Martin Bruny am Mittwoch, den
29. Februar 2012 um 15:30 · gespeichert in Rezensionen, 2012
… ein paar Shows gewesen, über die ich gerne geschrieben hätte, etwas ausführlicher – aber aufgrund verschiedener Umstände stattdessen ein paar Eindrücke:
Wiener Stadthalle, Halle F: Aladdin, jr.
Die Wiener Stadthalle, Disney und das Performing Center Austria werden in den kommenden Jahren eine Serie von massentauglichen Kindershows auf die Bühne bringen. Kick-off war “Aladdin jr.”, das am 26. Februar 2012 Premiere feierte.
Auf Einladung der Wiener Stadthalle (die Anfrage an mich, ob ich die Show sehen möchte, kam von der Stadthalle) war ich an jenem Tag vor Ort, um mein Ticket abzuholen – nur mein Name, der war auf keiner Liste zu finden. Man habe, so teilte man mir mit, so viele Listen zusammengefügt, da seien diverse Eingeladene wohl verlorengegangen. Ein Ticket bekam ich freilich, in Reihe 23.
Nicht, dass ich mich beschweren will, wozu, es war eine Einladung, gratis, nun sei nicht verwöhnt etc., Beliebiges hier selbst einzufügen … Fakt ist, dass man aus Reihe 23 die Darsteller auf der Bühne als ungefähr 4 cm große Figürchen sieht, man erkennt nicht, wer zu sehen ist, Mimik etc., nichts zu sehen. Ich persönlich lehne es ab, Shows in der Halle F aus einer solchen Entfernung anzusehen, normalerweise gebe ich die Tickets dann dankend zurück und mach mich auf den Heimweg.
Diesmal, es war ja ein schöner Sonntagnachmittag, es hat geregnet, wunderbar – kurzum, ich bin geblieben. Kritik wird das trotzdem keine werden. Nur ein paar Eindrücke.
Positiv an der Show: Jakob P. Semotan als Geist aus der Flasche, der die guten Gags, die man ihm geschrieben hat, blendend servierte, der erkennbar ist als Typ, auch ohne dass man ihn wirklich erkennt (in jeder Beziehung). Er ist seit hunderten von Jahren schon beim Performing Center Austria dabei, oft bei den Weihnachtsproduktionen, er hat das Zeug, es als Darsteller, oder auch als Rocksänger, oder auch als Comedian, oder auch als Schauspieler zu schaffen. Er hat Schwung in die Show gebracht, er verstand es, mit den Kindern zu interagieren, das alles muss man können. Der von ihm verkörperte Charakter war, auch in Reihe 23, mit Leben erfüllt.
Negativ an der Show: Musik vom Band. Das hat man nicht zu machen, darüber ist aus meiner Sicht nicht zu diskutieren. Gern würde ich mehr zu den anderen Darstellern schreiben, aber da müsste man schon mehr gesehen haben. Die Regie hat sich bemüht, möglichst viel Schwung in die Show zu bringen, ständig treten die Darsteller von den seitlichen Ein- und Ausgängen auf und ab. Das ist tatsächlich auch zielführend, wenn man die Zielgruppe bedenkt. Und die Show kommt bei den Kindern auch gut an, das konnte man registrieren. Massentauglich also ja, aber solange Shows in einem solchen kommerziellen Rahmen mit Musik vom Band produziert werden, spielen sie in einer Liga, die mich persönlich nicht interessiert.
Wiener Musikverein: Best of Hollywood II
Am 27. Februar 2012 traten die Tonkünstler Niederösterreich im Wiener Musikverein mit dem Programm “Best of Hollywood II” auf. Gespielt wurde:
John Williams
“The Flight to Neverland” aus dem Film “Hook”
Hedwigs Thema aus den “Harry Potter”-Filmen; Arrangement von Adam Saunders
John Barry
Konzertsuite aus dem Film “Der mit dem Wolf tanzt”; Arrangement von Steven L. Rosenhaus
Titelsong aus dem Film “Goldfinger”; Arrangement für Gesang und Orchester von Nic Raine
Nino Rota
“Speak softly love” aus dem Film “Der Pate”; Arrangement von Matthias Keller
Lalo Shifrin
Musik aus dem Film “Mission Impossible”; Arrangement von Calvin Custer
Alan Silvestri
Suite aus dem Film “Forrest Gump”; Bearbeitung von Calvin Custer
Howard Shore
Symphonische Suite aus dem Film “Herr der Ringe”; Arrangement von John Whitney
John Williams
“Remembrances” aus dem Film “Schindlers Liste”
Don Davis
The Matrix Trilogy. Suite zweiter Teil
Stefan Nilsson
Gabriellas Song aus dem Film “Wie im Himmel”
Zugabe: “Fluch der Karibik”
Als vokalen Aufputz hatte man für dieses Konzert für einige wenige Lieder Maya Hakvoort engagiert (sehr schön gesungen in schwedischer Sprache “Gabriellas Song” aus “Wie im Himmel”). Im ausverkauften Wiener Musikverein erlebten die Besucher ein teilweise fantastisches Konzert und teilweise ein ärgerliches. Denn natürlich mussten bei dieser Programmauswahl diverse Musikinstrumente elektronisch verstärkt werden. Das ist an sich nicht der Störfaktor gewesen. Wenn man das ordentlich und ausgewogen macht, so kann dadurch ein perfekter Sound erzeugt werden. Wenn man allerdings, wie an jenem Abend, die Harfe derart lautstärkenmäßig raufschraubt, dass man fast aus dem Sitz kippt bei jedem Einsatz, dann ist das mehr als ärgerlich. Highlight des Abends: “The Matrix Trilogy”, großartig.
Konservatorium Wien Privatuniversität: “Rent”
Immerhin: Der Beginn war vielversprechend. Es war dies der Entschluss der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater der Konservatorium Wien Privatuniversität, Jonathan Larsons Rockmusical »Rent« mit dem 3. Jahrgang (mit Unterstützung des 2. Jahrgangs) der Studenten aufzuführen – einem Jahrgang, der einer der vielversprechendsten der letzten Jahre, als Gesamtheit, quasi als Ensemble, gesehen, ist.
Ausgehend von der These, dass die aus dieser vielversprechenden Idee entstandene Produktion »Rent unplugged« keine Kooperation mit der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten ist, muss man sich eingestehen, dass man bei dieser Semestershow ins Zweifeln kommt. Soll man es ernstnehmen, dass eine renommierte Musicalschule ausgerechnet ein Rockmusical auswählt, um es nur mit Klavierbegleitung in Szene zu setzen?
Aber gehen wir doch trotzdem einmal davon aus, wie einige Besucher das taten, und auch, so hört man, und hat teilweise auch erzählt bekommen, darin bestärkt wurden, das zu glauben, dass am Anfang der Arbeiten die Idee stand, dieses Rockmusical unplugged aufzuführen. Mit reiner Klavierbegleitung. Na, das müssen die Jungs und Mädels doch dastemmen, oder? Sozusagen eine Mutprobe – fast, beziehungsweise doch eher eine Kraftprobe. Man könnte einwerfen, »Rent« unplugged aufzuführen, wird, nein, kann dem ROCKmusical nicht gerecht werden. Dann wieder meinen andere, es spricht doch an sich ja generell nichts dagegen, furchtlos auch das mal zu wagen, in Kauf nehmend, dass beispielsweise das unverstärkte Singen vielen Songs bestimmte Feinheiten völlig nimmt, das Ganze zu einem Kampfbelten verkommt.
Aber wenn es denn ein Plan war, wäre es nicht für die Zuschauer interessant gewesen, beispielsweise im Programmheft lesen zu können, wie man auf das Konzept gekommen ist, unplugged an »Rent« ranzugehen? Wenn es denn ein Konzept war und man das alles geplant hatte – es könnte ja natürlich auch sein, dass man mitten in den Proben, sozusagen zwei Tage vor der Premiere, draufgekommen ist, dass man den Sound, den diese Show verlangt, nicht packt. Wobei gerade das Konservatorium mit dem Leonie-Rysanek-Saal eigentlich ein bestens ausgestattetes fast-Studio zur Verfügung hat.
Die Fragen werden also, je länger man darüber grübelt, nicht weniger? Ein weiteres Indiz dafür, dass diese Aufführung nur eine Notlösung war: In der Online-Version des Programmhefts, die als Download auf der Website des Konservatoriums zur Verfügung stand, waren die Angaben zur Band alle noch vorhanden. Und wenn es denn kein Plan war, diese Show unplugged aufzuführen, wäre es dann für die Besucher nicht interessant gewesen, zu erfahren, wie eine Musicalschule mit einer solchen Situation professionell umgeht? So schwer kann das ja nicht sein, hier etwas aus dem Produktionsalltag zu erzählen. Einen besseren Eindruck hätte es hinterlassen.
Teile aus »Rent« wurden schon des öfteren unplugged gegegeben, das ist richtig, die ganze Show so durchzuziehen, ist in keinem Fall sinnlos, das hat diese Produktion bewiesen. Sie hat natürlich auch bewiesen, dass der 3. Jahrgang tatsächlich ein starker Jahrgang ist und auch diese Herausforderung so meistern konnte, dass man zwar die großen Anstrengungen gesehen hat, aber es doch Shows waren, die für Begeisterung sorgten. Trotzdem, eine Kritik macht für mich in diesem Fall keinen Sinn.
Martin Bruny am Samstag, den
11. Februar 2012 um 05:38 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2012
»Cats« ist wieder in Wien. Am 2. Februar 2012 feierte die Show, die unter anderem mit dem Slogan »Das Originalmusical im Theaterzelt« beworben wird, in Wien-Erdberg/Neu-Marx Premiere. Über den Begriff »Originalmusical« wird in Foren und Kommentaren zu Kritiken eifrig diskutiert – er regt einige wenige, oder auch viele, auf. Was genau der Anlass der Erregung ist? Nun, es geht nicht zuletzt darum, was man unter der Chiffre »Original« verstehen soll. All jenen, die »Cats« in Wien nie zuvor gesehen haben, wird diese Begrifflichkeit tendenziell eher egal sein – jenen, die in den 1980ern Musicalgeschichte in dieser Stadt erlebt haben, vielleicht weniger. Nicht, dass Wien heute oder jemals der »Nabel der Musicalwelt” war, auch wenn so manch deutscher Ex-Dramaturg und Buchautor den Österreichern, insbesondere den Wienern, immer wieder unterschieben will, dieser Meinung zu sein, doch diejenigen, die dabei waren, argumentieren unter anderem, und auch teilweise berechtigt, damit, dass man nicht von »Original« sprechen kann, jedenfalls nicht vom »Wiener Original«, wenn kein auch nur annähernd vergleichbares Orchester wie jenes der Vereinigten Bühnen Wien zu hören ist, das für einen vereinigten musicalischen Hochklang sorgt, wie er für das »Original« kennzeichnend war. Und schließlich sei das ja immer betont worden, dass man das »Wiener Original« zurückbringen würde.
Die Veranstalter der »Cats«-Tour machen es diesen Kritikern fast zu leicht, denn wer beispielsweise auf der offiziellen Website zur Show (siehe –> hier) nach Angaben zu einem »Orchester« sucht, wird nichts finden, gar nichts. Es sind keine Musiker angegeben. Warum eigentlich? – Da darf man sich nicht wundern, wenn sich rund um diese fehlende Angabe wilde Gerüchte ranken. Kommt gar alles vom Band? Manche sprechen davon, dass »nur mehr« sechs Musiker für die Instrumentalabteilung der Show zur Verfügung stehen, manche sprechen von acht, andere meinen, vor einem Jahr noch zwölf auf der Bühne gezählt zu haben. Die einen meinen, es würden keine Clicktracks eingesetzt – schon gar nicht in Wien! –, andere sind nach ihrem Besuch der Show überzeugt, ohne Clicktracks sei nicht mal dieser »dünne Sound« von so wenigen Musikern zu bewerkstelligen. Es gab Stimmen, die meinten, das »Orchester« sei für Wien von sieben (schon wieder eine neue Zahl) auf zwölf Musiker upgegradet worden.
Nun: Alles fasch. Die Lösung lautet: zehn. Zehn Musiker sind während der Show in Wien zu hören: drei Keyboards, eine Gitarre, ein Bass, zwei Reeds, Drums, ein Cello und ein Horn. Steht übrigens auch im Programmheft, kann man dann auf der Bühne auch –> abzählen.
Mit solchen Fakten, meine ich, kann man durchaus aktiver an die Öffentlichkeit gehen, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen sich die Produzenten entschlossen haben, die Show auf Tour zu schicken. Lloyd Webber selbst ließ vor Jahren eine Band-Tourfassung erstellen. Eine Tourproduktion kann nicht in allen Bereichen alle Wünsche erfüllen. Es ist ja auch nicht so, dass der Platzhirsch in Wien seine Revivals in allen Belangen bestens erneut auf die Bühne bringt, trotz Megasubventionen. Man erinnere sich an »Tanz der Vampire – Die neue Wiener Fassung«, den Abklatsch des Originals von 1997, immerhin mit guten bis sensationellen Hauptdarstellern, aber dennoch – was für ein Abfall im Vergleich zum Original, angefangen von klapprigen Dekos bis hin zum Schrumpfensemble und dem Sardinendosenklang der Soundkonstellationen im Ronacher in gut zwei Dritteln des Hauses, egal, ob man dafür viel oder wenig Geld bezahlt.
Letzten Endes ist alles eine Frage auch des richtigen Timings, manchmal auch des Verhandlungsgeschicks. Hätte man in Wien nicht so intensiv am Ruf der »Tiger Lillies« gebastelt und das Konto der Hauslieblinge wie Christian Kolonovits oder Michaela Ronzoni (unter anderem für die aufgeblähte Geschichtspeinlichkeit »Die Habsburgischen«) aufgefüllt, wäre es eventuell möglich gewesen, die Katzen ins Wiener Ronacher zu holen – dann hätten wir nun eventuell eine Koproduktion mit dem Orchester der VBW in Wien. Alles eine Frage der strategischen und künstlerischen Planung der Intendanz, die aber ja von der jungen urbanen Vielfalt zur retardierenden Einerleiheit mit fliegenden Fahnen abgedriftet ist. Sicher auch ein Grund, warum ein Hit wie »Ghost« natürlich nicht in Wien zu sehen sein wird, sondern in Holland und dann mit ziemlicher Sicherheit in Deutschland.
Vielleicht sollte man sich auch gar nicht nur verteidigen, sondern zum Angriff übergehen? So könnte man durchaus die Meinung vertreten: Was nützen mir 24 Musiker im Orchester, wenn ihre einzige Aufgabe es ist, Mediokritäten zu veredeln? Was bringt ein Buch von Rosamunde Pilcher an Mehrgewinn, wenn es auf Büttenpapier gedruckt und mit edlen Metallecken ausgestattet ist?
Wir sehen also, hier stoßen zwei Welten aufeinander. Es läuft auf die Frage hinaus: Will ich eine tolle Show sehen oder meinetwegen die wehmütige Erinnerung an einen Klassiker abfeiern – und nehme dafür in Kauf, dass man beim Faktor Orchester grobe Abstriche machen muss, was niemand bestreiten wird, oder schau ich mir absoluten Zinober an, veredelt vom Spitzenorchester der VBW?
Nichts im Leben ist perfekt, übrigens auch nicht die opulente Werbekampagne der »Cats-Tour«. Professionell organisierte Pressekonferenzen, ja, eine von Promis gestürmte Premiere und eine gelungene Premierenfeier, ja – beworben wurde aber unter anderem auch, dass in Wien die originalen Wiener Texte zu hören sein werden, und das ist genau genommen falsch. Es handelt sich eigentlich um eine Fassung, die erst seit der Berliner »Cats«-Premiere 2002 verwendet wird, sozusagen eine überarbeitete, man sagt originalgetreuere deutschsprachige Version, basierend auf der Wiener Fassung, nicht auf jener, die für die Deutschland-Premiere 1986 »neu übersetzt« wurde.
Wobei man sich tatsächlich, wie es auch in der Kritik einer Wiener Tageszeitung zu lesen war, fragen könnte, ob man denn nicht auch gleich noch einen Schritt näher ans Original gehen hätte können. Was spricht dagegen, die englischen Texte zu singen? Für manche Darsteller auf der Bühne wäre es sicher wesentlich einfacher gewesen, kommen sie doch aus aller Welt. Vielleicht würden dann doch noch mehr Katzen, die auf der Bühne zu sehen sind, auch tatsächlich singen. Nicht jeder, der ein Mikro hat, ist auch zu hören, weil so manches Mikro, »leise« gestellt ist, dafür kommt auch nicht alles, was man an Stimmen hört, von Darstellern, die auf der Bühne stehen. Auch backstage im Booth wird gesungen, diese Stimmen werden live dazu gemischt. – Wie man eben so zaubert im Musicalbusiness. Verbeugen dürfen sich diese Sänger aus dem Off allerdings nicht. Eine etwas undankbare Angelegenheit.
Wie auch immer: Wenn wir also akzeptieren, dass man beim Orchester Abstriche machen muss, dafür aber ein tolles Musical zu sehen bekommt, bleibt unter anderem noch der Platz zu erwähnen, auf dem sich alles abspielt: das Zelt. 1700 Zuschauer fasst es in Wien (nicht wie sonst überall 1800), geworben wird damit, dass man von praktisch überall eine gute Sicht hat. Aufgrund der Rundbühne sei kein Platz mehr als 20 Meter von der Bühne entfernt und so weiter. Nun, das stimmt mehr oder weniger. Bucht man ganz seitlich ganz hinten Karten, hat man freilich starke Sichteinschränkungen in Kauf zu nehmen, aber, vergleichen wir das wieder mit dem Platzhirsch in der City: Wenn ich im Ronacher im 1. Rang seitlich Karten buche, habe ich bereits in der besten Kategorie massive Sichteinschränkungen in Kauf zu nehmen. Was also die Sicht betrifft, so punktet das Zelt, die Rundbühne, »Cats« voll, wenngleich man auch hier fairerweise anmerken muss, dass die Kategorie mit starker Sichtbeschränkung überteuert ist. Da nützt es auch nichts, wenn auf Facebook Fakeprofile Gegenargumente vortragen, wer auch immer hinter diesen Fakeprofilen steckt. Das können durchaus auch »Fans« sein, die den Produzenten damit einen Bärendienst erweisen.
Der Sound, nunja, man könnte sagen, besser als in großen Teilen des Ronacher oder in mehr als 70 Prozent der so genannten soundtechnisch feinjustierten Halle F der Wiener Stadthalle ist er allemal. Ganz hinten ist die Klimaanlage des Zelts stärker zu hören als weiter vorne. Das Ganze wirkt etwas hallig, aber mein Erlebnis stammt von einem Platz, zwar ganz vorne, aber seitlich der Bühne (Kategorie 2). Es ist anzunehmen, dass in der ersten Kategorie und zentral vor der Bühne der Sound noch besser abgestimmt wurde. In etwa so wie auf den Topplätzen im Ronacher, wo man auch nur in den ersten sieben bis acht Reihen von einem sehr guten Sound sprechen kann.
»Cats« lebt zu einem großen Teil von seinem Mythos, viele Melodien sind Evergreens geworden, die man nach einem Besuch der Show tagelang, auch nach dem Besuch dieser Tourversion, nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Webber-Musicals dieser Entstehungszeit (wie zum Beispiel auch das darauffolgende »Starlight Express«) sind gekennzeichnet durch ein Nichts von einer Handlung, gekoppelt mit irgendeiner Art von Triumph (meist spiritueller Art) über ein Ungemach und starken Songs in den unterschiedlichsten Stilen. Das Design, der Tanz, die großartigen Kostüme, das Make-up, die Lichtshow, all das steht in der Rangfolge der Wichtigkeit ganz oben. Effekte, Licht, ja – eine Charakterentwicklung gibt es für die Darsteller in den an sich seichten Dramen nicht zu gestalten. Aber dafür haben wir ja unsere Drama-Musicals, von denen wir ohnedies in dieser Stadt genug abbekommen.
Bei der Wiener Premiere war längst nicht alles ganz perfekt. Der wirkliche Thrill kam nicht immer auf. Da waren noch ein paar Unstimmigkeiten im Ensemble, da war eine Grizabella, die ihr großes Solo nicht wirklich zum Showstopper gestalten konnte. Gerade ein Lied wie »Erinnerung« klingt, ohne übermäßig bashen zu wollen, ziemlich billig in der sehr reduzierten Tour-»Orchester«fassung. Da braucht es ein bisschen mehr, um das aufzuwiegen, als Masha Karell bei der Premiere bieten konnte. Meinetwegen hätte man das längst zu Schutt und Asche gesungene »Erinnerung« ganz streichen können, aber wenn es denn – natürlich – doch in der Show bleibt, dann muss es im 2. Akt so kommen, dass es die Leute von den Sitzen reißt. Das ist kein Problem. Ein bisschen weniger Posing, ein bisschen mehr Mut bei der Gestaltung des Lieds, etwas mehr echt wirkende Gefühle. Das geht – erlebt, gesehen und gehört.
Aber dann gibt in Wien 2012 ja immerhin ein Dominik Hees einen wunderbar sexy Rum Tum Tugger, den Rockstar unter den Bühnenviechern, der diese Rolle vermutlich genau so spielt, wie sie erdacht war: »ein bisschen Mick Jagger, etwas Steven Tyler, ein wenig James Dean«, verspielt, mit starker Bühnenpräsenz. Er liefert den Thrill, den die Show braucht. Bis Ende Februar ist Hees in Wien noch dabei, und man sollte genau ihn in dieser Rolle gesehen haben. Ihm zuzusehen, macht Freude und gute Laune.
Frank Logemann als Bustopher Jones/Asparagus/Growltiger ist der Star der Show, die von/mit ihm erzählten Geschichten »Bustopher Jones«, »Gus, der Theaterkater« und »Growltigers letzte Schlacht« – für viele das Herz der Show schlechthin – macht er zu den Highlights der Produktion. Er bringt seine Figuren zum Leben, outriert, singt herrlich und holt alles aus diesen Geschichten heraus, was nur möglich ist. Da schnurrt auch die ganze Theatermaschinerie, das Ensemble singt und tanzt auf Hochtouren, es passt einfach alles.
Genial, die Tanzeinlagen von Mark John Richardson als Mr. Mistoffelees in der Nummer »Mr. Mistoffelees«, gemeinsam mit Rum Tum Tugger Dominik Hees.
Ob man nun Martin Berger als Alt Deuteronimus gut findet, ist vermutlich eine Frage, wie viele andere Darsteller man in dieser Rolle gesehen hat, wie oft man gehört hat, wie viel an Gefühl andere in dieses Lied zu legen imstande sind. Glanzleistung war es, wie auch immer, keine. Aus dem Song »Über das Ansprechen von Katzen« kann man so viel mehr herausholen – trotzdem funktioniert das Lied natürlich trotzdem insgesamt als Finale.
Das Erlebnis »Cats« ist auch heute noch umwerfend. Da können manche meinetwegen die »alte Stepchoreographie« zu altbacken finden, sich wundern, dass man nichts an Erneuerung in die Erinnerungsedition der Show eingebracht hat. Warum sollte man? Das Ding hat immer funktioniert und funktioniert jetzt nach wie vor.
Geworben wurde im Vorfeld mit einer speziellen »Wiener Besetzung« – vielleicht war man damals ja gerade in Gesprächen mit einigen bekannten Namen, von denen der eine oder andere dann zwar bei der Premiere mit dabei war, aber als Zuschauer. In die Cast haben es ein paar Österreicher immerhin geschafft. Etwa die Niederösterreicherin Denise Jastraunig als Cover Jellylorum/Griddlebone/Gumbie Katze/Jenny Fleckenfell und Swing, die Wienerin Nazide Aylin, unter anderem aus dem ORF-Castingformat »Musical! – Die Show« bekannt, der Wiener Martin Berger, der vor allem in Deutschland Karriere gemacht hat (in Wien war er in »Kuss der Spinnenfrau«, »The Proucers« und »Sister Act« zu sehen), als alternierender »Alt Deuteronimus«, und die Badnerin Birgit Breinschmid als Bombalurina.
Fazit: Wie es schon Robert Cushman im »Sunday Observer« am 17. Mai 1981 formuliert hat: »CATS isn’t perfect. Don’t miss it.«
Cats – Wien, Premierenbesetzung 2. Februar 2012 Band
Dirigent: Daniel Rein
Key 1: Guido Hendrichs
Key 2: Yi Zhou
Key 3: Constanze Beck
Gitarre: Matthias Kurth
Bass: Gero Gellert
Reed 1: Max Teich
Reed 2: Andreas Ockert
Drums: Leonardo von Papp
Cello: Hagen Kuhr
Horn: Bethany Kutz
Cast
Grizabella: Masha Karell
Jellylorum/Griddlebone: Karen Selig
Gumbie Katze: Eva Maria Bender
Bombalurina: Birgit Breinschmid
Demeter: Cornelia Waibel
Rumpleteazer: Marleen de Vries
Victoria: Anique Bosch
Sillabub: Theano Makariou
Cassandra: Elisabeth Hazel Bell
Tantomile: Jaymee Bellprat
Elektra: Jo Lucy Rackham
Rum Tum Tugger: Dominik Hees
Munkustrap: David Arnsperger
Alt Deuteronimus: Martin Berger
Bustopher/Gus/Growltiger: Frank Logemann
Skimbleshanks: Paul Knights
Mungojerrie: Gavin Eden
Mr. Mistoffelees: Mark John Richardson
Tumblebrutus: Nils Haberstroh
Alonzo: Alex Frei
Pouncival: Jack Allen
Plato/Maccavity: Shane Dickson
Coricopat: John Baldoz
Martin Bruny am Donnerstag, den
22. Dezember 2011 um 03:13 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Das Jahr 1962 war für Stephen Sondheim ein sehr wichtiges. Mit »A Funny Thing happened on the Way to the Forum« feierte sein erstes Musical, für das er Text und Musik geschrieben hatte, seine Broadwaypremiere. Diese Show war jedoch nicht nur für Sondheim von Bedeutung, sie revolutionierte letztendlich auch die Art und Weise, wie Musicals auf den Weg gebracht werden. Erstmals probierte der Komponist beim »Forum« sein Material in später so bezeichneten »Workshops«. Bis dahin war der Produktionsprozess ein klar geregelter: Der Autor/Komponist schrieb die Show, der Produzent entschied sich, sie zu machen, die Cast wurde fixiert, es wurde geprobt und die ganze Show in Form von Tryouts präsentiert. Bis zum ersten Tag der Probe wurde das vorhandene Material nicht getestet, wenn eine Show bei den Tryouts nicht klappte, musste man sie in einem relativ engen Zeitrahmen optimieren, und so ist es eine bekannte Tatsache, dass in der Goldenen Ära des Musicals (1925 bis 1960) der erste Akt vieler Musicals weit besser war als der zweite. Einfach weil man für den zweiten zu wenig Zeit hatte.
Bei Sondheims »Forum« fand der erste Test der Show im Rahmen eines »Readings« statt. In einem großen Raum mit einem Klavier spielte Sondheim die Songs, als Interpreten wurden Darsteller engagiert, die auch für die tatsächliche Produktion in Frage kamen. »Workshops” gab es danach viele Jahre später auch für Sondheims »Company«, »Follies« und »A Little Night Music« – und mit der Zeit erkannte die ganze Branche die Vorteile dieser Arbeitsweise. Begonnen aber hat alles mit dem »Forum«.
Sondheims »Forum« hat in vieler Hinsicht Theatergeschichte geschrieben und für Diskussionen gesorgt. Es gilt unter anderem als ein prominentes Beispiel dafür, wie eine geniale Eröffnungsnummer zum Erfolg führen kann, denn erst als Jerome Robbins mitten in den Arbeiten an der Broadwayproduktion als Showdoktor hinzugezogen wurde und die usprüngliche Eröffnung »Love is in the air« durch »Comedy Tonight« ersetzte, war dem Publikum von der ersten Sekunde an klar, womit man es bei dieser Show zu tun hat – mit grenzenlosem Spaß.
»Forum« war auch das erste Musical, das der legendäre Hal Prince alleine produzierte, sein Partner Bobby Griffith starb am 7. Juni 1961, mitten in den Arbeiten an der Broadwaypremiere des »Forums«. Und das »Forum« war George Abbotts letzter Musical-Erfolg, den er mit der Hilfe von Jerome Robbins erzielte.
Das Buch zur Show stammt von Burt Shevelove, einem langjährigen Freund Sondheims, und Larry Gelbert. Seine Wurzeln hat Sondheims »Forum« in dem Musical »When in Rome« (stammend aus dem Jahre 1942), zu dem Shevelove Buch und Texte beigesteuert hat und Albert Selden die Musik. »When in Rome« hat »das Beste von Plautus« zum Inhalt und wurde an der Yale Dramat uraufgeführt, in der Regie Sheveloves. »Forum«, so Steven Suskin in seinem Buch »Showtunes«, ist:
»suitable witty but somewhat brittle, restrained by the needs of the piece. ‚Everybody ought to have a maid‘, ‚Comedy Tonight‘, ‚Impossible‘, and ‚Free‘ all display verbal dexterity, but the only truly melodic song in the score is the puposely vapid »Lovely‘ – which was written as a farce duet for two middle-aged men, and only given to the young lovers in tryout desperation when a more authentically tender duet was cut. It wasn’t until »Company‘ [Uraufführung am 26. April 1970] – a depressingly eight years later – that Sondheim’s music began to receive true recognition.”
Tatsächlich wurde Sondheims »Forum« bei den Tony Awards reichlich mit Nominierungen bedacht. Acht davon waren für Sondheim reserviert, sechs davon gewann die Show. In einer Kategorie, und der für den Komponisten natürlich wichtigsten, dem »Best Score«, war für Sondheim aber nicht mal eine Nominierung drinnen. Finanziell jedoch war die Broadwayshow ein Erfolg, und es ist nach wie vor der größte Hit, den Sondheim jemals am Brodway hatte, mit 964 Aufführungen.
Das Motto der großen Musicalproduzenten im deutschsprachigen Raum lautet derzeit »Fun«. Lustig muss es sein, »Drama« ist immer weniger gefragt, zunehmend ein Risikofaktor, wenn doch Drama programmiert wird, dann handelt es sich oft um Gegengeschäfte und Revivals aus schierer Verzweiflung, die dann als »Geschenke an das Publikum« verkauft werden. »Lustig« bedeutet hierzulande meist unglaublich primitiv platter Humor, aufbauend auf den gesammelten Werken eines Schlager- oder Popinterpreten beziehungsweise wird eine nett angerichtete Pastiche-Platte mit Werken, komponiert im Stile von … serviert. Das Fatale daran: Dieser Trend hält nun schon so lange an, dass viele den Eindruck gewinnen könnten, das sei tatsächlich »Musical«, was man ihnen da vorsetzt. Man spricht dann von der ungeheuer großen Bandbreite des Genres und der enormen Vielfalt des Musiktheaters, man solle doch nicht so kleinkariert sein. Ganze Generationen von Musicalstudenten werden mit Disney-Plastik unterrichtet und in die Leyay/Kunze-Familie hineinmodelliert. Nun, auch Bratwürstel sind essbar. Das ist richtig. Musical aber war ursprünglich doch auf einer etwas feineren Schiene angesiedelt. Man hat tänzerische Elemente nicht in der Show gehabt, weil es ein Punkt war, den man abhaken musste, die Musik bestand nicht nur aus einem Primitivrefrain, der sich ad infinitum wiederholt, oder aus purem Rhythmus, und die Texte wurden nicht unter dem Motto geschrieben: »Ich muss als Autor nicht klüger sein als das Publikum«, also quasi mit dem Subtext: Alles, was ich mache, auch der größte Topfen, ist so unendlich genial, weil ich es ja bewusst und absichtlich schlecht mache.
An der Wiener Volksoper hat man eine eigene Zeitrechnung, was Musicals betrifft. Die zeitliche Trennlinie zwischen dem, was man für produzierbar hält am Haus und allem anderen ist mit einem Namen verbunden: Andrew Lloyd Webber, sozusagen der Antichrist jedes traditionellen Broadwayfanatikers. Auf der einen Seite ist diese Programmpolitik nachvollziehbar, auf der anderen Seite macht man sichs damit natürlich zu leicht, weil auch seit Herrn Webbers größten Erfolgen herausragende Musicals entstanden sind, die mit dem von ihm vertretenen Stil nichts zu tun haben.
Mit Sondheims »Forum« hat die Volksoper, das kann man sagen, die Kritiken zusammenfassend, eine hervorrragende Produktion auf die Bühne gestellt. Die Nachfrage nach den Tickets ist enorm, schon jetzt bemüht man sich Zusatzvorstellungen einzuschieben (so am 28. und 30. Januar 2012). Liest man sich die publizierten Rezensionen durch (siehe Links unten), so wird praktisch alles gelobt, angefangen vom Setdesign (Friedrich Despalmes), das sehr wirkungsvoll den comicartigen Charakter der Show betont, der Lichtgestaltung (Michael Grundner), bis hin zur Choreografie (Ramesh Nair), bei der manche Kritiker betonen, dass sie die Darsteller nicht gerade fordere. Da wird die Leichtigkeit, die auf der Bühne zu sehen ist, wohl als Zeichen von Unterforderung gedeutet, was aber praktisch nie der Fall ist. Vielmehr ist diese Leichtigkeit Resultat von beinhartem Training und exaktem Timing. Glanzstücke wie die Einlagen der »Kurtisanen« Wilbirg Helml, Eva Prenner, Jennifer Kossina, Caroline Ciglenec, Lynsey Thurgar und Miriam Mayr – begeistert beklatscht vom Publikum, zeigen, dass der Tanz im Musical auch »organisch« integriert sein kann ohne den Wert eines abgehakten Punkts auf der Liste »Wie mach ich aus Schlagern ein Muuusikal« zu haben. Mit welcher Leichtigkeit auch Oliver Liebl, Tom Schimon und Ronnie Vero Wagner Dutzende Kostümwechsel in Blitzestempo, witzige Choreografien absolvieren, großartig. Die vielen kleinen Moves aller Darsteller, Gesten, all das hat Nair genial geplant und umgesetzt, innerhalb der Regie Werner Sobotkas.
Dass das »Forum« sehr früh in Wien gelandet ist, nämlich erstmals 1987 im Kabarett Simpl, liegt am Gespür des damaligen Direktors von Österreichs berühmtestem Kellerkabarett, Martin Flossmann. Er erkannte, wie sehr sich die Struktur dieses Musicals für die Programmierung im Haus der legendären Simpl-Revuen eignet. Der erste Akt ist im ersten Teil, wie es Sondheim formuliert, »more exposition than action«, in der ersten Häfte dieses ersten Akts hat Sondheim die meisten Songs seiner Show untergebracht, danach werden die Lieder seltener und die Farce nimmt zunehmend Tempo auf, in den letzten 20 Minuten vor dem Finale der Show gibt es gar kein Lied mehr, da wird das »Funny Thing« zu einer einzigen irrwitzigen Verfolgungsjagd, rasant, jede »Unterbrechung« würde da den Drive der Farce killen. Flossmanns Übersetzung wurde von Werner Sobotka, dem Regissseur der Volksopernversion, bearbeitet, etwa um einige kleine Spitzen ergänzt (zum Beispiel »keine Vampire« als kleiner Seitenhieb im Song »Comedy Tonight«), fast schade, dass man akustisch nicht wirklich alles mitbekommt von den kleinen Schmähs im Text. Sobotka hat mit dem »Forum« ein ideales Stück gefunden, das vom Material her stimmt, bei dem sich auch tatsächlich die Arbeit lohnt, dieses Drehen am Timing, das Perfektionieren des reibungslosen Ablaufs, den er in Interviews mit einem Uhrwerk verglichen hat. 19 Darsteller müssen ein gemeinsames Timing haben – wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Es ist Slapstick in vielen Momenten, aber intelligent inszenierter, ohne dass man sich fremdschämen müsste, weil die Leute da rundherum im Saal laut lachen – man lacht ja selbst mit.
Ein Meisterstück das Casting – keine Rolle, die nicht von den Darstellern mit Leben erfüllt wird. Robert Meyer outriert sich als Pseudulus durch die Show, dass es eine Freude ist. Gilt im Simpl das Motto, dass ein Gag nur gut ist, wenn laut gelacht wird, und eine Simpl-Revue nur dann gelungen ist, wenn andauernd laut gelacht wird, ist der Wiener Volksoper mit dem »Forum” die beste Simpl-Show seit vielen Jahren gelungen. Jede Szene, jedes Lied wird beklatscht, fast jeder Gag trifft ins Schwarze, es sind vergleichbar harmlose Scherze, die keine Randgruppen in fast alltagsrassistischer Art und Weise dauerdiffamieren, wie das in jüngster Zeit im Simpl immer öfter gemacht wird. Das ist Sondheims Anliegen nicht, in seinem »Forum« gehts um Liebesqualen, Ehejoch, Verkleidungen, Verwechslungen, Zaubertränke, verschollene und wiedergefundene Nachkommen und den Wunsch nach Freiheit. Herbert Steinböck als lüstelnder Senex, Dagmar Hellberg als hantige Domina, Boris Pfeifer am Dauerrotieren, Sigrid Hauser als Lycus und Gernot Kranner als Erronius, sie liefern einen Gag nach dem anderen. Ein Fest. Wenn man liest, wie in einer Kritik die Leistung Paul Schweinesters mit dem Vermerk
“Der vom jungen Paul Schweinester verkörperte Hero wird Caruso nie Konkurrenz machen, wirkte aber als der naive Held des Musicals sehr sympathisch.”
etwas kleingemacht wird, könnte man dem entgegenhalten, dass Schweinester es großartig versteht, seine klassisch ausgebildete Stimme im Musicalgenre passend einzusetzen, was oft eines der größten Probleme von Musicalproduktionen an Opernhäusern überhaupt ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und dass er darüber hinaus als Hero schauspielerisch all das zeigt, was im Rahmen dieser wie aus einem Comic entsprungenen und auch mit Absicht so inszenierten Figur (inklusive Sprechblasen) drinnen ist, sollte man auch nicht unerwähnt lassen. Es sind manchmal die kleinen Gesten und es ist auch eben die Leichtigkeit und Glaubwürdigkeit, die hart erarbeitet werden müssen. Ebenso wie Bettina Mönch das fleischgewordene Barbiepüppchen und wie Florian Spiess den selbstverliebten Schwarzenegger-Zinssoldaten mit Brei im Hirn perfekt abliefern.
An einigen wenigen Stellen hätt’s vielleicht noch etwas Maschinenöl gebraucht in der Show, etwa bei einer Persiflage einer »Tanzszene« von Dagmar Hellberg, aber wenn man bedenkt, was für eine Produktion hier für relativ wenige Vorstellungen auf die Beine gestellt wurde und dass sich das bei täglichen Aufführungen innerhalb einer Woche locker eingespielt hätte, kann man diesen »Römern« nur wünschen, dass sie mindestens zehn Jahre immer wieder am Spielplan stehen werden, auf dass man sie immer wieder besuchen kann. Das ist Musical, für das man sich nicht genieren muss, umgesetzt von famosen Darstellern und dem groß aufspielenden Orchester der Wiener Volksoper unter der Leitung von David Levi.
Die spinnen, die Römer!
Buch: Burt Shevelove/Larry Gelbart
Musik und Liedtexte: Stephen Sondheim
Deutsche Fassung: Martin Flossmann,
für die Volksoper eingerichtet von Werner Sobotka
Cast
Pseudolus, Sklave des Hero: Robert Meyer
Senex, Bürger von Rom: Herbert Steinböck
Domina, Frau des Senex: Dagmar Hellberg
Hero, deren Sohn: Paul Schweinester
Philia, eine Jungfrau: Bettina Mönch
Hysterium, Sklave von Senex und Domina: Boris Pfeifer
Lycus, ein Kurtisanenhändler: Sigrid Hauser
Miles Gloriosus, ein Krieger: Florian Spiess
Erronius, Bürger von Rom: Gernot Kranner
Die Zwillinge, Kurtisanen: Wilbirg Helml
Die Zwillinge, Kurtisanen: Eva Prenner
Gymnasia, Kurtisane: Jennifer Kossina
Tintinabula, Kurtisane: Caroline Ciglenec
Vibrata, Kurtisane: Lynsey Thurgar
Panacea, Kurtisane: Miriam Mayr
Drei Männer: Oliver Liebl
Drei Männer: Tom Schimon
Drei Männer: Ronnie Verà³ Wagner
Premiere: 17. 12. 2011
Aktuelle Termine
Di. 27. Dez 2011, 19:00
So. 08. Jan 2012, 19:00
Mi. 11. Jan 2012, 19:30
Sa. 28. Jan. 2012, 19:00
Mo. 30. Jan. 2012, 19:30
Sa. 12. Mai 2012, 19:00
Do. 17. Mai 2012, 19:00
Fr. 18. Mai 2012, 19:00
Sa. 19. Mai 2012, 19:00
Do. 24. Mai 2012, 19:00
Sa. 26. Mai 2012, 19:00
Di. 29. Mai 2012, 19:00
Fr. 01. Juni 2012, 19:00
So. 03. Juni 2012, 16:30
Di. 12. Juni 2012, 19:00
Do. 28. Juni 2012, 19:00
(Tickets–> hier. Karten bis Mai 2012 sind bereits erhältlich!)
Martin Bruny am Dienstag, den
20. Dezember 2011 um 03:36 · gespeichert in Rezensionen, 2011
Weihnachtsshows, es gibt sie noch, die echten, mit viel Gefühl, großem Ensemble, mit dem bisschen Kitsch, das es manchmal braucht, ganz viel guter Laune, mit beeindruckenden Stimmen, Tanz, einem wunderbaren Orchester, zwei Chören, mit stimmungsvollen Lesungen … so eine richtig schöne Weihnachtsshow eben. Keine Ankündigung am Anfang (wie bei der einen oder anderen Show), dass man als Privatmensch die ganze Weihnachtszeit eigentlich nicht mag … Lichter, Glitzern, Stimmung, WEIHNACHTSLIEDER um GOTTES WILLEN, wer will sich das schon mehr als zwei Wochen, mehr als eine Woche oder auch nur mehr als einen Tag vor dem Weihnachtsfest antun. Nein, es gibt auch noch Theaterhäuser, wie die Wiener Volksoper, die das, was sie in ihren Vorankündigungen versprechen, auch halten, und ganz offensichtlich mit großer Lust und Freude. Fast geradezu ansteckend, so dass vielleicht auch so mancher »Scrooge« da draußen, der an Weihnachten nicht glaubt, mit einer solchen Show bekehrt werden würde.
Die Wiener Volksoper, so viel steht fest, wollte am 18. Dezember mit ihren zwei Weihnachtskonzerten (um 14 Uhr und um 19 Uhr) das Publikum in weihnachtlicher Deko in der Szenenlandschaft von »Hänsel und Gretel« in weihnachtliche Stimmung versetzen, die Darsteller sangen gemeinsam mit dem Publikum, man hatte Spaß an den Liedern, am Tanz, an den Lesungen, man lockte niemanden ins Theater, um dann Songs aus der Schlagerparade von 1974 zu trällern. Die Bandbreite der Show war groß, sie reichte von Aaron Copland bis zu Tschaikowsky, von Mariah Carey bis zu Leonard Bernstein.
In der Tat war die Bandbreite so groß, dass das Publikum auch ganz individuell auf einige Künstler reagierte. Sandra Pires etwa begeisterte im Gegenwartssektor des Programms mit einer Interpretation von Mariah Careys & Walter Afanasieffs »Miss you most (at Christmas Time)« die Zuschauer, bei »The Twelve Days of Christmas« rackerte sie sich ab wie wild, um das Publikum zum Mitsingen zu animieren, der Direktor selbst gab sein Bestes, um bei der neuen deutschen Version, die davon erzählt, was man an den zwölf Weihnachtstagen so alles isst, das auf die Taille schlägt, seinen Einsatz nicht zu verpassen und brüllte »Essiggurkerl« von seiner Loge auf die Bühne. Nachmittags war der Song ein Spaß auch für die vielen Kinder im Saal, am Abend für alle Junggebliebenen. Natürlich nicht für alle, denn es gibt auch jene Teile des Publikums, die es doch lieber unverstärkt haben. »Mikrophonstimmen«? Och nee! Das geht so weit, dass man den Applaus verweigerte – aber wurscht, das machte der Enthusiasmus vieler anderer wett. Dass »verstärkte Musicals« nach wie vor für einige gar nicht gehen, zeigt auch eine Kritik zur jüngsten Musicalproduktion (»Die spinnen, die Römer!«) der Wiener Volksoper. Schreibt doch der Rezensent des »Neuen Merker«: »Es fällt übrigens schwer, über Gesangsleistungen zu urteilen, weil alle Auftretenden leider mit Mikrophon arbeiteten.« Das freilich bleibt dahingestellt und ist längst nicht gängige Meinung. Was man jedenfalls sagen kann: Der Ton war gut ausbalanciert, sowohl bei den »(Hand-)Mikro«-Sängern als auch bei allen anderen.
Christoph Wagner-Trenkwitz gab an diesem Abend den Vorleser: »Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann« von Janina David und »Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün« von Salomo Friedlaender, sehr amüsant vorgetragen und auch passend zur Stimmung des Abends, der als Plädoyer für die Weihnachtszeit gelten kann. Weihnachten, gar einmal pro Monat?
»Es ist ein Mangel an künstlerischer Kraft. Müsst ihr immer erst ins Theater gehen, Leute, oder auf Traum und Fastnacht, auf Rausch und Irrsinn warten, ehe ihr so kühn werdet, die Natur zu dirigieren? Ist nicht Weihnachten ein so schönes, erquickliches Fest, dass man es mindestens einmal in jedem Monat feiern sollte? Glaubt mir altem, ausgedienten Manne!«
Damit schleuderte er Konfetti und künstlichen Schnee auf die Straße, und in einem Nu steckte er das kindliche Volk mit seiner Begeisterung an. Die allezeit zu Scherz, Fest und Freude aufgelegte Jugend riss die Eltern mit sich fort. Alle Gärtnerläden wurden geplündert. Bald flammten Lichtbäume an allen Fenstern; man sang heilige Lieder. Der kleine Ort war die ganze Nacht hindurch voller Fröhlichkeit. »Es ist der schönste Erfolg, den jemals ein Schauspieler errungen hat!«, seufzte Nesselgrün. [Salomo Friedlaender]
Der junge Benedikt Vogt aus dem Kinderchor der Wiener Volksoper hatte bei »Adeste Fidelis« sein großes Solo, und gemeinsam mit dem Kinderchor gab der Tenor Otoniel Gonzaga – natürlich unverstärkt – ein beeindruckendes »O Holy Night«. Auch eine Vorschau auf die nächste »Musical«-produktion der Wiener Volksoper wurde geboten: Eine konzertante Version von Leonard Bernsteins »Candide« wird es werden.
So feiert man Weihnachten stimmungsvoll und angemessen in der Vorweihnachtszeit!
Chor der Volksoper Wien, Einstudierung: Thomas Böttcher, Michael Tomaschek
Kinderchor der Volksoper Wien, Einstudierung: Lucio Golino, Leitung Kinderchor: Brigitte Lehr
Mitglieder des Wiener Staatsballetts: Gala Jovanovic, Ekaterina Fitzka, Elena Li, Natalie Salazar, Josefine Tyler, Veronika Henschovà¡, Oleksandr Maslyannikov
Orchester der Volksoper Wien
Dirigent: Michael Tomaschek
Klavier: Eric Machanic
Moderation: Helene Sommer
Abendspielleitung: Angela Schweiger
Inspizienz: Elisabeth Schubert, Franziska Blauensteiner
Musikalische Studienleitung: Gerrit Prießnitz
Technische Gesamtleitung: Friedemann Klappert
Technische Einrichtung: Andreas Tuschl
Beleuchtung: Wolfgang Könnyü
Tontechnik und Multimedia: Martin Lukesch
Leitung Kostümabteilung: Doris Engl
Leitung Maske: Peter Köfler
Martin Bruny am Donnerstag, den
15. Dezember 2011 um 04:44 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Der Musicaldarsteller Andreas Bieber lud am 12. Dezember 2011 ins Wiener Theater Akzent zur Weihnachtsshow »Alle Jahre Bieber«. Er startete in den Abend mit dem flotten Medley »Alle Jahre wieder« (bzw. Bieber)/»Rockin’ around the Christmas tree«, um dann seinem Publikum zu erklären:
»Als der Andreas Luketa, mein Produzent und Veranstalter, mit der Idee vom Weihnachtsprogramm auf mich zukam, hab ich zuerst mal gesagt: Hm, äääh, ich mag es nicht so, wenn Anfang, Mitte Dezember so’n ganzer Abend nur Weihnachtslieder genudelt wird, weil da hat man gar keinen Spaß mehr, wenn dann der Baum wirklich aufgebaut ist zuhause, weil überall blitzt’s und funkelt’s und man hört diese »Jingle-Bell-Glocken« und alles mögliche dauernd den ganzen Tag rauf und runter, und eigentlich hat man dann zuhause, da wo’s Spaß machen soll, überhaupt keinen Bock mehr. Und wenn, hab ich gesagt, dann würd ich das Ganze gern ein bisschen vorweihnachtlich machen, das heißt so ne Mischung aus ein paar Glitzerpaketen, aber auch ein paar ganz banale Geschichten, auch so vergangene Geschichten, die ich verzapft hab.«
Ich muss gestehen, ich verstehe die Logik hinter dieser Argumentation nicht. Andreas Bieber mag keine Weihnachtskonzerte Mitte Dezember, soweit so gut, das ist ja seine Privatsache, und jeder kennt sicher genügend Weihnachtsstimmungsverweigerer, für die Weihnachten am Heiligen Abend erledigt wird, und das war’s dann. Kein Problem. Er macht nun aber doch ein Weihnachtskonzert, das auch als solches etwa noch vor Beginn des Konzerts per Ansage so angekündigt wurde:
»Wir wünschen Ihnen besinnliche, weihnachtliche Stunden mit Andreas Bieber.«
Stellt sich die Frage: Für wen hat Andreas Bieber »Alle Jahre Bieber« wohl gemacht? Wer wird wohl in seine Show gekommen sein? Leute, die Weihnachtskonzerte nicht mögen, lauter Masochisten also, die Weihnachtsshows hassen und deswegen in Biebers Weihnachtsshow gehen? Oder nicht doch Zuschauer, die gerne Weihnachtslieder hören und sich genau das von der Show erwartet hatten? Es ist ja nicht so, dass das Genre der Weihnachtslieder auf das beschränkt ist, was Andreas Bieber an diesem Abend dann doch geboten hat. Würde er sich mit dem Genre etwas näher beschäftigt haben, vielleicht hätte er dann eine andere Meinung davon. Es ist letztlich nichts anderes als Etikettenschwindel, eine in gewissem Sinne »Best of …«-Show im Weihnachtsmantel zu servieren. Nett verpackt, aber der Inhalt passt nicht wirklich. Derzeit scheint das in Mode zu sein. Warum nicht einfach bei der Wahrheit bleiben und das »Best of …«-Programm spielen und vor allem auch so ankündigen, die Bieber-Fans wären dennoch gekommen, und Leute, die sehr wohl in der Weihnachtszeit, die nun wahrhaftig nicht auf den 24. Dezember beschränkt ist, sondern mit diesem Tag für den einen oder anderen ihr abruptes Ende findet, sehr gern Weihnachtsshows besuchen, hätten sich das Ganze eventuell erspart.
In seiner Show erwies sich Andreas Bieber als stets humorvoller Moderator, in seinen Interpretationen war er das eine oder andere Mal extrem schluchzig und bisweilen zu hundert Prozent eher unangenehm im Schlagersumpf, sogar einen Klassiker wie »White Christmas« eierte er eher runter, als dass er ihn interpretiert hätte. Der Sound war jenseits von Gut und Böse, Biebers Gesang wurde in eine fluffige Hall-Wolke gehüllt, man hätte glauben können, einer Messe in einer Kirche beizuwohnen. Wenn es ihm geholfen haben sollte, seine angeschlagene Stimme zu schonen1, okay, insgesamt jedoch ist eine derartige Camouflage grenzwertig.
Die Band war lasch, kaum je hat man einen Schlagzeuger so verzweifelt auf der Suche nach dem gesehen, was von ihm verlangt war. Wenig Power, zu wenig Einsatz, extrem störend etwa beim an diesem Abend von Bieber und seiner Band verschleppten »Als die Liebe entstand« (»Hedwig & the Angry Inch«), am Klavier mehr relaxtes Bargeklimper als Emotion und Gefühl. Besonders zu spüren bei Carin Filipcics Version von Amy Grants »Breath of heaven«, einem der großen Songs amerikanischer christlicher Musik, ein Weihnachtslied, das normalerweise geradezu hypnotische Wirkung hat – im Arrangement bei »Alle Jahre Bieber« verklimpert und pseudoverjazzt, geradezu zerstört.
Sicher, »Alle Jahre Bieber« ist keine Show, für die man sich drei Wochen Zeit nehmen kann, um alles perfekt einzustudieren, aber ab und an hatte man den Eindruck, die Musiker hätten die Noten während der Show zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, und selbst dann … einen Song wie »Wenn ich dein Spiegel wär« dermaßen zu dekonstruieren auf der Suche nach dem richtigen Takt – bemerkenswert.
Gleich zwei Songs lieferte Bieber aus der Revue »Ich war noch niemals in New York« ab, einer davon »Griechischer Wein«. In der hanebüchenen Einleitung meinte Bieber, das sei ja ein Duett, aber sein Veranstalter Andreas Luketa hätte gemeint:
»Sing’s einfach, die gröhlen eh schon mit.«
Bezeichnend, diese Aussage, und so treffend, denn genau das ist es, was man mit einer Tradition von Shows wie »Ich war noch niemals in New York« letztlich erreicht: Dummes Mitgröhlen wie in einer Dorfdisco oder im Bierzelt bei den Oberdeppendorfer Alpenjodlern. Als Überraschungsgast bei »Griechischer Wein« kam Drew Sarich auf die Bühne und, wie schön, der Song, der nur in der jenseitigen Revue »Ich war noch niemals in New York« als Duett konzipiert ist, wurde auch bei »Alle Jahre Bieber« zum Duett – und tatsächlich, das Publikum gröhlte, klatschte mit und kreischte außer Rand und Band wie bei einem Strip der Chippendales, als Sarich auf der Bühne erschien und sich dem Schlager ergab. Manchmal kann »Musical« so abstoßend sein.
Mit seinen Gästen hätte Andreas Bieber natürlich auch über Weihnachten reden können. Weihnachtsshow – Weihnachten, wäre ja nur logisch gewesen. Hat er aber nicht. Lustig war es auch so. Als Caroline Vasicek beispielsweise Bieber gestand, in Zeiten, als die beiden »Grease« gespielt hatten, in ihn »ein bisschen verliebt gewesen zu sein« meinte Bieber: »Oh mein Gott, dann hätte ich heute zwei Kinder mit dir.« Vasicek ganz leise darauf: »Das glaub ich aber nicht.«
Ich mag ja den Biebs. – Biebs. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, die Anspielung auf Justin Bieber kam von Andreas Bieber selbst, und mehr als den Nachnamen haben die beiden nicht gemein, bis vielleicht auf eine bestimmte Sorte von Fans, die auch bei »Alle Jahre Bieber« reichlich vertreten war. Sie kreischen, wenn sie applaudieren könnten, und gröhlen, wenn Herr Bieber in einem neuen Outfit die Bühne betritt. Obwohl, einen Punkt gibt es da noch, der Justin und Andreas verbindet: Weihnachten. Beide machen mit Weihnachten ihr Geschäft, Justin Bieber hat mit »Under the Mistletoe« eine höchst erfolgreiche Weihnachts-CDs veröffentlicht, er tritt mit seinen Weihnachtsliedern, die er zum Teil selbst geschrieben hat, in den bekanntesten amerikanischen Talkshows auf und ist am 16. Dezember im TV-Special »Christmas at the White House« zu sehen – und Andreas Bieber macht auch mit Weihnachten sein Geschäft. Vielleicht ja nächstes Jahr mit mehr Gefühl für Weihnachten – und für alle, die die Weihnachtszeit lieben.
Setlist
- Alle Jahre wieder (Friedrich Silcher)/Rockin’ around the Christmas tree (Johnny Marks)
- »Alles, was gut tut« (»Ich war noch niemals in New York«/Michael Kunze/ Udo Jürgens)
- »Ich wollte nie erwachsen sein« (»Tabaluga & Lili«/Rolf Zuckowski/ Peter Maffay)
- Medley aus »Das Feuerwerk« (Paul Burkhard/ Erik Charell, Jürg Amstein und Robert Gilbert): »Ich sag’s durch die Blume«/»O mein Papa«
- »Perhaps love« (John Denver) Caroline Vasicek & Andreas Bieber
- »Ode an den Mond« (»Rusalka«/Antonin Dvorak/Jaroslav Kvapil) Caroline Vasicek
- Medley:
»Silver Bells« (Jay Livingston/Ray Evans)
»Kling Glöckchen Kling« (Karl Enslin)
»Sleigh Ride« (Leroy Anderson/Mitchell Parish)
- »Rudolph, the Red-Nosed Reindeer« (Gene Autry/engl./dt.)
- »Wenn ich dein Spiegel wär« (»Elisabeth«/Michael Kunze/Sylvester Levay)
- »Griechischer Wein« (»Ich war noch niemals in New York«/Udo Jürgens/Michael Kunze) Drew Sarich & Andreas Bieber
- »Isolation street« (Drew Sarich) Drew Sarich
- »Winterszeit in Wien« (Hape Kerkeling) Drew Sarich & Andres Bieber
- »Heidschi, bumbeidschi« (Trad.) Drew Sarich, Caroline Vasicek & Andreas Bieber
Bieber zu Beginn der Show zu seinem angeschlagenen gesundheitlichen Zustand: »Es soll ein gemütlicher Abend werden, auch besinnlich, aber gar nicht mal zu besinnlich, wobei ich mich ein bisschen besinnen muss, denn bei aller Gemütlichkeit, bei aller Entspanntheit muss ich sagen, es geht doch in mir ein bisschen rund. Ich mag solche Ansagen am Anfang nicht ganz, aber gestern Abend war ich noch im Spital, weil meine Stimme weg war, nachdem ich zehn Tage krank bin, und hab mir dann mal etwas geben lassen, was nicht unbedingt so von Vorteil ist, aber die Stimme zumindest auf Vordermann bringt, damit ich hier sein kann. Es hätte mir leid getan, den Abend nicht zu machen, zumal ja ganz viele Leute auch nicht unbedingt nur aus Wien gekommen sind. Sondern vor zwei Tagen war ein Mädl am Bühneneingang, die kam so aus Korea, und spätestens da hab ich mir gedacht: Also wenn das nicht hält, musst du zum Arzt und dir unbedingt etwas geben lasen, dass du jetzt mal zuerst über die Runden kommst. Ich warne euch nur: Jeder Ton könnte der letzte sein. Aber dann könnt ihr wenigstens erzählen, ihr wart live dabei, als er Bieber abgekackt ist (…) [↩]
Martin Bruny am Montag, den
12. Dezember 2011 um 18:09 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
In der Stadtgalerie in Mödling gingen am 10. Dezember 2011 zwei stimmungsvolle Konzerte (nachmittags und abends) von Maya Hakvoort und Missy May über die Bühne. Zugunsten der Make-a-wish-Foundation sangen die beiden Weihnachtslieder, begleitet von Aaron Wonesch am Klavier.
Einen Wunsch galt es zu erfüllen, der kleine schwerkranke Philipp möchte gerne den Formel-1-Star Sebastian Vettel treffen. Die Einnahmen aus den beiden Konzerten an jenem Tag machen das möglich.
Maya Hakvoort:
»Nachdem die Engel erfolgreich unterwegs waren … und wir Philipp seinen Wunsch, den Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel zu treffen, erfüllen konnten .. Es hat mir einen Riesenspaß gemacht, als Engel zusammen mit Missy durchs Leben zu gehen … ja, mir sind Flügel gewachsen … Ich danke ALLEN ganz herzlich fürs Kommen!! Durch euch haben wir diesen Wunsch erfüllen können … und ich hoffe, wir sehen uns alle ganz bald irgendwo mal wieder!! … alles Liebe eure Maya.«
Missy May:
»… dankt allen von ganzem Herzen, die gestern beim Make-a-wish-Konzert von Maya Hakvoort und mir dabei waren!!!! Durch euch konnten wir einem kleinen schwerkranken Buben seinen Herzenswunsch erfüllen!!!! DAS ist Weihnachten!!!DANKE!«
Ein kleines, aber feines Event war es, mit Klassikern quer durch die Weihnachtsliedersammlung der Welt, Bekanntes und weniger Bekanntes, wie Weihnachtssongs von Papermoon (»On the day before Christmas«) und Roger Cicero (»Bin heute Abend bei dir«), in fast familiärer, lockerer Atmosphäre, nachmittags mit vielen Kindern unter den Konzertbesuchern. Vermutlich war es das Weihnachtskonzert schlechthin in dieser Saison, in der es so viele Shows gibt, die zwar »XMAS« beziehungsweise »Christmas« im Titel, aber nicht oder nur bedingt am Programm haben.
Zum Teil unterhaltsam improvisiert, aber doch wohl durchdacht, Missy May mit einer grandiosen Version von David Fosters »Grown-Up Christmas List«, Maya Hakvoort mit wunderbaren holländischen Versionen von bekannten Weihnachtshits, »Greensleeves« mit weihnachtlichem Text und einem fantastischen »Ich gehör nur mir« als Zugabe – zwar nicht wirklich ein Weihnachtslied, aber für die Fans kann man da schon mal ’ne Ausnahme machen.
Jede Menge Fotos vom Konzert am Nachmittag gibt es –> hier.
Setlist
01 »Santa Claus is coming to town«
(John Frederick Coots/Haven Gillespie) – Maya Hakvoort & Missy May
02 »Bin heute Abend bei dir«
(Roger Cicero) – Maya Hakvoort
03 »Grown-Up Christmas List«
(David Foster/Linda Thompson-Jenner) – Missy May
04 »Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow!”
(Sammy Cahn/Jule Styne) – Maya Hakvoort & Missy May
05 »Who would imagine a King«
(Mervyn Warren/Hallerin Hilton Hill) – Maya Hakvoort
06 »Winter Wonderland«
(Felix Bernard/Richard B. Smith) – Maya Hakvoort & Missy May
07 »Greensleeves«
(Trad./dt.) – Maya Hakvoort
08 »(They long to be) Close to you«
(Burt Bacharach/Hal David) – Missy May
09 »Rudolph, the Red-Nosed Reindeer«
(Gene Autry) – Maya Hakvoort & Missy May
10 Medley:
»Leise rieselt der Schnee« (Eduard Ebel) – Missy May
»Kling, Glöckchen, klingelingeling« (Karl Enslin) - Maya Hakvoort
»Oh Tannabaum« (Melchior Franck/dt./holl.) – Maya Hakvoort & Missy May
»Jingle bells« (James Lord Pierpont) – Maya Hakvoort & Missy May
11 »On the day before Christmas«
(Christof Straub) – Maya Hakvoort & Missy May
12 Medley:
»We wish you a Merry Christmas« (Trad.) – Maya Hakvoort & Missy May
»Stille Nacht, heilige Nacht« (Franz Xaver Gruber/Joseph Mohr/dt./holl.) – Maya Hakvoort & Missy May
»Silver Bells« (Jay Livingston/Ray Evans) – Maya Hakvoort & Missy May
»It’s the most wonderful time of the Year« – Maya Hakvoort & Missy May
13 »You’ve got a friend«
(Carole King) – Maya Hakvoort & Missy May
14 »Ich gehör nur mir«
(Sylvester Levay/Michael Kunze) – Maya Hakvoort
Martin Bruny am Montag, den
12. Dezember 2011 um 14:33 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
»Viel Lärm um nichts« – den Klassiker von William Shakespeare konnte man schon in den unterschiedlichsten Versionen auf deutschsprachigen Bühnen und im Kino erleben, von klassischen Inszenierungen und/oder opulenten Versionen bis zum dekonstruierten Regietheater. Man kann aus dem Stück fast alles machen, wie auch die Salzburger Festspiele einmal bewiesen haben, die den Schluss der Komödie nicht als Doppelhochzeit in Szene setzten, sondern am Ende zwei Frauen präsentierten, die ihre Männer verloren hatten.
Im Wiener Schuberttheater wurde Shakespeares Stück (Premiere war am 10. November 2011) auf einigen Ebenen in die Gegenwart transferiert. Man hört Musik per iPod, tippt auf Notebooks, per Videoeinspielung klinkt sich Don Pedro, der CEO von Aragon Corporations, ins Geschehen ein. Die Protagonisten sind alle in den Firmen Aragon Corporations beziehungsweise Messina Incorporations verankert. Der Switch von einer klassisch gehaltenen Inszenierung auf die aktualisierte Version findet auch gleich demonstrativ in den ersten Sekunden der Aufführung, quasi als Statement, statt. Leonato, CEO von Messino Incorporations, klickt auf seiner Stereoanlage per Fernbedienung vom gerade gespielten »Sigh no more, Ladies« (ein Track aus dem Soundtrack der »Viel Lärm um nichts«-Verfilmung von Kenneth Brannagh aus dem Jahre 1993) auf »Red Flag« von Billy Talent um – BAMM – vom Seufzer zum harten Rock. Damit ist das Schwülstige aus dem Stück mal draußen.
Die nächste Reduktion, die Jasmin Sarah Zamani (Regie/Text) durchgeführt hat, betrifft das Personal des Stücks. 16 Personen beziehungsweise mehr, je nachdem wieviele Wachen, Boten, Gefolge man sich leisten mag – das geht auch mit weniger. In der Version des Schuberttheaters haben wir 6 Personen auf der Bühne und eine, die mittels eingespielter Videosequenzen mit einbezogen wird. Nicht nur die Kürzung des Personeninventars bedingt eine Streichung jeder Menge Text, und vielleicht ist die Reduktion des Stücks auf den Kern der Beziehungsgeflechte das Radikalste an dieser aktualisierten Version.
Gestrichen auch jeglicher Pathos. Der Shakespeare’sche Text, der trotz aller Bearbeitung und neuer Passagen doch deutlich vorhanden ist, wird mit großer Spiellust gebracht, mit Nachdruck und Hingabe bisweilen bis fast in die Groteske oder ins große Beziehungsdrama inszeniert, die Charaktere liebevoll mit Spleens, Leben erfüllt vom insgesamt großartig spielenden Ensemble, ohne jetzt jemanden hervorheben zu wollen. Das Stück pendelt vom Liebespärchen Benedikt Padua und Beatrice Disdegno zu Claudio Florentin und Hero Purezza, hin und her, legt in den Konfliktsituationen enorm an Tempo zu, der Soundtrack channelt die Stimmung in die richtigen Bahnen, durch die Videoeinspielungen bricht man ein wenig, was sich an Verstaubtem anlagern hätte können, die Kostüme – ein Lacher für sich, immer an der richtigen Stelle. Es ist eine Freude, eine dermaßen heutige, witzige und stellenweise umwerfend komische Shakespeare-Inszenierung zu erleben.
VIEL LÄRM UM NICHTS
William Shakespeare
Leading Team
Regie/Textfassung: Jasmin Sarah Zamani
Regieassistenz, Inspizienz: Helene Ewert
Kostümassistenz: Iris Otterspeer
Lichtgestaltung: Simon Meusburger
Grafik, Videos: Johannes Hucek
Fotos: Anita Milena Murgu
Besetzung
Benedikt Grawe: Benedikt Padua, CFO von Aragon Corporations
Christoph Hackenberg: Leonato Gouverneur, CEO von Messino Inc.
Christian Kohlhofer: Claudio Forentin Graf, Managing Director BU Italy bei Aragon Corporations
Lena Sophie Lehmann: Dona Joanna, Don Pedros Halbschwester und Managing Director bei Aragon Corporations
Manuela Linshalm: Beatrice Disdegno, Leonatos Cousine und CFO von Messina Inc.
Christopher Ryan: Don Pedro Fürst, CEO von Aragon Corporations
Katharina Vana: Hero Purezza Gouverneur, Leonatos Schwester, Praktikantin der höheren Managementebene
Martin Bruny am Mittwoch, den
5. Oktober 2011 um 00:06 · gespeichert in Theater, 2011
Jason Robert Browns Musical “The Last 5 Years” ist dem am Musicalgenre interessierten Publikum Wiens ein Begriff. Im November 2007 war an der Wiener Kammeroper eine sehr schöne Inszenierung dieser Show zu sehen (Fotos siehe -> hier), mit Caroline Frank und Rob Fowler in den Rollen von Cathy und Jamie.
2011 steht Jason Roberts Browns Musical in einer Produktion des Vienna Theatre Project auf dem Spielplan des Theater Drachengasse. Die umjubelte Premiere vom 4. Oktober 2011 beweist, dass auch abseits des Musicalbustourismus in Zeiten des Vereinigten Stage-Gaga das “echte” Musical in Wien eine Chance hat.
Was macht es schon aus, wenn ein begeistertes, kleines, ambitioniertes und sympathisches Theaterunternehmen keine x-Fanstastmillionen Subventionen pro Jahr bekommt, dafür aber mit Hingabe eine Show auf die Beine stellt, die vielleicht in Kulissen spielt, die keine x-Fantasttausender gekostet haben, aber völlig ihrem Zweck dienlich sind und die Fantasie des Publikums anregen, sie dagegen nicht durch Reizüberflutung zudröhnen. Aber genug der Vergleiche mit dem Musicalplatzhirsch Wiens. Das hat diese Produktion nicht nötig.
Als Jamie auf der Bühne zu sehen: Trevor Jary. Der Engländer schafft es, in dieser Rolle wunderbare echte Emotionen auf die Bühne zu bringen, fantastisch seine Interpretation von “Nobody Needs To Know”. Das sind Momente, die man nicht oft auf einer Bühne erlebt. Und im Theater Drachengasse, wo die Darsteller praktisch im Publikum, umgeben von den Zuschauern agieren, erreicht Jary eine beachtliche Intensität. Großartig auch sein “A Miracle Would Happen” oder sein “Schmuel Song”.
Bettina Bogdany, eine Österreicherin, die an den Performing Arts Studios Vienna studiert hat, begeistert unter anderem mit “Climbing Uphill/Audition”, einer feinen Persiflage auf den Audition-Alltag von Sängern. Sehr glaubhaft und auch nuancenreich stellt sie die Entwicklung der Beziehung der Schauspielerin Cathy zu Jamie, dem Autor, dar.
Gerade bei “The Last 5 Years” ist die Frage, wer am Scheitern der Beziehung des Paars nun eher die Schuld trägt, Jamie oder Cathy, eine, die nach der Show man(n) und frau bisweilen unterschiedlich beantworten. Joanna Godwin-Seidl, die Regisseurin des Stücks, scheint mir hier eine ausgewogene Balance gefunden zu haben, bei der man sich als Zuschauer nicht allzu manipuliert vorkommt. “The Last 5 Years” ist letztendlich die Geschichte eines “gemeinsamen” Scheiterns, oder aber auch eine Geschichte vieler auch großartiger Momente im Leben zweier Menschen, die, zumindest im Zeitrahmen des Musicals, auseinandergehen und auch den Beginn ihrer Romanze erleben. Jedes Ding hat zwei Seiten, und so bekommt manch wunderbarer Moment im Leben eines Menschen, aus einer anderen Perspektive betrachtet, hier etwa im Abstand von Jahren, einen etwas bitteren Touch.
Die raffinierte Struktur des Plots, der aus der Sicht Cathys am Ende der fünfjährigen Liebesgeschichte beginnt und für Jamie am Beginn, setzt Godwin-Seidl gekonnt um. Schön ist der Höhepunkt in der Halbzeit der Show herausgearbeitet, die einzigen Momente, in denen Jamie und Cathy tatsächlich im Raum-Zeit-Gefüge miteinander agieren, sich verloben, küssen, und das einzige Mal tatsächlich miteinander singen.
Sarah Grubinger (Violine), Matthias Bartolomey (Cello) sowie Bernd Leichtfried (Klavier) setzen Jason Robert Browns vielschichtigen Score großartig um, und würde man sich nicht auf die Darsteller konzentrieren wollen, so wäre es auch ein Genuss, Grubinger und Bartolomey einfach beim Spielen zu beobachten, wie sie sich intuitiv musikalisch auf eine Schwingung einpendeln, mit Blicken abstimmen und Momente, in denen sie die Kraft dieser Musik besonders zu spüren scheinen, geradezu ausstrahlen und magische musikalische Momente für Jary und Bogdany in den Saal zaubern.
“The Last 5 Years” ist noch bis zum 15. Oktober 2011 im Theater Drachengasse zu sehen. Ein Besuch lohnt sich.
The Last 5 Years
Stage Director: Joanna Godwin-Seidl
Musical Director/Piano: Bernd Leichtfried
Producer: Sarah K. Hayes
Stage Manager: Barbara Schmauß
Assistant Producer: Ludovico Lucchesi Palli
Cathy: Bettina Bogdany
Jamie: Trevor Jary
Violin: Sarah Grubinger
Cello: Matthias Bartolomey
Martin Bruny am Sonntag, den
26. Juni 2011 um 01:12 · gespeichert in Theater, 2011
Das wars also mit “Tanz der Vampire” in Wien. Am 25. Juni 2011 fiel gegen 22:40 Uhr der letzte Vorhang - nach einer Show, die durchaus sehr gut war, in der es aber, von einigen wenigen Kleinigkeiten und einem doch berührenden Liebesgeständnis, wenig an Abänderungen vom üblichen Dienstplan gab.
Man könnte fast meinen, dass die VBW ihre gesamte Kreativität, was die Gestaltung der Derniere betraf, in die Abwicklung des Verschacherns der Karten investiert haben.
Wir erinnern uns, zuallererst gab es die mega-kreative Idee, für die letzte Vorstellung den doppelten Tarif zu verlangen. Auf was hinauf, würde der typische Wiener jetzt fragen. Auf was hinauf also, wenn man die letzte Vorstellung mehr oder weniger wie jede andere Vorstellung abzuwickeln trachtet. Wos wor dei Leistung, Kathi, würde man auf der Alm fragen, wo man direkt ist. Aber Antwort würde man keine bekommen, denn Kathrin Zechner war an diesem Abend nicht zu sehen, zumindest nicht auf der Bühne, wo die Frau Intendantin sich am Ende der Vorstellung hätte einfinden müssen. Schon um als Hausherrin all die Damen und Herren vorzustellen, die sich da aus den Reihen des Kreativteams verbeugt haben. Aber schmecks, immer mehr kristallisiert sich im Laufe der Intendanz Zechner heraus, dass es eine Intendanz ist, die sich quasi in einem gewissen Gegensatz zu einem Theaterdirektor mit Haut und Haar, Leib und Seele begreift. Wie geht es da an anderen Häusern zu, wo leibhaftiges Theaterblut zu spüren ist, sei es die Josefstadt, das Burgtheater oder die Volksoper. Da “managen” Leute, die nicht nur über Finanzen reden, sondern auch über die Stücke, die sich nicht am “Vielfalts”-Brei ergötzen, sondern auf die Details zu sprechen kommen, die wissen, wie sie ihr Genre oder ihre Genres zu bedienen haben und nicht plötzlich ihren Häusern eine völlig andere Richtung geben, nur weil sie ein Faible für, keine Ahnung, Drehorgelspieler haben. Eine Intendantin gehört am Ende der Derniere, zumal einer Derniere, die ein enormer Publikumserfolg war, auf die Bühne. Da darf sie sich dann bei ihren Schauspielern, ohne die sie nichts wäre, bedanken, bei den Technikern, beim Kreativteam. Nicht, dass Kathrin Zechner das früher nicht gemacht hätte, aber scheinbar ist es ihr wurscht geworden. Sie schickt halt die Leute ohne Vorstellung nach oben.
Aber wir waren bei den kreativen Ideen, die man in die Abwicklung des Verschacherns der Karten investiert hat. Da gab es dann noch diese Liste. Wer die Chance erhalten wollte (die Chance, nicht die Zusicherung auf einen etwaigen Erhalt), ein Ticket zum doppelten Preis erwerben zu “dürfen”, der musste sich auf eine Liste eintragen lassen. Warum? Das weiß niemand. Vielleicht ist es eine Art Listenfetischismus. Man könnte ja auch den Verdacht hegen, dass es eine Art schwarze Liste im Hause VBW gibt. So hört man, dass es nicht erwünscht war, den Ablauf der Derniere durch kleine Späßchen abzuändern. Bei Zuwiderhandlung wäre man vielleicht auf die schwarze Liste gekommen? Nicht, dass es nicht genügend Geschichten von Darstellern gäbe, denen man ziemlich deutlich zu verstehen gab, dass man mit ihnen nichts mehr zu tun haben möchte und sie gar nicht mehr zu Auditions kommen bräuchten. Vielleicht ist das ja am Theater üblich. Man liest in Foren, dass es an kreativen Ideen, die Show zu einem Event zu gestalten, genügend gab. Man hört, es sei eine Art Abschiedslied geplant gewesen, die Planungen hätten einen vielversprechenden Verlauf genommen, bis es ein NOPE aus der Intendanz gegeben haben soll. Es soll Darsteller gegeben haben, die davon erfahren haben und sinngemäß meinten, dass sie sehr enttäuscht wären ob des Umgangs mit der geplanten Abschiedsaktion, dass sie diese sehr gerne erlebt hätten. Und gab es das nicht schon mal, ein Abschiedslied, etwa bei “Romeo & Julia”. Was ist passiert seit der Anfangszeit der Ära Zechner?
Zurück zu den kreativen Ideen. Auf Facebook veranstaltete man einen “Kreativwettbewerb”, bei dem es 3×2 Karten zu gewinnen gab, letztendlich wurden die Tickets einfach verlost. Die Halbwertszeit der Hingabe an die Entwicklung von Kreativität schien da schon merklich abzunehmen. Kritik auf Facebook wird freilich praktisch nicht kommentiert. Womit wir auf die Social-Media-Kompetenz der Intendanz Zechner eingehen müssten. Ist doch die Ära des Social Networkings eine, die ein Unternehmen so wunderbar zur Kundenbindung nützen könnte, wenn sie nur wüsste, wie man das macht. Eine Regel lautet, liebe VBW, dass Kritik, die öffentlich in einem Social-Media-Network geäußert wird, nicht unkommentiert stehen bleiben sollte. Indem man reagiert, zeigt man, dass man sich kümmert. Das sieht dann nicht nur derjenige, der kritisiert hat, sondern das sehen auch alle anderen. Durch eine positive Reaktion auf Kritik kann man so den Ruf des eigenen Unternehmens stützen. Aber wozu darüber lang und breit reden. Das haben ja die Mitarbeiter ohnedies im Einführungskurs gelernt, so es einen gegeben hat. Ach ja, und umsetzen müsste man das Gelernte dann noch.
Worum geht es bei einer Derniere eigentlich, wenn man es mit einem Wort ausdrücken wollte? Abschied? Nicht wirklich, es geht um Emotion. Auf der einen Seite Emotion doppelt so teuer zu verkaufen wie eine “normale” Vorstellung und dann in einem Nachschlag alles nur mögliche zu veranlassen, um aufkommende Emotion zu unterbinden, das ist schon fast - ein bisschen - pervers und man möchte sagen, fies. Wie auch immer, die emotionalsten Passagen der Show kamen von Lukas Perman und Marjan Shaki. Marjan Shaki war sichtlich an der Kippe große Teile der Show über, aber immer Profi genug, um souverän zu spielen und im richtigen Moment, beim “Gebet” etwa, dem Ganzen etwas freien Lauf zu lassen, und Lukas Perman änderte zwar nicht viel an seiner Rolle um, aber er nützte sein Sololied “Für Sarah”, um Marjan Shaki ein Liebesgeständnis auf offener Bühne zu machen, und so lautete die Schlusszeile seines Lieds: “Alles, alles will ich tun, weil ich dich liebe, Marjan”. Vielleicht wars ja von oberster Stelle “genehmigt”, man wird es nie erfahren, aber es ist - in diesem Fall uns - wurscht, denn es war ein guter Moment, für die Ewigkeit sozusagen.
Was wird denn nun der letzte bleibende Eindruck der Derniere sein? In meinem Fall, wie könnte es anders sein bei meinem Glück, zwei keifende Billeteurinnnen bei der Bühne. Statt sich freundlich von den Zuschauern zu verabschieden und ihnen, als Vertreter des Hauses, einen schönen Abend zu wünschen, nein, sie müssen sich nicht gleich auch noch freuen, mich im Herbst etwa bei einer neuen Produktion wieder begrüßen zu dürfen, stritten sie miteinander wegen einer “Stoppuhr”. Irgendjemand hat vergessen, eine Stoppuhr einzuschalten. Außer Band und Rand schien die gestrenge Oberbilleteurin zu sein. Was war da bloß geschehen? Hat man etwa vergessen, zu stoppen, wie lange der Schlussapplaus dauerte? Es waren um die 15 Minuten, es gab keine Zugabe, aber wenigstens etliche Verbeugungen. Aber vielleicht wars ja auch etwas ganz anderes. Es wird hoffentlich niemandem schlaflose Nächte bescheren.
“Tanz der Vampire”, das war einmal ein klein wirkendes Musicalbäumchen in der Wiener Musicallandschaft. Jetzt am Ende war es das einzige starke Bäumchen in einem verdorrten Garten, den man offensichtlich nicht pflegt. Änderung wäre angesagt. Hoffen wird man ja noch dürfen!
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PS: Ein kleines Video, das Teile des Publikums beim Singen des geplanten kurzen Abschiedslieds zeigt, ist online gegangen. Gesungen wurde nach der Vorstellung in der Seitengasse des Etablissement Ronacher, hinauf zu den Fenstern - und vorm Bühnentürl, unter anderem für Drew Sarich.
Wenn man die Leute aus dem Theater jagt, singen sie eben auf der Straße. Ich kann mich an Zeiten erinnern, als man die Leute noch in die Theater holen wollte.
Weitere Aufnahmen gibts:
–> hier
–> hier
–> hier
–> hier
Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp an die VBW: So hätte es auch ablaufen können: siehe –> hier.
Martin Bruny am Sonntag, den
22. Mai 2011 um 13:09 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2011
Da ist sie wieder, die Zeit des Theatersommers, der Festspielzeit, die Zeit, in der man an Wiens Theatern glaubt, die Läden dichtmachen zu müssen, weil die Wiener ja allesamt ans Meer fahren und gar keiner an die Kultur denkt. Beziehungsweise die Zeit, in der Theater ihre Mitarbeiter nötigen, ihre Urlaubsansprüche aufzubrauchen, weil man nicht überlegt hat, das Ganze anders zu managen.
So fahren die Wiener halt - die, die Theater auch bei 40 Grad brauchen - aufs Land, in Burgen, an Seen, an Tümpel, Ruinen, in klimatisierte Tennishallen … Kultur anschaun. Viele davon nach Niederösterreich, weils halt so nah ist.
Und unter dem Label “Niederöstereichischer Theatersommer” hat sich eine Vielzahl dieser Burgen, Seen, Hallen, Wirtshäuser und Hauptplätze bespielenden Veranstalter zusammengefunden, um gemeinsam stark zu sein. Manchmal hat man dann in der Hitze des Gefechts im Sommer zwar den Eindruck, dass manche der Intendanten eher Mitglieder der legendären Lord Jim Loge sind, die als Motto “Keiner hilft keinem” ausgegeben hatte, da wird miteinander gestritten, geätzt und ausgerichtet, aber was solls, das is eben ein Teil des Theaterdonners oder -sommers, den man sich Jahr für Jahr geben kann.
2011 kann man den Niederösterreichischen Theatersommer in eingedampfter Fassung ohne Probleme auch in Wien erleben, das Wiener Kabarett Simpl hat noch bis Juli die Produktion “Niederösterreichischer Theatersommer* - alle Stücke an einem Abend! *unter besonderer Berücksichtigung des Burgenlandes” auf dem Programm.
“Warum solls nur in Wien großes Theater geben? Auch die Niederösterreicher haben ein Recht auf Kultur. Auch sie wollen überhöhte Eintrittsgelder zahlen. Auch sie wollen nach einer misslungenen Inszenierung verstört das Theater verlassen. Oder im 2. Akt eines Klassikers gelangweilt einschlafen …”, so beginnt der Übervater Niederösterreichs, der in dieser Produktion nur mehr Gottvater höchstpersönlich verantwortlich ist und über alles wacht und entscheidet, die Show zu den Klängen von Sylvester Levays “Elisabeth”-Intro. Alles, was er will, ist Gottes Segen zum Theaterfestival der Niederösterreicher. Dafür ist er zu allem bereit.
Eine scharfe Revue hat man nicht wirklich auf die Beine gestellt, im Simpl, scharf in dem Sinn, dass man befürchten müsste, die Parodierten könnten sich auf den Schlips getreten fühlen. Gezwickt wird ein bisserl, und ein bisserl mehr hätt’s schon sein dürfen. So ist es ein kleines Panorama der Merkwürdigkeiten, das Susanna Hirschler, Ariane Swoboda, Roman Frankl, Otto Jaus, Thomas Smolej und Roman Straka auf die Bühne bringen [Buch: Hannes Muik und Werner Sobotka, Beiträge von Roman Frankl und Fritz Schindlecker].
Schauspiel und Musical, Operette und Oper, jede Form des Theatersommers bekommt ihr Fett weg, manches ist ungemein unterhaltend, manches ein wenig repetitiv. Es mag ja stimmen, dass das Bemerkenswerteste an den Mörbischer Festspielen die Ansprache von Harald Serafin ist, und Roman Frankl vermag ihn gut zu parodieren, aber einen Gag zehn Mal mit kleinen Nuancen zu wiederholen, ist ein Gag, der acht Mal zu viel wiederholt wurde. Da muss es doch ein bißchen mehr geben, allein, wenn man Serafin Junior nur mit einbezogen hätte, das wäre dann eine richtige Lachnummer geworden, allemal!
Der Weg, den einige Sketche nehmen, ist durchaus lustig, doch es gibt eine Tradition im Simpl, die Schlusspointen in absolutem Nonsens aufzulösen oder ganz im eher Unlustigen verpuffen zu lassen. So erleben wir in der ersten Nummer eine Familie, die mit ihrer All-Inklusive-Festivalkarte des Niederösterreichischen Sommertheaters nicht und nicht zu einer Eintrittskarte kommt, weil alles schon ausverkauft ist - und am Schluss geht man in den Zoo. Was so witzig ist, in den Zoo zu gehen - irgendwer wird sich was gedacht haben.
Lustig, der Seitenhieb aufs Regietheater, die Verarsche einer Hamlet-Inszenierung als Rap nachgetextet und getanzt. Sehr kurzweilig. Lustige Gags auch, was das Wetter (inkl. Gelsenplage) und das Sommertheater betrifft, ein Thema, das vor allem im Vorjahr dominant war, als praktisch jede Premiere ins Wasser gefallen ist. Da kommt auch viel Wahres ans Licht, zum Beispiel die Taktik vieler Theater, bei Regen und Unwetter möglichst bis zur Pause zu spielen, weil dann erst die Versicherung zahlt und die Zuschauer, wenn man bis zur Pause gespielt hat, keinen einzigen Cent vom bezahlten Eintrittsgeld zurückbekommen.
Im Programm auch diverse Nummern, die mit dem Theatersommer an sich nicht unbedingt etwas zu tun haben. Zuschauer bei einer Opernpremiere, die von nichts eine Ahnung haben und sich aufführen wie Rüpel, das haben wir auch in den Wiener Theatern im Winter. Ein lustiges Reim-Spielchen rund um Product-Placement, nett gemacht, aber nicht wirklich etwas, was zwingend Sommertheater-spezifisch wäre.
In vielen Zügen ist das Simpl-Programm fast eine Huldigung Erwin Prölls. Dass der Landesvati von der Show bei der Premiere, der er natürlich beigewohnt hat, begeistert war, liegt auf der Hand. Großartig von Werner Müller in der Show verkörpert, wird er eher stilisiert als parodiert.
Jedenfalls sehr unterhaltsam: die “Pröll-Version” des Barry-Manilow-Schlagers “One voice”, umgetextet zu “Als Erwin, will ich überall sein” zum Finale des 1. Akts [Musikalische Leitung: Erwin Bader]. Pröll klont sich, damit er auch ja bei allen Festen und Premieren des Festsommers dabei sein, bei allen Wahlen antreten und alle Medien kontrollieren kann.
Schön schrill die Simpl-Version von Chopins Minutenwalzer, in dem eine gepeinigte Sängerin ihr Leid klagt. Sie will interpretieren, muss aber gegen dreiste Aussagen eines Inspizienten kämpfen wie: “Bei uns ist der ÖBB-Fahrplan Theatergesetz” und “Das Einsingen wird überwertet”. Schöne Idee, könnte man natürlich noch ad infinitum ausbauen. Der Kürzungswahn mancher Intendanten, was Stücke betrifft, kennt kein Ende. Oberstes Ziel scheint es oft tatsächlich zu sein, dass die Besucher noch die Chance haben, den letzten Zug nach der Vorstellung zu erwischen. Vielleicht ist ja das der wahre Grund, warum das alljährliche Hallenspektakel in Amstetten heuer ausfallen muss. Vielleicht konnte man kein Stück auftreiben, das kurz genug war, um den Besuchern die Chance zu geben, nach der Show noch den letzten Zug Richtung Wien zu erwischen.
Ganz am Ende der Show gehts dann so richtig ums Musical, und die Satire kommt in Fahrt. Gott meint: “Ich bin nicht sicher, ob ich für sowas meinen Segen geben kann. Viele meiner Schäfchen sehen es als niedere bis gar keine Kulturform an. Ich bekomme täglich hunderte Beschwerde-Stoßgebete, das Musical doch endlich zur Hölle fahren zu lassen - von einem Rumänen, der in Österreich lebt, sich aber Holender nennt. Ich selbst hab vorher nie von ihm gehört. Er sagt, Musical sei keine Kultur …” Echte & scharfe Satire im Finale der Simpl-Show, sehr schön. Da merkt man, wie böse Werner Sobotka sein könnte, wenn er möchte. Amstetten, Staatz und Herr Haider in Stockerau … darüber lässt sich gut lästern. Und so bekommt Landespapa Pröll nur dann den Segen für das NÖ Theaterfestival, wenn er verspricht, sich jedes Jahr die Musicalpremiere in Stockerau anzusehen … Als Abschluss und Krönung folgt eine Alfons-Haider-Parodie, großartig gemacht. Nur leider ist dann die Show auch schon vorbei.
Wenn man sich also was fürs nächste Jahr am Simpl wünschen dürfte, dann wärs eine “Forbidden Musical”-Show ohne Tabus.