritiken bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Musicals und Wien, das passt nicht, da ist zu viel Unmut da. Wiener Kritiker und Musicals, das ist wie Rapid gegen Austria. Da fliegen die Wuchteln so tief, dass dem Rasenwart vom Happel-Stadion die Arbeitslosigkeit droht. Kein Mensch kann nachvollziehen, warum das so ist, aber wer kann schon rational begründen, wie es Hans Krankl in die Charts geschafft hat oder Herbert Prohaska zum Kommentator beim ORF. Kaum begibt man sich ein paar Kilometer außerhalb Wiens, wird sogar eine Nonsens-Show wie “Carmen Cubana” als “fast broadwayreif” abgefeiert, während in der Bundeshauptstadt fast nur Ramsch auf der Bühne vor sich hinmusicalt - so die einschlägige Meinung der Musicalmähdrescher. Das ist zwar unverständlich, aber eben nicht zu ändern.
Genug über Wir-mögen-keine-Musicals-Kritiker, wir sind ja eigentlich in der Wiener Kammeroper und erleben die Uraufführung der Show “A Good Man”. Die Handlung des neuen Musicals von Ray Leslee (Musik) und Philip S. Goodman (Buch & Texte) ist im Mississippi des Jahres 1946 angesiedelt. Albert, ein schwarzer Farmpächter, hat es nicht leicht im Leben. Das, was er aus dem Boden, den er bestellt, erntet, ist auf dem Markt immer weniger wert. Er wohnt in einem Haus, das ihm nicht gehört, und hat eine Familie, die er durchfüttern muss. Trotz aller Widrigkeiten liebt Albert sein Leben und das Land, das er bestellt. Als seine Frau Louella nach zehn Jahren noch einmal schwanger wird, möchte er ein Zeichen setzen, er möchte “sein” Haus weiß streichen. Schlechte Idee. Erstens wird ihm vom weißen Landbesitzer John Tittle (überzeugend gespielt von Charles Hensley) erklärt, dass das Haus, in dem Albert wohnt, mit Sicherheit nicht Alberts Eigentum ist. Das um die Ohren geknallt zu bekommen, ist schon mal Erniedrigung genug für einen Tag. Doch John Tittle ist an und für sich nicht das größte Problem. Es sind die “eigenen Leute” und die Nachbarn, die Albert das Leben zur Hölle machen ab dem Tag, an dem bekannt wird, dass ein Schwarzer sein Haus weiß streichen will.
Ein Spiel mit Symbolhaftem, das ist es, was das Kreativteam mit “A Good Man” auf die Bühne gestellt hat. Symbolhaftes finden wir im Text, in der Musik, im Bühnenbild. Man kann, wenn man es so empfindet, manches als allzu klischeehaft gepinselt bezeichnen - wenn man das so empfindet -, ich meine aber, dass man sich auch auf diese Symbolsprache einlassen kann. “A Good Man” lebt von einer auf schwarz und weiß reduzierten Farben- und Set-Design-Sprache, nur dass schwarz und weiß sehr bunt daherkommen. Schwarz und weiß, das kommt im Set Design praktisch nicht vor. Wir haben tiefblau und rot, wir haben dunkle Gelbtöne, der Rest des Spektrums ist ausgeblendet. Es ist eine recht aggressive, reduzierte, gefühlsintensive Farbensprache, in der das um noch eine Stufe reduziertere Set Design knallig, fast comicartig, zur Wirkung kommt. Da reicht dann schon die Andeutung eines Hauses, da reicht eine aus Pappe ausgeschnittene Kuh oder ein aus Pappe ausgeschnittenes Auto, ein kitschiger Mond projiziert auf eine vor Blau nur so glühende Leinwand. Fast möchte man meinen, die Dialoge seien dann noch um eine Stufe reduzierter, reduziert auf die brutalen archaischen Grundzüge des Rassismus und darauf, wie Rassismus alles innerhalb einer Gesellschaft, einer Dorfgemeinschaft, einer Familie, einer Ehe prägt.
Alle handelnden Personen in “A Good Man” haben sich in die Strukturen einer rassistischen Gesellschaft eingefügt. Die einfache, plakative Sprache dieses Stückes hat ihre poetischen Momente, aber es ist kein Platz, um über das Problem Rassismus an sich zu philosophieren, um Gefühle miteinander auszudiskutieren. Die Auswirkungen des Rassismus bekommen wir als Zuschauer vor allem durch drastische Effekte, Gefühlsausbrüche vermittelt. Die Ebene der echten Gefühle ist großteils in die Songs und in das nonverbale Spektrum des Schauspielens verlagert. Keines der Lieder ist beispielsweise im Sinne eines Michael Kunze handlungsfördernd, die Songs in “A Good Man” offenbaren vor allem die Gefühle der handelnden Personen.
Wenn David Durham in der Rolle des Albert von einem weißen Haus singt (”White House”, 1. Akt), mit all seiner Stimm- und Darstellungskraft, dann wird innerhalb dieses Songs das Fenster aufgestoßen zu all dem, was in ihm vorgeht. All das Plakative, Beengte, Reduzierte des Set Designs, der Farbensprache weicht dann der unendlichen Weite dessen, was David Durham mit seiner Stimme auszudrücken vermag - gemeinsam mit der Band unter der Leitung von Michael Schnack und der Kunst von Richard Österreicher an der Mundharmonika zeichnet Durham seine Seelenlandschaft, seine Träume von einer besseren Welt in den Zuschauersaal. Man sollte nie den Zauber einer Mundharmonika unterschätzen, und im Score von “A Good Man” spielt dieses Instrument eine gewichtige Rolle. Richard Österreicher wird mit Recht als Meister des Mundharmonikaspiels bezeichnet. Mit seinen Phrasierungen setzt er wichtige Stimmungsakzente. Die Band (Klavier: Michael Schnack, Gitarre: Franz Scharf, E-Bass: Stephan Först, Drums: Oliver Gattringer, Mundharmonika: Richard Österreicher) liefert den perfekten Soundtrack zu Blues, R’n'B, Spirituals, zu Jazz, zu Balladen mit Gospeltouch. Auf diesem Soundteppich kann eine Ausnahmekünstlerin wie Carole Alston als Granny ihr Solo “Prayer”, eines der stilleren Highlights der Show, präsentieren, Stephen Shivers als Priester Tom feiert eine Dreiminuten-Gospelmesse, Amber Schoop (Louella), Lerato Sebele (Lettie), Alvin Le-Bas (Hardway), Cedric Hayman (Augustus) und Quentin Gray (Cooter) vervollständigen das stimmkräftige Ensemble.
Mit “A Good Man” hat die Wiener Kammeroper auch 2006 einen Erfolg gelandet, und, wenn man sich was wünschen darf, so wäre auch mal ein Musical von Jason Robert Brown oder William Finn eine Überlegung wert.
“A Good Man”
Kreativteam:
Musik: Ray Leslee
Buch & Texte: Philip S. Goodman
Basierend auf einer Novelle von Jefferson Young
Musikalische Leitung: Michael Schnack
Inszenierung: Esther Muschol
Ausstattung: Thomas Goerge
Lichtdesign: Lukas Kaltenbäck
Spielleitung und Inspizienz: Wladimir Koshinow
Korrepetition: Sabri Tulug Tirpan
Regiehospitanz: Uta Meyer, Olivia Rode
Technische Leitung: Herbert Herl
Bühnenmeister: Peter Nagele
Beleuchtung und Ton: Gregor Neuwirth
Dekorationswerkstätte: Manfred Regner
Kostümwerkstätte: Christina Pfeifhofer, Gundula Michel
Maske: Elisabeth Stanitz
Cast:
Louella: Amber Schoop
Lettie: Lerato Sebele
Albert: David Durham
Cooter: Quintin Gray
Granny: Carole Alston
Preacher Tom: Stephen Shivers
Augustus: Cedric Hayman
Hardway: Alvin Le Bass
John Tittle: Charlie Hensley
Band:
Klavier: Michael Schnack
Gitarre: Franz Scharf
E-Bass: Stephan Först
Drums: Oliver Gattringer
Mundharmonika: Richard Österreicher
Songs:
Mule Song (Albert)
Long Brown Woman (Augustus, Co.)
White House (Albert)
New Orleans (Louella, Albert)
Pictures (Cooter, Lettie, Granny)
Figurin’ Paint (Company)
Take Me Home (Preacher Tom, Co.)
Prayer (Granny)
I Got A Right (Albert)
Independence Day (Men)
One Man (Lettie)
How The Happy Girl Got Lost (Louella)
A Babe in Jesus’ Arms (Preacher Tom)
Lay-By (Albert)
Rain Man (Cooter, Lettie)
Celebration (Preacher Tom, Co.)
Night Moves (Albert, Louella, Cooter)
The Numbers Game (Hardway)
Raggedy Man (Albert)
Wheel Come Round (Albert)
Aufführungstermine:
Weitere Vorstellungen: 23., 24*., 25., 28., 30. November 2006;
02., 05., 07., 09., 12., 14*., 16., 19*., 21. Dezember 2006
* Theater der Jugend (geschlossene Vorstellung)
Beginn: 19.30 Uhr
Tickets
Martin Bruny am Freitag, den
27. Oktober 2006 um 17:24 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2006
Am 26. Oktober 2006 gaben die Vereinigten Bühnen Wien am Wiener Rathausplatz ein rund einstündiges Konzert mit den aktuellen Stars des Musicalunternehmens Susan Rigvava-Dumas, Uwe Kröger, Maya Hakvoort, Matà© Kamarà¡s, Marjan Shaki und Wietske van Tongeren. Stilistisch war die Show zweigeteilt in einen von Moderator Alexander Goebel als “Musical-Lounge” bezeichneten Teil und einen Teil, in dem es Songs aus “Chicago”, “Rebecca”, “Hair”, “Grease” und der “Rocky Horror Show” in der klassischen Variante zu hören gab.
Innovativ war der “Musical Lounge”-Teil. Herbert Pichler, bekannt unter anderem als Dirigent des “Dancing Stars”-Orchesters, demonstrierte da die hohe Kunst des Arrangierens. Songs aus “Romeo & Julia”, “Elisabeth”, “Mozart!” und “Tanz der Vampire”, inszeniert als eine Mischung aus Jazz, Swing, Big-Band-Snippets, Chill-Out und was nicht noch alles. Ein Konzept, das man gerne mal auch in CD-Qualität hören würde.
Die Songs:
Intro
All that Jazz (Hakvoort)
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Musical-Lounge
Herrscher der Welt (Perman, Kamaras)
Wie wird man seinen Schatten los? (Kamaras)
Gold von den Sternen (Hakvoort)
Totale Finsternis (Shaki, Perman)
Die Schatten werden länger (Perman, Kamaras)
Der letzte Tanz (Kamaras)
Ich gehör nur mir (Hakvoort)
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Rebecca (Rigvava-Dumas, van Tongeren)
Mein Gott, warum (Kröger)
Hilf mir durch die Nacht (Kröger, van Tongeren)
You’re the one that I want (Shaki, Kamaras)
Let the sunshine (Shaki, Hakvoort, Perman, Kamaras)
The Time Warp (Shaki, Hakvoort, Perman, Kamaras, Goebel)
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