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Archiv - Skurriles

Die Sahne machts: Soundtrack von Udo Jürgens-Revue auf Platz 2 in den Austria-Charts

wtf2010.jpgGott steh uns bei! Da schafft es mal nach langer Zeit wieder ein Tonaufnahme einer Showproduktion der Vereinigten Bühnen Wien in die Pop-Charts fast bis ganz nach oben, und worum handelt es sich? Um “Ich war noch niemals in New York”, eine altbachene Revue. SONY Music wird sich jedenfalls freuen, die Udo Jürgens-Fans haben mächtig zugeschlagen. [Austrian Charts]

Tanzen die Vampire oder nicht? Das “pars-pro-toto”-Dilemma

vamperln.jpgEin recht interessanter Kommentar zu einem Beitrag (siehe –> hier) des Kultur-Channels könnte die Frage aufbringen: Ist es legitim, den Titel eines Musicals am Cover einer Cast CD abzukürzen?

Wenn die links stehende Abbildung das finale Cover der (irgendwann) bald erscheinenden Cast CD zur aktuellen Wiener Version von “Tanz der Vampire” sein sollte, dann heißt das Musical, mit dem wir es zu tun haben, eigentlich “Vampire”, und nicht “Tanz der Vampire”. Wenn man nun die Meinung vetritt, naja, der Schriftzug ist doch eindeutig, dann könnte man ja gleich “Vamperl” draufschreiben und als Bonustrack “Draußen ist Freiheit” als Wiener Dialektversion dazustempeln.

Man darf gespannt sein.

“Helden von morgen” - die neue Musik-Castingshow des ORF

hiero.jpgCastingshows sind im Trend, nach wie vor, keine Frage. Man kann Talentwettbewerbe dieser Art perfekt planen, das passiert meistens in England und in den USA bei Formaten wie “Pop Idol” oder “American Idol”, wo Künstler tatsächlich Karrieren aus ihrer Teilnahme an solchen Shows ziehen können.

Oder man macht es wie der ORF. Da scheitert man zuerst schon mal am Titel für eine neue Sendung dieser Art. Im Hause am Küniglberg hat man ein Konzept am Start mit der Bezeichnung “Helden von morgen”. Bitte? Helden? Das Wort “Held” gibt es heutzutage eigentlich nur mehr in Verwendung a) rückblickend auf die Helden der Geschichte, b) für all die liebgewonnenen Superhelden, angefangen von Spider- über Super- bis X-Men und c) abwertend im Dialekt als “Na ihr seids Helden”. Das Wort könnte vielleicht gerade noch in einem Text von Falco vorkommen, als sarkastische Bezeichnung für eine Loser-Generation, aber ernsthaft, HELDEN? Was soll der Gewinn einer solchen Show sein? Der Titel “Held”? Selten so gelacht. Bekommt man dann Superkräfte und darf die neuen U-Bahnlinien eröffnen? Wird man dann so glorios vom ORF unterstützt wie Oliver Wimmer es derzeit wird, der Gewinner der letzten im ORF gelaufenen Pop-Castingshow? Lange nichts von ihm gehört … zum Beispiel im Radio.

Als Mentoren scheinbar fix: Wolferl Ambros und Rainhard Fendrich. Bitte? Was sollen diese Austropopper der 80er Jahre unseren “Helden” des 21. Jahrhunderts beibringen? Wie man es schafft, NICHT mehr vom einzig relevanten Popsender des Landes, Ö3, gespielt zu werden? Was will uns der ORF damit sagen? Dass die beiden jetzt doch wieder gespielt werden (sollten) und man es sich überlegt hat, doch wieder auch österreichische Popmusik zu spielen, mit deutschsprachigen Texten, außer das ewig gleiche Lied von Herbert Grönemeyer im Wecker? Christina Stürmer, die Vera Russwurm des Austropops? Was will man uns damit sagen? Soll sie den Kandidaten beibringen, wie man mit Nonsens-Texten das Publikum zwei Jahre lang an der Nase herumführen kann und dann in der Versenkung verschwindet? Wie man als österreichische Popsängerin seine Sprachfärbung beinhart abschaben muss, damit man, keine Ahnung, wie ein nicht real existenter Deutscher mit Hybridsprachfärbung klingt, einfach dialektlos - stillos?

TV-Media textet in der jüngsten Ausgabe: “Casting-Start” kommende Woche. Na hoffentlich gibt es bis dahin eine kleine Website, damit unsere “Helden von morgen” rechtzeitig erfahren, wo man sich auf ein erstes Plauscherl mit Ambros, Stürmer und Fendrich treffen kann.

Die GEMA will ein Zeichen setzen und schießt sich doch nur ein Eigentor

Lange haben die deutsche Verwertungsgesellschaft GEMA und die Online-Plattform YouTube verhandelt, nun hat man die Verhandlungen abgebrochen. Insgesamt acht Verwertungsgesellschaften wollen insgesamt rund 600 Videos der von ihnen vertretenen Künstler von YouTube löschen lassen.

Fein, nur zu. Da im TV ja ohnedies eine Sendung nach der anderen heute noch Videoclips spielt, macht das ja gar nichts aus. Selbstverständlich “schloss” sich auch die österreichische GEMA “an”, man wolle nicht tatenlos zusehen, wie das Repertoire der Mitglieder illegal zugänglich gemacht werde.

Fein, nur zu, nun sind die paar Videos, die österreichische Sänger und Bands manchmal noch produzieren und für die es beispielsweise im österreichischen Rundfunk nicht eine einzige Sendung mehr gibt, die als Ausstrahlungsplattform zur Verfügung stünde, auch über YouTube nicht mehr zu sehen - in Deutschland, einem Markt, der nicht ganz unwesentlich ist.

Der Effekt solcher Aktionen: Man blendet sich aus der Wahrnehmung aktueller Musikproduktionen aus. YouTube ist ein wesentlicher Faktor für das Marketing jedes Tonträgers, das mag man bei der GEMA erkennen oder nicht. Vielleicht ist die Zeit nicht so fern, da die von der GEMA vertretenen Organisationen froh sein werden, dafür zahlen zu dürfen, dass YouTube ihre Videos online stellt.

Fundstücke und Vorschläge: Abstruses und Kurioses, von Uwe Kröger bis Professor Udo Jürgens

Zuallererst Nachschub für all die treuen Leserinnen aus der Sparte Uwe-Kröger-Maniac: Man kann eine klitzekleine Dosis UK jetzt online sehen. Das Performing Center Austria hat in der Rubrik “Webvideos” den in der ORF-Sendung “Frühlingszeit” gesendeten Beitrag “Audition für die Profiausbildung” online gestellt, und just an dem Tag, als der erste Teil dieser Doku ausgestrahlt wurde, war Uwe Kröger zu Gast. Reinschauen lohnt sich. Zum Video gehts –> hier

iphone.jpgFür alle, die eher als Außenstehende am Phänomen UK interessiert sind, ein Blick in die Merchandising-Ecke seines Managements: In der Annahme, dass der typische Kröger-Fan stylish, iPhoneaffin und betucht ist, gibt es ganz spezielle Devotionalien Marke Fechter:

So zum Beispiel eine iPhone-Hülle um geschenkte 79 Euro oder ein Hoodie um 99 Euro. Super Sache, nur, fehlt da zwischen den Ziffern nicht ein Komma? Und wäre die für Hoodies gebräuchliche alternative Bezeichnung Bunnyhug nicht noch treffender?

hoodie.jpgInteressant ist es ja, dass ausgerechnet Hoodies in den Shop Eingang gefunden haben, in allen Größen, von XS über S, M, L bis zu XL. Wikipedia erklärt das plausibel:

Angela McRobbie, professor of communications at Goldsmiths College in the UK, says the appeal of the hoodie is because of its promise of anonymity, mystery and anxiety. “The point of origin is obviously black American hip-hop culture, now thoroughly mainstream and a key part of the global economy. Leisure and sportswear adopted for everyday wear suggests a distance from the world of office suit or school uniform. Rap culture celebrates defiance, as it narrates the experience of social exclusion. Musically and stylistically, it projects menace and danger as well as anger and rage. The hooded top is one in a long line of garments chosen by young people, usually boys, to which are ascribed meanings suggesting that they are ‘up to no good’.” [Quelle: Wikipedia]

Da hat Herr Fechter also die klassische Zielgruppe im Auge: All die Jungs, die vor den Bühnentürln jeden Abend auf Uwe Kröger warten. Zum Fanshop gehts –> hier

musicalforever2.jpgMittlerweile tröpfeln auch die News in Sachen “Musical Forever 2″ ein. Das Abschiedskonzert für Caspar Richter geht am 27. Juni 2010 über die Bühne des Etablissement Ronacher. Die Bezeichnung “Musical Forever 2″ scheint anzudeuten, dass es sich um eine Fortsetzung der “Musical Forever”-Konzertserie aus dem Jahre 2007 handeln dürfte. Sehen wir uns mal die Liste der Musicals an, aus denen die Produzenten der Show wählen werden:

LES MISERABLES
PHANTOM DER OPER
FREUDIANA
ELISABETH
BEAUTY AND THE BEAST
MOZART!
JEKYLL & HYDE
ROMEO & JULIA
REBECCA
TANZ DER VAMPIRE

JESUS CHRIST SUPERSTAR
THE PRODUCERS
RUDOLF

Zum Vergleich die Auswahlliste von “Musical Forever 1″

LES MISERABLES
PHANTOM DER OPER
FREUDIANA
ELISABETH
BEAUTY AND THE BEAST
MOZART!
JEKYLL & HYDE
ROMEO & JULIA
REBECCA
TANZ DER VAMPIRE

CATS
JOSEPH
BERNSTEIN-Medley
KUSS DER SPINNENFRAU
GREASE
CATCH ME IF YOU CAN
CHICAGO
A CHORUS LINE
POP-Medley

Neu also mit dabei Songs aus “Jesus Christ Superstar”, “The Producers” und “Rudolf”. Kann man nur hoffen, dass es tatsächlich ein “Teil 2″ wird und kein bloßes Remake mit dem Ewiggleichen.

Ein bisschen Abwechslung könnte schon eine pfiffige Sänger- bzw. Liedauswahl bringen. Noch wissen wir nicht, wer in der Show auftreten wird, aber gehen wir mal davon aus, dass wir alles, was derzeit bei den VBW unter Vertrag ist, zur Verfügung haben. Dann wäre es sicher recht interessant, alle drei “Alfreds” aus “Tanz der Vampire” gemeinsam auf der Bühne zu sehen, ebenfalls die drei Grafen, wie sie miteinander oder bisweilen auch gegeneinander singen. Das unkaputtbare “Cats” scheint zwar nicht mehr dabei zu sein, aber wenn einer noch “Mondlicht” singen sollte, dann Lukas Perman, das hätte was. “Die unstillbare Gier” hätte ich gern in einer Version von Alexander Goebel und “Ich gehör nur mir” sollte Drew Sarich bringen. Für die Damen würde sich ähnlich Ungewohntes anbieten.

Scheinbar nicht bei “Musical Forever 2″ dabei: die Evergreens von Professor Udo Jürgens. Wir vergießen eine Runde Tränen, gerade sein “Ich war noch niemals in New York würde doch sicher für eine Bärenstimmung sorgen.
erwarnochiemalsinnewyork.jpg

12 Monate später …

Am 20. April 2009 schrieb DIE PRESSE:

Das Ronacher wurde für 47 Mio. Euro zum zweiten Mal saniert. Es geht trotzdem nicht. Der neue VBW-Geschäftsführer Thomas Drozda, SP-nahe, tüchtig, will sich nicht auf die Wirtschaftskrise ausreden. Das ist löblich.

Das Argument, dass jeden Abend 2000 Plätze zu füllen halt nicht leicht sei, hat Drozda schon als Burgtheater-Geschäftsführer gebracht. Da hatte er aber in Klaus Bachler einen klugen künstlerischen Partner. Der fehlt Drozda jetzt, jedenfalls beim Musical. Dort lebt die Intendantin Kathrin Zechner ihre Ideen von Bildungstheater aus und übersieht, dass Musicals sich heutzutage an TV und Performance anpassen müssen. Die Bildsprache von C.S.I. ist das Vorbild, die Musik sollte z.B. wie Beyoncà© oder Peter Fox klingen. Altmodische, traurige Nummernrevuen sind out, so gut können sie gar nicht gemacht sein. [DIE PRESSE]

12 Monate später haben wir den Salat.

Letztens im Theater –

— eine ehemals spannende Show — etwas belanglos. Routine lässt Theater manchmal langweilig werden. Wenn Gesten wie runtergespult wirken. Man kann sich noch erinnern, wie andere seinerzeit mit letztem Einsatz gespielt haben .. und jetzt so vergleichsweise wenig Einsatz, dafür aber so vergleichsweise viel Unechtes. Da - ein Ausbruch aus der Routine, also der Ton, puh, der war dann doch recht knapp, aber richtig oder falsch gibt es nicht mehr, hat mir wer unlängst gesagt. Alles nach Madonna ist sozusagen richtig, weil die hat ja immer zu tief gesungen und alle anderen haben sich darauf eingestellt. Klingt absurd, doch vielleicht ist es so? Ein kleines Perlchen Speichel am Kinn eines Hauptdarstellers lenkt beim großen Solo ab. Wird er es sich vor dem großen Schlusston noch abwischen? Wenn er zum Bett im Bühnenhintergrund geht und die Gelegenheit hätte, da er doch mit dem Rücken zum Publikum steht; vielleicht hat er es durch die Schminke gar nicht mitbekommen. Aber seine Tiefen kommen jetzt noch schöner, das ist etwas Positives, dafür ist auch er bei “seinem” Lied Routine pur. Die Highlights eines Abends. Ehemals war packende Naturgewalt auf der Bühne, immer mit sich selbst ringend, glühende Augen der Verzweiflung, mit Wucht alle Sinne, den ganzen Körper einsetzend. Jetzt steht da ein perfekt geschminkter Meister Propper, die schwarzen Linien an den Handkanten exakt gleich lang gezeichnet, wie mit einem Lineal gezogen. Das patentierte, geschützte und mit strengem Fotografierverbot belegte Schminkresultat wirkt, und dieser Wirkung ist sich der drahtige Herr auf der Bühne bewusst. Er weiß, dass ihm in seinem Panzer nicht viel passieren kann. Es sind bestimmte mechanische Bewegungen, die er ausführen muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Wenns gut geht. Wenn nicht, dann eben das nächste Mal. Es ist nur eine Vorstellung. Und die Zuschauer heute sind ohnedies nicht gut drauf. Gestern, ja gestern, da haben sie getobt, aber heute. Connection error. Shit happens. Rechts neben mir rauschen die Vampire über die Bühne und durch den Saal ab, am Rand schläft ein Elfjähriger fast ein. Kein Twilight-Effekt. Aber was will man mehr erwarten, hat ihm doch die Mama vor Showbeginn gesagt: “Also die ersten 30 Minuten passiert nichts, gar nichts.” Das Problem in diesem Theater: Wenn man vorne sitzt, hört man gut, aber man sieht zu viel, wenn man hinten sitzt, kann man sich einen Besuch eigentlich ersparen, weil man den Sound wie aus einer zerbeulten Blechdose gequirlt ins Gesicht geworfen bekommt. Also sitzt man vorne, ganz vorne .. und sieht jede aufgesetzte Mimik, dafür riecht man auch den Trockeneisnebel und zumindest hier: ein leichtes Erschauern; war er wirklich kühl oder ist das nur die Vorstellung, dass er kühl gewesen sein müsste. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nicht alles ist aufgesetzt. Aber zu viel. Musical ist Gesang, Tanz und Schauspiel. Manches kommt zu kurz. Manchmal fehlt es gleich an zwei Disziplinen, aber vielleicht alles nur Tagesverfassung. Keine Frage, wenn man das für sich als Scheitern bezeichnen will, dann ist es ein Scheitern auf angemessenem Niveau. Aber bei den Preisen? Am Ende der Show der Lipsyncing-Overkill. Singt da überhaupt jemand live? Ja, Masken, Tanzen und so weiter, alles bekannt, wie soll man bei der Rumhupferei auch noch singen? Bekannt aber auch die Geschichten, beispielsweise der Dialog zweier Amerikaner: “Hör mal, wieviele Leute hast du eben singen gehört? Und wie viele waren auf der Bühne.” So entstehen Gerüchte. Manche meinen gar, Stimmen zu hören, die sie in den 90er Jahren auf der Bühne gehört haben. Aber da habe ich einen Spezialisten an der Hand. Michael Kunze. Er beantwortet auf seiner Website jede Frage, auch wenn sie noch so blöd ist, Und blöd ist meine ja nicht. Die Antwort ist fast wie erwartet ausgefallen, aber immerhin kaum 24 Stunden später online: “Ganz sicher werden in der Wiener Produktion keine Playbacks einer älteren Aufführung verwendet. Es gibt vereinzelt Zuspielungen von Soundelementen, wie das bei allen großen Produktionen üblich und unerlässlich ist. Ansonsten lege ich auf Live-Musik bei meinen Musicals großen Wert. Gerade in Wien, wo das hervorragende Orchester der Vereinigten Bühnen im Orchestergraben sitzt, wäre eine Playbackeinspielung absurd.”
Wie ebenfalls erwartet pflanzen sich am Ende der Show die PlatzanweiserInnen in den GartenzwergenkostümInnen wie Bajonette auf. Man wartet gespannt auf die ersten Bekloppten, die fotografieren wollen. Hat doch der Graf am Beginn der Vorstellung per Tonband extra gesagt, dass Vampire auf Blitzlicht irgendwie reagieren. Vermutlich würden sie alle auf der Bühne verdampfen. Es ist das alte Thema. Also lassen wir das. Sogar darüber zu lästern wird langweilig. Die Einschulung würde mich nur interessieren. Es sind ja taktische Maßnahmen, die ergriffen werden. Dazu zählen: Blenden, Anbrüllen, Drohen. Passt eigentlich alles nicht ins Theater. Schnellen Schrittes mach ich mich mal zum Ausgang, hol mein Handy raus und schalts wieder ein, nicht ohne das prüfende Auge eines Gartenzwergs … im Vorbeigehen zu bemerken. Habe die Ehre, bis zum nächsten Mal.

Nichts mehr im Griff - auf dem sinkenden Schiff?

Anlässlich der Wien-Premiere der Udo-Jürgens-Show “Ich war noch niemals in New York”, die in ebendiesen Minuten im Raimund Theater über die Bühne geht, strahlte der ORF eine altbekannte, aber etwas aufgefrischte Doku über die Erfolgsgeschichte des Musicalgenres in Wien aus. Lustigerweise setzte ja der richtige Musicalboom in Wien natürlich genau in dem Augenblick ein, in dem für die meisten, die sich als die wahren Experten bezeichnen, das Musical zu sterben begann, nämlich mit dem Einzug des Megamusicals in Gestalt der Webberschen Erfolgsshows wie “Cats” oder “Das Phantom der Oper”.

Was wäre das doch für eine wunderbare Musicalwelt gewesen, hätte es diese Webberschen Shows nicht gegeben. Wir hätten sicher 90 Prozent weniger Musicalschulen, aus Holland würden wir nur Käse kennen, und an der Volksoper würde man vielleicht nach wie vor ohne Mikros singen. Fällt uns sonst noch was ein? Naja, man hätte Heinz Sichrovsky, einen der “geliebten” Wiener Theaterkritiker, für die zuerst der Teufel und danach gleich das Musical kommt, in ebendieser alten, etwas aufgefrischten Sendung vielleicht nicht so viel Platz eingeräumt. Wunderbar sind seine Ausführungen ja aber dennoch, wunderbar um ihres skurrilen Moments, wenn er meint:

Ich halte das Musical für eine kurzfristige, lukrative Verirrung der Kulturgeschichte. Sowas wie die Glockenhose oder die Vogelgrippe. Kurze Zeit verdient jemand sehr gut daran, in kurzer Zeit wird’s das nicht mehr geben. Ich glaube, dass in 20 Jahren das Musical als Form gar nicht mehr existieren wird. Ich muss hinzufügen, ich bezweifle, dass es das Musical überhaupt jemals gegeben hat.
“My Fair Lady” ist meines Erachtens die letzte erstklassige Operette, die geschrieben wurde, “West Side Story” ist ein bedeutendes Opernwerk. Es kam dann der Verfall mit Lloyd Webber, der das Ganze zu einer Maschinerie, zu einer Industrie gemacht hat, der auf eine sehr kalte, professionelle Art Gefühle herzustellen versucht hat. Das ist dann wunderbar gegangen eine Zeit lang. Nur – wenn der fünfte, sechste und siebte Lloyd Webber beginnt Gefühle herzustellen, werden die halt nicht mehr professionell und sehr schlecht und sehr maschinell und ein Wegwerfprodukt

Schön ist, dass Herr Sichrovsky offenbar ein begeisterter Belletristik-Fan ist. In einem seiner für NEWS geschriebenen Artikel bezeichnete er das “Libretto” für die Udo-Jürgens-Show “Ich war noch niemals in New York” als “brillant”. Es ist davon auszugehen, dass Heinz Sichrovsky genau in diesen Minuten der optischen, tänzerischen und gesanglichen Umsetzung des “brillanten” Librettos gebannt lauschen wird, und es sei ihm von Herzen gegönnt.

Aber wie ist das nun, hat es tatsächlich nie ein Musical gegeben? Wurde das Publikum etwa betrogen und hinterrücks mit operettenunterspickten Pseudo-Opern zugedröhnt? Interessant ist die Tatsache, dass man in bezug auf “Ich war noch niemals in New York” Aussagen hört wie das sei “broadwayreif”. Hat jemals schon ein Zuschauer nach dem Besuch einer Vorstellung der Wiener Staatsoper Statements abgegeben wie “Das war …reif?” Wie siehts mit Besuchern des Wiener Burgtheaters aus?

Irgendwas läuft da schief im Staate VBW. Aussagen wie “Nichts mehr im Griff - auf dem sinkenden Schiff” auf beliebten Social-Network-Plattformen lassen erahnen, wohin der Weg führt, den die Frau Kapitän der VBW eingeschlagen hat. Am Ende hat Sichrovsky doch noch recht. Unglaublich!

Kritiken
- TT.com: Kitsch-Orgie und Retro-Charme: Udo-Jürgens-Musical in Wien
- Marler Zeitung: Udos Evergreens begeistern Wien
- KURIER: Udo-Jürgens-Musical: Bejubelter Retrokitsch
- Kleine Zeitung: Jubel um “Ich war noch niemals in New York”
- APA.OTS: Musikalische Seereise: Udo Jürgens-Musical im Raimundtheater
- wienweb.at: Jubel um “Ich war noch niemals in New York”
- puls4.com: Premierenfeier von `Ich war noch niemals in New York`
- derStandard.at: Hitfabrik auf dem Musicaldampfer
- Die Presse.com: Mitreißendes Jürgens-Musical
- WienerZeitung.at: Alter Wein in jungen Schläuchen
- Neues Volksblatt: Mit Udo von Hit zu Hit
- Ahlener Zeitung: Udos Evergreens begeistern Wien
- musicalvienna.at: Galapremiere ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK
- Der neue Merker: WIEN / Raimundtheater: ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK (17. März 2010)
- KURIER: Julian Fritz - Für Udo auf die Bühne
- York Blog: Ich War Noch Niemals in New York
- Wien Holding: Eine Kreuzfahrt mit Pfiff
- Salzburger Nachrichten: Eine Telenovela wird durch Hits geadelt

Warum Musical nicht überall funktioniert … Teil 1

Castingshows, und zwar Castingshows, die nicht speziell Musicaltalente suchen, genau diese Formate sind es, die oft den sudden death von singwilligen Staranwärtern bedeuten, wenn sie Lieder aus Musicals interpretieren und das auch noch dazu genau so, wie sie es im Theater machen würden oder aus ihrem “Alltag” auf der Theaterbühne gewohnt sind.

Beispiele gibt es unzählige. Bei “Starmania” sind ausgebildete Musicalsänger der Reihe nach durchgeflogen, weil sie mit der einstudierten Theatralik im falschen Umfeld auftrumpfen wollten. Ein Powersong aus, sagen wir “Jekyll & Hyde”, im schwarzen Unterleiberl, in einem nackten Studio, ohne Orchester, ohne Theateratmosphäre, das war der Untergang für einen recht bekannten Musicalsänger, und zwar erst unlängst in der deutschen Show “Unser Star für Oslo 2010″. Noch ist das File online. Vielleicht nicht schlecht, als Beispiel dafür, wie und was man nicht machen sollte. Zum Video gehts –> hier

Udo Jürgens, das Genie - so wird Promotion unglaubwürdig

Power-Promotion der VBW in den Ösi-Illu-Wäldern. Nicht, dass das nicht zum Geschäft gehören würde, und all die schöne bunte und laute Werbung ist auch wunderbar. Aber der Stil wird schön langsam unerträglich.

NEWS schlagzeilt Herrn Prof. Jürgens zum “Genie” und die Autoren des Artikels, Sichrovsky, Zodl, Strausz, sumpern mit Sätzen wie

21 Lieder des ingeniösen Musikers Udo Jürgens, von Gabriel Barylli zur Handlung geordnet und schon in Hamburg ein Publikumskracher, sollen den Wiener Musical-Konzern aus der Bredouille führen. Nach sang- und klangarmer Absetzung des Rohrkrepieres “Rudolf” im Februar lässt sich der Vorverkuf für das Udo-Jürgens-Musical glänzend an

in die totale Unglaubwürdigkeit. Aber es kommt noch besser, denn Barylli, so NEWS, habe ein “brillantes Libretto” geschrieben. Warten wir doch mal die Kritiken ab, und was Herr Sichrovsky nach der Premiere schreiben wird.

Noch schöner Manfred Krammer in TV-MEDIA. Da lautet zwar die Headline “Udo Jürgens: Sein Wien-Musical kommt den Steuerzahler teuer”, Frau Intendantin Zechner darf aber mitteilen:

Die VBW bespielen in einem Markt von 8 Mio. Einwohnern zwei historische Theater mit etwas über 1000 Sitzplätzen. Stage Entertainment betreibt in Deutschland zehn Theater bei 80 Mio. Einwohnern und 28 Theater weltweit. Im Vergleich ist der kreative Output der VBW höher.

Mitnichten. Korrekt müsste es heißen: Er war höher, denn tatsächlich nähert er sich dem Nullpunkt. Der kreative Output bei den derzeitigen Produktionen “Tanz der Vampire” und “Ich war noch niemals in New York” beschränkt sich bei der Jürgens-Show auf die fabulöse Einwienerisierung, die man ohnedies kaum merkt und die Herr Barylli wohl zwischen Morgenkaffee und Vormittagsjause bewerkstelligt haben dürfte, wenn man es überhaupt gewagt hat, ihn damit zu belästigen.

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