Martin Bruny am Dienstag, den
19. April 2011 um 01:44 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Nicht zuletzt aufgrund von Kooperationen konnte das Performing Center Austria, eine der führenden Musicalschulen Wiens, im aktuellen Studienjahr gleich zwei österreichische Erstaufführungen auf die Bühne bringen. Im Vorjahr war das in der Halle F der Wiener Stadthalle das Tanzmusical “Camp Rock”, für das man externes Marketing-Know-how (Marika Lichter), den Disney-Touch und das Finanzpotential der Wien-Holding bündelte. Herausgekommen ist eine kraftvolle, mitreißende Tanzshow, mit schwachen Schauspielszenen. Da ist es wie mit der Henne und dem Ei. Ja, das Buch war vermutlich nicht besser oder schlechter, als es umgesetzt wurde, aber letztendlich zählt, was auf der Bühne stattfindet, und gerade junge Leute benötigen im Schauspiel Führung, die sie nicht wie Pennäler auf einer so großen Bühne aussehen lässt. Das ist alles machbar, aber lassen wir das Vorjahr Vorjahr sein. Sollte es zu einer weiteren Aufführungsserie kommen, wird man sicher noch einmal an der Natürlichkeit der Schauspielszenen arbeiten, schließlich weiß man, für wen man produziert.
Am 6. und 7. April diesen Jahres schließlich zeigte die Performing Academy, so nennt Alexander Tinodi die Kaderabteilung des Performing Center Austria, aus deren Absolventen zukünftige Musicalstars werden sollen, “Seussical”, ein Musical von Stephen Flaherty (Musik) und Lynn Ahrens (Text). Die Show hat eine Produktionsgeschichte, die fast ebenso interessant wie die Show selbst ist. “Seussical” startete in die Aufführungsphase mit einem Workshop in Toronto, mit Tryouts in Boston und schließlich den Previews in New York.
Die Tryouts im Sommer 2000 in Boston gerieten zum Desaster, auch am Broadway selbst verliefen die Previews alles andere als erfolgversprechend. Show Doctors versuchten zu retten, was zu retten war, einzelne Previews wurden gecancelt, den Premierentermin musste man mehrmals verschieben. Die Kostümdesignerin wechselte man bereits bei den Tryouts aus, auch den Regisseur und den Bühnenbildner tauschte man. Lieder wurden gestrichen, Texte geändert. Und schließlich hatte man sich auch noch mit Begrifflichkeiten herumzuschlagen, denn “Seussical” wurde eher als “Revue” denn als Musical rezipiert.
Größter Kritikpunkt: “Seussical” ist definitiv eine Show, in die fast mit Gewalt so viele Charaktere wie möglich des amerikanischen Märchenerzählers Dr. Seuss (Theodore Geisel) gequetscht wurden. Als die Show am 30. November 2000 schließlich seine Broadwaypremiere feierte, waren die Kritiken durchsetzt. Die New York Times bezeichnete das Musical als “flavorless broth”.
Die Rettung nahte in Form der Ulknudel Rosie O’Donnell. Als Gastgeberin einer phänomenal erfolgreichen Talkshow der damaligen Zeit outete sie sich als Fan des Musicals, platzierte prominent Poster mit Szenen aus der Show im Studio - und übernahm schließlich die Hauptrolle im Musical selbst: Sie spielte den Erzähler, “Cat in the Hat” - für vier Wochen. In diesen vier Wochen war das Haus ausverkauft, klare Sache, und als Rosie fort war, castete man Aaron Carter, den jüngeren Bruder des “Backstreet Boys”-Sängers Nick Carter als “JoJo”. Das alles half für eine gewisse Zeitspanne, den Ticketverkauf anzukurbeln, doch nach 198 Vorstellungen war Schluss.
Und doch, Broadway ist die eine Sache, der wirkliche Erfolg eines Musicals wird aber nicht immer am Broadway entschieden. Ja, die amerikanischen Broadwayexperten mögen ihren Kanon danach ausrichten, wer den Längsten am Broadway hat: die meistbesuchte Show, die Show mit den höchsten Einspielergebnissen, den besten Kritiken. Doch “Seussical” schaffte es seit seiner Broadwaypremiere im Jahr 2000 eines der meistgespielten Musicals in Amerika zu werden - und zwar an Schulen. Die Top 10 der meistgespielten Musicals an Highschools im Jahre 2007:
01. Little Shop of Horrors
02. Seussical, the Musical
03. Thoroughly Modern Millie
04. Beauty and the Beast
05. Disney’s High School Musical
06. Grease
07. Fiddler on the Roof
08. Bye Bye Birdie, Oklahoma! (ex aequo)
08. Anything Goes, Guys and Dolls (ex aequo)
(Quelle: Educational Theatre Association)
So gesehen war also die Wahl des Perfoming Center Austria goldrichtig, “Seussical” zur Aufführung zu bringen. Es gibt von der Show eine Unzahl an Versionen, die in Länge, Anzahl der Lieder, Arrangements etc. variieren. Im Akzent kam eine der gekürzten Versionen zum Zug, zusätzlich noch auf die Bedürfnisse der Performing Academy abgestimmt.
Etwas verwirrend mag der Sprachenmix gewesen sein. Teile der wenigen Sprechtexte wurden im englischen Original belassen, andere Teile wurden ins Deutsche übersetzt. Das macht aber doch Sinn, da gerade dieses Stück von den Texten und ihrer Komposition, ihrem Versmaß leben. Natürlich hätte man dann eine durchwegs klare und deutliche Aussprache erwartet.
Besetzt wurden die Hauptrollen mit dem Abschlussjahrgang der Performing Academy, also dem 3. Jahrgang. Das war das Finalprojekt der Studenten, unterstützt wurden sie dabei vom 1. und 2. Jahrgang. Hervorstechend aus der Cast: Michael Höfner als Horton, der Elefant. Geradezu eine Idealbesetzung, die beweist, wie wichtig es für einen Musicaldarsteller ist, die richtigen Rollen zu wählen, wählen zu dürfen (oder in diesem Fall wohl einfach richtig besetzt zu werden). Ohne dabei noch einmal ausführlicher auf “Camp Rock” eingehen zu wollen, in “Seussical” war Höfner all das, was die Rolle verlangt, auf eine natürliche, gewinnende Weise, glaubhaft, ohne gekünstelt zu wirken. Zwischentöne, Mimik, Timing, sehr schön, und immer klar verständlich.
Astrid Gollob konnte als JoJo (am Broadway unter anderem von Aaron Carter gespielt) all das an Burschikosem herausholen, was sie in sich hat, und erledigte das sehr gut. War es für sie eine “ideale Rolle”? Nein.
Ganz starke Momente hatte Anna Carina Buchegger als Cindy Lou Who/1st Bird. Da war ganz deutlich das zu sehen, was Rita Sereinig kürzlich in einem Interview als die wesentlichen Qualitäten eines Musicaldarstellers angesprochen hat: Authentizität, ein gewisses Strahlen und Persönlichkeit. Ganz viel Strahlen war da zu sehen.
Das Staging der Songs war großteils sehr bühnenwirksam, eine funkelnde Stepnummer, eine sehr gefühlvolle, auch sehr schön choreographierte und ausgeleuchtete Tanznummer von Peter Knauder, auch er ein “Strahler”, und Eva Prenner, da hielt sich die Anzahl der weniger ausgestalteten Szenen in einem sehr engen Rahmen.
“Seussical” bleibt natürlich eine Show, in der jede Menge Handlungsstränge etwas unglücklich verwoben sind, ob alle Rollen tatsächlich gut besetzt wurden, die Frage sollte man nicht stellen. Es gibt wohl keine Show, die zehn Studenten eines Jahrgangs die gleiche Möglichkeit bietet, ihr Können besonders eindrucksvoll zu demonstrieren. Insgesamt war “Seussical” die beste Lösung für eine Musicalschule, das zu zeigen, was der Gegenstand der Ausbildung ist: ein “Musical”, keine Revue, in der man es vielleicht einfacher gehabt hätte, auch das Strahlen, das die anderen Studenten auszeichnet, zu demonstrieren. Und als Ensemble waren sie alle eine starke Einheit.
Ein kleines Problem hatte ich persönlich mit einigen der Kostüme, aber das war immer schon ein Problem der Show. Einerseits unterstützen die Kostüme, gerade bei einem Stoff dieser Art, nur die Phantasie der Besucher, andererseits wirken sie, wenn sie sagen wir etwas plump sind, hemmend auf die Phantasie. Bis ich realisiert hatte, warum das Kleid des Kängurus deswegen so aussah, wie es eben ausgesehen hat, war ich auf dem Heimweg. Es hat in meinem Fall die Performance von Jasmin Andergassen nicht gestützt, sondern gestört, davon abgelenkt. Anderen Besuchern mag es anders ergangen sein. Ein Großteil der Kostüme war aber zweckerfüllend.
Lichtdesign, Bühne, Projektionen großartig, liebevoll die Gestaltung des Programmhefts, der Werbesujets, da spielt auch Leidenschaft und Hingabe, neben Können, eine Rolle, und das ist immer schön zu beobachten.
Ich persönlich habe Jakob Semotan vermisst in der Show, einen Studenten des 2. Jahrgangs, der viele Jahre schon im Rahmen von Shows des Performing Center Austria auftritt. “Seussical” wäre ein Musical wie geschaffen für ihn gewesen. So aber sollte man zumindest auf ein Konzert hinweisen, das er demnächst mit seiner Band, den “Austerities”, am Dienstag, den 3. Mai 2011 im Wiener Lokal B72 (Hernalser Gürtelbogen 72-73, 1080 Wien) von 23 bis 23:45 Uhr geben wird.
Leading Team
Regie/Künstlerische Gesamtkonzeption: Rita Sereinig
Buchadaption/Zwischenmonologe: Rita Sereinig
Musikalische Leitung: Marie Landreth
Choreographien: Sabine Arthold/Susi Rietz/Rita Sereinig
Stagings: Rita Sereinig
Dance Captain: Franziska Fröhlich
“Flight Captain”: Anna Carina Buchegger
Probenkoordination: Eva Tatzber
Kostüme & Requisiten: Gabi Tinodi
Creative Paintings: Thomas Poms
Bühnenbild: Sandor Coti
Licht: Gerhard Scherer
Audiobearbeitung/Videoinstallationen: Tom Debelke
Bühnenmeister: Manfred Puder
Ton/Projektionen: Tibor Barkocy
Executive Producer: PCA - Alexander Tinodi
Cast
Jeaninne Allieri: Mayzie LaBird
Jasmin Andergassen: Sour Kangaroo
Anna Carina Buchegger: Cindy Lou Who/1st Bird
Astrid Gollob: JoJo
Markus Hareter: The Cat in the Hat/3rd Monkey
Michael Höfner: Horton the Elephant
Peter Neustifter: Mr. Mayor/1st Monkey
Thomas Poms: General Genghis Khan Schmitz/2nd Monkey
Eva Prenner: Mrs. Mayor
Julia Wenig: Gertrude McFuzz
sowie:
1. Jahrgang: Melanie Böhm, Clara Karzel, Michael Mayer, Johanna Mucha, Tiziana Turano, Michà¨le Blättler
2. Jahrgang: Claudia Artner, Franziska Fröhlich, Peter Knauder, Angelika Ratej, Anetta Szabo, Judith Jandl
Martin Bruny am Dienstag, den
12. April 2011 um 19:47 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Der Frust mit dem gängigen Repertoire war wohl mit ein Grund, warum es am 2. und 3. April 2011 im Theater “Die Neue Tribüne” in Wien zur Premiere einer Show mit dem Titel “There’s More” gekommen ist. Walter Lochmann kennt sich mit dem nennen wir es Wiener Standard-Musicalrepertoire aus. Viele Jahre war er als Dirigent, Arrangeur, Pianist und in vielen weiteren Funktionen bei den Vereinigten Bühnen Wien angestellt - und er hat sich wohl gerade rechtzeitig abgesetzt, um jetzt auch all das zu verwirklichen, was ihn künstlerisch noch mehr interessiert, statt im Mainstream-Meer bis zur Pensionierung herumzurudern.
Es werden dies wohl nun weniger die Musicals (wenn es denn Musicals sind) sein, die man in Wien von den Vereinigten Bühnen Wien zu hören bekommt. Mit Mainstream, produziert, wie es unter den jeweils gegebenen Umständen möglich ist, versucht das Unternehmen VBW so gut es geht Geld zu lukrieren, das es dann im besten Fall mit kleinen, feinen Musicalproduktionen wieder auf den Putz hauen kann - nur das passiert leider zu selten, statt dessen wird bisweilen Blasorchester-Musiktheater (”Woyzeck”) und Hollywood-Sternchen-Operndramatik (Malkovich in allem, was je im Ronacher stattgefunden hat und noch stattfinden wird) geplant beziehungsweise produziert, um bei Kritikern das eine oder andere positive Wort abzustauben. Alle paar Jahre revivaln wir unser Liebkind “Elisabeth”, wenn das nicht mehr geht, dann eben “Mozart!”, wenn das nicht mehr geht, “Tanz der Vampire”, und dann passts ja doch schon wieder mit “Elisabeth”.
Es ging bei “There’s More” um Akkord, Melodie, Rhythmus, und es gab, natürlich, kleine Querverweise auf den im Untertitel erwähnten Mainstream, etwa im Vergleich der Songs “Putting It Together” und “Ich gehör nur mir”. Da erklärte Walter Lochmann auf unterhaltsame Art und Weise Melodie, Akkord und Rhythmus, und wie im Unterschied zum Sondheimschen Lied bei Levay am Beginn von “Ich gehör nur mir” nur Rhythmus dominant ist. Genau diese Passagen des Musicalkonzerts waren es, die auf ganz eigene Weise gefielen.
Noch mehr hätte man bei “There’s More” auf einige der Liedtexte eingehen können. So wäre beispielsweise über Stephen Sondheims “Putting It Together” aus dem Musical “Sunday In The Park With George” sicher einiges zu erzählen gewesen. Am 30. September 1989 ging mit “Am Sonntag im Park mit George” die deutschsprachige Erstaufführung dieser Show im Pfalztheater von Kaiserslautern über die Bühne, die deutsche Übersetzung besorgte Jürgen Fischer. Allein über Sondheim und seine Liedtexte könnte man eigene Veranstaltungen ohne Ende machen. Interessant an der “There’s More”-Version: Robert G. Neumayr und Daniela Dett übersetzten “Putting It Together” neu. Jürgen Fischer verwendete für seine Übersetzung die von Sondheim Mitte der 1980er Jahre überarbeitete und ergänzte Version des Original-Songs, auch bekannt als “Streisand”-Version, weil sie für das “Broadway-Album” der Diva entstand. Erkennbar beispielsweise daran, dass aus dem Begriff “earnest conversation” eine “Cocktail-conversation” wurde. Wenn man sich für Sondheim interessiert, sind Neuübersetzungen eine spannende Sache. So ist es ganz interessant, ein paar Zeilen des Originals den Übersetzungen von Jürgen Fischer und Robert Neumayr/Daniela Dett gegenüberzustellen:
Sondheim
Bit by bit,
Putting it together …
Piece by piece -
Only way to make a work of art.
Every moment makes a contribution
Every little detail plays a part
Having just the vision’s no solution
Everything depends on execution:
Putting it together -
That’s what counts.
Ounce by ounce,
Putting it together …
Small amounts,
Adding up to make a work of art.
First of all, you need a good foundation,
Otherwise it’s risky from the start.
Takes a lot of earnest conversation-
But without the proper preparation-
Having just the vision’s no solution-
Everything depends on execution.
The art of making art
Is putting it together,
Bit by bit.
———————————————
Jürgen Fischer
Stück für Stück,
setz ich es zusammen …
Teil für Teil -
denn nur so entsteht ein Kunstobjekt.
Jeder Augenblick ist ein Ereignis
Jede Einzelheit dient dem Projekt
Nur die Vision macht noch kein Zeugnis
Nur was Hände schaffen wird zum Gleichnis:
Füg alles zusammen -
nur das zählt.
Glied für Glied,
Setz ich so zusammen …
Ein Kredit
Finanziert das nächste Kunstobjekt.
Dann gründ ich mal eine Foundation,
Andernfalls riskiert man das Projekt-
Eine kleine Cocktail-Conversation-
Und schon interessiert sich die Foundation-
Nur Visionen, das sind Illusionen-
Wichtig sind die schöpferischen Aktionen.
Die Kunst, wie man Kunst macht
Das fügt alles zusammen,
Stück für Stück
———————————————–
Robert G. Neumayr/Daniela Dett
Stück für Stück,
setze es zusammen …
Teil für Teil -
ja, nur so entsteht ein Meisterwerk.
Jeder Augenblick ist dir ergeben
Jeder kleine Baustein dein Handwerk
Die Vision allein kann nichts ergeben
Es wirklich zu tun ist das Bestreben:
Setze es zusammen -
drauf kommts an.
Gramm für Gramm,
Setze es zusammen …
Irgendwann
Spürst du plötzlich, was Kunst wirklich kann.
Erst brauchst du ein gutes Fundament,
Sonst geht alles schief von Anfang an-
Auch ein Überraschungselement-
Und ich wiederhole vehement-
Die Vision allein kann nichts ergeben-
Es wirklich zu tun ist das Bestreben.
Die Kunst, erschaffst du Kunst, ist
Setze es zusammen,
Stück für Stück.
———————-
“There’s More”, um ein bisschen Werbung zu machen, ist eine Show, die man buchen kann. Viel braucht es dazu nicht: ein Klavier, zwei Sesseln, einen Tisch. Geliefert wird ein Programm, das großteils aus Liedern besteht, die eine Geschichte erzählen und deren Texte nicht mit Softwareunterstützung als bloße larmoyante pathetische Lautmalerei entstanden sind. Robert G. Neumayr, Daniela Dett und Walter Lochmann konferieren, singen und spielen sich durch eine Show voller Highlights, von Scott Alan bis Thomas Zaufke, sie erklären das jeweilige Setting der Shows, erzählen Anekdoten, bieten einen anregenden und unterhaltsamen Abend mit Musicalsongs, die Bedeutung haben.
Die nächste Möglichkeit, “There’s More” zu sehen, gibt es am Samstag, den 4. Juni 2011, um 22 Uhr im Posthof Linz, mittlerer Saal, im Rahmen der Langen Nacht der Bühnen.
Akt 1
“Putting it Together” aus “Sunday in the Park with George”
M, T: Stephen Sondheim, D: Robert G. Neumayr und Daniela Dett
“Carrying a Torch” aus “A Spoonful of Stiles & Drewe”
M: George Stiles, T: Anthony Drewe, D: Robert G. Neumayr, Daniela Dett
Playbill” aus “It’s Only Life”
M,T: John Bucchino
“We’re Just Friends” aus “I Love You Because”
M: Joshua Salzman, T: Ryan Cunningham
“Mein Köper und ich” aus “Babytalk”
M: Thomas Zaufke, T: Peter Lund
“Rauchen Verboten” aus “Elternabend”
M: Thomas Zaufke, T: Peter Lund
“Climbing Uphill” aus “The Last 5 Years”
M, T: Jason Robert Brown
“If I Didn’t Believe in You” aus The Last 5 Years
M, T: Jason Robert Brown
“If I Own Today” aus “Dreaming Wide Awake”
M, T: Scott Alan
Akt 2
“Country House” aus Follies
M, T: Follies
“And They’re Off” aus A New Brain
M, T: William Finn
“They Don’t Make Glass Slippers” aus “Soho Cinders”
M: George Stiles, T: Anthony Drewe
“Sooner or Later” aus Dick Tracy
M, T: Stephen Sondheim
“Role of a Lifetime” aus “Bare: A Pop Opera”
M: Damon Intrabartolo, T: Jon Hartmere, Jr.
“A Way Back to Then” aus “[Title of Show]”
M, T: Jeff Bowen
“Run away with Me” aus “The Unauthorized Autobiography of
Samantha Brown”
M: Brian Lowdermilk, T: Kait Kerrigan
“Who I’d Be” aus Shrek - The Musical
M: Jeanine Tesori, T: David Lindsay-Abaire
Zugabe:
“Does Anyone Ever Really Grow Up” aus “Just So”
M: George Stiles, T: Anthony Drewe
Martin Bruny am Sonntag, den
30. Januar 2011 um 09:40 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Wiens Off-Theater bietet derzeit eine Fülle an interessanten Shows. Eine davon: «Der Untergang des Hauses Usherâ€, eine Produktion des Schubert Theaters, die noch ein Mal, heute, am Sonntag, dem 30. Januar (Beginn: 19:30 Uhr), am Spielplan der Bühne steht (Infos zum Theater, siehe –> hier).
«The Fall of the House of Usherâ€, eine Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, erschien erstmals 1839 in «Burton’s Gentleman’s Magazine†und 1840, nochmals überarbeitet, in der Sammlung “Tales of the Grotesque and Arabesque”.
Die Geschichte faszinierte Filmemacher und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts gleichermaßen. Von 1928 bis 2008 entstanden nicht weniger als elf Verfilmungen, mindestens acht Vertonungen sind bekannt, darunter Werke von The Alan Parsons Project, Claude Debussy, Philip Glass oder Art Zoyd.
Das Schubert Theater zeigt eine atmosphärisch sehr dichte Sprechtheaterversion der Kurzgeschichte von Poe. Nicht nur die Bühne wird bespielt, der ganze Theatersaal ist Schauplatz, draußen vom Hof rütteln die Geister an der Tür, reißen sie auf, und bei Minusgraden wird das Grauen dann auch durch entsprechende Kälte spürbar. Schon vor Beginn des Stücks bringen pulsierende Lichter, Bühnennebel, Projektionen und Synthesizer-Sounds das Publikum in die passende düstere Stimmung.
Ann-Kristin Meivers, Linda Gondorf und Jasmin Sarah Zamani erarbeiteten für das Schubert Theater die Dramatisierung des Poe-Textes, eine stimmige Sache aus einer Serie an Monologen, sehr düster, bedrückend, Dialoge im eigentlichen Sinne gibt es in dieser Gespenstermär keine. Die Geschehnisse werden dem Zuschauer gefiltert durch die subjektive Perspektive des Erzählers geschildert, die Monologe des Roderick Usher kann man sich, wenn man möchte, ebenfalls gefiltert duch die Wahrnehmung des Erzählers vorstellen. Oder auch nicht, eine von vielen interpretierbaren Leerstellen, die sowohl die Kurzgeschichte als auch die dramatisierte Version auszeichnen - man weiß nie wirklich, was real ist.
Ein nicht unwichtiger Faktor, diese Wirkung zu unterstützen, ist die Soundkulisse, die Fabian Gräf erarbeitet hat. Düstere Klänge, Soundeffekte (Gewitter, Regen, Schreie) helfen, das unbestimmte niederdrückende Gefühl zu verstärken, das dieses Stück auszeichnet. Ein Gefühl, das Christoph Hackenberg als Erzähler beziehungsweise Jugendfreund Roderick Ushers von Sekunde 0 an stimmig nährt und pflegt, wenn er mit seiner Laterne im vom Bühennnebel erfüllten Saal sich den Weg durch den Zuschauerraum zur Bühne bahnt, und von den toten, wie leere Augenhöhlen starrenden Fenstern des Hauses Usher erzählt.
Benedikt Grawe spielt Roderick Usher, der von seinem Jugendfreund so beschrieben wird:
Sicherlich noch nie hatte sich ein Mensch in so kurzer Zeit so schrecklich verändert wie Roderick Usher! Nur mit Mühe gelang es mir, die Identität dieser gespenstischen Gestalt da vor mir mit dem Gefährten meiner Knabenjahre anzuerkennen. Doch war seine Gesichtsbildung immer schon merkwürdig gewesen, so hatte nun eine übertriebene Entwicklung genügt, das Antlitz seiner Züge derart zu verändern, dass ich nicht mal sicher wusste, ob er es wirklich war.
Was mich vor allem verblüffte, ja entsetzte, war die jetzt gespenstische Blässe der Haut; das jetzt überirdische Strahlen des Auges. Das seidige Haar hatte ein eigentümliches Wachstum entfaltet, und wie es da so seltsam wie hauchzarter Altweibersommer sein Gesicht umspielte, hatte ich Schwierigkeiten, dies arabeskenhaft verschlungene Gewebe mit dem einfachen Begriff Menschenhaar in Beziehung setzen.
Bleichgeschminkt gibt Grawe den Zustand zwischen Entrücktheit, Depression, Verwirrtheit und frostigem Erstarren seiner Figur bis hin zum völligen Wahn überzeugend. Die Inszenierung hat durchaus gewollt etwas Voyeuristisch-Sinnliches. Es geht nicht zuletzt um eine detaillierte Beschreibung des Roderick Usher, seines Geisteszustands, aber auch seines Äußeren. Er ist damit fast immer im Fokus des Geschehens, wenngleich der Erzähler ungleich mehr Text hat. Lena Sophie Lehmann als Schwester Ushers bringt ein faszinierendes zusätzliches Fünkchen Irrsinn in die Produktion. Wenn die lebendig Begrabene am Ende des Stücks aus der klirrenden Kälte barfuß in den Saal geistert, das Bühnenblut an ihren Armen, ihren Händen und in ihren Haaren dicklich glänzt, ihr Kleid blutdurchtränkt - da ist der Horror- oder Gespenstergeschichtenfan dann schon ordentlich bedient.
“Der Untergang des Hauses Usher” - eine kleine feine Produktion, die in rund einer Stunde dem Publikum wohltuendes Gruseln lehrt. Es ist Off-Theater, das mit bescheidenen Mitteln auskommen muss, aber dies durch Phantasie wettmacht. Fehlendes üppiges Bühnenbild wird durch Projektionen und ein Spiel mit dem Bühnenvorhang wettgemacht, die Kostüme sind stimmig, das Licht gespenstisch. Wohliges Gruseln ist garantiert.
Darsteller
Benedikt Grawe (Roderick Usher), Christoph Hackenberg (Erzähler), Lena Sophie Lehmann (Madeline Usher), Alexander E. Fennon (Hausarzt/Projektion)
Leading Team
Regie und Konzept: Ann-Kristin Meivers
Textfassung: Ann-Kristin Meivers
Dramaturgie: Linda Godorf/Jasmin Sarah Zamani
Musik/Sound: Fabian Gräf
Bühne: Bernard Roschitz
Kostüm/Maske/Ausstattung: Jasmin Sarah Zamani
So ungefähr zweieinhalb Jahrtausende nach der Premiere habe auch ich eine Vorstellung von «Guys and Dolls†in der Wiener Volksoper besucht. Eine ausführliche Rezension über eine Show zu schreiben, die gerade noch drei Mal am Spielplan steht, das muss nicht unbedingt sein. Auch war ich ja nur als einfacher Konsument in der Show, der viel aufzuholen hat an nicht besuchten Produktionen in den letzten Jahren. Ein paar salopp formulierte Worte wären: behäbige Inszenierung, furioses Bühnenbild, extrem fad wirkender Hauptdarsteller (Herrig), entzückend Sigrid Hauser, und für alle Fans des Operettentimbres Johanna Arrouas, die nicht nur stimmlich, sondern irgendwie auch in ihrer Körperhaltung ein gewisses dominantes Maß an Operette ausstrahlt, das muss man mögen, meine ich, und erlaube mir, es nicht zu mögen in einem Musical, gar nicht. Oder sagen wir so: Die Show war einfach nicht so ganz mein Fall, als einfacher Konsument, der sich nur mal nen schönen Abend machen wollte, kann man ja pauschal so formulieren.
Worauf ich aber kommen wollte, war die Reaktion des Publikums, und da auf sagen wir einer Mikroebene, nämlich das unmittelbar mich umgebende Publikum und dann wiederum die mich umgebenden Sitznachbarn: Vermutlich liegts an mir, vermutlich bin ich zu leicht ablenkbar, kann sein, dass ich auf akustische Störungen unangemessen reagiere, und es ist ja nicht das erste Mal, dass ich darüber schreibe. Eine neue Form der Ablenkung erfuhr ich jedenfalls in eben jener Vorstellung von «Guys and Dollsâ€. Um diese Ablenkung zu verstehen, muss man sich Fingerkuppen vorstellen, raue Fingerkuppen, vielleicht sogar mit extrem rissiger Haut, ganz ausgetrocknet, Fingerkuppen, mit denen man an feiner Wolle fast hängenbleibt. Mein Sitznachbar hatte solche rauen Fingerkuppen, und ab einem gewissen Zeitpunkt der Show fing er an, mit seinen Fingern an seiner Anzughose zu reiben, an ihr entlangzufahren, vermutlich ein Akt der Ablenkung, Gedankenlosigkeit, der Gewohnheit. Nun sollte man annehmen, dass man dieses Entlangstreichen von rissiger Haut an weichem Anzugstoff nicht allzu laut hören kann, und laut war es auch nicht, aber dieses beständige Geräusch verstärkte sich in Minuten, Viertelstunden, Halbstunden zu einem extremen Störfaktor, dem ich machtlos ausgeliefert war. Denn was hätte ich den armen Mann bitten sollen, ohne merkwürdig zu klingen.
Wie gut, dass von einem hinteren Sitznachbarn leises Schnarchen nach vorn drang, das das beständige Reiben teilweise überlagerte. Doch dann, im Abstand von wenigen Sekunden - KLAPP - KLAPP - KLAPP -, knallten drei der recht schweren und großartig gestalteten Theaterprogramme von anderen drei Besuchern auf den Boden. Dieses dreifaltige - KLAPP - KLAPP - KLAPP - war derart befreiend, unglaublich. Mein Sitznachbar verschränkte seine Hände, der Schnarcher hinter mir war wieder munter, und ich, ich konnte wieder ohne Einschränkung «Guys and Dolls†genießen.
Martin Bruny am Sonntag, den
23. Januar 2011 um 18:56 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Angesagte Skandälchen finden so selten statt. Vor einigen Wochen verursachte die schiere Ankündigung der Premiere eines Theaterstücks über Michael Jackson unter einigen radikalen Fans des King of Pop Aufruhr. Es kam nicht nur zu gezieltem Mailbombing, nein, man drohte auch, die Aufführungen zu “unterbrechen” und zu “stoppen”, und als kleines Sahnehäubchen gab es eine Morddrohung gegen den Kodirektor jenes Theaters, in dem “Becoming Peter Pan” am 16. Dezember 2010 - ohne Störaktionen - seine Uraufführung erlebte.
In den oft von besonders fanatischen Fans bevölkerten Foren, egal zu welchem Thema sie angelegt werden, ob Uwe Kröger, Mitzi Imechtsogern oder eben Michael Jackson, herrscht nicht selten ein roher, unkultivierter Umgangston, der an jenes Verhalten erinnert, das in autoritären Regimen gelebt wird, oder aber man kommt sich vor wie in einer Krabbelstube, in der «Miss Jackson†und «Babyjackson†mit «WillYoubethere2090â€, und wie die sinnigen Namen sonst noch lauten, miteinander brabbeln. Kein Wunder also, wenn erst vor einiger Zeit in einem dieser Michael-Jackson-Foren die “Verbrennung” jener Puppe gefordert wurde, die sozusagen der Hauptdarsteller der Show “Becoming Peter Pan” ist. Wohlgemerkt sind das Reaktionen von Menschen, die “Becoming Peter Pan” nie gesehen haben und wohl auch nicht sehen werden. Aber das war ja bei den Bücherverbrennungen auch nicht viel anders. Es gibt, unter keinen Umständen, eine Entschuldigung für ein solches Verhalten, das in einer Morddrohung gipfelte, es wäre also auch nicht notwendig, dass sich die Leiter dieses Theaters diesem Pöbel stellen, und doch haben sie es versucht, in eben jenen Foren, wenngleich auch mit nicht überwältigendem Erfolg. Es ist vergebliche Mühe - und kein Mensch sollte sich mit einer derart gestörten, kulturfeindlichen Grundgesinnung auseinandersetzen müssen. Doch kennen wir eben jene Einstellung aus vielen Diskussionen, die um die Stellung des Theaters in Österreich geführt wurden - und andererseits lieferte die Auseinandersetzung mit den Fans den Theatermachern sicher jede Menge Stoff bei der Feingestaltung des Figurentheaters “Becoming Peter Pan”.
Haben denn diese total verzweifelten Fans, die, so meinten einige von ihnen, in Heulkrämpfe ausgebrochen sind, als sie Fotos der Puppe gesehen haben, nun wirklich Grund, um den Ruf Michael Jacksons zu fürchten? Was macht Puppenmeister Nikolaus Habjan mit unser aller Michael Jackson? Wird, von Wien Alsergrund aus, nun der König des Pop vom Sockel gestürzt?
Mit Sicherheit nicht. Gehen wir davon aus, dass es in “Becoming Peter Pan” tatsächlich um “den” Michael Jackson geht, dann sprechen wir, und wir Erwachsenen unter uns wissen das doch, von einer Kunstfigur, einem für und von den Medien geformten “King of Pop”. Michael Jackson hat schon zu Lebzeiten mehr als genug selbst inszeniert und der Presse unterjubeln lassen, das seinen Ruf weit mehr geschädigt hat, als es eine Theaterproduktion im Wiener Schubert Theater machen könnte. Aber man muss die Fans verstehen, sie sind im “Internet” in ihrer eigenen Welt und haben teilweise gar keine Ahnung, was sie gerade beurteilen, oft scheint es, als ob sie tatsächlich gar nicht wüssten, was sie tun. Unzählige Mails sind an meine Mailadresse geschickt worden, mit der Aufforderung, “dieses Stück” nicht zu machen, der Text freilich war ein vorgefertigter, der nur in die Mail hineinkopiert worden war. Wie die Lemminge verbreiteten die “Fans” ihre Botschaft, ohne auch nur zu prüfen, wem sie ihren Wunsch mailten. Sie wollten nur ihre Meinung rausbrüllen, irgendjemanden anbrüllen, egal wen. Sie berufen sich in ihren Forenbeiträgen auf Michael Jacksons “Bücher”, auf seine “Interviews”, sie verhalten sich wie Prediger, die den Willen des Kings vollziehen wollen. Keiner von ihnen aber kennt den Menschen Michael Jackson, den sie so anbiedernd “verteidigen” wollen - vor was auch immer. Spätestens seit den Amokläufen in diversen Schulen auf dieser Welt sollte man jedoch dieses wenn auch nur im Netz verbalisierte Aggressionspotential aber ernstnehmen und diese Foren im Zweifelsfall auch polizeilich checken lassen, man weiß nie, was aus Aufforderungen, eine «Aufführung zu stoppenâ€, eine Puppe «zu verbrennen†dann in der Realität werden könnte.
Das Gute ist, dass all diese Menschen in ihren Foren einen recht begrenzten Aufmerksamkeitswert erzielen. Am einfachsten wäre es also, ihnen keine Öffentlichkeit zu bieten, andererseits hat die Diskussion, so ich sie persönlich mitverfolgt habe, überblicksartig, durchaus eine Art von Unterhaltungswert und könnte, wenn man sich das Programm beispielsweise der Wiener Kammerspiele ansieht, in dramatisierter Form in einer Bearbeitung von Daniel Glattauer einmal “Alle sieben Wellen” ablösen. Schön wäre es, würden sich all diese Fans mal nach Wien aufmachen, um sich die Show, die sie so eifrig dämonisieren, auch anzusehen. Sie ist mehr als sehenswert.
“Becoming Peter Pan” ist ein sehr poetisch gebautes und äußerst exakt ausgeführtes Puppenspiel, das mit Licht, Schatten, Bühnennebel, Sound, einigen Requisiten und zwei Puppen auf kleinster Bühne erstaunliche Theatermomente schafft. Es geht nicht nur darum, was Nikolaus Habjan mit seinen Puppen erzählt, ein ebenso wichtiger Faktor, wenn nicht der wichtigere, ist, wie er es macht, wie er mit den Puppen umgeht, als wären es zerbrechliche, lebendige Wesen, es wohnt dem Ganzen ein fast zeremonieller, ritueller Moment inne, der dieses Schau-Spiel in jeder Sekunde zu einem spannenden macht, in keiner Sekunde vohersehbar. Es ist erstaunlich, wie diese Puppen innert kurzer Zeit zu “leben” beginnen, wie man sich daran gewöhnt, dass die Stimmen zwar alle von Habjan gesprochen werden, aber doch die Puppen lebendig machen.
Es macht keinen Sinn, exakt inhaltsmäßig an dieses Stück heranzugehen. Macht man es doch, ist die Chance dahin, all die Lücken und Brüche, die in das Stück hineingeschrieben wurden, mit der eigenen Phantasie und der gerade in sich selbst vorhandenen Stimmung auszufüllen. Die ganze Show ist ein Spiel mit Stimmungen, mit wunderschönen und verspielten Projektionen, mit den laut eingespielten Songs von Michael Jackson.
Die Handlung des Stücks dreht sich um einen Mann in einer psychiatrischen Anstalt, der sich für Peter Pan hält, mit der Wohnadresse “second to the right and then straight on till morning”. Er hat keine Ahnung, wie alt er ist, hält sich aber für “quite young”, möchte für immer ein kleiner Junge sein und kommuniziert eifrig mit seiner Fee Tinkerbell. Er hält sich aber auch für Michael Jackson und meint, gerade vor einem großen Auftritt zu stehen - “the biggest show on the planet, the biggest show in the universe”.
Ausgehend von dieser recht konkreten Spielsituation wird das Figurentheater recht abstrakt und nur mehr interpretierbar. Bilder aus der Vergangenheit ziehen vorbei, man sieht als Schatten auf einer Leinwand Tanzsequenzen, man sieht Michaels “magic tree”, Michael Jacksons sarkastisch-brutales Alter Ego setzt ihm hart zu: “You’re so pathetic! When was the last time you took a closer look in the mirror? hahaha - Man in the mirror? Look what you’ve become - a coward, a freak, a looser!” Er möchte das gealterte Ich davon überzeugen, noch einmal von vorn zu beginnen, im Nimmerland, auf die harte Tour. Ein “Arzt” (?) “kümmert sich” um den Patienten, stellt Fragen, die Antworten drehen sich letztlich um die großen Themen im Leben Michael Jacksons: Einsamkeit, die ewige Auseinandersetzung mit der eigenen “verlorenen” Jugend, mit dem Alter, es geht um Ängste, Unsicherheiten, um die Beziehung zum Vater, all das verbrämt und eingebettet in einer Art Peter-Pan-Fiebertraum.
Der alte Mann im Rollstuhl freilich hat mit seinem Leben abgeschlossen: “They want to see their King, but the King is dead. He has been dead for a long time. But they still want to see their King of Pop. Please tell the waiting audience that I am not able to perform tonight. They are to leave immediately. Whenever I walk on stage people expect too much of me. They want to see my singing, they want my dance, the turns and the moves - they want the whole package. But I don’t know for how long I will be able to do this […] they gonna laugh at me, they gonna stare at me, as if I were a freak.â€
Eine heikle Geschichte, Michael Jackson als alten Mann zu zeigen. Und doch so richtig, bedenkt man die euphorischen Reaktionen der Fans auf die Ankündigung der “This is it”-Tour, die ein 50-jähriger Jackson bestreiten hätte müssen. Ein Michael Jackson, dem man - sehr wohl - das Alter angemerkt hat. Oder, wie es das Alter Ego im Stück formuliert: “I don’t get, how I could get so old. That wasn’t part of the bargain. That wasn’t part of the plan. That doesn’t fit into the concept. He never invented himself as an old man, he never told stories about him being old. How could he? We have to change this. Yeah! We can! This is it! THIS IS IT! Not that! But what would you say if we could make you young again?â€
Gegen Ende thematisiert “Becoming Peter Pan” unter anderem den “Heal the World”-Mythos, dieses so unendlich sich selbst überschätzende Weltverbesserer-Image, das Michael Jackson gerne symbolisierte, auf der anderen Seite werden die ungeklärten Umstände des Todes von Michael Jackson auf eine verschwörungstheoretische Basis gestellt. Nochmal die Frage: Wird der Ruf Michael Jacksons beschädigt? Nein, aber «Becoming Peter Pan†ist sehr wohl eine kritische und sarkastische Auseinandersetzung mit dem Phänomen und dem Wirken Michael Jacksons, auch seiner Beziehung zu seinen Fans, insofern ist, und hier schließt sich der Kreis, die Diskussion mit den heutigen Anhängern des King of Pop fast unabdingbarer Bestandteil der Entstehungsgeschichte des «Dramas†«Becoming Peter Panâ€.
Einen Freak, das meinen viele der geschockten Fans in der Puppe, die Michael Jackson, oder eben Peter Pan, darstellt, zu sehen. Sie finden die Bilder der Show abstoßend. Da darf man die Wirkung eines Figurentheaters nicht unterschätzen. Was auf Fotos abstoßend wirkt, gewinnt “live” eine völlig andere Dimension. Gerade für Michael Jackson Fans, das als Fazit, ist diese Show ein Muss, der Text ist großartig, teils poetisch, ein Meer an Subtext, voller Anspielungen, und gespickt mit Zitaten aus Songs von Michael Jackson, direkt im Leben von Michael Jackson verankert, aber das mag auch einfach meine eigene Interpretation sein, denn wie Jacksons Alter Ego sich selbst fragt: «Is there an ultimative truth about you, Michael Joseph Jackson?”
Leading Team
Puppenspiel und Puppenbau: Nikolaus Habjan
Buch und Regie: Simon Meusburger
Visualisierungen: Johannes Hucek
Schattentänzer: Ronnie Verà³ Wagner
Regieassistenz und Inspizienz: Helene Ewert
Kostüme: Modeschule Graz: Billie Lea Lang, Martina Reichenpfader, Melanie Sonner, Angelika Waltl
Lichtdesign: Simon Meusburger
Zwei Schattenmänner: Christoph Hackenberg, Benedikt Grawe
Drei Schattenkinder: Franziska Singer, Matteo Ortner, Lucca Nocchieri
Additional Music: Otto M. Zykan
Übersetzung: Jasmin Sarah Zamani
Verwendete Songs von Michael Jackson
- History
- Stranger in Moscow
- Will You Be There
- Leave me alone
- Thriller
- Cry
- Smile
Martin Bruny am Samstag, den
18. Dezember 2010 um 01:08 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Seit mittlerweile elf Jahren bietet das Wiener Performing Center Austria knapp vor den Feiertagen eine Weihnachtsproduktion für die ganze Familie. 37 junge Leute, das Durchschnittsalter beträgt 14 Jahre, spielen 2010 die Weihnachtsshow “XMAS Gift”. In diesem Jahr ist das Hauptthema freilich nicht Weihnachten an sich, “XMAS Gift” zeigt viel mehr Ansätze einer recht sozialkritischen Show, in der es unter anderem um den Gegensatz zwischen reich und arm geht, es werden gerade aktuelle Themen wie die unvermeidlichen Castingshows thematisiert, es geht um Außenseitertum, Konkurrenz, all das verpackt in eine sehr pfiffige Handlung rund um Engel, einen Castingwettbewerb an einer Schule und zwei Familien, eine reich und eine arm. Eines der faszinierendsten Themen vieler Hollywoodfilme, der Körpertausch, wo zwei Menschen sich auf einmal im Körper des jeweils anderen finden, mitreißende Choreographien zu für eine solche Produktion überraschenden Tunes wie “Fashionist” von Waldorf oder “Here comes the Hot Stepper” von Ini Kamoze oder auch “Engel” von Rammstein, und dann auch noch wirklich phantasievoll und passend in die Handlung eingebaut, sorgen für Stimmung, sehr gelungene deutsche, umgetextete Versionen von Kultsongs wie “I sing the body electric” aus “Fame” (hier nun: “Ich wünsch euch fröhliche Weihnacht”), all das macht “XMAS Gift” zu einer außerordentlich unterhaltsamen Show - auch zu einer Show mit Botschaft und auch zu einer Show am Puls der Zeit, denn auch zum Beispiel Jason Robert Browns “Being a Geek” (aus dem Musical “13″, in der deutschen Version “Streber zu sein”) ist mit dabei, und Jason Robert Brown hört man hierzulande viel zu selten.
Wer jetzt Musicaldarsteller bei “XMAS Gift” erwartet, die perfekt singen und tanzen, sollte sich zum Londoner West End begeben und dort glücklich werden, aber “Perfektionismus” zu präsentieren, das ist auch nicht das Ziel des Performing Center Austria mit dieser Show. Hier wird jungen Leuten eine Möglichkeit geboten, Interessen, die sie im Bereich der Performing Arts haben, auszutesten. Auszutesten in einem professionellen Umfeld, unter professionellen Produktionsbedingungen, in einer Reihe von Vorstellungen vor einer respektablen Menge an Zusehern. Da ist es auch legitim, dass jeder der jungen Leute im Zuge der Arbeit auf der Bühne erst lernt: Was kann ich, kann ich es live rüberbringen? Und wenn man merkt, dass die Interpretation vielleicht überzogen ist, dass bestimmte Elemente einer Figur vielleicht etwas dezenter noch wirkungsvoller wären, hat man die Chance, zu erfahren, wie es ist, wenn man auf der Bühne nicht jene Wirkung erzielt, die man erzielen will, ohne jetzt wirklich ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen, denn die Freude am Performen steht im Vordergrund. Die Weihnachtsshows des PCA sind nicht zuletzt deshalb so interessant, weil sie vielen Talenten eine erste Bühne gaben und geben, Talenten, die heute mit Musicals ihr Brot verdienen und in Zukunft verdienen werden. Hier hatte und hat man die Gelegenheit Talente zu sehen - wie sie sich entwickeln, wie sie am Anfang ihrer “Karriere” performen.
Es wäre fast unfair, jetzt einzelne Darsteller besonders hervorzuheben, aber da in der Show nur drei Burschen (und 34 Mädels) überhaupt zu sehen sind, vielleicht doch, im Sinne der Emanzipation :-): Robin Jentys als Geek fand ich sehr unterhaltsam. Noch mehr als er kann man sich wohl in eine Rolle schauspielerisch nicht reinsteigern, und noch mehr als er kann man in einer Nebenrolle wohl nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken und diese Rolle leben, bis in die letzte Faser des Körpers. Er schafft es sogar, wenn er nur am Boden sitzt und seine Schulbücher ordnet und abküsst, die Blicke der Zuschauer auf sich zu ziehen, obwohl sich die Haupthandlung gerade auf der anderen Seite der Bühne abspielt. Er macht aus seiner Nebenrolle allein durch seine unglaublich witzige Mimik etwas Großes. Zweifelsohne ein Talent.
Und um noch einmal auf den Frauenanteil zurückzukommen: Regie bei dieser Produktion führt Lisa Tatzber, die Musikalische Leitung hat Sandra Schennach, die Choreographie stammt von Sabine Arthold, Rita Sereinig und Lisa Tatzber. Buch und Liedtexte aber von Tommy Tatzber, Produktionsleitung: Alexander Tinodi. Bühnenbild: Sandor Coti, Thomas Poms, Licht: Gerhard Scherer, Ton: Tibor Barkoczy, Bühne: Manfred Puda.
Cast
Marjeta Urch, Vanessa Zips, Maria Scherbov, Michi Vögerle, Leonie Wagner, Carina Cerny, Jagoda Palecka, Viktoria Rosenbichler, Caecilia Freiberger, Mira Zeichmann, Carolina Gerstacker, Konstanze Barborik, Sophie Schüssler, Manuela Gartenmayer, Valerie Naderer, Vivien Mileder, Sina Löw, Sarah Sos, Michael Mayer, Ines Cihal, Theresa Barborik, Konstantin Frank, Sophie Schmidt, Yvonne Kellinger, Julia Greiler, Cosima Ebensteiner, Rebecca Fischer, Eszter Zakà¡rias, Magdalena Benakovic, Robin Jentys, Melanie Brunner, Hanna Resch, Sarah Wachter, Mirjam Kaar, Lena Barisic, Helena Gampe, Victoria Cerny, Larissa Langmann und Sarah Greiler.
Auf dem Nachhauseweg: Ein Junge, schätzungsweise 6 Jahre alt, fragt beim Einsteigen ins Auto seinen Vater: “Um ein Weihnachtsgeschenk ist es aber da gar nicht gegangen, oder?” Und beim Einstigen noch beginnt der Vater mit dem Erklären … Vielleicht ist letztlich auch das ein Geschenk: Dass man es nämlich mit einer Show zu tun hat, über die es sich lohnt nachzudenken und die auch Stoff bietet für ein Gespräch zwischen Vater und Sohn.
“XMAS Gift” ist noch am 18. Dezember um 19 Uhr, am 21. Dezember um 10 Uhr vormittags und um 14 Uhr nachmittags, am 22. Dezember um 10 Uhr vormittags und um 19 Uhr abends sowie am 23. Dezember um 10 Uhr vormittags zu sehen. Tickets und weitere Infos gibt es —> hier.
Martin Bruny am Mittwoch, den
15. Dezember 2010 um 23:34 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Mit “Musical Christmas”, der weihnachtlichen Einstimmungsproduktion der Vereinigten Bühnen Wien, ist es wie mit den Familienfeiern am Heiligen Abend. Es ist einerseits schön, dass es sie gibt, andererseits spielt doch ein wenig Wehmut ab und an mit. Früher, da feierte die ganze Familie, Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkeln und Tanten. Im Laufe der Jahre lichtete sich der Kreis der Feiernden. Die Großeltern konnten bald nicht mehr kommen, weil es zu beschwerlich geworden war, die Geschwister feierten bald woanders, die Onkeln und Tanten blieben irgendwann auch lieber für sich, schließlich starben die Großeltern und die Eltern - und dann wird man den Heiligen Abend, wenn man ihn denn noch feiert, vielleicht alleine begehen.
Bei den Vereinigten Bühnen Wien und ihrer (fast) jährlichen Musical-Christmas-Produktion hat das Abbröckeln der Mitfeiernden schon früh eingesetzt. Von den 18 Solisten, 24 Mitgliedern des Weihnachtskammerchors und 13 Tänzern des Jahres 2003 ist nur mehr Dennis Kozeluh mit dabei. 55 Musicaldarsteller auf der Bühne, dazu 54 Musiker im Orchester, das war die Besetzung des Jahres 2003. Ein Spektakel sollte “Musical Christmas in Vienna” sein, mit Stars in Hülle und Fülle, mit einem großen Chor, einem eigenen Tanzensemble. Das alles ist Vergangenheit, von den furiosen Tanzszenen der ersten Jahre haben wir uns im Laufe der Jahre immer mehr verabschieden müssen: Murray Grant, Akos Tihanyi, Alexander Moitzi, Ramesh Nair, Steven Seale, Rita Sereinig, Sandra Miklautz, Silke Braas … das waren Tänzer, die mit ihrer Gabe echte Weihnachtsstimmung in die Theater zaubern konnten. 2010 ist tänzerisch der Polar-Express abgedampft, es gibt kein Tanzsensemble mehr, es wird ein wenig gemoved und in albernen Kostümen gesteppt, aber das wars dann auch schon, kein Vergleich mit den Anfangsjahren. Es gibt auch keine 18 Solisten mehr, sondern 6, und das Ensemble ist von insgesamt 37 auf 8 Leute geschrumpft. Dafür wird viel gelesen auf der Bühne. Lesungen waren zwar schon immer Bestandteil von “Musical Christmas”, aber derart Langatmiges und Bemühtes wie 2010, das hat es noch nie gegeben. Eine Ausnahme, bedingt, ist vielleicht Rasmus Borkowskis inszenierte Einlage mit der “Weihnachtsgeschichte” von Charles Dickens, aber dennoch, es wird zu viel gelesen - und zu wenig getanzt.
Der Hauptgrund allerdings, warum der ganze Abend so bemüht wirkt, ist, dass man sich so unendlich angestrengt hat, das Ganze in sagen wir eine Art szenisches Konzept zu gießen. Was genau dieses Konzept sein soll, wie man es benennen könnte? Keine Ahnung: “Tanz der Elfen” vielleicht. Das Ensemble wurde nämlich dazu vergattert, Elfenohren zu tragen. Wer sich darunter nix vorstellen kann: Spock-Ohren. Sieht ulkig aus, und wird noch ulkiger, wenn die Armen dann auch noch durch die Gegend hüpfen müssen wie Elfen (Wie hüpfen Elfen?). Natürlich ist dieses Konzept zum Scheitern verurteilt, weil entweder Elf oder nicht Elf, entweder man hüpft immer oder nie, und das Ensemble, das ja beispielsweise auch als Chor Weihnachtslieder interpretiert, hüpft natürlich dann nicht, wenn es Geschichten erzählt, hat natürlich - dann - auch keine Elfenohren auf, … aber, da muss man schon ein paar Mal in die Show, um das mitzubekommen, wann es heißt “Elfenohren auf” und wann “Elfenohren ab”, wann ein Elf ein Elf ist und wann nicht mehr, beim ersten Mal wundert man sich einfach nur über derlei Merkwürdiges. Kurz, man sieht, dass ein szenisches Konzept angedacht wurde, aber dass man es nicht zu Ende konzipiert hat. Zu verlockend war es vermutlich, einzelne fix und fertige Bestandteile vergangener Produktionen zu nehmen und zu einer “neuen” Show zusammenzusetzen.
Vielleicht wäre es an dieser Stelle ganz interessant, mal über die Kostüme der Produktion zu sprechen. Die Vereinigten Bühnen Wien verfügen ja über eine Kostümabteilung mit fixangestellten Mitarbeitern, ein Umstand, der bei all den Förderungen, die das Unternehmen erhält, immer wieder als Argument gebracht wird gegen all jene, die sich über all die Subventionen noch immer aufregen möchten. Eine eigene Kostümabteilung, Schneiderei, … das ist doch was. Nun, bei “Musical Christmas 2010″ hat man davon nicht wirklich etwas bemerkt. Vielmehr waren einige disaster moments auszumachen, wie beispielsweise jener Fetzen, den Caroline Vasicek bei “Who Would Imagine A King” tragen musste - ein buntes Stoffkonglomerat, enganliegend, in allen möglichen Orange-, Rot- und Gelbtönen, quasi das Red Bull unter all den Kostümen des Abends. Passend etwa zu einer Show wie “Hair” vielleicht, aber zu Weihnachten? Auch die Choreographie zu dem Song - ein Rätsel. Auftritt vom hinteren Teil der Bühne, und langsam geht die Künstlerin die Stufen des Podiums hinunter, auf dem das Orchester sitzt, wobei jeder einzelne der Musiker dreinschaut, als hätte gerade ein Schwall Magensaft Regionen erreicht, die wir gar nicht näher bestimmen wollen. Was war die Idee dahinter? Mal ein bisschen bunt in die Show? Und weil man immer von links und rechts auftritt, halt mal von hinten? Auch Wietske van Tongeren muss ein Lied in recht merkwürdiger Aufmachung auf der Bühne abbüßen: Bei “Koppà¥ngen” hat sie ein Krönchen auf und schaut aus wie Barbie leibhaftig, ein Krönchen, das nur dazu da ist, um am Ende des Songs als Halterung zu dienen, als Halterung für ein paar Tücher, die ein paar Mitglieder des Ensembles, während Wietske die ersten 3 Minuten des Liedes singt, durch die Luft eiern, eingetaucht in so viel Trockeneisnebel, dass man in den ersten Reihen geradezu daran ersäuft. Dann wirbeln die Tänzer in die Nähe von Barbies Krone, befestigen die Fetzen an derselben, und nun steht die arme Wietske halt da mit ihrem Krönchen und ein paar weißen Fetzen, die runterhängen. Fehlte gerade noch, dass ein paar Elfen auftauchen, sich an die Enden hängen, Wietske sich wild zu drehen beginnt und die Elfen weit in den Saal des Etablissement Ronacher schleudert - aber das wäre sicher gegen … keine Ahnung, aber es gibt ja so viele Bestimmungen. Ursprünglich wollte man ja auch bei “Tanz der Vampire” ein paar der Vampire tatsächlich fliegen lassen, musste aber, so hört man, den Plan aufgeben, weil das Denkmalschutzamt gegen die dafür nötigen technischen Vorrichtungen gevotet hat. Nur um nicht missverstanden zu werden, das ist nicht gegen die Qualitäten des Ensembles gerichtet, das kommt sympathisch rüber, aber man hat fast Mitleid mit den jungen Darstellern, die Elfenohren tragen müssen und derlei sinnfreie Choreos, die fast wie Parodien wirken, einstudieren müssen.
Von all den hektischen Kostümwechseln und all dem Choreographiewahnsinn (fast) ausgenommen ist nur einer: Uwe Kröger. Und Uwe Kröger ist auch der einzige der Herren, der für eine Gala standesgemäß gekleidet erscheint. Vermutlich daher, weil er seine eigene Kleidung tragen darf: eine Art Smoking, perfekt passend, auch die Hose dazu in passender Länge, und Lack-Stiefletten. Das setzt ihn von allen anderen Herren ab, die längst nicht so perfekt passende Garderobe zu tragen haben und mit Schuhen Vorlieb nehmen müssen, die wie sehr sehr günstige Straßenschuhe wirken. Auch muss sich Kröger nicht umkleiden, wozu auch. Das ganze Programm ist 2010 extrem balladenlastig, wozu muss man für jede einzelne Ballade ein anderes Outfit anhaben, und “Musical Christmas” war ja nicht als Modeschau konzipiert (hoffentlich). Natürlich gibt es auch nette Outfits bei einigen Songs, aber im Wesentlichen war die Auswahl der Kostüme unterirdisch. Bezeichnend für den unnötigen overkill an Outfitwechseln und Choreowahnsinn: “Es wird scho glei dumpa”, gesungen von Caroline Vasicek, Carin Filipcic, Markus Pol und Philipp Kreinbucher erhält fast den meisten Applaus des Abends - ein Auftritt, bei dem die Künstler alleine vor dem Vorhang stehen, sich nicht bewegen, die Kleidung völlig egal ist, die doofen Spock-Ohren für ein paar Minuten vergessen sind und es nur um eines geht: um die Kunst des Singens.
Interpretiert wurden die Lieder von den Damen fast durchwegs wunderschön, Carin Filipcic war stimmlich der Star der Show, da war kein Makel zu hören, da war nur mehr Strahlen und Arbeit an der Perfektion, auch ihre kurze Lesung (”Weihnachtslegende”, ein Gedicht von Manfred Koch) witzig, auf den Punkt, perfekt serviert. “Gabriella’s Sà¥ng”, ein Traum - wenn man sich diese Interpretation im Umfeld von 2003 vorstellen würde, was für eine Wucht. Wietske van Tongeren, ebenso stark, insgesamt aber viel zu viele Balladen in der Show.
Dennis Kozeluh hatte mit “Do You Hear What I Hear” einen starken Moment, nicht so stark wie auf der CD zur Show, da wäre arrangementmäßig und wirkungsmäßig mehr rauszuholen gewesen, aber auch hier fehlt einfach der große Chor, auch hier müsste das Orchester voller klingen, wir aber haben es mit einem Schrumpforchester zu tun, bei dem ganz vorne prominent Keyboards und Synthesizer platziert sind, das spricht Bände. Dazu kommt die nach wie vor katastrophale Akustik im Ronacher. Natürlich, in den ersten Reihen Parkett hört man ein gut abgestimmtes Klangbild, freilich mit viel zu wenig Bass. Im 2. Rang dagegen hört man lediglich akustische Reste, und wenn dann noch zwei Tage lang einer der Scheinwerfer defekt ist und laut rattert, bekommt man mitunter gar nichts mehr mit. Technische Defekte können passieren, keine Frage, doch bei einem ähnlichen Vorfall in einem Londoner Theater bekamen die Zuschauer in der Pause nicht nur complimentary snacks, sie erhielten auch Gutscheine für eine Vorstellung im selben Theater für eine Vorstellung ihrer Wahl - so viel zum Thema customer care. Auch die Choreographie bei “Do You Hear What I Hear” (und anderen Songs), eher grenzwertig. Als Bühnenelement hat man sich Würfel einfallen lassen, wie riesige Legobausteine, Legoquadrate. Die dienen für alles mögliche, mal sitzen die Darsteller drauf, und mal klettern sie völlig unmotiviert drauf rum und trällern dann von oben herab - nun gut, auch eine Möglichkeit. Kennen wir ja schon vom “Club der toten Dichter”, da lehrt Robin Williams auch seine Schüler, dass es wichtig ist, mal alles aus einer anderen Perspektive zu sehen, die Schüler klettern auf ihre Tische, die Darsteller auf ihre Würfel. Regiekonzept ist das für mich aber keines.
Uwe Krögers Auftreten war wie gewohnt professionell, ich persönlich höre in seiner Stimme allerdings ein enormes Maß an Angst und viel Anstrengung. Er versucht mt extrem viel Technik, sich in die hohen Töne zu zwingen, er wummert in den tiefen Tönen, er singt nur mehr laut oder leise, dazwischen spricht beziehungsweise zischt er die Lieder - ist das noch “Gesang”? Sehr sympathisch kommt er in seinem Duett (”Winter Wonderland”) mit Dennis Kozeluh rüber, da ist er auch gezwungen, endlich dieses alberne Einstudierte aufzugeben und tatsächlich spontan albern zu sein, denn Herr Kozeluh ist Improkünstler, und das ist auch gut so, er serviert seinen Text von Vorstellung zu Vorstellung immer ein klein wenig anders und bringt so etwas Pepp in die manchmal sehr getragene Show.
Gerade mal 400 Besucher saßen in der Kemptener Big Box, als sich für «A Musical Christmas» der Vorhang öffnete. Zum Vorschein kamen am Rande eineinhalb Christbäume, und hinter dem weiten schwarzen Feld funkelten zeitweise elektronische Sternchen. Dazwischen verlor sich ein sattes Dutzend mehr oder weniger bekannter Musicalsänger der Vereinigten Bühnen Wien. Für die in der ersten Halbzeit (53 Minuten) eher blasse, danach jedoch engagierteren Performance war der Eintritt zwischen 47 und 73 Euro schlichtweg zu hoch.
Für dieses Geld sind im Kemptener Musiktempel schon Weltstars mit einem ausgewachsenen Orchester aufgetreten. Anfängliche szenische Darstellungen mit Geschenkpaketen und Kartonquadern waren nicht die großen Weihnachts-Einstimmer.
Am Ende der Show, nach “War is Over”: die Zugabe - ein gelungener sudden death von “Musical Christmas” . Man spielt sämtliche 200 Strophen von “Stille Nacht”, die Experten erkennen, wir haben es mit der Originalversion zu tun, der Chor wird nur von Harry Peller an der Gitarre begleitet, kurzer Applaus, und die Show ist aus. So schickt man sein Publikum eigentlich nicht nach Hause. Aber es wird ja sicher ein Wiedersehen geben, 2011. Frohe Weihnachten!
Das Programm
Teil I
Ouvertüre- First Noel/Wunschzettel: Instrumental/Uwe Kröger
(Traditional – Arr. Günther Gürsch/Gedicht von Cilly Kehsler)
Driving home for Christmas: Rasmus Borkowski
(Chris Rea – Arr. Günther Gürsch)
When Christmas comes to town (aus dem Film «Polar Expressâ€): Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren
(Alan Silvestri, Glen Ballard, Matthew Hall, Meagan Moore, Arr. Günther Gürsch)
Weihnachtslegende: Carin Filipcic
(Gedicht von Manfred Koch)
White Christmas: Uwe Kröger und Ensemble
(Irving Berlin – Arr. Günther Gürsch)
Lebkuchenmärchen: Katrin Mersch, Philipp Kreinbucher, Christian Petru, Markus Pol, Robert Weixler
(Gedicht von Hanna Helwig)
Santa vs. Christkind: Caroline Vasicek, Rasmus Borkowski und Ensemble
(Sigrid Brandstetter, Alexander Wagendristel)
Winter Wonderland: Dennis Kozeluh und Uwe Kröger
(Felix Bernand, Richard B. Smith – Arr. Thomas Huber)
Koppà¥ngen: Wietske van Tongeren und Damenensemble
(Traditional – Arr. L. Juling – Niederländischer Text: Wietske van Tongeren)
Who would imagine a king: Caroline Vasicek
(Mervyn Warren, Hallerin Hilton Hill)
Amerikanisches Weihnachtsmedley: Let It Snow, Rocking around the Christmas tree, Rudolph the red-nosed reindeer, Grandma got run over by a reindeer: Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(Arr. Thomas Huber)
Teil II
Polar Express (aus dem gleichnamigen Film): Dennis Kozeluh und Ensemble
(Alan Silvestri, Glen Gallard – Arr. Günther Gürsch)
Meine Herzwunschliste: Uwe Kröger
(David Foster, Linda Thompson, dt. Text: Pe Werner – Arr. Thomas Huber)
Weihnachtsgeschichte – Ein Weihnachtslied: Rasmus Borkowski, Anna Knott und Christian Petru
(Charles Dickens)
Es wird scho glei dumpa: Caroline Vasicek, Carin Filipcic, Markus Pol, Philipp Kreinbucher
(Österreichisches Weihnachtslied – Arr. Walter Lochmann)
Do you hear what I hear?: Dennis Kozeluh und Ensemble
(Gloria S. Baker, Noà«l Regney – Arr. Thomas Huber)
Cantique de Noà«l: Carin Filipcic und Wietske van Tongeren
(Adolphe Adam – Arr. Jeremy Roberts)
It’s beginning to look a lot like Christmas: Rasmus Borkowski und Damenensemble
(Meredith Willson – Arr. Günther Gürsch)
Lebhafte Winterstraße: Caroline Vasicek
(Gedicht von Joachim Ringelnatz)
Gabriella’s Sà¥ng: (aus dem Film »Wie im Himmel«): Carin Filipcic und Ensemble
(Stefan Nilsson, Py Bäckmann – Arr. Günther Gürsch)
Deutsches Weihnachtsmedley: Fröhliche Weihnacht (Volkslied), O Tannenbaum (Volkslied), Morgen kommt der Weihnachtsmann (Volkslied), Tochter Zion (Georg Friedrich Händel): Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(Arr. Koen Shoots)
Weihnacht: Uwe Kröger
(Gedicht von Elisabeth Dauthendey)
War is over: Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(John Lennon, Yoko Ono – Arr. Christian Kolonovits)
Stille Nacht: Harry Peller (Gitarre), Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh, Uwe Kröger und Ensemble
(Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr – Arr. Koen Shoots)
Solisten
Uwe Kröger, Carin Filipcic, Caroline Vasicek, Wietske van Tongeren, Rasmus Borkowski, Dennis Kozeluh
Ensemble
Katrin Mersch, Anna Kott, Tina Schöltzke, Bettina Schurek, Philipp Kreinbucher, Christian Petru, Markus Pol, Robert Weixler
Musikalische Leitung: Koen Schoots
Regie: Dennis Kozeluh
Choreographie: Katrin Mersch
Kostüme. Josef Sonnberger
Bühne: Robert Hirner
Technik: Ulfried Grabner
Licht: Gerhard Landauer
Sound: Matthias Reithofer
Es spielt das Orchester der VBW
Musikalische Einstudierung und Dirigenten: Koen Schoots und Carsten Paap
Zusätzliche Texte: Dennis Kozeluh
Martin Bruny am Dienstag, den
14. Dezember 2010 um 11:51 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Eine perfekt ins Programm passende Show, gut überlegtes Casting, eine umsichtige, phantasievolle, sehr genau ausgearbeitete Regie, eine gelungene Übersetzung, all das und noch viel mehr wünscht man sich bei Musicalproduktionen - und bekommt genau das doch eher selten zu sehen. All das und viel mehr erfüllte eine Show des Wiener Theaters der Jugend, die im Oktober und November 2010 in Wien zu sehen war: “Just so”.
Henry Mason, Oberspielleiter am Theater der Jugend in Wien, brachte “Just so” von George Stiles (Musik) und Anthony Drewe (Buch und Gesangstexte) in einer begeisternden, bunten, liebevollen und genau gearbeiteten Version auf die Bühne des größten Theater für junges Publikum in Europa. Er übersetzte den Text klug und stimmig. Da das Theater der Jugend letztlich auch eine pädagogische Aufgabe hat, die es mit vielerlei Aktionen und Angeboten erfüllt, musste er das sprachliche Niveau nun nicht unbedingt dort ansetzen, wo man den Beginn der Zielgruppe angesetzt hatte, nämlich bei 6 Jahren. Letztlich kann und soll auch das Theater als Motivation und Anreiz dazu dienen, einfach mal auch über das, was man gesehen hat, zu sprechen, und wenn das eine oder andere Wort noch nicht Teil des Wortschatzes eines der jüngeren Besucher ist, so kann man das im Anschluss an die Show oder in der Pause klären - oder aber man nutzt als Lehrer eines der Angebote des Theaters (siehe –> hier), fordert Materialien an, erarbeitet die Show mit der Klasse im Vorfeld, all das ist für diverse Produktionen des Hauses immer wieder möglich und dient dazu, junge Leute ans Theater heranzuführen. All das lohnt sich auch bei der Qualität der Stücke, die vom Theater der Jugend zur Aufführung gebracht werden. Die Abteilung Theaterpädagogik des Theaters der Jugend hat ein reiches Angebot für Lehrer und Schulen, das man nutzen sollte.
Was “Just so” allerdings auch auszeichnete: Es war es kein “Theater für Kinder”, nicht dieses “Theater für Kinder” im schlechten Sinn, wo noch in Babyslang und mit zuckersüßen Goscherln outriert wird, weil die Kleinen ja sonst vielleicht nicht mitkommen oder gar einschlafen. Sie kommen mit, man muss nur wissen, wie man eine Show anzupacken hat. “Just so” war eine jener Produktionen, für die man auch Abendvorstellungen für “erwachsenes” Publikum hätte ansetzen können, eine Idee, die bis dato noch nicht aufgegriffen wurde. “Just so” war letztlich eine der besten Musicalproduktionen in Wien 2010.
Auf der Bühne eine Cast, die man so auch bei jeder Produktion von sogenannten “großen” Musicalbühnen finden kann. Einen Namen im Musicalbusiness haben nicht nur Norman Stehr (”Cabaret der verlorenen Seelen”), Wolfgang Türks (”Frühlings Erwachen”), Jan Hutter (”Rudolf”) und Christoph Sommersguter (”Rebecca”). Für “Just so” suchte man die Idealbesetzung und fand sie auch in Thomas Smolej, Robert G. Neumayr, Christian Graf, Daniela Dett, Uwe Achilles, Julia Tiecher, Natalie Ananda Assmann und Lynne Williams.
Jedes Element der Show dient der Geschichte, die erzählt wird. Weder sind die Schauspielszenen dazu da, um die Pausen zwischen den einelnen Songs zu überbrücken, noch dienen die Songs dazu, um dem Ganzen überhaupt eine Musicalform zu verleihen, und auch die Tanzelemente sind nicht einfach da, weil halt in einem Musical getanzt werden muss, sondern sind großartig durchdacht und wichtiger Bestandteil der Charakterisierung jeder einzelnen Figur. Jede der Figuren ist von den Schauspielern genau erarbeitet, ist wiedererkennbar und einzigartig in Sprache, Kostüm, Mimik und Choreographie. Bis hin zu den kleinsten Details sind Figuren wie das Zebra oder der Kolokolovogel choreographiert, auch die Stimmführung ist der jeweiligen Figur angepasst. Für den Jaguar und den Leoparden hat man sich eine Art Wiener Strizzi-Dialekt einfallen lassen, die eingesetzten Tanzschritte, die Art und Weise, wie sich Thomas Smolej und Christoph Sommersguter bewegen - ein fein erarbeitets Konzept, das spielerisch durchgezogen wird, und so bleiben die Figuren auch noch Wochen, nachdem man die Aufführung gesehen hat, lebhaft im Gedächtnis. Jeder der Schauspieler spielt eine Vielzahl an Rollen und geht in der jeweiligen Rolle auf. Es ist schön zu beobachten, wie sie mit ihrem Schauspiel, mit ihrem Tanz und auch mit ihrem Gesang, gleichwertig, beim Publikum Emotionen auslösen. Denn darum geht es letztlich auch beim Theater: Emotionen auszulösen. Denn das ist es, was man dem Publikum schuldet: Emotionen auszulösen. Keiner hat im Publikum das Recht vom Schauspieler echte Emotion auf der Bühne zu fordern, aber der Schauspieler ist es seinem Publikum schuldig, es glauben zu machen, dass sie echt sind und echte Emotionen auszulösen. Dazu braucht man handwerkliches Können, Technik, dazu muss man Szenen genau erarbeitet haben - keiner hat etwas davon, wenn viel Geld in ein enormes Maß an Bühnentechnik, in 20 Tonnen Licht- und Soundequipment investiert wird und dann auf der Bühne, im entscheidenden Moment, wenn zwei Schauspieler sich einander gegenüberstehen, durch fehlende Technik nichts passiert außer schulisches Aufsagen von Text. Da haben dann nicht nur die Schauspieler versagt, sondern auch der Regisseur, und auch der Produzent, der nicht rechtzeitig eingegriffen hat. All das ist bei “Just so” in keiner Sekunde der Fall, und nicht zuletzt das, diese wohltuende umfassende Professionalität (im Umfeld so vieler Produktionen für “jugendliches” Publikum, die das in dem einen oder anderen Bereich nicht leisten können), die in Emotionalität mündet, war ein Erfolgsrezept dieser Produktion.
Auch wenn es Schauspieler gibt, die der Meinung sind, dass sie nicht verstehen, wie man überhaupt von einer guten oder schlechten Inszenierung sprechen kann, wie beispielsweise Otto Schenk auf der Buchwoche vor ein paar Wochen: Die Regie bei “Just so” war grandios. Keine Sekunde hatte man das Gefühl, dass man verloren gehen könnte in der Aufführung, immer war klar, dass und auch welche Geschichte erzählt wurde. Robert G. Neumayr als “Der älteste Magier” hatte da die Fäden in der Hand und erdete die Show immer wieder, nach jeder der vielen Einzelszenen, leitete und steuerte den Spielfluss, souverän, sympathisch. Das ist umso wichtiger, als es viele Shows gibt, bei denen man schon nach zehn Minuten eigentlich nicht mehr weiß, ob Regie überhaupt existiert. Es mag also sein, dass man hier etwas bewertet, was zu einem Großteil nur Intuition ist, oder ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, dem man dann das Label “Regie” aufdrückt, aber “Just so” zeichnete auch das Gefühl aus, dass bestimmte Szenen gar nicht anders als genau so auszusehen haben, gleichzeitig wurde man immer wieder überrascht von großartig inszenierten Hymnen wie jener vom “Limpopo-River”, ein Showstopper schlechthin, von Solos wie jenem des Kolokolovogels, gegeben von Daniela Dett, die dem Publikum in einem einzelnen Song schon das ganze Leben und Schicksal dieser Figur eröffneten. Und das gesungen und gespielt mit wunderbaren Nuancen, mit einer Mimik und Gestik, die den Schauspieler gänzlich hinter die dargestellte Figur treten ließen. Jede der Einzelszenen, ohne Ausnahme, war ein Erlebnis, sei es jene des Krokodils (Wolfgang Türks), schaurig auch durch die Soundeffekte, jene des Nashorns (Jan Hutter), des Parsen und seiner Backkünste (Norman Stehr), des Kängurus (Wolfgang Türks), jene der beiden Strizzis Jaguar & Leopard und natürlich die Geschichte all dieser Geschichten, nämlich wie das ewig fragende und neugierige Elefantenkind (Christian Graf) alle vor dem bösen bösen Pau Amma, einem riesigen Krebs, rettet. Einfach ein herrlicher Spaß für Menschen, die Märchen mögen, egal, wie alt sie sind.
Das Theater der Jugend sollte auf diesem Weg bleiben, und am besten keine Produktionen mehr von anderen Bühnen für die eigene Klientel ins Programm nehmen, kein “Tanz der Vampire” mehr zum Beispiel. Schlicht und einfach, weil man es nicht nötig hat und über genügend Kompetenz verfügt, ein eigenes Profil im Musicalbereich, der ja nur ein Teil des Angebots ist, zu entwickeln. Ja, im Gegenteil, vielmehr sollte man eigene Produktionen anderen Häusern anbieten, sie auf Tour schicken, sie wiederaufnehmen, sie ganz lange spielen.
Inhalt
Es ist die Zeit der ersten Anfänge: Noch hat das Nashorn keine Falten, der Leopard keine Flecken und der Elefant keinen Rüssel. Der älteste Magier ermutigt alle Tiere, zu ihrer Einzigartigkeit zu finden. Der Krebs schießt dabei übers Ziel hinaus: Gierig frisst er sich durch die Weltmeere und wächst dabei ins Riesenhafte, bis er bei der täglichen Futtersuche halb Afrika und Indien unter Wasser setzt. Die Flutopfer resignieren – gegen so einen Feind kann man nichts unternehmen.
Nur einer stellt das in Frage: das Elefantenkind. Es hat zum Leidwesen seiner Herde eine Frage zu allem: Warum ist der Himmel blau? Wenn es eine Missis Sippi gibt, gibt es dann auch einen Mister Sippi? Warum sagen wir dem Krebs nicht, er soll aufhören, so selbstsüchtig zu sein? Der älteste Magier stellt dem Elefantenkind den Kolokolovogel zur Seite, der sich zwar nicht fliegen traut, dafür aber auf alles eine Antwort hat. Auch auf die Frage, wo man den Krebs finden kann: am groß-grau-grünen Limpopo-Fluss nämlich.
So beginnt eine Segelfahrt ins Ungewisse, voller Überraschungen und Gefahren.
Wie der Krebs besiegt wird, wie das Nashorn Falten und der Leopard Flecken bekommt und wie die unersättliche Neugierde des Elefantenkinds ihm zu einem Rüssel verhilft, alles das erfährt man in George Stiles und Anthony Drewes bezauberndem und beschwingtem Familien-Musical. »Just So« erzählt aber auch vom Mut der Allerkleinsten und davon, wie man über den eigenen Schatten springt.
Cast
Der älteste Magier: Robert G. Neumayr
Das Elefantenkind / graues Tier: Christian Graf
Der Kolokolovogel / graues Tier: Daniela Dett
Der Parse / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Norman Stehr
Der Kochherd / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Uwe Achilles
Das Nashorn / graues Tier / Elefant / Gnu / Wallaby: Jan Hutter
Die Giraffe / graues Tier / Elefantenkönigin / Zutat / Wallaby: Julia Tiecher
Das Zebra / graues Tier / Elefant / Zutat / Wallaby: Lynne Williams
Der Jaguar / graues Tier / Elefantenkönig / Zutat / Gnu / Wallaby: Christoph Sommersguter
Der Leopard / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu / Wallaby: Thomas Smolej
Das Känguru / Das Krokodil / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu: Wolfgang Türks
Der Dingo / graues Tier / Elefant / Zutat / Gnu: Natalie Ananda Assmann
Die Stimme von Pau Amma: Henry Mason
Cover: Maxi Neuwirth / Wolfgang Türks
Musiker
Gerald Schuller, Bernd Alfanz, Sophie Hassfurther, Robert Pistracher, Bernd T. Rommel
Leading Team
Musik: George Stiles
Buch und Gesangstexte: Anthony Drewe
Inspiriert durch die Geschichte von Rudyard Kipling
Deutsche Übersetzung: Henry Mason
Orchestrierung: Christopher Jahnke unter Mitarbeit von John Clancy
Regie: Henry Mason
Choreographie: Francesc Abà³s
Musikalische Leitung und Korrepetition: Gerald Schuller und Hannes Drobetz
Bühnenbild: Michaela Mandel
Kostüme: Jan Hax Halama
Licht: Frank Sobotta
Dramaturgie: Marlene Schneider
Assistenz und Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner
Hospitanz: Laura Söllner
Martin Bruny am Dienstag, den
30. November 2010 um 00:55 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Derzeit im VINDOBONA, im “Kabarett für Hiesige und Zuagraste”, zu sehen: “Mitten ins Herz”, eine Art Revue, eine Art Konzert, eine Art Erinnerungs-Singspiel an länger vergangene und nicht mal gar so lange vergangene “Schlagermusik”-Zeiten und auch an das, was Gerhard Bronner in seiner legendären Radiosendung “Schlager für Fortgeschrittene” nannte, wenn man denn beispielsweise manches von STS, Rod Stewart, Herbert Grönemeyer, Liza Minnelli et al Interpretierte dazureihen möchte, was ich befürworten würde. Schlager in neuen Arrangements, in witzigen Kombinationen.
Die Show ist ein Hit, aber sie ist scheinbar kein Hit, was das Publikum betrifft. Das, so hört man, kommt einfach nicht. In der besuchten Vorstellung waren gerade mal 20 bis 30 Personen, die meisten davon weiblich und schon in etwas fortgeschrittenem Alter. Aber Halt, das ist kein Werturteil, denn was das Showbusiness betrifft, so fischt sich diese Branche ihr Publikum aus dem langen, langen Fluss des Lebens. An der Quelle holen die Teenies wie Justin Bieber sich ihr Publikum, und den ganzen Fluss entlang finden sich immer neue Richtungen, Ströme - für jeden Streckenabschnitt gibt es immer genau das Richtige, und ein Teil des Publikums für “Mitten ins Herz” würde man im Mündungsgebiet des Flusses finden. Das ist durchaus positiv zu werten, denn wenn man einmal so weit gekommen ist, hat man Zeit, man hat Geld und will sich was Schönes leisten, beispielsweise die Hirschsteaks oder die Jakobsmuscheln, die es heute in den Pausen der Show zum Bestellen gab.
Ohne Werbung allerdings wird man an die Menschen, die man in der Show als Zuschauer haben möchte, nicht rankommen. Und Werbung gibt es für “Mitten ins Herz” einfach zu wenig. Natürlich könnte man es über einen Umweg versuchen, denn ein Abend im Vindobona mit diesem Programm ist durchaus ein nettes Geschenk, das das Enkerl seiner Oma machen kann, der Sohn seiner Mutter, etwas, wo man sicher sein kann, dass es der Oma, der Mutter gefallen wird, weil sie mit dieser Musik gelebt hat und sie geliebt hat. Meiner Mutter, die vor einigen Wochen gestorben ist, hätte es großartig gefallen, und es wäre für sie ein schöner, sentimentaler Abend geworden, an dem sie in Erinnerungen geschwelgt hätte. Das ist durchaus ein Aspekt dieser Show - Impulse zu geben, die es erlauben, sich in diese vergangenen Zeiten hineinzuversetzen. Freilich ist das ganze Konzert mit reichlich Augenzwinkern und Ironie gewürzt, das passt dann für Alt und Jung, aber es hat schon auch seine tatsächlich sentimentalen Momente, die man dann doch gar nicht so schrecklich findet, wenn man mit der Mutter oder Oma oder gleichaltrigen FreundInnen im Vindobona sitzt.
Natürlich könnte man auch bei den Musicalfans fischen. Kerstin Ibald, Dennis Kozeluh sind neben dem Newcomer Christof Messner und der Sopranistin Agnes Palmisano auf der Bühne zu erleben - da kann man als Wiener Musicalfan doch nun nicht behaupten, dass das Namen wären, die man nicht kennt.
Natürlich sind das Konzept der Show und die Inszenierung ein Tanz auf einem schmalen Grat. Es kann schon vorkommen, dass man sich für einige wenige Momente wie in einem Lokal für Singles vorkommt, wo nur noch die roten Telefone am Tisch fehlen, dann wieder fühlt man sich viel eher in einen Nachtclub, in eine Bar versetzt. Ganz wird man wohl nicht schlau aus der Show, aber gerade das ist auch der Reiz, diese einerseits manchmal großartigen Arrangements von Liedern wie “Ich hab dich lieb” (Herbert Grönemeyer) und dem Gefühl, dass Großteile der Setlist in einer TV-Show von Peter Frankenfeld, Catarine Valente oder Peter Alexander auch nicht unpassend gewesen wären. Es ist ein Spiel, und es ist ein bewusst inszeniertes Spiel. Und manchmal macht es auch Spaß, die anderen Zuschauer zu beobachten, wie sie die Vorstellung erleben - man sieht in diesen zweieinhalb Stunden wohl keine Fadesse in den Gesichtern der Zuschauer. Die einen sind gerade begeistert, andere lachen sich einen ab und ein paar haben sich gerade in Christof Messner verliebt, während gleichzeitig einige Omis gerade in Erinnerungen abgetaucht sind. Ein wahrlich generationenübergreifendes Konzept, charmant von allen Darstellern präsentiert, die von Herbert Otahal mit seinem Herzkammerorchester begleitet werden.
Also, nichts wie hin ins Vindobona. Für eine Show von dieser Qualität sind die Eintrittspreise geradezu eine Okkasion. Schon ab 16,80 Euro ist man dabei, und die teuerste Karte kostet gerade mal 38,10 Euro. Dafür kommen Sie bei der “Tommy”-Produktion, die nächstes Jahr im MuseumsQuartier gastieren wird, gerade mal bis zur Kassa, um sich da eventuell die billigste Kategorie zu gönnen, die allerdings 50 Euro kostet.
Mitten ins Herz
Mit: Kerstin Ibald, Agnes Palmisano, Dennis Kozeluh und Christof Messner
Musik: Herbert Otahal live mit seinem Herzkammerorchester
Zu sehen am 30.11. sowie am 1.12. und vom 8.12. bis 13.12.2010
Tickets
Tel.: 01/ 512 39 03 (bis 12h) bzw. 01/ 512 47 42 (ab 14h)
bzw. direkt an der Kassa des Kabarett Simpl in der Wollzeile oder an der Abendkasse im Vindobona
Martin Bruny am Sonntag, den
21. November 2010 um 17:39 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2010
Uwe Kröger ist auf Tour - im Wiener Raimund Theater startete der Musicaldarsteller am 15. November 2010 die Tourproduktion seiner Soloshow “Absolut Uwe”, und lieferte insgesamt gesehen eine gute Show ab, wenngleich der Sänger Uwe Kröger an diesem Abend scheiterte, dafür aber sein Publikum mit attraktiven Gästen versöhnte.
Begonnen hat alles mit einer “Begrüßung” ohne jeglichen Sinn. Aber lesen Sie selbst:
“Einen wunderschönen guten Abend meine Damen und Herren zu ABSOLUT UWE hier im RAIMUND THEATER. Nein, wir spielen heute Abend nicht “Ich war noch niemals in New York”, wobei diese Lampen da vorne mich ein bisschen so an Bullaugen erinnern, die könnten fast so die Form eines Schiffes haben. Meine Damen und Herren ABSOLUT UWE hat natürlich nicht nur mit dem wunderbaren kühlen Nass zu tun, was ich hin und wieder mal, so, ganz selten natürlich, mir selbst kredenze, nein, sondern absolut ist mein absolut Lieblingswort. Man könnte auch den Abend nennen “Absolut Uwe” oder “Typisch Uwe”. (Warten auf Applaus — es kommt aber keiner.)”
Bullaugen, die an Schiffe erinnern? Lampen, die die Form von Schiffen haben? Sollte der zweite Teil der Ausführungen eine Begründung für den Titel des Programms beinhalten, fehlten da Sätze? Jüngst hat unser Absoluter ja in einer österreichischen TV-Comedy-Sendung (”Willkommen Österreich”) gestanden, dass er immer dann, wenn er auf der Bühne auf Autopilot läuft, Sätze vergisst. War das eine der berüchtigten Autopilot-Sequenzen? Wir werden es nie erfahren. Wurscht.
Das Hauptproblem Uwe Krögers an diesem Abend war nämlich nicht die misslungene Einleitung oder etwa, dass er eine Soloshow entertainermäßig nicht stemmen könnte, das gelang ihm sogar sehr sympathisch, da nahm er in Wien auch immer wieder gerne auf den Wiener Dialekt, die Taxler und den guten Kaffee Bezug, das lockerte auf und sorgte jederzeit für Lacher. Nein, das Hauptproblem, und das ist für einen Sänger ein existentielles Problem, war Krögers Stimme. Kaum ein Song, bei dem die Stimme nicht zumindest an einer Stelle leicht kippte oder wegbrach, wenig Nuancen, wenige leise Zwischentöne, sehr oft nur mehr recht lauter oder gar gebrüllter Gesang beziehungsweise gehauchter Gesang - alles Versuche, mit viel Technik und Anstrengung noch das Beste aus einer Grundsituation rauszuholen, die wohl nur der Darsteller selbst kennt.
Irgendwann, irgendwo, und warum auch immer, ist Kröger vor vielen Jahren die Fähigkeit zu einer gewissen Solidität abhanden gekommen, die seine Auftritte in Longrun-Produktionen lange Jahre ausgezeichnet hat. Müsste ich es zeitlich festmachen, so würde ich es in die Zeit nach “Napoleon” legen, also in den Beginn der 2000er Jahre. Seitdem ist fast jeder Auftritt ein leiser Abschied vom einstigen Gestalter Uwe Kröger hin zum Kämpfer um jeden Ton. Seit dieser Zeit kann man nicht mehr davon sprechen, dass er seine Auftritte jederzeit solide abliefern “kann”. Ich meine, der Zeitpunkt ist gekommen, da auch Uwe Kröger dazu Stellung nehmen muss (er kann das ja auch gerne hier machen). Er hat eine dermaßen getreue Gefolgschaft, dass er es einerseits seinen Fans schuldig ist, ihnen reinen Wein einzuschenken - aber vor allem auch all den anderen, die für Tickets bezahlt haben. Es ist fast berührend zu erleben, wie Kröger in seinem Konzertprogramm “Die Musik der Nacht” aus dem Musical “Das Phantom der Oper” völlig verhaut und dennoch sein Publikum vor Begeisterung tobt. Man darf das nicht mal mit Mitleid verwechseln, es ist, nach wie vor, ehrliche Begeisterung, als würde jeder dieser Fans einen Filter aktivieren, der jeden akustischen Fehltritt des Meisters absorbiert.
Wenn Uwe Kröger so weitermacht, dann besteht die Gefahr, dass er zur männlichen Florence Foster Jenkins mutiert, und das wird sein Ziel wohl nicht sein. Es kann, bei einem Alter von 45 Jahren, keine natürliche “Abnützungserscheinung” sein, die seine Stimme zu dem werden ließ, was sie jetzt ist.
Nach wie vor gilt Uwe Kröger als “der” Musicalstar im deutschsprachigen Raum. Das ist nicht nur ein Etikett, das man gerne als “Lob” akzeptiert, das sollte auch Verpflichtung sein, Qualität abzuliefern, oder, wenn das aus bestimmten Gründen nicht mehr der Fall ist, sich zu erklären. Derzeit ist es so, dass fast schon die Branche darunter leidet, wenn derjenige, der als eines der Flaggschiffe bezeichnet wird, dann Leistungen wie jene im Raimund Theater abliefert. Ich frage mich, warum Kröger Lieder versucht, von denen er wissen muss, dass er sie nicht astrein schaffen wird, bei deren Interpretation man ihm die höllischen Qualen ansieht, die er ganz offensichtlich beim Singen erleidet - beim Versuch, den einen oder anderen Ton aus sich herauszupressen. Warum?
Natürlich bemerkt man die immer raffinierteren Arrangements, bei denen Instrumentalparts Teile der für Kröger völlig unsingbaren Gesangsparts übernehmen, aber wenn auch der Rest nicht mehr funktioniert - warum? Natürlich kann das als Krögers Privatsache angesehen werden. Er ist niemandem Rechenschaft schuldig. Wer ihn nicht sehen will, soll einfach keine Tickets mehr kaufen. Das passiert auf der einen Seite ohnedies, denn das Raimund Theater war alles andere als ausverkauft. Auf der anderen Seite sollte es kein Problem sein für all jene, die an den schiefen Tönen mehr als gelitten haben, sich ihr Eintrittsgeld einfach zurückzuholen. Wer nicht liefert oder liefern kann, sollte zurückerstatten. Oder?
Ein Uwe Kröger, der die Schlager der Musicalliteratur gesanglich nicht mehr schafft, muss deswegen ja noch lange nicht in Rente gehen. Starke Momente hatte Uwe Kröger nämlich auch im Raimund Theater in seiner derzeitigen Form, beispielsweise, wenn er es schaffte, persönliche Betroffenheit zu zeigen. Von Udo Jürgens sang er das Lied “Vater und Sohn” und widmete es seinem Vater. Da passte die Conference, da passte die brüchige Performance, da passten sogar die Unsicherheiten und die Art und Weise, wie er etwa mit Herwig Gratzer interagierte, so als wollte er auch ihm danken.
Nicht wirklich durchschaubar ist das Inszenierungskonzept der Show, was die Chorteile betrifft. So musste das Ensemble immer dann, wenn es Chorbegleitung ohne Tanz gab, auf der Seitenbühne, für das Publikum unsichtbar, singen. Das macht im Showbusiness genau niemand. Man hätte auch sicher ein nettes Plätzchen im hinteren Teil der Bühne gefunden - aber natürlich, wenn man sich zu praktisch jedem Song erstmal umziehen muss, dann wird das Ganze eine Hatz mit der Zeit. Was die Tanzszenen der Uwe Boys & Girls betrifft, so merkt man die Handschrift von Steven Seale (nach Vorarbeit von Simon Eichenberger), und leider sieht man auch, dass Seale der Eifrigste auf der Bühne ist, der ständig ein bisschen mehr geben will, als eigentlich nötig ist. So wirkt er zu sehr bemüht und killt die Einheit des Ensembles. Aber letztlich ist auch das egal, weil all die Kostümwechsel, all die verschiedenen Tanzsequenzen so unglaublich überambitioniert und bemüht wirken, dass man es nach einer gewissen Zeit fast nicht mehr aushält. Das liegt nicht an den Damen und Herren des Ensembles, die machen ihre Sache gut, es liegt einfach am Konzept. Sicher einer der Tiefpunkte: Die balletteusenhaften Bewegungen der Uwe Boys beim James-Bond-Segment des Konzerts - dieses absolut übergrazile fast nur mehr in der Luft Schweben, dieser Anneliese-Rothenberger-Fernsehballett-Abklatsch - da fühlte man sich in die billigste aller vorstellbaren Shows versetzt. Das konnte nur mehr getoppt werden von der “Musik der Nacht”, bei der das Arrangement klang, als wäre es für eine Pompfüneberer-Band erstellt worden.
Wirklich starke Szenen gabs erstmals, als die Gäste Krögers auf die Bühne kamen. Annemieke van Dam gab das unvermeidliche “Erinnerung” aus “Cats”, dafür aber schön gesungen (ebenso wie “Once Upon A Time” aus “Brooklyn”) und dann erschien, als Überraschungsgast, der koreanische Popstar Eun Tae Park, der extra für die Tourproduktion von “Absolut Uwe” engagiert wurde, auch in Deutschland auftreten wird und mit der koreanischen Version von “Wie wird man seinen Schatten los?” (”Mozart!”) zum ersten Mal an diesem Abend für wirklichen Beifall sorgte, wie man ihn von den Wiener Musicalfans gewohnt ist. Stark, dank der Gäste, aber auch sehr bühnenpräsent von Kröger gegeben: der gesamte “Elisabeth”-Block. Und wie auf Kommando waren sie wieder da im Publikum, die Hardcore-”Elisabeth”-Fans, die sich mit Mitdirigieren und lautlosem, aber gebrüllt lautlosem Mitsingen (man denke an Fischmäuler unter Wasser) bemerkbar machten. Fast herzig, die Musicalgoldfische - sie outen sich bei egal welchem ersten Takt zu welchem Lied aus “Elisabeth” auch immer. Wahnsinn pur, aber auch das ist Wien.
Fazit: Wer Uwe schön singen hören will, soll sich die DVD zur Show kaufen. Da passt alles. Klar, damals (am 4. Dezember 2009) in der Stadthalle, da war er halt noch in Form, da hat er NATÜRLICH keine falschen Töne serviert, da wurde danach nichts neu eingesungen, völlig logo. Wer vielleicht doch wissen möchte, wie die Realität klingt: Einfach Tickets kaufen für “Absolut Uwe” und sich selbst eine Meinung bilden.
ABSOLUT UWE (Tourversion 2010)
Teil 1
01 Chicago-Ouvertüre (”Chicago”)
02 Bin nur für die Liebe da: Uwe Kröger (”Chicago”)
03 Born Free: Uwe Kröger (OST “Born Free”)
04 California Dreamin’: Uwe Kröger (The Mamas and the Papas)
05 Is It Okay If I Call You Mine: Uwe Kröger (”Fame”)
06 Hair-Medley: Ensemble (”Hair”)
07 Starlight Express: Uwe Kröger (”Starlight Express”)
08 Fame-Medley: Ensemble (”Fame”)
09 (I’ve Had) The Time Of My Life: Uwe Kröger & Annemieke van Dam (”Dirty Dancing”)
10 Erinnerung: Annemieke van Dam (”Cats”)
11 Wie wird man seinen Schatten los?: Eun Tae Park (”Mozart!”)
12 Wenn ich tanzen will: Uwe Kröger & Annemieke van Dam (”Elisbeth”)
13 Die Schatten werden länger: Uwe Kröger & Eun Tae Park (”Elisabeth”)
14 Ich gehör nur mir: Annemieke van Dam (”Elisabeth”)
15 Der letzte Tanz: Uwe Kröger (”Elisabeth”)
Teil 2
16 Goldfinger: Uwe Kröger (”James Bond”)
17 Diamonds Are Forever: Annemieke van Dam (”James Bond”)
18 All I Want: Uwe Kröger
19 Vater und Sohn: Uwe Kröger (Udo Jürgens)
20 All That Jazz: Annemieke van Dam (”Chicago”)
21 Die Musik der Nacht: Uwe Kröger (”Das Phantom der Oper”)
22 Das Phantom der Oper: Uwe Kröger & Annemieke van Dam (”Das Phantom der Oper”)
23 Once Upon A Time: Annemieke van Dam (”Brooklyn”)
24 Dancin’ Fool - (”Barry Manilow’s Copacabana”)
25 Wind Beneath My Wings: Uwe Kröger (”Beaches”)
26 Sweet Transvestite: Uwe Kröger (”The Rocky Horror Show”)
Kröger hingegen presst seine Stimme oft inbrünstig durch die Nase, sie gerät scharf und ist nicht immer kompatibel mit der Musik. Wenn er spricht, und das mag an der Technik liegen, bewegt sich seine Stimme auf und ab wie die Durchsage auf einem Bahnhof.
Stimmlich konnte der Entertainer an diesem Abend leider nicht besonders hervorstechen, gerade neben einer so starken Partnerin, wie Annemieke van Dam. Schon in »Born free« brach Kröger hin und wieder die Stimme weg. Auch in den höheren Tonlagen wollte die Stimme nicht immer den richtigen Ton treffen, wodurch die Songauswahl, wie z.B. »Aquarius« aus »Hair« nicht wirklich glücklich schien.
Die Stimme ist bei Uwe Kröger an diesem Abend etwas angeschlagen, aber es verdient wirklich Bewunderung, wie er den Abend trotz der Erkältung meistert. […] Leider waren viele, viele Sitze im Theater leer – sehr schade bei einer solchen Show. Das trübt das Erlebnis für Künstler und Publikum. Doch wirklich erstaunen kann das nicht, denn Ankündigungen in der Presse oder auf Plakaten hat man vergeblich gesucht.
In den Höhen wirkt seine Stimme brüchig und schwach, teils presst er die Töne heraus oder näselt. Die Tiefen hingegen hat er auf Abruf parat. Bei “Aquarius” und “Goldfinger” wendet er einen Kniff an. Das Ensemble hilft ihm über musikalische Schwachstellen hinweg.
Kuriose Situation Schließlich kommt es zu einer kuriosen Situation. Uwe Kröger holt seine Kollegin Annemieke van Dam auf die Bühne. Dieses 28-jährige Fräulein, das die Zuschauer aus Stuttgarter “Elisabeth”-Zeiten kennen dürften, singt den an die Wand, in dessen One-Man-Show sie sich befindet. Respekt.
Da gelingen seine großen Erfolge wie «Starlight Express†und der «Letzte Tanz†aus Elisabeth nicht mehr und enden mit enormen Stimmproblemen. Seine Stimme versagt gerade in den hohen Tönen und beginnt zu flattern und man hat den Eindruck, als quäle er sich durch diese Lieder. Am Ende des Konzertes ist er ziemlich außer puste. […] Die wahren Fans von Kröger waren nicht enttäuscht und verzeihtem ihm wohl seine gesanglichen Patzer, denn er wurde mit viel Applaus verabschiedet. Jedoch waren auch sehr viele (wie auch ich) mehr als nur enttäuscht. Man kann ihm nur wünschen, dass er sich seinen guten Ruf nicht mit solchen Konzerten kaputt macht und sich und seiner Stimme etwas mehr Pause gönnt. Den Uwe mit der gigantischen Stimme und der unglaublichen Bühnenpräsenz - das wollen wir wieder sehen. Auch wenn wir einige Jahre ohne ihn auskommen müssten.